Vom Leben gelernt

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Antje Damm: Füchslein in der Kiste, Moritz Verlag 2020 € 12,95

Als der Fuchs im Frühling in den Wald zieht, sind die Hasen zunächst skeptisch. Doch seine Kiste ist voller Tomatensuppe, die auch den Hasen sehr gut schmeckt. Über den Sommer verbringen die Hasen und der Fuchs eine wunderbare Zeit. Sie lernen vom Fuchs prischen und hören viele Geschichten. Als der Fuchs sich im Herbst in die Kiste legt, heißt es Abschied nehmen, doch in der Erinnerung wird der Fuchs lebendig bleiben. Ein einfühlsames, rundum stimmiges Buch über das Leben und den Tod, dass Antje Damm plastisch in ihrer Guckkastenbühne zu inszenzieren vermag.

Vom Rausch der Geschwindigkeit und dem Genuß, Zeit zu haben

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Clotilde Perrin: Schnell, schnell, schnell, Gersteberg Verlag 2021 € 12,00

Das ungewöhnlich breite und nicht sehr hohe Buchformt lässt diese grandios inszenierte, kleine Geschichte wie ein Fries wirken, den man, in der Mitte eines Raumes stehend, durch die eigene Drehung mal schneller, mal langsamer an sich vorbeigleiten lassen kann. So passt man sich unbewusst sofort der Geschwindigkeit an, von der das Buch erzählt.  Ein Kind erwacht, jagt aus dem Haus, den Freunden hinterher. Bild und Text schießen pfeilgerade voran, in Bus und Boot einem Turboflieger entgegen. Verpasst. Das Kind bleibt stehen, sieht das Flugzeug am Horizont entschwinden und Ruhe kehrt ein. Gemächlich macht es sich auf den Rückweg und nimmt die vielen kleinen Dinge wahr. Staub und Stille, die kleine Kuhle und wie wunderbar der Moment ist, vom Marmeladenbrot abzubeißen. Bild und Text mäandern, umfangen das Kind und den Betrachter zärtlich, wie Musik. Kaum ist der letzte Ton verklungen,  möchte man das Buch wieder von vorne probieren, der Rausch des Tempos zieht in Bann. Am schönsten jedoch, ist der Moment in der Mitte, als nach der Hatz die Ruhe einkehrt, das Aufatmen und Entspannen. Nur wer beide Zustände kennt, wird mit Genuß wahrnehmen, wie es ist Zeit zu haben, langsam und achtsam durchs Leben zu gehen.

Veränderung auf vier Etappen

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Bernadette Gervais: Von Zeit zu Zeit, Gerstenberg Verlag 2020 €18,00

Vier Bilder zeigen Momentaufnahmen zwischen denen die Zeit vergeht. Mal ist es ein Augenblick - ein Hase hoppelt vorbei- mal eine ganze Weile - wenn die Schnecke kriiiecht - mal ein Tag, mal ein Jahr. Jahreszeitlauf, von der Raupe zum Schmetterling oder wie eine Stadt wächst. Das Buch bietet kunstvoll gestaltet viele Gesprächanlässe zum abstrakten Thema Zeit schon für die Allerkleinsten.

Die Waisenkinder Osteuropas

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Yaroslava Black, Ulrike Jänichen: Zug der Fische, Carlsen Verlag 2020 € 18,00

Eurowaisen nennt man die Kinder, die bei den Großeltern zurückbleiben, wenn ihre Eltern im europäischen Ausland Geld verdienen. Die Lebenszeichen ihrer Eltern erhalten die Kinder per Post. Sie sammeln die Briefe wie kleine Schätze und Träume. Sie versuchen darin, ihre Sehnsucht zu stillen. Regelmäßig schicken die Eltern Geld nach Hause, fremde Scheine, die wie blaue Fische im Fluss winden, als die Kinder sie ins Wasser werfen. Sie haben die Scheine mit einer wichtigen Botschaft versehen: "Kommt zurück! Wir brauchen euer Geld nicht. Es gibt auch in den Kaparten genug Blaubeeren." Zart und eindringlich zeichnet dieses Bilderbuch die Lebenswelt in einem Dorf am Rande der Karpaten auf. Den Fluss und die Wälder, in denen sich die Kinder sogar nachts gut zurechtfinden, die Dorfgemeinschaft und den Markt, der nur eine kleine, aber zufriedenstellende Konsumwelt bietet. Den wärmenden Lehmofen in der Stube und die Löcher im Dach, durch die der Regen in Metalleimer plätschert. Ja, natürlich gäbe es vieles zu verbessern, doch all das Geld kann den Kindern die fehlenden Eltern nicht ersetzen. Ulrike Jänchens schlichte Buntstiftstriche  variieren in zahllosen Mustern, aus denen sie die gltzerdenen Wogen des Wasser, die zerklüftete Berglandschaft, Wiesen, Felder, die Kleidung der Marktfrauen oder einfach nur Tränen entstehen lässt. Ein poetisches Bilderbuch, in dem alles fließt und das doch innehalten lässt und nachdenklich stimmt.

