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Emily Suvada: Cat & Cole, Thienamnn Verlag 2018 € 17,00

Die Menschheit vor einem tödlichen Virus zu retten, spielt in diesem horriblen wie brillianten Futurfiction die schönste Nebenrolle der Welt. Die Mathematikerin und Autorin Emily Suvade spielt in so rasantem Tempo mit subkutan wachsenden Panels, gesundheitsfördernden Apps und Algorithmen, also der Menschheit 2.0, die scheinbar mit größter Selbstverständlichket auf digitaler Ebene mit dem menschlichen Code, der DNA, und der menschlichen Hardware laboriert, dass dem Leser bei der Lektüre förmlich die Luft weg bleibt.
Cole, ein Knockout-Kind, dem schon vor der Geburt sechs Chromosomen hinzugefügt und Gensequenzen entfernt wurden, soll gemeinsam mit Catarina, Programmiergenie und Tochter eines führenden aber gerade verstorbenen Wissenschaftlers, der Welt einen dringend benötigten Impfstoff entschlüsseln und zur Verfügung stellen. Auf der Flucht vor der Seuche leben die Menschen in abgeschotteten Regierungsbunkern oder als Outlaws in den Wäldern. Imunität gegen die Seuche erlangen die Outlawas, zu denen auch Catarina zählt, nur durch den Verzehr von infiziertem Menschenfleisch. Noch ahnt man nicht, dass dieses mit unseren heutigen etischen Werten unvereinbare Kanibalendasein nur die Spitze des Eisberges ist. Meisterhaft entfaltet Sudava ihre Welt in der jede Zelle des Körper von Digitalisierung beherrscht wird und bei der die Manipulatition bis in die tiefsten Ebenen von Bewusstsein und Erinnerung, menschlichem Charakter und Psyche dringt. Obwohl alle unsere Vorstellungen eines menschlichen Miteinanders ihren gewohnten Raum einnehmen, hat sich jegliche Ethik dem Spiel und Wahn um Codes und Lebensverbesserung untergeordnet. Die freie Fahrt für den alles beherrschenden Algorithmus gedenkt niemand mehr aufzuhalten. Megaspannend aber auch markerschütternd und mit voller Wucht bis zum Äußersten ausgereizt.

 

Ursula Poznanski: Thalamus, Loewe Verlag 2018 € 16,95

Im Vergleich mit Suvada entwickelt Ursula Poznanski ihren Thriller im Zeitlupentempo. In einer abgelegenen Reha-Klinik werden schwer beeinträchtigte Jugendliche mit Schädelhirntrauma therapiert. Gekonnt nimmt Poznanski ihre Leser mit, auf eine Reise in Timos Kopf, der nach einem Motorradunfall, Operation und Koma nur mühsam in die reale Welt zurückgleitet. Sein Kopf schwangt zwischen Traum und Realität, kämpft mit inneren Stimmen, Visionen und seltsamen Gedankenblitzen. Alles normal?  Die jungen Patienten in dieser Klinik erholen sich motorisch wie geistig doch schneller als gedacht. Bald beginnt Timo zu schlafwandeln und kann sich nachts viel besser bewegen und sprechen als am Tage. Auch die anderen führen nachts ein seltsames Eigenleben, an das sie sich am Tag offenbar nicht erinnern künnen.  Wie immer bei Poznanskis bodenständigen, digitalen Futurfictions  bilden real existierende, technische Entwicklungen die Grundlage ihrer Fantasie. Auch bei diesem Plot soll Computertechnik zur Heilung und Verbesserung von Lebenqualität dienlich sein. Mehr sei hier nicht aber verraten, damit es spannend bleibt. Katrin Rüger
Timo hatte einen Unfall und man sagt ihm, dass er Glück hatte. Und dass er sich von seinem Schädelhirntraum in der Rehaklinik wieder erholen wird. Doch während er therapiert wird und andere Jugendliche dort kennenlernt, geschehen seltsame Dinge. Was ihm am Tage kaum gelingt, nämlich ein paar Schritte zu gehen oder ein verständliches Wort über seine Lippen zu bekommen, funktioniert plötzlich nachts. Als ihm auch noch eine Stimme im Kopf merkwürdige Wörter zuflüstert, zweifelt er zunächst an sich und seinem Gesundheitszustand. In einer spannenden Abfolge von Tagen und Nächten kommt Timo jedoch einem Skandal auf die Spur: An ihm und den anderen Traumapatienten werden illegale Versuche mit Nanobots, Minirobotern, ausprobiert, die das geschädigte Hirn sozusagen reparieren sollen. Nur, dass gerade die Versuche aus dem Ruder laufen und Timo der einzige zu sein scheint, der helfen kann. Zu wissen, dass es bereits erste Prototypen von Minirobotern in der Hirnforchung gibt - wie die Autorin in einem Nachwort extra erwähnt - macht das neue Buch von Ursula Poznanski umso faszinierender. Als Leser taucht man tief in Timos Gehirn ein, wird gefesselt von dem, was möglich ist und was nicht. Der Skrupellosigkeit des Professor Kleists, der seine Patienten - oder sollte man besser sagen Versuchskaninchen - betreut, stellt sich Timos Wille entgegen, wieder ein normales Leben führen zu können. Die bekannte Jugendthrillerautorin greift ein brisantes Topthema der Hirnforchung auf. Keine einfache Kost, aber ein absolut lesenswertes und überaus spannendes Jugendbuch. Marion Hübinger