Articles tagged with: Einsamkeit

Quer durch Amerika

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Hernan Diaz: In der Ferne, Hanser Berlin 2021, € 24,00

Hakan ist ein Kind, als er mit seinem älteren Bruder Linus von Schweden nach New York aufbricht. In der Hektik des englischen Hafens von Portmouth verlieren sich die beiden. Der englischen Sprache nicht mächtig gerät Hakan auf ein Schiff nach San Francisco. Sein einziges Ziel ist es nach Osten, nach New York zu kommen und dort den Bruder zu finden. Er durchquert weite Strecken des Landes, teils in Begleitung, oft allein. Er lebt mit einem Goldgräber und dessen Familie in freier Natur, gerät in Gefangenschaft, lernt von einem Forscher viel über den menschlichen und tierischen Körper. Er gerät in lebensbedrohliche Situationen verschiedenster Art und wird, groß gewachsen  und umhüllt von einen selbst genähten Mantel aus Fellen aller erdenklichen Tiere zu einer Legende im Kalifornien des Goldrausches werden. Während seine Geschichte in aller Munde ist lebt Hakan in innerer und größtenteils auch äußerlicher Einsamkeit in diesem ihm fremden Land mit fremder Sprache, unendlicher Weite und klimatischen Extremen fernab der Zivilisation. Ein eindrucksvolles Portrait Amerikas, eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die in ihren Extremen fasziniert.

Weltmüdigkeit und Lebenslust

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Ivica Prtenjaca: Der Berg, Folio Verlag 2021, € 22,00

"Ich" ist ein Mann unbestimmten Alters, der seines Arbeitslebens in der Kunstszene Zagrebs überdrüssig geworden ist und eine tiefe Weltmüdigkeit empfindet. Das veranlasst ihn, für drei Monate als Brandwächter auf einer kleinen Adriainsel anzuheuern. Er stellt sich seinen Ängsten und Fragen an das Leben. Einzig begleitet von einem altersschwachen Esel und einem zugelaufenen Hund haust er in der hochgelegenen Bergwarte. Auf seinen Rundgängen spürt er sich selbst, bemerkt eine zunehmende Stärke und neue Wachsamkeit all seiner Sinne. Die Touristen, denen er hin und wieder begegnet erstaunen ihn in ihren Eigenarten; näher fühlt er sich den Inselbewohnern, denen das Kriegserleben noch in den Knochen steckt. In einer teils genau beschreibenden, teils poetischen Sprache erzählt der kroatische Autor Ivica Prtenjaca von dem Wandel dieses Mannes, der in der Wildnis Mut für ein Leben unter Menschen findet.  Ein sehr besonderes Buch!

Eintauchen in das England nach der Jahrhundertwende

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Jane Gardam: Robinsons Tochter, Hanser Berlin Verlag 2020 €24,00

Im besten englisch-traditionellen Stil begleiten wir die sechsjährige Polly durch ihr Leben. Liebe, Enttäuschung, Freundschaft und Einsamkeit – die Bücher der Hausbibliothek, allen voran „Robinson Crusoe“ werden Pollys Rettungsanker im großen gelben Haus, bei ihren zwei alten Tanten und den wenigen Hausangestellten. Charles Dickens, die Bronté-Schwestern – in diese Stimmung hat es mich schon nach den ersten Seiten versetzt. Ein Buch für gemütliche Stunden. Annette Goossens

Inseldrift

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Nick Drnaso: Sabrina, Blumenbar 2019 € 26.-

