Articles tagged with: Beziehung

Dreißig Jahre zusammen

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Daniela Krien: Der Brand, Diogenes 2021, € 22,00

Rahel und Peter sind seit 30 Jahren ein Paar: Sie ist Psychologin, er Professor für Literatur in Dresden. Die Kinder sind erwachsen, die Tochter hat inzwischen zwei Söhne, der Sohn arbeitet zielstrebig an seinem Berufsziel. Das Paar, beide Mitte fünfzig, kümmert sich kurzentschlossen drei Wochen lang um den Hof von Ruth und Viktor in der Uckermark. Ruth ist eine Freundin von Rahels Mutter seit deren Jugend und eine wichtige Konstante in Rahels Leben. Das Paar hegt die Hoffnung, einander wieder nahe zu kommen - nahe zu sein. denn es hat sich eine Distanz zwischen sie geschlichen, genährt aus Enttäuschung, Verschweigen, unerfüllter Sehnsucht. Sehr gut beobachtend und beschreibend erzählt die Autorin über das Beziehungsgeflecht von Partnerschaft, kleiner Familie und Großfamilie. Vom Denken, Fühlen und Handeln, vom Verschiedensein, Vertrautheit und Zueinandergehören. Ein Buch, das sich in einem Sog lesen lässt, das anregt,  sich selbst und eigenen Beziehungen anzuschauen und zu hinterfragen. Und ein Buch, das Hoffnung gibt, dass es sich lohnen kann, dies zu tun.

Sommerhimmelblick

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Antonia Bontscheva: Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere, Frankfurter Verlagsanstalt 2021. € 24,00

Eine junge Frau aus Bulgarien lebt mit ihrem Mann und einer Tochter in Bremen. Sie fragt sich "Was verlässt man genau, wenn man seine Heimat verlässt?" Sie fragt sich auch, was die Liebe ausmacht, die sie gerne idealisiert, während sie versucht, mit ihrem korrekten Ehemann zurechtzukommenund.  Sie ist sehr impulsiv und der Tod ihres Vaters hat sie mitgenommen. "Eine Ablösung von der Eltern findet in diesem Land (Bulgarien) nicht statt" heißt es bezeichnend in dem Roman. Großmütter mit eingeschlossen, denn hier gibt es eine Großmutter, die mit Lebensanweisungen nicht spart, was die Icherzählerin zu Widerstand anstachelt. Sie möchte mehr über die Vergangenheit ihrer Familie erfahren und so wartet der Roman mit interessanten Episoden aus der kommunistischen Zeit Bulgariens auf. Ein Roman voller Emotionen dieser streitbaren Frauen in einer ganz besonderen lebhaft beschreibenden Sprache, die den Leser den bildreichen Kosmos einer bulgarischen Familie eröffnet. Herrlich!

Schauspieler unter sich

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Cynthia D`Aprix Sweeney: Unter Freunden, Klett-Cotta 2021, € 22,00

Mit Sweeneys Roman "Unter Freunden" taucht der Leser ein in die Szene der Schauspieler in New York und Los Angeles, auf der Bühne, im Film und als Sprecher. Er lernt zwei Freundespaare kennen, eines davon mit Tochter, die sich seit vielen Jahren einander anvertrauen und unterstützen. Ganz unerwartet entsteht ein Riß, der die Vergangenheit in Frage stellt, Unsicherheit im Miteinander auslöst und vielleicht sogar neue Lebenskonzepte fordert. Beeindruckend beobachtet!

Wendepunkte im Leben

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Birgit Müller-Wieland: Vom Lügen und vom Träumen. Roman in sechs Geschichten, Otto Müller Verlag 2021, € 22,00

Birgit Müller-Wieland, Autorin von Flugschnee, hat wieder einen unglaublich dichten und intensiven Roman geschrieben. Sie erzählt in sechs Geschichten, die untereinander fein verwoben sind, von Frauen und Männern, die Wendepunkte in ihrem Leben ereilen. Diese stellen eine große Herausforderung für sie dar. Sie durchleben Trennung nach vielen Ehejahren, unerfüllte Sehnsucht nach Vaterschaft, Alltag in der DDR und exotischer Ferne, Suche nach dem Vater, Mißbrauch, Mutterschaft ohne Partner - aber auch tiefes Vertrauen und Auffangen, Seelenverwandschaft, Mutterglück, Freundschaft und Loyalität. Birgit Müller-Wieland gelingt es, diesen tiefen Gefühlen in einer faszinierenden Sprache ausdruck zu verleihen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und ich hätte einige der Personen gerne noch über weitere Erlebenszeit begleitet.

