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Jan Mohnhaupt: Tiere im Nationalsozialismus, Hanser Verlag 2020 € 22.-

Tiere leben mit Menschen. Manchen schenken wir unser Vertrauen. Sie verrichten Arbeit und sind Nahrungsquelle, Begleiter und treue Freunde. Tiere erobern unser Herz. Der Umgang mit einem Tier ist selbstverständlich und alltäglich. Wie sich die Nationalsozialisten gerade diesem Tier-Mensch Verhältnis angenommen und ihre Ideologie damit bis in den letzten Winkel aller Haushalte positioniert haben, belegt Jan Mohnhaupt kenntnisreich in diesem Sachbuch. Schon in seinem ersten Buch Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit mit Pandas nachrüstete trug Mohnhaupt zusammen, wie mit Berliner Zoos Politik gemacht wurde. In Tiere im Nationalsozialismus geht er einen Schritt weiter und nimmt sich Tieren und Menschen im privaten Lebensbereich an, und zeigt dabei auch die Synergien zwischen nationalsozialistischer Politik, ideologischer Wissenschaft und Erziehung auf.
Erzählerisch elegant vermittelt er seinen LeserInnen zunächst unmittelbare Nähe zum Thema. Die Schule von Hans war im zweiten Kriegsjahr, 1941, eine von 20.000 Schulen, die mit der Pflanzung von Maulbeerbäumen und der Aufzucht von Seidenspinnern mit ihren Schülern an der Heimatfront diente. Täglich fütterte der aufmerksame, 12-järhige Junge die hungrigen Raupen und sortierte gehorsam die kranken Tiere aus. Nur so können alle anderen Raupen gesund und munter bleiben und mit ihren Kokons die kriegswichtige Seide für Fallschirme liefern. Von den toten Puppen, später im Kochtrog, erfuhr er nichts, ebensowenig darüber, dass die Landung deutscher Soldaten auf Kreta, die er im Kino mitverfolgte, ein Himmelfahrtskommando war. Das Jahr 1945, in dem die Nationalsozialisten die jugendlichen Jahrgänge 28-35 noch für einen „Endsieg“ verheizen werden, lag in weiter Ferne. „Besser es stirbt die Jugend, als dass die Nation stirbt, hatte Heinrich Himmler gesagt. Am Ende war sie für das untergehende Regime nur „Material“, wie Hitler sie genannt hatte. Ein Mittel zum Zweck, nicht viel mehr wert als Seidenraupen.“ Hans hatte man schon in Kindertagen darauf vorbereitet, nicht zuletzt mit der Pflege von Seidenraupen. Beispielhaft an Hitlers Hunden, Görings Hischen, dem Schwein als Fett- und Nahrungslieferanten und den kriegswichtigen Pferdestärken treibt Mohnhaupt die „Entlarvung“ voran. Einer möglichen Verklärung von Tierliebhabern in der NS-Führung bietet Monhaupt keinen Raum. Immer wieder führt er ihren scheinbar tierschützenden Umgang in klarer Dramartugie zu den Verbrechen des NS-Regimes. Schon im Vorwort findet er mit dem kleinen Zoo in Buchenwald, der gleich am Elektrozaun des KZ Buchenwald lag, ein entsprechendes Bild.  Sein Sinn für augenzwinkerndes Sprachspiel in den Kapitelüberschriften – Entlarvung, Fettrüsten oder Katzen in Ketten – ist dabei genauso ausgeprägt wie seine Sorgsamkeit im Umgang mit der von den Nationalsozialiten geprägten Sprache. Neben Hunden, Schweinen, Hirschen und Pferden, widmet er den Katzen entlang der prominenten Katzenhalter Victor Klemperer und Hermann Göring ein besonders faszinierendes Kapitel, an dessen Ende die Benennung von Panzerserien nach Raubkatzen, eine Erfindung der Wehrmacht, bis in die heutige Zeit nachhallt. Ein umfangreicher Anhang belegt die mehrjährige, gute Recherche und gibt die Möglichkeit tiefer einzutauchen, in ein spannendes Thema, das bisher wenig Beachtung fand. Ein rundum gelungenes und beeindruckendes Buch, in dem es Mohnhaupt gelingt, auf der Basis bekannter Fakten neue Sichtweisen zu eröffnen.