Leben in regenbogenfarbener Welt

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Peer Jongeling: "Hattest du eigentlich schon die Operation?" JaJa Verlag 2020 € 11,00

In sechs kurzen Comicgeschichten zeichnet Jongeling den Alltag von Ari, Lilly, Paul und Ray nach. Sie bezeichnen sich selbst als transgender Personen. Was damit und den vielen anderen Begriffen gemeint ist, erkärt Jongling im Vorsatz. Das Feld im Bereich Sexualiät ist groß und variantenreich. Doch das Leben für Menschen, die sich nicht in dem Geschlecht zu Hause fühlen, in dem sie geboren wurden, ist weder einfach noch selbstverständlich. Unsere Welt unterscheidet überall klar zwischen Männern und Frauen und erkennt diese an Äußerlichkeiten. Etwas dazwischen wird zuviel oder zuwenig beäugt, verdrängt, abgewiesen, oder passt nicht hinein ins Bild, wie man es sich doch wünschen würde. Das ist es, was plötzlich ins Bewusstsein tritt. Selbstverständliches wie ein Kleiderkauf in der Damenabteilung mit tiefer Stimme, oder der Besuch beim Frauenarzt braucht für transgender Personen aktive Akzeptanz der Person. Jongeling bringt uns dieses Wissen über ein Leben im Dazwischen alltäglich und unaufgeregt, einfach zur Kenntnis. Ein wichtiges Plädoyer für eine regenbogenfarbenerer Welt.

Zuhause gesucht

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Alex Wheatle: Home Girl, Kunstmann 2020 € 18,00

Ich glaub, mich laust der Affe! In Naomis 14-jährigem Leben ist schon so viel unglaubliches passiert, dass dieser Affe in unzähligen Varationen beständig vor ihrem inneren Auge auftaucht und ihr ständiger Begleiter ist. Dieses Buch reißt seine LeserInnen in einen Strom von Ereignissen. Zwischen Lachen und Weinen schließt man Naomi fest ins Herz. Ihr Leben ist bisher nicht gerade von Sonne beschienen. Die Eltern haben nicht für sie sorgen können, so strandet sie im Heim mit einer beherzten Sozialarbeiterin an ihrer Seite, die sich große Mühe gibt, Naomi in eine Pfegefamile zu vermitteln. Mit 14 ist das recht aussichtslos, vor allem, weil auch Naomi sich sträubt und  allem den Kampf ansagt. IhreTräume, Forderungen und Ängste lassen einiges schief gehen. Die Ratschläge ihrer Freundinnen befeuern die Negativspirale. Das Gute und Schöne im Leben gerät immer nur punktuell in Naomis Blickfeld. Für kurze Zeit bringt die Sozialarbeiterin sie in einer farbigen Familie mit zwei weiteren, kleinen Pflegekindern unter. Dieser Aufenthalt soll nur für kurze Zeit sein, schon weil eine ungeschriebene Regel sagt, dass zu allem hier noch Rassismus ein Problem werden könnte. Diese Menschen aber werden für sie zum wichtigen Anker in ihrem Leben. Wheatle, selbst ein Heimkind und jamaikanischer Abstammung, kennt sein Thema bis in alle Details und zeichnet eine sorgsam austarierte, differenzierte Gefühls- und Aktionswelt. Naomis Zungenschlag hat jugendliches Feuer und Authentizität. Die Übersetzung ist hervorragend gelungen. Ein Buch zum Eintauchen und Mitfiebern, zum Kennenlernen, ganz ohne Mitleid zu erwecken. Lesenswert!

Alternativlos

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Victor Jestn: Hitze, Verlag Kein und Aber 2020 € 20,00

Die Landes im Sommer: Pinienwälder am Atlantik und brütende Hitze beherrschen den Campingplatz. Der 17-jährige Léonard ist mit seiner Familie im Zelturlaub. Und während alle anderen Jugendlichen die Tage am Strand, am Pool und mit Feiern bis in die tiefe Nacht und Sex verbringen, langweilt er sich. Bis er bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge auf Oscar trifft. Oscar, der sich an der Schaukel erdrosselt. In seinem realitätsfernen Zustand tut Léonard … nichts. Erst hinterher vergräbt er Oscars Leiche in den Dünen, ohne zu wissen wieso. Der dünne Band von Victor Jestin fesselt von der ersten Seite an. Léonards Verhalten erscheint zugleich unlogisch und vollkommen alternativlos je länger die Situation anhält. Die Atmosphäre des Campingplatzes mit Animationsprogramm erwacht durch die sprachliche Darstellung zum Leben, und die Charaktere scheinen alle in ihrer eigenen Sommerpausenblase zu schweben. „Hitze“ entführt in einen nicht so entspannenden Sommerurlaub in eine der wunderschönen Regionen Frankreichs.

