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Klaus Kordon: Krokodil im Nacken, Beltz & Gelberg TB € 9,95

Manfreds Kindheit wird vom Leben in Mutters Kneipe bestimmt. Oft stromert er durch die Straßen des östlichen Berlins und spielt in den Trümmerbergen, geht für die Mutter einkaufen am  S-Bahnhof Gesundbrunnen mit seinem westlichen Einkaufsparadies. Er verliert sich in der Welt der Bücher, entdeckt das Kino und das Theater. Die Kriegswitwe hat keine Zeit für Kindererziehung. Sie stirbt früh und Manfred wird als Spätwaise in einem sozialistischen Kinderheim erwachsen. Mitten in der Arbeit stehend holt er sein Abitur nach und macht ein Fernstudium, heiratet jung und bekommt zwei Kinder. Den geforderten Eintritt in die Partei, das politische Mitwirken am Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates den die DDR Diktatur erzwingt, wird von Lenz immer wieder erneut umgangen.
Er wechselt oft den Arbeitsplatz. Da zu viele sich für ein Leben im  Westen entscheiden, erlebt Lenz den Bau des antifaschistischen Schutzwalls. Nun leben sie hinter der Mauer, abgeschlossen vom Rest der Welt, und die Fänger des sozialistischen Machtapparates treiben ihn und seine Familie immer weiter in die Enge.  So entschließt sich die Familie 1972 zur Flucht. Ein Verrat lässt ihr Vorhaben scheitern. Manfred Lenz erzählt seine Geschichte, die Übereinstimmungen mit der Lebensgeschichte des Autors trägt, portionsweise und von Stasi Verhören unterbrochen, aus dem Gefängnis.
Auf fast 800 Seiten erzählt Kordon eine Geschichte, so prall voll kleiner Details, wie man sie heute in Jugendromanen kaum noch findet. Dabei lässt er still und leise einen starken Charakter entstehen, der sicher nicht wagemutig zu nennen ist, eher vorsichtig und bedacht. Aber er lässt sich nicht unterkriegen, dieser Manfred Lenz, und er ist um keinen Preis abzubringen, von seinem klaren menschenrechtlichen Wertegefüge. Den Büchern, die er gelesen hat, sei vermutlich Dank. Beständig ringt er um Haltung und Handlung, und kämpft mit seinem  Gewissen. In Manfreds Gedanken spiegelt Kordon die Lebens-, Sprach- und Gedankenwelt des sozialistischen Systems, die Unvereinbarkeiten der Diktatur mit dem lebendigen Gewissen Manfreds, die vielen Schattierungen und Meinungen, die das Leben der Menschen um Lenz herum ausmachen.  Der Kalte Krieg, Ost wie West, findet dabei ebenso in der Sprache seinen Niederschlag. In der Einsamkeit seiner Zelle hinterfragt Manfred vieles wohltuend, bereichernd und exemplarisch.  Ein über alle Maßen beeindruckender Roman, ein großes Stück Zeitgeschichte, den ich Jugendlichen wie Erwachsenen ans Herz lege möchte, denn Manfred Lenz lässt durch sein Denken unsere eigenen Gedanken wachsen. Hier kann man handfest und bodenständig über das Leben philosphieren und darüber hinauswachsen.

ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjurys