Articles tagged with: Flucht

Kinderglück

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Katleen Vereecken: Alles wird gut, immer, Gerstenberg Verlag 2021€ 14,00

Ein Krieg dauert lang. Er verändert das Leben, bringt Zerstörung und Leid. Doch Kinder suchen immer nach dem Glück. Sie wollen leben. Behutsam erzählt die Auorin aus Sicht von Alice, der Mittleren von fünf Geschwistern, wie der erste Weltkrieg in Ypern einzieht. Mit einer blechernen Weltkugel spielen die Kinder Flucht, sie packen im Geiste ihre Sachen und werfen dann die Kugel, zu ermitteln wohin sie fliehen werden.

Eigenwillige Persönlichkeiten

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Iris Wolff: Unschärfe der Welt, Klett-Cotta Verlag 2020 € 20,00

Ein außergewöhnlicher Roman! Iris Wolff hat eine sehr schön beschreibende Sprache, es entstehen vor dem inneren Auge zarte Bilder und besondere Farben. Dabei ist das Erzählen nie ausufernd, oft sind die Sätze ganz kurz. In sieben Kapiteln erfahren wir viel über vier Generationen einer Familie aus dem Banat. Es sind durchaus eigenwillige Persönlichkeiten, die besondere Wege gehen. Manche Verknüpfungen werden dem Leser erst nach und nach bewusst und so wird er im Verlauf des Buches immer mehr in die Geschichte hieingezogen. Die Familie ist ein zentrales Thema, die Beziehungen der einzelnen miteinander. Freundschaften zwischen Jungen und Älteren, Liebe, und Verlust in unterschiedlichen Zusammenhängen. Das Leben im sozialistischen System Rumäniens, Geheimdienst, Flucht, Emigration. Vielsprachigkeit und Sprachlosigkeit. Es gibt viele Gedanken und Beobachtungen in diesem Buch, die zum eigenen Sinnieren anregen. Als ich auf der letzten Seite war, hätte ich am liebsten gleich noch einmal auf der ersten Seite begonnen, um das Buch mit dem Wissen um den Inhalt nochmals auf mich wirken zu lassen. Friederike Wagner

Der Turm im See

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Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes Verlag € 22,00

Die Geschichte Südtirols über die Zeit vor und während des Faschismus, der Jahre, als Hitler Südtirol als "Operationszone Alpenvorland" erklärte. Die Einberufung der jungen Männer, der Wechsel der Amtssprache - über all dies erzählt Balzano in dieser Familiengeschichte aus Sicht Trinas. Sie wuchs hier auf, wurde Lehrerin, hatte Mann und zwei Kinder. Nachdem ihr Mann für die von ihm gehassten Faschisten kämpfen musste, versteckt er sich mit ihr in den Bergen, um nicht nochmals eingezogen zu werden. Wieder zurück in ihrem Dorf müssen Trina und ihr Mann zusehen, wie ein großes Staudammprojekt droht, ihr Zuhause im Wasser zu versenken. Der Kampf dagegen eint und trennt die Dorfbewohner. Balzano lässt die Leser diese die Existenz bedrohende Situation aus vielen Blickwinkeln nachempfinden und setzt damit dem versunkenen Dorf am Reschenpass ein Denkmal.

Das Leben im Koffer

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Chris Naylor-Ballesteros: Der Koffer, Verlag Fischer Sauerländer 2020 € 14,99

Das einzige, was der Fremde bei sich trägt, ist ein großer Koffer. Darin, so sagt er, sei sein Zuhause. Fuchs, Hase und Vogel beäugen den Fremden ungläubig. Ohne Erlaubnis werden sie seinen Koffer öffnen. Auch wenn sie sich seinen Inhalt ganz anders vorgestellt haben, der Fremde hat nicht gelogen. Das nun folgende schlechte Gewissen über ihre Tat, bringt sie auf eine prima Idee. Kurz, knackig und plakativ wird vieles fühlbar. Flucht und Fremde, Angst und Neugier, sowie die Frage wo Heimat zu finden ist. Durch seine kurzen, spannenden Dialoge eignet sich das Bilderbuch auch wunderbar als Erstlesebuch mit besonderem Gesprächspotential.

