Articles tagged with: DDR

Punkszene: DDR 90er Jahre

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Johannes Herwig: Scherbenhelden, Gerstenberg Verlag 2020 € 16,00

Der Autor erzählt die in den 1990er Jahren spielende Geschichte von Nino, der ein Punk ist. Dabei plagen Nino die üblichen Probleme eines Teenagers, unter anderem Stress in der Schule und die erste große Liebe.  Doch dazu kommen auch noch Konflikte mit Neonazis, seinem Vater und die Tatsache, dass Nikos Mutter seinen Vater vor ein paar Jahren verlassen hat. Das Buch wirkt sehr realistisch, vor allem die Gespräche sind sehr authentisch und, wenn nötig, im passenden Jugendslang. Das Buch wird aus Ninos Sicht erzählt.  Man bekommt einen tiefen Einblick in das Leben der Punks, das auch von voreingenommener Verachtung ihnen gegenüber geprägt ist. Die Geschichte ist nicht vorhersehbar, hat aber keinen großen Spannungsbogen. Damit kommt das Buch jedoch noch näher an das echte Leben heran. Das Ende ist sehr gut und wirkt ebenfalls sehr realitätsnah. Insgesamt hebt sich das Buch durch seinen Schreibstil und sein besonderes Thema von vielen anderen Jugendbüchern ab.

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Vom Glück des Bewahrens

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Thomas Harding, Britta Teckentrup: Sommerhaus am See, Jacoby & Stuart 2020 € 15,00

Auf dem Cover wetteifert das schlichte Holzhaus in seiner Schönheit mit der frühsommerlichen Farbenpracht der Natur. Die mosaikverspielte Tür- und Fensterfront strahlt in der Sonne. Seine Terrasse öffnet sich einladend zum Wasser. Hier, im Grünen, möchte man wohnen. Doch die Bewohner des Hauses, eine Familie mit vier Kindern, hetzen schattengleich, gebeugt und bepackt durch das hohe Gras aus dem Bild. Die Geschichte dieses Hauses beruht auf wahren Begebenheiten.

Ärger an allen Fronten

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Frank Goldammer, Juni 53, Dtv Taschenbuch 2019 €15,90

Der neue Fall für Oberkommissar Max Heller bringt eine weitere interessante Facette der ostdeutschen Geschichte ins Spiel: der Wunsch nach Freiheit und die Frage, ob das Leben im Wester besser sein kann. Es ist die Zeit der Proteste gegen die  Politik der SED- Rgeirung, 1953 wid auch in Dresden auf die Straße gegangen. Im Zuge der Unruhen wird ein Fabrikbesitzer auf brutale Weise ermordet. Und es wird nicht bei einer Leiche bleiben. Die menschlichen Probleme der Eheleute Hasller sowie Hallers Schwierigkeiten aufgrund seiner Weigerung, in die Partei einzutreten, tragen wie in den bisherigen vier Bänden das gesante Buch auf ehrliche Weise. Dem Fall selbst hat es dieses Mal in meinen Augen an echter Spannung gefehllt.

Jugenderinnerungen

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Gregor Sander: Alles richtig gemacht, Penguin Verlag 2019 € 20,00

Noch in der DDR und in der Zeit nach dem Mauerfall wachsen der Erzähler Thomas und sein Freund Daniel auf. Erstes abendliches Ausgehen, Lehrzeit und Stuidium, Sich-Ausprobieren und Beziehungen eingehen. An all dies erinnert sich der Berliner Jurist, dessen Frau und Zwillingstöchter vor einer Woche weggingen. Was ist passiert und werden sie zurückkommen?

Wie war das in der DDR?

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Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand, Kunstmann 2019 € 18,00

Kathrin Aehnlich hat einen ganz eigenen literarischen Stil, der etwas Leichtes, Amüsantes und Liebevolles in sich trägt. Sie lässt ihre Protagonistin Isabella Krause an die Orte ihrer Kindheit in DDRzeiten zurückkehren und intensive frohe Erinnerungen in ihr aufleben. Isabella Krause sucht und findet für eine Fernsehproduktion Zeitzeugen, die von ihrem Leben in der DDR erzählen, das leider nicht dem Bild des westdeutschen Regisseurs entspricht. Wie lässt sich dieses Dilemma nur lösen? Ob der Leser es kennt oder nicht: es macht Spaß, von Schrankwand Kompliment, der Erfindung der Milchtüte, Stammbuchbildern und Hasenhausen zu lesen. Gleichzeitig macht es nachdenklich, von Teerseen, Abkühlungsgruben ohne Geländer und dem rötlichen Staub des Wälzlagerwerks zu erfahren. Und so wie den Protagonisten wird den Lesern die unsichtbare aber spürbare Mauer zwischen Ost und West bewusst.

Tonspur – vor 30 Jahren. Olaf Hintze und Susanne Krones im Gespräch über ein Lebensbuch, Alltag und Flucht aus der DDR

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Olaf Hintze, Susanne Krones: Tonspur: Wie ich die Welt von gestern verließ, dtv TB € 9,95

1989, vor 30 Jahren, überwindet der 25-jährige Olaf Hintze mit Stefan Zweig im Gepäck, die Grenzanlagen von Ungarn nach Österreich. Dreistimmig lockt das Buch Tonspur ins Reich der Erinnerungen, in die Musik, zu verbotenen Büchern & Sehnsuchtslisten des jungen DDR Bürgers. Das sensible, autobiografische Lebensbild, in dem die Flucht zur unausweichlichen Konsequenz wird, hat die vielfach ausgezeichnete Literaturwissenschafterin Susanne Krones zusammen mit Olaf Hintze in Worte gefasst. Beide leben heute München und werden im Gespräch über ihre gemeinsame Arbeit und das Erlebte berichten.

Der erste Deutsche im All: Sigmund Jähn zu Gast im Buchpalast

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Maja Nielsen: Kosmonauten. Mit 20.000 PS ins All. Gerstenberg Verlag € 12,90

Der menschliche Versuch, nach den Sternen zu greifen, wurde vom Wettlauf zweier Großmächte, dem kalten Krieg in dem sie sich befanden, angekurbelt. Und abhängig davon, ob man als Kind in West oder Ost groß wurde, heißen die Helden des Weltraums Neil Armstrong oder Jury Gagarin, Ulf Merbold oder Sigmund Jähn. Die sowjetische Raumfahrt hatte in einigen Punkten die Nase vorn. Sie schickte den ersten Menschen überhaupt in die Erdumlaufbahn und auch der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn, war Bürger der DDR, ein Kosmonaut. Maja Nielsen spürt  in ihrem Buch  diesen ersten Weltraumabenteurern, den Kosmomauten, nach und erzählt packend für Kinder und Erwachsene über eine noch heute faszinierende, historische Zeit.

Spionage DDR – BRD

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Dirk Brauns: Die Unscheinbaren, Galiani Berlin, € 20,00

Dirk Brauns erzählt überzeugend die fiktive, realitätsnahe Geschichte von Martin Schmidt, geboren und aufgewachsen in Ost - Berlin. Als er 18 Jahre alt war, wurden seine Eltern als Spione für den Westen entlarvt. Was das für ihn bedeutet hat, daran erinnert er sich nun, mehr als 40 Jahre danach. Er wird um ein Interview gebeten und sieht in diesem Zusammenhang Akten ein, sowohl der Stasi als auch des BND, die teilweise auch in dem Buch Raum finden. Gut, dass es als Ausgleich auch Partnerinnen und Töchter gibt!

Woher – wohin?

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Peggy Mädler: Wohin wir gehen, Galiani Berlin 2019 € 20,00

Episodenhaft erzählt Peggy Mädler in ihrem Roman über drei Generationen, mit besonderem Blick auf die Frauen. Aus der ehemals Tschechoslowakischen Republik nach dem 2. Weltkrieg in den kleinen Ort Kirchmöser im russisch besetzten Deutschland umgesiedelt, engagiert sich die schon vorher kommunistisch gesinnte Ida beim Aufbau der entstehenden Deutschen Demokratischen Republik. Ihre Tochter Rosa und auch Almut tun es ihr nach. Diese beiden verbindet eine tiefe Freundschaft, die ihnen in Zeiten von Verlust und Neuanfang Halt gibt. Auch, als Rosa sich 1960, inzwischen in Ostberlin lebend,  in den Westen absetzt verrät Almut diese Freunschaft nicht und trägt die Konsequenzen. Schön ist es für sie, Jahre später zu erleben, wie auch ihre Tochter im bereits vereinten Berlin eine nahe Mädchen- und dann Frauenfreundschaft trägt. Mit gutem Gespür für alle Generationen, ihre inneren Sehnsüchte, Gedanken, Freuden und Nöte lässt Peggy Mädler deutsch-deutsche Zeitgeschichte wachwerden.