München, Mitte der 60er Jahre

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Claudia Kaufmann: Das Fräulein mit dem karierten Koffer, Fischer 2021, € 11,00

Sabine ist gerade 19 und die Aufforderung, anständig zu sein, hat ihre ganze Erziehung geprägt. Das Gymnasium blieb ihr verwehrt, nun arbeitet sie als Sekretärin. Bei ihrem ersten Abend in einem Tanzlokal lernt sie Michael kennen, einen Industriellensohn. Alles scheint möglich in der Verliebtheit der beiden. Doch als Sabine schwanger wird sind weder ihr Freund noch ihre Mutter für sie da, alle Träume zerplatzen. Einzig die Mutter ihrer Freundin steht zu ihr und unterstützt sie, Sabine wird in ihrer schwierigen Situation als unverheiratete Schwangere und Mutter erstarken und für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kämpfen. Für den Leser wird  die Stimmung der 60er Jahre aus vielerlei Blickwinkeln sehr nachfühlbar und das emotionale Auf-und Ab der jungen Protagonistin verführt zum Immerweiterlesen und Abtauchen in diese Zeit.

Interkulturelles Liebeschaos

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Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh, Eichborn Verlag 2021, € 18,00

Die angehende Ärztin Olga steht plötzlich zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dem einen gehört ihr Verstand, dem anderen ihr Herz - wogegen sie sich lange standhaft zu wehren versucht, Der Fantasiereichtum von Jakob, genannt Jack, der nichts unversucht lässt, um Olga für sich zu gewinnen, gibt der Geschichte herrliche Wendungen. Nach ersten Jahren in Georgien und weiteren in Griechenland kam Olga mit 11 Jahren mit ihrer Familie nach München. Der georgische Hintergrund und eine Reise nach Tiflis geben interessante Einblicke in Mentalität und Lebensweise. Ein Roman, der mitfühlen lässt, der Spaß macht,  Kulturen verbindet,  angenehm unterhält und unbedingt auf ein Happy End hoffen lässt.

Fragen zur Weiblichkeit

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Linn Stromsborg: Nie Nie Nie, DuMont Verlag 2021, € 20,00

Die ehrliche und intensive Auseinandersetzung einer 35jährigen Frau mit der Frage, ob sie sich selbst treu bleiben kann und darf oder den gesellschaftlichen Erwartungen an sie als Frau und damit auch potentieller Mutter nachgeben soll. Schon früh hat sich für die Erzählerin herauskristallisiert, dass sie ein Leben ohne Kinder führen möchte. Damit schreckt sie so manchen Partner ab. Nur Philip bleibt. Mit ihm führt sie das Leben, dass sie sich vorgestellt hat: Spontan, lebendig, neugierig auf das Leben und mit einem bewegten Nachtleben. Rundum bekommen die Frauen Kinder, werden Freunde zu Eltern, warten Mütter auf Enkel, doch die Erzählerin will sich nicht rechtfertigen. Tut es dennoch in ihren inneren Monologen auf eine distanziert emotionslose Weise, und trifft den Leser dabei mit voller Wucht. Dann aber wird die beste Freundin schwanger und Philip hält die Gewissheit, nie eine Familie gründen zu können, nicht aus. Er hofft, hadert, geht und kommt wieder. Vieles ist in dieser Geschichte möglich oder auch nicht. In schlichter, klarer Sprache folgt der Leser der Gedanken- und Gefühlswelt der Erzählerin, bekundet mal Sympathien und mal Unverständnis, empört sich bisweilen, lässt sich aber durchaus auch beeindrucken. Über das Frau sein, die Weiblichkeit und Elternschaft.

