Traumhaftes Piraterieabenteur

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Dieter Wiesmüller: Komm mit, Moritz, Atlantis 2020 € 15,00

Das Piratenschiff fliegt durch die Wolken und ankert am Schornstein. Die magisch nächtliche Welt zwischen Licht und Schatten umfängt nicht nur Moritz, der sein Piratenbuch nicht finden kann. Er geht an Bord und das Abenteuer beginnt. Mit Lissy, der Kapitänin, einer Ratte und dem Papagei geht es auf Schatzsuche durch die Nacht. Entlang von Hochhaussilouetten und Fabrikschloten. Ein Absturz ins dunkle Unterholz des Waldes kann Lizzy nicht verhindern. Doch bald ist das Schiff wieder frei und es gleitet über das offene Land Richtung Meer. Im Leuchtturm herrschen die wirklichen Piraten. Bald wird Moritz merken, dass ihm das Piratenhandwerk nicht wirklich liegt. Nur der Schatz muss mit. Es sind zwei Bücher. Wiesmüller zeichnet eine traumhafte Hymne ans Lesen und die Fantasie. Moritz sitzt im Schein des Vollmondes und liest. Diese Geschichte ist wohl seinem Piratenbuch entsprungen.

Saurier-Handicap

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Veronika Frolova: Bleib wie du bist, T-Rex, Mixtvision 2021 € 15,00

Mit subtilem Humor und nicht nur für Kinder erzählt Frolova vom König der Dinosaurier, dem es sein prähistorisches Outfit in der heutigen Welt nicht leicht macht. Seine Arme sind einfach viel zu kurz geraten: fürs Schuhe binden, Hintern abputzen und Mücken verscheuchen. Die ständige Reduktion auf sein Äußeres, sein dicker Schwanz und mächtiger Kopf, läßt sein Gefühl der Größte zu sein, schwinden. Umsomehr freut er sich über die Entdeckung des Selfiesticks. Gerade das Künstlerische gerät ihm unter besonderen Voraussetzungen besonders. Einzigartig und unverwechselbar. Hier findet er zu sich selbst und fühlt sich, als wäre er der Allergrößte, selbst wenn sich am Ende, neben Bronto-und Stegosaurus die Frage stellt, was eigentlich groß ist? Die ungelenke Deplazierung des mächtigen T-Rex in viel zu kleinen Räumen der heutigen Zeit macht der Illustratorin sichtlich Freude und steckt Leser wie Betrachter an. Im Farbspiel mit Licht und Schattenwurf kämpfend, bekommt man fast Mitleid mit  der stattlichen Kreatur. Auch die stille Erkenntnis, dass niemand König für immer bleibt und trotzdem glücklich sein kann, macht zufrieden.

Das begehren, was andere haben

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Emma AdBage: Die rote Burg, Kunstmann Verlag 2021 € 15,00

Auch in ihrem zweiten Bilderbuch verpackt Emma AdBage in wenigen Strichen viel Emotion. Mama und ihre Tochter sind zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Das Geschenk für Finn durfte das Kind aussuchen. Eine rote Spielzeugburg. Jetzt, wo sie es verpacken, möchte das Mädchen nichts lieber, als Finns rote Burg mit ihrer grünen tauschen. Natürlich geht das nicht und eine Reihe von Gefühlen breiten sich in dem Mädchen aus. Ärger oder Wut, Frustration, Neid, Machtlosigkeit. Missmutig kaut sie den Geburtstagskuchen und verschüttet ihren Saft. Als Finn das begehrte Geschenk auspackt, beachtet er weder die schöne, selbstgebastelte Karte, das Papier oder die Verpackung. Wütend schaut er auf die rote Burg. Er wollte eine grüne Burg und schon ist das nächste Geschenk an der Reihe. Derweil steigen in der Schenkerin kleine Glücksgefühle auf, denn plötzlich besitzt sie etwas, das sich ein anderer wünscht. In diesem Bilderbuch ist viel Komplexität geboten, die man bereden könnte: Mein und Dein, anders und gleich oder das ewige Zuviel in unserer Konsumgesellschaft und nicht zu vergessen die vielen Gefühle, die all diese Geschenke und kleinen Besitztümer mit sich bringen. All das arrangiert AdBage geschickt im Hintergrund ihrer kleinen einfachen Geschichte. Die am Ende doch glückliche Erzählerin wird bald vier. Ein perfektes Alter für einen Start Gefühle aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Regenbogenhochzeit: Ausgelassenheit, Selbstbewusstsein und Glück

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Jessica Love: Julian feiert die Liebe, Knesebeck Verlag 2021 € 13,00

