Guter Sprint auf kurzer Lesestrecke

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Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben, dtv 2018 € 14,95

Was Castle, alias Ghost kann, ist rennen. In ausgelatschen, billigen Turnschuhen, Jeans und T-shirt ist er schneller als die gestylten Kids auf der Aschebahn des Sportplatzes. Bisher hat er nur auf der Tribüne gesessen, Sonnenblumenkerne gekaut, die Zeit totgeschlagen und versucht den Mist zu vergessen,  in den er in der Schule ständig verwickelt ist. Als der Trainer ihm vorschlägt in der Trainingsgruppe mitzumachen, hält er das für einen Witz, doch bald steht er mit geklauten Turnschuhen auf der Bahn. Mit schnellem Tempo auf kurzer Strecke entwickelt sich die Geschichte wie ein guter Sprint, dem es an nichts fehlt: Einsatz und Herzblut, Vertrauen und Wertschätzung. Familie und Drama. Und Ghost wird es mit ein paar Umwegen gelingen, sich selbst zu erkennen. Lesenswert.

Mobbinggeschichte mit Rettungsanker

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Frida Nilsson: Ich und Jagger gegen den Rest der Welt, Gerstenberg Verlag 2018 € 14,95

Als Jagger auf Bengt trifft, hatten die Kinder des Hofes ihn in den Müllraum zu den Containern gesperrt. Jagger, ein selbstbewusster Penner-Hund, war auf der Suche nach etwas Fressbarem gewesen und die beiden verband sofort ein Thema: die Gemeinheiten der Mitmenschen, die sie trafen. Im Gegensatz zu Bengt hatte Jagger seine Lösung für das Problem gefunden. Er handelte und schlug zurück.  "Das klang mächtig und schrecklich und gut zugleich." Die Allianz von Bengt mit Jagger befeuert die alltägliche Mobbinggeschichte in der Bengt steckt und für die Nilsson feinfühlige Szenen und Bilder findet. Wohl dosiert inszeniert sie Aktionismus, Gleichgültigkeit und Verlogenheit mit kindlich fantasischem Rettungsanker. Ein grandios gelungenes Buch mit viel Raum für Gespräche zu einem Thema, das auch uns täglich umgibt.

4. Juli 2018 18:30 Uhr: Jochen Till und sein Vorleser präsentieren „Pogo & Polente“ und „Luzifer“

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Jochen Till: Pogo und Polente, Tulipan Verlag 2018 € 13,00

Wie schon in Luzifer, thematisiert Jochen Till auch in Pogo und Polente elterliche Vorbilder und kindliche Rebellion in witziger, ungewohnter Rollenverteilung. Polente, eigentlich Vanessa, wünscht sich, in die Fußstapfen ihres Vaters, eines Polizisten, zu stapfen und spielt gewissenhafter Recht und Ordnung, als es die Polizei erlaubt. Sie ist mit ihrem Vater ausgerechnet in das Haus neben Pogo und seine Eltern gezogen, die in ihrer verfallenen Hütte ein waschechtes Punkerleben führen. Dummerweise entwickelt Pogo seine Zukunftswünsche ebenso gewissenhaft wie Vanessa und dirket an seinen Eltern vorbei. Er ist ein angepasster, strebsamer Einserschüler, der die Schule und das Lernen liebt. Trotz allem läuft es mit Pogo und Polente nicht gleich rund. Erst als ein Fahrraddieb sein Unwesen treibt, beginnen die beiden gemeinsame Sache zu machen. Jochen Till lässt die Welten und Lebensansichten großer wie kleiner Menschen mit viel Spaß, Situationskomik und Augenzwinkern aufeinander prallen, immer mit der Gewissheit,  dass Kinder aus all dem, was sie umgibt, das Beste machen.