Gut gemeint

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Andreas Götz: Wir sind die Wahrheit, Dressler Verlag 2020 € 17,00

An diesem Buch ist vieles unglücklich. Der Schmerz über das Koma, in dem Leahs Zwillingsbruder seit einer Schlägerei liegt, wird sie intensiv in seinem Leben recherchieren und ungeahntes entdecken lassen. Nichts wird dabei so sein, wie sie anfangs dachte. Nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Das ist nicht neu. Unbemerkt hat sich ihr Bruder rechten Kreisen angeschlossen. Das Videotagbuch und vieles andere, das Leah von unbekannten Absendern auf ihr Handy gespielt wird, setzt die Originalzusammenhänge außer Kraft und wird zu falschen Schlüssen führen. Leah wird sich in seine Kreise begeben müssen, um Klarheit zu bekommen. Beide werden dreist und unbemerkt für eine Kampagne missbraucht. All das zu entwirren und vor Augen zu führen braucht der Autor ein gesamtes Buch, in dem vor allem die Lebenseinstellungen und Ansichten rechter und rechtsextremer Kreise weiten Raum einnehmen. Die Untersuchung des Wahrheitsbegriffes bleibt oberflächlich und wenig tiefschürfend. Am Ende bleibt das Gefühl, diese Geschichte ist gut gemeint, aber nicht gut ausgeführt. Es gibt interessanteres zu diesem Thema. Ein Tipp: Sommer unter schwarzen Flügeln.

Heimat im eigenen Körper finden

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Sophie Reyer: Zwei Königskinder, Czernin Verlag 2020 € 20.-

Heimat in eigenem Körper finden: Als die Augen der 13- jährigen Käthe, ihre scheuen Sehnsüchte und Wünsche, immer enger um Johanna zu kreisen beginnen, bleibt sie auf sich selbst gestellt. Reyer inszeniert Käthes Höllen- und Höhlenfahrt mit voller Wucht, seelisch schmerzvoll und verzaubernd zart. Die alte Frage, worum es im Leben geht, scheint in diesem sprachlich brillierenden Text wie neu.

Heimatverlust und Heimatsuche – ein grandioses Buch!

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Susann Kreller: Elektrische Fische, Carlsen Verlag 2019 € 15,00

Eine Schwester, die nicht mehr redet, ein Bruder, der abends betrunken nach Hause kommt und eine Mutter, die endlich wieder in ihrer Heimat ist. So hat sich Emma den Umzug von Irland nach Deutschland nicht vorgestellt, aber eins ist sicher: sie muss hier weg! Da kommt es ihr gerade recht, dass der Junge, aus ihrer neuen Klasse, ihr helfen will. Eine Geschichte über geplatzte Träume, Heimweh und eine Fisch verrückte Mutter, die jeden zum nachdenken bringt. Ada, 14 Jahre

Gefühle, Probleme, Witz und peinliche Situationen

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Tankred Lech: Der Rüberbringer oder ein irrer Trip zwischen Leben und Tod, Beltz & Gelberg 2019 €14,95

Red hat versucht sich umzubringen. Hat nicht geklappt. Als er im Krankenhaus aufwacht, steht plötzlich ein Junge an seiner Seite, der sich Joe nennt, sich für den coolsten hält, und allerlei dumme Kommentare raushaut. Zurück zuhause, erwartet Red dann Chaos. Die Schuld liegt bei Joe. Er hat Schulden von über 1380€ ein entzündetes Tattoo, Probleme mit seiner Schwester und ihrer Freundin. Anderseits hilft Joe Red auch. Red bekommt seine Depression in den Griff, wird entjungfert (wenn auch auf sehr zweifelhafte Weise) und erlangt mehr Selbstständigkeit. Er erlebt mit Joe den besten Frühling seines Lebens.