Revolution der Kuscheltiere

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Die Fan-Brüder: Projekt Barnabus, Jacoby & Sturart 2020 € 16,00

Tief unter dem Ladengeschäft liegt die Fabrik für perfekte Kuscheltiere. Sie punkten mit viel Flasch, großen Augen und niedlichen Attributen. Leider misslingt in ihrer Zusammensetzung immer wieder dies und das. Mauseklein und elefantös zugleich ist Barnabus geraten. Obwohl auf seiner Glasglocke der Stempel "Ausschuss" prankt, gefällt er sich. Er möchte die Welt entdecken. Als es ihm gelingt, sich selbst und alle anderen sonderbaren Wesen des Ausschussregales von ihren Glasglocken zu befreien machen sie sich gemeinsam auf den abenteuerlichen Weg in die Oberwelt. Durch Rohre und Lüftungschächte, Retrotechnik und von viel Wasser herausgespült landen sie im Kuscheltierladen und stürmen in die Freiheit. Doch halt, dort, im Regal, macht Baranbus eine erstaunliche Entdeckung, die das Leben vermutlich auch in Zukunft nicht einfach gestalten könnte. Dieses Bilderbuch verbindet den abenteurlichen Spaß einer fantastisch überbordenen Inszenierung mit zarten Momenten des Nachdenkens und Innehaltens, da hinter jeder Ecke eine neue Geschichte lauern kann. In seiner Leichtigkeit und Trefflichkeit von Lebensmomenten ist es überaus gelungen und hält kleine Glücksmomente für Betrachter- wie Vorleser*Innen bereit.

Pferdeglück

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Satomi Ichikawa: Kleines Pferdchen Mahabat, Moritz Verlag 2020 € 14,00

Die zarten Wildblumen im Vorsatzpapier blühen in der Steppe der Mongolei. Dort verbringt Djamilia ihren Sommer bei ihren Großeltern. Sie schläft in einer Jurte. Das ist ein großes Zelt. Gleich am nächsten Morgen hüpft sie auf die Weide zur Pferdeherde. Opa verbindet ein Fohlen. Das Kleine hat sich am Bein verletzt. Den Sommer über wird Djamlia es gesund pflegen und ihm den Namem Mahabat geben. Das ist Kirgisisch und heißt Liebe. Wer Pferde liebt wird in Ichikawas stillen, zarten, lebendigen, großartig bewegten Zeichungen das ganze Glück finden, die Harmonie und Achtung zwischen Mensch und Tier. Das Bilderbuch fängt einen unvergesslichen Sommer in einem fernen Land ein. Nicht nur für Djamilia. Eine der schönsten Tiergeschichten seit Jahren.

Winterweihnachtswaldluft

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Kristina Andres: Mäuseweihnacht - Bärenzauber, Edition Nilpferd 2020 € 14,95

 "Weihnachten stand vor beiden Türen. Der großen Bärentür und der kleinen Mäusetür", denn Bär und Maus wohnten im gleichen Haus. Bei ihnen war vieles anders, als bei Anderen. Während die Maus drinnen ihr Bäumchen schmückte, nahm der Bär seinen Bärenschlitten und zauberte in der Winterweihnachtswaldluft. Natürlich dürfen Frau Kuh, die Bettelmaus, ein großes Blech Kekse und ein Himmel voll blinkender Sterne nicht fehlen. Ein wunderbar winterlich, waldiges, weihnachtliches Bilderbuch- Vorlesevergnügen. Ab 4

Ausflug auf die Polizeistation

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Ulf Nilsson, Gitte Spee: Die allerkleinste Polizistin, Moritz Verlag 2020 € 14.-

Die Vorschulkinder besuchen die Polizeistation. Wie aufregend! Dichtgedrängt sitzen sie um Kommissar Gordon herum, denn jeder möchte sehen, wie er seinen Stempel, kadonk, aufs Papier drückt, wenn ein Fall gelöst ist. Kommissar Gordon erklärt gedulig.  Jeder möchte auch mal stempeln. Auch Piepsi ruft von unter herauf: "Bladi, bladi". Doch keiner versteht sie. Sie möchte so gerne Polizistin werden, obwohl sie keinen Platz am Tisch findet und in der Polizeimütze ertrinkt. "Bladi, bladi", schimpft sie erneut. Aber keiner hört sie. So macht sie sich bald alleine auf, in den Wald, und ein großes Abenteuer nimmt seinem Lauf, bei dem am Ende alle die Polizeiarbeit üben und Piepsi eine wichtige Rolle spielen wird. Starke, schwungvolle, emotionsreiche Bilder ergänzen den etwas längeren Vorlesetext und machen das Buch zu einem wunderbaren Vergnügen für Vorleser und Zuhörer, sodass man die Geschichte wieder und wieder lesen möchte. Erstleser können rund um Kommissar Gorden, dessen Herz im Fast-Ruhestand für die Ertüchtigung der Kleinen schlägt, und Buffy, der Fast-Kommissarin weitere Kriminalfälle lösen.

