Articles tagged with: erster Weltkrieg

Kinderglück

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Katleen Vereecken: Alles wird gut, immer, Gerstenberg Verlag 2021€ 14,00

Ein Krieg dauert lang. Er verändert das Leben, bringt Zerstörung und Leid. Doch Kinder suchen immer nach dem Glück. Sie wollen leben. Behutsam erzählt die Auorin aus Sicht von Alice, der Mittleren von fünf Geschwistern, wie der erste Weltkrieg in Ypern einzieht. Mit einer blechernen Weltkugel spielen die Kinder Flucht, sie packen im Geiste ihre Sachen und werfen dann die Kugel, zu ermitteln wohin sie fliehen werden.

Starke moderne Frau

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Franziska zu Reventlow: Die Kehrseite des deutschen Wunders, Volk Verlag 2020 € 16,00

1897 gebar Franziska zu Reventlow in München einen Sohn, den sie sehr modern, eigentlich antiautoritär und alleine aufzog. Bald lebten die beiden auf Mallorca, bald in Locarno im Tessin. 1914 kamen sie zurück nach München. Hier beginnt der außergewöhnliche Text von Reventlow, in dem sie ihre Eindrücke von dem nun  preußisch millitarisch geprägten Leben und Denken in der Stadt festhält. Die unpolitische Bohèmien treiben Patriotismus und Kriegsbegeisterung auf die Seite der Pazifisten. 1916 folgt ihr Sohn, jetzt 17-jährig, der Einberufung in den Krieg. Auf seinem ersten Heimaturlaub kennt die mutige und unkonventionelle Frau und Mutter nur ein Ziel: Sie will ihrem Sohn bei seiner Desertation helfen. Einer Desertation von der Junge bis zu seiner Ankunft in Konstanz freilich noch gar nichts weiß. Reventlows Text, ein Zufallsfund, beeindruckt von der ersten Zeile an. Modern und unabhängig im Denken, unkonventionell, wagemutig und immer ganz auf sich selbst focussiert gibt er doch ein lebendiges Bild vom Leben in München und darüber hinaus, in Zeiten des ersten Weltkrieges. Er macht die Beschränktheit des Reisens bewusst, wie die Bestechlichkeit von Menschen, die umso größer zu werden scheint, je restriktiver ein System ist. Eine Fotobildstrecke und ein Kommentar der Herausgeber runden Reventlows Text ab, der hier jedem zur Entedeckung ans Herz gelegt sei.

Märchenhaft

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Jürgen-Thomas Ernst: Vor hundert Jahren und einem Sommer, Braumüller Verlag € 23,90

Wie in einem Märchen haben die Protagonisten dieser Geschichte Lebensaufgaben zu bewältigen - vom kleinen Kind bis zum alten Menschen. Und wie bei einem Märchen hofft der Leser, dass am Ende die Menschen zusammenkommen mögen, die zusammen gehören. Es geht um existenzielle Erfahrungen wie Armut, Krieg, Überlebenswillen, Hunger, Geburt und Tod, Tatkraft und Selbsthilfe. Der Autor findet sehr schöne vielfältige und ungewöhnliche Beschreibungen der Natur, immer wieder neu und anders. Das Besondere an diesem Buch ist für mich die Melodie des Textes, die Schönes, Trauriges und Grausames erzählt, die den Leser trägt und geradezu süchtig macht.

Eine kleine Familie

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Eugène Dabit: Petit-Louis, Schoeffling &Co € 22,00

Der erstmalig ins Deutsche übersetzte, 1930 im französischen Original erschienene Roman führt den Leser ins Paris von 1900 - 1920. Er erzählt von einer Arbeiterfamilie mit einem Sohn, Petit-Louis, die das einfache familiäre Miteinander lebt und liebt. Als der Ehemann und Vater zu Beginn des 1. Weltkrieges als Soldat fortgeht, ist dies für die Zurückbleibenden schwer zu ertragen. Petit-Louis ist als Jüngster an seiner Arbeitsstelle Hänseleien ausgesetzt und meldet sich freiwillig zum Militär, um sich zu beweisen und um die Welt zu sehen. Der Leser begleitet ihn in seiner Entwicklung vom Jugendlichen zum jungen Mann, in der Begegnung mit sehr verschiedenen Männern, die ihm Freunde werden und ihm sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben zeigen. Das Leben hinter und an der Front wird dem Leser vorstellbar und er hofft mit Petit-Louis, dass die kleine Familie wieder zusammenfinden möge. Eugéne Dabit hat autobiografische Erlebnisse in diesem Roman verarbeitet und eine sehr lesenswerte Liebeserklärung an seine Eltern und das Leben geschrieben.

Der Funke möge zünden

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Mit Empathie und Anschaulichkeit präsentiert Nikolaus Nützel Sachverhalte. Um das Interesse Jugendlicher zu wecken, spielt er mit allen Sinnen und sorgt für Unterhaltung.

Nikolaus Nützel schwingt sich vom Rad. Für das Gespräch haben wir uns bei mir im Buchpalast verabredet. Gewöhnlich obliegt ihm, dem Journalisten, das Fragen stellen. Während er sein Aufnahmegerät startklar macht, schweift sein Blick über die ausgestellten Schätze. Ein paar Bücher möchte er gleich in die Hand nehmen. Zehn Sachbücher hat er mittlerweile selbst geschrieben. Sieben davon richten sich an jugendliche Leser. Sprache oder Was den Mensch zum Menschen macht und Mein Opa, sein Holzbein und der große Krieg standen auf der Nominierungsliste der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises.