Articles tagged with: Coming of Age

Stark machen für die Akzeptanz des Anderen

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Candice Carthy-Williams: Queenie, Verlag Blumenbar 2020 € 22.-

Queenies Name ist stark. Majestetisch sogar. Ihre Mutter gab ihn ihr im Wissen, dass sich Queenies Leben ebenso wenig einfach gestalten werden wird, wie ihr eigenes. Mit ihrer Hautfarbe ist sie dem täglichen Rassismus mit unzähligen Herabwürdigungen ausgesetzt. Obwohl Queenie seit drei Jahren als Redakteurin bei einer Tageszeitung einen soliden Job hat, läuft vieles schief in ihrem Leben. Ihr Freund hat eine Auszeit durchgesetzt und sie auf die Straße gesetzt. So trifft sie sich mit Männern von einer Datingplattform und denkt ihren Körper darbieten zum müssen, in Hoffnung auf ein wenig Anerkennung. Carthy-Williams Roman, ein klassisches Young adult, erzählt schnell, hart, direkt und unmittelbar in sich mischenden Textformen, geschlossener Prosa, Postings und Chats.

Von inneren und äußeren Kämpfen

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Andreaas Izquierdo: Schatten der Welt, DuMont Verlag 2020 €16,00

Thorn, eine Kleinstadt in Westpreußen nahe der russischen Grenze Anfang des 20. Jahrhunderts, und drei Freunde, deren Leben der Leser bis nach Ende des 1. Weltkriegs verfolgen darf. Arthur, Carl und Isi stammen aus einfachen Familien, sie sind jung, wollen sich ausprobieren, Grenzen erfahren, ja, sogar Hierarchien herausfordern und das Wort des Vaters missachten. Sie suchen ihren Platz in Thorn, einen möglichen Lebensentwurf, doch der Ort macht es ihnen nicht leicht. Als der Krieg ausbricht, brechen Welten und Träume zusammen. Isi und Arthur, die irgendwie schon ein Paar waren, werden jäh auseinandergerissen. Carl und Arthur erleben den Krieg auf völlig unterschiedliche, durchaus auch brutale Weise, während Isi zuhause in Thorn ihren ganz eigenen Krieg führt. Gegen den Vater, gegen den Gutsherrn Boysen samt Sohn, die ihr und den Freunden mit ihrer Überheblichkeit schon immer ein Dorn im Auge waren. Ein Coming-of-Age Roman mit historischer Kulisse, bisweilen herrlich amüsant aber auch herzzerreißend dramatisch. Ein Buch zum Eintauchen in eine Zeit, die ihre ganz eigenen Geschichten geschrieben hat.

Alternativlos

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Victor Jestn: Hitze, Verlag Kein und Aber 2020 € 20,00

Die Landes im Sommer: Pinienwälder am Atlantik und brütende Hitze beherrschen den Campingplatz. Der 17-jährige Léonard ist mit seiner Familie im Zelturlaub. Und während alle anderen Jugendlichen die Tage am Strand, am Pool und mit Feiern bis in die tiefe Nacht und Sex verbringen, langweilt er sich. Bis er bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge auf Oscar trifft. Oscar, der sich an der Schaukel erdrosselt. In seinem realitätsfernen Zustand tut Léonard … nichts. Erst hinterher vergräbt er Oscars Leiche in den Dünen, ohne zu wissen wieso. Der dünne Band von Victor Jestin fesselt von der ersten Seite an. Léonards Verhalten erscheint zugleich unlogisch und vollkommen alternativlos je länger die Situation anhält. Die Atmosphäre des Campingplatzes mit Animationsprogramm erwacht durch die sprachliche Darstellung zum Leben, und die Charaktere scheinen alle in ihrer eigenen Sommerpausenblase zu schweben. „Hitze“ entführt in einen nicht so entspannenden Sommerurlaub in eine der wunderschönen Regionen Frankreichs.