Erinnerungsschätze

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Sylvie Schenk: Roman d`amour, Hanser 2021, € 18,00

Ein Frage-Antwort-Spiel und Erinnerungsschätze: In dem Roman von Sylvie Schenk wird eine Autorin interviewt. Fragende und Antwortende sind Frauen und ihre Gedanken kreisen nicht nur um den Roman sondern auch um eigenes Erleben. Dreiecksbeziehung, heimliche Liebe, intensive Urlaubswochen miteinander, losgelöst von allen Verpflichtungen. Wann sind es wahrhafte Erinnerungen, wann ist die Geschichte erdacht? Emotional dicht in der Frage nach dem Recht auf Liebe allen Konventionen zum Trotz, in dem Bewusstsein nach dem gleichzeitigen Empfinden von Abhängigkeit und Freiheit und in dem Nachspüren der Intensität eines Liebesabenteuers. EIne interessante literarische Auseinandersetzung zum Thema Liebe.

Geliebtes, gelebtes Miteinander

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Kerstin Campbell: Ruthchen schläft, Kampa Verlag 2021 € 20,00

So wünschen es sich viele von uns: Dass sich im Alter eine Lösung findet, im vertrauten Zuhause bleiben zu können, mit Nähe zur nächsten und übernächsten Generation. In diesem Roman, der hauptsächlich von den Bewohnern eines Altbaus in Berlin erzählt, gelingt es. Was nicht ausschließt, dass auch hier nicht alles glatt läuft: Verlassensein, Verpflichtungsgefühl, Unfälle und emotionale Zerrissenheit spielen auch hier mit. Und Ruthchen, die Katze auf dem Cover, hat eine entscheidende, teilweise skurrile  Rolle. Ein unterhaltsam zu lesender Roman, der den Leser mit einem hoffnungsvollen Gefühl zurücklässt.

Intensives jugendliches Erleben

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Ewald Arenz: Der große Sommer, DuMont Verlag Jahr 2021 €20,00

Jungenfreundschaft, Geschwisternähe, erste Liebe und ein intensives Wahrnehmen von Farbspielen, Duftnoten und Stimmungen in der Natur tragen dieses Buch. Ich habe mich sehr gern in die Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen des 16jährigen Friedrich hineinversetzen lassen, mich diesem jungen Menschen nahe gefühlt. Die Freundschaft hat ihre Rituale, birgt Abenteuer und wird erschüttert. Die Nähe zwischen Bruder und Schwester innerhalb der großen turbulenten Familie ist verlässlich. Die erste Liebe ist plötzlich da, von Friedrich sofort erkannt und zugelassen, wirft Fragen, Sehnen, Unsicherheit, Erstaunen, großes Glück und Verzweiflung auf. Da Friedrich viel Zeit bei seinen Großeltern verbringt, entdeckt er bei ihnen ihm unbekannte Seiten, was auch daran liegt, dass er sich selbst neu entdeckt und sein Interesse an ihrer Vergangenheit geweckt ist. Der Autor Ewald Arenz hat mich mit seinem neuen Buch ebenso mitgenommen wie im vorherigen Romans "Alte Sorten".

Heimliche homosexuelle Liebe

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Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos, Hoffmann und Campe, € 23,00

Ludwik wächst in den 1960er Jahren in Breslau auf und es ist interessant, wie er zunächst als Kind und dann als junger Erwachsener in Warschau das Leben im Kommunismus wahrnimmt. Als er zum Ende des Studiums in den 80er Jahren eine beglückende Liebe zu Janusz erlebt muss diese geheim bleiben, was seine kritische Sicht auf die politischen Verhältnisse untermauert. Rückblickend erzählt aus den USA, wohin er emigrierte, sich liebevoll erinnernd an die aus Lemberg umgesiedelte Großmutter, lässt der Protagonist uns ein Stück Zeitgeschichte intensiv und lebendig miterleben.

Eigenwillige Persönlichkeiten

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Iris Wolff: Unschärfe der Welt, Klett-Cotta Verlag 2020 € 20,00

Ein außergewöhnlicher Roman! Iris Wolff hat eine sehr schön beschreibende Sprache, es entstehen vor dem inneren Auge zarte Bilder und besondere Farben. Dabei ist das Erzählen nie ausufernd, oft sind die Sätze ganz kurz. In sieben Kapiteln erfahren wir viel über vier Generationen einer Familie aus dem Banat. Es sind durchaus eigenwillige Persönlichkeiten, die besondere Wege gehen. Manche Verknüpfungen werden dem Leser erst nach und nach bewusst und so wird er im Verlauf des Buches immer mehr in die Geschichte hieingezogen. Die Familie ist ein zentrales Thema, die Beziehungen der einzelnen miteinander. Freundschaften zwischen Jungen und Älteren, Liebe, und Verlust in unterschiedlichen Zusammenhängen. Das Leben im sozialistischen System Rumäniens, Geheimdienst, Flucht, Emigration. Vielsprachigkeit und Sprachlosigkeit. Es gibt viele Gedanken und Beobachtungen in diesem Buch, die zum eigenen Sinnieren anregen. Als ich auf der letzten Seite war, hätte ich am liebsten gleich noch einmal auf der ersten Seite begonnen, um das Buch mit dem Wissen um den Inhalt nochmals auf mich wirken zu lassen. Friederike Wagner

