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Susanna Partsch: Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau, C.H. Beck Verlag € 19,95

Die Erfahrung vor einem modernen „Kunstwerk“ zu stehen und sich ratlos zu fragen, was das jetzt eigentlich darstellen soll, beziehungsweise wieso dieses Werk das Prädikat Kunst verdient hat teilen sicherlich einige mit mir. 
Susanna Partsch hat es sich zur Aufgabe gemacht Kinder und Jugendlich - ja vielleicht auch dem ein oder anderen Erwachsenen - mit ihrem Buch „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau“ einige dieser Fragen zu beantworten. Dafür wählt sie 60 Kunstwerke aus anhand derer sie die Entwicklung vom gegenständlichen Malen über abstrakte Kunst bis zu Installationen aus den letzten Jahren erklärt.
Sehr deutlich treten die gegenseitigen Einflüsse der Künstler hervor und die Werke werden verständlich in ihren politischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund eingeordnet. Obwohl ein Sachbuch, noch dazu für ein jüngeres Publikum, ist der Text durchgehend in zusammenhängenden und aufeinander aufbauenden Kapiteln gegliedert, was zu einem flüssigen Lesegenuss führt, der es einem schwer macht, ein mal zu lesen begonnen, das Buch beiseite zu legen. Partschs Herangehensweise an die Bilder und deren Deutung machen Lust selbst ein Museum aufzusuchen und ein mal auf eigene Faust nach den Botschaften der ausgestellten Kunstwerke zu forschen.
Anna, 18 Jahre

Die Bücherfresser schauten sich mal bei einer Kunsthistorikerin um:
Sobald man die Wohnung von Susanna Partsch betritt merkt man, dass hier jemand mit Kunst lebt. Überall hängen Bilder, Fotos, Poster, sogar ein Nachbau von Man Rays Kleiderbügelkonstruktion. Nachdem wir erstmal mit Kuchen und Saft bewirtet worden waren und ausgiebig die Katze begrüßt hatten, stellten wir unsere Fragen.
Wie kam es dazu, dass sie ausgerechnet Bücher über Kunst schreibt?
Romane zu schreiben kam Susanna Partsch nicht in den Sinn. Nach dem Studium brauchte wegen ihrer Kinder eine variable Arbeitszeit und so wagte sie den ersten Schreibversuch für ein Kunstsachbuch. Sie möchte wissenschaftliche Texte in eine verständliche Sprache „übersetzen“, damit alle einen Zugang zur Kunst bekommen können. Und ihre Texte begeistern. Das merkte man 1998, als sie den Deutschen Jugendliteraturpreis für ihr Buch Haus der Kunst bekam.
Da sie über moderne Kunst mehr erzählen wollte, als im Haus der Kunst stand, folgte 2012 Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb? Als wir in Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb  gelesen hatten, überlegten wir, wie viele Gedanken hinter einem abstrakten Bild stecken können.

 
Ob es Bilder gibt, in denen überhaupt keine Kunst mehr steckt? Das sei schwierig zu beantworten, sagte Susanna. Die eigentliche Frage ist ja, wie man Kunst definiert? Wo fängt sie an? In einem besonders realistischem Abbild eines Gegenstandes? Oder in einfachem Bespritzen einer Leinwand?

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Trotz aller verschiedenen Kunstrichtungen gibt es dennoch einen großen Unterschied zwischen einem Menschen, der einfach mal aus Spaß an der Freud' ein paar Kleckser macht und einem, der genau weiß, welcher Kleckser wohin gehört: Der Gedanke, der dahinter steckt. Ein Bild, oder auch die Art des Entwerfens, muss dem Maler etwas gesagt haben, was er dem Betrachter vermittelt. Auch einfach mit Bleistift gezeichnete Striche auf Papier, welches in einem ganzen Raum verteilt ist, haben eine Bedeutung, nämlich die immer weiter verstreichende Zeit.

 

Nichtsdestotrotz meint Susanna, gibt es Kunst, die völlig überbewertet sei. Im Louvre beispielsweise gäbe es einen ganzen Gang voller Gemälde von da Vinci, die allesamt toll aussähen, aber trotzdem steht die Menschenmasse vor der Mona Lisa, die hinter einem gigantischen Panzerglas versteckt ist. Dabei war das Bild damals, vor dem Diebstahl, absolut unbekannt und drei Tage hat überhaupt niemand gemerkt, dass es weg war. Peinlich.

Und was bringt die Zukunft? Nun, sie wird auf jeden Fall weiter schreiben. Für ein Buch braucht sie circa ein halbes Jahr. Und natürlich gibt es noch jede Menge Arbeit an dem großen Künstlerlexikon, bei dem sie mitarbeitet. Die dicken blauen Bände füllen ein unglaublich großes Regal und es ist noch lang nicht fertig…
Alles in allem war es für uns ein sehr interessantes Gespräch - vielen Dank für das Interview!