Es wird Hochzeit gefeiert. Bald entschlüpfen Julian und Marisol von der Festtafel und finden in einer großen Weide den perfekten Ort feierlich zu spielen. Julian probiert Marisols Blumenkranz und schmückt sich mit den Weidenzweigen, als wäre sie eine Stola. Marsisol tollt mit dem Hund durchs Gras. Danach ist ihr Kleid nicht mehr zu gebrauchen. Doch Julian weiß Rat. Er gibt ihr sein weißes Hemd und beide spielen Elfen. So nehmen sie die beiden Bräute, die vielleicht auch die Mütter der Kinder sein können, wieder in Empfang. Das Bilderbuch lässt alle Rollen offen, die der Kinder, der Bräute als Mütter und der stattlichen, hübschen  ältern Frauen, die die Großmütter sein könnten. Doch eins ist gewiss. Die Feier versprüht Ausgelassenheit und das Glück  selbstbewusster Menschen, die es lieben das Miteinander zu leben, wie es ist.

Dabeisein

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Germano Zullo: Du, was machst du gerade? Eine Geschichte von Roberto und Marie, Aladin 2021 € 17,00

Während Roberto am PC arbeitet, langweilt sich Marie. Sie interveniert unten, oben, auf seinen Knien, bis Roberto ihr endlich ihre Lieblingsgeschichte vorliest. Danach muss er wieder arbeiten und Marie muss eine eigene Geschichte erfinden. Tisch, Stuhl, PC und der Schlenkeraffe, mehr braucht das sparsame Setting nicht. Der Skizzenstrich bespielt schleppende Arbeitsmomente, fordernde Langeweile und glückliche Zweisamkeit. Klein und Groß. Alles findet seinen Platz. Zullo spricht damit im Moment vielen aus dem Herzen.

Pflanzenglück

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Antje Damm: Die Wette, Moritz Verlag 2021 € 12,95

Lilos großes Pflanzenglück inzeniert Damm auf der für sie typischen Papiertheaterbühne in Perfektion. Unglaublich, was man aus Wellpappe alles basteln kann: fluffiges Bettzeug, die Rippenheizung, ein Puppenhaus und die einladende, quietschrote Bank. In Heins Gärtnerei, die Lilo so gerne besucht, stehen viele junge Pflänzchen in ihren Töpfen. Sie brauchen Licht, Sonne und Wasser meint Hein. Sie brauchen Liebe, sagt Lilo. Schnell ist eine Wette beschlossen und Lilo fährt ihren kleinen Sprößling im Puppenwagenheim. Mit Herz und Seele ist sie bei ihrem Pflanzenkind. Im wahrsten Sinne des Wortes lebt sie mit ihm. Das glückliche Ende kann hier schon jeder erahnen, doch es kommt noch schöner. Ein leuchtend buntes, mit ebenso warm strahlenden Gefühlen ausgestattetes Frühlingsbuch, eine restlos überzeugende Anleitung für junge Gärtner!

Actiongeladenes Zeitspiel lässt an die Kindheit denken

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Henning Wagenbreth: Rückwärtsland, Peter Hammer Verlag 2021 € 25,00

Wagenbreths plakatives Bilderkino zerlegt Ereignisse und Lebensalltag in mit fixen Vierzeilern kommentierte, markante Schrittfolgen. Zeitlose Episoden vom Tod zur Geburt wechseln mit durch Moderinsierung entschwundenen Momenten,  wie ein bullernder Kohleofen samt Kohlenmann mit beladener Kiepe. Kriege reparieren die Welt und tollkühne Abenteurer kehren wohlbehalten in den Heimathafen zurück. Fussballspiele enden immer 0:0.

Das Meer macht alles neu, schmeckt aber wild und abscheulich

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Will Gmehling, Isabel Pin: Bahnhof am Ozean, Tulipan Verlag 2021 € 15,00

