Eisprinzessin

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Tillie Walden: Pirouetten, Reprodukt 2018 €29.-

Das Eisprinzessinnendasein ist hart und unromantisch. Tillie Walden spielt in Bild und Text ihrer graphic novel ein eindringliches Doppelspiel.  Autobiografisch erzählt sie von von vielen Trainingsstunden auf dem Eis, am Morgen vor Schulbeginn und am Nachmittag beim Synkronlaufen. Der Wecker klingelt um 4:00 früh. Die morgentliche Kälte des Eises erzeugt Atemwölkchen. Sie kriecht dem Betrachter der Bilder unmerklich unter die Haut und steht im Widerspruch zu dem Gefühl, welches die Eleganz dahingleitender Körper erzeugt. Die jungen Mädchen spannen ihre Muskeln für diese und jene Figur. Später werden sie, alle gleich in Frisur und Kostüm, zur rhytmischen Einheit verschmelzen, der blasse Teint puppenhaft aufgehübscht, mit nichts als dünner Strumpfhose und und kurzem Röckchendress. Unterhose oder BH tragen zu sehr auf. Tillie liebt es, auf der still und unberührt daliegenden Eisfläche die ersten Kratzer zu ziehen. Der Dreisprung war ein schönes Gefühl, die Schraubenpirouette hat sie gehasst,die Waagepirouette erzeugte Schwindel, der Lutz war ein ekelhafter Sprung doch mit dem Flieger glaubte sie in die Ewigkeit zu gleiten - warum bleibt sie dabei? Tillie Walden plaziert in ihren nach außen so minutiös dressiert erscheinende Körper eine überbordende Menge an Gefühlen, deren Strahlkraft sie über das Eis mit sich zieht wie die Atemwolken.  Am Rande von Müdigkeit und Erschöpfung sucht sie vehement nach Wärme und Anerkennung. Nach Liebe. Sie fühlt sich zu den Mädchen hingezogen. Das spürt sie schon ganz früh. Es bleibt lange ihr bestgehütetes Geheimnis. Ihr Coming Out am Ende gestaltet sich schmerzhafter als ein vertaner Sieg. Es gibt Geschichten, die schwer in Worte zu fassen sind. In dieser gelungenen graphic novel braucht es sie nicht. Fliehende Räume, helldunkel Spiel, Bildauschnitte, Körperhaltung, Gesichtsaudrücke und viele aufs Wesentliche reduzierte Details lassen einen Sog entstehen, der nicht besser von jugendlicher Lebendigkeit erzählen könnte.

Durchs Tor ins Darknet

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Christian Linker: Scriptkid. Erpresst im Darknet, dtv 2018 € 6,95

Short & easy. Zille ist über den Torbrowser ins Darknet gerutscht und entdeckt den Marktplatz scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten. Vielleicht wollte sie es Leo zeigen, dessen Machosprüche sie nerven, vielleicht war sie einfach neugierig. Nun steckt sie mitten drin. Die Coderätsel der Hacker fordern sie heraus, die Gedanken über Schein und Sein dieser virtuellen Welt streifen sie nur am Rande. Auch an den Konflikt mit dem Gesetz, welches sie als Newcommer Hackerin  herausfordert, verschwendet sie vorerst keine Gedanken. Linker erzählt schnell mit nötigem Detailwissen, welches ebenso spannend ist, wie die Geschichte selbst, die sich wendet wie ein Fisch im Wasser. Eine perfekte, kurzweilige Klassenlektüre im Angesicht allgegenwärtiger Digitalisierung.

Im Käfig der Einsamkeit

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Jan de Leeuw: Babel, Freies Geistesleben 2018 € 22.-

