Das begehren, was andere haben

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Emma AdBage: Die rote Burg, Kunstmann Verlag 2021 € 15,00

Auch in ihrem zweiten Bilderbuch verpackt Emma AdBage in wenigen Strichen viel Emotion. Mama und ihre Tochter sind zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Das Geschenk für Finn durfte das Kind aussuchen. Eine rote Spielzeugburg. Jetzt, wo sie es verpacken, möchte das Mädchen nichts lieber, als Finns rote Burg mit ihrer grünen tauschen. Natürlich geht das nicht und eine Reihe von Gefühlen breiten sich in dem Mädchen aus. Ärger oder Wut, Frustration, Neid, Machtlosigkeit. Missmutig kaut sie den Geburtstagskuchen und verschüttet ihren Saft. Als Finn das begehrte Geschenk auspackt, beachtet er weder die schöne, selbstgebastelte Karte, das Papier oder die Verpackung. Wütend schaut er auf die rote Burg. Er wollte eine grüne Burg und schon ist das nächste Geschenk an der Reihe. Derweil steigen in der Schenkerin kleine Glücksgefühle auf, denn plötzlich besitzt sie etwas, das sich ein anderer wünscht. In diesem Bilderbuch ist viel Komplexität geboten, die man bereden könnte: Mein und Dein, anders und gleich oder das ewige Zuviel in unserer Konsumgesellschaft und nicht zu vergessen die vielen Gefühle, die all diese Geschenke und kleinen Besitztümer mit sich bringen. All das arrangiert AdBage geschickt im Hintergrund ihrer kleinen einfachen Geschichte. Die am Ende doch glückliche Erzählerin wird bald vier. Ein perfektes Alter für einen Start Gefühle aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Das Meer macht alles neu, schmeckt aber wild und abscheulich

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Will Gmehling, Isabel Pin: Bahnhof am Ozean, Tulipan Verlag 2021 € 15,00

Lakonisch erzählt Gmehling von der Katze, die beschließt eine Reise zu machen. Ein wenig Reiseproviant, über die Kreuzung zum Bahnhof und mit dem Zug ans Meer. Dabei gerät sie in einen Schulausflug und lernt Ei kennen. Einen Jungen, den die Klasse nicht leiden kann, weil er nach Kuhstall stinkt. Die Katze ist eine stille Gefährtin. Manchmal jedoch, faucht sie oder schnurrt wie sieben Tiger. Auf dem Holzsteg am Strand erzählt Ei ihr von sich, während sie gemeinsam in die Brandung blicken, einem ausgefransten Farbenspiel in sandgoldgelb und grünblau. Hier wird Ei  Selbstbewusstsein tanken. Gmehling, der in seinen Kinderbüchern die Schönheit von Umgebung punktgenau einzufangen versteht, konzentriert sich in seinem Bilderbuchtext auf das innere Gespräch und überlässt Isabel Pin den äußeren Raum. In ihren Aquarellzeichnungen ist das Wasser allgegenwärtig. Es lässt Farben unscharf fließen wie es auch Gefühle zu tun pflegen. Es bilden sich geheimnisvolle Flächen und magische Flecken, in denen auch das Glutrot zur Sprache kommt. Überall spiegelt sich, ganz ohne Worte das Leben. Das Spannungsfeld dieses Bilderbuches ist die zarte Umsetzung einer rauhen Geschichte, die in den Worten aufblitzt. Das Quäntchen Lebensphilosophie liefert der einäugige Hinkekater, zu dem die Katze am Ende ihrer Reise wieder zurückkehrt. "Das Meer macht alles neu. Es tut immer, was getan werden muss."  Damit ist Gmehling, ohne dass er ein Wort darüber verliert, in diesem Bilderbuch auch eine Liebeserklärung an das Meer gelungen, einen Ort, der auf seine unscheinbare Art und Weise und auf leisen Sohlen den Menschen ändern kann.