Lakonisch erzählt Gmehling von der Katze, die beschließt eine Reise zu machen. Ein wenig Reiseproviant, über die Kreuzung zum Bahnhof und mit dem Zug ans Meer. Dabei gerät sie in einen Schulausflug und lernt Ei kennen. Einen Jungen, den die Klasse nicht leiden kann, weil er nach Kuhstall stinkt. Die Katze ist eine stille Gefährtin. Manchmal jedoch, faucht sie oder schnurrt wie sieben Tiger. Auf dem Holzsteg am Strand erzählt Ei ihr von sich, während sie gemeinsam in die Brandung blicken, einem ausgefransten Farbenspiel in sandgoldgelb und grünblau. Hier wird Ei  Selbstbewusstsein tanken. Gmehling, der in seinen Kinderbüchern die Schönheit von Umgebung punktgenau einzufangen versteht, konzentriert sich in seinem Bilderbuchtext auf das innere Gespräch und überlässt Isabel Pin den äußeren Raum. In ihren Aquarellzeichnungen ist das Wasser allgegenwärtig. Es lässt Farben unscharf fließen wie es auch Gefühle zu tun pflegen. Es bilden sich geheimnisvolle Flächen und magische Flecken, in denen auch das Glutrot zur Sprache kommt. Überall spiegelt sich, ganz ohne Worte das Leben. Das Spannungsfeld dieses Bilderbuches ist die zarte Umsetzung einer rauhen Geschichte, die in den Worten aufblitzt. Das Quäntchen Lebensphilosophie liefert der einäugige Hinkekater, zu dem die Katze am Ende ihrer Reise wieder zurückkehrt. "Das Meer macht alles neu. Es tut immer, was getan werden muss."  Damit ist Gmehling, ohne dass er ein Wort darüber verliert, in diesem Bilderbuch auch eine Liebeserklärung an das Meer gelungen, einen Ort, der auf seine unscheinbare Art und Weise und auf leisen Sohlen den Menschen ändern kann.

Spielfantasien im Kinderzimmer

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Pija Lindenbaum: Wir müssen zur Arbeit, Klett KInderbuch 2021 € 15,00

Vor Micky, Elin und der Erzählerin liegt ein Spielnachmittag im Kinderzimmer. Die Arbeit ruft. Stoffschwein muss noch schnell ins Bett, der Arztkoffer steht schon auf dem Schräncken bereit. In ihrer Fantasie verlassen die Kinder das Haus, rasen im Auto durch die Stadt, zur Arbeit, wie die Großen es tun. Natürlich sind sie Ärzte. Das ist ein wichtiger Beruf. Viel Blut, viele Tränen und Verbände, schnelle Rundumgenesung. Das wars schon. Jetzt noch schnell neun Packungen Marshmallows einkaufen und mit dem Zug  in den Wald fahren, die Hexe besiegen und dann reicht es aber.

Das Kunststück, schlafen zu gehen

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Dita Zipfel, Finn-Ole Heinrich, Tine Schulz: Schlafen wie die Rüben, Huckepack im mairisch Verlag 2021 € 15,00

Die quirligen fünf Rüben dieser Bilderbuch-Familie in den Schlafmodus zu bringen, ist ein wahres Kunststück. Dafür hält das mehrfach preisgekrönte Autorenpaar Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich ein größeres Aufgebot bereit: Sonne, Mond, Esel, Garten und See, der letzte Schluck Tee, das Waschen und Putzen, Musik und Bücher, Kitzeln, Kissen, warme Socken, Monster raus und Träume rein.

Leuchtend schelmische Nachtgestalt

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Grégoire Solotareff: Vladimir, der kleine Vampir, Picus Verlag 2021 € 17,00

Vlad sieht wirklich schön schaurig aus: Das borstige Haar steil nach oben drappiert, von den Spitzen seiner langen Ohren umrahmt, darunter die blaue Gesichtsfarbe. Mit koboldhaftem Grinsen und immer in Bewegung hat er den bauschigen Mantel, der seiner zwergenhafte Gestalt Größe verleiht, fest im Griff. In einer Welt, die von schwarzblauen nächtlichen Schatten über das Violett und Rosa des Morgengrauens zum satten, weißgelben Glühen des ersten Sonnenstrahls changiert, wird er mit seinen Freunden das Neue erkunden, so wie es Kinder eben zu tun pflegen. Neugierig, überschwänglich, experimentell und ohne Blick auf drohende Gefahren. Alles ganz gewöhnlich also, genau wie auch sein Name, Vladimir. So heißen ja nun wirklich alle Vampire. Das Spiel in der kindlichen Parallelwelt des Vampirs entwickelt sich genau so wie in der Welt von Menschenkindern. Sie stellen Fragen, sie bekommen Antworten, sie versuchen ihren Eltern nachzueifern und am Ende haben sie ganz eigenständig etwas gelernt. Doch so geradlinig und klar, wie die Geschichte in Bild und Text erscheint, macht es Solotareff seinen Betrachtern nicht, denn schließlich kann Beißen nun wirklich kein Beruf sein und Vlad hat gute Freunde, an denen man doch nicht üben sollte. Ob Menschenkinder wirklich weniger Angst haben als Erwachsene? Und schließlich steckt in Vladimir, das sieht man doch auf jedem Bild, ein kleiner Schelm, dessen Entdeckungsreise in die Welt der Erwachsenen gerade erst begonnen hat. Was wohl wirklich aus ihm werden wird? So wie sich aus der klaren Farbwahl der einzelne Seiten im Laufe des Buches ein ganzer Regenbogen entwickelt, steckt in der kleinen, augenscheinlich gewöhnlichen Geschichte ein großer Kosmos an Fragen und Gesprächen zu leuchtenden Nachtgestalten und darüber hinaus.