Mehr Mitgefühl

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alan Gratz: Vor uns das Meer, Hanser Verlag 2020 € 17.-

1939: Josef ist in Deutschland in eine jüdische Familie hinein geboren, die versucht, nach Kuba zu emmigrieren. Die kubanische Regierung lässt die Menschen nicht an Land. Nach langer Irrfahrt landet das Schiff wieder in Europa. Nur seine kleine Schwester Ruth wird überleben. Ihr werden wir später noch einmal wieder begegnen. 1994: Isabel lebt auf Kuba und flüchtet mit ihrer Familie in einem selbstgebastelten Boot, das der Fahrt kaum standhält, vor dem Castro Regime nach Florida. Ihre Mutter, hochschwanger, wird am Strand ihren Bruder zur Welt bringen. Er hat es als erster geschafft ein Amerikaner zu sein. Der Familie wird die Einbürgerung in die USA gelingen. 2005: Mamouds Haus in Aleppo wird von einer Bombe getroffen. Die Familie versucht ihr Leben zu retten. Sie begibt sich auf die Flucht mit ungewissem Ziel. Vielleicht können Sie es nach Deutschland schaffen? Alan Gratz zeigt: egal woher und wohin oder zu welcher Zeit, die Umstände, Verluste und Hoffnungen Geflüchteter bleiben immer die Gleichen. Seine Heimat verlässt man nur in äußerster Not. Auf der Flucht verliert man alles. Auch geliebte Menschen. Ruth wird Mamoud in Deutschland empfangen und ihm bei seinem Neuanfang helfen. Sie hat die Flucht selbst erlebt. Alan Gratz möchte mit seinem Buch die Leser ergreifen und begreiflich machen. In cineastischer Dramatik schneidet er die drei Schicksale, welche mit historischer Vorlage  romanhaft erzählt werden, gegeneinander. Alan Gratz trägt das Mitgefühl in die Herzen seiner Leser.

Ein lang gehütetes Geheimnis

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Ellen Sandberg: Das Erbe, Pinguin TB 2019 €15,00

München, Nähe Odeonsplatz, Altbau, beste Lage - wer würde nicht gern Alleinerbin des Schwanenhauses werden. Mona jedenfalls ist im ersten Moment überwältigt von dem unerwarteten Erbe der entfernten Großcousine Klara. Der Zeitpunkt des Erbens  könnte kein besserer sein, denn Monas langjähriger Freund und zugleich Chef beendet die Beziehung. Klingt nach schmerzvoller Erfahrung mit Happy End? Die Autorin Ellen Sandberg hat anderes mit dem Leser vor. Nach und nach taucht er zusammen mit Mona in die geheimnisumwitterte Geschichte des Hauses ein. Die wechselnden Erzählstimmen und Zeitebenen sind anfangs gewöhnungsbedürftig, doch die gesamte Konstruktion löst sich am Ende in großen Offenbarungen und Schuldzuweisungen auf.  Einst in jüdischem Besitz, musste das Schwanenhaus auch Gewalt und Verrat durchleiden, genau wie Mona, die am Ende eine überraschende Entscheidung trifft.

Wir nominieren für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021: Kampala-Hamburg

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Jugendjury

Lutz van Dijk: Kampala - Hamburg, Quer Verlag 2020 € 12,00

Jurybegründung: Mit Kampala-Hamburg baut der in Berlin geborene und in Kapstadt (Südafrika) lebende Autor Lutz van Dijk Brücken. Mit Geschick kombiniert er Roman und Wirklichkeit, verknüpft Kontinente und bringt Menschen zueinander. David aus Deutschland und David aus Uganda lernen sich über eine Datingplattform kennen. In Hamburgs Nieselregen und der lärmenden Vielfalt der afrikanischen Großstädte Kampala, Kigali und Lagos zeigt van Dijk die Gegensätzlichkeit ihrer familiären und gesellschaftlichen Lebenssituation als Homosexuelle auf. Beide Erzählstränge verwebt er zu einem gefühlsbetonten wie informativen Dialog. Auf ihrer Suche nach Freunden und zu sich selbst finden die beiden Jungen auch starke Gemeinsamkeiten: ihre Zweifel und den Traum, sich einfach ungestraft verlieben zu dürfen. Wer sich für die aktuellen politischen Ereignisse in Uganda und anderen Teilen der Welt, wo sexuelle Minderheiten verfolgt werden, interessiert, kann Fakten und Hintergründe in Fußnoten und im Anhang nachlesen. Ein gelungenes Buch zum Mitfiebern, das von verschiedenen Seiten für die LGBTQI+ Szene sensibilisiert und für jede*n etwas zu bieten hat. Die Bücherfresser