Per Anhalter durch Frankreich

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Autor: Sylvain Prudhomme, Allerorten, Unionsverlag, € 22,00

Ein zarte und feinsinniger Roman, in dem zwei Freunde in ein ganz besonderes Beziehnungsgeflecht geraten. Der 40jährige Schriftsteller Sacha trifft nach vielen Jahren seinen Freund aus Studienzeiten wieder. Damals waren die Freunde zusammen per Anhalter unterwegs. Der wiedergefundene Freund lebt inzwischen mit Frau und Sohn, verschwindet aber auch jetzt noch aus dem Alltag, um sich dem Zufall des Reisens hinzugeben. Ihn interessieren vor allem die Menschen, die ihm die Autotür öffnen und die Gespräche mit ihnen. Sacha lässt sich zu seiner eigenen Überraschnung mehr und mehr auf Menschen ein, übernimmt Verantwortung und wagt tiefe Gefühle. Die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden. Der französische Autor Sylvain Prudhomme fängt den Augenblick ein, die Gelegenheit, die sich zum Möglichen öffnet. Dieser Roman bringt eine Fülle von Gefühlen zum Schwingen und begeistert in seiner schönen und klaren Sprache.

Von Flughafen zu Flughafen

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 David Szalay: Turbulenzen, Hanser, € 19,00

Von Flughafen zu Flughafen ist der Leser mit diversen Protagonisten unterwegs und erlebt mit ihnen ihre Beziehungen in Familie, Partnerschaft, Arbeit und Gelegenheitsbegegnung. Oft sind es zwei Personen aus einem der Beziehungsgeflechte, die wir begleiten und wir geraten mit ihnen in oft lebensverändernde Situationen. Wie ein feines Mosaik ist dieser Roman, der die ganze Welt umspannt: sowohl an Orten als auch an Wendepunkten.

Das Leben leben

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Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten, Zsolnay, € 20,00

Ein Roman, in dessen Sprache ich mich sofort wohlgefühlt habe, der mich sehr angenehm unterhalten hat und sympatisch Zwischenmenschliches wiedergibt. Carlo hat eine Gartenbaufirma und ist der Erzähler. Es gibt drei Menschen, die ihm nahe stehen: Agon, der aus dem Kosovo in die Schweiz kam und bei ihm angestellt ist. Er ist von großer, kräftiger Statur und gleichzeitig mit großen Zartgefühl für Menschen und Pflanzen. Dann ist da Ana, seine Frau, von der er getrennt lebt, seit die gemeinsame Tochter das Haus verliess. Er liebt sie immer noch und er spürt weiterhin die Vertrautheit ihrer Gesten und Körperlichkeit, wenn sie sich begegnen. Des weiteren erzählt er von seiner alten Mutter, die heimlich aus dem Altersheim verschwindet und sich in dem Grand Hotel ihres Heimatortes einnistet. Sie hat dorthin nicht nur als Bäckerstochter die Brötchen geliefert, wie ihr Sohn es wusste, sondern er wird von einer weiteren, viel bedeutsameren Episode in der Vergangenheit seiner Mutter erfahren.

Mit Gustav Mahler auf dem Schiff

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Robert Seethaler: Der letzte Satz, Hanser Berlin, € 19,00

Gustav Mahler auf seiner letzten Schiffsreise von New York nach Europa lässt verschiedene Szenen seines Lebens in seinen Gedanken und Gefühlen Revue passieren. Die erste Begegnung mit Alma, seine Arbeit als Operndirektor in Wien, das Komponierhäuschen auf dem Land, seine beiden kleinen Mädchen, der Empfang im Savoy Hotel in New York. Robert Seethaler versetzt sich und uns in die innere Welt des zart besaiteten und gefeierten Dirigenten und Komponisten am Ende seines Lebens.

