Auf der Bettkante

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Moni Port: Das schlaflose Buch, Klett-Kinderbuch 2018 € 14,00

Willkommen in der blauen Stunde. Der Ruhezeit vor dem Einschlafen. Von Stöckchen auf Steinchen gleiten die Gedanken des Kindes in seinem Bett durch den Raum. Mit dem Glas Wasser in der Hand denkt es an den Blauwal im Meer. Die Zunge eines Blauwals ist so schwer wie ein ganzer Elefant. Man erfährt, ganz nebenbei, staunenswertes und das unscheinbare kleine Buch bringt immer wieder neue Fragen auf, die zum Selberdenken und philosophieren anregen. Können Tiere Freunde sein? Was war mein erster Gedanke, als ich auf die Welt kam? Genieße die Insel des Wachträumens und Denkens, wenn die Nacht dich umhüllt und du zur Ruhe kommst. Die Welt ist groß und voller Fragen. So kommt der Schlaf ganz sicher. Ein wunderbar entschleunigendes Buch für die Bettkante oder für die kuschelig warme Höhle unter der Bettdecke.

Revolution ist keine Dinnerparty

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Ying Chang Compestine: Revoluton ist keine Dinnerparty, jacoby & Stuart 2018 € 15.-

Von Sommer 1972 bis Herbst 1976 beschreibt Ying Chang Compestine mit autobiografischen Zügen das Leben der kleinen Ling in China während der Kulturrevolution. Sie lebt von ihrer Familie behütet auf dem Gelände eines Krankenhauses. Ihr Vater ist ein angesehener Arzt. Der Vater unterrichtet seine Tochter neben der Schule in englischer Sprache, die er in seinem Medizinstudium in San Francisco gelernt hat. Ein Bild der Golden Gate Bridge, Sinnbild für das Verbindende, ist Vaters ganzer Stolz und auch Ling liebt dieses Bild. Als der Genosse Li das Arbeitszimmer des Vaters beschlagnahmt, ziehen Spitzelei und willkürliche Gewalt unmittelbar ins Haus ein. Die Golden Gate Bridge wird hinter einem Bild von Mao Zedong versteckt. Das Leben verstummt, Erinnerungen, Fotoalben und Briefe werden aus Angst verbrannt. Geliebte Nachbaren kommen in Umerziehungslager, der Vater verliert seinen Beruf und wird erst zum Putzmann im Krankenhaus degradiert und dann ins Gefängnis gesteckt. Plakate, Parolen, Spruchbänder und Lautsprecher schreien die Botschaft Mao Zedongs in die Welt. Für Ling bleiben diese Worte fremd und abstoßend. Sie widersprechen in allem dem, was sie täglich sieht und körperlich erfährt. Strom und Lebensmittel werden rationiert und sind bald gar nicht mehr zu bekommen, Menschen werden gedemütigt, verletzt, verschleppt und ermordet. Revolution ist ein brutales und blutiges Geschäft, weit entfernt von rechtem und gerechtem Miteinander und ganz wie im Krieg weiß am Ende weiß bald keiner mehr, wo die Seite der Sieger ist. Compestine erzählt eindringlich, gut verständlich und emotionsstark. Ihre zu Herz gehende Geschichte erzählt von den Menschen, von ihrem Alltag und ist in vielen Dingen selbsterklärend. Sie kommt mit minimalen politschen Erklärungen und Fussnoten aus. 10 Jahre nach dem Erscheinen der englischen Erstausgabe hat dieser Roman nichts eingebüßt. Er bleibt lesenswert.

Alte Meister neu verpackt und fesselnd erklärt

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Susanna Partsch: Schau mir in die Augen, Dürer. Die Kunst der alten Meister erklärt von Susanna Partsch, Beck Verlag 2018 € 28.-

Weshalb trägt Maria immer einen blauen Mantel? Wieso malte Rubens mit Vorliebe füllige Frauen? Wie lassen sich die großen Formate durch kleine Museeumstüren transportieren? Reden wir hier wahrlich über 500 Jahre alte Schinken? Die ästhetische Aufmachung dieses mit großer Liebe gestalteten Buches ist ein Hingucker. Die aktuellen Fotos von ungeahntem, musealem Treiben lassen staunen. Susanna Partschs erhellenden Erklärungen fesseln wie ein Krimi. Sie liefert wohldosierten Einblick, Aha-Erlebnis und packendes Detail in rasantem Wechsel. Ein Buch, mit dem man gleich ins nächste Museum laufen möchte.

