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Oliver Hintze, Susanne Krones: Tonspur. Wie ich die Welt von gestern verließ, dtv TB € 14,95

Dreistimmig lockt Olaf Hintzes Tonspur in das Reich seiner Erinnerungen. Mit seiner eigenen, im Buch in wörtlicher Rede gehaltenen Stimme, einer vorsichtig und sorgsam zu nennenden Annäherung seiner Chronistin Susanne Krones und jenen, immer wieder aufs Neue ergreifenden Zitaten aus Stefan Zweigs Welt von Gestern taucht vor unseren Augen ein Land wieder auf, dass 30 Jahre nach seiner Auflösung beginnt in Vergessenheit zu geraten. Hintze, aufgewachsen im Erfurtder 70er und 80er Jahre, entdeckte die Kraft und Sogwirkung von Büchern und Musik.
Sie trugen, beeinflussten, prägten und veränderten ihn, und nährten sein Denken. Nichts von dem was er las, hörte und dachte, passte ins System der DDR. Seine Sehnsuchtslisten nach Büchern wurden immer länger. Sein Aufwand diese zu beschaffen ward immer größer. Seine Kreativität und Hingabe, die jegliche Grenzen überwindenden Radiowellen zu erkunden und zu nutzen, auch. Funktechniker wolllte er werden und bastelte als Jugendlicher schon an seinem eigenen Radio, sendete auf eigener Frequenz in die Wohnsiedlung seine Music-Mix-Kassetten. Mit Westmusik aus dem Radio, natürlich. Sein Berufswunsch wurde ihm wegen fehlender politischer Voraussetzungen verwehrt, ebenso das Studium. Tonspur offenbart die diktatorisch verordnete, staatliche Verlogenheit in unzähligen kleinen Alltagsdetails, die Aussichtlosigkeit freien Lebens und Denkens und die quälende, emotionsgeladene Suche nach Lösungen für  eine lebenswerte Zukunft, einem einsamen Prozess, der im Sommer  89 nur eine Lösung finden konnte. Hintze beschloß nach einem Sommerurlaub in Rumänien und Bulgarien nach Ungarn zu fahren und bei Sopron illegal über die Grenze zu gelangen. Tonspur beeindruckt. Aus dem Buch spricht eine Lebensintensität, die ebenso wie das bald vergessenes Land, in Zeiten spontanens "Like it" oder  "like not" in Vergessenheit zu geraten scheint. Die Entscheidung, sein Land zu verlassen und alles hinter sich zu lassen, entspringt niemals  einem spontan erwachten Spleen. Sie ist eine vielfach durchdachte Tat. Mit allen Folgen und möglichen Konsequenzen. Sein Kartenmaterial gab keine Auskunft über den genauen Verlauf der Grenze und noch weniger über die Zukunft, die ihn  erwarten würde. Tonspur erzählt die Geschichte eines Menschen, der sich selbst sicher nie als mutig bezeichnen würde und doch genau das war, mutig und tatkräftig, mit aller Konsequenz. Sondergleichen!