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Linde Hagerup: Ein Bruder zu viel, Gerstenberg Verlag 2019 € 14,95

Die Welt der 9-jährigen Sara könnte schöner nicht sein, bis eine Freundin ihrer Mutter plötzlich stirbt. Alleinerziehend hinterlässt sie einen 5-jährigen Sohn. Saras Eltern beschießen, ihn in die Familie aufzunehmen. Sara konnte dem quengelingen Steinar nie etwas abgewinnen. Nun besetzt er ihr halbes Zimmer. Die Mutter. Den Vater. Von Trauer umfangen, bekommt er immer alles. Steiner lebt in einem Schonraum und in Sara nagt ein kleines, wütendes Tier. Da alle Aufmerksamkeit auf Steinar liegt verschwindet Sara mehr und mehr, bis sie auf eine Idee kommt: Sara wird zu Alfred, einem großen Bruder für Steinar, der nett zu ihm sein kann und der vieles schafft, das Sara nicht gelingen will. Doch das Doppelleben birgt andere Schwierigkeiten. Schlicht, klar und für Kinder zum Greifen nah und bildlich erzählt liegt unter dieser Geschichte große psychologische Brisanz. Alle Figuren müssen sich mit starken Gefühlen arrangieren und ihre Handlungen werden in emotionalen Notsituationen mit zweierlei Maß gemessen. Es geht nicht immer gerecht zu. Saras Flucht in eine andere Person macht sie handlungfähig, ist aber auch kein Dauerzustand. Wie wird sie den Weg wieder zu sich selbst zurück finden? Der packende Kinderroman ist eine Geschichte der kleinen Schritte, kurzen Sätze, wechselnden (Jahres)Zeiten. Dem Vergehen von Zeit überhaupt. Der Veränderung. Dem Wachsen. Und vor allem der Liebe, und einer bewundernswerten Vater-Tochter Beziehung. "Die Liebe sind ein paar Beine, die du nicht sehen kannst. Diese Beine können viel weiter laufen als deine normalen Beine. Diese Beine nämlich tragen dich durch das Leben", sagt Saras Papa in der Overtüre zu ihr. Diese vier ungewöhnlichen Beine, die sichtbaren wie unsichtbaren lassen Sara zunächst straucheln und stolpern. Sara nimmt uns mit in ihre Geschichte, die man am Ende, die Beine sehend, ins Herz schließt und keinesfalls missen möchte.