Articles tagged with: amerikanische Belletristik

Interview mit der Lektorin Kerstin Kempf

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Wir sind zu Besuch im Mixtvision Verlag und haben die Gelegenheit mit der Lektorin Kerstin Kempf über ihre Arbeit zu sprechen.

Bücherfresser: Im Januar erscheint bei mixtvision „Eins“ von Sarah Crossan. Das Buch hat ein sehr ungewöhnliches Thema. Wie ist kam es dazu? Kerstin Kempf:Die Autorin hat mir erzählt, dass sie durch Zufall eine Reportage über siamesische Zwillinge gesehen hat. Das hat sie total fasziniert. Dann hat sie angefangen zu recherchieren bei Ärzten, Krankenhäusern und Vereinen. Mit siamesischen Zwillingen selbst konnte sie nicht so oft sprechen, weil die meisten keine Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit wollen.

Tom Leveen – spontan und awesome

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Für Tom Leveen braucht es nur ein wenig Spontanität. Wir trafen ihn zum Interview in unserem Lieblingscafé am Wiener Platz, Stadtführung inclusive für den Autor aus Phoenix, Arizona, der mit seiner Frau zum ersten Mal Deutschland besuchte. Er ist aus Phoenix, Arizona, und mit seiner netten Frau in Deutschland auf Lesereise. In Amerika sind sieben seiner Bücher erschienen, in Deutschland leider nur zwei, Party und sein neuestes Buch Ich hätte es wissen müssen.

Lady Afrika

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Paula McLain, Lady Africa, Aufbau Verlag 2015, € 19,95

Wer den Film „Jenseits von Afrika“ mochte, wird dieses Buch lieben! Eine Romanbiografie über Beryl Markham, die als kleines Kind 1906 nach British–Ostafrika kommt, dort sehr frei und naturnah aufwächst, was ihr ganzes Leben bestimmt.  Sie wird erfolgreiche Pferdetrainerin, lebt trotz zweier (unglücklicher) Ehen sehr selbstbestimmt und unabhängig, leidenschaftlich und mutig und wird 1936 als erste Frau den Atlantik überqueren. Gute, flüssig zu lesende Unterhaltung, die ein spannendes Stück Zeitgeschichte erzählt. 

Coole Nummer

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Jason Reynolds, Coole Nummer, dtv 2015 € 14,95

Als ich den Klappentext gelesen habe, dachte ich mir, um ehrlich zu sein, „Hä? Welcher verrückte Autor nennt seine Protagonisten denn bitte Noodles und Needles???“. Die Antwort lautet: Jason Reynolds. Er lebt in Brooklyn, New York und weiß genau, wovon er schreibt. Dadurch wird sein Debüt authentisch und überzeugend. Der 15-Jährige Ali ist am Anfang der Geschichte als Charakter unfertig und hat eine sehr kindliche Wahrnehmung. Er nimmt die Kriminalität innerhalb der Wohnblöcke Brooklyns und Konflikte zwischen seinen beiden Freunden als gegeben hin. Durch seine Augen begegnet man der Geschichte unvoreingenommen. Alis kleine Schwester hat seinen besten Freunden Spitznamen verpasst, Noodles, der immer genau dann rüberkommt, wenn das Essen fertig ist und Needles, der Tourette-Syndrom hat und deswegen zur Beruhigung strickt. Die drei haben plötzlich die Gelegenheit zu einer von Momos Partys zu gehen, bei denen normalerweise – drogen- und frauenbedingt - nur Erwachsene eingeladen sind. Noodles kommt nicht damit klar, dass sein Bruder „ein Syndrom“ hat und auf Momos Party eskaliert die Situation. Ali sieht sich mit organisierter Gewalt, Verfolgung und einer Freundschaftskrise konfrontiert. Er wird jenseits von Highschool-Hackordnungen und dem typischen Amerika anderer Jugendbücher groß, was eine spannende Abwechslung darstellt. Jason Reynolds beweist literarisches Können, indem er eine ungewöhnliche Geschichte erzählt, die dem Leser total natürlich vorkommt und in der er sich sofort zu Hause fühlt. Dabei spielt er auch mit Vorurteilen und schafft Überraschungsmomente, die einen sowohl nachdenklich stimmen als auch zum Lachen bringen können. Ein Buch und ein Autor, die beide viel Potenzial haben: ich will eine Fortsetzung!