Auf nach Venedig!

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Jana Revedin: Margherita, Aufbau, € 22,00

Margherita wächst mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in sehr einfachen Verhältnissen auf. Sie trägt nicht nur die Zeitungen in ihrer Heimatstadt Treviso aus, sondern liest darin täglich über das Weltgeschehen und macht sich ihre Gedanken dazu, so daß sie dem Grafen Revedin eine geschätzte Gesprächspartnerin ist. Als er um ihre Hand anhält wähnt Margherita sich in einer mozartschen Oper. Doch diese ungewöhnliche Verbindung wird Wirklichkeit. Die junge Frau wird in Paris in die intelektuellen und künstlerischen Kreise eingeführt, wo sie neue Seelenverwandte und lebenslange Freunde findet, von Coco Chanel eingekleidet und lernt Sprachen. In Venedig, wo sie 1920 mit ihrem Mann den Revedinschen Palazzo am Canal Grande bezieht, widmet sie sich ihrer neuen Aufgabe: den Agrartourismus am Lido zu etablieren und ihn mit den ersten Filmfestspielen zu internationalem Ruhm zu bringen. Es wird Margherita nicht gelingen, vom venezianischen Adel anerkannt zu werden aber sie findet Freunde unter den Einheimischen als auch unter venedigvernarrten Ausländern wie Peggy Guggenheim. Ihre persönliche Befindlichkeit, kleinere und größere Dramen werden in Beschreibungen und Dialogen gut ausgelotet und als Leser verfolgt man gespannt ihren Werdegang. Venedigkenner überqueren Brücken mit ihr, bleiben vor bekannten Fassaden stehen, besuchen Harrys Bar und fahren durch die Kanäle. Da die Autorin Jana Revedin die Frau von Margheritas Enkel ist, muss es auch einen Sohn gegeben haben...Beste Unterhaltung für Venedig - und Geschichtsliebhaber!

Für Architekturliebhaber

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Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer, Dumont Verlag, € 22,00

Die Hauptfigur dieses Romans ist eine Villa, erbaut 1909 für ein Professoren-Ehepaar in Berlin - Dahlem. Der Architekt ist jung und er legt sein ganzes Herzblut in dieses Projekt, die Gestaltung im großen und im Detail. Die Menschen, die dieses Haus bewohnen, sowohl Anfang des zwanzigsten als auch Anfang des 21.Jahrhunderts leben nicht nur in Beziehung zu den ihnen nahestehenden Menschen sondern auch in Beziehung zu dem Haus. Mit ihnen durchwandert der Leser die Räume und Winkel der Villa als auch die Zeitgeschichte.

Ein ganzes Schriftstellerleben

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Lilly King, Lovers & Writers, C.H.Beck Verlag 2020 €24,00

Die junge Casy träumt den Wunsch vieler - nach ihrem Master in Creative Writing arbeitet sie an einem Roman. 6 Jahre  lang, in denen es das Leben nicht immer gut mit ihr gemeint hat. Ihre Beziehungen enden alle ernüchternd, ider Kontakt zu ihrem Vater ist schwierig, ihre Mutter stirbt. Kurz danach steigt der Leser in das Leben von Casey ein: sie wohnt in einer winzigen Garage, kellnert wegen eines Berges Schulden zwei Schichten in einem Restaurant, und findet nicht die richtigen Worte, um ihren Roman zu beenden. Zeitgleich drängen zwei Männer- beide Schriftsteller -  in ihr Leben, die sie einerseits in ihrem kreativem Schreiben inspirieren, sie andererseits an ihre eigenen Grenzen in Sachen Beziehungen bringt. Ihre Kindheitsgeschichte bringt die Schwere in Casey Leben, der Alltag als Kellnerin dagegen viel Witz und Charme. Bis zu dem Tag, an dem ihr Roman fertig ist und sie sich zwischen den beiden Männern entscheiden muss, wird der Leser an Caseys Gedanken, ihren Hoffnungen und Ängsten teilhaben dürfen. Das Buch ist ein Geschenk für jeden, der an Schriftstellerleben teilhaben möchte. Und darüber hinaus ein Buch darüber, dass es sich lohnt, an seinen Traum festzuhalten.