Auf der Suche nach Leben

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Felicitas Korn: Drei Leben lang, Kampa Verlag 2020 € 22.-

Zunächst eröffnen sich klassische Themen: Unfalltod, Alkohol und Drogen. Das Buch entwickelt sich langsam auf hohem literarischem Niveau, und enfaltet dabei unaufhaltsam seine berührende, mitreißende, erschütternde und erschreckende Wirkung. Das Ende bietet einen faszinierenden, unvorhersehbaren Twist, der die gesamte Geschichte in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Sammlerin von Augenblicken

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Anne Krüger: Alle der Kosmonauten, Loewe Verlag € 17,95

In Anne Krügers Debüt „Die Allee der Kosmonauten“ geht es um die junge Frau Mathilda, die in der DDR groß wurde und nach dem Fall der Mauer nicht mehr weiß, wo genau im Leben sie eigentlich steht und was sie von sich, ihren Mitmenschen und der Zukunft erwartet.
Anne Krüger hat selbst einmal in der Allee der Kosmonauten gewohnt, allerdings ist der Roman nicht autobiographisch erzählt, sondern reine Fiktion. Im Gegensatz zur ihrer Protagonistin wollte sie auch nie Kosmonautin werden, wie viele Kinder und Jugendliche, die im Ostblock groß wurden. Die Kosmonauten wurden damals als Idole verehrt, ihr Beruf war der Traum vieler Heranwachsender. Anne Krüger wollte als kleines Mädchen lieber Osterhase werden. Es stellte sich dann doch heraus, dass ein Germanistik-Studium etwas näher an der Realität liegt und da Schreiben ihr schon immer ein Bedürfnis war, verfasste sie bald Theaterstücke und Hörspiele.

Parfüm überdauert

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Als Wahlberlinerin mit New Yorker Wurzeln schreibt und liest Holly-Jane Rahlens mit charmantem, frischem Witz. Im Jahr 2273 macht sich der Handschriftenexperte Finn daran, einen Fund alter Tagebücher  von einer Berliner Schülerin zu entschlüsseln. Neben vielen Dingen, die Finn völlig fremd sind, fasziniert ihn vor allem der ständige Gebrauch des Wortes „ich“, welches in seiner Welt nicht mehr existiert. Unsere Palast-Lesungen in diesem Frühjahr standen im Zeichen des Coming of Age.

Sammlerin von Augenblicken

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Foto: Anne Krüger und die Bücherfresser auf der Leipziger Buchmesse. Zum Interview

Anne Krüger, Allee der Kosmonauten, script5 2015 € 17,95

Schon Tschick hat uns gezeigt, dass der Weg zu Freundschaft und Freiheit durch die Allee der Kosmonauten führen muss. Die im Osten Berlins gelegene Straße gilt nach der Errichtung ihrer vielgeschossigen Plattenbauten in sozialistischer Vorzeit als Prestige-Wohnbezirk. Die Protagonistin Mathilda war eins der „Sternenkinder“, die hier einziehen durften. Ihre Kindheit wurde von den verheißungsvollen Versprechen dieses russischen Aufbruchs geprägt. Nach der Jahrtausendwende wirken die Kosmonauten und ihre traumanregenden Schatten, welche die fast Erwachsene weiterhin begleiten, irritierend. Nach einem abgebrochenenStudium jobbt Mathilda an der Kasse eines Supermarktes und kämpft mit dem unerklärlichen Gefühl der Verlorenheit. Menschen scheinen ihr rätselhaft. Ihre Beziehungen sind ständig zum Scheitern verurteilt. Gern verliert sie sich in ihrem Alltag und fühlt sich überfordert. Die Familie wohnt nah, doch die Beziehung zu ihr ist so fern wie die Beziehung zu sich selbst. Auch ihre dicksten Freunde aus Kindertagen sind kein Heilmittel. Bewundernd hängt man sich an die Fersen dieser ziellosen Sammlerin von Augenblicken, die dem Leser in einem Fluss von lakonischen Shortcuts präsentiert werden. Um zu einem Ganzen zu finden und es mit sich selbst aushalten zu können, muss Mathilda sich ihre Kindheit zurückerobern. Dieser Weg führt sie nicht nur in den „Laden der verlorenen Dinge“ sondern fast nach Baikonur.Anne Krüger beschreibt in Matilda die Lebenssuche ihrer Generation, die geschichtsbedingt abrupt von ihrer Kindheit getrennt wurde. Diese sorgsam erzählte Entdeckungsreise ohne Theatralik steht in erstaunlichem Gegensatz zu Jana Hensels „Zonenkinder“. Mathilda glückt am Ende die Bergung der eigenen Vergangenheit als unabdingbares Puzzleteil für ihr gegenwärtiges Leben. Diese Geschichte in bester Coming of Age Manier kann ähnlich wie Tschick mit jugendlicher Neugier oder mit erwachsenem Wehmut gelesen werden.