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Norbert Frei, Christina Morina, Franka Maubach, Maik Tändler: Zur rechten Zeit, Ullstein Verlag 2019 € 20,00

Selbstbewusst spielt der Titel dieses Buches mit einer Doppelbedeutung. Der politische Rechtsruck in Europa ist auch in Deutschland unübersehbar. Es wird höchtste Zeit, sich mit diesem Phänomen auseinanderzsetzen. Die vier Historiker und Historikerinnen der Universitäen in Jena und Amsterdam bieten einen gelungenen, lesenswerten Einstieg. Der Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe in Ost und West wurde politisch konträr angepackt, Erinnerung und Mahung nahm im Laufe der Jahrzehnte unterschiedlich Gestalt an. Eine gewissenhafte Aufarbeitung, die die Handlungen von Tätern wie Mitläufern ins Licht der Öffentlichkeit und in Diskurs brachte, stieß je nach Jahrzeht in beiden Ländern mehr oder weniger an seine Grenzen.
Rechtsextremes Gedankengut überdauerte und lebte in beiden Staaten munter weiter. Offner oder versteckter. Die AutorInnen beleuchten das Wirken des rechtsextrem Randes in unserer Gesellschaft, ihr Schrumpfen und Wachsen in der Verschränkung politischen Handelns der letzen 70 Jahre. Sie beschäftigen sich mit der Gewissensberuhigung durch Relativierung, dem Verschweigen und der hartnäckigen Leugnung des Holocaustes, dem Rassismus und den neuen identiäten Bewegungen, den Forderungen nach einem Schlussstriches, dem der Kampf um die Erinnerung an eine Schuld entgegen steht, dem Umgang mit Gastarbeitern in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwunges und späterer Rezessionen, der Gewaltanwendung und dem Mord an Flüchtlingen samt Mitläufertum auf offener Straße, der erschreckenden Akzeptanz von Menschenrechtsverletzungen bis hin zur erfolgreichen deutsch-deutschen Verbindung verschiedener rechtsextremer Strömungen aus West und Ost, einer nationalistischen Bewegung, einem mittlerweile bunten Auffangbecken Unzufriedener und Frustrierter aller Gesellschaftsbereiche, die es als eigenständige politische Kraft erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik zum Einzug in den Bundestag 2017 schaffte. Es bleibt zu hoffen, dass dieses erhellende Buch zur rechten, zur richtigen Zeit die Augen zu öffnen vermag und uns stark macht, sich für Humanismus einzusetzen, die gewachsene Wertschätzung des Grundgesetzes zu verteidigen und auf dieser Basis nach neuen, solidarischen Lösungen zu suchen.