Willi darf nicht fehlen

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Birte Müller: Planet Willi, Klett-Kinderbuch €13,95

Das autobiographische Bilderbuch katapultiert die Außenstehenden mitten hinein in Willis Leben und das Leben mit Willi. Er ist mit Down-Syndrom geboren, richtiger Trisomie 21, einem Chromosom mehr als Andere. Sein Wesen breitet sich in elementaren thematischen Episoden auf je einer Doppelseite in Bild und Text aus. „Willi lernt essen“, „Willi will küssen“, „Willis Zunge“. Der klare, einfache und direkte Ton des Textes ist wohltuend, entwaffnend wie faszinierend, weil man spürt, dass das Leben mit Willi alles andere als ganz einfach ist. Das ist bei Willi normal. Tränen und Glücksgefühle liegen bei allen Beteiligten dicht beieinander. Die aus dieser Ambivalenz erwachsende besondere Lebensenergie zeigt sich auch auf jedem, der auf den ersten Blick chaotischen, flächigen, farbintensiven Bilder. Dem linear geordneten Nebeneinander der Dinge stehen Zeitsprünge und eine cineastische Dramaturgie gegenüber. Überaus stark treten innerhalb der Reduktion dabei die Emotionen der Protagonisten zu tage. 

Im Gefängnis. Was ist das für ein Ort und wie lebt man dort?

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Thomas Engelhard, Monika Osberghaus: Im Gefängnis, Klett-Kinderbuch 2018 € 14,00

"Jeder hat ja so seine Vorstellungen, aber genau wissen tut´s keiner. Sie werden es nicht glauben, aber ich habe das Buch in meine Klasse gestellt und wirklich JEDER hat es in die Hand genommen!" Grundschullehrerin im Gespräch mit mir.
Sachkundig wird hier von einem Ort erzählt, am dem Elternteile von 100.000 Kindern leben. Er liegt mitten zwischen uns und doch kennt ihn fast niemand: Das Gefängnis. Wer kommt ins Gefängnis? Was darf man dorthin mitnehmen. Wie lebt man im Gefängnis? Wer arbeitet dort? Und vor allem: Wie lebt lebt eine Familie, wenn der Papa im Gefängnis ist?  Die Geschichte packt, berührt und berichtet unbefangen und behutsam vom Alltag im und mit dem Strafvollzug. Wirklich mal was Neues!

 

Eine Vatersuche, ein Paket und ein wenig Magie

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Tom Llewellyn: Der magische Faden, Thienemann Verlag 2017 € 12,99

Markus ist ein ganz normaler Junge. Er lebt zusammen mit seinem Bruder Lukas, seiner Schwester und seiner Mutter in einem Haus in Amerika. Sein Vater., ein Archäologe, ist, seit er in Griechenland eine unglaubliche Entdeckung gemacht hat, verschollen. Seit Jahren haben Markus und seine Familie nichts mehr von ihm gehört. Bis eines Tages ein Paket aus Griechenland ankommt, in dem sich ein merkwürdiger Faden befindet. Als Markus ihn  berührt, bekommt er einen Schlag. Kurz darauf beginnt das ganze Haus zu leuchten. Das lockt nicht nur Tiere sondern auch seltsame Menschen an.

Kinderkrimi in Cornwall

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Sabine Ludwig, Pandora und der phänomenale Mr Philby, Dressler 2017 €14,99