Eifersüchtig

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Pija Lindenbaum: Luzie Libero, Verlag Beltz & Gelberg 2020 € 13,95

Luzie hat vier Onkel. Drei langweilige Onkel und einen, Tommy, den Luzie liebt, denn er weiß genau, was Luzie gefällt. Mal bringt er ihr eine tote Schlange im Glas mit, mal färbt er ihre Haare oder sie hüfen einfach nur zusammen in der Gegend herum. Eines Tages sitzt Günther bei Tommy und lässt sich von ihm die Haare schneiden. Luzie gefällt das gar nicht. Sie versucht, Günther zu ignorieren. Doch die Eifersucht wächst. Was Luzie auch tut, Günther bleibt. Günther stört. Günther ist langweilig, findet Luzie. Dabei kann er fantastische Saltos vom Zehnmeterbrett und lässt die Zimtschnecken im Ofen anbrennen. An diesem Tag liegt Tommy krank im Bett und Luzie, die Tommy gern Luzie Libero nennt obwohl er selbst nicht Fussball spielt,  beginnt mit Günther eine Fußballpartie. Tommy räumen sie später ins Tor, damit er nicht im Wege steht und Luzie wird Weltmeister. Das Eis ist gebrochen. Alles ganz wunderbar normal, also. Lindenbaum hat ein Händchen für eigenwillige, selbstbewusste Charaktere. Luzie, Tommy und Günther gestaltet sie lebendig in ihren Stärken und Schwächen und fern klassischer Rollenbilder. Sie hat sie in Bild und Text großartig und wie selbstverständlich in Szene gesetzt.

Vom Leben gelernt

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Antje Damm: Füchslein in der Kiste, Moritz Verlag 2020 € 12,95

Als der Fuchs im Frühling in den Wald zieht, sind die Hasen zunächst skeptisch. Doch seine Kiste ist voller Tomatensuppe, die auch den Hasen sehr gut schmeckt. Über den Sommer verbringen die Hasen und der Fuchs eine wunderbare Zeit. Sie lernen vom Fuchs prischen und hören viele Geschichten. Als der Fuchs sich im Herbst in die Kiste legt, heißt es Abschied nehmen, doch in der Erinnerung wird der Fuchs lebendig bleiben. Ein einfühlsames, rundum stimmiges Buch über das Leben und den Tod, dass Antje Damm plastisch in ihrer Guckkastenbühne zu inszenzieren vermag.

Vom Rausch der Geschwindigkeit und dem Genuß, Zeit zu haben

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Clotilde Perrin: Schnell, schnell, schnell, Gersteberg Verlag 2021 € 12,00

Das ungewöhnlich breite und nicht sehr hohe Buchformt lässt diese grandios inszenierte, kleine Geschichte wie ein Fries wirken, den man, in der Mitte eines Raumes stehend, durch die eigene Drehung mal schneller, mal langsamer an sich vorbeigleiten lassen kann. So passt man sich unbewusst sofort der Geschwindigkeit an, von der das Buch erzählt.  Ein Kind erwacht, jagt aus dem Haus, den Freunden hinterher. Bild und Text schießen pfeilgerade voran, in Bus und Boot einem Turboflieger entgegen. Verpasst. Das Kind bleibt stehen, sieht das Flugzeug am Horizont entschwinden und Ruhe kehrt ein. Gemächlich macht es sich auf den Rückweg und nimmt die vielen kleinen Dinge wahr. Staub und Stille, die kleine Kuhle und wie wunderbar der Moment ist, vom Marmeladenbrot abzubeißen. Bild und Text mäandern, umfangen das Kind und den Betrachter zärtlich, wie Musik. Kaum ist der letzte Ton verklungen,  möchte man das Buch wieder von vorne probieren, der Rausch des Tempos zieht in Bann. Am schönsten jedoch, ist der Moment in der Mitte, als nach der Hatz die Ruhe einkehrt, das Aufatmen und Entspannen. Nur wer beide Zustände kennt, wird mit Genuß wahrnehmen, wie es ist Zeit zu haben, langsam und achtsam durchs Leben zu gehen.