Hamburg. David befindet sich mitten in der Abiturvorbereitung und die Probleme häufen sich. Er wohnt bei seiner alleinerziehenden Schwester Michelle und ihrem Sohn und arbeitet neben seiner Schulzeit auch noch in einem Lebensmittelladen. Gemeinsam mit Freunden aus der LGBTQ* Community beginnt er, sich für die Situation anderer homosexueller Personen z. B. in Afrika zu interessieren.djlp_jugendjury-nominierung Kampala. David lebt gemeinsam mit seiner Mutter in der Hauptstadt Ugandas. Schon mit 14 wusste er, dass er nicht wie die meisten anderen Jungs auf Frauen steht. Deshalb trifft er sich regelmäßig mit anderen Mitgliedern der Community, die seine Freunde geworden sind. Doch Homosexuelle leben in Uganda gefährlich, bereits mehrere seiner Freunde wurden angegriffen. Davids Mutter drängt ihn zur Flucht, doch auch eine Reise quer durch Afrika ist alles andere als ungefährlich. Lutz van Dijk, der einen Großteil des Jahres selbst in Kapstadt (Südafrika) lebt, nimmt den Leser in diesem Buch mit nach Hamburg und Kampala, zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Städte. Die eindrucksvolle Sprache schafft es, dass man den Nieselregen in Hamburg förmlich spüren und den Lärm von Kampala hören kann. Auch die Verknüpfung der beiden Erzählstränge erfolgt auf ungewöhnliche Art und Weise ab. Sie sind nicht zeitlich voneinander getrennt, sondern örtlich. Dabei erlebt man zwei parallele Geschichten, ohne dass Gefühle der einen oder der anderen Handlung verloren gehen. Viele Details von Kampala-Hamburg beruhen auf wahren Geschichten oder Fakten, deren Hintergründe im Anhang gesammelt sind. Sie können beinahe genauso sehr zum Weinen bringen, wie die die Geschichte selbst: aus Trauer oder Rührung.  Clara, 18 Jahre

Ein berührendes Abschiednehmen

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Friederike Wagner mit Alfred Komarek im Bücherbus am Wiener Platz. Foto © Viktoria Schindler

Delphine de Vigan, Dankbarkeiten, Dumont 2020 €20,00

So schmerzlich der Prozess des Alterns und Vergessens ist, so großartig hat die Autorin dies in ihrem neuen Buch vertextet. Michka, einst Lektorin eines großen Verlages und versiert im Umgang mit der Sprache, spürt, wie ihr zunehmend die Wörter in ihrem Denken  entgleiten. Wortverdreher, scheinbare Versprecher, quälende Suche nach den richtigen Worten gehören zum Alltag der alten Frau. Zwei junge Menschen werden sie während dieses Prozesses begleiten. Mit Marie verbindet sie eine gemeinsame Vergangenheit, denn Michka hat Marie als kleines Kind in schweren Zeiten ein Heim und Nähe angeboten. Jérome hingegen ist Michkas Logopäde, der unermüdlich mit ihr im Altersheim, in das sie notgedrungen umziehen musste, übt, den Prozess des Vergessens zu verlangsamen. Doch auch Jérome weiß, dass er den Kampf dagegen schon bald verlieren wird. Die Dankbarkeiten ziehen sich wie ein roter Faden und auf unterschiedlichen Ebenen durch das schmale Buch: Im Zurückgeben von Nähe und Zeit, im Aufarbeiten einer alten Schuld, im Erkennen der Geduld des gegenüber. Der Leser erfährt zärtliche wie traurige Momente, aufrichtige Sorge genauso wie Hilflosigkeit, und zuletzt auch ein menschlich zu bewältigendes Ende eines ganzen Lebens. Für mich ist dieser Roman von Delphine de Vigan wie jedes ihrer Bücher im wahrsten Sinne ein Geschenk, für das ich als Leserin dankbar bin. Marion Hübinger

Tonspur – vor 30 Jahren. Olaf Hintze und Susanne Krones im Gespräch über ein Lebensbuch, Alltag und Flucht aus der DDR

