Articles tagged with: Behinderung

Was sich unter der Oberfläche verbirgt

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Anna Woltz: Für immer Alaska, Carlsen Verlag 2018 € 12.-

1.  Ich heiße Parker. Ich heiße so, weil ich in einem Park geboren wurde.
2. Vor zwei Jahren haben wir die Asche meiner toten Oma im Phantasialand ausgestreut.
3. Und ich kann Jingle Bells bellen. Zitat: Woltz, Für immer Alaska
Nur zwei von diesen drei Fakten über Parker sind wahr, einer ist erfunden, und der letzte ist das nicht. Denn Parker hatte es geliebt, mit ihrem Hund Alaska zu „singen“, bevor sie Alaska weggeben musste. Parker vermisst Alaska ganz schrecklich, bis sie sie wiedertrifft, als Assistenzhund ihres Klassenkameraden Sven. Wenn der nur nicht so fies wäre… Also beschließt Parker Alaska zu entführen, doch Sven kommt ihr in die Quere. Aber ohne Parker zu erkennen, nachts, außerhalb der Schule verhält er sich wie eine ganz andere Person…
Für immer Alaska ist nicht nur die Geschichte eines Mädchens, das seinen Hund liebt und vermisst und das unter dem Mobbing in der Schule leidet, sondern auch die eines Jungen, der seine eigenen Probleme hat. Es zeigt, dass man niemanden voreilig verurteilen sollte, und das auf nicht in einer moralisierenden Art, und man oft gar nicht alles sieht, was eine Person ausmacht, weil sich vieles unter der Oberfläche verbirgt.

Enthemmendes Miteinander

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Horst Klein, Monika Osberghaus: Alle behindert, Klett-Kinderbuch 2019 € 14,00

Geht das wieder weg? Mutige Normalität im Besonderen: 15 dauerhafte Einschränkungen werden hier neben 10 Wesenmerkmalen präsentiert, die im Miteinander einfach hinderlich sind. Die Übergänge dabei sind fließend. Mitmachlevel und Lieblingssätze verorten Sachinformationen spielerisch wie ernsthaft. Spannend, witzig, nahbar, nachvollziehbar und einfach enthemmend!

Verschlossene Welten

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Katya Balen: Mein Bruder und ich und das ganze Universum, Carlsen Verlag 2019 € 13,00

Die Geschichte beginnt mit einem Ereignis, dem Kinder mit freudiger Erwartung entgegen sehen. Frank und sein kleiner Bruder Max bekommen neue Schuhe zum Schulanfang. Doch bei Max führt alles Ungewohnte und Neue zu irrsinnigen Wutausbrüchen, bei denen er sich selbst verletzt. Frank nennt das die Kernschmelze. Seine Familie und er versuchen das Schmelzen von Max zu verhindern, den Sechsjährigen vor sich selbst zu schützen, ihn auf Neues behutsam vorzubereiten oder die Dinge beim Alten zu belassen wo es geht. Mit Max redet man in Zeichensprache, oder mit Bildern, und Worten, die er oft nicht an sich heranlässt, denn die Welt von Max ist eine ferne, verschlossene Welt.

Mut zum Ungewohnten. Max Dorner präsentiert: Steht auf, wenn ihr nicht könnt.

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Maximilian Dorner: Steht auf, wenn ihr nicht könnt. Behinderung ist Rebellion, btb 2019 € 20.-

Vieles im Leben des Menschen ist an seinen aufrechten Gang angepasst. Literarisch und inhaltlich beeindruckend bietet Dorner an, an einem Leben jenseits dieser Normen teilzunehmen. Mit seinem Rollstuhl mit Handbike bereist er die Städte der Welt, hadert mit Kopfsteinplaster und defekten Fahrstühlen, die ein erstzunehmendes Problem bei täglichen U-Bahnfahrten in München bilden. Behinderung kann wütend machen, verschlingt Zeit, benötigt Kreativität und mehr oder weniger Hilfe. Hier scheint es schwierig, für Helfer zwischen Wegschauen und Bevormundung die Mitte zu treffen. Ein Schuss Selbstironie und Kunst im Umgang mit den Rollen würzt das Buch ebenso wie klare Fakten. Seine Empfehlung im Umgang mit Behinderung lautet: Hinschauen und nicht verkrampfen. Meine Empfehlung lautet: Neugierig bleiben, aufeinander zugehen, einander besser Kennenlernen, der eigenen Angst vor einem Tabuthema ins Auge schauen. In diesem Sinne freuen wir uns bei dieser Veranstaltung auf alle, die ihren Blick bereichern wollen.