Nathans Kinder

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Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder, Beltz Tb € 8,95

Machen wir uns nichts vor:  Lessings Nathan ist für viele heute klein und gelb und bestenfalls unromantische Schullektüre. Doch die Ringparabel, der Kern dieses Dramas, welches jungen Lesern vielleicht zu pathetisch, zu entrückt und marionettenhaft erscheint, wegen seiner Reimform gestelzt und dabei noch so pedantisch erzieherisch, ist aktueller denn je. Diese Geschichte muss immer wieder neu erzählt werden. So wie es auch Lessing schon tat, der die Ringparabel von Boccacio entlehnte. In großer Verneigung vor Lessing, aber dann ganz eigen und bodenständig von unten herauf beginnt Mirjam Pressler ihre Geschichte. Neben den bekannten Figuren aus dem Drama: Daria, Recha, der Tempelherr oder Al Hafi, die aus ihrer Sicht das Leben in Jerusalem schildern, dichtet sie eigene Figuren hinzu. Einen namenlosen Jungen zum Beispiel, der in Nathans Haus Unterschlupf und Arbeit findet und von ihm im ersten Kapitel den Namen Geschem bekommt.

Willi darf nicht fehlen

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Birte Müller: Planet Willi, Klett-Kinderbuch €13,95

Das autobiographische Bilderbuch katapultiert die Außenstehenden mitten hinein in Willis Leben und das Leben mit Willi. Er ist mit Down-Syndrom geboren, richtiger Trisomie 21, einem Chromosom mehr als Andere. Sein Wesen breitet sich in elementaren thematischen Episoden auf je einer Doppelseite in Bild und Text aus. „Willi lernt essen“, „Willi will küssen“, „Willis Zunge“. Der klare, einfache und direkte Ton des Textes ist wohltuend, entwaffnend wie faszinierend, weil man spürt, dass das Leben mit Willi alles andere als ganz einfach ist. Das ist bei Willi normal. Tränen und Glücksgefühle liegen bei allen Beteiligten dicht beieinander. Die aus dieser Ambivalenz erwachsende besondere Lebensenergie zeigt sich auch auf jedem, der auf den ersten Blick chaotischen, flächigen, farbintensiven Bilder. Dem linear geordneten Nebeneinander der Dinge stehen Zeitsprünge und eine cineastische Dramaturgie gegenüber. Überaus stark treten innerhalb der Reduktion dabei die Emotionen der Protagonisten zu tage. 

Im Gefängnis. Was ist das für ein Ort und wie lebt man dort?

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Thomas Engelhard, Monika Osberghaus: Im Gefängnis, Klett-Kinderbuch 2018 € 14,00

"Jeder hat ja so seine Vorstellungen, aber genau wissen tut´s keiner. Sie werden es nicht glauben, aber ich habe das Buch in meine Klasse gestellt und wirklich JEDER hat es in die Hand genommen!" Grundschullehrerin im Gespräch mit mir.
Sachkundig wird hier von einem Ort erzählt, am dem Elternteile von 100.000 Kindern leben. Er liegt mitten zwischen uns und doch kennt ihn fast niemand: Das Gefängnis. Wer kommt ins Gefängnis? Was darf man dorthin mitnehmen. Wie lebt man im Gefängnis? Wer arbeitet dort? Und vor allem: Wie lebt lebt eine Familie, wenn der Papa im Gefängnis ist?  Die Geschichte packt, berührt und berichtet unbefangen und behutsam vom Alltag im und mit dem Strafvollzug. Wirklich mal was Neues!