Schon das Cover zieht magisch an: Seltsam schwebend entschwindet die Hochhausglasfassade mit seinen stürzenden Linien im lichten Nebel. Menschengemacht, menschenleer, surreal. Als das Mädchen Naomi das über 300 Etagen zählende Gebäude betritt, gerät sie in die hermetisch abgeriegelte, hierarchische Welt eines Superreichen, Abraham Babel, dem mächtigsten und reichsten Mann der Stadt, in der Naomi groß geworden ist. Unter dem Dach des Gebäudes hat er für sich und seine Enkeltochter Alice, die nach einem Terroranschlag auf die Familie an den Rollstuhl gefesselt bleibt, ein Reich geschaffen, aus dem man vom Himmel herab auf Menschen schauen kann. Hier oben ruht die stille Macht über jegliches Leben da unten. Das bekannte Bild wird spielerisch durch vieles ergänztund bespielt: vom Urvater Abraham über biblische Sprachverwirrung, die Strafe für Maßlosigkeit bis hin zu Anspielungen an Alice im Wunderland, die bekanntlich durch ein Kanninchenloch nach unten fällt und nicht nach oben. Leeuws Geschichte erfährt dabei im Lichte einiger schicksalweisenden Tarotkarten zahlreiche Wendungen. Als Naomi aus der Putzkolonne im Keller zum Spielball der "Prinzessin" in den obersten Stock gerufen wird, kann das Spiel beginnen. Es dreht sich um Gier und Geld, um Macht und Glauben und lässt keine Luft zu leben und zu lieben. Naomi und Alice verbindet Ungeahntes, doch über Naomis Beweggründe wird Alice nichts und der Leser nur weniges erfahren. Leeuw schafft eine artifizielle, nebulöse Welt die fasziniert, da in ihr viele aktuellen Fragen ans Miteinander mitschwingen: wie kommt es zu Fanatismus? Warum glaubt der Mensch? Und was glaubt er? Sind wir nicht doch eine große Familie, die sich nur einfach nicht versteht? Und gibt es einen Weg heraus, aus diesem Käfig der Einsamkeit, in dem alle Gefangene zu sein scheinen. Bei aller Intensität auf 450 Seiten bietet der Schluss nur ein loses Schlupfloch, dass vieles ungeklärt hinter sich lässt, als wäre Alice, ein Wunder half nach, am anderen Ende der Welt aus dem Kanninchenloch gekrochen. Hier lässt der Autor, dem es gelingt, belehrende wie klärende Klippen weitgehend zu umschiffen, noch viel Spiel für weitere Fantasie und die eigenen Suche nach Fragen und Antworten.

Mitteilen ohne Sprache

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Penny Joelson: Ein kleines Wunder würde reichen, Fischer Verlag 2018 € 16,99

Nichts sagen zu können, sich nicht bewegen zu können und nichts zu tun, das können wir uns als gesunde Menschen nicht vorstellen. Doch die Hauptperson in diesem Buch, Jemma, ist es anders nicht gewohnt. Seit sie auf der Welt ist, sitzt sie im Rollstuhl, jeder nimmt Rücksicht auf sie und kümmert sich um sie. Besonders ihre Betreuerin Sarah. Als Jemma mitbekommt, dass ein ihr bekannter Junge getötet wurde und kurz darauf der Freund von Sarah ihr ein düsteres Geheimnis verrät, ist das Mädchen in Aufruhr. Am liebsten würde sie ihrer Familie alles erzählen, doch das geht nicht. Jemma kann nicht sprechen. Zu der ganzen Aufregung hinzu stellt sich heraus, dass Jemma noch eine Schwester hat, die ebenfalls adoptiert wurde. Wie kann ein Kennenlernen gelingen, wenn Jemma sich nicht mitteilen kann? Hilfe bekommt sie mittels einer Maschine, mit der man sich durch Schniefen mitteilen kann. Während Jemma übt mit ihrer Schwester zu reden, verschwindet ihre Betreuerin spurlos. Jemma weiß, was passiert sein könnte. Um ihre Gedanken verständlich zu machen, braucht sie Kraft und die Hilfe ihrer Familie.

Wenn sich plötzlich alles ändert

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Stephanie Höfler: Der große schwarze Vogel, Beltz & Gelberg 2018 € 13,95

Ben ist erst 14 als seine Mutter an plötzlichem Herzstillstand verstirbt. Seine Mutter, die eine so lebendige und lebensfrohe Frau gewesen war, welche es liebte lauten Jazz mitzugrölen, durch den Wald zu spazieren und Bäume zu umarmen.Ihr Tod lässt die Familie auseinanderfallen: Bens Vater verkriecht sich in der Wohnung und wird zu einer leblosen Hülle, gefangen in Trauer und Verzweiflung, der sechsjährige Karl reißt immer wieder von Zuhause aus und Ben selbst findet keinen Weg seine Trauer zu spüren, geschweige denn heraus zu lassen. Während das Leben weiter geht, schwankt er zwischen Erinnerungen und Akzeptanz und lernt dabei die wunderschöne Lina kennen, welche auch einige traurige Erfahrungen mit dem Tod gemacht hat.

