krueger-allee

Foto: Anne Krüger und die Bücherfresser auf der Leipziger Buchmesse. Zum Interview

Anne Krüger, Allee der Kosmonauten, script5 2015 € 17,95

Schon Tschick hat uns gezeigt, dass der Weg zu Freundschaft und Freiheit durch die Allee der Kosmonauten führen muss. Die im Osten Berlins gelegene Straße gilt nach der Errichtung ihrer vielgeschossigen Plattenbauten in sozialistischer Vorzeit als Prestige-Wohnbezirk. Die Protagonistin Mathilda war eins der „Sternenkinder“, die hier einziehen durften. Ihre Kindheit wurde von den verheißungsvollen Versprechen dieses russischen Aufbruchs geprägt. Nach der Jahrtausendwende wirken die Kosmonauten und ihre traumanregenden Schatten, welche die fast Erwachsene weiterhin begleiten, irritierend. Nach einem abgebrochenenStudium jobbt Mathilda an der Kasse eines Supermarktes und kämpft mit dem unerklärlichen Gefühl der Verlorenheit. Menschen scheinen ihr rätselhaft. Ihre Beziehungen sind ständig zum Scheitern verurteilt. Gern verliert sie sich in ihrem Alltag und fühlt sich überfordert. Die Familie wohnt nah, doch die Beziehung zu ihr ist so fern wie die Beziehung zu sich selbst. Auch ihre dicksten Freunde aus Kindertagen sind kein Heilmittel. Bewundernd hängt man sich an die Fersen dieser ziellosen Sammlerin von Augenblicken, die dem Leser in einem Fluss von lakonischen Shortcuts präsentiert werden. Um zu einem Ganzen zu finden und es mit sich selbst aushalten zu können, muss Mathilda sich ihre Kindheit zurückerobern. Dieser Weg führt sie nicht nur in den „Laden der verlorenen Dinge“ sondern fast nach Baikonur.Anne Krüger beschreibt in Matilda die Lebenssuche ihrer Generation, die geschichtsbedingt abrupt von ihrer Kindheit getrennt wurde. Diese sorgsam erzählte Entdeckungsreise ohne Theatralik steht in erstaunlichem Gegensatz zu Jana Hensels „Zonenkinder“. Mathilda glückt am Ende die Bergung der eigenen Vergangenheit als unabdingbares Puzzleteil für ihr gegenwärtiges Leben. Diese Geschichte in bester Coming of Age Manier kann ähnlich wie Tschick mit jugendlicher Neugier oder mit erwachsenem Wehmut gelesen werden.