Nachhaltigkeit gelassen selbst erprobt

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Didier Lévy, Katrin Stangl: Als die wilden Tiere bei uns einzogen, Peter Hammer Verlag 2020 € 15,00

"Bei Max zu Hause gab es tonnenweise Sachen, die meine Eltern niemals kaufen würden." Der kleiner Erzähler ist erstaunt und begeistert. Max und er sind die besten Freunde der Welt, ganz egal, wie unterschiedlich ihre Eltern das Lebensumfeld ihrer Kinder durch ihre Konsumgewohnheiten gestalten. Nun ja, ein wenig neidisch ist der Erzähler schon. Bei Max scheint das "Schlaraffenland" zu herrschen, bei ihm ist immer alles "bio". Doch dann passierte etwas. Aus Angst vor den Jägern suchen die wilden Tiere Schutz auf dem Grundstück des Erzählers. Und seine Mutter läd auch noch die Jäger zu selbstgemachter Limonade und Kuchen ein. Die gelebte Nachhaltigkeit bringt Menschen und Tiere zusammen. Das macht den Erzähler richtig stolz. Das achtsame Leben entwickelt einen magischen Sog, der selbst Max' Familie bald ein wenig durchdringen wird, obwohl es bei ihm nach wie vor "Schlaraffenlandsachen" gibt. Selten erzählt ein Bilderbuch mit so großer Offenheit, ehrlich und gelassen von den verschiedenen Lebensentwürfen.  So finden kleine Leser hier kostbaren Raum für gedankliche Selbsterprobung. Mit einfachen Sätzen beschreibt  der Text die Situation. Er hält die uns überall hin mit begleitende Begeisterung, die Träume und die Stärken des Erzählers in der verdeckten Hinterhand und macht sie dadurch umso spürbarer. Die Bilder sind von kunstfertiger Dynamik und aufredendem Spiel  mit Licht und Schatten gestaltet. Sie bieten Ecken, Kanten und starke Fluchten, aber auch schwungvolle Rundungen, zum Beispiel in jenem Moment, wo Max seinen Vater, den Jäger, zum Kaffetisch führt und der Bär ihm von hinten die Tatze auf die Schulter legt. Immer wieder schicken sie den Betrachter auf die Suche nach komischen Momenten. Schon auf der Titelinnenseite sieht man hinter einem Busch den Wolf wie ein Hund auf dem Rücken liegen und genüßlich an einem Lolli schlecken. Alles an diesem ganz starken Buch ist einfach magisch, zutiefst realistisch und ein großes, spannendes Abenteuer. Hier können nach Herzenslust Gespräche angeknüpft werden, vom Vorschulalter bis weit ins Grundschulalter hinein.

Monster im Klassenzimmer

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albertine sylvie Neeman: Sie kommen! Aladin Verlag 2020  € 15,00

Monster haben etwas magisches. Sie sind abstoßend und anziehend zugleich. Vorallem aber bevölkern sie die eigene Fantasie und sind ein wunderbares Spiel. Selbst wenn man erwachsen wird, vergisst man sie nicht. Die Frau steht lässig und einladend auf der Seite. Sie kann die Monster schon hören und malt sich ihr Befinden aus. Haben sie gut geschlafen? Und kräftig gefrühstückt? "Manchmal strahlen ihre Augen wie Sterne und sie schenken dir großzügig ihr Lächeln..." Nein, diese Monster sind sicher nicht gruselig. Sie machen neugierig. Am Ende weitet sich der Blick. Die Frau steht in einem Klassenzimmer und hält ein Buch in der Hand. Sie ist eine Lehrerin. Schon viele Monstergeschichten hat sie vorgelesen. Die Monster in ihrer Fantasie sind ihre SchülerInnen. Ein liebevolles und aufregendes Buch zum ganz normalen Schulalltag, denn wer weiß das nicht: Kinder lieben Monster. Erwachsene auch.

Das Leben im Koffer

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Chris Naylor-Ballesteros: Der Koffer, Verlag Fischer Sauerländer 2020 € 14,99

Das einzige, was der Fremde bei sich trägt, ist ein großer Koffer. Darin, so sagt er, sei sein Zuhause. Fuchs, Hase und Vogel beäugen den Fremden ungläubig. Ohne Erlaubnis werden sie seinen Koffer öffnen. Auch wenn sie sich seinen Inhalt ganz anders vorgestellt haben, der Fremde hat nicht gelogen. Das nun folgende schlechte Gewissen über ihre Tat, bringt sie auf eine prima Idee. Kurz, knackig und plakativ wird vieles fühlbar. Flucht und Fremde, Angst und Neugier, sowie die Frage wo Heimat zu finden ist. Durch seine kurzen, spannenden Dialoge eignet sich das Bilderbuch auch wunderbar als Erstlesebuch mit besonderem Gesprächspotential.