Feiner Riss – tiefer Graben?

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Fabio Geda: Vielleicht wird morgen alles besser, Knaus Verlag 2018 € 20,00

Fabio Geda hat eine beindruckende Fähigkeit, von den Gedanken, Fragen und Nöten Jugendlicher zu erzählen, so dass ein erwachsener Leser von der ersten bis zur letzen Seite gefesselt ist. In seinem neuen Buch "Vielleicht wird morgen alles besser" sind es der 14jährige Ercole und seine 5 Jahre ältere Schwester Asia, die sich schon sehr früh um sich selbst kümmern müssen. Ercole war 6, als die Mutter verschwand und der Vater ist mit dieser Situation absolut überfordert. In dieser labilen Normalität bedeutet ein feiner Riss oft schon einen tiefen Graben - und Ercole droht mehrfach, darin abzurutschen. Man schließt den Jungen gleich ins Herz und muss aushalten, dass er in den besten Absichten immer wieder Katastrophen auslöst. Die Hoffnung geht aber nie verloren!

Zwei Paare: im 18. Jahrhundert und jetzt

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Alex Capus: Königskinder, Hanser Verlag 2018, € 21,00

In seinem Roman "Königskinder" erzählt Alex Capus zwei Geschichten: die eine von Max und Tina, die auf dem Jaunapass mit ihrem Auto im Schnee stecken bleiben und eine Nacht im Auto verbringen ist gespickt mit amüsanten Dialogen, wie wir es von Alex Capus kennen. Um das Warten zu erleichtern erzählt Max die zweite Geschichte, die sich in dieser Gegend und in Frankreich im 18. Jahrhundert zutrug: von dem armen Viehhüter Jakob und Marie, der reichen Bauerstochter, die sich verlieben und nicht zusammensein sollten. Sie sind es dennoch, kurz zumindest, und sie bleiben beide über viele Jahre der Trennung ihrer Liebe treu und werden über verschlungene Wege wieder zueinanderfinden. Auch ohne im Auto eingeschneit zu sein mag man das Buch nicht zur Seite legen und die Geschichte von Jakob und Marie, Max und Tina miterleben!

Licht in einer dunklen Zeit

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Niccolò Ammaniti, Anna, Julia Eisele Verlag, € 20,00

Ein 13-jähriges Mädchen, in einer fast untergegangenen Welt: eine Seuche hat alle Erwachsenen dahingerafft, ein Feuer hat fast die gesamte Insel niedergebrannt. Trümmer und Leichen liegen allerorten. Doch Anna hat einen starken Überlebenswillen, sie kämpft für sich und ihren kleinen Bruder und eine Hoffnung gibt ihr Kraft: Auf dem Festland wird es anders sein. So ist Anna wie ein Licht in einer dunklen Zeit, die keiner von uns erleben möchte.

Kindheit in zwei Lebenswelten

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Donatella Di Pietrantonio, Arminuta, Kunstmann, € 20,00

Die Romane von Donatella Di Pietrantonio: direkt, mit großer Ehrlichkeit und Offenheit die jeweilige Lebenssituation beleuchtend, mich als Leserin berührend. So ging es mir auch bei ihrem neuen Roman "Arminuta". Die Geschichte eines Mädchens, das plötzlich erfährt dass das Ehepaar, bei dem es als Einzelkind in der Stadt am Meer im Wohlstand aufwuchs, nicht seine leiblichen Eltern sind. Von einem Tag auf den anderen findet es sich ohne weitere Erklärung in einer Familie mit fünf Kindern in engen, ärmlichen, dörflichen Verhältnissen auf dem Land. Ratlosigkeit und Wut durchfluten es immer wieder aber es lernt auch die vorbehaltlose Rückendeckung einer pfiffigen jüngeren Schwester kennen und entdeckt erstaunt kleine Zeichen der Zuwendung an ungeahnter Stelle. Nach "Meine Mutter ist ein Fluss" und "Bella mia" hat die Autorin wieder eine Geschichte erzählt, die ich nicht missen möchte!