Veränderung auf vier Etappen

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Bernadette Gervais: Von Zeit zu Zeit, Gerstenberg Verlag 2020 €18,00

Vier Bilder zeigen Momentaufnahmen zwischen denen die Zeit vergeht. Mal ist es ein Augenblick - ein Hase hoppelt vorbei- mal eine ganze Weile - wenn die Schnecke kriiiecht - mal ein Tag, mal ein Jahr. Jahreszeitlauf, von der Raupe zum Schmetterling oder wie eine Stadt wächst. Das Buch bietet kunstvoll gestaltet viele Gesprächanlässe zum abstrakten Thema Zeit schon für die Allerkleinsten.

Die Waisenkinder Osteuropas

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Yaroslava Black, Ulrike Jänichen: Zug der Fische, Carlsen Verlag 2020 € 18,00

Eurowaisen nennt man die Kinder, die bei den Großeltern zurückbleiben, wenn ihre Eltern im europäischen Ausland Geld verdienen. Die Lebenszeichen ihrer Eltern erhalten die Kinder per Post. Sie sammeln die Briefe wie kleine Schätze und Träume. Sie versuchen darin, ihre Sehnsucht zu stillen. Regelmäßig schicken die Eltern Geld nach Hause, fremde Scheine, die wie blaue Fische im Fluss winden, als die Kinder sie ins Wasser werfen. Sie haben die Scheine mit einer wichtigen Botschaft versehen: "Kommt zurück! Wir brauchen euer Geld nicht. Es gibt auch in den Kaparten genug Blaubeeren." Zart und eindringlich zeichnet dieses Bilderbuch die Lebenswelt in einem Dorf am Rande der Karpaten auf. Den Fluss und die Wälder, in denen sich die Kinder sogar nachts gut zurechtfinden, die Dorfgemeinschaft und den Markt, der nur eine kleine, aber zufriedenstellende Konsumwelt bietet. Den wärmenden Lehmofen in der Stube und die Löcher im Dach, durch die der Regen in Metalleimer plätschert. Ja, natürlich gäbe es vieles zu verbessern, doch all das Geld kann den Kindern die fehlenden Eltern nicht ersetzen. Ulrike Jänchens schlichte Buntstiftstriche  variieren in zahllosen Mustern, aus denen sie die gltzerdenen Wogen des Wasser, die zerklüftete Berglandschaft, Wiesen, Felder, die Kleidung der Marktfrauen oder einfach nur Tränen entstehen lässt. Ein poetisches Bilderbuch, in dem alles fließt und das doch innehalten lässt und nachdenklich stimmt.

Revolution der Kuscheltiere

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Die Fan-Brüder: Projekt Barnabus, Jacoby & Sturart 2020 € 16,00

Tief unter dem Ladengeschäft liegt die Fabrik für perfekte Kuscheltiere. Sie punkten mit viel Flasch, großen Augen und niedlichen Attributen. Leider misslingt in ihrer Zusammensetzung immer wieder dies und das. Mauseklein und elefantös zugleich ist Barnabus geraten. Obwohl auf seiner Glasglocke der Stempel "Ausschuss" prankt, gefällt er sich. Er möchte die Welt entdecken. Als es ihm gelingt, sich selbst und alle anderen sonderbaren Wesen des Ausschussregales von ihren Glasglocken zu befreien machen sie sich gemeinsam auf den abenteuerlichen Weg in die Oberwelt. Durch Rohre und Lüftungschächte, Retrotechnik und von viel Wasser herausgespült landen sie im Kuscheltierladen und stürmen in die Freiheit. Doch halt, dort, im Regal, macht Baranbus eine erstaunliche Entdeckung, die das Leben vermutlich auch in Zukunft nicht einfach gestalten könnte. Dieses Bilderbuch verbindet den abenteurlichen Spaß einer fantastisch überbordenen Inszenierung mit zarten Momenten des Nachdenkens und Innehaltens, da hinter jeder Ecke eine neue Geschichte lauern kann. In seiner Leichtigkeit und Trefflichkeit von Lebensmomenten ist es überaus gelungen und hält kleine Glücksmomente für Betrachter- wie Vorleser*Innen bereit.