 

Nachdenken über die Natur

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Antje Damm: Was wird aus uns? Nachdenken über die Natur, Moritz Verlag 2018 € 18,00

Ist Natur eigentlich überall? Finden wir sie zwischen den Hochhäusern oder zwischen den Graten aus Granit im Gebirge? Diese zwei Bilder stehen sich zur Frage gegenüber und sehen sich igendwie ähnlich. Sie scheinen leblos und wirken gleich grau. Pflanzen oder Tiere sieht man nicht. Ähnlich und doch anders? Was fällt dir dazu ein? Und brauchen wir Natur überhaupt, wenn wir mit Plastikspielzeug spielen und Nahrung aus Konservendosen kommt? Und wer ist stärker? Pflanze oder Tier? Tier oder Mensch? Die einfachen Fragen und Bilder bringen ihre Betrachter schnell ins Philosophieren. Leicht finden wir neue Fragen, mit den Antworten ist es nicht ganz so einfach. Das Buch bietet viel Raum zum Spielen und Denken und zum Anstoßen wichtiger Gespräche. Nicht nur für Kinder. Auch für Erwachsene. Dies ist Anje Damms fünfter assoziativ philosphischer Frageband. Sie hat es darin zur wahren Meisterschaft gebracht.

Nikolaus Nützel und die Bücherfresser über „Was ist Liebe?“

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Die Liebe wohnt im Buchpalast

Was ist die Liebe? Ob jung oder alt, zeitlebens bewegt diese Frage die Menschen. In seinem neuen Sachbuch über die Liebe versucht Nikolaus Nützel zehn treffliche Antworten zu finden und wendet sich dabei vor allem an junge Menschen, die sich sprachlos vielleicht, peinlich berührt, neugierig und emotional mitgerissen inmitten des Gefühlskarussels befinden. Der Experte ging bei seiner Buchpremiere im Buchpalast ins Gespräch mit vier jugendlichen Bücherfressern, die sich in der Jugendliteratur zum Thema Liebe umgeschaut hatten und sein Buch dabei vorstellten.

Jugendopposition im Dritten Reich. Johannes Herwig mit „Bis die Sterne zittern“

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Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern, Gerstenberg Verlag 2017 € 14,95

Wild, bunt, rebellisch – Johannes Herwig erzählt von den "Leipziger Meuten", einer jugendoppositionellen Bewegung im Dritten Reich. Eine eigene Meinung haben, sich nicht anpassen und das Leben feiern –  auch in der Zeit des Nationalsozialismus gab es Jugendliche, die frei sein wollten und sich dem Zugriff der Nazis entzogen. Der Leipziger Autor Johannes Herwig erzählt in seinem neuen Jugendroman Bis die Sterne zittern  mitreißend von den sogenannten "Leipziger Meuten". Sie sind der ermutigende Beweis, dass nicht alle ihre Menschlichkeit für eine Ideologie aufgaben.

Was wollen die denn mit meinen Daten?

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Michael Keller, Josh Neufeld: Big Data, Jacoby & Sturart 2017 € 15,-

Ist die schöne neue Welt noch aufzuhalten? Das könnte schon eine Frage von Gestern sein. Wenn wir Glück haben, ist es eine Frage von heute. Eine Frage von morgen ist es ganz sicher nicht. Der große Vorteil, denn man erhält, wenn man über Facebook oder Whatsapp kommuniziert oder sich mit Google orientiert ist unmittelbar spürbar. Dem entgegen steht ein Verlust, der nicht direkt spürbar ist und für den es keinen Maßstab gibt: Der Verlust der Privatheit. Schutzlosigkeit. Für das Sammeln, Verarbeiten und Weitergeben privater Daten gibt es in den meisten Staaten klare Gesetze und Regeln. In der digitalen Welt und freien Wirtschaft gibt es sie nicht. Man kommt gar nicht aus: Will man einen Dienst, eine App nutzen, muss man den AGBs zustimmen, die eine Datennutzung vorsehen. Big Data ist in vollem Gange. Aber was ist so schlimm daran? Ich habe doch nichts zu verbergen. Oder doch? Je mehr Menschen bei dieser "Selbstentschleierung" willfähig mitmachen, desto mehr entsteht der Verdacht des Verbergens bei denjenigen, die einfach nur nicht dabei sein wollen. Dieser Comic macht in aller Knappheit deutlich, wie schnell wir die Kontrolle über das eigene Abbild im Datenpool  verlieren und jetzt schon verloren haben und wie wir uns in der Gesellschaft verhalten werden, wenn unser Leben, unser Arbeitsplatz und unser Glück von den Bewertungen anderer abhängen wird. Wollen wir das wirklich?