Stille Helden

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Erich Hackl: Am Seil, Diogenes Verlag 2018 € 20,00

Zum Glück gab es sie doch auch, die stillen Helden zur Zeit der nationalsozialistischen Vorherrschaft. Einer von ihnen war Reinhold Duschka. der die freigeistige Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in  seiner Werkstatt in Wien versteckte. Er war ein Mensch der Taten, nicht der Worte und so erfuhr auch in der Nachkriegszeit kaum jemand von seiner Loyalität. Nun ist es an der Zeit, die Geschichte zu erzählen! Der Literat Erich Hackl nimmt sich mit Empathie ihrer an uns lässt auch Lucia zu Wort kommen.

Fliehen, Flucht, Flüchtling

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Gerhard Jäger: Die Nacht über uns, Picus Verlag 2018 € 22,00

Fliehen, Flucht, Flüchtling: damals, am Ende des 2. Weltkrieges in Pommern, heute, aus fernen Ländern nach Österreich und unabhängig von Zeit und Ort die Flucht vor sich selbst, vor Leere, vor Erinnerungen. Dieser ungemein packende Roman erzählt von der Nacht eines österreichischen Soldaten auf dem Wachtturm an der Grenze. Der Soldat ist allein mit seinen Erinnerungen im Kopf und mit denen seiner Großmutter in einem Heft. Er durchlebt sie mit ungeheurer Intensität, Emotionalität und Bildgewalt: die glücklichen, warmen, reichen Momente und die schmerzhaften, erschütternden, verzweifelten. Die Geschichte zieht den Leser mit erstaunlicher Sprachgewalt in ihren Bann!

Abtauchen!

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Jennifer Egan: Manhattan Beach, Fischer Verlag 2018 € 22,00

"Manhattan Beach" erzählt eine Geschichte, die den Leser im wahrsten Sinnes des Wortes in das New York der 1930/40er Jahre abtauchen lässt. Die zentrale Figur Anna wird, allen Widerständen zum Trotz, zur Taucherin in der Marinewerft ausgebildet und wird dort arbeiten. Es fehlt aber auch nicht an faszinierenden männlichen Protagonisten, die den Leser in die Unterwelt der Nachtclubs und des organisierten Verbrechens mitnehmen. Ein sehr gut recherchierter und emotional fesselnder Roman mit eigenwilligen und raffinierten Akteuren, die man nicht so schnell vergisst!

Mit allen Sinnen zwischen virtuellen und realen Welten

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June Perry: White Maze, Arena Verlag 2018 € 18,00

Vivian Tallert, Tochter der millionenschweren Game-Entwicklerin Sofia Tallert, führt ein rundum verwöhntes Luxusleben: Dank ihrer High-Tech-Linsen kann sie in eine neue, virtuelle Realität eintauchen und dort mit ihren Freunden chatten. Den Tag verbringt sie am Pool liegend und imaginäre Cocktails schlürfend oder Designerstücke shoppend in der Stadt. Erst als sich seltsame Vorfälle häufen und Sofia Tallert einem überraschendem Herzinfarkt unterliegt, beginnt Vivian die vergangenen Geschehnisse genau unter die Lupe zu nehmen. Am Morgen der Tragödie schenkte Vivians Mutter ihr noch die ersten Testausgaben der von ihr entwickelten "Lucent-Linsen", welche den Komfort besitzen ihre Nutzer alle fünf Sinne wahrnehmen zu lassen. Dank ihnen ist es möglich, einen nicht vorhandenen Sand unter den Füßen zu spüren, den Geschmack eines Milkshakes in einer selbst kreierten Welt zu genießen. Doch Sofia erkannte, dass sich jemand Zugang zu ihren Meisterwerken verschafft hatte und die harmlose Traumwelt der Linsen in ein tödliches Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt, verwandelt hatte. Für Vivian ist klar, dass ihre Mutter nicht des natürlichen Todes starb und ist besessen davon, die Wahrheit herauszufinden und den Mord an ihrer Mutter zu rächen. Schließlich heuert sie Tom, den Schulhacker, an und es entwickelt sich eine innige Verbindung zwischen den Beiden. Da Viv nirgends hin kann, bringt Tom sie in ein geheimes Lager, in welchem er und seine Hacker-Bande wohnen. Die Crew setzt alles daran, die manipulierten Linsen aufzuhalten und die Menschheit vor einem großen Unglück zu bewahren. Doch um den Mörder ihrer Mutter aufzuhalten, muss sie selbst die virtuelle Realität der Lucent-Linsen betreten und ist ihm somit schutzlos ausgeliefert. Kann sie ihren eigenen Sinnen, ihrem eigenen Körper überhaupt noch trauen? Und wie viel ist Vivian bereit für den Schutz der Menschheit zu riskieren? Ein rasanter Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Aug in Auge