Energiegeladene Liebestudien

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Christine Werner: Blitzeinschlag im TerriTorium, Mixtvision 2021 € 14,00

Von Mamawoche zu Papawoche markiert Terri ihren aktuellen Aufenthaltsort wie die Queen mit einer Fahne am Türrahmen. Sie hat sich gut arrangiert, in ihrem Patchworkleben. So ist sie zunächst auch ganz entspannt, als ihre beste Freundin sich zum ersten Mal verliebt. Da ihr Vater in der chemischen Forschung arbeitet, versucht auch sie diese Sache zwischen Physik (Blitzeinschlag) und Chemie (Hormone) als Beobachterin zu analysieren.

Verliebt in Mathe und noch viel mehr….

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Nikola Huppertz: Schön wie die Acht, Tulipan Verlag 2021 € 14,00

Maltes von Zahlen geordnete Welt gerät ins Wanken,  als seine ältere Halbschwester Josefine vorübergehend in seine kleine Mama-Papa-Kind Familie einzieht. Bald hallen  Streits  durchs Haus und stören Maltes mathematische Kreise, denn Maltes Vater ist auch der von Josefine. Josefine behauptet er hätte sie und ihre Mutter im Stich gelassen. Oder war es vielleicht doch ganz anders? Josefine hat eine starke eigene Meinung. Sie schreibt  Gedichte, die sie Malte zum Lesen gibt und Malte herausfordern. Wer ist Wunschkind und wer war unerwünscht. Wo wurde geschwiegen und wo liegt die Wahrheit?  Für Malte eröffnen schmerzhaften Fragen. Und wie bei seiner Lieblingszahl, der Acht, die für Malte die perfekte Zahl ist, weil  man sie an zwei Symetrieachsen spiegeln kann, spiegelt sich auch seine Geschichte auf noch eine weitere Ebene. Im Matheclub taucht ein neues Mädchen auf, in das sich Malte zum ersten Mal verliebt.  In dieser Sache hilft Josefine ihrem 13 jährigen Halbbruder, der mehr und mehr zum richtigen Bruder wird, durch diese ersten Kommunikationswirrnisse, wie ein echte große Schwester. Natürlich gibt es, auch im Matheclub, noch jemanden, der auf Josefine ein Auge geworfen hat. Er möchte von Malte Hilfestellung. Der gordischen Knoten ist von Huppertz also perfekt geknüpft und es macht beim Lesen diebische Freude, all das zu entwirren. Ein Buch mit Links- und Rechskurven, Liebe, Familie und Mathematik, der acht und der 11. "Einer stolpert hinter dem anderen her. Da bleibt der Vordere stehen, dreht sich zu dem Hinteren um und streckt ihm seine Hände entgegen. Und sie werden ein M, wie Miteinander." Besser könnte es nicht passen.

Eifersüchtig

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Pija Lindenbaum: Luzie Libero, Verlag Beltz & Gelberg 2020 € 13,95

Luzie hat vier Onkel. Drei langweilige Onkel und einen, Tommy, den Luzie liebt, denn er weiß genau, was Luzie gefällt. Mal bringt er ihr eine tote Schlange im Glas mit, mal färbt er ihre Haare oder sie hüfen einfach nur zusammen in der Gegend herum. Eines Tages sitzt Günther bei Tommy und lässt sich von ihm die Haare schneiden. Luzie gefällt das gar nicht. Sie versucht, Günther zu ignorieren. Doch die Eifersucht wächst. Was Luzie auch tut, Günther bleibt. Günther stört. Günther ist langweilig, findet Luzie. Dabei kann er fantastische Saltos vom Zehnmeterbrett und lässt die Zimtschnecken im Ofen anbrennen. An diesem Tag liegt Tommy krank im Bett und Luzie, die Tommy gern Luzie Libero nennt obwohl er selbst nicht Fussball spielt,  beginnt mit Günther eine Fußballpartie. Tommy räumen sie später ins Tor, damit er nicht im Wege steht und Luzie wird Weltmeister. Das Eis ist gebrochen. Alles ganz wunderbar normal, also. Lindenbaum hat ein Händchen für eigenwillige, selbstbewusste Charaktere. Luzie, Tommy und Günther gestaltet sie lebendig in ihren Stärken und Schwächen und fern klassischer Rollenbilder. Sie hat sie in Bild und Text großartig und wie selbstverständlich in Szene gesetzt.