Der Garten im Haus – von Fläche, Form & Farbe

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Samantha Friedman, Christina Amodeo: Matisse und sein Garten, Diogenes Verlag/ Museum of Modern Art € 20.-

Ganz schlicht im Text erzählt dieses rundum gelungene, in farb- und formbetonender Collagetechnik illustrierte Bilderbuch, wie der Künstler Matisse den Ausdruck der Formen entdeckte. Man nehme Papier und Schere, schneide eine Form und klebe sie an die Wand. Etwas später kommt ein Hintergrund dazu. Und Form mit Gegenform. Kinderleicht wirkt das Spiel. Ein ganzer Garten im Zimmer entsteht. Dieser unmittelbarer Einstieg in die Kunst fesselt den Betrachter und fordert ihn geradezu auf, die Schere gleich selbst in die Hand zu nehmen. Eingebettet in die kleine Geschichte finden sich sieben Original-Scherenschnitte von Matisse, die zum Teil auf prächtigen, aufklappbaren Doppelseiten präsentiert werden. Auf dem mattierten, für ein Bilderbuch ungewohnt starken Kunstdruck- Papierseiten strahlen sie dem Betrachter in besonderer Intensität entgegen. Ein Buch zum Verweilen und Träumen. Ein Buch, dass die eigene Kreativität anregt.

Delikater Gewissensspiegel

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Alois Prinz: Bonhoeffer. Wege zur Freiheit, Gabriel Verlag 2017 € 16,99

Widerstand klingt groß und mutig und ist im Detail doch eine kniffelige Angelegenheit

Im kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist er eine Ikone: Dietrich Bonhoeffer. Ein Heiliger? Ein Held? Ein Unbeirrter? Eine Vorbildfigur. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt worden. In der Schule kommt heute kein Jugendlicher an ihm vorbei. Was also ist das Besondere an einer Biografie über Bonhoeffer? Dem routinierten Biografen Alois Prinz gelingt es immer wieder von Neuem, seine Leser auf eine unerwartet faszinierende Lebensreise mitzunehmen. Tief hinein taucht er sie diesmal, in die Erkenntnisprozesse eines Menschen, bei dem nichts, wofür er später stehen sollte, auf der Hand lag. Bonhoeffer war ein ängstliches Kind und ein schulischer Überflieger. Sein Wunsch, ausgerechnet Theologie zu studieren, verwunderte.

Vor Bienen muss man keine Angst haben

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Deutscher Jugendliteraturpreis 2017, Sachbuch

Pjotr Socha, Bienen, Gerstenberg 2016 € 24,95

"Vor Bienen muss man keine Angst haben", verriet uns Pjotr Socha, Sohn eines Imkers, in einem Gespräch. "Mein Vater hatte manchmal 50 Bienenstiche auf ein Mal." Ein wenig ähnelt er beim Erzählen dem Bären auf dem Plakat zu seinem Buch, rund, langsam und gemütlich, vor allem jedoch neugierig und naturverbunden. Ohne die Biene sähen wir ganz schön traurig aus. Nicht nur, weil Honig so gut schmeckt und die Biene beim Nektar sammeln sehr viele Pflanzen bestäubt. Die Menschen haben der Biene auch viel abgeguckt. Ihre Material sparenden, leichten aber extrem stabilen und praktisch konstruierten sechseckigen Wachswaben zum Beispiel. "Dass ein Bienenschwarm von einer Königin statt eines Königs regiert wurde, konnten die Menschen lange nicht glauben", erzählt Socha und schmunzelt verschmitzt. Für sein Steinzeit-Imker-Paar hat er den Kopf samt dicker Nase einfach gespiegelt. Die Nase der Mumie im Sarkophag der Ägyter, auch sie betrieben schon Imkerei, liebt er besonders. Groß und dick steht sie aus dem Sarkophag heraus. Auch spürt man die Freude, die er dabei hatte, seine eigene Bienen-Hieroglyphenschrift für diese Seite zu entwickeln. Seine Leidenschaft für Bienen und sein feiner Humor zieht sich durch all seine Illustrationen.

