Articles tagged with: 80er Jahre

Im Würgegriff des Überwachungsstaates

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Grit Poppe: Schuld, Dressler Verlag € 9,99

Jana wächst in einem partei- und linientreuen Elternhaus auf. Gerade ist sie in eine schöne Villa am Stadtrand Berlins gezogen. Ihr Vater hat die Leitung eines Hotels übernommen. Neben ihr in der neuen Klasse sitzt Jakob. Seine Eltern haben einen Ausreiseantrag gestellt. Er gilt als Einzelgänger. Besser man hat keinen Kontakt zu ihm. Die beiden Außenseiter finden sich und Jana lernt die Welt Jakobs kennen, erst naiv, dann erstaunt und am Ende gefangen in vielen widerstreitenden Gedanken, in denen sie sich fast selbst verliert.

Loyalität und Anderssein

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Jennifer Gooch Hummer, Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam, Carlen Verlag € 17,90

Apron konnte ja nicht ahnen, dass sie Jesus persönlich bei einer Nachbarin treffen würde. Eigentlich war ihr Leben gerade nicht von Glücksmomenten gekrönt. Nach dem Tod ihrer Mutter möchte ihr Vater wieder heiraten. Ein neues Baby ist unterwegs. Als Apron im Chaos der misslungenen Hochzeit in der Kirche Mike, alias Jesus, erneut trifft, begleitet sie ihn und seinen Freund Chad mit nach Hause. Die beiden sind faszinierend anders. Sie sind ein Liebespaar. Doch Chad ist krank. Er hat Aids. Mitte der 80er Jahre hielt man Abstand von dieser Krankheit. Den Hass auf Homosexuelle erlebt Apron hautnah. Sie ist mit ganzer Intensität bei ihren neuen Freunden, die neue Farbe in ihr Leben bringen und kann letztendlich ihren Vater auf ihre Seite bringen. Der Sommer endet mit zwei einschneidenden Erlebnissen: dem Tod von Chad und der Geburt ihrer Schwester Daisy. Eine sensible Geschichte über Loyalität zum Anderssein.

 

Gesprächsfreudig

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2015

Benjamin Alire Sáenz, Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums, Thienemann Verlag 2014 € 16,99

Ist das Gespräch heute noch das Mittel der Wahl, dem Verpuppungszustand zu entkommen und sein Coming out zu wagen? 1987 war das noch so und Sáenz baut seine Geschichte fast vollständig mit der zärtlichen Lebendigkeit dieses direkten Austausches. Ari lernt Dante im Schwimmbad kennen. Er ist 16 und in seiner Zurückgezogenheit bebt und knistert es. Sein fürsorgliches Elternhaus schweigt über einen älteren Bruder. Das macht Ari zu schaffen und er fragt sich, ob er genauso wie sein Vater ist, der auch über seine Erlebnisse im Vietnamkrieg sprachlos bleibt, oder eher etwas vom gesprächsfreudigen, aufgeschlossenen Dante hat. Aris langsame Annäherung an den neuen Freund stoppt jäh als Dante bei ihm einen Kuss probiert. Dass Dante sich zu seiner Homosexualität bekennt ist ok, aber er, Ari, niemals.In dieser Geschichte passiert nicht unvorhergesehenes oder unbekanntes. Ein Happy End mit Wohlfühlatmosphäre, die nicht zuletzt in der erwachsenen Akzeptanz beider Elternhäuser zu finden ist. Die Auszeichnung mit dem Stonewall Book Award lässt an den Stonewall Aufstand 1969 in New York denken, bei dem sich Homosexuelle erstmals zur Wehr setzten. Derzeit sprachen sich 70% der Amerikaner gegen Homosexuelle aus. 1987 begann man erstmals öffentlich über Aids zu reden. Heutige Jugendliche können diese Geschichte als die Spielart eines Lebensentwurfs lesen, der gleichberechtigt neben andern steht. Die Geheimnisse des Universums sind wieder mal ein Stückchen selbstverständlicher geworden.