Papas kinderleichte Erziehung zu Spiel & Spaß dank Langeweile.

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Claude Dubois: Pff..., Moritz Verlag 2019 €10,95

"Schluß jetzt!" Papa Erpel spricht ein Machtwort und schickt seine am Handy herumklickenden Küken an die frische Luft. Nun hängen sie wie nasse Waschlappen über einem Ast und geben sich der Langeweile hin. Die folgende kleine Bildsequenz weckt bei Erwachsenen Sehnsuchtsgefühle. LANGEWEILE. Gibt es sie eigentlich noch? Bald kommt Papa mit einem Wäschekorb unter dem Arm wieder vorbeigeschlendert und wirft Optionen in die Kinderrunde. Man könnte ja Fussball  spielen, Fangen, Blinde Kuh oder gar beim Wäsche aufhängen mithelfen?  Am Ende pumpt er das Planschbecken auf. Die Kinder sind nicht überzeugt und überlassen das Wasser zunächst einem dahergelaufenen Spatz. Natürlich weiß am Ende keiner wie es kam, aber die Kinder schließen Freundschaft und spielen so toll wie lange nicht mehr. Beim Anblick der tobenden Kinder staunt die Mama nicht schlecht. Die Geschichte formt sich aus der Luft und wird von Seite zu Seite von einer Leichtigkeit getragen, die dem Nichts zu entspringen scheint. Der Langeweile eben. Schön, dass es sie noch gibt. Dubois fängt sie ein, mit den ihr typischen, prägnant knappen Strichen, die gerade im Weglassen ihre erzählerische Kraft enwickeln. Ganz nebenbei und mit großer Selbstverständlichkeit schmeißt in diesem Buch auch der Vater den Haushalt. Schön, dass die große, weite Welt so genussvoll zelebriert werden kann, Enteneltern sei Dank!

Fairer Streit auf Augenhöhe

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019, Bilderbuch

Jörg Mühle: Zwei für mich, einer für dich, Moritz Verlag 2018 € 12,95

Bär und Wiesel sind nicht auf den Mund gefallen. Mit ihren dreizinkigen Forken fuchtelnd verhandeln sie, wem der dritte Pilz zusteht. Wie aus der Pistole geschossen treffen sich ihre Argumente in der Mitte auf dem karierten Tischtuch. Und wo zwei sich streiten, freut sich am Ende der Dritte. Der Klassiker aller Streits entfaltet sich am Fuße der Bäume zwischen Herbstlaub, minmalistisch und detailreich zugleich, energiegeladen und witzig. An den Baumstämmen haben sich der große Bär und das kleine Wiesel ihr Zuhause eingerichtet. Hier gibt es viel zu entdecken.

Kinderleichte Angstbewältigung mit dem Wilden Watz

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Edouard Manceau: Der Wilde Watz, Moritz Verlag 2017 € 14.-

Angst entsteht im Kopf. Gesehenes wird abgespeichert und zu Neuem kombiniert. Und in nächtlicher Schwärze steht er plötzlich da, der Wilde Watz: Arme und Beine wie Baumstämme, der Körper so groß wie ein Haus, die Ohren wie Fenster und Türen. "Aber du machst mir keine Angst",  sagt die kleine Erzählstimme in diesem minmalistischem Bilderbuch, dem es in seinem Spiel mit wenigen farigen Formen an nichts fehlt, mit Bestimmtheit aus dem Off. Einmal an Ohren und Zähnen gekitzelt und schon finden die Elemente an ihren ursprünglichen Platz in der Welt zurück. Die Hörner bilden den Mond, die Zähne das Gras. Ein Haus, ein Wald, ein Auto mit Anhänger. Die Augen des großen gruseligen Watzes sind als Letztes dran. Sie rollen erst erstaunt, kurz darauf neugierig, später ein wenig beschämt, dann ängstlich hin und her, bis sie ihren Platz als Wagenräder finden. Nu ist er weg! Wo man den wilden Watz vielleicht gerade ins Herz geschlossen hatte. Macht nichts. Einfach das Buch wieder von vorne aufschlagen. Da ist er wieder! Dieses Buch ist einfach perfekt. Für Ängstliche und Monsterfans, für Verspielte und Neugierige. Für Groß und Klein!