Von kleinen und großen Abschieden

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Nina LaCour, Alles okay, Hanser Verlag 2019 € 16,00

Marins Verlust ist einer von denen, die den Leser mit in eine Tiefe ziehen, aus der er gemeinsam mit der Protagonistin im Verlauf der Geschichte nach und nach wieder auftaucht. Als Kind hat Marin ihre Mutter verloren, einen Vater gab es nie. Gerade erwachsen,verliert sie den Großvater, ihren Mittelpunkt ihres Lebens, und damit auch sich selbst.  Seither ist nichts mehr okay, Marin verkriecht sich vor der Welt und ihren Freunden. Das erste Wiedersehen der besten Freundinnen nimmt die Autorin zum Anlass, um Marin und Mabel zaghaft zurückblicken zu lassen: Auf die letzten Sommertage. Auf die Zeit des Schulabschlusses, angefüllt mit Plänen, Hoffnungen und vielen letzten Malen. Marin und Mabel ist klar, dass sich ihre Wege wegen des Studiums trennen werden. Ungeplant war jedoch, wie sich in dem ganzen Taumel ihre Herzen und Körper finden. Hatte die zarte, heimlich gelebte Liebe je eine Chance? Ein intensives und emotional starkes Jugendbuch über Liebe, Freundschaft, Verlust und den Weg aus dem Dunkeln ans Licht.

Was sich unter der Oberfläche verbirgt

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019, Kinderbuch

Anna Woltz: Für immer Alaska, Carlsen Verlag 2018 € 12.-

1.  Ich heiße Parker. Ich heiße so, weil ich in einem Park geboren wurde.
2. Vor zwei Jahren haben wir die Asche meiner toten Oma im Phantasialand ausgestreut.
3. Und ich kann Jingle Bells bellen. Zitat: Woltz, Für immer Alaska
Nur zwei von diesen drei Fakten über Parker sind wahr, einer ist erfunden, und der letzte ist das nicht. Denn Parker hatte es geliebt, mit ihrem Hund Alaska zu „singen“, bevor sie Alaska weggeben musste. Parker vermisst Alaska ganz schrecklich, bis sie sie wiedertrifft, als Assistenzhund ihres Klassenkameraden Sven.

Ein Sommer voller Leben

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Jugendjury

Anne Freytag: Mein bester letzter Sommer, Heyne Verlag 14,99

„Stell dir vor, stell es dir einfach mal vor: deine Schulklingel läutet, alle freuen sich, ja, endlich Sommerferien und weißt, es ist dein letzter Sommer, was du noch nicht weißt, es wird dein bester, letzter Sommer sein.“ Zitat: Freytag, Mein bester letzter Sommer
So geht es Tessa. Sie ist 17. Sie weiß, dass sie sterben wird. Viel Besonderes hat sie noch nicht erlebt. Ihre Eltern behandeln sie auf einmal als wäre sie aus Watte und sie verschanzt sich nur noch in ihrem Zimmer und wartet auf das Ende. Doch das ändert sich schlagartig, also sie Oskar trifft. Er macht, dass es ihr schönster Sommer wird. Beide fahren nach Italien und erleben viel, so viel, dass es am Ende ein bisschen einfacher ist, zu gehen.

Freundschaft per Email

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Holly Goldberg Sloan, Meg Wolitzer: An Nachteule von Sternhai, Hanser Verlag 2019 € 17.-

Avery Blom ist ein ganz normales, schlaues Mädchen mit einem alleinerziehenden, schwulen Vater. Eines Tages erhält sie eine Email der ihr unbekannten Bett Devlin, die behauptet ihre beiden Väter wären ein Paar. Nun wollen die Väter ihre Mädchen zusammen in ein Feriencamp schicken, damit sie Freundinnen würden. Und das wollen Avery und Bett um alles in der Welt NICHT. Für Avery ist das zuerst ein Schock, aber vielleicht wäre es doch möglich, eine neue Freundin zu finden.
Ich finde dieses Buch fantastisch, da die beiden in ihren Persönlichkeiten so verschieden sind, sich in ihren Problemen und Hindernissen aber auch ähneln. Außerdem ist es faszinierend, wie die beiden Autorinnen es geschafft haben, zusammen eine so spannende Geschichte zu schreiben. Unbedingt lesen! (das macht auch "Nicht"-Lesern Spaß)

