guenther-widerspruch

Herbert Günther: Der Widerspruch, Gerstenberg 2017 € 16,95

Vier Generationen, sagt man, braucht es, ein ditatorisches System aus den Köpfen der Menschen zu bekommen und ein neues, demokratisches, Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Für die Jugendlichen der ersten Generation nach dem Krieg war es nicht leicht, dem Alten zu widersprechen und das Neue zu leben. Herbert Günther entwirft und begleitet, für die Schullektüre bestens geeignet, vier jugendliche Charaktere in die Zeit der 60er Jahre der noch jungen Bundesrepublik. Reni, Jonas, Britta und Robert sind kurz nach dem Krieg geboren und gehen 1963 in die 9. Realschulklasse. Robert, der Verantwortungsbewusste, bringt sich als Chefredakteuer der Schülerzeitung und als Klassensprecher in die Gemeinschaft ein. Britta, die Außenseiterin, als Ossi aus Stralsund geflüchtet, vertritt unbeirrt offensiv  ihre demokratische Meinung.Reni, die Aussteigerin, fühlt sich zu erwachsen für schulischen Auseinandersetzungen. Ihr Ziel ist die Stadt. Raus aus der bedrückenden Enge des Landes. Und Jonas macht einen vorsichtigen Vorstoß, der Wahrheit um seiner Person näher zu kommen, indem er seinem Wunsch nach männlicher Nähe nachgibt. Homosexualität? Das Wort ist noch kaum in Gebrauch. Für fast alles, was im zweiten Weltkrieg geschah, an dem alle Eltern Mitbeteiligung hatten, wird beherrschend und machtvoll geschwiegen. Jeder ist vorrangig mit sich selbst verstrickt. Der Raum für das Gemeinsame wird von dem Kampf ums Eigene stark eingeschränkt. Wie kann man sich gegen Ungerechtigkeiten benennen oder Licht ins Dunkel bringen? Fritz Kolbe, der Student mit dem Reni sich einlässt, lebt aktiven Widerstand in Selbstjustiz gegen Ex-Nazis. Es kommt zu einem Anschlag und zur Anklage, bei der sich bald auch die Jugendlichen im Polizeipräsidium einfinden müssen. Herbert Günther lässt Kriminalkommissar Johannes Lembeck das letzte Kapitel und das letzte Wort, lässt ihn sogar fünf Jahre später, 1968, rückblicken. Er, der Idealist, ist Kommissar geblieben, und hat versucht, allen Widerständen zum Trotz, sich für das Land einzusetzten. Und heute, fast 50 Jahre und drei Generationen weiter, möchte man sagen: Es hat sich doch was bewegt. Aber vermutlich ist dies nicht das Ende sondern wieder ein neuer Anfang und wir müssen uns weiter einsetzen, Widerspruch statt blinder Populismus, um die Demokratie am Leben zu erhalten.