Anne 14 und Claire 16 Jahre
 
In dem Buch wird einem nicht nur erklärt wieso die jeweiligen Bilder Kunst sind, nein es wird einem auch erzählt wie die Kunstwerke entstanden sind. Susanna Partsch erzählt einem dies alles wie eine Geschichte und beschreibt uns alle Bilder bei denen man als "Nichterfahrener" alle Bilder aus einer anderen Perspektive sieht. Nachdem man dieses Buch gelesen hat betritt man FREIWILLIG ein Museum und sagt sich nicht einfach : "Toll, das kann ich ja auch " sondern man betrachtet das Bild sehr lange und schaut in den Informationen nach WIE die Bilder entstanden sind,denn es macht einen deutlichen Unterschied ob die Bilder mit einer Pistole die mit Farbe gefüllt ist erschossen worden sind oder ob sie mit einem Pinsel erstochen wurden, außerdem fragt man sich dann auch WIESO sie erschossen,erstochen wurden. Meine Meinung : Dieses Buch fand ich so gut, weil ich mich zuvor noch nie für Kunst interessiert habe und mich dank dieses Buch jetzt in ein Museum traue OHNE MICH ZU LANGWEILEN !!! Sara, 12 Jahre

„Sie kleckerten einfach wahllos Farben auf die Leinwände“, meinten schon damals manche Kritiker im Anblick moderner impressionistischer Bilder. „Ist das Kunst oder kann man das wegwerfen?“ raunt es auch heute ab und an aus den Ecken zeitgenössischer Kunstausstellungen.
Was wie Hohn klingt, regt nach der Lektüre dieses Buches zum Denken an. Ist die Vergänglichkeit nicht einer der Punkte in der künstlerischen Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts? Wegwerfen steht im Kontrast zu Bewahren, einer Intention, die man landläufig hinter klassischer Kunst vermutet. Könnte Wegwerfen also sogar erwünscht sein? ...und schwupps befindet man sich in einem Frage- und Antwortspiel, welches moderne Kunst provoziert, läuft man nicht all zu schnell an ihr vorbei.
Susanna Partsch lädt in ihrem Buch über moderne Kunst zum Verweilen ein. Fein dosiert hat sie 60 Werke ausgewählt, um mit ihnen die wesentlichen Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts zu erklären. Dabei vermag sie, beim Selbstverständlichsten zu beginnen. Für Bilder braucht man Farbe. Rot und gelb und blau vielleicht? Doch ist Farbe allein schon ein Bild? Obendrein ein Bild, welches nur Farbe pur zeigt? Die Farben, welche uns immer wieder begleiten, erweckt sie mit ihren Worten zu unerwartetem Leben, sie beginnen zu vibrieren, man meint selbst im Buch die Emotionen, die sie ausstrahlen fühlen zu können, ihre Musik zu hören. Oder ist es das Glück, dass einen beschleicht, wenn man ein Stückchen mehr von der Kunst begreift, vom Wesen ihres Ausdrucks, oder ist es der Eindruck, der intensiver wird.
„Moderne Kunst, das kann doch jeder.“ Dieses hilflos gegriffene Urteil verblasst je weiter man der Autorin auf ihrer Reise zu den modernen Künstlern folgt. Sie sind energiegeladen, rebellisch, gesellschaftskritisch, beseelt von Entdeckergeist und reif für Neues: neues Sehen, neues Kombinieren, neue Fragen samt verrückter, verspielter Antworten, sie arbeiten mit allem, was sich in ihrer Welt anbietet. Sie brüten über Ideen und Konzepte, selbst der Zufall hat Struktur. Die Kunst, an die der Leser geführt wird ist vielschichtig und voller Leben. Deutlich wird dies an der Performance von Timm Ullrichs, bei der zu vermuten wäre, dass sich der Künstler bei diesem Wagemut zwischen Leben und Tod am Ende zumindest einen Schnupfen geholt haben könnte.
Schon aus ihrem „Haus der Kunst“, dem preisgekrönten Gang durch die Kunstgeschichte, wissen wir, wie gern Susanna Partsch ein Blick auf die Frauen in der Kunstwelt wirft. Auch im 20. Jahrhundert bleibt die Szene von Männern dominiert. Die schießwütige Niki de Saint Phalle und Mathilde ter Heijne mit „Woman to go“ bilden wie Artemisia nach wie vor Ausnahmen, kleine Hingucker und Stolpersteine.
Wo vor hundert Jahren Künstler zu Reisen nach Tunis und Tahiti aufbrachen und ihre Eindrücke als exotische Bestandteile in neue Kunst verarbeiteten, war auch das Sammeln afrikanischer Masken der letzte Schrei. Mit Romuald Hazoumés Flüchtlingsboot wie afrikanischen Masken aus Plastikkanistern endet ein Bogen im Buch, welcher zeigt, dass im Zeitalter der Globalisierung mittlerweile auch in der Kunst die „erste Welt“ in die „dritte Welt“ Einzug hält, sie verdrängt wie prägt. Seine verschiedenen Schwerpunkte zeigt das rundum gelungene Buch auch in seinen sorgfältig durchdachten Gestaltungselementen. Zeigt das Vorsatzpapier im Entré eine Europakarte mit den Kunstzentren bis zum 2. Weltkrieg ist auf der letzten Seite die Weltkarte zu sehen. Fast alle Seiten haben am unteren Rand eine farblich stilvolle wie unaufdringliche Laufleiste, welche zur Untermalung mal Kunst im Detail zeigt, fließend Eckdaten kunstgeschichtlicher Ereignissen nennt, Zitate liefert oder einfach nur das schnell gemerkte Lesezeichen bietet, die unverwechselbare Klangfarbe des Kapitels, die Komposition der Seite. So hinterlässt das im Untertitel so nüchtern klingende Sachbuch emotional intensive, lange nachklingende Eindrücke und Verbindungen, die seine Leser gedanklich bewegen und beim nächsten Besuch in der Pinakothek der Moderne nicht mehr so einfach ans Wegwerfen denken lassen wird. Katrin Rüger