Auf den Spuren der Erinnerung

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Clare Furniss: Morgen ist heute schon vorbei, Rowohlt Rotfuchs 2019 € 14,99

Sicherheitshalber macht Hattie drei Schwangerschaftstest. Das Ergebnis aus der Hingabe einer Nacht ist eindeutig, der Vater dieses zukünftigen Kindes weit weg, die Selbstverständlichkeit das Kind abzutreiben steht fest in ihrem Kopf. Ihr Mut, zur Tat zu schreiten, ist noch nicht gefasst. Er wird verdrängt, von einer vergessenen Verwandten, einer Schwester iher Großmutter. Keiner der beiden giert nach Kontakt und doch hofft Hattie von dieser alten Frau etwas über ihren eigenen Vater in Erfahrung bringen zu können. Wenn dann jetzt, denn Gloria wird dement und beginnt zu vergessen. Gloria erzählt Hattie Unerwartetes. Die beiden verbindet die ungewollte Schwangerschaft.  Unverheiratet schwanger war damals vollkommen undenkbar, noch dazu, wenn das Kind eine andere Hautfarbe haben sollte. Stück für Stück eröffnet Gloria eine Geschichte, die Dramatik gewinnt und mehr und mehr den Atem nimmt. Erst gegen Ende entdeckt man die Liebe, das Leid und die Erstarrung in Sprachlosigkeit,  den Mut, der Entscheidungen stützt und  sich an ganz unerwarteten Stellen auftun wird. Funiss komponiert ein Frauenschicksal aus den 50ern und eins in heutigen Zeiten zu einem packenden, vielschichtigen Roman. Viel hat sich seit dem geändert und einiges gar nicht, denn die Entscheidung einer jungen Frau, ihr Kind zu behalten hat mehr mit dem Herzen zu tun, als mit dem Verstand. Wie weitreichend diese Entscheidung ist und über Generationen hinweg Wege eröffnet, können LeserInnen hier gewahr werden. Beeindruckend!

Die Herausfordung des eigenen Lebensweges

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Gabriele Clima: Der Sonne nach, Hanser Verlag 2019 € 14.-

Sozialstunden sollen den unüberlegt agierenden Dario lehren auf den richtigen Weg zu gelangen und zu tun, was man von ihm verlangt. So lernt er den vollkommen von Pflege abhängigen Andy kennen. Dieser kann sich weder bewegen noch sprechen und sitzt im Rollstuhl. Damit gehört er für Dario zur Gruppe der Behinderten.  Aber nein, er ist ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten. Doch diese sprachliche Gleichstellung wird von seiner Betreuerin nicht gelebt. Sie behandelt Andy wie ein Baby und bemerkt dabei: er sei doch "kein normaler Mensch". Sie hält ihn für einen Idioten, das spürt Dario sofort, denn auch ihn hält man für eine Niete. Unkompliziert, dirket und immer ein wenig rebellisch, wie Dario so ist, nimmt er den Rollstuhl samt Andy unter den Arm und schiebt damit, mal wieder ohne einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden, einem Abenteuer entgegen.

Leichtigkeit des Seins

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Lena Hach: Grüne Gurken, Mixtvision 2019 € 17.-

Das ganze Buch hat style. Genuss und Design steckt auf jeder Seite. Lotte, klug wie pubertär, Newcomerin in der Stadt, stolpert am Abend im Schlafanzug und ohne Haustürschlüssel in einen Späti um die Ecke. Berlin, Kreuzberg. Hier trifft sie auf den Lebenskünstler und Ladenbesitzer Yunus und die Studentin Miri. Genau wie Lotte schließt man diesen Späti sofort ins Herz. Hier spiegelt sich das pralle Leben. Hier gibt es alles. Fünf Bahnhofsuhren an der Wand zeigen über die Weltzeiten hinaus:  Berlin, Moskau, New York, Tokio, Mond. Selbstverständlich!

Unter dem Deckmantel der Liebe

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Julya Rabinowich: Hinter Glas, Hanser Verlag 2019 € 16.-

Alice ist eine Außenseiterin. Sie spricht nicht viel, ist häufig krank und wird von ihren Klassenkameradinnen "Bazille" genannt. Am Abend liegt sie in ihrer "gebügelten, nach Lavendelwasser duftenden Bettwäsche." Aber der heimelig behütete Schein trügt. Ihr Großvater ist ein Tyrann, der seine finanzielle Macht gegen ihre Eltern gewalttätig ausspielt. Als Niko in Alice Leben tritt, versucht sie mit ihm aus diesem, all ihre Lebenskraft aussaugenden, Käfig zu entkommen. Rabinowich erzählt Großes und Schmerzhaftes mit beeindruckend ruhiger Stimme und psychologischem Geschick.