Cornwalls Küste bietet Sabine Ludwig für ihren Kinderkrimi einen gelungenen HIntergrund. Ein in die Jahre gekommenes Hotel, dem die Gäste ausbleiben, die fast dreizehnjährige Pandora, die mir ihrer Mutter fürchtet, bald alles aufgeben zu müssen. Dann aber tauchen der mysteriöse Mr. Philby, dem Pandora von Anfang an nicht über den Weg traut, und Ashley, ein Junge aus besseren Kreisen, den Pandora von ihrer Großmutter als Feriengast aufs Auge gedrückt bekomt, auf. Statt die Ferien mit ihrem besten Freund Zack zu verbringen, findet sich Pandora unverhofft mit ihm im Streit, weil er ihr in Sachen Mr. Philby nicht glauben mag, und dafür mit Ashley verbündet, der ihr zumindest bei ihren heimlichen Nachforschungen nicht im Wege steht. Und siehe da, die Küste von Port Arthur ist gefährlich, eine Leiche taucht auf, Mr. Philby verstrickt sich in Lügen, und die drei Kinder geraten am Ende so richtig in Gefahr. Ein gelungener Krimi, der mit dem gewohnten Witz der Sabine Ludwig und einer Portion Spannung daherkommt.

Wenn es im Kopf leuchtet und das Herz kribbelt

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Gideon Samson: Sternschnuppensommer, Gerstenberg Verlag 2018 €12,95

Jakob ist eher der Typ unsichtbar. Nur nicht auffallen, keine Freunde, Eltern getrennt. Als die Mutter ihn in den Sommerferien zu seinem Vater auf eine griechische Insel schickt, packt er vorsorglich 30 Comichefte ein und vergräbt sich lesend auf seinem Zimmer. Doch dann lernt er Michális kennen, einen Nachbarsjungen, und findet in ihm jemand, mit dem man reden kann. Als Michális ihm von der Ankunft  seiner Ferienfreundin erzählt, einem Mädchen in das er sich letztes Jahr verliebt hat, reagiert Jakob verwirrt und besorgt, dann verwundert und neugierig. Flugs wird aus der Zweisamkeit eine Dreieinigkeit, die unzertrennlich auf Abenteuerkurs die Insel unsicher macht, bis Jakob feststellt, dass auch er sich in Puck verliebt haben muss. Eine wunderschöne erste, kindliche Liebesgeschichte, die zaghaft eine ganze Palette von Gefühlen,  Schmetterlinge, Wut und Verzweiflung und wieder zurück zu einer Freundschaft, präsentiert. Die besondere Du-Perspektive reißt den Leser aber nicht zu tief hinein, lässt ihn vielmehr Beobachtungsraum für das Selbstwerdungs-Schauspiels, an dem Jakob am Ende stark hervorgeht, Freude findet, von der Liebesgeschichte seiner Eltern erfährt und seinen Vater richtig kennenlernt.

 

Homage an Erich Kästner – Detektivarbeit heißt frei und unabhängig zu denken.

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Philip Kerr: Friedrich der Große Detektiv, Rowohlt Verlag 2017 € 14,99

Berlin 1933: Friedrichs Nachbar Erich Kästner hat dem 12-jährigen ein signiertes Exemplar von Emil und die Detektive geschenkt. Nun brennt er mit kindlicher Leidenschaft für die Detektivarbeit und hat das Buch schon viele Male gelesen.  Gerecht sollte es auf der Welt zugehen. Aufmerksam beobachtet er die Menschen um sich herum. Die neuen Hilfspolizisten der NSDAP erobern einschüchternd und gewaltbereit die Gehsteige. Viele Bürger, auch sein Bruder Rolf, rufen begeistert "Sieg Heil" auf den pomösen Siegesmärschen der Nationalsozialisten mit Fakeln und Millitärmusik. Welcher Sieg, fragt sich Friedrich im Stillen. Er nimmt wahr, wie sein Freund Leo Hertz in der Schule von Lehrern drangsaliert wird, bis er mit seiner Familie das Land verlässt. Immer mehr Menschen verlassen Deutschland. Die Erwachsenen werden schweigsamer.  So oft er kann, sucht er bei seinem Freund Kästner Rat. Auch bei Gesprächen mit Erwachsenen ist neuerdings Detektivarbeit gefragt. Kerr arbeitet behutsam und routiniert. Entlang realer Figuren,  Schauplätzen und Ereignissen entwickelet er spielerisch eine spannenden Geschichte, die in vielen kleinen Details, auch für völlig unbedarfte, junge Leser, von der Machtübernahme 1933, dem Umbau des Landes zur Diktaur, der Ausbreitung von Terror und Gewalt und der Stimmung der Menschen in Deutschland erzählt. Ein guter Grund, sich den kindlichen Blick zu bewahren, doch Friedrich wird in dieser, politsch aufgeladenen Zeit, viel zu schnell erwachsen. Aber er bleibt unbeirrt: ein freier, unabhängiger Denker. Solche Detektive braucht das Land!