Es war einmal in der Schweiz

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Katharina Geiser: Unter offenem Himmel, Jung und Jung, € 23,00

Fünf Generationen umspannt dieser Roman mit besonderem Blick auf zwei Frauen: Elise, die in den 1880ern vom Dorf in die Stadt zog, um sich ein freieres Leben zu erschaffen und Klara, die gute 100 Jahre später in Basel heranwächst und dann dort als Buchhändlerin arbeitet. Beide sind sie auf der Suche nach Echtem und Wahrem, nicht nur in der Beziehung zu Männern. Sie lassen sich berühren von dem, was das Leben für sie bereithält und bringen sich ein mit Nachdenken und Tatkraft. Elises Geschichte erzählt von dem Leben im Dorf, der Familie mit vielen Kindern, von den Lebensumständen der Prostituierten in Zürich, vom Arbeitervietel in Bern. Klara wird als Einzelkind groß, der Vater hat eine Metzgerei und versucht, ihr die Welt in Geschichten zu erklären, während die Mutter sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Auch als Erwachsene begleiten Klara Geschichten und Zitate und sie gleicht ihr Leben damit ab. Es sind die feinen Beobachtungen, die intensiven Wahrnehmungen, die in diesem Roman verzaubern. Er strahlt viel Ruhe aus und auch die längst vergangenen Zeiten werden uns lebhaft vorstellbar.

Von leisen Hoffnungen und Stimmen im Kopf

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Julia Walton, Wörter an den Wänden, Arctis Verlag 2020 €18,00

Wenn Wörter unausgesprochen bleiben, aber die Stimme auf Papier fließt , hat man diese Stimme sehr eindringlich im Ohr. Der Leser begleitet den 17Jährigen Adam ein knappes Jahr durch sein Leben mit Schizophrenie.  Aktuell nimmt er an einer Medikamentenstudie teil, die sehr hoffnungsvoll beginnt und von Ärzten und seinem Therapeuten begleitet wird. Er weigert sich allerdings, mit dem Therapeuten zu sprechen und schreibt stattdessen ein Tagebuch in Briefform. Er schreibt von seinen Hoffnungen und Ängsten, davon, dass der Therapeut ihm das Verständnis entgegen bringt, das er im Außen nie finden wird. Denn Adam traut seinen Halluzinationen und Aussetztern nicht über den Weg. Sie sind Schuld, dass er die Schule wechselt. Sie sind mit ein Grund, warum er in der neuen Schule seine Krankheit verschweigt, Als er sich zu Maya, die gern aneckt und feine Antrennen hat, hingezogen fühlt, wird er anfangs den starken Part einnehmen. Er wird Maya aufbauen, wenn sie zweifelt, und ihr schöne erste Male bescheren. Nur von seiner Schizophrenie erzählt er nichts. Und das wird am Ende zu seinem größten Problem, an dem er und die zarte Beziehung beinahe zerbricht. Die Autorin erzählt auf ihre besondere Weise von einem Leben am Rand der Gesellschaft und gleichzeitig schreibt sie ein einfühlsames Buch über das Erwachsen werden.

Stimmiger literarischer Spot auf die Gegenwart

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Leif Randt: Allegro Pastell, Kiepenheuer & Witsch, 2020 € 22.-

Sie passen perfekt zusammen die 26-jährige Berlinerin Tanja Arnheim, die mit ihrem Roman "Panoptikum-Neu", der Shootingstar in der jüngeren Literaturszene ist und der 33-jährige Jerome Daimler, der im Speckgürtel Frankfurts im Bungalow seiner Eltern wohnt. Als erfolgreicher Webdesigner hat er ausgesorgt. Gutaussehend und erfolgreich jetten sie zwischen den angesagten Szenen Frankfurts und Berlins hin und her und sind in ihrem virtuellen Dasein zuhause. Alle Erlebnisse und Begegnungen werden reflektiert und genauestens kommentiert, denn das Leben will gut überlegt sein. Wohldosierte Alkohol- und Drogenerlebnisse, wichtige Freundschaften, Sex, hippe Sportschuhe und Fake-Markenprodukte werden clever social media tauglich inszeniert, nur kein Anecken, alles in Pastell und Allegro bitte!