Millieustudie aus der Unterschicht

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Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton, Kunstmann Verlag 2018 € 18.-

Lemar, genannt Liccle Bit und seine jugendlichen Kumpels, fast noch Kinder, stecken einfach mittendrin, zwischen rivalisieren Banden, Handlangern und Bossen, denen man kleine Dienste kaum abschlagen kann. Zumal Geld winkt, von dem hier jeder träumt. Lemar lebt auf engstem Raum mit seiner Familie, der Mutter, der Oma, der Schwester samt Säugling, dessen Vater ausgerechnet Manjaro ist, einer der führenden Bosse im Viertel. Sein eigener Vater lebt bei seiner neuen Familie. Lemar besucht ihn und seine schwerkranke Halbschwester unter Protest der Mutter alle 14 Tage. Auseinandersetzungen in alle Richtungen sind vorprogrammiert. Lemar sucht seine Richtung durch das Labyrinth der Straße zu finden, zu verstehen, sich mal zu arrangieren, mal aufzubegehren und eigene Wege zu finden.

Liebe in zarter Dosis

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Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen, Thienemann 2018 € 15.-

In kurzen Kapiteln, mit wenigen Worten von großer Strahlkraft, entfacht Herrick eine Geschichte von ungeahnter Intensität mit großer Sogwirkung, ein beeindruckendes, poetisches Feuerwerk. Harry wird Ende der 60er Jahre in einem kleinen Ort am Ufer eines Flusses groß. Das Leben der Menschen hier ist einfach, trist, schicksalsergeben und gottesfürchtig. Nach dem Tod seiner Mutter wird ein Orangenkuchen Spache, da wo es keine Worte gibt, ein Höchstmaß von Anteilnahme und Harry schmeckt in ihm das Himmelreich. Ohne ihre Mutter erschließen sich Harry und sein Bruder Keith als stille Beobachter die Welt. Sie putzen, sie kochen, sie entdecken das Leben, die Liebe und am Ende sich selbst. Ganz wunderbar zart und in kleinen Dosen steckt in diesem kurzen Text alles was die Welt bewegt. Gerade für das Unscheinbare findet Harry eigenwillige Sinnzusammenhänge und eine Sprache bei der man, dank der großartigen Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn, nach jedem schwungvollen Absatz innehalten muss, um sie sich auf der Zunge zergehen zu lassen.

Eisprinzessin

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Tillie Walden: Pirouetten, Reprodukt 2018 €29.-

Das Eisprinzessinnendasein ist hart und unromantisch. Tillie Walden spielt in Bild und Text ihrer graphic novel ein eindringliches Doppelspiel.  Autobiografisch erzählt sie von von vielen Trainingsstunden auf dem Eis, am Morgen vor Schulbeginn und am Nachmittag beim Synkronlaufen. Der Wecker klingelt um 4:00 früh. Die morgentliche Kälte des Eises erzeugt Atemwölkchen. Sie kriecht dem Betrachter der Bilder unmerklich unter die Haut und steht im Widerspruch zu dem Gefühl, welches die Eleganz dahingleitender Körper erzeugt. Die jungen Mädchen spannen ihre Muskeln für diese und jene Figur. Später werden sie, alle gleich in Frisur und Kostüm, zur rhytmischen Einheit verschmelzen, der blasse Teint puppenhaft aufgehübscht, mit nichts als dünner Strumpfhose und und kurzem Röckchendress. Unterhose oder BH tragen zu sehr auf. Tillie liebt es, auf der still und unberührt daliegenden Eisfläche die ersten Kratzer zu ziehen. Der Dreisprung war ein schönes Gefühl, die Schraubenpirouette hat sie gehasst,die Waagepirouette erzeugte Schwindel, der Lutz war ein ekelhafter Sprung doch mit dem Flieger glaubte sie in die Ewigkeit zu gleiten - warum bleibt sie dabei? Tillie Walden plaziert in ihren nach außen so minutiös dressiert erscheinende Körper eine überbordende Menge an Gefühlen, deren Strahlkraft sie über das Eis mit sich zieht wie die Atemwolken.  Am Rande von Müdigkeit und Erschöpfung sucht sie vehement nach Wärme und Anerkennung. Nach Liebe. Sie fühlt sich zu den Mädchen hingezogen. Das spürt sie schon ganz früh. Es bleibt lange ihr bestgehütetes Geheimnis. Ihr Coming Out am Ende gestaltet sich schmerzhafter als ein vertaner Sieg. Es gibt Geschichten, die schwer in Worte zu fassen sind. In dieser gelungenen graphic novel braucht es sie nicht. Fliehende Räume, helldunkel Spiel, Bildauschnitte, Körperhaltung, Gesichtsaudrücke und viele aufs Wesentliche reduzierte Details lassen einen Sog entstehen, der nicht besser von jugendlicher Lebendigkeit erzählen könnte.