Feinfühliger Wandel zwischen Gegenwart und Vergangenheit

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Julie Fogliano, Lane Smith: Das Haus, das ein Zuhause war, Fischer Verlag 2019 € 16,00

Vergangens und Gegenwärtiges legt sich in diesem Bilderbuch wie durch Zauberhand und von magischer Faszination getragen übereinander. Zwei Kinder haben das verfallene Haus im Wald entdeckt. Sie klettern durch das kaputte Fenster und gehen auf Entdeckungsreise. Wer lebte hier? Und wie wurde gelebt? Was ist passiert. Fragen über Fragen. Können die Dinge, die zurückgeblieben sind, Antwort darauf geben? Sie regen die Fantasie an und werden ein Teil aktuellen Lebens. Hier und dort. Dort und hier. Zurück im eigenen Zuhause wird der abenteuerliche Ausflug zur Vergangenheit. Der Text spielt mit der Zeit und  schwingt in zarter Poesie. Das hingetupfte Bild der Gegenwart eifert ihm nach oder steht zum Austausch bereit. Ganz unaufgeregt und feinsinnig erzählt dieses Bilderbuch vom Motor unseres Lebens: der Zeit.

Cowboyhut & Zorromaske

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Catharina Valckx: Pfoten hoch! Moritz Verlag € 12,95

Eine Waffe schon auf dem Cover? Cowboyhut und Zorromaske, dazu ein Regenwurm in der Prärie, inmitten zartleuchtender Farben. Diese Brüche verlocken, die Geschichte genauer zu ergründen. Billy, der kleine Hamster ist viel zu nett, meint sein Vater, der berühmte Gangster und schickt ihn in die Welt, die „klare Ansage“ zu üben. Pfoten hoch! heißt das Spiel, denn der Revolver ist noch nicht geladen. Doch das scheinbar Einfache ist gar nicht so leicht. Da wo der Regenwurm zu wenig Pfoten heben kann, hebt die Maus viel zu viele und tanzt Billy damit gleich auf der Nase herum. Als Billy am Schluss sein Pfoten hoch! mit furchtbar eiskalter Stimme im richtigen Moment in einen sinnvollen Zusammenhang bringt, dabei vor lauter Schreck die Warnung des Vaters glatt missachtet, wird er mit drei neuen Freunden und dem Glücksgefühl ein Held zu sein belohnt. Alles nur ein Spiel und doch einiges gelernt, für Situationen, die kein Spiel mehr sein werden.

Den Hunger nach Sachwissen als Vorlesegeschichte stillen und verrückte Tiere entdecken

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Sharon Rentta: Moritz in der Autowerkstatt, Gerstenberg Verlag € 13,95

In Papas Autowerkstatt entdeckt Moritz alles, was man mit Autos machen kann. Eifrig wird repariert und neu lakiert. Die Katze sorgt für ein einmaliges Muster. Ein Elefant sitzt auf der Limosine, die danach als schnittiges Cabrio Verwendung findet. Die Giraffe braucht eine sehr hohe Fahrerkabine. Eine Menge Werkzeug ist im Einsatz. Dieses Auto-Tier-Sachbilderbuch mit gelungener Vorlesegeschichte macht kleinen Zuhörern und großen Vorlesern Freude. Die Rentta Reihe gehört im Buchpalast zu den Lieblingsbüchern der Kinder!

Vom Glück des Bewahrens

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Thomas Harding, Britta Teckentrup: Sommerhaus am See, Jacoby & Stuart 2020 € 15,00

Auf dem Cover wetteifert das schlichte Holzhaus in seiner Schönheit mit der frühsommerlichen Farbenpracht der Natur. Die mosaikverspielte Tür- und Fensterfront strahlt in der Sonne. Seine Terrasse öffnet sich einladend zum Wasser. Hier, im Grünen, möchte man wohnen. Doch die Bewohner des Hauses, eine Familie mit vier Kindern, hetzen schattengleich, gebeugt und bepackt durch das hohe Gras aus dem Bild. Die Geschichte dieses Hauses beruht auf wahren Begebenheiten.

Geschichte mit Herz

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Thierry Lenain, Stéphanie Marchal: Mama, Papa, wie habt ihr euch kennengelernt? Schaltzeit Verlag 2020 € 16,00

Sophia ist zufrieden. Mama, Papa, Kind. Selbstverständlich und wunderbar. Aber wie sind Mama und Papa eigentlich zusammengekommen? Ein typischer Kinderfragedschungel beginnt, vom Wunsch nach tollen Geschichten befeuert. Da war eine Autofahrt, eine Mauer, eine kranke Kollegin und Christoph Kolumbus könnte  auch beteiligt gewesen sein. Sophia hat alle Hände voll zu tun, denn sie möchte allen ein Bild malen. Zuletzt lernt sie sogar, wer den Abschleppwagen erfunden hat. Geschichten sind doch wunderbar. Ein Kuss am Schluss und gleich noch einmal von vorne, bitte.