Andersgewöhnliche Normalität. Eine autobiografische Spurensuche

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Tom Tirabosco: Wunderland, Reprodukt 2017 € 24,95

Außergewöhnliche Normalität: Als das Wort Krüppel noch durch die Straßen hallte, wird Michel geboren. Er ist ein Draufgänger und Haudegen, eine Sportskanone mit Prothese, der sich weigert, seine Armstümpfe zu verstecken. Ohne besondere Gedanken ist er einfach inklusiv – inmitten der Geschwister, den Kindern auf der Straße, den Eltern die streiten. In seinen autobiografischen Erinnerungen inszeniert Tirabosco in packender Bildsprache Liebe und Leid in berührendem Wechsel.

Abtauchen!

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Jennifer Egan: Manhattan Beach, Fischer Verlag 2018 € 22,00

"Manhattan Beach" erzählt eine Geschichte, die den Leser im wahrsten Sinnes des Wortes in das New York der 1930/40er Jahre abtauchen lässt. Die zentrale Figur Anna wird, allen Widerständen zum Trotz, zur Taucherin in der Marinewerft ausgebildet und wird dort arbeiten. Es fehlt aber auch nicht an faszinierenden männlichen Protagonisten, die den Leser in die Unterwelt der Nachtclubs und des organisierten Verbrechens mitnehmen. Ein sehr gut recherchierter und emotional fesselnder Roman mit eigenwilligen und raffinierten Akteuren, die man nicht so schnell vergisst!

Aug in Auge

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Badey, Kühn: Strom auf der Tapete, Beltz & Gelberg TB 2018 € 7,95

An seinem 16. Geburtstag hat seine Mutter Ron Robert das atemraubende, weiße Cabrio mit roten Ledersitzen für eine gemeinsame Spritzfahrt an den Straßenrand gestellt. Leider wird dieser selig machende Geburtstagsanblick durch ein aus dem Fenster auf die Straße fliegendes Radio zerstört. Ein Nachbarschaftsstreit, der die Polizei auf den Plan ruft. Doch da sitzt Ron Robert schon am Steuer, neben ihm die Klassenkameradin Clara, auf dem Rücksitz ihr Rolli und raus geht es, aus Frankfurt/ Oder, weg von den Streitigkeiten in der sozialen Unterschicht, den Alltagssorgen, den Männerbekanntschaften und dem Alkoholkonsum  in Mutters Umfeld. Ron Robert macht sich auf die Suche nach seinem Vater, zusammen mit Clara, die viel mehr auf ihren eigenen Beinen steht, als man es beim Anblick des Rollstuhs vermuten würde. Dem Schreiberinnen-Duo Andrea Badey und Claudia Kühn ist ein rasantes Roadmovie mit überzeugenden Akteueren gelungen, in dem Klaras Behinderung nur eine von vielen Beeinträchtigungen ist, die einem das Leben schwer machen können. Immer wieder erstaunen die schlagkräftigen, witzigen Dialoge, die klaren Gedanken, welche nichts vernebeln und schönreden und  dabei entwaffende Leichtigkeit verbreiten. Gegen Ron Roberts Albträume gibt es nur eine Lösung: Schau dem Wolf in die Augen und tu was! Selbst wenn es mal schiefgeht, das ist der Weg. Alles andere wird sich finden. Ein briliant durchkommponierter Text, der auf sich selbst vertraut und mit nichts als Selbstverständnis zu überzeugen versteht. Unbedingt lesenswert und als Klassenlektüre zu empfehlen.

Willi darf nicht fehlen

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Birte Müller: Planet Willi, Klett-Kinderbuch €13,95

Das autobiographische Bilderbuch katapultiert die Außenstehenden mitten hinein in Willis Leben und das Leben mit Willi. Er ist mit Down-Syndrom geboren, richtiger Trisomie 21, einem Chromosom mehr als Andere. Sein Wesen breitet sich in elementaren thematischen Episoden auf je einer Doppelseite in Bild und Text aus. „Willi lernt essen“, „Willi will küssen“, „Willis Zunge“. Der klare, einfache und direkte Ton des Textes ist wohltuend, entwaffnend wie faszinierend, weil man spürt, dass das Leben mit Willi alles andere als ganz einfach ist. Das ist bei Willi normal. Tränen und Glücksgefühle liegen bei allen Beteiligten dicht beieinander. Die aus dieser Ambivalenz erwachsende besondere Lebensenergie zeigt sich auch auf jedem, der auf den ersten Blick chaotischen, flächigen, farbintensiven Bilder. Dem linear geordneten Nebeneinander der Dinge stehen Zeitsprünge und eine cineastische Dramaturgie gegenüber. Überaus stark treten innerhalb der Reduktion dabei die Emotionen der Protagonisten zu tage. 