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Olaf Hintze, Susanne Krones: Tonspur: Wie ich die Welt von gestern verließ, dtv TB € 9,95

1989, vor 30 Jahren, überwindet der 25-jährige Olaf Hintze mit Stefan Zweig im Gepäck, die Grenzanlagen von Ungarn nach Österreich. Dreistimmig lockt das Buch Tonspur ins Reich der Erinnerungen, in die Musik, zu verbotenen Büchern & Sehnsuchtslisten des jungen DDR Bürgers. Das sensible, autobiografische Lebensbild, in dem die Flucht zur unausweichlichen Konsequenz wird, hat die vielfach ausgezeichnete Literaturwissenschafterin Susanne Krones zusammen mit Olaf Hintze in Worte gefasst. Beide leben heute München und werden im Gespräch über ihre gemeinsame Arbeit und das Erlebte berichten.

Packendes Romansachbuch

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Peer Martin: Hope. Es gibt kein zurück. Du kommst an. Oder du stirbst, Dressler Verlag 2019 € 20,00

Die Leser begleiten den junger kanadischer Backpacker Mathis und ein somalisches Kind auf der Fluchtroute von Johannesburg nach Quebeck. Dabei begegnet ihnen die raumgreifende Zerstörung der Welt, die Gier der Menschen, die daraus resultierende Gewalt und die damit zusammenhängenden Fakten des Klimawandels. Peer Martin lässt Mathis Geschichten sammeln und vernetzt dabei unser Wissen über Ursachen und Wirkungen, über die Zusammenhänge auf unserer Welt zu einem  starken „Romansachbuch“. Für Fridays for Future Fans und solche, die es werden wollen.

Von Wind und Regen, von Feuer und Macht

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Jennifer Alice Jager, Windborn - Erbin von Asche und Sturm, Arena 2019 €18,00

Eine atemlose Geschichte. Der Leser reitet mit der Wolkenstürmerin Ashara über den Sand der Wüste, bekämpft mit Wind das Feuer der Funkenmeister und tanzt mit Windwirbeln vor dem mächtigsten Feind des Landes, den Skar. Und damit befindet er sich auch gleich mitten in dem tragischen Kampf um Wasser, das zum Überleben so notwendig ist, um die Liebe, die Ashara in einem hoffnungslosen Moment unerwartet begegnet, und im Kampf gegen das Böse. Genauso funktioniert gute Fantasy. Und doch wird man von der Autorin mit neuen Bildern überrascht. Bildern voller Kargheit von Wüste und Felsdörfern, aber auch Bilder von abendländischer Exotik.

Woher – wohin?

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Peggy Mädler: Wohin wir gehen, Galiani Berlin 2019 € 20,00

Episodenhaft erzählt Peggy Mädler in ihrem Roman über drei Generationen, mit besonderem Blick auf die Frauen. Aus der ehemals Tschechoslowakischen Republik nach dem 2. Weltkrieg in den kleinen Ort Kirchmöser im russisch besetzten Deutschland umgesiedelt, engagiert sich die schon vorher kommunistisch gesinnte Ida beim Aufbau der entstehenden Deutschen Demokratischen Republik. Ihre Tochter Rosa und auch Almut tun es ihr nach. Diese beiden verbindet eine tiefe Freundschaft, die ihnen in Zeiten von Verlust und Neuanfang Halt gibt. Auch, als Rosa sich 1960, inzwischen in Ostberlin lebend,  in den Westen absetzt verrät Almut diese Freunschaft nicht und trägt die Konsequenzen. Schön ist es für sie, Jahre später zu erleben, wie auch ihre Tochter im bereits vereinten Berlin eine nahe Mädchen- und dann Frauenfreundschaft trägt. Mit gutem Gespür für alle Generationen, ihre inneren Sehnsüchte, Gedanken, Freuden und Nöte lässt Peggy Mädler deutsch-deutsche Zeitgeschichte wachwerden.

Leben, denken, handeln. Wenn das Gewissen mit den Zähnen knirscht.