In die Pfoten gespuckt

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Rogé: Roger und die Pommesbude, Kunstanstifter 20220 € 22.-

Er hat den Körper eines Hotdogs, dynamisch im Wind flatternde Ohren, ein Stummelschwänzchen, viele Fragen und noch mehr kreative Ideen. Der Dackel Roger spuckt in die Pfoten und strahlt. Er hat den richtigen Riecher, Talent zum Werkeln und Kochen und schon steht sie da: Rogers Pommesbude. Der Ort, die Stadt, die ganze Welt wird er damit erobern. Hier könnte das Hundemärchen enden. Doch Roger, der Kartoffelkönig, begegnet einer Maiskolbenkönigin, verliebt sich und beide gemeinsam, werden wieder etwas Neues schaffen, erneut und anders ein neues Glück finden, denn Pommes sind nicht alles auf der Welt. Mit schwungvollem Strich hat Rogé und das Studio Wu aus Berlin hier einen neugierigen und tatkräftigen Hundecharakter voller Leichtigkeit und Witz kreiert. Einmal Pommes, bitte!

Großes Gefühlskino für kleine Leute in kleinem Format

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Stina Wirsén: Wer blutet denn da? Klett-Kinderbuch 2019 € 8,50

Das Wusel und seine Freunde wollen ein Puppentheater bauen. Mit Hammer und Säge werkeln sie voller Elan herum, bis die Säge abrutscht. Die Katze weint und das Wusel kann gar nicht hinschauen, weil da Blut aus der Wunde fließt. Mit Pflaster geht es weiter, bis dem Hasen der Hammer abrutscht und eine Nase trifft. Wieder tropft Blut. Der nächste Verband muss her und alle beginnen mit dem Hasen zu schimpfen, der immer kleiner, verlassener und trauriger wird. Jetzt tut ihm alles weh, der Bauch, die Ohren und überhaupt: er hat das doch nicht mit Absicht getan! Ob hier noch ein Verband hilft? Stina Wirsén erzählt stark reduziert und auf das Wesentliche fokussiert. Gerade so schwingen in ihren Figuren starke Emotionen, die den Kinderalltag beherrschen. In jedem Band dieser Reihe bahnen sich große Gefühle mit Tränen ihren Weg. "Alles wird am Ende gut". Dieser Satz ist in Wirséns Geschichten kein typisches Bilderbuchende für Kinder. Die Figuren erarbeiten ihn sich ensthaft und ehrlich, einsichtig und einfallsreich. Obendrein können diese handlichen Bilderbücher überall zum Vorlesen herausgezogen werden und seien hier wärmstens empfohlen.

…was man sehen kann und könnte. Gedanken über gut und böse

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Daan Remmerts de Vries, Floor Rieder: Der Zyklop, Gerstenberg Verlag 2020 € 15,00

Schwarzweiß, gelb, grün, hellbraun. Gestichelt, gepunktet, gemustert. Die wimmeligen Bilder brauchen einen scharfen Blick. Das Auge des riesigen Zyklopen hat ihn nicht. In der Insektenstadt Krümelburg reißt das Dach vom Kirchturm und stolpert über den Bus. Die hilfsbereite, insektische Gemeinschaft sieht sofort was der Zyklop braucht und stürzen sich in die Arbeit. Sie basteln dem Zyklopen ein riesiges Brillenglas. Doch mit der Brille, legt er erst so richtig los. Die liebenswerte und gutmütige Gemeinschaft ist entsetzt. "Ich bin ein Zyklop. Seht ihr das denn nicht?", kontert der rüelhafte Grobian und zerstört alles. Gut und böse gibt es auf der Welt. Ob man daran etwas ändern kann? Wie gehen wir damit um? Gerne darf man sich der wunderbaren Gemeinschaft in Krümelburg anschließen. Sie verzweifeln nicht an der Welt. Sie gehen ihren Weg, sie helfen einander und denken im Stillen: "Der arme, einsame Mann." Alles klar? Oder könnte man die Sache noch von einer anderen Seite sehen? Ein wunderbar tiefgründiges Buch in Bild und Text. Ein Buch zum Philosophieren.

Hilfsbereitschaft und Gruppendynamik im Durcheinander zum Schmunzeln

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Lorenz Pauli, Kathrin Schärer: Ei, Ei, Ei! Die Maus hilft aus, atlantis 2020 € 15,00

Selbstverständlich bietet die Maus der Amsel Hilfe an. Damit sie auf Futtersuche gehen kann, muss jemand die Amseleier warm halten. Gar nicht so einfach für eine kleine Maus, auf allen Eiern zu liegen. Kathrin Schärer zeichnet nicht nur meisterhaft Tiere, sie illustriert mit Empathie und unverwechselbarer Komik. Bald bringen auch die Meisen ihre Eier vorbei. Und wo es nun im Wald einen Kindergarten gibt, soll die Maus noch auf die vier Eichhörnchenkinder aufpassen, die promt weitere Eier anschleppen. Der Eierberg wächst, der Waldkindergarten gewinnt an Dynamik. Hilfe, die letzten Eier sind Schlangeneier. Sie müssen vorsichtig wieder weg. Zum Schluss bleibt nur ein letztes Ei und das holt der Dachs ab. Der Dachs? Der legt doch gar keine Eier. Er frisst sie! Die arme Maus. Erst als die Eichhornmama den Pingpongball ihrer Kinder sucht, geht der Maus ein Licht auf. Alles, was man über Eier erzählen kann, steckt in dieser Geschichte....und noch viel mehr: Gruppendynamik, Hilfsbereitschaft, Fantasie, Entsetzen und Glück, Traurigkeit und Wärme. Ein wunderbares, turbulentes Miteinander. Nicht nur an Ostern.

