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Birte Müller: Planet Willi, Klett-Kinderbuch €13,95

Das autobiographische Bilderbuch katapultiert die Außenstehenden mitten hinein in Willis Leben und das Leben mit Willi. Er ist mit Down-Syndrom geboren, richtiger Trisomie 21, einem Chromosom mehr als Andere. Sein Wesen breitet sich in elementaren thematischen Episoden auf je einer Doppelseite in Bild und Text aus. „Willi lernt essen“, „Willi will küssen“, „Willis Zunge“. Der klare, einfache und direkte Ton des Textes ist wohltuend, entwaffnend wie faszinierend, weil man spürt, dass das Leben mit Willi alles andere als ganz einfach ist. Das ist bei Willi normal. Tränen und Glücksgefühle liegen bei allen Beteiligten dicht beieinander. Die aus dieser Ambivalenz erwachsende besondere Lebensenergie zeigt sich auch auf jedem, der auf den ersten Blick chaotischen, flächigen, farbintensiven Bilder. Dem linear geordneten Nebeneinander der Dinge stehen Zeitsprünge und eine cineastische Dramaturgie gegenüber. Überaus stark treten innerhalb der Reduktion dabei die Emotionen der Protagonisten zu tage. 

„Willi konnte vieles nicht, was sonst alle Babys können,“ und er wäre beinahe wieder auf seinen Planeten zurückgekehrt, denn nicht atmen können und nicht trinken können ist für irdisches Leben einfach lebensbedrohlich. Die Lebensweise auf Willis Planeten, er ist ebenso von Menschen bevölkert, macht neugierig. Dort gibt es keine Krankheiten, man braucht nichts zu essen und man versteht sich ohne Worte. Es herrscht immer gute Laune. „Wenn man das Glücklichsein üben möchte, müsste man da hinfahren, denn die Menschen können das dort viel besser als wir hier auf der Erde.“ Man könnte denken, dieses Planetenbild wäre zum besseren Verständnis für Kinder gemacht. Kinder jedoch sind dem Umgang mit dem Anderen, dem Neuen aufgeschlossen. Olivia, Willis kleine Schwester, nimmt ihren großen Bruder einfach wie er ist und lernt sogar von ihm. „Sie kann ganz toll mit dem Mund sprechen und Willis Gebärdensprache mit den Händen. Sie hilft den Erwachsenen.“ Diese sind es, die sich hier schwerer tun. Sie brauchen starke Bilder, eingefahrene Denkweisen zu hinterfragen und sie ertragen es schlechter neben ihren eigenen, normierten Verhaltensweisen anderen einen gleichberechtigten Platz einzuräumen. Die letzte Episode „Willi und das Leben“ zeigt, dass Ungeübte und Außenstehende unbedingt intensiver beteiligt werden müssen, an Willis Leben. Hilflos drehen sie sich weg, sicher weil sie sich schämen nicht zu wissen was zu tun ist, wenn sich ein Willi unter ihnen seinen Weg bahnt, oder weil sie keine Kenntnis von Leben auf seinem Planeten besitzen. Gut also, dass Bilderbücher neben begeisterten Zuhörern auch Vorleser bedürfen. Dieses Bilderbuch ist grandios und berührend für beide Parteien.
Das Lieben kann man von Willi so gut lernen, sagt seine Mutter. Man fühlt sofort, dass Willi nicht fehlen darf, auf unserem Planeten, und würde man sich vorstellen, alle Menschen hätten nur einen winzigen Teil dieser Erfahrung, die Eltern von behinderten Kindern in sich tragen, wäre vieles im Leben ein Kinderspiel.  Mit Birte Müller und Willi sollte man hier unbedingt einen Anfang machen. Das Weitere ergibt sich von hier aus irgendwie von selbst.