Klug & besonders – die etwas andere Haustiergeschichte

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Elena K. Arnold: Keine Angst vor Stinktieren, Carlsen Verlag 2017 € 10,99

Als Bats Mama, eine Tierärztin, das gerade geborene Stinktierbaby aus der Praxis mit nach Hause bringt entflammt Bats Liebe zu diesem kleinen, hilfsbedürftigen Wesen. Mit Tieren kann er sowieso sehr gut umgehen. Mit Menschen tut er sich schwerer. Es fällt ihm nicht leicht, ihre Körpersprache zu deuten oder ihnen etwas von den Augen abzulesen. Es sind doch nur Augen, sagt er, als seine Mama ihn darauf anspricht. Wenn er etwas wissen möchte, fragt er. Die Autorin versteht es mit großer Sensibilität und ganz ohne Tam-Tam Bats leichten Autismus in Szene zu setzten. Man staunt über Bats Geschick in der Welt zurecht zu kommen. Die Klugheit, mit der er agiert, lässt ihn am Ende zu einem richtigen, verantwortlichen Tierpfleger werden und sogar, mittels Stinktier, einen ersten richtigen Freund finden. Ein stilles, feines und besonderes Buch. Mit einem Stinktierbaby zum Verlieben.

 

Neugieriges Miteinander

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Martin Baltscheit: Besuch Aus Tralien, Dressler 2017 € 12,99

Neugierig und eifrig macht sich die Austauschfamilie ans Werk. Ihr eigenes Kind haben sie nach Australien geschickt und dafür einen Gastschüler bekommen. Dave. Er ist grün und hat den Mund voll spitzer Zähne, die er nie putzt. Tagsüber schläft Dave am liebsten im Gartenteich und sein Lieblingswort ist "Koi". Die Schule klagt über mangelndes Anpassungsvermögen. Integration ist gefragt. Alles nicht so einfach, aber sehr lustig, bildhaft und ein richtiger Selbstlese- oder Vorlesespaß im Grundschulbereich, bei dem man mal die Perspektive der Eltern und mal des grünen Gastes einnimmt. Am Ende hat es ihm richtig gefallen und auch das eigene Kind kommt strahlend und um einige Erfahrungen reicher zurück. Was wird er wohl in seiner Gastfamilie erlebt haben? 

Hurra, ein neuer Rico ist da!

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Am Sonntag, den 19. November 2017 um 11:00 Uhr liest Andreas Steinhöfel in einer Familienmatinee aus "Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch". Diese Veranstaltung ist eine Kooperation des Buchpalastes mit der Münchner Volkshochschule "Einstein 28". Zum Kartenvorverkauf geht es hier....