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Deutscher Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2003

Klaus Kordon: Krokodil im Nacken, Beltz & Gelberg TB € 9,95

Manfreds Kindheit wird vom Leben in Mutters Kneipe bestimmt. Oft stromert er durch die Straßen des östlichen Berlins und spielt in den Trümmerbergen, geht für die Mutter einkaufen am  S-Bahnhof Gesundbrunnen mit seinem westlichen Einkaufsparadies. Er verliert sich in der Welt der Bücher, entdeckt das Kino und das Theater. Die Kriegswitwe hat keine Zeit für Kindererziehung. Sie stirbt früh und Manfred wird als Spätwaise in einem sozialistischen Kinderheim erwachsen. Mitten in der Arbeit stehend holt er sein Abitur nach und macht ein Fernstudium, heiratet jung und bekommt zwei Kinder. Den geforderten Eintritt in die Partei, das politische Mitwirken am Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates den die DDR Diktatur erzwingt, wird von Lenz immer wieder erneut umgangen.

Eine wahre Geschichte

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Abdullah Al-Sayed, Kerstin Kropac: Geflüchtet. Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien, Arena 2018 €9,99

Abdullah ist 16, als er im Sommer 2015 Syrien und den Rest seiner Familie endgültig verlassen muss. Ein Leben in seiner vom Krieg verwüsteten Heimat ist kaum mehr möglich. Sein Vater wurde bei einem der täglichen Bombenangriffe getötet, sein Bruder ist aus dem Bus heraus verschleppt worden. Abdullah wird am Ende seiner Fluchtodyssee in einem Kinderheim in Deutschland landen. Hochmotiviert und in der Hoffnung auf eine Zukunft lernt er die deutsche Sprache, holt seinen Realschulabschluss und das Fachabitur nach. Seine Geschichte hat er mit Hilfe der Journalistin Kerstin Kropac aufgeschrieben. Der Text führt unaufgeregt und kompakt durch die Ereignisse seines Lebens und lässt keinen Zweifel daran: niemand flüchtet freiwillig oder aus Zeitvertreib oder, weil er es in einem fremden Land bequemer haben möchte. Dieser Text ist hervorragend als Schullektüre geeignet. Er gibt Flüchtlingen ein Gesicht und bietet einen guten Überblick über den Syrienkonflikt.

Selbstverständlich, neugierig, souverän. Ein Krimi zum Anbeißen.

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Rieke Patwardhan: Forschungsgruppe Erbsensuppe, Knesebeck Verlag 2019 € 13.-

Lange schon hat sich Nils Klasse einen Flüchtling gewünscht. Als die Lehrerin ihnen Lina ankündigt, glaubt Evi, sie käme aus Schweden. Evi ist nicht gerade auf den Mund gefallen und ein wenig grobmotorisch. Eine Außenseiterin. In der Klassenbande der 22 Fragezeichen will sie keiner haben. Auch der stille Nils war am Tag der Bandengründung krank. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als Evis Wunsch nachzukommen und mit ihr eine zweite Bande zu gründen. Die Bandenaufgabe ist bald gefunden: Linas Integration.

Afghanistan-Deutschland

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Dirk Reinhardt: Über die Berge und über das Meer, Gerstenberg Verlag 2019 € 14,95

Nach Trainkids erzählt dieses Buch eine Geschichte von zwei Jugendlichen, die ungewollt auf den Weg in eine andere Welt und ein neues Leben geschickt werden. Tarek und seine Familie leben in den afghanischen Bergen. Als Nomaden wandern sie mit ihrer Schafherde umher. Im Sommerlager, nahe der pakistanischen Grenze, hat Tarek Samir kennengelernt, der mit seiner Familie in einem Dorf am Fuße der Berge lebt. Dieser Junge ist eigentlich ein Mädchen, das als siebentes Mädchen, so ist es erlaubt, von der Familie als Junge aufgezogen wurde.

Einfach Miteinander

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Alyssa Hollingsworth: 1x Pech und 11x Glück, Loewe Verlag 2019 € 14,95

Samir lebt erst vier Wochen in Amerika, als ihm das Einzige, das ihm aus seiner Heimat Afghanistan geblieben ist, eine Saiteninstrument, die Rubab seines Großvaters, in der U-Bahn entrissen und geklaut wird. Entlang der verzweifelten Suche und der genialen Idee, wie man Geld für ihren Rückkauf beschaffen könnte, erzählt Hollingworth eine Geschichte von sich langsam aber stetig vollziehender Gemeinschaft und Migration, aber auch von den Lebenswelten afghanischer Familien. Samirs Tauschgeschäfte bringt die Menschen ins Gespräch. Gewissenhaft recherchiert und auf eigener Erfahrung mit Afghanistan basierend erzählt dieser Text neben dem spannenden Krimi, der Generationengeschichte und Flucht, von Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Freundschaft, einem Miteinander der Menschen, das immer dann funktioniert, wenn das Wissen und das Miterleben von anderen Lebenswelten Vorurteilen keinen Raum mehr lässt, dafür aber die Neugier weckt, mehr aus erster Hand zu erfahren. Dieser, uns alle betreffende Ansatz ist absolut gelungen und das Buch sei als guter Einstieg in die Flüchtlingsthematik wärmstens empfohlen.

Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen

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Francesca Melandri: Alle, außer mir, Wagenbach Verlag 2018 € 26,00

In diesem beeindruckenden Roman verknüpft Francesca Melandri gekonnt die individuelle Geschichte einer römischen Großfamilie mit historischen Ereignissen der italienischen Vergangenheit. Verdrängt und Vergessen wurden von der Nachkriegszeit bis heute die Gräueltaten der Faschisten in  Äthiopien 1935 und in der Erinnerung gab es unter Mussolini nur Opfer und Partisanen. Dass sich bei einem jungen Flüchtling aus Äthiopien eine Verbindung zu der römischen Familie vermuten lässt, führt zu Verunsicherung und Hinterfragen. Spannend und gut recherchiert spürt Francesca Melandri der Vergangenheit nach und gibt einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Stimmung in Italien. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser gut und genau beobachtende Roman von den unabhängigen Buchhändlern zum Lieblingsbuch des Jahres gewählt wurde!

Fliehen, Flucht, Flüchtling

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Gerhard Jäger: Die Nacht über uns, Picus Verlag 2018 € 22,00

Ein österreichischer Soldat auf dem Wachturm an der Grenze, die vor Flüchtlingen geschützt werden soll. Er ist allein mit seinen Erinnerungen im Kopf und denen seiner Großmutter in einem Heft - sie floh Ende des 2. Weltkrieges aus Pommern. Sich selbst kann er nicht schützen vor inneren Bildern, die in ungeheurer Intensität und Emotionalität in ihm auftauchen: die glücklichen, warmen, reichen Momente und die schmerzhaften, erschütternden, verzweifelten. Die Geschichte zieht den Leser mit erstaunlicher Sprachgewalt in den Bann.

Einstieg zum Handeln

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Sonja Eismann, Nina Lorkowski: Fair für alle! Warum Nachhaltigkeit mehr ist als nur "bio", Beltz&Gelberg 2016 € 16,95

Ein kleines kompaktes Buch, welches in seiner knappen Form doch eindringlich und nachhaltig über die Problemzonen auf unserer Erde und unsere Möglichkeiten, ihnen entgegen zu wirken, informiert. Im Fokus steht dem Menschen Unentbehrliches, wie Greifbares: Energie, Müll, Nahrung, Kleidung, Mobilität, Wohnen, Migration. Historisch eingebettet, aktuell erzählt, mit Fakten und Zahlen verfeinert und mal einem Interview begleitet bieten die Texte ein rundes Bild des aktuellen Standes und klare Anweisungen zum Handeln. Das beruhigt ein wenig. Ein solider Einstieg für alle Zukunftsaktivisten.

Historisch und literarisch sensationell

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Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten, Hanser Verlag 2016 € 22,00

1943 geschrieben und veröffentlicht, auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt, 2015 in Frankreich neu aufgelegt und in diesem Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt: Francoise Frenkel, eine junge polnische Jüdin, die in ihrer Begeisterung für die französische Literatur 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete, erzählt von ihrem Leben. Ihrem erfolgreichen Engagement für die Literatur wird 1939 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. Sie flieht nach Paris und von dort aus quer durch Frankreich bis nach Nizza. Hier erlebt sie sowohl die Nöte des Überlebens im besetzten Frankreich als auch die couragierte Hilfsbereitschaft in der französischen Bevölkerung. Der Leser folgt gebannt ihren Beobachtungen in Freiheit, im Versteck, auf der Flucht, im Gefängnis. Beim 3. Versuch wird ihr die illegale Überquerung der Grenze in die Schweiz gelingen, gleich danach hat Francoise Frenkel das vorliegende Buch verfasst. Ein außergewöhnliches Zeugnis, ein historisch und literarisch sensationeller Fund.