Ein klarer Blick zurück ermöglicht erhellende Gedanken für die Gegenwart.

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Norbert Frei, Christina Morina, Franka Maubach, Maik Tändler: Zur rechten Zeit, Ullstein Verlag 2019 € 20,00

Selbstbewusst spielt der Titel dieses Buches mit einer Doppelbedeutung. Der politische Rechtsruck in Europa ist auch in Deutschland unübersehbar. Es wird höchtste Zeit, sich mit diesem Phänomen auseinanderzsetzen. Die vier Historiker und Historikerinnen der Universitäen in Jena und Amsterdam bieten einen gelungenen, lesenswerten Einstieg. Der Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe in Ost und West wurde politisch konträr angepackt, Erinnerung und Mahung nahm im Laufe der Jahrzehnte unterschiedlich Gestalt an. Eine gewissenhafte Aufarbeitung, die die Handlungen von Tätern wie Mitläufern ins Licht der Öffentlichkeit und in Diskurs brachte, stieß je nach Jahrzeht in beiden Ländern mehr oder weniger an seine Grenzen.

Im Würgegriff des Überwachungsstaates

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Grit Poppe: Schuld, Dressler Verlag € 9,99

Jana wächst in einem partei- und linientreuen Elternhaus auf. Gerade ist sie in eine schöne Villa am Stadtrand Berlins gezogen. Ihr Vater hat die Leitung eines Hotels übernommen. Neben ihr in der neuen Klasse sitzt Jakob. Seine Eltern haben einen Ausreiseantrag gestellt. Er gilt als Einzelgänger. Besser man hat keinen Kontakt zu ihm. Die beiden Außenseiter finden sich und Jana lernt die Welt Jakobs kennen, erst naiv, dann erstaunt und am Ende gefangen in vielen widerstreitenden Gedanken, in denen sie sich fast selbst verliert.

Leben, denken, handeln. Wenn das Gewissen mit den Zähnen knirscht.

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Deutscher Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2003

Klaus Kordon: Krokodil im Nacken, Beltz & Gelberg TB € 9,95

Manfreds Kindheit wird vom Leben in Mutters Kneipe bestimmt. Oft stromert er durch die Straßen des östlichen Berlins und spielt in den Trümmerbergen, geht für die Mutter einkaufen am  S-Bahnhof Gesundbrunnen mit seinem westlichen Einkaufsparadies. Er verliert sich in der Welt der Bücher, entdeckt das Kino und das Theater. Die Kriegswitwe hat keine Zeit für Kindererziehung. Sie stirbt früh und Manfred wird als Spätwaise in einem sozialistischen Kinderheim erwachsen. Mitten in der Arbeit stehend holt er sein Abitur nach und macht ein Fernstudium, heiratet jung und bekommt zwei Kinder. Den geforderten Eintritt in die Partei, das politische Mitwirken am Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates den die DDR Diktatur erzwingt, wird von Lenz immer wieder erneut umgangen.

Für Demokratie und Menschenrechte

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Thomas Henseler, Susanne Buddenberg: Grenzfall. Ost-Berlin 1982: Ein Schüler rebelliert gegen die herrschende Politik, avant Verlag €14,95

Sie drucken ihre Zeitung, die sie Grenzfall  genannt haben, in wechselnden Verstecken. Anfangs in einer Auflage von 50 Exemplaren, später einige Hundert. Immer im Visier und auf der Flucht vor dem Überwachungsapparat der DDR, dem Ministerium für Staatssicherheit, für die sie sich mit ihrem Handeln und ihrer Meinung zu Staatsfeinden gemacht haben. Sie berichten von all dem, was in der DDR nicht laut gesagt werden darf und fordern die Menschenrechte ein: Das Recht auf freie Meinungsäußerung, Chancengleichheit in der Bildung, Versammlungs- und Reisefreiheit. Sie schreiben über die Umweltzerstörung durch den Braunkohleabbau und äußern sich gegen die Stationierung von Atomwaffen, einer Friedensinitiative, die sich in den 80er Jahren in beiden deutschen Ländern formiert.