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch, Carlsen  2017 € 14,99

"Es sind nur zwei Geburten in einem Schneesturm." "Klar, wie jedes Jahr zu Heiligaben", murrte Lars. "Hatte ich fast vergessen. Was reg' ich mich eigentlich auf?" Zitat aus Steinhöfel: Rico, Oscar und das Vomhimmelhoch.
Auch am 24. Dezember ist in der Dieffe 93 richtig was los. Oskar und sein Papa Lars sind in Ricos alte Wohnung eingezogen. Rico, Mama und der Bühl wohnen in einer Doppelwohung unterm Dach und bald wird Rico großer Bruder werden. Rico und Oskar wollen noch schnell die letzten Geschenke kaufen, im  Schneegestöber. Weihnachtlich romantisch? Als Oskar sich wiederholt seltsam benimmt ist Rico sicher, dass er ein Geheimnis hat und das muss dringend aufgeklärt werden. Rico ist in allem ein ganzes Stück gewachsen. Man zittert und lacht. Und wie bei allen guten Büchern, beginnt am Ende eine ganz neue Geschichte, der man, für einen Moment, ist ja Weihnachten, alles Liebe und Gute wünscht, bevor man in die Realität zurücktaucht und denkt: Na, schaun mer mal. Ein rundum gelungener vierter Band, der sich allemal zu lesen lohnt. Nicht nur an Weihnachten!

Beschäftigung für Gipfelstürmer

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Piotr Karski: Berge, Moritz Verlag 2017 € 18,00

Berge bieten Lebens- und Erholungsraum, Naturerlebnis, alpine Kulturlandschaft, sie sind sensibles Ökotop und Sportarena für Waghalsige. Dieser Prachtband führt mit gestalterischer Raffinesse in allen Aspekten hoch hinaus und läd dabei auf jeder Seite seine Leser zum Mitmachen und Selbstgestalten ein. Die Buchhändlerin und Bergführerin ist hochbeglückt über so viel kreative Praxistauglichkeit und hat sich gleich mit viel Elan ihre eigene Hütte gebaut. (siehe Foto) Auch dem Murmeltier kann man sein Heim zeichnen oder die Gämse, welche Schnee- und Kletterschuhe unter ihren Hufen trägt, über Stock und Stein springen lassen. Was braucht ein Kletterer für Material, wenn er tagelang eine große Wand erkundet und wie sieht das Rad des Mountainbikers aus? Wie führt der beste Wanderweg durch ein Naturschutzgebiet, wie liest man eine Karte, was sind Höhenlinien und wie ist das mit dem Maßstab? Sollten die Aktionisten unterwegs hungrig werden,  können sie sich auch ihren Reiseproviant selber machen oder bei der Herstellung von Emmentaler zuschauen. In diesem Buch fehlt nichts. Berg heil! Bitte kaufen, loslegen und die Welt entdecken!

Erzählerische Wundertüte

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Benjamin Tienti: Salon Salami. Einer ist immer besonders, Dressler 2017 € 12,99

Sich vorzustellen nur mit dem Papa und ohne Mama zu leben, ist für jedes Kind nicht auszudenken. In dem Buch wird dem Leser schnell klar, das Leben ist nicht immer "Friede, Freude, Eierkuchen". Das Buch ist wie eine Art Wundertüte. Man erfährt erst nach und nach, was passiert ist. Den Grund, warum die Mutter nicht da ist und wo sie ist erfährt man erst ganz am Schluss. Es ist kein schöner Grund. Und so macht sich Hanni mit der Frau vom Jugendamt, welche sie am Anfang bei einer ziemlich skurilen Aktion kennen gelernt hat, die hier nicht verraten werden soll, auf die Suche nach ihrer Mama. Mich hat das Buch so gerührt und mitgenommen, dass ich manchmal echt ein paar Tränen verzwicken musste. Ich fande es trotzdem ein total schönes Buch, weil halt nicht immer alles so ist, wie es in einer Bilderbuchfamilie sein sollte.

Einer für alle, alle für einen.