Wer weint schon über Buchstaben

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Martin Baltscheit: Löwenherzen weinen nicht! Beltz & Gelberg 2016 € 8,95

Der Löwe versteht mal wieder gar nichts. Schon gar nicht seine schöne Löwin, wenn sie am Ende eines Buches manchmal weinen muss. Das sind doch nur Buchstaben! Gefühle hält der Löwe für ein Hobby der Wachskerzen. Ein Löwe braucht keine Tränen. Die Löwin aber, möchte einen Löwen mit Herz. So macht er sich mal wieder auf des Rätsels Lösung. Ob das Krokodil ihm zeigen kann, wie man Krokodilstränen weint? Die an ihrer Oberfläche turbulent amüsante Geschichte erzählt mit wenigen kunstvoll bespielten Worten nicht nur was Buchstaben und Worte in uns bewirken.

Vom Liebhaben

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Martin Baltscheit: Max will immer küssen, Beltz&Gelberg Verlag € 13,95

Max will immer küssen! Bei kleinen Schmetterlingen und Fischen macht er den Mund ganz spitz, für den Elefanten muss der große Gorilla die Arme weit auseinander reißen. Für´s Küssen, Streicheln, Schmusen und Umarmen braucht es immer einen Zweiten. Was tut Max, wenn keiner da ist? Martin Baltscheits Gorilla ist durch und durch männlich. Ein Schmusebuch für Jungs? Selten findet man Emotionen so variantenreich ins Gesicht gemalt wie bei diesem Gorilla, den man einfach lieben muss. Ein Buch für alle!

Langeweile genießen

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Henrike Wilson: Ganz schön langweilig, Gerstenberg Verlag € 12,95

Langeweile genießen und Ungeahntes entdecken. Als der kleine Bär auf einer großen Doppelseite der Länge nach ins Gras plumpst und einfach mal nichts tat, absolut gar nichts….möchte man sich gleich dazu legen. Langeweile. Wie schön sie sein kann und was man mit ihr entdecken kann erzählt diese Geschichte, die in ihrem großzügigen Strich zur Ruhe bringt.

Variantenreiche Wut

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Toon Tellegen, Marc Boutavant: Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen, Hanser Verlag € 14,90

Kann man Wut wegpusten? In Stücke brechen oder gar unter einem Felsbrocken vergraben? Was ist Wut überhaupt für ein Gefühl? Kann man sie sehen? Im Klippschliefer, trotz seines lustigen Namens (seine Gestalt ähnelt der eines Murmeltieres) glüht eine stille Wut auf die Sonne, von der er sich wünscht, sie möge ihn erhören und einmal nicht untergehen. Dem Elefanten begegnet die Wut im Scheitern und bringt fette Beulen. Regenwurm und Käfer sprühen sie in freundschaftlichem Streit nach außen, weil jeder der Wütendste sein möchte. Die Ameise erklärt der Kröte, dass man im Gegensatz zur Wut, die dahinschwinden sollte, mit Zufriedenheit gar nichts machen müsse. Tellegens amüsante, präzise gesetzten Kurzgeschichten sind tiefsinnig und federleicht zu gleich. Am Ende wird klar, die Wut ist aus dem Gefühlskanon nicht wegdenkbar. Das zeigt auch die umrahmende Farbenpracht der Illustration. Ein kleines Feuer der Emotionen also, das Vorleser und Zuhörer unbedingt genießen sollten.