Kinderalltag an der Mauer

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Katja Ludwig: Das Mauerschweinchen, cbj 2019 € 13.-

"Schwein gehabt", denkt Aron, als das Meerschweinchen an seinem improvisierten Gleitschirm über die Grenzanlage in den Westen Berlins segelt. Ein Meerschwein und die Berliner Mauer bilden den Mittelpunkt zweier Kindergeschichten, die vom Leben in den deutschen Ländern der 80er Jahre erzählen. Die Mauer führt quer über die Wolliner Straße und bildet die Begrenzung der kindlichen Welten. Arons Eltern wollen mit dem Westen nichts zu tun haben, aber Arons Oma besucht ihn regelmäßig. Als Rentnerin darf sie von Osten nach dem Westen reisen. Deshalb nennt Aron sie auch seine "Wandeloma". In Noras Mietshaus, auf der westlichen Seite wohnt auch eine Oma. Jeder nennt sie Oma Wirsing. Sie wandelt manchmal in umgekehrter Richtung, von West nach Ost, um sich die Haare preisgünstig in lila Locken legen zu lassen. Noras größter Weihnachtswunsch wäre ein Meerschwein gewesen, doch ihre Eltern wollen ihn ihr nicht erfüllen.

Kindheit auf zwei Seiten der Mauer

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Franziska Gehm & Horst Klein: Hübendrüben. Als eure Eltern klein und Deutschland noch zwei waren. Klett-Kinderbuch 2018 € 14.-

Max und Maja sind Cousin und Cousine und wachsen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf. Wie damals üblich gehen ihre Väter zur Arbeit. Ihre Mütter sind Hausfrauen. Max hat eine kleine Schwester und Maja einen kleinen kleinen Bruder. Sie gehen zur Schule, genießen die Sommerferien und sprechen die gleiche Sprache. Fast. Max will Astronaut werden und Maja Kosmonaut. Max liebt Hähnchen und Maja Broiler. Cola? "Darfst du nicht", sagen die Erwachsenen zu Max. "Knusperflocken?" "Hammer nich", sagen sie zu Maja.

Gute Laune Buch

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Karin Kalisa, Sungs Laden, H.C. Beck 2015, € 19,95
Mit Wärme und Witz erzählt dieser Roman von kleinen und größeren Wundern am Prenzlauer Berg: Ausgelöst durch eine Schulveranstaltung werden Interesse und Neugier für das Vietnamesische geweckt, das zu DDR – Zeiten nach Berlin kam. Es kommt zu ungeahnten Begegnungen und Aktionen und während die Protagonisten sich über sich selbst wundern schmunzelt der Leser. Mit leichter Hand erzählt Karin Kalisa von manchmal gar nicht leichten Lebenswegen und schenkt uns damit ein fesselndes Gute-Laune-Buch.

Sammlerin von Augenblicken

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Anne Krüger: Alle der Kosmonauten, Loewe Verlag € 17,95

In Anne Krügers Debüt „Die Allee der Kosmonauten“ geht es um die junge Frau Mathilda, die in der DDR groß wurde und nach dem Fall der Mauer nicht mehr weiß, wo genau im Leben sie eigentlich steht und was sie von sich, ihren Mitmenschen und der Zukunft erwartet.
Anne Krüger hat selbst einmal in der Allee der Kosmonauten gewohnt, allerdings ist der Roman nicht autobiographisch erzählt, sondern reine Fiktion. Im Gegensatz zur ihrer Protagonistin wollte sie auch nie Kosmonautin werden, wie viele Kinder und Jugendliche, die im Ostblock groß wurden. Die Kosmonauten wurden damals als Idole verehrt, ihr Beruf war der Traum vieler Heranwachsender. Anne Krüger wollte als kleines Mädchen lieber Osterhase werden. Es stellte sich dann doch heraus, dass ein Germanistik-Studium etwas näher an der Realität liegt und da Schreiben ihr schon immer ein Bedürfnis war, verfasste sie bald Theaterstücke und Hörspiele.

Sammlerin von Augenblicken

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Foto: Anne Krüger und die Bücherfresser auf der Leipziger Buchmesse. Zum Interview

