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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Jugendbuch

Wilma Geldorf: Reden ist Verrat, Gerstenberg Verlag 2020 € 18,00

Reden ist Verrat greift ein ethisches Thema auf, das in den Jugendbüchern über die Zeit des Nationalsozialismus unerwähnt bleibt: Was darf eigentlich Widerstand? Wie weit darf er gehen? Schonungslos, ehrlich und einfühlsam erzählt Wilma Geldof von der Entwicklung der 15-jährigen Freddie zur mutigen Widerstandskämpferin in den Niederlanden. Dabei ergänzt sie biografische Fakten mit Fiktion und schafft eine lückenlose Geschichte ohne zu verwirren. Der Roman wühlt auf und macht emotional. Und er bringt immer wieder zum Nachdenken.

„Reden ist Verrat“ lässt Fiktion und Realität ineinander übergehen. Nach der wahren Geschichte der Freddie Oversteegen erzählt Wilma Geldof von einer mutigen jungen Frau, die sich dem Widerstand gegen die Nazis anschließt. Freddie und ihre Schwester Truus erledigen schon länger kleinere Aufträge wie Flugblätter verteilen oder kurze Botengänge für den Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzung in den Niederlanden. Doch sie ahnen nicht, was auf sie zukommt. August 1941: Freddie und Truus schließen sich einer eigenen Widerstandsgruppe an. Zu Beginn helfen sie nur, indem sie hochrangige Nazis in den Wald führen, wo man sie unauffällig „liquidieren“ kann. Später erhalten sie selbst Pistolen und lernen zu schießen. Nicht alle unterstützen ihre Taten und so arbeiten Freddie und ihre Gruppe unter ständiger Lebensgefahr. „Reden ist Verrat“ greift ein Thema auf, das in so vielen Jugendbüchern über die Zeit des Nationalsozialismus unerwähnt bleibt: Was darf eigentlich Widerstand? Es schildert die Situation während des zweiten Weltkrieges in den Niederlanden. Schonungslos und ehrlich, aber unendlich einfühlsam erzählt Wilma Geldof von der Entwicklung der 15-jährigen Freddie zur mutigen Widerstandskämpferin. Dabei mischt sie Realität und Fiktion lückenlos und ohne zu verwirren. Der Roman wühlt auf und macht emotional. Und er bringt immer wieder zum Nachdenken.

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BÜCHERFRESSER FRAGEN Wilma Geldof

Liebe Wilma Geldof, Danke für das großartige Interview. Und danke für das eindrucksvolle Buch. Es hat uns mit vielen neuen Aspekten konfrontiert. Das war großartig und verblüffend.

Bücherfresser: Schreiben Sie mit Plan, oder einfach drauflos? Wilma Geldof: Früher fing ich einfach an zu schreiben. Heute mache ich mir Gedanken über die Charaktere und wie das Buch enden wird. Während des Schreibens ändern sich Dinge, aber es ist gut zu wissen, wohin die Geschichte gehen wird.

Bf: Was halten Sie von Altersangaben? WG: Altersangaben helfen zur Orientierung. Sie sollten nicht davon abhängen, wie schwierig ein Buch zu lesen ist. Wichtiger ist die Komplexität des Themas. Reden ist Verrat darf von Jugendlichen und Erwachsenen gelesen werden. In Holland findet man es bei der Jugendliteratur, wo Erwachsene  ihre Bücher nicht suchen. Das ist schade, denn wenn Erwachsene mein Buch lesen, gefällt es ihnen ebenso wie Jugendlichen.

Bf: Haben Sie über Freddy Oversteegen geschrieben, weil Sie sie kannten oder haben sie Freddy erst im Schreibprozess kennengelernt? WG: Anfangskannte ich Freddy nicht. Als ich sie das erste Mal traf, sagte sie gleich: Ich will das nicht machen. Aber dann vertraute sie mir und war glücklich, dass ich das Buch schrieb.

Bf: Wie sahen Eure Treffen aus?  WG: Freddy lebte in einem Seniorenheim. Wir sprachen nicht nur über den Krieg. Ich brachte ihr Süßigkeiten mit und schrieb ihr Postkarten aus meinem Urlaub. Im Laufe der Jahre wurde sie fast ein Familienmitglied.

Bf: Welche Erinnerungen haben Sie dann in das Buch übernommen und wie gingen Sie bei Ihrer Auswahl vor?  WG: Ich habe die Ereignisse ausgewählt, die die Geschichte brauchte. Sie spielt in einem Zeitraum von vier Jahren. So habe ich Grandma Brocha ins Buch übernommen, der Freddy im lebendigen Gespräch erzählen kann und ich nicht zusammenfassend berichten muss. Ich entschied mich für dramatische und beängstigende Szenen. Die Szene als sie den Nazi in den Wald lockte, erinnert Freddy sehr gut. Ich wollte im Buch zeigen, wie diese Aktionen, die schrecklich waren, Freddy verändert haben.
Bf: Wie lange haben Sie am Buch geschrieben und wie sind Sie dabei vorgegangen? WG: Ich schrieb ungefähr zwei Jahre daran. Zunächst schrieb ich die aktionistischen Szenen. Das reale Leben ist ja keine Geschichte, also habe ich als nächstes für den Leser einen Plot hinzugefügt. Dann schrieb ich den Prolog, der vom Verrat erzählt und da fragte ich mich:  Warum schreibe ich diese Geschichte? Was will ich wirklich erzählen. Diese Fragen ließen mich Freddy erst richtig entdecken. Eine Jugendliche, die Menschen tötete. Wie das diesen jungen Menschen verändert hat, wurde zur zentralen Frage. Als mir das klar wurde, schrieb ich einen neuen Prolog.