Hurrra ein paar Haustiere!

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Constanze Spengler, Katja Gehrmann: Seepferdchen sind ausverkauft, Moritz Verlag 2020 €14,00

Als Mika sich in der nahegelegenen Zoohandlung den kleinen Elefanten kauft, hat sie schon reichlich Erfahrung mit dem Kauf von Haustieren. Als guter Kunde bekommt sie sogar eine Portion Spezialfutter extra geschenkt. Vor dem Elefanten entschied sie sich für einen echten Piratenpapagei der natürlich sprechen konnte und ständig "Klappe halten, du Wattwurm!" sagte, einen Pinguin, der leider fernsehsüchtig wurde und der Wüstenspringmaus das Schwimmen beibringen sollte, eine Robbe, die sie als Aufpasserin für den Pinguin engagierte und einen Babyhund. Insgesamt bietet das Buch noch einen arbeitsvertieften Vater und jede Menge Spielspaß. Und da Mika all die Tage ihren Vater so brav arbeiten ließ ist am Ende, nach einem gehörigen Vaterschreck, der Ausflug zum See garantiert. All das hat Katja Gehrmann in ihrem wohlbekannten farbkräftigen Ölstrich schwungvoll in Szene gesetzt. Da findet jeder sein Lieblingstier. Vielleicht ist es ja der schmollende Pinguin, der nach dem Fernsehverbot mit verschränkten Flügeln in der Küchenspüle hockt und unter dem Wasserfall aus dem Hahn auf neues, verzauberndes Spielpotential hofft.

Starke Erinnerung

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Werner Holzwarth: Mein Jimmy, Tulipan Verlag 2019 € 15,00

Der kleine Madenpicker Hacki und das Nashorn Jimmy sind beste Freunde. Viel haben sie schon miteinander erlebt. Diese Geschichte, die zunächst von beide erzählt wird, handelt von ihrer Freundschaft, von ihrem Leben.  Hacki und Jimmy können sich nicht einigen, ob das Erzählte traurig, zum Lachen oder nur langweilig werden würde. Hacki, der hüpfende Aktivist ist auch Spezialist im verrückten Erzählen und Jimmy, der starke Typ, korrigiert Hackis Fantastereien geduldig. Er ist älter, ernster und ein wenig weise. Während das graue Nashorn und der blaue Vogel von gedeckter Packpapieratmosphäre und verschiedendsten Blautönen umspielt werden, die Holzwarth auf den unterschiedlichen Oberflächen eindringlich mit Schatten spielen lässt, heben sich Hackis ABenteuergeschichten mit schwarzen Figuren auf weißem Hintergrund ab. Nach ein paar letzten Witzen und einer letzten Nacht, die ihr Sternenzelt von dunklem Türkis schützend, von warmer Dunkelheit getragen und ebenso erhellend, über beide ausbreitet, wird Jimmy nicht mehr erwachen. Doch ein paar Wochen und Sonnenaufgänge später, wendet sich Hacki direkt an die Leser. Von seinem neuen Wirt, einem Zebra, erzählt er von seinem neuen Leben, in dem Jimmy, dank seiner fantastischen Erzählkunst lebendig bleibt. Ein grandios gelungenes Bilderbuch. Leichtfüßig und profund erzählt es vom Leben, von Freundschaft, vom Wandel und lässt viel Luft zum Denken und Reden.

Eine reizende, kleine Person

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Kitty Crowther: Der Besuch vom kleinen Tod, Carlsen Verlag €12,95

„Der Tod ist eine reizende kleine Person. Doch das weiß niemand.“ Kitty Crowther präsentiert ihn als behutsamen Kümmerer, doch keiner dankt ihm seine Fürsorge und niemand spricht mit ihm, bis ihm Elisewin begegnet, ein aufgeschlossenes Mädchen, welches schon auf den Tod gewartet hat. Endlich hat er eine lustige und gar nicht ängstliche Gesprächspartnerin doch leider wird sie nicht in seinem Reich bleiben. Wieder ist der Tod allein, bis Elisewin als Engel wiederkehrt. Von jetzt an werden die beiden gemeinsam an den Türen klopfen. Elisewins sanftes Gesicht macht den Menschen weniger Angst. „So ist es viel besser.“ Crowter ist eine großartige Geschichtenerzählin. Dem Tod nimmt sie den Schrecken, und eröffnet selbst ihm in ihren Geschichten hoffnungsvolle Möglichkeiten. Dabei bleiben Einsamkeit, Melancholie und Humor ihre Themen, die sie mit großem erzählerischem Können frappierend einfach in Szene zu setzen vermag.

