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nomiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis, Sachbuch 2013

Ann-Marlene Henning, Tina Bremer-Olszewski: Make love, Roger & Bernhard € 22,95

Ein Buch zum Thema „Liebe machen“. Katrin hat es mir in die Hand gedrückt mit den Worten „Schau es dir mal an, ich fand es eigentlich ganz witzig. Nur die Bilder sind ein bisschen 70er-Jahre-Style…“ Meine erste Reaktion war ein Lachen. Ja, irgendwie ist das Thema Sex immer mit einem leicht peinlichen Gefühl verbunden, das man mit Lachen kompensiert… 🙂 In einem ruhigen Moment habe ich mich dann aber hingesetzt und das Buch angeschaut. Ein Sachbuch. Ich mag Sachbücher eigentlich nicht. Die meisten sind wahnsinnig unspannend… Dieses nicht.

Ob es nun an dem Thema liegt oder an den Texten, ist so die Frage. Aber ich habe es durchgelesen – von vorne bis hinten. Die Texte sind wirklich nicht schlecht und sagen wir anschaulich. Wer sich also zum Thema „Erstes Mal“, „Zweites Mal“ oder Ähnlichem informieren möchte, für den ist dieses Buch genau richtig. Auch nehmen einem die Autoren recht schnell dieses bereits angesprochene „peinliche Gefühl“. So macht das Lesen Spaß, denn es fühlt sich gar nicht so sehr nach Sachbuch an. Mir ist allerdings aufgefallen, dass das Buch an sich ein bisschen chaotisch wirkt. Die Statistiken sind teilweise ziemlich schwer zu verstehen, tauchen an unpassenden Stellen im Buch auf und sind für mich rein inhaltlich teils nicht sinnvoll (warum die prozentuale Verteilung von Tatoos und Piercings nach Erwerbstätig/nicht Erwerbstätig aufgeteilt wurde, ist mir beispielsweise ein Rätsel!!). Auch die Fotos sind mal groß, mal klein, mal ist nur eines auf einer Seite, mal mehrere, mal schwarz-weiß, mal farbig, mal sind die Personen angezogen, mal nackt. Alles in allem würde ich sagen: Inhaltlich super, das Layout allerdings ziemlich chaotisch. Antonia, 18 Jahre
Make Love - der Titel klingt angesichts der Allgegenwärtigkeit dieses Themas nicht sonderlich neu, revolutionär oder besonders. Doch wenn man anfängt zu lesen und schon beim Vorwort merkt, dass hier kein Blatt vor den Mund genommen wird, ist das etwas ganz anderes. Make Love, der Titel ist hier Programm und zwar mit allem was dazugehört. Da geht es um küssen, berühren, das erste Mal, die Male danach, Homosexualität, Verhütung und so viel mehr - mit diesem Buch sind peinliche Aufklärungsgespräche mit den Eltern absolut unnötig. Es sind aber nicht nur die in vielen Sachbüchern vermiedenen Themen, die dieses Buch lesenswert machen sondern auch die Sprache: Unverfangen, offen, direkt und überhaupt nicht so belehrend wie bei den meisten Sachbüchern - eine willkommene Abwechslung! Allerdings muss ich Antonia Recht geben, leicht chaotisch ist es schon, manches wiederholt sich zu oft, manches taucht nur am Rande auf und die Bilder, Grafiken und Tabellen sind sowieso ziemlich verstreut.Die beiden dreißigseitigen Bilderstrecken gegen Anfang und Ende des Buches haben mich zum Beispiel eher verwirrt, weil nichts wirklich geordnet ist und hinter dem Layout auch kein verständliches Konzept steckt. Was hat denn da ein Junge mit nacktem Oberkörper vor grünem Hintergrund zwischen einem Jungen, der den Bauch seiner Freundin küsst und einem homosexuellen Pärchen zu suchen? Oder warum muss man plötzlich das Buch drehen, um ein Bild anzuschauen? Auch bei den Grafiken fehlen teilweise der Sinn und oft eine notwendige Erklärung, ich habe auch schon mal mehrere Minuten gerätselt, was denn genau dargestellt werden soll… Alles in allem ist es trotzdem unbedingt lesenswert, die interessanten Texte überwiegen gegenüber dem höchstens mäßigen Layout - und wenn man sich erst vom Schock über „Shades of Grey“ beruhigt hat, ist „Make Love“ genau das Richtige! Kathi, 17 Jahre
Titel und Cover lassen keinen Zweifel: Hier geht´s zur Sache. Und diese Sache ist deutlich vielfältiger als die drei berühmten Buchstaben. Wer sich mit sich selbst nicht auskennt, kann weder für sich, noch für sein Gegenüber erfüllt agieren. Deswegen beginnt das Buch mit der schnörkellosen wie zeitgemäßen Ansage: Fass an. Und wo gelingt schon der erste Versuch perfekt? Deswegen geht´s vom ersten Mal gleich zum zweiten, denn Übung macht den Meister. Bei aller unumwundenen Offenheit bleibt Blick dabei immer auf das gesellschaftliche Fahrwasser gerichtet, in dem heutige Jugendliche ihr Bild vom Sex generieren. „Das ist ja geil“ wird in ernst gemeinte Gefühlswelten überführt, „fick mich“ und Pornos auf Show und Wirklichkeitsgehalt untersucht. Die Kapitelüberschriften führen spritzig wie trefflich durch den Liebesdschungel: Sag mal, hör mal, komm doch, pass auf. Genauso sachlich knackig wie eindringlich lesen sich die gut geschriebenen Texte. Hier geht es nicht um allumfassendes Wissen zum Thema Sex. Hier geht es um das Geheimnis von gemeinsamen Spaß, gemeinsamem Glück, Entspannung, Wohlbefinden. Die Fotogalerie erinnert an die Aufklärungsfotobücher der wilden 70er Jahre. In warmen, leicht zartgelben, schwach gesättigten Farben wie in klassische schwarzweiß zeigen sie bei aller Nacktheit vor allem viele Küsse und innige Zweisamkeit, womit die Fotos einen deutlichen Gegensatz zu oft allzu bekannten pornografischen Aufnahmen bilden. Das alles ist natürlich mit Günther Ahmend´s „Sexfront“ oder Will MacBrides „Zeig mal“ schon mal da gewesen, doch lange nicht mehr lieferbar. Die Autorinnen wollen vor allem eins klarmachen: „Erregung ist angeboren, Sexualität wird gelernt.“ Und genau hier funktioniert nach wie vor nichts besser, als ein gut gemachtes Buch, mit dem man sich möglichst ungesehen unter die Bettdecke verkriechen kann. Dieses hier ist dafür absolut empfehlenswert. Katrin Rüger