Aug in Auge

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Badey, Kühn: Strom auf der Tapete, Beltz & Gelberg TB 2018 € 7,95

An seinem 16. Geburtstag hat seine Mutter Ron Robert das atemraubende, weiße Cabrio mit roten Ledersitzen für eine gemeinsame Spritzfahrt an den Straßenrand gestellt. Leider wird dieser selig machende Geburtstagsanblick durch ein aus dem Fenster auf die Straße fliegendes Radio zerstört. Ein Nachbarschaftsstreit, der die Polizei auf den Plan ruft. Doch da sitzt Ron Robert schon am Steuer, neben ihm die Klassenkameradin Clara, auf dem Rücksitz ihr Rolli und raus geht es, aus Frankfurt/ Oder, weg von den Streitigkeiten in der sozialen Unterschicht, den Alltagssorgen, den Männerbekanntschaften und dem Alkoholkonsum  in Mutters Umfeld. Ron Robert macht sich auf die Suche nach seinem Vater, zusammen mit Clara, die viel mehr auf ihren eigenen Beinen steht, als man es beim Anblick des Rollstuhs vermuten würde. Dem Schreiberinnen-Duo Andrea Badey und Claudia Kühn ist ein rasantes Roadmovie mit überzeugenden Akteueren gelungen, in dem Klaras Behinderung nur eine von vielen Beeinträchtigungen ist, die einem das Leben schwer machen können. Immer wieder erstaunen die schlagkräftigen, witzigen Dialoge, die klaren Gedanken, welche nichts vernebeln und schönreden und  dabei entwaffende Leichtigkeit verbreiten. Gegen Ron Roberts Albträume gibt es nur eine Lösung: Schau dem Wolf in die Augen und tu was! Selbst wenn es mal schiefgeht, das ist der Weg. Alles andere wird sich finden. Ein briliant durchkommponierter Text, der auf sich selbst vertraut und mit nichts als Selbstverständnis zu überzeugen versteht. Unbedingt lesenswert und als Klassenlektüre zu empfehlen.

Schöne Girlie Romanze

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Susanne Mischke: Don't kiss Ray, dtv 2017 € 12,95

Schon beim Lesen des Buchtitels dürfte klar sein, dass sich das Buch " Don´t kiss Ray" der Genre Girlie-Romanze anfügt. Und ja, ich vergöttere Liebesgeschichten, doch diese hat es mir mal wieder besondern angetan! Jill Goldberg ist eigentlich ein ganz normaler Teenager: krause Locken, eine Schwäche für gutes Essen und ausgeprägter Musikgeschmack. Als sie jedoch mit ihren Freunden einen Trip auf ein open-air Festival unternimmt und an einem Waffelstand einen äußerst attraktiven Jungen kennenlernt, beginnt sich ihr Leben drastisch zu verändern: der junge Mann ist kein geringerer als der Frontmann der beliebten Rock-Band "Broken Biscuits"! Doch wie es das Schicksal will, erwischt ein hartnäckiger Fan die beiden und postet zahlreiche Fotos auf jeglichen Fandom-Plattformen. Jill wird schlimm beleidigt und auch Gewaltattacken häufen sich, doch dieser Ray will ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen...Wird sich Jill für ihre Sicherheit oder für die Liebe entscheiden? Und vor allem: wie viel sind die beiden bereit zu riskieren?
 Ein toller Liebesroman über die Reichweite des sozialen Netzwerkes und das Risiko welches sie mit sich ziehen!