Anne Krüger, Allee der Kosmonauten, script5 2015 € 17,95

Schon Tschick hat uns gezeigt, dass der Weg zu Freundschaft und Freiheit durch die Allee der Kosmonauten führen muss. Die im Osten Berlins gelegene Straße gilt nach der Errichtung ihrer vielgeschossigen Plattenbauten in sozialistischer Vorzeit als Prestige-Wohnbezirk. Die Protagonistin Mathilda war eins der „Sternenkinder“, die hier einziehen durften. Ihre Kindheit wurde von den verheißungsvollen Versprechen dieses russischen Aufbruchs geprägt. Nach der Jahrtausendwende wirken die Kosmonauten und ihre traumanregenden Schatten, welche die fast Erwachsene weiterhin begleiten, irritierend. Nach einem abgebrochenenStudium jobbt Mathilda an der Kasse eines Supermarktes und kämpft mit dem unerklärlichen Gefühl der Verlorenheit. Menschen scheinen ihr rätselhaft. Ihre Beziehungen sind ständig zum Scheitern verurteilt. Gern verliert sie sich in ihrem Alltag und fühlt sich überfordert. Die Familie wohnt nah, doch die Beziehung zu ihr ist so fern wie die Beziehung zu sich selbst. Auch ihre dicksten Freunde aus Kindertagen sind kein Heilmittel. Bewundernd hängt man sich an die Fersen dieser ziellosen Sammlerin von Augenblicken, die dem Leser in einem Fluss von lakonischen Shortcuts präsentiert werden. Um zu einem Ganzen zu finden und es mit sich selbst aushalten zu können, muss Mathilda sich ihre Kindheit zurückerobern. Dieser Weg führt sie nicht nur in den „Laden der verlorenen Dinge“ sondern fast nach Baikonur.Anne Krüger beschreibt in Matilda die Lebenssuche ihrer Generation, die geschichtsbedingt abrupt von ihrer Kindheit getrennt wurde. Diese sorgsam erzählte Entdeckungsreise ohne Theatralik steht in erstaunlichem Gegensatz zu Jana Hensels „Zonenkinder“. Mathilda glückt am Ende die Bergung der eigenen Vergangenheit als unabdingbares Puzzleteil für ihr gegenwärtiges Leben. Diese Geschichte in bester Coming of Age Manier kann ähnlich wie Tschick mit jugendlicher Neugier oder mit erwachsenem Wehmut gelesen werden.

Leben in der DDR

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Buchmesse: Frankfurt 2014: Unser erster Programmpunk war die Podiumsdiskussion zwischen zwei Autorinnen, die beide aus der DDR kommen und Bücher darüber geschrieben haben: Grit Poppe mit Weggesperrt, Abgehauen und aktuell Schuld, und Dorit Linke mit ihrem Debüt Jenseits der blauen Grenze. Mit beiden konnten wir ein Interview führen.

In den goldenen Westen

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Dorit Linke, Jenseits der blauen Grenze, Magellan 2015 € 16,95

Hanna und Andreas leben in der DDR. Hanna ist  eine Leistungsschwimmerin. Die beiden Freunde sind als Staatsfeinde in das Visier der Staatssicherheit geraten. Nun müssen sie über die offene Ostsee flüchten. Sie sind nur über einen 50 cm langen Nylonfaden verbunden. Ich finde dieses Buch gelungen, da es spannend aufbereitet ist und immer zwischen Rückblick und Gegenwart wechselt. Schön zu lesen. Sehr zu empfehlen. Anna, 13 Jahre

Flucht über Prag

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Grit Poppe, Abgehauen, Oetinger Tb 2015 € 6,99

Abhauen. Das ist scheinbar das einzige, was Gonzo, die offiziell Nicole heißt, tun kann, um den Jugendwerkhöfen der DDR zu entkommen. Und sie versucht es immer wieder, egal wie oft sie erwischt wird. Denn Gonzo hört nicht auf, von der Freiheit zu träumen, außerhalb der Grenzen des Drills, des Gehorsams und der Gewalt in den Jugendwerkhöfen. Doch als ihr letzter Fluchtversuch glückt und sie auf René trifft, eröffnet er ihr sogar eine neue Freiheit: Flucht in die BRD. Gemeinsam reisen sie 1989 nach Prag und schließen sich den Menschen an, die dort die Botschaft der Bundesrepublik besetzen, immer in der Hoffnung auf ihr Happy End. Dramatisch, realitätsnah und spannend vor allem für diejenigen, die Deutsche Geschichte bisher nur aus dem Schulunterricht kannten. Kathi,17 Jahre

drüben!

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Simon Schwartz, drüben! Avant Verlag € 14,95

Drüben ist eine Graphic Novel, die vor allem in schwarz, weiß und grau gehalten ist und so gut zu der Stimmung in der DDR passt. Der Autor erzählt die Geschichte von sich und seinen Eltern, die aus der DDR fliehen wollen. Doch deren Eltern, die überzeugte Bürger der DDR sind, fassen die Flucht nicht gegen das unterdrückende System, sondern gegen sich selbst gerichtet auf. Ich fand das Buch gut, es liest sich schnell  und ist sehr interessant, aber "Such dir was aus, aber beeil dich" zum Thema DDR ist noch origineller.