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Zoran Drvenkar: Der letzte Engel, cbj € 8,99

„Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans mit nach Hause bringen“ sagte schon Georg Christoph Lichtenberg  und man möchte meinen, er hätte geahnt, dass 15 Jahre nach seinem Tod ein Eisblock  St. Petersburg erreichen wird.  Darin eingeschlossen zwei tiefgekühlte Skelette und zwei Flügelpaare. Für die Gräfinnen Pia und Natascha ist klar, dass es sich hier nur um zwei Exemplare der Spezis Engel handeln kann.  Die Damen werden einen Stab von Wissenschaftler engagieren und versuchen, in Reihen fehlschlagender menschlicher Experimente Engel zu erschaffen.  Diese Experimente führen zum qualvollen Leiden junger Menschen und bald gründet sich eine Bruderschaft, welche alle und jeden radikal auszulöschen versucht, der an dieser Sache beteiligt ist. Zeitsprung. Motte, dem eine email den nahenden Tod ankündigt, weiß nichts von diesen 200 Jahre andauernden Kämpfen.  Er kämpft mit sich selbst. Mit albernen Boxershorts bekleidet steht er da, mager und kein Haar auf der Brust. Und nun hat er auch noch diese Flügel von den Ohren bis zu den Fersen an der Backe. Wunderbar lakonisch kommentiert er das Geschehen, welches ihn in pubertärer Manier weder schreckt, noch dass er ihm Herr werden könnte. Mit märchenerzählerischem Talent verstrickt Drvenkar den Leser in seinen komplexen Plot, spielt gekonnt lässig mit zeitlichen Erzählebenen und Blickwinkel und jongliert mit großer Besetzung. „Vergangenheit ist ein Gewebe der Zeit, das sich aus Erinnerungen zusammensetzt“, sagt Mona, ein zehnjähriges Mädchen, welches den Anschlag der Bruderschaft überlebt hat. In allem Tohuwabohu ist sie traumwandlerisch mit einem Engel aus ferner Zeit unterwegs.  „Ein Engel wird von geborgter Zeit leben.“ Mona ist das Bindeglied zwischen den Zeiten bis die Vergangenheit in der Gegenwart ankommt. Reizvoll, da ungewöhnlich nüchtern und glaubensfern, ist Drvenkars Umgang mit dem im romantischen Sektor verbrauchten Thema „Engel“. Sie sind weder Licht noch Botschafter. Hier braucht der Engel den Begleiter. Vermutlich sind sie nicht einmal unsterblich. Einzig ihre Flügel scheinen Zeit strecken zu können und stellen somit ein begehrenswertes, rabiat zu erwerbendes Lebenselixier dar. Einen stimmigen Unterton bildet die grundsolide Erkenntnis, dass die Toten die Lebenden bedingen und die Erinnerung eine unantastbare Brücke bildet, sodass Ende und Anfang ein  unendliches, geschlossenes Band zu bilden scheinen. Fast verliert der Leser am Ende durch den Sog historischer Zusammenhänge die gelungenste Stimme und mit ihr Mottes Desater aus den Augen. Aber nur fast, denn schlussendlich muss der frischgebackene Engel  Federn lassen und genau hier folgt der klassische Verweis auf einen zweiten Teil. „Mist auch“ würde Motte da wohl sagen.