Zweieinigkeit

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von der Kritikerjury und der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017

Sarah Crossan: Eins, Mixtvision Tb 2018 € 13,90

Sie sind der Hingucker. Oder der verschämte Weggucker. Die 16-jährigen siamesischen Zwillinge Tippi und Grace. Grace, die zurückhaltendere von beiden erzählt ihre Geschichte. Und sie macht es kurz. Wenige Worte auf einer Zeile, oft nur ein Wort. Und noch eins:
Aber
ich will
für mich selbst
sprechen.
So einfach ist das Einfachste gar nicht, wenn man sich, wie Grace, Teile seines Körpers mit seiner Schwester teilt. Bald teilt der Leser ihre Gedanken und erkundet das anderes Leben. Nicht voyeuristisch. Nicht angeekelt. Nicht sensationshascherisch.Einfach mitfühlend. Und in vielem alltäglich. Der Besuch einer Schule bringt Tippi und Grace die ersten Freunde. Die Arbeitslosigkeit des Vaters und sein Hang zum Alkohol birgt Familienstress. Die Schwesternliebe zueinander, aber auch zur dritten im Bunde, einer leidenschaftlichen Balletttänzerin, gibt Rückhalt und Selbstbewusstsein. Das erste Verliebtsein lässt träumen. Eine wirklich ernsthafte Wendung nimmt das Leben für Grace und Tippi erst, als die Ärzte, bedingt durch die Herzschwäche von Grace, empfehlen, die Mädchen zu trennen. Eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod beginnt. Sarah Crossan erzählt vom Menschsein im Außergewöhnlichen. Selten habe ich so etwas bemerkenswertes gelesen.

Mit eindringlichem Blick auf die Welt

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Kim Slater: Smart oder die Welt mit anderen Augen, dtv 2016 € 14,95

"Der Anfang war, als ich Colins Leiche im Fluss fand. Die Mitte war, als Tony seine Arbeit verlor und das mit den Besuchern angfing. Und der Schluss...." Zitat aus Slater, Smart
Kiran ist ein langsamer Denker und ein genauer Beoboachter. Eigentlich schon fast sechszehn, betrachtet er die Welt aus den Augen eines Kindes, will sich in ihr zurechtfinden und sucht seinen Platz. Seine Mutter ordnet sich demütig einem gewalttätigen Stiefvater unter. Kieran, das Anhängsel verbringt viel Zeit mit sich allein. Als er einen Penner tot am Fluss findet und die Polizei nichts tut, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln. Fasziniert folgt man Kirans Gedanken zu Menschen und dem Leben an sich. Immer um Menschen besorgt, manchmal beeindruckend bestimmt und mutig, bewegt sich der Junge in seiner Welt, die ihn nicht gerade auf die Sonnenseite des Lebens gestellt hat. Sein behäbiges Denken bläht sich als Schutz wie ein Segel im Wind, mit dem Zeichenstift hält er genau fest, was er sieht. Sofort fällt der Leser in diese Geschichte, sieht, hört und spürt mit allen Sinnen. Nicht zuletzt voller Sprachegenuss und guter Rhytmik. Ein leicht kriminalistischer, sehr smarter Lesegenuss.

Sprachvirtuos tiefbegabt

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Deutscher Jugendliteraturpreis Kinderbuch 2009

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten, Carlsen Tb € 6,99

„Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten.“ (Zitat aus Steinhöfel, Rico, Oskar und die Tieferschatten)
Dafür denkt Rico auch drei Umdrehung weiter und tiefer als jeder andere. Und damit ist er für die Jagd nach Mister 2000, dem Aldi-Kidnapper, genau der Richtige. Mit Oskar und seinem Sturzhelm für sein kostbares, hochbegabtes Gehirn an seiner Seite, steht dem Abenteuersommer im Kreuzberger Kiez nichts mehr im Wege. Ein 100%  gelungenes Buch! Diese Geschichte bietet einen Atem raubenden Krimi (wenn man Mister 2000 nur fünfzig Euro gibt, bleibt von einem Kind womöglich nur eine Hand übrig), eine tiefblickende, charmante Sozialstudie („Irgendwann werden das Hängemöpse“, sagte Mama zu ihrem Spiegelbild und zu mir. „Und dann?“ sagte ich. „ Dann gibt´s neue“, sagte Mama entschlossen. „Hier geht’s schließlich um mein Betriebskapital.“) und eine zarte Außenseitergemeinschaft, in der Rico, der kommunikative, lebenspfiffige, zähe kleine Bursche einfach nicht locker lässt. Katrin Rüger