Articles tagged with: Autobiografie

Autobiografische Geschichten aus Sozialismus, Suff und Familienleben

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Jaromir Konecny: Du wächst für den Galgen. Ein Roman in Geschichten, edition Lichtung 2019 €13,90

Kindheitsgeschichten mit Galgenhumor
Mit einer guten Portion Galgenhumor erzählt Jaromir Konecny in kurzen, schwungvollen Episoden  von seiner Kindheit in der sozialistischen Tschecheslowakai. Während der proletarisch wie kommunistische Vater das Leben männlich mit Alkohol und Prügelstrafe am Laufen zu halten versucht, setzt  die Mutter, die aus bürgerlichem Elternhaus stammt, auf Kriminalgeschichten, Kontakte, unvergessliche Sprüche und harte Arbeit. Die Kinder dazwischen entdecken die Mysterien der Welt in kleinen und großen Abenteuern. Niemand macht sich die Mühe, ihnen dabei viel zu erklären. Eine schnelle Ohrfeige ist Erklärung und Lehre genug. Wann immer die Mutter kann, versucht sie die Kinder zu schützen. Auch die Romakinder im Städtchen bedenkt sie mit Zuwendung. Mit entwaffnender Logik deckt der Autor im Laufe der Geschichten auf, wie sich sein kindlicher Berufswunsch von "Rentner sein" zu "Schriftsteller werden" wandelt. Natürlich ist auch dabei die Mutter nicht ganz unschuldig.

Andersgewöhnliche Normalität. Eine autobiografische Spurensuche

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Tom Tirabosco: Wunderland, Reprodukt 2017 € 24,95

Außergewöhnliche Normalität: Als das Wort Krüppel noch durch die Straßen hallte, wird Michel geboren. Er ist ein Draufgänger und Haudegen, eine Sportskanone mit Prothese, der sich weigert, seine Armstümpfe zu verstecken. Ohne besondere Gedanken ist er einfach inklusiv – inmitten der Geschwister, den Kindern auf der Straße, den Eltern die streiten. In seinen autobiografischen Erinnerungen inszeniert Tirabosco in packender Bildsprache Liebe und Leid in berührendem Wechsel.

Revolution ist keine Dinnerparty

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Ying Chang Compestine: Revoluton ist keine Dinnerparty, jacoby & Stuart 2018 € 15.-

Von Sommer 1972 bis Herbst 1976 beschreibt Ying Chang Compestine mit autobiografischen Zügen das Leben der kleinen Ling in China während der Kulturrevolution. Sie lebt von ihrer Familie behütet auf dem Gelände eines Krankenhauses. Ihr Vater ist ein angesehener Arzt. Der Vater unterrichtet seine Tochter neben der Schule in englischer Sprache, die er in seinem Medizinstudium in San Francisco gelernt hat. Ein Bild der Golden Gate Bridge, Sinnbild für das Verbindende, ist Vaters ganzer Stolz und auch Ling liebt dieses Bild. Als der Genosse Li das Arbeitszimmer des Vaters beschlagnahmt, ziehen Spitzelei und willkürliche Gewalt unmittelbar ins Haus ein. Die Golden Gate Bridge wird hinter einem Bild von Mao Zedong versteckt. Das Leben verstummt, Erinnerungen, Fotoalben und Briefe werden aus Angst verbrannt. Geliebte Nachbaren kommen in Umerziehungslager, der Vater verliert seinen Beruf und wird erst zum Putzmann im Krankenhaus degradiert und dann ins Gefängnis gesteckt. Plakate, Parolen, Spruchbänder und Lautsprecher schreien die Botschaft Mao Zedongs in die Welt. Für Ling bleiben diese Worte fremd und abstoßend. Sie widersprechen in allem dem, was sie täglich sieht und körperlich erfährt. Strom und Lebensmittel werden rationiert und sind bald gar nicht mehr zu bekommen, Menschen werden gedemütigt, verletzt, verschleppt und ermordet. Revolution ist ein brutales und blutiges Geschäft, weit entfernt von rechtem und gerechtem Miteinander und ganz wie im Krieg weiß am Ende weiß bald keiner mehr, wo die Seite der Sieger ist. Compestine erzählt eindringlich, gut verständlich und emotionsstark. Ihre zu Herz gehende Geschichte erzählt von den Menschen, von ihrem Alltag und ist in vielen Dingen selbsterklärend. Sie kommt mit minimalen politschen Erklärungen und Fussnoten aus. 10 Jahre nach dem Erscheinen der englischen Erstausgabe hat dieser Roman nichts eingebüßt. Er bleibt lesenswert.

Deutsch mit afrikanischen Wurzeln

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Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil, Rowohlt Tb € 12,00

Identitätssuche

Das erste Buch des Literaturkritikers Ijoma Mangold ist nicht nur eine Autobiografie, sondern gleichzeitig ein interessantes Gesellschaftsportrait des Deutschlands der 70er - 90er Jahre. Ijoma Mangold, Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, der kurz nach der Geburt des Sohnes nach Afrika zurückging und den Mangold erst mit 22 Jahren kennenlernen sollte, wuchs in einer geschützten Welt in Heidelberg auf. "Der Junge", wie Ijoma Mangold von sich selbst in der Kindheit erzählt, hat einige Besonderheiten in sein Leben zu integrieren: Die Abwesenheit des Vaters, eine unkonventionelle Mutter und eine andere Hautfarbe. Ihn beseelt die Sehnsucht nach Assimilation, die ihm so gut gelingt, dass er erst in seiner Jugend, nach dem Abitur, eine ganz neue Seite seiner Identität entdeckt: Bei Aufenthalten in den USA und bei seinem ersten Kontakt mit der afrikanischen Familie seines Vaters. Der Leser kann sich über durchaus komische Aspekte erzählter Anekdoten amüsieren, hat aber nie das Gefühl, ein Voyeur zu sein und fühlt sich angeregt, an eigene Erlebnisse zu denken als auch über die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen im Allgemeinen zu reflektieren. Möge "Das deutsche Krokodil" nicht der einzige Roman von Ijoma Mangold bleiben!

Historisch und literarisch sensationell

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Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten, Hanser Verlag 2016 € 22,00

1943 geschrieben und veröffentlicht, auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt, 2015 in Frankreich neu aufgelegt und in diesem Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt: Francoise Frenkel, eine junge polnische Jüdin, die in ihrer Begeisterung für die französische Literatur 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete, erzählt von ihrem Leben. Ihrem erfolgreichen Engagement für die Literatur wird 1939 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. Sie flieht nach Paris und von dort aus quer durch Frankreich bis nach Nizza. Hier erlebt sie sowohl die Nöte des Überlebens im besetzten Frankreich als auch die couragierte Hilfsbereitschaft in der französischen Bevölkerung. Der Leser folgt gebannt ihren Beobachtungen in Freiheit, im Versteck, auf der Flucht, im Gefängnis. Beim 3. Versuch wird ihr die illegale Überquerung der Grenze in die Schweiz gelingen, gleich danach hat Francoise Frenkel das vorliegende Buch verfasst. Ein außergewöhnliches Zeugnis, ein historisch und literarisch sensationeller Fund.