Reise ins Erdinnere

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Andreas Pflitsch, Dirk Steinhöfel: Irgendwo brennt ein Feuer im Eis, Arena Verlag 2017 €19,99

Der zweite Urlaub bei Urgroßvater Elias, einem Höhlenforscher, beginnt mit einer Schnitzeljagd und verspricht Abenteuer und eine erkenntnisreiche Reise ins Erdinnere. Dieses Mal ergründen Jonas und Sophie den Vulkanismus in Alaska und die alten Gold- und Kupferminen. Dinge, die immer da zu sein scheinen und sich, sehr langsam, doch wandeln. Das unkonventioll gemachte Sachbuch ist Tage- und Wissensbuch zugleich, bei dem Dirk Steinhöfel digitales  Bildmaterial und Fotos für das Entdeckerauge auf verschiedenen Ebenen collagagiert. Das Sachwissen kommt von Andreas Pflitsch, der in der Lava- und Eishöhlenforschung arbeitet.  Tackerklammern, Knöpfe und Schüre halten die Puzzelstücke zusammen, die nach und nach in Raum und Zeit ein Ganzes ergeben. Zum Greifen nah kommen dabei nicht nur der Schnee und die verschiedenen, sich bei Hitze bildenden Gesteine und Erze, die ein Vulkan dann aus den Tiefen an die Erdoberfläche schleudert, auch für die Plattenbewegungen am Meeresgrund und Faltprozesse an der Erdoberfläche finden die Autoren gut nachvollziehbare Beispiele. Ein Buch zum Vor- und Selberlesen, zum Beobachten und Entdecken, vielleicht gleich hinter der eigenen Haustür, denn vulkanische Überreste gibt es überall auf der Welt.

Nascherei zum Verlieben und Nervennahrung

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Peer Martin: Was kann einer schon tun? Oetinger 2017 € 8,99

Überaus lesenswert

Wenn Peer Martin der Frage nachgeht, wie die Welt zu retten sei, überstrahlen die Begegnungen zwischen Menschen, ihre sensiblen Gespräche voller Mimik und Gestik, die Spaziergänge entlang des Sankt Lorenz Stroms in Quebec, die düstere Faktenlage. Selbst seinem Hund Lola ringt der besorgte Familienvater Antworten ab, die er aus ihren Augen lesen kann. Schon das macht dieses schmale Büchlein überaus lesenswert.

Revolutionäre Reise in die Vergangenheit

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Alexandra Litwina: In einem alten Haus in Moskau, Gerstenberg 2017 € 24,95

Möbel, Spielzeug, Alltagsgegenstände. Bewohner, Untermieter, Haustiere. Generationen residieren unter einem Dach, in einer Wohnung in Moskau, ein Jahrhundert lang. Anschaulich, familiär, hautnah und einfach herausragend wird Geschichte im Großen wie Kleinen erzählt. So gehen die Autorinnen auf familiäre Spurensuche und sprechen dabei gewagt und unverblümt über russisches Alltagsleben. Erzählerisches aus Kindermund wie Sachinformationen wechseln beständig ab und machen auch die große Geschichte im Hindergrund sichtbar. Eine Reise vom Ganzen ins Detail oder vom Detail zum großen Ganzen. Das Buch ist in jeder Hinsicht eine wunderbare Entdeckung.