Street Art Leben

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Irmgard Kramer: 17 Erkenntnisse über Leander Blum, Loewe Verlag 2018 € 17,95

Im Buch 17 Erkenntnisse über Leander Blum geht es um die beiden Streetart-Künstler Jonas und Leander. Die beiden Schüler sind beste Freunde und sprayen überall gemeinsam ihre Pices. Keiner weiß, dass sie hinter dem Schriftzug „Blux“ stecken. Alles ist perfekt, bis sich Leander in Rapunzel verliebt, das Mädchen mit den goldenen Haaren. Und Jonas sich in seiner Malerei verliert.  Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil ich mich intensiv in die Hauptpersonen einfühlen konnte. Es geht um Freundschaft, Liebe und die Leidenschaft zu sprayen. Spannend fand ich, dass das Buch auf verschiedenen Zeitebenen spielt und erst ganz am Ende ein vollständiges Bild der Geschichte entsteht. Das Besondere ist Leanders innerer Kampf zwischen seiner Trauer und dem Wunsch, endlich ein erfülltes und glückliches Leben zu führen.  Jakob, 15 Jahre

Verliebt in Geist oder Körper?

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David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal, Fischer TB € 9,99

In dem Buch „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ geht es um eine Seele, die jeden Morgen in einem anderen Körper aufwacht. Sie nennt sich „a“ und das tägliche Wechseln der Körper ist bereits so, seitdem sie denken kann. Eines Morgen erwacht die Seele im Körper von Justin, ein nicht sehr sympathischer Junge. In der Schule trifft er als Justin auf dessen Freundin Rhiannon und verliebt sich dabei in sie. Die beiden beschließen, die Schule zu schwänzen und ans Meer zu fahren. Die Seele weiß, dass Justin seine Freundin oft schlecht behandelt und vernachlässigt, doch an diesem Tag ist Justin Rhiannon gegenüber deutlich netter.
In dem Buch stellt sich die Frage: Besteht Liebe nur aus der „Seele“, also dem Charakter, oder auch zwingend aus dem Aussehen?
Fazit: Ich finde das Buch sehr faszinierend, da eine andersartige Form von Erzählung im Gegensatz zu ansonsten üblichen Geschichte gewählt wurde. Es bleibt für den Leser durch die unterschiedlichen Perspektiven der Seele abwechslungsreich und spannend. Außerdem gelingt es dem Erzähler mit dem Schluss des Buches zu überraschen.

Unwegsame Zukunft

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Jeff Zentner: Zusammen sind wir Helden, Carlsen Verlag 2017 €17,99

"Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen", postet Lydia in ihrem Secondhand-Modeblock. Lydia ist stark und voller Ideen. Ihre Eltern unterstützen sie. Ein plus, auf das Travis und Dill, Lydias Freunde, nicht zählen können. Dills Vater sitzt im Gefängnis. In dritter Generation ist er Prediger einer Erweckungsgemeinde, die mit Schlangen und Gift im Gottesdienst agiert. Für die Gemeinde schreibt Dill christliche Lieder. Die Gitarre ist seine Welt. Travis Vater betreibt einen Holzhandel im Ort, trinkt und prügelt seinen Sohn, der sich am liebsten in Fantasywelten liest. Keine Vorzeigefreunde, die Lydia in ihren zahlreichen Blogeinträgen erwähnen würde und doch steht sie ihnen zur Seite, wie sonst niemand. In  brisanter Mischung versteht Zentner es, jugendliche Lebenswelten zwischen Glaube, Schuld, Pflicht und Freiheit zu inszenieren und packt seine Leser von der ersten Seite weg. Ein Roman des  Miteinanders in unwegsamem Gelände, der jeden der Drei nur dann eine Zukunft führt wird, wenn sie es verstehen werden, sich ihren Weg tatkräftig selber zu pflastern. Davon ist Lydia fest überzeugt und hofft, die beiden Jungs von ihrer Ansicht überzeugen zu können.
 