Bf: Haben Sie Dinge weggelassen, weil sie zu brutal oder grausam waren? WG: Ich wollte ich zeigen, wie grausam Krieg ist. Das sollten Leser wissen. Aber ich wollte keine entsetzlichen Szenen, die man nie wieder vergisst. Die Empfindung von Grausamkeit hängt von der Art ab, wie man sie beschreibt. Ich wollte vor allem eine Balance finden.

Bf: Peter ist eine erfundene Figur. Welche Rolle spielt er in der Geschichte und hattest du reale Vorbilder für ihn?  WG: Für den Plot ist es schön, wenn es auch eine Liebesgeschichte gibt. Freddy mochte es, dass ich ihr in der Geschichte einen Freund angedichtet habe. Freddy übt gewaltsam Widerstand, Peter tut nichts. Das schärfte den Konflikt. Peter ist meine Erfindung. Für ihn gibt es keine Vorbilder.

Bf: Wie fühlen Sie sich als Autorin, wenn Sie Figuren sterben lassen?  WG: In einer solchen Geschichte werden Menschen sterben, natürlich. Da muss man als Autorin grausam sein. Ich musste auswählen, wer aus der Widerstandsgruppe sterben wird. Als Autorin überlege ich, was gut für die Geschichte ist. Und so wählte ich Abe, der Freddy am nächsten stand. Auch Grandma Brocha und Little Lou starben. Sie gab es wirklich und bei ihrem Tod blutete mir das Herz um sie.

Bf: Haben Sie Charaktere, die sie nicht mögen?  WG: Peters Vater, der seine eigene Geschichte hat oder den Nazi, den Freddy in den Wald lockte. Er ist ein schrecklicher Mann. Als Autorin versuche ich alle Charaktere zu verstehen, auch die, die ich nicht mag.
Bf: Das Buch lässt viel Raum für Diskussion. Es beeindruckte uns, wie ein Buch so viele neue Fragen aufwerfen kann. Zum Beisspiel: Wie weit darf Widerstand gehen. Und wann sollte man keinen Widerstand mehr leisten? WG: Es gibt keine Regeln dafür. Es war eine gesetzlose Zeit. Man konnte gefährliche Personen nicht der Polizei übergeben, da die Polizei mit den Nazis kollaborierte. Es gab Gründe Widerstand zu leisten. Aber Widerstand war auch nicht immer richtig. Es wurden Menschen umgebracht, die man für Täter hielt und später stellte sich heraus, dass sie keine Täter waren. Es wurden auch Fehler gemacht. Man kann nur hoffen, niemals in eine Situation zu kommen, solche Entscheidungen treffen zu müssen.

Bf: Freddy leistete Widerstand, selbst als es schreckliche Konsquenzen hatte…. WG: Für mich ist Freddy eine Heldin, denn sie setzte sich gegen Rassismus und Ausgrenzung ein. Freddy, Truus und Hanni handelten.  Und das hatte schreckliche Konsequenzen, wenn die Nazis den Tod eines Nazis mit Morden an der Zivilbevölkerung vergolten. Es ist schwierig zu sagen, ob Freddy richtig gehandelt hat.
Salka: Mir gefällt, wie Sie die Figuren in einen Gewissenskonflikt führen und das Für und Wider abwägen. Clara: Man weiß, was durch Widerstand ausgelöste wurde, z.B, dass die Nazis Menschen ermordeten, aber man weiß nie, was dadurch vielleicht verhindert wurde. Das ist eigentlich der größte Konflikt. WG: Richtig. Für Freddy und Truus war es ein Konflikt. Beide litten ihr Leben lang an postraumatischen Symptomen.

Bf: Warum haben viele Menschen geschwiegen, selbst als Widerstand nötig war oder gewesen wäre?  WG: Menschen haben Angst. Die größte Gruppe ist meistens indifferent. Sie versuchen ihre eigene Haut zu retten. Und eine kleine Gruppe kollaborierte.
Bf: Man muss auch jemanden kennen, der einem beibringt, was man tun könnte. WG: Jeder kann im Kleinen Handeln. Man muss nicht gleich tun, was Freddy tat.

Paul: Es ist ein dunkles Kapitel in der Deutschen Geschichte, die nicht verschwindet, wenn wir nicht darüber sprechen. Clara: Es ist sehr wichtig, nicht zu vergessen. Zu lernen, wie es passierte ist, ist der einzige Weg verhindern zu können, dass es wieder passiert. Salka: Es kann helfen, andere Geschichten zu kennen und von ihnen zu leren, zum Beispiel Freddy Geschichte.