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Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder, Beltz Tb € 8,95

Machen wir uns nichts vor:  Lessings Nathan ist für viele heute klein und gelb und bestenfalls unromantische Schullektüre. Doch die Ringparabel, der Kern dieses Dramas, welches jungen Lesern vielleicht zu pathetisch, zu entrückt und marionettenhaft erscheint, wegen seiner Reimform gestelzt und dabei noch so pedantisch erzieherisch, ist aktueller denn je. Diese Geschichte muss immer wieder neu erzählt werden. So wie es auch Lessing schon tat, der die Ringparabel von Boccacio entlehnte. In großer Verneigung vor Lessing, aber dann ganz eigen und bodenständig von unten herauf beginnt Mirjam Pressler ihre Geschichte. Neben den bekannten Figuren aus dem Drama: Daria, Recha, der Tempelherr oder Al Hafi, die aus ihrer Sicht das Leben in Jerusalem schildern, dichtet sie eigene Figuren hinzu. Einen namenlosen Jungen zum Beispiel, der in Nathans Haus Unterschlupf und Arbeit findet und von ihm im ersten Kapitel den Namen Geschem bekommt.

Lapidare Sache, denkt man, aber weit gefehlt. Am Ende wird Geschem zu Recha sagen: „Alles ist anders geworden, seit ich einen Namen habe. Auch du hättest vorher nicht mit mir gesprochen.“ Dabei wird dem  modernen globalisierten wie individualisierten Leser vielleicht bewusst, dass nicht nur jedes Ding und jeder Mensch einen Namen haben sollte, sondern die Zugehörigkeit zu einer überschaubaren, persönlich benennbaren Gemeinschaft wichtig ist. Überall im Buch kann der Leser den fernen Schauplatz und seine bunte Glaubensvielfalt erspüren. Handelt Nathan mit kostbaren Balsamölen erfahren wir, aus welcher Pflanze man es gewann. Geht es um Religion finden sich neben der Meinung der hier Glaubenden Zitate aus Bibel, Thora und Koran, die ihren Glauben lebendig werden lassen. Und liest man im Hohelied die Zeile „seine Wangen sind wie Balsambeete“ ergeben sich kostbare Zusammenhänge. Wo bei Lessing die Aufklärung im Sinne der humanitären Erziehung der Oberhäupter steht, stellt Mirjam Pressler die Erkenntnis des Lesers. Ist bei Lessing die Freiheit des Einzelnen ein fernes Echo, nur das Schachspiel auf dem Brett der Ort der Möglichkeiten, des Gedankenspiels, sagt Al Hafi bei Pressler „Das Leben spielt Schach mit mir“ und für ihn geht es in Folge um das Durchschauen der Züge und somit die Reflexion auf sein Leben und seine Position. Hier wird Freiheit Tatbestand. Es wundert nicht, dass Mirjam Pressler sich die Freiheit heraus nimmt, Nathans Ende wunderbar und trefflich zu variieren. Und da es hier mehr um Nathans Kinder geht, wundert es ebenso wenig, dass er selbst in diesem großartigen Buch, das jedem empfohlen sei, mal ausnahmsweise gar nicht zu Wort kommt. 
Wenn man mit Katrin über die Messe geht, lernt man wirklich viele spannende Leute kennen, die einem dann Autogramme geben oder sogar ein Interview führen wollen! So auch Mirjam Pressler. Am Beltz-Stand mit Kinderriegeln und hohes-C-Packungen und haben wir sie interviewt. pressler2

Mirjam Pressler ist 1940 in Südhessen geboren, hat ein Jahr in einem Kibbuz in Israel gelebt, dann 10 Jahre auf dem Land gewohnt und lebt jetzt in Landshut. Sie hat ein Kunststudium angefangen und wäre Pianistin geworden, wenn es ihr vom Elternhaus möglich gewesen wäre. Außerdem ist sie unglaublich sprachbegabt, Afrikaans zum Beispiel hat sie gelernt, als sie 3 Wochen in Namibia war: sie las ein Buch in Afrikaans und musste so über die Sprache lachen, dass sie das Buch dann übersetzt hat. Jetzt kann sie Afrikaans schreiben, aber nicht sprechen. Dies ist nur eine Sprache neben vielen weiteren, die sie übersetzen kann, und das schon oft preisgekrönt.

 

Sie ist auch dieses Jahr wieder ein Preiskandidat, mit ihrer Übersetzung zu „Als gäbe es einen Himmel“ von Els Beerten. Wenn sie übersetzt, liest sie das Buch nicht vorher, sondern beginnt sofort mit dem Übersetzen. Am Tag schafft sie meistens 20 Seiten mit 30 Zeilen à 60 Anschlägen.  Das Selberschreiben liebt sie aber noch viel mehr, wenn sie eine Idee hat, schreibt sie sofort drauflos. Sie schreibt nicht, um eine Botschaft zu übermitteln, sondern um Werte zu differenzieren; ihre Bücher sieht sie auch als Informationszugabe. Schreibvorbild sind vor allem realistische skandinavische Bücher. Als Thema findet sie besonders das Umbruchalter interessant, wenn nicht festgelegt ist, ob man Jugendlicher oder Erwachsener ist.

Lieblingsbücher hat sie natürlich auch, von ihren eigenen sind das „Novemberkatzen“ und „Ein Buch für Hanna“, ansonsten liest sie alles außer Science-Fiction, am liebsten von Uri Orlev. Aber sie ist auch froh, dass der Leser nicht weiß, was wahr ist und was nicht, da zum Beispiel „Novemberkatzen“ und „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“, sehr persönlich sind. Namen spielen in ihren Büchern eine große Rolle, auch die Orte haben eine Bedeutung. Für ein Buch, das in Venedig spielt, war sie zwei Wochen in Venedig und hat sich inspirieren lassen.

 

Um ein Buch fertigzustellen, braucht sie meist ein halbes Jahr bis Jahr. Wenn es dann fertig ist, gibt sie es ungern aus der Hand. Ihr neuestes Buch „Ein Buch für Hanna“ ist ein sehr persönliches: Hanna war eine gute Freundin von ihr, die das KZ Theresienstadt überlebt hat. Als sie starb, hatte Mirjam Pressler ein schlechtes Gewissen, noch kein Buch über sie geschrieben zu haben; nachdem sie es dann geschafft hatte, war sie erleichtert.

Auf unsere Frage nach e-Books hin sagte sie, dass sie für Reisen einige Bücher auf ihrem I-Phone gespeichert habe, zuhause zum Schlafen oder für die Badewanne brauche sie die „echten“ Bücher.

Und zum Abschluss hatte sie noch ein paar Tipps für angehende Schriftsteller parat: man soll ganz viel lesen, dann sagen können was einem gefällt und warum, was einem nicht gefällt und warum, und dann selbst schreiben und immer wieder verbessern und ändern.

 Es war wirklich Wahnsinn, mit so vielen interessanten und sympathischen Menschen wie mit Mirjam Pressler auf der Frankfurter Buchnesse sprechen zu können!! Claire, 16 Jahre