Beschäftigung für Gipfelstürmer

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Piotr Karski: Berge, Moritz Verlag 2017 € 18,00

Berge bieten Lebens- und Erholungsraum, Naturerlebnis, alpine Kulturlandschaft, sie sind sensibles Ökotop und Sportarena für Waghalsige. Dieser Prachtband führt mit gestalterischer Raffinesse in allen Aspekten hoch hinaus und läd dabei auf jeder Seite seine Leser zum Mitmachen und Selbstgestalten ein. Die Buchhändlerin und Bergführerin ist hochbeglückt über so viel kreative Praxistauglichkeit und hat sich gleich mit viel Elan ihre eigene Hütte gebaut. (siehe Foto) Auch dem Murmeltier kann man sein Heim zeichnen oder die Gämse, welche Schnee- und Kletterschuhe unter ihren Hufen trägt, über Stock und Stein springen lassen. Was braucht ein Kletterer für Material, wenn er tagelang eine große Wand erkundet und wie sieht das Rad des Mountainbikers aus? Wie führt der beste Wanderweg durch ein Naturschutzgebiet, wie liest man eine Karte, was sind Höhenlinien und wie ist das mit dem Maßstab? Sollten die Aktionisten unterwegs hungrig werden,  können sie sich auch ihren Reiseproviant selber machen oder bei der Herstellung von Emmentaler zuschauen. In diesem Buch fehlt nichts. Berg heil! Bitte kaufen, loslegen und die Welt entdecken!

Einstieg zum Handeln

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Sonja Eismann, Nina Lorkowski: Fair für alle! Warum Nachhaltigkeit mehr ist als nur "bio", Beltz&Gelberg 2016 € 16,95

Ein kleines kompaktes Buch, welches in seiner knappen Form doch eindringlich und nachhaltig über die Problemzonen auf unserer Erde und unsere Möglichkeiten, ihnen entgegen zu wirken, informiert. Im Fokus steht dem Menschen Unentbehrliches, wie Greifbares: Energie, Müll, Nahrung, Kleidung, Mobilität, Wohnen, Migration. Historisch eingebettet, aktuell erzählt, mit Fakten und Zahlen verfeinert und mal einem Interview begleitet bieten die Texte ein rundes Bild des aktuellen Standes und klare Anweisungen zum Handeln. Das beruhigt ein wenig. Ein solider Einstieg für alle Zukunftsaktivisten.

Mehr Nächstenliebe und Achtsamkeit, bitte.

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Yann Arthus-Bertrand, Anne Jankéliowitch, Martin Laffon: Wie geht's dir Welt und was ist morgen? Gabriel Verlag 2017 € 16,99

Dieses Buch eignet sich für blutige Einsteiger, einen ersten Schritt ins nicht so lustige Thema "Zukunft" zu wagen. Es besticht vor allem durch Bilder von erhabener Schönheit. Den Menschen darauf traut man alle guten Dinge dieser Welt zu, allem voran das Gemeinsame und das Achtsame. Der gezeigten Natur wünscht man sich sorfort, sie möge in ihrer Vielfalt und Faszination erhalten bleiben. Das berühmte "mehr", aus der bei Menschen beliebten Wachstumsformel, findet man hier vor allem im Inhaltsverzeichnis. Achtmal. Mehr Nähe zur Natur, mehr Gerechtigkeit,  mehr Toleranz, mehr Frieden. Nur zart wird der Finger auf die Problemzonen in dieser Welt gelegt als wölle das Buch niemanden verstören.

Konkrete Ideen voraus – für unsere Zukunft

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Ulrich Eberl: Zukunft 2050, Beltz & Gelberg € 17,95

Atomkraft? Nein, danke. Wind- und Sonnenenergie? Vermutlich. Wenn wir eine Lösung finden, diese Energie zu speichern ist sie für die Zukunft viel versprechend. Werden Autos bald ohne uns an der Straßenecke miteinander reden?  Gibt es intelligente Fenster und werden T-shirts kompostierbar? Klingt absurd, ist aber alles schon heute entwickelt. In seinem wissenschaftsübergreifenen Buch trägt Eberl innovative Entwicklungen zusammen - so faktenreich wie nötig, so anschaulich wie möglich und so prall gefüllt, spannend und abwechslungsreich, dass man Kapitel wieder und wieder lesen und diskutieren kann. Wie werden wir den Wohlstand ausbauen und dem Klimawandel entgegen wirken können?