 

Ohne Ticket Zug fahren: Interview mit Dirk Reinhardt über TrainKids

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Wir trafen Dirk Reinhardt auf der Buchmesse in Frankfurt.

Bücherfresser: Wie sind sie auf die Idee gekommen das Buch zu schreiben? Dirk Reinhardt: Über eine Reportage in der Zeitschrift GEO, dort hatte ein Reporter aus den USA einen Jungen, er hies Enrike, ein Stück begleietet und ein paar Fotos gemacht.
Bf: Wie haben Sie ihre Informationen bekommen? DR: Ich war selber in Mexiko und habe dort viele Leute befragt und auch im Internet recherchiert.
Bf: Das heißt, Sie kennen ein Trainkid persönlich? DR: Ja ich habe viele Trainkids persönlich kennen gelernt.

Unaufhaltsam

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Bilderbuch

Francesca Sanna: Die Flucht, Nord-Süd Verlag 2016 € 17,99

Eine Szenerie wie aus Urlaubstagen. Die Familie am Meer. Ihr Land besteht aus Zuckerbäckerbauten, die unbeschwert sommerliche Schatten werfen. Sie sind auf Sand gebaut. Am Saum eines gemütlich schwappenden Meeres. Im nächsten Bild greift es mit seinen schwarzen Klauen nach ihnen, droht alles zu verschlingen. Krieg. Francesca Sanna vermag es, komplizierte Worte und Sachverhalte in erstaunlich  klare, eindringliche Bilder umzusetzen. "Die Flucht" erzählt die Geschichte von vielen Fluchten, heißt es im Nachwort. Diese Flucht, erzählt aus  Sicht eines Kindes zunächst von einem großen Abenteuer, welches die Mutter und ihre zwei Kinder von einem Krisengebiet am  Meer in die europäischen Berge führt.

Brandaktuell

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Deutscher Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2016

Peer Martin, Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger 2015, € 19,95

Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren geschätzt verfünfzigfacht. Im syrischen Bürgerkrieg starben in den letzten zwei Jahren über 470.000 Menschen (Die Zeit, 11.02.2016). In Sommer unter schwarzen Flügeln bringt die Syrerin Nuri dem Neonazi Calvin ihre Erfahrungen während der Anfänge des Arabischen Frühlings, die verschiedenen politischen Gruppierungen, das Leid der syrischen Bevölkerung und die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland näher, während Calvin mit seiner Gang einen Anschlag auf das Flüchtlingsheim plant. Nuri erzählt märchenhaft und poetisch, Calvin drastisch und ungeschliffen. Verbindend sind Erfahrungen mit Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Gewalt, die sowohl Nuri als auch Calvin zu vielschichtigen Charakteren reifen lassen. Mit den Protagonisten gewinnt der Leser Verständnis für beide Perspektiven. So wird er mehr und mehr von der Geschichte in den Bann gezogen und von ihrer Tragik berührt. Dieses beeindruckend ehrliche und mit viel Herzblut geschriebene Buch basiert auf gut recherchierten Fakten. Jedes Kapitel wird mit einem provokanten Zitat eröffnet und mit Anregungen zur weiterführenden Internetsuche abgeschlossen, wodurch das Buch über sich selbst hinausweist und zur Reflexion über die aktuelle politische Lage anregt. (Jurybegründungder Bücherfresser)

Das literarische Spiel mit dem Was wäre wenn: Berlin – London

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Anne Voorhoeve: Liverpool Street, Ravensburger TB € 8,95

Zuerst hatte ich wegen des grauen Covers keine Lust, Liverpool Street zu lesen, aber dann war ich begeistert. Denn das jüdische Mädchen Ziska beschrieb ihre eigentlich ernste Geschichte der jeweiligen Situation entsprechend mit Witz und Humor oder aber voller Trauer. Als die Nazis ihren Vater einsperren, schickt ihre Mutter Ziska mit einem der Kindertransporte nach London. Sie muss alles zurücklassen, doch per Zufall trifft sie auf eine Familie die sie trotz anfänglicher Schwierigkeiten aufrichtig lieb gewinnt. Clara, 13 Jahre

Aufbruch zu neuen Ufern

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Mehrnousch Zaeri-Esfahani, 33 Bogen und ein Teehaus, Peter Hammer Verlag 2016 € 14,90