Nackte Tatsachen

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Annika Leone, Bettina Johansson: Überall Popos, Klett-Kinderbuch 2020 € 14,00

"Mila fühlt sich mutig und verwegen", denn heute wird sie vom Beckenrand den Sprung ins Wasser wagen. Doch vorher heißt es duschen.  Mit ihren fünf Jahren ist sie gerade so groß, dass alle Pos auf ihrer Augenhöhe liegen. Was für ein spannender Anblick. All die verschiedenen nackten Körper. Dick und dünn. Mit Tattoo oder Sonnenbrand. Heller und dunkler. Dicker und dünner. Mit Haar oder rasiert. Und mit Baby im Bauch. Während Mila genussvoll ihr Kinderbäuchlein vorstreckt und die Arme hochreckt, damit Mama sie einseifen kann, schaut sie sich die Scheiden und Popos der Frauen genau an. Ihre Kommentare und Assoziationen sind herzerfrischend und ohne Berührungsängste.

Winterwarme Tiergeschichte

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Kristina Andres: Mäusewinter Bärenschnee, Nilpferd Verlag 2019 € 14,95

Bär und Maus leben in einem Haus. Das sieht man daran, dass das Haus eine große Tür mit großem Fenster und eine winzige Tür mit winzigem Fenster nebeneinander hat. Und natürlich liegt es tief im Wald. Da der Bär regelmäßig Mittagsschlaf macht, fällt er nicht mehr in Winterschlaf. Ungeduldig warten beide auf die ersten Schneeflocken, während der Deckenbalken knarzt. Als der Winter endlich kommt, wird warme Suppe gekocht und die Tür für verschneite Gäste geöffnet: ein Hirsch und eine Kuh. Alles in diesem Buch strahlt wohlige Wärme und Gemütlichkeit aus. Der Text und das dicke Federbett, die fellgefütterten Pantoffeln, die Freunde und die Suppe. Mit diesem Bilderbuch kann man sich es im Winter getrost bequem machen.

Woche der unabhängigen Buchhandlungen: Kamishibai-Theater mit der Edition Bracklo

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Ob japanisches Kamishibai oder arabischer Wunderkasten – überall auf der Welt lieben es Kinder und Erwachsene seit jeher, wenn der Geschichtenerzähler um die Straßenecke biegt und seinen Stand aufbaut. Die Vorfreude auf die bekannten und immer wieder neuen Geschichten lockt das Publikum magisch an. Kleine Münzen in der Faust der Zuseher werden hervorgezaubert, um einen guten Platz vor der Bühne zu ergattern. So war es, wenn der japanische Kamishibai-Mann mit seinem Fahrrad erschien, auf dem die aufklappbare Bühne die altvertrauten Bildkarten in Szene setzte, und so war es beim arabischen Wunderkasten-Mann, der seine Rollbild-Bühne mit Gucklöchern ebenso herbeitrug wie das Bänkchen für die Kinder.
Mit den preisgekrönten, edel in Leinen gebundenen Bilderbüchern wie „Der Wunderkasten“ von Rafik  Schami und „Der Kamishibai-Mann“ von Allen Say stellt die Edition Bracklo zwei der wundervollsten internationalen Erzähltraditionen vor, die den universellen Wunsch aller Kinder nach Fantasie und Unbeschwertheit auf den Straßen einer komplizierten und doch oft einfachen Erwachsenenwelt dokumentieren.
Zum Start der Woche der unabhängigen Buchhandlungen, an diesem Samstagvormittag wird uns die Verlegerin Gabriela Bracklo im Buchpalast in die japanische Erzähltradition entführen, uns ihre Bücher vorstellen und zu jeder vollen Stunde eine Kostprobe des Kamishibai Theaters geben. Die Vorführungen dauern circa 30 Minuten.

Vom Regen in die Traufe

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Michael Engler, Jan Birk, Joelle Tourlonias: Regenland + Trockenland, Verlag 360 Grad 2019 € 18.-