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Badey, Kühn: Strom auf der Tapete, Beltz & Gelberg TB 2018 € 7,95

An seinem 16. Geburtstag hat seine Mutter Ron Robert das atemraubende, weiße Cabrio mit roten Ledersitzen für eine gemeinsame Spritzfahrt an den Straßenrand gestellt. Leider wird dieser selig machende Geburtstagsanblick durch ein aus dem Fenster auf die Straße fliegendes Radio zerstört. Ein Nachbarschaftsstreit, der die Polizei auf den Plan ruft. Doch da sitzt Ron Robert schon am Steuer, neben ihm die Klassenkameradin Clara, auf dem Rücksitz ihr Rolli und raus geht es, aus Frankfurt/ Oder, weg von den Streitigkeiten in der sozialen Unterschicht, den Alltagssorgen, den Männerbekanntschaften und dem Alkoholkonsum  in Mutters Umfeld. Ron Robert macht sich auf die Suche nach seinem Vater, zusammen mit Clara, die viel mehr auf ihren eigenen Beinen steht, als man es beim Anblick des Rollstuhs vermuten würde. Dem Schreiberinnen-Duo Andrea Badey und Claudia Kühn ist ein rasantes Roadmovie mit überzeugenden Akteueren gelungen, in dem Klaras Behinderung nur eine von vielen Beeinträchtigungen ist, die einem das Leben schwer machen können. Immer wieder erstaunen die schlagkräftigen, witzigen Dialoge, die klaren Gedanken, welche nichts vernebeln und schönreden und  dabei entwaffende Leichtigkeit verbreiten. Gegen Ron Roberts Albträume gibt es nur eine Lösung: Schau dem Wolf in die Augen und tu was! Selbst wenn es mal schiefgeht, das ist der Weg. Alles andere wird sich finden. Ein briliant durchkommponierter Text, der auf sich selbst vertraut und mit nichts als Selbstverständnis zu überzeugen versteht. Unbedingt lesenswert und als Klassenlektüre zu empfehlen.

Nichts rechtfertigt Gewalt

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Kristina Aamand: Wenn Worte meine Waffe wären, Dressler Verlag 2018 € 16,00

Kristina Aamand schreibt aus erster Hand. Als Tochter einer katholischen Dänin und eines muslimischen Palästinensers kennt sie das Spannungsfeld, in dem ihre Hauptfigur Sheharzerade aufwächst. She war sieben Jahre alt, als ihre Eltern nach Dänemark einwanderten. Hier hat sich Sheazerades Mutter zur strengen Muslimin gewandelt während den Vater, der als Journalist und Dichter verfolgt wurde, ein Kriegstrauma beherrscht. She ist 17 und hat sich freiwillig entschlossen das Kopftuch zu tragen. Es bietet ihr Schutz vor anzüglichen Blicken und Sprüchen der Jungs, macht sie aber auch zum Mobbingopfer. Als ihr Thea, ein Mädchen mit charmanter Selbstverständlichkeit und Offenheit, begegnet, verliebt sich She und bekommt ihren ersten Kuss. Ein Glücksgefühl dem die Bestrafung in der Familie auf dem Fuße folgt. In ihrer Community wird Gewalt an Frauen verübt, Gewalt aus Tradition und Ehre, die fern der Heimat gerade unter Mitwirkung der Frauen besonders stark verfochten wird. Obwohl das kunstfrei zusammengewürfelte Layout der eingestreuten Tagebucheintragungen im Buch eher stört als befruchtet, ist Aamand ein eindrücklicher, der neuen Heimat, ihrer Heimat augeschlossener Roman geglückt, welcher seine LeserInnen mitreißt in märchenhaft rauschende arabische Feste, in Frauenleid und den schwierigen Schritten eines gemeinsamen Lebens  zwischen Bewahren und Erkunden.