Familienskelett

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Anna Shinoda, Die Mitte von allem, Magellan 2015€ 17,95

Der Roman beginnt mit dem Zitat von George Bernard Shaw "Wenn man das Familienskelett nicht loswerden kann, muss man es tanzen lassen."

Wann immer die 17-jährige Clare von ihrer schwierigen Familiensituation und -geschichte eingeholt und bedrängt wird, begleitet sie das Brandy trinkende Familienskelett Skel. Ihr großer Bruder, der strahlende Held und Beschützer Luke, war seit ihrer Kindheit immer wieder im Gefängnis. Die Eltern, besonders die pedantische Mutter, versichern ihr, dass er zu oft "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen sei, und verzeihen ihm seine Diebstähle ein ums andere Mal. Dabei kommt es Clare und dem Leser so vor, als würden sie Luke der selbständigen, "braven" Clare in Zuneigung und Geldfragen stark vorziehen. Schwierig ist für Clare auch, dass sie in einem kleinen Dorf leben, wo Klatsch und Tratsch rasch Vorurteile gegen sie bilden. Allmählich entdeckt Clare die Wahrheit über ihren Bruder, dessen Verbrechen schlimmer sind als bisher angenommen. Sie versucht, Klarheit zu erlangen, und sich freizumachen von der Einengung durch ihre Familie, eben dem "Familienskelett".Ihr Charakter, der unter anderem von ihrer Liebe zu Luke als großen Bruder, dem Einfluss ihrer Familie sowie ihrer Suche nach Freiheit und Selbständigkeit gesteuert wird, wird sehr glaubhaft beschrieben.Den erzählerischen Kniff, das Familienskelett Skel als Figur auftreten zu lassen, fand ich richtig klasse.Einige Dinge, wie etwa die Erlebnisse in der Kindheit der Mutter, werden nur angedeutet, was mir auch gut gefallen hat; es hat mich ein bisschen an Die Nacht gehört dem Drachen erinnert.Insgesamt ein toll aufgebautes Buch mit einer innovativen Idee, das mich noch lange beschäftigt hat!

Poetisch gestottert

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Vince Vawter, Wörter auf Papier, Königskinder 2014, € 16,90

In Wörter auf Papier erzählt Vince Vawter die außergewöhnliche Geschichte eines Jungen, der allmählich lernt mit seinem Stottern umzugehen. Da Victor einen Monat lang die Zeitungsrunde seines Freundes übernimmt, lernt er neue Leute kennen und muss beim Kassieren gezwungenermaßen plötzlich mit fremden Menschen reden und seine Angst vorm Sprechen überwinden. Die Geschichte spielt 1959 in Memphis, wobei die Apartheid  nur am Rande erwähnt wird, was sehr gut passt. Schließlich wird die Geschichte aus Victors Sicht erzählt und für Kinder sind politische Themen auch nur dann von Bedeutung, wenn sie ihr persönliches Leben plötzlich direkt betreffen. Die Atmosphäre des Buches wirkt fast märchenhaft, einerseits wegen der zauberhaften Geschichte die hier erzählt wird, andererseits wegen des besonderen Bezugs zur Sprache. Da Victor stottert, denkt er genau über die Wörter nach, ordnet und bewertet sie. Das überträgt sich natürlich auch auf den Leser.
Victor hat es wahrlich nicht einfach. Zwar ist der Baseball spielende Zwölfjährige der beste Werfer in seiner Heimatstadt Memphis, doch das Sprechen fällt ihm äußerst schwer. Sein Stottern ist so stark, dass er sich oft zurückzieht und nur wenig spricht, um nicht aufzufallen. Als sein bester Freund Arthur im Sommer 1959 für vier Wochen zu Verwandten aufs Land fährt, übernimmt Victor für ihn das Zeitung austragen in der Nachbarschaft. Die Zeitungen perfekt zu werfen macht im Spaß und fällt ihm nicht schwer, doch jeden Freitag muss er von Haus zu Haus gehen, mit den Menschen sprechen und das Zeitungsgeld einsammeln, weshalb er ein ungutes Gefühl im Bauch hat. Wie werden die Menschen auf ihn und sein Stottern reagieren? Victor lernt bei seiner Arbeit die unterschiedlichsten Leute kennen. Zum Beispiel Mrs Worthworth, die dem Whiskey nicht abgeneigt ist und ihn “Süßer” nennt. Einen Jungen, der das Haus nie verlässt und den Tag vor dem Fernseher verbringt. Den belesenen Mr Spiro, der Victor einen “stotternden Dichter” nennt und sich Zeit für seine Fragen nimmt. Und den obdachlosen Ara T, der die Mülltonnen nach Brauchbarem durchwühlt und es mit dem Besitz anderer Leute nicht so genau nimmt. Ich finde das Buch sehr gut, weil der Autor hervorragend mit der Sprache und der Umwelt umgeht. Außerdem beschreibt er sehr gut Geschehnisse und Orte aus der der Sicht des Jungen ohne Vorurteilen und mit viel Raffinesse. Es ist zwar ein Jugendbuch, aber es ist auch für Erwachsene geeignet.Ferdinand, 14 Jahre