Unter Engländern – ein Gesellschaftsroman

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Jonathan Coe: Middle England, Folio Verlagsgesellschaft 2020 € 25,00

Wer sich in das Lebensgefühl der 2010 - 2018er Jahre in England einfühlen möchte, sollte den neuen Roman von Jonathan Coe lesen. Dieser zeigt über seine Protagonisten die verschiedenen Sichten auf die Veränderungen in der Gesellschaft und die Reaktionen darauf. Wo dem einen die alte Tradition, wie zum Beispiel die nun verbotene Fuchsjagd fehlt, ist dem anderen die Rechtmäßigkeit der Ehe unter Homosexuellen noch lange nicht fortschrittlich genug. Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 weckt ungeahnten Nationalstolz, 2018 erschrecken Angriffe auf Ausländer, die sich vorher gut integriert und akzeptiert fühlten. Das Referendum entscheidet für den Brexit und eigentlich heimatliebende Briten verlassen ihr Land. Dies sind nur einige Aspekte des vielfältigen Gesellschaftsporträts, das in diesem Roman gezeichnet wird. Es wird geliebt, getrennt, gearbeitet und geschrieben in der Middle Class in Middle England und Jonathan Coe verknüpft eine Vielzahl von Lebenswegen zu einem unterhaltsamen und eindrucksvollen Werk.

Doch noch entdeckt!

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Georg M. Oswald: Vorleben, Piper Verlag 2020 € 22,00

Die Journalistin Sophia kommt von Berlin nach München, um das Programmheft des staatlichen Symphonieorchesters zu konzipieren. Gleich nach der ersten Begegnung beginnen Sophia und der ältere Cellist Daniel eine leidenschaftliche Beziehung. Wenn er bei ihr ist, fühlt Sophia sich in seiner Wohnung zuhause, ist er fort, tauchen Fragen und Zweifel auf. Was weiß sie eigentlich über sein Vorleben? Warum spürt sie eine unsichtbare Grenze auf der Schwelle zu seinem Arbeitszimmer? Die Journalistin in ihr kann nicht anders, als einem kleinen Hinweis nachzugehen und dieser führt sie zu einer Geschichte, die sie atemlos weiterforschen lässt. Wenn man diesen Roman liest, meint man, es sei eine wahre Geschichte, die sich da im Münchner Glockenbachviertel zugetragen hat!

Seelische Gratwanderung

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Gianrico Carofiglio: Drei Uhr morgens, Folio Verlag 2019 € 20,00

Der 18-jährige Antonio ist zu einer neurologischen Konsultation mit seinem Vater in Marseille und soll sich spontan einem Provakationstest unterziehen: 2 Tage und 2 Nächte ohne Schlaf, um die Reaktion des Körpers auf diesem Stress auszuloten. Der Vater verließ Antonio und seine Mutter, als der Junge 9 Jahre alt war und seitdem haben Vater und Sohn ein eher distanziertes Verhältnis zueinander. Die ungeplante, ungewöhnliche Situation des gemeinsamen 48stündigen Wachseins in einer fremden Umgebung lässt die beiden sich neu wahrnehmen und erlaubt bisher nie gestellte Fragen und Antworten. SIe befinden sich auf einem Scheitelpunkt zwischen gestern und morgen. Antonio und sein Vater erleben etwas, das im Buch von einer weiteren Person so umschrieben wird: "unverhofft in eine neue Situation springen, den Blickwinkel ändern, die Dinge, die wir zu kennen glauben in einem anderen Licht sehen" - und das Buch macht Mut und Lust, dies im eigenen Miteinander umzusetzten, nicht nur zwischen Vater und Sohn.

In der Stadt der Lichter

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Whitney Scharer: Die Zeit des Lichts, Klett-Cotta 2019 € 22,00

Ein mitreissender Künstler- und Liebesroman im Paris der 1930er Jahre. Die schillernden zentralen Figuren sind Lee Miller und Man Ray: Ihr langsames Annähern über die Kunst der Fotografie zu einer leidenschaftlichen obsessiven Beziehung. Sie sind umgeben von der Größen der Pariser Bohème aus Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Film, Ballett. Die Euphorie und Verzweiflung im Künstlerdasein werden in all ihren Höhen und Tiefen ausgelotet, allem voran die Sehnsucht der außergewöhnlichen Lee Miller nach Anerkennung ihrer Kunst.  Wir Leser fühlen uns wunderbar hineinversetzt in diese Zeit, sitzen mit den Künstlern im Deux Magots, trinken Gin Fizz auf Partys und genießen beim Lesen den Strudel aus Bildern und Emotionen in der Stadt der Lichter.

