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Alois Prinz: I have a dream. Die Lebensgeschichte des Martin Luther King, Gabriel 2019 € 17.-

Der Ruf ein Vorbild des gewaltlosen Widerstandes zu sein, eilt dem Nobelpreisträger voraus. Martin Luther King verschrieb sein Leben dem Kampf gegen den Rassismus und der Gleichberechtigung von schwarzen und weißen Bürgern in Amerika. Mit seinem standfesten Einsatz, seinen klugen, charismatischen Predigten und Reden, seinen deutlichen Forderungen und Zielen, seinem Gespür für Menschen, die er am besten kennenzulernen meinte, in dem er, der behütet aufgewachsene Pfarrerssohn, bewusst die Plätze Anderer einnahm, avancierte Martin Luther King schnell zum Kopf einer sich in den 60er Jahren formierenden Bewegung.

Bald erfasste sie das ganze Land, erlebte Höhen und Tiefen und forderte viele Opfer. Martin Luther King bescherte sein Handeln zahlreiche Gefängnisaufenthalte und den gewaltsamen Tod. Doch in seiner kurzen Lebenszeit setzte er unvergessliche Zeichen für die Zukunft. War Martin Luther King ein Heiliger, ein Träumer oder einfach nur ein begnadeter Redner, fragt Alois Prinz, der uns nach Bonhoeffer erneut das Leben eines politisch engagierten Glaubensmannes präsentiert. Wo Bonhoeffer zunächst sein eigenes Gewissen nach der Vereinbarkeit christlicher Werte mit dem politischen Geschehen befragte, überlegte Martin Luther King, ob eine Predigt, die das Leben seiner Zuhörer aussparte, glaubwürdig war. Der Baptistenpfarrer pflegte einen kritisch forschen Blick auf die Religion und sah sich anfangs gar nicht in der Rolle des Anführers einer Revolte. Alois Prinz wird verfolgen, wie der Glaube für Martin Luther King das wegweisende und starke Rückrat seines politischen Handelns bildete, das Eine untrennbar vom Anderen. Und doch erzählt diese Biografie in weiten Teilen und vielen Details vom politschen Aufeinanderprall der Schwarzen und Weißen, vom festsitzenden Glauben an Traditionen, der Taktik des Hinhaltens und dem Ende der Geduld, von Sit-ins und Friedensmärschen, einem Aufbruch des bestehenden Gesellschaftssystems, von Aktionen, bei denen die Handelnden ständig Gefahr liefen, mit ihrer Freiheit oder gar ihrem Leben zu bezahlen. Und so manche von Kings Betrachtungen des Geschehens, zum Beispiel die jener gewalttätiger Randalierer der Straße, denen King nicht revolutionären Geist sondern einfach nur Zwecklosigkeit attestierte, könnte man heute wiederholen. Auch versuchten Hoover und das FBI schon damals King mit Rufmord aus dem Verkehr zu ziehen.
Für den Biografen ist Martin Luther King einer jener Menschen in der Geschichte, die wussten, „dass Menschen nicht nur wissen wollen, wie die Wirklichkeit aussieht, sondern auch ein Bedürfnis haben zu erfahren, wie die Welt aussehen sollte. Mit anderen Worten: Sie brauchen Träume. Visionen. Utopien.“ Martin Luther King zeigte, dass es Menschen möglich ist, dem Traum von einem gerechteren, jeden Menschen achtenden Miteinander, näherzukommen. Und träumen wir diesen Traum nicht noch immer? Es gäbe genügend aktuelle Anlässe, für die eine Beschäftigung mit dieser knapp gehaltenen, klar fokussierten Lebensgeschichte gewinnbringend wäre.
Im kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist er eine Ikone: Dietrich Bonhoeffer. Ein Heiliger? Ein Held? Ein Unbeirrter? Eine Vorbildfigur. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt worden. In der Schule kommt heute kein Jugendlicher an ihm vorbei. Was also ist das Besondere an einer Biografie über Bonhoeffer? Dem routinierten Biografen Alois Prinz gelingt es immer wieder von Neuem, seine Leser auf eine unerwartet faszinierende Lebensreise mitzunehmen. Tief hinein taucht er sie diesmal, in die Erkenntnisprozesse eines Menschen, bei dem nichts, wofür er später stehen sollte, auf der Hand lag. Bonhoeffer war ein ängstliches Kind und ein schulischer Überflieger. Sein Wunsch, ausgerechnet Theologie zu studieren, verwunderte.
Bonhoeffer interessierte daran vorerst die Wissenschaft. In Zeiten des Weltbild verengenden Nationalsozialismuses zog er hinaus. Nach Italien, Spanien, Afrika und Amerika. Er wurde zum leidenschaftlichen Weltentdecker und Internationalist. Über die Aspekte seines Glaubens sollte er sich erst später intensive Gedanken machen. Immer wieder packten ihn Zweifel und Widersprüche. Im Angesicht nationalsozialistischer Verrohung und Unmenschlichkeit, sah er sich gezwungen, sein christliches Denken mit politischem Handeln abzuwägen, denn die Erkenntnis, so meinte er, wird in der Existenz begründet. Die Freiheit, die Bonhoeffer zu suchen begann, musste eine personelle sein. Sie erklärte sich mit dem Leben. Sie war das Resultat eines Lebens, ja eines Lebensweges. Begierig folgen die Leser also, auf der Suche nach dieser Freiheit, Bonhoeffers Lebensweg, den Prinz aus einer Vielzahl von Schriften, unzähligen Briefen und Gedichten lebendig werden lässt, hin zu Bonhoeffers zentraler Frage: „Wer hält stand? Und warum?“ Eine Frage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat. Bonhoeffers große denkerische Eloquenz und seine konsequente Verschriftung dieser Gedanken, nicht zuletzt seine Liebesbriefe aus der Gefangenschaft, geben dem Biografen kostbares Material an die Hand, aus dem er sorgsam auszuwählen und zu fokussieren versteht. Diese Biografie wird somit unweigerlich schnell zu des Lesers Sache, ganz egal wie nah oder fern er dem christlichen Glauben steht, denn Bonhoeffer gewährte universellen Werten Vorrang vor persönlichen. Die Gewichtung von Werten, das wird sehr deutlich, stehen mit dem Handeln in engem Zusammenhang. „Stand halten“ nicht die Vernünftigen und nicht die Fanatiker, sondern „die, die Tat wagen“, die Handelnden, meinte Bonhoeffer und kehrte 1939 aus dem sicheren New York wieder nach Deutschland zurück. Zurück zu seinen Studenten. Zurück in die Lebensgefahr. Zurück an den Ort, der nach menschenwürdigen Taten verlangte. Diese, das Buch einleitende, anfänglich unfassbare Entscheidung eines scheinbaren Helden, macht Prinz am Ende zu einer nachvollziehbaren Konsequenz eines standhaft Handelnden, dessen berührende Gedanken und Entscheidungsprozesse dank dieser hervorragenden, vielleicht besten Biografie von Alois Prinz, durch das Herz und Hirn der Leser gewandert ist.