Wörter in der Luft verwehen, kaum dass man sie gesagt hat, aber Wörter auf Papier bleiben für immer.“

Um sich mitzuteilen, sind im Jahr 1959 Wörter auf Papier die klare Alternative zu den Worten der gesprochenen Sprache. Der Geschichte des stotternden Zeitungsjungen Victor im damaligen Memphis wohnt von der ersten Seite an eine faszinierende Seele inne.Wann wird ein Kind erwachsen?“  fragt der Junge, der zaghaft beginnt sich naheliegende Welten zu erschließen, oderSind Erwachsene gut darin, mit Kindern zu kommunizieren?“ Der politische Lebenshintergrund, die Apartheid, vor dem sich Victors Persönlichkeit entwickelt, wird über wenige Bezugspersonen lebendig inszeniert. Baseball bestimmt das Leben des Jungen, der vier Wochen lang für seinen Kumpel Rat die Zeitungstour übernimmt. Der Job verlangt am Freitag an den Türen der Abonnenten zu klingeln. Es ist Zahltag. Als Stotterer bereitet sich Victor genau auf den Moment des Redens vor. Seine sparsamen Gesprächsbeiträge gelangen nur mit einem Schwall sanfter Luft aus seinem Mund. Will er etwas sagen, muss dies in sorgfältiger Überlegung und mit Präzision geschehen. Bei besonders wichtigen Wörtern verkrampft er sich. Einmal fällt er beim Sprechen sogar in Ohnmacht. Victors genaue Betrachtungen von Wörtern, ihre Zusammensetzung aus Buchstaben und Lauten, die Variabilität in Wahl und Nutzung und seine unablässigen Versuche die Sprache als Werkzeug benutzen zu können, sind beeindruckend. Als sorgsamer Beobachter von Sprache stolpert er auch darüber, wie fahrlässig im normalen Gespräch mit Worten umgegangen wird. Victor lernt, dass die Klarheit der Sprache von der er träumt nicht existiert. 2014 könnte man meinen, Wörter auf Papier gehören bald der Vergangenheit an. Und ein Buch im digitalen Zeitalter wäre genauso Retro wie dieses Cover. Doch weit gefehlt. Wörter im digitalen Raum gelesen verwehen im Gehirn fast so schnell wie jene der Luft. Für einen Dialog braucht es zwei, bekommt Victor zu hören. Und Lesen ist ein Gedankendialog. Ein Buch liegt gut in der Hand und seine Inszenierung ist für die Erschließung des Textes wichtig, wie die sanfte Luft zum Sprechen. Wir lesen mit allen Sinnen und wir brauchen den schön gestalteten körperlichen Raum, vom Vorsatz bis zum Lesebändchen, damit unsere Gedanken einzutauchen können in unser Gegenüber, das Buch. Wir brauchen Wörter auf Papier, damit die wohl gewählten Worte darauf bis ins Herz vordringen können und unsere Gedanken zu bewegen vermögen. Nicht nur der beeindruckende Text, auch das gelungene rundum macht dieses Buch zu einem Königskind, zum Lesegenuss vom Feinsten. Katrin Rüger