Articles tagged with: Amoklauf

Aufarbeitung eines Amoklaufes

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Svenja K. Buchner: Bis die Zeit verschwimmt, Carlsen Verlag 2020 € 16,00

Als Helenes beste Freundin Cassie bei einem Amoklauf in ihrer Schule ums Leben kommt, nimmt sie sich fest vor die Gründe des Täters herauszufinden, auch, damit sie aufhört, sich selbst die Schuld an Cassies Tod zu geben. Dabei lernt sie viele Angehörige und Bekannte der Opfer des Amoklaufs kennen. Außerdem trifft sie die Eltern des Täters. Das Buch ist anschaulich und sehr gefühlvoll geschrieben und die Autorin lässt die Orte durch detailgetreue Beschreibungen gut im Kopf entstehen. Helene selbst ist vor allem anfangs sehr eigensinnig und nicht das typische Klischeemädchen. Das Buch ist aus ihrer Sicht geschrieben und man bekommt einen tiefen Einblick in ihre Gedanken. Cassie lernt man über Rückblicke kennen, den Tag des Anschlags ebenfalls. Die Autorin befasst sich mit verschiedenen Arten der Trauerbewältigung und spricht damit ein wichtiges Thema an. Allerdings wird das Buch zum Ende hin immer vorhersehbarer und Helene wirft viele ihrer Prinzipien, die sie so besonders gemacht haben, über Bord und verhält sich immer klischeehafter.
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Jugend im Gespräch mit Lea-Lina Oppermann zu „Was wir dachten, was wir taten“

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz&Gelberg Tb € 7,95

Außergewöhnliche Lebenssituationen sind in der Jugendliteratur ein beliebtes Thema. Gewissen und Haltung, das Leben selbst steht plötzlich auf dem Prüfstand. Lea-Lina Oppermann hat ihr Debüt mit 16 Jahren geschrieben und und beeindruckt mit Schreibtalent und Beobachtungsgabe zu jugendlichem Denken und Handeln. Ihr Buch ist zum Lieblingsbuch der Jugendlichen und zur perfekten Schullektüre avanciert.

Amoklauf in der Schule

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Marieke Nijkamp: 54 Minuten, Fischer Verlag 2017 € 14,99

Das Buch handelt von einem Amoklauf. Nach der Rede der Direktorin wollen alle die Aula verlassen, aber die Türen sind verschlossen. Tyler, der Amokläufer, fängt an zu schießen und will alle töten, die ihm je Unrecht getan haben. Das Buch ist aus der Sicht von vier Jugendlichen erzählt. Sie heißen Claire, Autumn, Tomás und Sylv. Sie haben alle etwas mit Tyler zu tun. Das Buch bleibt immer spannend, da es die Seiten wechselt und nicht alle in der Aula waren, als Tyler zu schießen begann. Ich finde das Buch sehr gut. Kleiner Geheimtipp, meinerseits!

Jung und beherzt

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz&Gelberg 2017 € 12,95

Auch in der Schule, in der Klassengemeinschaft, scheint sich heutzutage die Welt nur um den Einzelnen zu drehen. Egoistisch und selbstgefällig, ohne rechten Blick auf die Anderen wurschtelt jeder sich durch. Wen wundert diese Erkenntnis im Handyzeitalter. Diese Gleichgültigkeit, gar Missachtung dem Anderen gegenüber führt ungewollt und ungeahnt zu tiefen Verletzungen. Das wiederum gipfelt im großangelegten Rachefeldzug des Einzelnen an der Gruppe. Dem Amoklauf. Manchmal würde man sich doch mehr Lebensfantasie wünschen. Wenigstens in der Literatur. Die Autorin, Lea-Lina Oppermann, 19 Jahre jung, beschreibt  diese Ausnahmesituation in der hermetisch abgeriegelten Welt des Klassenzimmer auf hohem Spannungsniveau aus drei Perspektiven. Zwei Durchschnittschüler Mark, Fiona und ihr junger Lehrer Herrn Filler erzählen. Wie in Zeitlupe spiegeln sie in gekonntem rhythmischen Wechsel jede Bewegung des Eindringlings und der Gruppe und sehen dabei immer sich selbst im Zentrum der Situation.  Allen voran der Lehrer, dessen knapper Altersvorsprung und  Ausbildung ihn keineswegs erhabener oder aktiver gemacht haben. Selbst als der Täter einen Stapel Briefe mit seinen Wünschen auf den Tisch legt, Forderungen in denen jeder mal gezwungen wird, andere Bloßzustellen, kommt keinem die Frage in den Sinn, was hier überhaupt gespielt wird. Viele Möglichkeiten des Eingreifens verstreichen. Stück für Stück erkennen die Erzähler erst jetzt, mit den gestellten Aufgaben, die Rolle Einzelner im Gesamtkontext der Gruppe und füllen ihre bisherige Nichtwahrnehmung mit defensiven Rechtfertigungen. Utopische Höhenflüge einer Jugend? Fehlanzeige. Bei diesem Text handelt es sich um einen erzählerisch versierten,  düstern Zustandsbericht des Seins, der nach Diskussion und Klassenlektüre ruft. Katrin Rüger