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Jordan Romero, Linda LeBlanc, Kein Gipfel zu hoch, cbj 2015 € 16,99

Jordan Romero steht mit 13 Jahren als jüngster Bergsteiger auf dem Dach der Welt, dem Mount Everest. Postwendend haben seine Eltern eine fixe Idee des neunjährigen Jungen, auf die höchsten Berge aller sieben Kontinente zu steigen, umgesetzt. Sein Buch berichtet nicht nur unreflektiert von waghalsigen Expeditionen, sondern auch vom Missverständnis ehrgeiziger Eltern.Die Höhenlage seines Heimatortes Big Bear Lake bietet einige Vorteile für hohe bergsteigerische Unternehmungen. Trotzdem erstellen die Eltern sogleich Trainingspläne, die eigentlich nichts mehr mit Jordans kindlichem Wunsch draußen zu sein und auf Krabbeltierjagd zu gehen gemein haben. Sie jagen das Kind mit schwerem Rucksack ins heimische Gebirge, lassen ihn Autoreifen am Klettergurt durch den Ort und die Hügel hinauf ziehen und pflastern das Grundstück mit Fixseilen, an denen Jordan mit dicken Handschuhen das Umklinken der Karabiner und Steigklemme üben muss. Auf seinem zweiten Berg, dem Elbrus sieht der 10-jährige auf 5000m die ersten höhenkranken Bergsteiger.

„Das passiert, wenn man nicht die richtigen Sachen isst und nicht so hart trainiert wie wir“ redet ihm Karen ein. Zitat: Romero, Kein Gipfel zu hoch

Sie treffen auch Aron Ralston, der durch die selbst ausgeführte Amputation seiner Hand am Berg Berühmtheit erlangte. Im Anblick der Prothese wendet Karen Blick ab und sagt zu Jordan:„Aber ich wollte ihn nicht darauf ansprechen. Ich bin mir sicher, dass er keine Lust hat, ständig daran denken zu müssen.“  Am dritten Berg, dem Aconcagua, kommen Jordan Zweifel. Er ist mittlerweile elf Jahre alt. Hat er überhaupt noch Lust? Aber da haben Karen und Dad schon ihr ganzes Leben für ihn umgestellt und Sponsoren wollen Gipfel-Vergütung. Aus dem Wunsch eines Kindes wird der Traum der Erwachsenen und das Buch mit angeblich jungendlichem Blickwinkel gerät mehr und mehr in Schieflage. Auf der Sightseeingtour durch Moskau bemerkt Jordan die langen Schlangen vor Lebensmittelläden. „Das Leben war hart und ich fand das furchtbar traurig“, kommentiert er die ihm fremde Welt. Vielleicht hätte es den sportlichen Überflieger geerdet, wenn er diese Menschen nach ihren Träumen im Leben hätte fragen dürfen.So lebt er weiter mit den Ermahnungen des Vaters

„Konzentrier dich! Beweg dich! Zeit sich zusammenzureißen und weiter zu klettern.“ Zitat: Romero, Kein Gipfel zu hoch

Liebe wird durch Leistung gewährt. Für den Vater ist es „Die Geschichte von dem starken Jungen, der seinen Traum verwirklicht.“

"He's not old enough to drive, he's not old enough to drink, he's not old enough to vote. But is he old enough to climb the everest?"

steht als Kommentar unter seinem Everst Video bei You Tube. Für diese Expedition schläft Jordan wochenlang in einem Zelt mit geringer Sauerstoffsättigung, damit er sich an eine Höhe von 4500m gewöhnt. Am Everest entrinnt der Junge nur knapp dem Tod. Ein zehn Stockwerke hoher Serac bricht ein und drei Bergsteiger werden vor seinen Augen mit der Eislawine in den Abgrund gespült. Immer wieder berichtet das Buch parallel von Tod und Krankheit in Familie und Freundeskreis. So bekommt der Leser den Eindruck, egal wo, Tod ist überall normal. In seinem Prolog sagt Jordan allerdings in dieser Situation: „Sehnlichst wünsche ich mir, ich könnte die Zeit zurückdrehen (...). Vielleicht war diese Reise ein Fehler gewesen, ein ungeheuerlicher Fehler.“ Heute hält Jordan Romero für Kinder und Jugendliche Vorträge, die proklamieren gesund zu leben und sich regelmäßig im Freien aufzuhalten. „Lebe deinen Traum“ ist sein Aufruf an alle. Wäre es sein Traum gewesen zum Mond zu fliegen hätten ihm seine Eltern wohl auch dies ermöglicht. Man muss nur genug Taco Chips verkaufen und Spenden Aktionen starten, dann sind 130.000 € eine Pappenstil und der Weg zu Everest ist frei. Leider wird für den Leser nicht fühlbar, wie lebensbedrohlich diese Regionen sind und welche Fähigkeiten das Bergsteigen oder Klettern wirklich abverlangt. Auch über die Strapazen des Leistungssportes, der dem Leben seinen eigenen Rhythmus aufdrängt und Kindheit viel zu früh beendet oder die Verantwortung und das Risikomanagement, welches schon niedere Exkursionen bedürfen kann er sich kein Bild machen. Jeder Auftstieg ist die schnelle Direttissima, Rückschläge gibt es nicht und alles scheint ein Kinderspiel. Jordan wird älter und sagt ernsthaft stolz am Everest: „Karen brauchte mir nicht mehr den Reißverschluss der Jacke hochziehen und meine Bergschuhe oder den Sitz meines Rucksacks zu kontrollieren. Ich war ein kompetentes, verantwortungsvolles Mitglied des Teams...“ Wen wundert es da, dass wir in einer Welt, die diese Vorstellung des everything goes propagiert, im Deutschen Alpenverein immer mehr erwachsene „Küken hüten“ müssen, weil sie nicht umreißen, auf was sie sich schon bei Höhen um 4000m einlassen.