Vater Rhein bekam seinen Namen vom gemütlichen „rinnen“. Flüsse fließen und strömen allerorten auf der Erde. Wasser verbindet. Wasser ist in ständiger Bewegung. Wasser heißt Leben. Mehrnousch Zaeri-Esfahni formt mit ihren gewässerbezogenen, geografischen Einleitungen aller Kapitel den umfassenden Ton, das allgemeingültige Bild ihrer persönlichen Fluchtgeschichte. Mitte der 80er Jahre kam sie vom Iran mit Zwischenstopp in der Türkei über die DDR in die Bundesrepublik. Der Zayandeh Rud, der „Leben spendende Fluss“ tost im Iran die Berge hinab, um in der Ebene die stolze Stadt Isfahan zu durchqueren. Die Mauer ungeachtet verbindet die Spree Ost- und West-Berlin. Der Neckar ist ein „Wilder Geselle“ in romantisch, gewundenem Bachbett. Heidelberg wird die Endstation einer jahrelangen Flucht. Hier machte die Autorin 1994 ihr Abitur.

Sprachlich elegant und offen

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Sprachlich elegant und offen

Abbas Khider: Ohrfeige, Hanser Verlag 2016 € 19,90

Sprachlich elegant, gleichzeitig sehr offen und direkt erzählend, ist dieser Roman von Abbas Khider eine fantastische Möglichkeit, Einsicht in die Lebenssituation von Asylanten zu bekommen. Der Leser begleitet Karim, einen jungen Mann aus dem Irak, im Jahr 2001 bei seiner Flucht nach Westeuropa. Versehentlich eigentlich gelangt er nach Deutschland und erzählt von den 3 1/2 Jahren seines Lebens in Asylantenunterkünften, später in einer winzigen Wohnung. Das Warten auf Bescheide und erzwungene Untätigkeit bestimmen die Tage. Das Miteinander der Asylanten, Kontakte zu Behörden und Bevölkerung, Sehnsucht nach der Familie, das Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit - über all dies teilt Karim sich mit und lässt den Leser teilhaben.

 

Fesselnd und poetisch

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Fesselnd und poetisch

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut, Hanser Verlag 2016 €18,90

Yiza, ein kleines Mädchen, ist allein in einem fremden Land mit ihr fremder Sprache. Es gibt Menschen, die ihr helfen, auch die Polizei hilft ihr und bringt sie in ein Heim. Dort trifft sie auf zwei Jungen, Schamhan und Arian, die sie auf ihre Flucht mitnehmen. Sie sorgen für das Mädchen und sich selbst, so gut es geht: im Freien lebend, in Hütten Schutz suchend, Nahrung und Decken stehlend. Von der Fürsorge der Kinder untereinander, ihrem Überlebensinstinkt, ihrer Lebenslage, die alles andere als kindlich ist, schreibt Michael Köhlmeier gleichzeitig so fesselnd und poetisch, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

 

Wohliger Sprachteppich Heimat

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Irena Kobald, Freya Blackwood, Zuhause kann überall sein, Knesebeck Verlag 2015 € 12,95

Sprache ist mehr als nur ein Werkzeug der Verständigung. Sprache bildet einen wohligen Teppich, in den man sich einkuscheln kann und sich zuhause fühlt. Dieses Bilderbuch bietet einen Anlass für Fragen und Gespräche zum Umgang mit Flüchtlingen oder Fremden und ihren und unseren Gefühlen. Das Fremdsein wird mit zarter, aber auch eindringlicher Empfindsamkeit thematisiert. Es motiviert zum Helfen und zeigt, dass Kinder mit Neuem erstaunlich selbstverständlich umgehen können.

 

Lieblingsbuch

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von der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016

Dirk Reinhardt, Trainkids, Carlsen TB, € 7,99

Von 100 Leuten, die den Fluss überqueren, packen es gerade mal 10 durch Chiapas, 3 bis zur Grenze im Norden und einer schafft’s rüber.

Der Weg führt meist über Züge durch Mexiko. Der Weg, der fünf Jugendlich und viele andere Flüchtlinge in die USA führt. Miguel sucht in den Vereinigten Staaten seine Mutter und schließt sich für die gefährliche Flucht mit vier anderen Kindern zusammen. Ich fand das Buch cool, weil es spannend erzählt und etwas Neues war.