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Ute Krause: Die Muskeltiere 01. Einer für alle, alle für einen, cbj Verlag € 14,99

Nein, nicht drei Musketiere, sie sind vier und haben es faustdick hinter den Ohren. Ernie, eine Kneipenmaus alias Pommes de terre ist hamburgerisch schlagfertig und bei Abenteuern immer vorneweg. Der Hamster Bertram von Backenbart, ein gelangweiltes Luxushaustier, bringt die Idee mit den Muskeltieren erst auf, liefert dazu die Plastiksäbel, welche vorher als Käsespieße dienten, und kann sogar ein wenig lesen und schreiben. Gruyère, gedächtnis-, namen-, heimat- und familienlos ist eine Ratte, die fest daran glaubt, eine Maus zu sein. Sie hat einen fantastischen Orientierungssinn. Und nicht zuletzt Picandou, eigentlich Picandou Camenbert St. Albray. Er hat seinen Namen in der Käsetheke von Frau Fröhlichs Feinkostladen zusammengestellt, wo er im Keller lebt. Er ist ein Hasenfuss, der alles zu bieten hat, was ein Leben lebenswert macht: er teilt sein weiches Schwammbett genauso selbstverständlich wie die leckersten Essensreste und hat ein großes Herz für Freunde. Er rutscht mit seinem dicken Käsebauch ganz unfreiwillig in diese Abenteuer hinein und will doch nicht kneifen. Denn nur gemeinsam können die Nager Picandous und somit auch ihre eigenes, neues Domizil retten. Ute Krause schreibt mit Fantasie und Raffinesse. Sprachlich wie im Bau ihrer Geschichte, die immer wieder auf kleine Spannungshöhepunkte hinausläuft, zeigt sie sich variantenreich und witzig. Die Muskeltiere schließt man sofort ins Herz. Sie sind die perfekte Vorleselektüre, aber auch zum Selberlesen geeignet. Nicht zuletzt die durchgehend farbigen Illustrationen der Autorin und Illustratorin, die oft noch anderes erzählt als der Text verrät, machen Lust auf Lesen.

Wildes Wochenendabenteuer

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Stefan Boonen: Hier kommt Oma, Arena 2016 € 9,99

Ein Wochenende mit Oma und neun weiteren Enkeln in der Natur! Omas Bus fliegt über die Hügel wie Herr Rossi ins Glück. Das klapprig schaurige Haus im Wald verspricht Zombies  in dunklen Verstecken, Spinnen und wilden Geschichten. Oma liebt die Gefahr. Der Erzähler ist klein, doch nicht der Kleinste.  Ein zaghafter Beobachter, der das Schräge liebt. Mit großer Dynamik breitet sich eine wagemutige Abenteuergeschichte aus, beflügelt durch  Zeichnungen in denen Linien und Perspektiven einen wilden Tanz aufführen. Wer würde da noch an Socken denken. Oder das Wechseln der Unterhosen. Die Antworten  nach der Rückkehr auf elterliche Fragen fallen knapp aus: "Gut", "viel", "darum". Aber das zufriedene Glück, das breite Grinsen von einem Segelohr zum anderen spricht Bände.

Weissnich will heim

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Joke van Leeuwen: Weissnich, Gerstenberg Verlag € 12,95

In dem Fantasiebuch Weissnich geht es um eine kleine Comicgestalt, die plötzlich aus der ersten Geschichte herauspurzelt. Die Mutter des Jungen, der dann für Weissnich Comicpapa wird, erzählt ihm jeden Abend Geschichten. Der Junge freut sich total das Weissnich, so heißt die Comicgestalt, zu ihm gefallen ist, denn er hat keinen, der mit ihm spielt, malt oder über Kindersachen lacht. Weissnich aber hat ein ganz anderes Problem. Er möchte in die Geschichte zurück, zu seinen richtigen Eltern. Obwohl das den Jungen nicht gerade begeistert, macht er sich mit Weissnich auf die Suche nach seiner Geschichte. Doch bis sie ankommen, erleben die beiden verschiedene Geschichten und Abenteuer. Mir hat das Buch gefallen, weil es so lebendig erzählt wurde, dass ich es mir richtig gut vorstellen konnte. Es war aber auch traurig, weil mann lernen musste, Abschied zu nehmen. Empfehlenswert ist es als Vorlesegeschichte. Am besten an seinem Lieblings-Lese-Ort.