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Richard Russo: Jenseits der Erwartungen, Dumont Verlag 2020 € 22,00

Lincoln, Mitte Sechzig, Immobilienmakler und Familienvater fährt nach Marthas Vineyard, wo er kleines Haus aus dem Familienerbe seiner Mutter besitzt. Ehemals war es der Sommersitz seiner wohlhabenden mondänen Großeltern und war damit für seine Mutter der Inbegriff eines anderen Lebens, bevor sie sich in die Ehe mit einem selbstgerechten evangelikalen Minenbesitzer fügte. Nun soll das Haus veräußert werden. Ein letztes Mal hat Lincoln seine beiden alten Collegefreunde auf die Insel eingeladen. Hier verbrachten sie nach ihrem Collegeabschluss ein gemeinsames Wochenende mit Jacy Calloway, die Vierte in ihrer Clique in die alle drei verliebt waren. Obgleich der Kontakt untereinander nie richtig abgebrochen war, hatte das spurlose Verschwinden von Jacy nach diesem Wochenende Spuren hinterlassen. Mit den Erinnerungen an diese aufregende Zeit des Vietnamkriegs am Anfang ihrer Karrieren kommen viele Fragen auf. Auch in diesem Roman erzählt Richard Russo von den Unzulänglichkeiten des Lebens und entfaltet scheinbar mühelos ein Panorama miteinander verwobener Schicksale. Sein souveräner und empathischer Blick, vor allem aber auch seine elegante Sprache machen die Lektüre zu einem reinen Lesevergnüngen - und das keineswegs wider Erwarten. Anne Brieger