Englischer Eheroman

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Kathy Page: All unsere Jahre, Wagenbach 2019 € 24,00

Ein Eheroman über 70 Jahre: Harry und Evelyn lernen sich in einer Londoner Bibliothek kennen. Er verliebt sich in ihre Schönheit und Direktheit, sie sieht in ihm den Mann, der ein besserer für sie sein wird, als ihr Vater es für ihre Mutter war. Sie heiraten zur Zeit des 2. Weltkriegs, der Harry in weite Ferne führt und bei dessen Ende er Evelyn mit der kleinen Lilian umarmen kann. Er wird viele von Evelyns Wünschen erfüllen können und immer derjenige sein, der um der Harmonie willen nachgibt. Die dritte Tochter fordert beide sehr heraus und das Alter macht es ihnen nicht leicht, obwohl die Vier- Generationen-Familie zusammenhält und immer wieder schöne Erlebnisse aufblitzen.  Eine Lebensgeschichte über das Geben und Nehmen, das Verbindende und Trennende, das Träumen und die Realität. Die Autorin liess sich durch die Briefe ihres Vaters an ihre Mutter während des 2. Weltkrieges inspirieren und bindet einige davon in den sprachlich schönen Roman  geschickt  ein.

Im Marschland

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Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, Verlag hanserblau € 22,00

Kya wird das Mädchen genannt, das fast ganz auf sich gestellt in dem Marschland North Carolinas aufwächst. Sie ist zunächst noch ein Kind, das sich selbst beibringen muss, Mahlzeiten zu bereiten, das sich in der Natur mehr zuhause fühlt als in der Hütte, die mal eine große Familie beherbergte. Sie wird einige wenige Menschen finden, die ihr zugewandt sind während sie den Bewohnern des nahegelegenen Küstenstädtchens fremd und sogar gefährlich erscheint. Als junges Mädchen wird sie die Nähe eines jungen Mannes lieben lernen, doch auch hier lauert die Gefahr des Verlustes. DIe Schilderung ihres Lebens und ihrer Entwicklung ist verknüpft mit literarisch beglückenden Naturbeobachtungen von Flora und Fauna. Zunehmend an Spannung gewinnend zieht ein Todesfall mit Mordverdacht den Leser in Bann. Ein besonders geglücktes Debüt, das in all seinen Facetten absolut überzeugt und begeistert!

Verflechtungen

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Arif Anwar: Kreise ziehen, Wagenbach Verlag 2019 € 24,00

Wie ein verschlungenes Seil, das Stück für Stück gelöst wird, liest sich der einige Jahrzehnte umspannende Roman von Arif Anwar. Er erzählt von dem indischen Ehepaar Rahim und Zaira, das 1946, vor der Teilung des Landes, von Kalkutta nach Ostbengalen zieht und sich dort ein neues Leben aufbaut. Er erzählt auch von dem Paar Jamir und Honufa mit ihrem kleinen Sohn, die 1970 in Bangladesch einem Sturm ausgesetzt sind, in dem die Welt unterzugehen scheint. Und auch Shahiyar und Anna sind zwei sehr wichtige Personen in diesem Roman: Vater und Tochter in Washington 2004. Wie diese Personen in Verbindung stehen und wie sie sich den Herausforderungen ihrer Leben stellen lässt und viel über Charaktere, Gesellschaftasstrukturen und religiöse Hintergründe erfahren.

Endlich der Sommer!

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Petra Hartlieb: Sommer in Wien, Du Mont Verlag 2019 € 18,00

Nach Winter und Frühling können wir nun das sympatische junge Mädchen Marie durch den Wiener Sommer begleiten. Sie ist mir schon recht ans Herz gewachsen in ihrer natürlichen, aufgeschlossenen und einfühlsamen Art! Nach zwei Jahren als Kindermädchen im großbürgerlichen Haushalt Arthur Schnitzlers wird sie sich nun im Jahre 1913 in ein eigenes Zuhause und ein unabhängigeres Leben aufmachen. Hoffentlich wird es bald Herbst in Wien! Diese schmalen, vom Du Mont Verlag so schön gestalteten Romane von Petra Hartlieb sind eine herrliche Entspannungs- und Wohlfühllektüre für jedes Alter und wie ein Blumenstrauss zu vielen Gelegenheiten zu verschenken.