Hier geht die Post ab

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Megumi Iwasa, Jörg Mühle: Viele Grüße, Deine Giraffe, Moritz Verlag 2017 € 10,95

In diesem Erstlesebuch knistert es vor Aufregung. Wenn Giraffe unter der Schirmakazie sitzt, hört man ihr Herz über die Savanne schlagen. Sie erwartet Post vom Kap der Wale. Post von ihrem neuen Brieffreund: dem Pinguin. Weiß noch jemand was ein Brief ist? Er reist mit der Pelikanpost über Land und mit der Robbenpost über Wasser. Am Ende hält der Empfänger ein geknicktes Blatt Papier in der Hand und fühlt dabei Freude, Neugier, Sehnsucht und Erwartung. Ein Brief besitzt eine eigene Handschrift, dessen Buchstaben freudig oder fragend herumtanzen können. Man kann ihn geheim allein oder mit anderen gemeinsam lesen. Briefe erzählen von seltsamen Begebenheiten im Leben Fremder, die durch den Briefwechsel Bekannte, ja Freunde werden. Der Text von Megumi Iwasa erzählt elegant, pointiert und einfallsreich. Jörg Mühle setzt in seinen Bildern darüber hinaus das Pottpourrie der Gefühle gekonnt in Szene.  Das Buch weckt die Leselust und die Lust, gleich mal wieder einen Brief zu schreiben, nur um auf Antwort warten zu können. Schreib mal wieder!

Buchpalast – Film ab!

Demnächst: Wie SuperLESERman zur Tat schreitet....

In diesem Buch fehlt nichts. Berg heil! Bitte kaufen, loslegen und die Welt entdecken! Mehr....

 


 

Faustfestival im Buchpalast

  1. Faustisches Treiben mit Anette Spieldiener, Michael Weiser und Marion Hübinger


Familienurlaub in Island mit Folgen

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Katja Brandis: Kyona - Im Bann des Silberfalken, Arena 2018 €18,00

Die sechzehnjährige Kari fährt mit ihrer Familie, zu der seit neuestem auch der Partner ihrer Mutter Thorsten und dessen Sohn John gehörten, in den Ferien nach Island. Nicht eine Verwechslung, wie Kari lange glaubt, obndern die Fügung sorgt dafür, dass Kari durch ein magisches Tor in das Reich Isslar gelangt. Dort hält man sie für Cecily, eine Assassinin, die die junge Magierin Maeva töten soll. Doch Kari hat alles andere im Sinn als den Befehlen der Fürstin Lakana Folge zu leisten. Stattdessen freundet sie sich mit Maeva, mit Elfen, Eisdrachen und Wildpferden an, und ist zuletzt daran beteilgit, dass nach dem lang erwarteten Tod der Fürstin die Eiswache nicht die Macht an sich reißen kan. Karis Mut, ihre Tapferkeit im Kampf gegen alles, das sich ihr in den Weg stellt, aber vor allem ihre Gefühle für den Jungen Anrik, der das Feuer und damit die Vulkane auf Isskar beherrscht, sorgen dafür, dass am Ende die Welt in Isslar wieder eine Friedliche ist. Während der Leser Kari auf ihrem Abenteuer in der fantasievollen Welt Isslars voller Elfen, Trolle, Nufe und Geysire folgt, erfährt er im Wechsel auch etwas über das Geschehen in der Draußenwelt. Dort sucht die Famiie verzweifelt nach Kari und wird von der echten Assassinin bedroht. Ein aufregender Fantasyroman mit einer erfrischend lockeren Heldin inmitten der sagenhaften Kulisse Islands.

Menschheit 2.0

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Emily Suvada: Cat & Cole, Thienamnn Verlag 2018 € 17,00

Die Menschheit vor einem tödlichen Virus zu retten, spielt in diesem horriblen wie brillianten Futurfiction die schönste Nebenrolle der Welt. Die Mathematikerin und Autorin Emily Suvade spielt in so rasantem Tempo mit subkutan wachsenden Panels, gesundheitsfördernden Apps und Algorithmen, also der Menschheit 2.0, die scheinbar mit größter Selbstverständlichket auf digitaler Ebene mit dem menschlichen Code, der DNA, und der menschlichen Hardware laboriert, dass dem Leser bei der Lektüre förmlich die Luft weg bleibt.