Articles tagged with: Erwachsenwerden

Erwachsenwerden

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Matthias Brandt: Blackbird, Kiepenheuer & Witsch 2019 € 22,00

Matthias Brandt versetzt sich in den 16-jährigen Morton, der aus einem eigentlich behüteten Alltag heraus mit gravierenden Veränderungen konfrontiert wird: der Trennung der Eltern und einem neuen Zuhause zu zweit mit der Mutter. Dem ersten körperlich gespürten Verliebtsein und dem Erleben, dass manchmal Menschen mit den Gefühlen anderer spielen. Und der Trennung von seinem langjährigen, besten Freund durch eine heimtückische Krankheit. Die inneren Unseicherheiten und ihren Ausdruck im Verhalten schildert der Autor anschaulich nschvollziehbar - jugendliche Leser können sich verstanden fühlen, ältere können sich erinnern und verstehen.

Rettungsanker

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Mona Hovring: Was helfen könnte, edition fünf 2019 € 19,00

Das nun ins Deutsche übersetzte Debüt einer inzwischen bekannten norwegischen Autorin ist ein schmales Buch, das intensiv über die Rettungsanker eines Mädchens erzählt, das sehr früh seine Mutter verlor. Es ist nicht immer einfach zu wissen, wo sich Halt finden lässt, das Erlebnis des Verlustes wiegt schwer und droht immer wieder. Und doch stimmt das Buch hoffnungsvoll, denn es gibt sie, die Menschen, die wohltun und Stabilität geben. Und  das Mädchen Laura wird ihren Weg ins Erwachsenensein finden.

Millieustudie aus der Unterschicht

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Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton, Kunstmann Verlag 2018 € 18.-

Lemar, genannt Liccle Bit und seine jugendlichen Kumpels, fast noch Kinder, stecken einfach mittendrin, zwischen rivalisieren Banden, Handlangern und Bossen, denen man kleine Dienste kaum abschlagen kann. Zumal Geld winkt, von dem hier jeder träumt. Lemar lebt auf engstem Raum mit seiner Familie, der Mutter, der Oma, der Schwester samt Säugling, dessen Vater ausgerechnet Manjaro ist, einer der führenden Bosse im Viertel. Sein eigener Vater lebt bei seiner neuen Familie. Lemar besucht ihn und seine schwerkranke Halbschwester unter Protest der Mutter alle 14 Tage. Auseinandersetzungen in alle Richtungen sind vorprogrammiert. Lemar sucht seine Richtung durch das Labyrinth der Straße zu finden, zu verstehen, sich mal zu arrangieren, mal aufzubegehren und eigene Wege zu finden.

Eine kleine Familie

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Eugène Dabit: Petit-Louis, Schoeffling &Co € 22,00

Der erstmalig ins Deutsche übersetzte, 1930 im französischen Original erschienene Roman führt den Leser ins Paris von 1900 - 1920. Er erzählt von einer Arbeiterfamilie mit einem Sohn, Petit-Louis, die das einfache familiäre Miteinander lebt und liebt. Als der Ehemann und Vater zu Beginn des 1. Weltkrieges als Soldat fortgeht, ist dies für die Zurückbleibenden schwer zu ertragen. Petit-Louis ist als Jüngster an seiner Arbeitsstelle Hänseleien ausgesetzt und meldet sich freiwillig zum Militär, um sich zu beweisen und um die Welt zu sehen. Der Leser begleitet ihn in seiner Entwicklung vom Jugendlichen zum jungen Mann, in der Begegnung mit sehr verschiedenen Männern, die ihm Freunde werden und ihm sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben zeigen. Das Leben hinter und an der Front wird dem Leser vorstellbar und er hofft mit Petit-Louis, dass die kleine Familie wieder zusammenfinden möge. Eugéne Dabit hat autobiografische Erlebnisse in diesem Roman verarbeitet und eine sehr lesenswerte Liebeserklärung an seine Eltern und das Leben geschrieben.

Verspielter Perfektionismus

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Lena Gorelik: Mehr Schwarz als Lila, Rowohlt Berlin 2017 € 19,95

Einer kann nicht ohne die Anderen. Alex, Ratte und Paul. Das war schon immer so. Und soll sich im letzten Schuljahr nicht ändern. Gemeinsam loten die Unbedarften ihre Grenzen aus. Dabei aalen sie sich am liebsten in einer Welt der Möglichkeiten, im distanzlosen Hier und Jetzt. Ihr endlos gespieltes Was-wäre-wenn-Spiel tritt nie aus dem Schatten des Unmittelbaren. Im schützenden Triumvirat lautet ihre Parole: „Freiheit, Freunde, Wir“. So jedenfalls formuliert es Alex, die Erzählerin, rein sprachlich. In ihrem Herzen und Kopf tobt, ganz und gar widersprüchlich, das narzistische Ich, welches in einem unaufhaltsamen Strudel alles mit sich reißen wird. Erst in der Katastrophe, im Verlust, wird Alex zum Denken über die Anderen fähig werden. Präzise seziert Lena Gorelik den Prozess des Erwachsenwerdens, jenen labilen Seelenzustand in einer Zeit starker emotionaler Eruptionen, wo die Welt noch jung ist und Widersprüche den feurigen Motor allen Seins bilden. Unermüdlich lässt sie dabei Alex auch um Sprache und nach Worten ringen. Die Sprache wird das Medium, in dem Alex ihre sich wandelnde Welt zu manifestieren versucht. Immer bewusster geformt, werden sich ihre Gedanken durch Worte entfalten, deren Bedeutung und Nutzung sie gründlich durchleuchtet. Lena Gorelik erschafft, ganz im Sinne von Alex Widersprüchlichkeit, eine Sphäre von leidenschaftlich verspieltem, literarischen Perfektionismus, der nachhaltig beeindruckt und Sogwirkung garantiert.