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Chen Jianghong, Der kleine Fischer Tong, Moritz Verlag 2015 € 18.-

Chen Jianghong ist ein Wanderer zwischen europäischer und asiatischer Tradition. Seine Geschichte wurde von einer chinesischen Illustration aus dem 7. Jahrhundert inspiriert und die Bilder sind wie immer bei Chen Jianghong mit Tusche auf Seide oder Reispapier in schnellem, selbstbewussten Strich gezeichnet. Ihre intensive Stimmung entwickelt beim Betrachten ein kunstvolles Eigenleben und lässt das Wesen in allen Dingen erspüren. Dies ist ein Buch zum Schauen und Staunen. Es vermag Groß und Klein besonders zu fesseln.
Hinter den bleiernen Hochhäusern einer modernen Megacity, auf dem letzten Zipfel eines Strandes, steht eine alte Bambushütte. Hier sieht man den kleinen Fischer Tong seinem Tagwerk nachgehen. Der Himmel wird schwarz und schwärzer. Ein Unwetter naht. Gegen den Rat seines Vaters sticht Tong in die See. Die Wellen bäumen sich auf, während er noch einen Fisch zu bergen versucht. Tongs Kampf mit dem Fisch wird zum Kampf gegen den Sturm in dem plötzlich ein wassertriefendes Skelett auftaucht. Für einen kurzen Augenblick scheint es, als beuge es sich über den Betrachter. Durch die für ein Bilderbuch ungewohnt dichte Dramatik und Dynamik wird der Betrachter förmlich ins Buch hineinspült. Tong ergreift die Flucht und fällt kurz vor der Hütte in Ohnmacht. Zärtlich nimmt das Skelett ihn auf den Arm und trägt ihn in sein Haus. Der Sturm legt sich. Schon Wolf Erlbruch hat in Ente, Tod und Tulpe seinem Tod in karierter Kittelschürze und warmen Puschen einen rührend menschlichen Habitus gegeben. Doch Chen Jianghong geht weiter. Im folgenden Diskurs zwischen Tong und dem Tod spürt man vor allem das Leben: die Verlorenheit eines Einzelnen, die Hässlichkeit, aber auch die wärmende Fürsorge im Miteinander. Jeder spillerige Knochen dieses Todes ist erfüllt von menschlichem Empfinden. Durch die Rippenbögen bleibt der Blick an einer Spiegelscherbe hängen. Sein hässliches Antlitz macht Gänsehaut. Noch länger betrachtet man den Knochenmann, wie er zusammengesunken am Boden sitzt. Ein Häufchen Elend voller Schmerz. Das bemerkt auch Tong und bietet seine Decke zum Schutz gegen die Kälte an. Das Ende dieser Geschichte ist so logisch wie rätselhaft. Derweil Erwachsene es nicht leicht haben werden, mit der Menschwerdung des Todes, den Gedankenspielen dieser Dualiät in allen Dingen Raum zu geben, werden Kinder mit dem zuversichtlichen wie märchenhaften Ende, dem großen Abenteuer von Tong, der Liebe und der Fürsorge im Leben von der diese Geschichte erzählt, sehr zufrieden sein.