Pferdeglück

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Satomi Ichikawa: Kleines Pferdchen Mahabat, Moritz Verlag 2020 € 14,00

Die zarten Wildblumen im Vorsatzpapier blühen in der Steppe der Mongolei. Dort verbringt Djamilia ihren Sommer bei ihren Großeltern. Sie schläft in einer Jurte. Das ist ein großes Zelt. Gleich am nächsten Morgen hüpft sie auf die Weide zur Pferdeherde. Opa verbindet ein Fohlen. Das Kleine hat sich am Bein verletzt. Den Sommer über wird Djamlia es gesund pflegen und ihm den Namem Mahabat geben. Das ist Kirgisisch und heißt Liebe. Wer Pferde liebt wird in Ichikawas stillen, zarten, lebendigen, großartig bewegten Zeichungen das ganze Glück finden, die Harmonie und Achtung zwischen Mensch und Tier. Das Bilderbuch fängt einen unvergesslichen Sommer in einem fernen Land ein. Nicht nur für Djamilia. Eine der schönsten Tiergeschichten seit Jahren.

Winterweihnachtswaldluft

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Kristina Andres: Mäuseweihnacht - Bärenzauber, Edition Nilpferd 2020 € 14,95

 "Weihnachten stand vor beiden Türen. Der großen Bärentür und der kleinen Mäusetür", denn Bär und Maus wohnten im gleichen Haus. Bei ihnen war vieles anders, als bei Anderen. Während die Maus drinnen ihr Bäumchen schmückte, nahm der Bär seinen Bärenschlitten und zauberte in der Winterweihnachtswaldluft. Natürlich dürfen Frau Kuh, die Bettelmaus, ein großes Blech Kekse und ein Himmel voll blinkender Sterne nicht fehlen. Ein wunderbar winterlich, waldiges, weihnachtliches Bilderbuch- Vorlesevergnügen. Ab 4

Ausflug auf die Polizeistation

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Ulf Nilsson, Gitte Spee: Die allerkleinste Polizistin, Moritz Verlag 2020 € 14.-

Die Vorschulkinder besuchen die Polizeistation. Wie aufregend! Dichtgedrängt sitzen sie um Kommissar Gordon herum, denn jeder möchte sehen, wie er seinen Stempel, kadonk, aufs Papier drückt, wenn ein Fall gelöst ist. Kommissar Gordon erklärt gedulig.  Jeder möchte auch mal stempeln. Auch Piepsi ruft von unter herauf: "Bladi, bladi". Doch keiner versteht sie. Sie möchte so gerne Polizistin werden, obwohl sie keinen Platz am Tisch findet und in der Polizeimütze ertrinkt. "Bladi, bladi", schimpft sie erneut. Aber keiner hört sie. So macht sie sich bald alleine auf, in den Wald, und ein großes Abenteuer nimmt seinem Lauf, bei dem am Ende alle die Polizeiarbeit üben und Piepsi eine wichtige Rolle spielen wird. Starke, schwungvolle, emotionsreiche Bilder ergänzen den etwas längeren Vorlesetext und machen das Buch zu einem wunderbaren Vergnügen für Vorleser und Zuhörer, sodass man die Geschichte wieder und wieder lesen möchte. Erstleser können rund um Kommissar Gorden, dessen Herz im Fast-Ruhestand für die Ertüchtigung der Kleinen schlägt, und Buffy, der Fast-Kommissarin weitere Kriminalfälle lösen.

Nachhaltigkeit gelassen selbst erprobt

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Didier Lévy, Katrin Stangl: Als die wilden Tiere bei uns einzogen, Peter Hammer Verlag 2020 € 15,00

"Bei Max zu Hause gab es tonnenweise Sachen, die meine Eltern niemals kaufen würden." Der kleiner Erzähler ist erstaunt und begeistert. Max und er sind die besten Freunde der Welt, ganz egal, wie unterschiedlich ihre Eltern das Lebensumfeld ihrer Kinder durch ihre Konsumgewohnheiten gestalten. Nun ja, ein wenig neidisch ist der Erzähler schon. Bei Max scheint das "Schlaraffenland" zu herrschen, bei ihm ist immer alles "bio". Doch dann passierte etwas. Aus Angst vor den Jägern suchen die wilden Tiere Schutz auf dem Grundstück des Erzählers. Und seine Mutter läd auch noch die Jäger zu selbstgemachter Limonade und Kuchen ein. Die gelebte Nachhaltigkeit bringt Menschen und Tiere zusammen. Das macht den Erzähler richtig stolz. Das achtsame Leben entwickelt einen magischen Sog, der selbst Max' Familie bald ein wenig durchdringen wird, obwohl es bei ihm nach wie vor "Schlaraffenlandsachen" gibt. Selten erzählt ein Bilderbuch mit so großer Offenheit, ehrlich und gelassen von den verschiedenen Lebensentwürfen.  So finden kleine Leser hier kostbaren Raum für gedankliche Selbsterprobung. Mit einfachen Sätzen beschreibt  der Text die Situation. Er hält die uns überall hin mit begleitende Begeisterung, die Träume und die Stärken des Erzählers in der verdeckten Hinterhand und macht sie dadurch umso spürbarer. Die Bilder sind von kunstfertiger Dynamik und aufredendem Spiel  mit Licht und Schatten gestaltet. Sie bieten Ecken, Kanten und starke Fluchten, aber auch schwungvolle Rundungen, zum Beispiel in jenem Moment, wo Max seinen Vater, den Jäger, zum Kaffetisch führt und der Bär ihm von hinten die Tatze auf die Schulter legt. Immer wieder schicken sie den Betrachter auf die Suche nach komischen Momenten. Schon auf der Titelinnenseite sieht man hinter einem Busch den Wolf wie ein Hund auf dem Rücken liegen und genüßlich an einem Lolli schlecken. Alles an diesem ganz starken Buch ist einfach magisch, zutiefst realistisch und ein großes, spannendes Abenteuer. Hier können nach Herzenslust Gespräche angeknüpft werden, vom Vorschulalter bis weit ins Grundschulalter hinein.

Monster im Klassenzimmer

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albertine sylvie Neeman: Sie kommen! Aladin Verlag 2020  € 15,00

Monster haben etwas magisches. Sie sind abstoßend und anziehend zugleich. Vorallem aber bevölkern sie die eigene Fantasie und sind ein wunderbares Spiel. Selbst wenn man erwachsen wird, vergisst man sie nicht. Die Frau steht lässig und einladend auf der Seite. Sie kann die Monster schon hören und malt sich ihr Befinden aus. Haben sie gut geschlafen? Und kräftig gefrühstückt? "Manchmal strahlen ihre Augen wie Sterne und sie schenken dir großzügig ihr Lächeln..." Nein, diese Monster sind sicher nicht gruselig. Sie machen neugierig. Am Ende weitet sich der Blick. Die Frau steht in einem Klassenzimmer und hält ein Buch in der Hand. Sie ist eine Lehrerin. Schon viele Monstergeschichten hat sie vorgelesen. Die Monster in ihrer Fantasie sind ihre SchülerInnen. Ein liebevolles und aufregendes Buch zum ganz normalen Schulalltag, denn wer weiß das nicht: Kinder lieben Monster. Erwachsene auch.

Das Leben im Koffer

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Chris Naylor-Ballesteros: Der Koffer, Verlag Fischer Sauerländer 2020 € 14,99

Das einzige, was der Fremde bei sich trägt, ist ein großer Koffer. Darin, so sagt er, sei sein Zuhause. Fuchs, Hase und Vogel beäugen den Fremden ungläubig. Ohne Erlaubnis werden sie seinen Koffer öffnen. Auch wenn sie sich seinen Inhalt ganz anders vorgestellt haben, der Fremde hat nicht gelogen. Das nun folgende schlechte Gewissen über ihre Tat, bringt sie auf eine prima Idee. Kurz, knackig und plakativ wird vieles fühlbar. Flucht und Fremde, Angst und Neugier, sowie die Frage wo Heimat zu finden ist. Durch seine kurzen, spannenden Dialoge eignet sich das Bilderbuch auch wunderbar als Erstlesebuch mit besonderem Gesprächspotential.

Feinfühliger Wandel zwischen Gegenwart und Vergangenheit

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Julie Fogliano, Lane Smith: Das Haus, das ein Zuhause war, Fischer Verlag 2019 € 16,00

Vergangens und Gegenwärtiges legt sich in diesem Bilderbuch wie durch Zauberhand und von magischer Faszination getragen übereinander. Zwei Kinder haben das verfallene Haus im Wald entdeckt. Sie klettern durch das kaputte Fenster und gehen auf Entdeckungsreise. Wer lebte hier? Und wie wurde gelebt? Was ist passiert. Fragen über Fragen. Können die Dinge, die zurückgeblieben sind, Antwort darauf geben? Sie regen die Fantasie an und werden ein Teil aktuellen Lebens. Hier und dort. Dort und hier. Zurück im eigenen Zuhause wird der abenteuerliche Ausflug zur Vergangenheit. Der Text spielt mit der Zeit und  schwingt in zarter Poesie. Das hingetupfte Bild der Gegenwart eifert ihm nach oder steht zum Austausch bereit. Ganz unaufgeregt und feinsinnig erzählt dieses Bilderbuch vom Motor unseres Lebens: der Zeit.