Beide Seiten dieses Wendebuches erzählen eine ähnliche Geschichte: Im Regenland und im Trockenland brechen Kinder aus ihrer wetterbedingt nicht lebensfreundlichen Welt auf und machen sich auf die Suche nach einer bessere Zukunft. Rückschläge und Perspektivlosigkeit entmutigen diese starken, einsamen Kinder nicht. Zielstrebig und unerschrocken laufen sie der Buchmitte entgegen, wo sie sich treffen und Freundschaft schließen werden. Sollte diesem Buch ein erster Beitrag zum Verständnis für Klimaflüchtlinge im Kindergartenalter gelingen? Leider geht das Buch nicht der Frage nach, warum es in einem Land so trocken und in dem anderen so naß ist. Ebenso finden Rahmenbedingungen und Strapazen einer Flucht keine Erwähnung.  Das Buch setzt beide Lebenssituationen auf eine Stufe, obwohl die eine, die Dürre, schon heute extrem lebensbedrohlich auf der Welt ist und die andere zunächst nur schlechte Laune und andere Lebensbedingungen schafft. Die Bilder des Buches bedienen vollumfänglich alle Klischees und der Text gleicht einem Märchen. Alles ist auf Stimmung angelegt. Kennt man Jan Bircks Illustrationen zu Zarah & Zottel, Flätscher und anderen Büchern, wundert man sich wie sehr sich sein Strich an den von Joelle Tourlonias anpasst.  Warum wählte man eigentlich verschiedene Illustratoren? Ecken, Kanten und Widersprüche wirken unerwünscht. Als Lamar aus der Regenwelt mit seinem Boot plötzlich im Wüstensand strandet und ins saubere, weiße Nichts der Wüste, dem "Irgendwohin" läuft, bleibt man ratlos zurück. Läuft er hier, in diesem menschenleeren Buch, nicht vom Regen in die Traufe? Vielleicht möchte das Buch aber einfach nur von Aufbruch und Freundschaft erzählen, mit gebügeltem Strich und zarter Regenbogeninsel, die am Ende befriedigende Wohlfühlatmosphäre in einer romantischen Welt schafft. Und warum gibt es auf dieser langen Reise eigentlich nie etwas zu essen? Der Hunger der Kinder nach Wissenswertem über unsere Welt wird hier nirgends gestillt.

Aufregender Winterspaß

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Silvia Borando: Pass auf! Verlag Freies Geistesleben 2019 €14,00

Wir schauen in die Gesichter von zwei Kindern, die aus dem Fenster schauen. Rot und blau sind ihre Mützen und Jacken, gelb scheint das Licht im Hintergrund. Weiße Schneeflocken fallen vor der Fensterscheibe. Die beiden beobachten einen Vogel im Schnee. Da! Drei rosafarbene Hasen. Und Da! Eine Katze. Wird sie den Vogel fangen? Nein. Ein Bär kommt von der anderen Seite. Doch Hilfe! Was macht der Bär denn da? Die Gesichter der Kinder zeigen Erstaunen, Überraschung und Aufregung. Vollkommen gefesselt folgen sie den Ereignissen, so wie es kleine Betrachter auch tun werden. Schon stürzen sie hinaus in den Schnee zu den Tieren. Doch da sind alle weg. Überzeugend einfach und klar gestaltet Borando das einzelne Bild und die Bildfolge und doch birgt sie eine rasante Geschichte. Bilderbuchkunst für Kleine. Zum Benennen, Entdecken, Fühlen und Mitfiebern. Ein Winterbuch, das einheizt.

Zwischen Tradition und Moderne – weit weg und vertraut.

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Liu Xun: Zähnchen, Zähnchen auf das Dach! edition bracklo 2019 € 19,80

Als Niunius erster Milchzahn ausfällt rennt sie aus dem Haus auf der Suche nach ihrem Opa. Er soll ihr helfen, den Zahn auf das Dach ihres Hauses zu werfen, damit sie wächst und lange lebt. So weit die Tradition. Niunius Viertel besteht aus kleinen, alten Gassen, in denen am Morgen das Leben erwacht. Kinder drängen zum Spiel hinaus, Erwachsene machen sich an die Arbeit. Niuniu kennt sie alle: die hübsche Schneiderin, den Messerschleifer, den Friseur, den Fischhändler mit dem großen Bassin auf seinem Fahrrad und den Mann mit der kleinen Popkornmaschine. Ihren Opa findet sie beim Schachspiel. Mit seiner Hilfe landet Niunius Zahn neben den ihres Vaters und Großvaters auf Dach. Nun beherbergt ihr Haus ihre Familiengeschichte über drei Generationen. Doch ein Wandel, die Baukräne am Himmel zeichnen sich ab. Die Häuserwände der schmalen Gassen sind mit dem Zeichen für Abriss gekennzeichnet. Sie müssen modernen Hochhäusern weichen. Werden mit ihrem Abriss auch die Geschichten der Menschen, die Nähe zu ihnen, das Miteinander, die Gelassenheit verschwinden? Niuniu streift mit offenen, neugierigen Augen durch ihre Welt.
In China schreitet der Wandel zur Moderität schnell und selbstverständlich voran. Die in Nanjing beheimate Autorin und Illustratorin möchte vor allem zeigen und beschreiben, was in ihrer Stadt vor sich geht, wie Zeit verstreicht und Leben sich verändert oder vergeht. Mit ihrer Geschichte macht sie in Anbetracht dieser unaufhaltsamen Reise zur Moderne, den Moment des Innehaltens, des Schauens, Beobachtens und Wahrnehmens, wie es Kinder spielerisch tun, besonders kostbar. Ihre in Aquarell und Bleistift gezeichneten Straßenszenen sind voller Details und Lebendigkeit. Sie eröffnen uns eine ungewohnte Welt, die sich erstaunlich nah und vertraut anfühlt.