Articles tagged with: 70er Jahre

Ein Album verschwundener Dinge

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Till Penzek, Julia Neuhaus: Als die Großen klein waren. Ein Album verschwundener Dinge, Nilpferd Verlag 2019 € 16,95

Wisst ihr noch, liebe Eltern, wie unser erstes Spiel an einem Bildschirm aussah? Es nannte sich "Pong" und war so eine Art Tennis mit eckigem Ball, der sich von Seite zu Seite bewegte, wobei man wie gebannt auf den Fernseher starrte und versuchte den weißen Strich am Rande auf und ab zu bewegen. Das war der Tennisschläger, der den Ball zurückleitete. Es war so langweilig, dass man freiwillig nach einer gewissen Zeit lieber wieder "richtiges Fernsehen" schaute. Das Fernsehprogramm hatte schon Farbe und man konnte zwischen drei Sendern wählen. Wollte man eine Sendung schauen, musste man pünklich auf dem Sofa sitzen. Der 24 bändige Brockhaus füllte im ersten Stock des Hauses ein ganzes Regal. Er war die Quelle allen Wissens. Musik bannte man vom Radio auf Kassetten, Filme etwas später auf Videokassetten. Den Bandsalat wickelten wir mit einem Bleistift wieder hinein, in die Kassette. Bei den langen Diaabenden unserer Eltern interessierten uns weniger für die Bilder und mehr für das Knabberzeug, dass es sonst nie gab. Das Buch erzählt sparsam und  auf den Punkt gebracht, mit viel Raum für eigene Bilder, von Mediennutzung, Informationstransfer und Gesprächsaustausch. Nostalgie kommt da sicher nicht auf, doch ein gemächlichen Familienalltag, der doch noch gar nicht so lange her ist, rückt in den Fokus. "Wisst ihr noch, warum das Metall nebem dem Geldeinwurf in einer Telefonzelle immer so stark abgerieben war?" Natürlich!

Andersgewöhnliche Normalität. Eine autobiografische Spurensuche

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Tom Tirabosco: Wunderland, Reprodukt 2017 € 24,95

Außergewöhnliche Normalität: Als das Wort Krüppel noch durch die Straßen hallte, wird Michel geboren. Er ist ein Draufgänger und Haudegen, eine Sportskanone mit Prothese, der sich weigert, seine Armstümpfe zu verstecken. Ohne besondere Gedanken ist er einfach inklusiv – inmitten der Geschwister, den Kindern auf der Straße, den Eltern die streiten. In seinen autobiografischen Erinnerungen inszeniert Tirabosco in packender Bildsprache Liebe und Leid in berührendem Wechsel.

Zum Lachen, Mitfühlen, Träumen und Hoffen

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Christian Duda: Gar nichts von allem, Beltz & Gelberg 2017 € 12,95

Revolution ist machbar, Herr Nachbar.“ Diese Parole der 68er verirrt sich vorerst nur des schönen Reimes halber in Magdis Heft. Kein Tagebuch, nein, 35 brillante Berichte zum Lachen, Mitfühlen, Träumen und Hoffen fügt Christian Duda, alias Achmed Gad Elkarim in Magdis Namen hier zusammen. Autobiografische Anteile sind unverkennbar, Fettflecke, Saftglasränder, Gedankenkritzelein, und die Fingerabdrücke unzähliger Leser sind, Julia Friese sei Dank, ebenso unübersehbar. In einer Reihe von Mankos fühlt sich Magdi ohnmächtig gefangen. Im Jahr 1975 fehlt es noch beim Kreativspielzeughersteller Lego an flachen Bausteinen. Magdis bemühte Flugzeugkonstruktion zerfällt in den Händen des Bruders. Und hätte er doch nur wie dieser, die blonden Locken der Mutter geerbt. Dann sähe Magdi nicht so fremdländisch aus. Das Land, in dem sein Vater geboren wurde, kennt er nicht. Er vermutet Moslem zu sein, obwohl er zu wenige Moslems kennt, um dies mit Sicherheit sagen zu können. Christ jedenfalls ist er nicht, mangels Wahlmöglichkeit besucht er den üblichen Religionsunterricht. Dummerweise lässt sich sein Name auch nicht zu einem coolen Cowboynamen abkürzen, wie bei seinen Brüdern Joe und Sam. Seine Schwester kann als Mädchen den Schlägen des Vaters entkommen, die er nicht abzuwenden vermag. Magdi ist ein typisches Sandwichkind und stolzer Gymnasiast. Er geht gern zur Schule. Sie ist sein Auge zur Welt und sein Rettungsanker. Auf engstem Raum öffnet Christian Duda literarisch gekonnt die Fenster zu einer erstaunlich großen Palette von Themen. Hinzu kommen die beginnende Pubertät in schönster emotionaler Achterbahnfahrt, Freundschaft und der Halt, den Idole bieten. Nebenbei macht sich Magdi, selbsternannter Chronist aus Langeweile, Gedanken über den Gebrauch von Wörtern und den Sinn und Unsinn, der sich im Schreibprozess entwickeln kann. Hier entfaltet sich seine Sehnsucht nach Anarchie und seine Leidenschaft, auf dem Papier alles festzuhalten, nein „niederzuschreiben“, genau so, wie es passiert ist. An dieser Aufgabe wächst er über sich hinaus. Kindheiten der 60er & 70er Jahre drängen in diesem Frühjahr verstärkt auf den Markt. Solche Texte verlangen heutzutage meist ein Glossar, denn wer kennt noch Dick und Doof, Mohamed Ali, Bonanza oder die Fussballweltmeister von '74? Die Helden allen kindlichen Seins jener Zeit sind auch bei Magdi der Stoff, aus dem die Träume sind. Dudas origineller Anhang mit persönlicher Note ist so überzeugend, dass er glatt als Intro zu empfehlen wäre. Gar nichts von allem ist nach Elke in loser Folge ein beachtenswerter, weiterer Teil einer Trilogie berührender Kindheitsgeschichten. Auf den dritten Teil darf man sich schon jetzt von ganzem Herzen freuen.