Cowboyhut & Zorromaske

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Catharina Valckx: Pfoten hoch! Moritz Verlag € 12,95

Eine Waffe schon auf dem Cover? Cowboyhut und Zorromaske, dazu ein Regenwurm in der Prärie, inmitten zartleuchtender Farben. Diese Brüche verlocken, die Geschichte genauer zu ergründen. Billy, der kleine Hamster ist viel zu nett, meint sein Vater, der berühmte Gangster und schickt ihn in die Welt, die „klare Ansage“ zu üben. Pfoten hoch! heißt das Spiel, denn der Revolver ist noch nicht geladen. Doch das scheinbar Einfache ist gar nicht so leicht. Da wo der Regenwurm zu wenig Pfoten heben kann, hebt die Maus viel zu viele und tanzt Billy damit gleich auf der Nase herum. Als Billy am Schluss sein Pfoten hoch! mit furchtbar eiskalter Stimme im richtigen Moment in einen sinnvollen Zusammenhang bringt, dabei vor lauter Schreck die Warnung des Vaters glatt missachtet, wird er mit drei neuen Freunden und dem Glücksgefühl ein Held zu sein belohnt. Alles nur ein Spiel und doch einiges gelernt, für Situationen, die kein Spiel mehr sein werden.

Den Hunger nach Sachwissen als Vorlesegeschichte stillen und verrückte Tiere entdecken

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Sharon Rentta: Moritz in der Autowerkstatt, Gerstenberg Verlag € 13,95

In Papas Autowerkstatt entdeckt Moritz alles, was man mit Autos machen kann. Eifrig wird repariert und neu lakiert. Die Katze sorgt für ein einmaliges Muster. Ein Elefant sitzt auf der Limosine, die danach als schnittiges Cabrio Verwendung findet. Die Giraffe braucht eine sehr hohe Fahrerkabine. Eine Menge Werkzeug ist im Einsatz. Dieses Auto-Tier-Sachbilderbuch mit gelungener Vorlesegeschichte macht kleinen Zuhörern und großen Vorlesern Freude. Die Rentta Reihe gehört im Buchpalast zu den Lieblingsbüchern der Kinder!

Vom Glück des Bewahrens

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Thomas Harding, Britta Teckentrup: Sommerhaus am See, Jacoby & Stuart 2020 € 15,00

Auf dem Cover wetteifert das schlichte Holzhaus in seiner Schönheit mit der frühsommerlichen Farbenpracht der Natur. Die mosaikverspielte Tür- und Fensterfront strahlt in der Sonne. Seine Terrasse öffnet sich einladend zum Wasser. Hier, im Grünen, möchte man wohnen. Doch die Bewohner des Hauses, eine Familie mit vier Kindern, hetzen schattengleich, gebeugt und bepackt durch das hohe Gras aus dem Bild. Die Geschichte dieses Hauses beruht auf wahren Begebenheiten.

Geschichte mit Herz

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Thierry Lenain, Stéphanie Marchal: Mama, Papa, wie habt ihr euch kennengelernt? Schaltzeit Verlag 2020 € 16,00

Sophia ist zufrieden. Mama, Papa, Kind. Selbstverständlich und wunderbar. Aber wie sind Mama und Papa eigentlich zusammengekommen? Ein typischer Kinderfragedschungel beginnt, vom Wunsch nach tollen Geschichten befeuert. Da war eine Autofahrt, eine Mauer, eine kranke Kollegin und Christoph Kolumbus könnte  auch beteiligt gewesen sein. Sophia hat alle Hände voll zu tun, denn sie möchte allen ein Bild malen. Zuletzt lernt sie sogar, wer den Abschleppwagen erfunden hat. Geschichten sind doch wunderbar. Ein Kuss am Schluss und gleich noch einmal von vorne, bitte.

In die Pfoten gespuckt

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Rogé: Roger und die Pommesbude, Kunstanstifter 20220 € 22.-

Er hat den Körper eines Hotdogs, dynamisch im Wind flatternde Ohren, ein Stummelschwänzchen, viele Fragen und noch mehr kreative Ideen. Der Dackel Roger spuckt in die Pfoten und strahlt. Er hat den richtigen Riecher, Talent zum Werkeln und Kochen und schon steht sie da: Rogers Pommesbude. Der Ort, die Stadt, die ganze Welt wird er damit erobern. Hier könnte das Hundemärchen enden. Doch Roger, der Kartoffelkönig, begegnet einer Maiskolbenkönigin, verliebt sich und beide gemeinsam, werden wieder etwas Neues schaffen, erneut und anders ein neues Glück finden, denn Pommes sind nicht alles auf der Welt. Mit schwungvollem Strich hat Rogé und das Studio Wu aus Berlin hier einen neugierigen und tatkräftigen Hundecharakter voller Leichtigkeit und Witz kreiert. Einmal Pommes, bitte!