Calvin, Leutnant der Air Force, beherbergt seinen Schulkammeraden Teddy, dessen Freundin Sabrina seit Wochen vermisst wird. Drnasos Szenen kennzeichnen Sprachlosigkeit und stummen Schmerz, Hilfsbereitschaft in Hilflosigkeit. Illusionslos und unsentimental. Das Leben in gebrochener, matter Farbigkeit leerer Räume. Calvin ist Vater einer vierjährigen Tochter. Frau und Tochter haben ihn verlassenn. Noch hofft er, nach Ablauf der Vertragsfrist die Arbeitsstelle wechseln und wieder in die Nähe seiner Tochter ziehen zu können. Gleichförmig arbeitet er sich durch die Tage, nachts spielt er mit den Arbeitskollegen Egoshooter Spiele. Die gesichtslosen Welten gleiten ineinander. Der gewaltsame Tod Sabrinas kommt per Post als Video in die Redaktionen, lässt die böse Vorahnung real werden, und verbreitet sich als Livestreamact samt vieler Verschwörungstheorien unaufhaltsam im Netz. Calvins mechanische Hingabe zu Teddy, die ignorante Züge trägt, hilft ihm, Shitstorm und Morddrohungen stand zu halten. Teddy s Leere füllt ein zwielichtigem Radiosender, dessen Moderator den Untergang der Welt beschwört und sein Heil verkündet. Ist dies die schöne, neue Welt oder ihr gesellschaftlicher Zerfall, der Wirklichkeit entrückt? Drasno inszeniert Menschen in einer verstörenden Welt, lässt sie an der Oberfläche zu treiben, einem nicht fassbaren, passiven Strom ausgesetzt, auf sich selbst zurückgeworfen, umherwandlend in unterkühlter Starre. Kontaktarm und isoliert ertragen sie eine Welt voller Härte auf der verzweifelten Suche nach Leben, nach Menschlichkeit. Die kleinen Lichtblicke, die Suche Teddys nach der Hauskatze oder Calvins Wohnungsübergabe an einem Kollegen am Ende, seinen Abschied und Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, wirken wie ganz großes Kino. Die herausragendste Graphic Novel des Jahres, die man gelesen haben muss. Sprachlose Bilder eines befremdlichen und nur allzurealen Miteinanders.

Großes Glück im Kleinen

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Michelle Cuevas, Erin E. Stead: Der Flaschenpostfinder, Fischer-Sauerländer 2018 € 16.-

Grünschimmernd liegt das Meer in der Senke. Unzählige Stufen winden sich vom Haus des Flaschenpostfinders zu ihm hinab. Die Blätter eines Baumes spielen mit den Wölkchen. Eine Kuh grast friedlich im Vordergrund. In der Ferne sieht man den Leuchtturm. Alles steht übersichtlich an seinem Platz, wenn der Flaschenpostfinder sich zur Arbeit begibt. Konzentriert geht er von seinem Boot aus auf Flaschenpostfang, um sie dann weiter zu Fuß ihren Empfängern zu überbringen. Eine Arbeit, die anderen Freude und Glück ins Haus bringt, denn diese aus der Ferne kommenden Briefe sind Schätze, die das Selbst stärken und von Freunden erzählen. So ernsthaft der Flaschenpostfinder seine Aufgabe erfüllt, ein eigener Name und Freunde sind ihm fremd. Doch als ihm ein äußerst merkwürdiger, unadressierter Brief ins Netz geht, der ihn ratlos und rastlos von Haus zu Haus laufen lässt, nimmt Unerwartetes seinen Lauf. In zarter, stiller Melancholie entwickeln sich Bilder und Text zu etwas Großem im Kleinen. Einfach und spontan, wie ein Wellenschlag, entsteht das Miteinander der Menschen.  Zwischen Tang und Seesternen, Sand und Sonnenschirmen steigt am Ende eine Party und die Menschen halten inne, feiern den Tag und sich selbst. Ruhe, Freude und Glück zieht ein und reicht von den Herzen bis zum Horizont.

Mit Fantasie gegen Einsamkeit

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016, Bilderbuch

Edward van de Vendel, Der Hund, den Nino nicht hatte, Bohem Verlag 2015 € 14,95

Mit großen, unglaublichen Bildern und wenigen präzisen Sätzen, wird die Geschichte von Nino erzählt. Nino ist einsam, denn sein Vater ist weit weg. "Der Hund den Nino nicht hatte" ist sein imaginärer treuer Freund. Er spielt mit Nino und tröstet ihn, wenn er weinen muss. Die Geschichte zeigt, wie Nino es schafft,  mit seiner Vorstellungskraft seiner Einsamkeit entgegen zu wirken. Während der Text Fantasie und Realität klar auseinander hält, vereinen sich diese im Bild zu einem beeindruckenden Werk für das kindliche und Erwachsene Auge. Emotional, ein wenig düster und traurig, aber auch fantasievoll und glücklich, bleibt dieses einzigartige Bilderbuch lange in Erinnerung.