Ein Auslandsjahr in Peru

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Chantal Schreiber: Plötzlich in Peru, Thienemann Verlag € 19,95

Der Roman Plötzlich in Peru von Chantal Schreiber, veröffentlicht im Jahr 2011 in der Planet-Girl-Reihe des Thienemann Verlages, handelt von der 18-jährigen Elena. Nach der Bitte einer Freundin, die wegen eines gebrochenen Fußes an ihre Reise nach Peru, die Spanisch Unterricht und ein Voluntär-Programm beinhaltet, statt ihr dorthin zu fliegen, entscheidet sie sich trotz ihres `Planungswahns’ spontan in schon sechs Tagen die Reise anzutreten. Wenn auch mehr aus ‚Rache’ an ihrem Freund, der zum Studium nach Innsbruck zieht ohne sie gefragt zu haben, ob sie mit will, als aus eigener Motivation, bereut sie ihre Entscheidung nicht. Denn das arme, jedoch auch so vielseitig schöne Land Peru berührt und verändert sie.
Chantal Schreiber malt eine gut verständliche Handlung, oft mit so guter Beschreibung der verschieden Orte in Peru, dass man sich diese bildhaft vorstellen kann. Trotz der häufigen unnatürlichen `Perfektheit´ des Hauptcharackters, würde ich dieses Buch ab einem Alter von 13 Jahren empfehlen. Sissi, 15 Jahre

 

Jung und beherzt

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz&Gelberg 2017 € 12,95

Auch in der Schule, in der Klassengemeinschaft, scheint sich heutzutage die Welt nur um den Einzelnen zu drehen. Egoistisch und selbstgefällig, ohne rechten Blick auf die Anderen wurschtelt jeder sich durch. Wen wundert diese Erkenntnis im Handyzeitalter. Diese Gleichgültigkeit, gar Missachtung dem Anderen gegenüber führt ungewollt und ungeahnt zu tiefen Verletzungen. Das wiederum gipfelt im großangelegten Rachefeldzug des Einzelnen an der Gruppe. Dem Amoklauf. Manchmal würde man sich doch mehr Lebensfantasie wünschen. Wenigstens in der Literatur. Die Autorin, Lea-Lina Oppermann, 19 Jahre jung, beschreibt  diese Ausnahmesituation in der hermetisch abgeriegelten Welt des Klassenzimmer auf hohem Spannungsniveau aus drei Perspektiven. Zwei Durchschnittschüler Mark, Fiona und ihr junger Lehrer Herrn Filler erzählen. Wie in Zeitlupe spiegeln sie in gekonntem rhythmischen Wechsel jede Bewegung des Eindringlings und der Gruppe und sehen dabei immer sich selbst im Zentrum der Situation.  Allen voran der Lehrer, dessen knapper Altersvorsprung und  Ausbildung ihn keineswegs erhabener oder aktiver gemacht haben. Selbst als der Täter einen Stapel Briefe mit seinen Wünschen auf den Tisch legt, Forderungen in denen jeder mal gezwungen wird, andere Bloßzustellen, kommt keinem die Frage in den Sinn, was hier überhaupt gespielt wird. Viele Möglichkeiten des Eingreifens verstreichen. Stück für Stück erkennen die Erzähler erst jetzt, mit den gestellten Aufgaben, die Rolle Einzelner im Gesamtkontext der Gruppe und füllen ihre bisherige Nichtwahrnehmung mit defensiven Rechtfertigungen. Utopische Höhenflüge einer Jugend? Fehlanzeige. Bei diesem Text handelt es sich um einen erzählerisch versierten,  düstern Zustandsbericht des Seins, der nach Diskussion und Klassenlektüre ruft. Katrin Rüger

Es passiert auch mitten unter uns

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Robin Roe: Der Koffer, Verlag Königskinder 2017 € 19,99

Seitdem Julians Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, wohnt der 14-jährige Waise bei seinem Onkel. Julians etwas sonderbare Art erschweren es ihm, Anschluss zu Gleichaltrigen zu finden und gute schulische Leistungen zu erbringen. Deswegen wird er zu Schulpsychologin geschickt. Von Julians glücklichem und unbeschwertem Leben vor dem Unfall ist nichts übriggeblieben. Nur ein Koffer voller Erinnerungen, auf die er sich immer wieder beruft. Zufällig trifft Julian auf Adam, seinen ehemaligen Pflegebruder, der lebensfroh und beliebt ist. Er sieht in ihm einen älteren Bruder, den er in seiner jetzigen Situation dringend braucht. Doch trotz der emotionalen Bindung, die Julian nach und nach wieder zu Adam entwickelt, fällt es ihm schwer über sein schreckliches Geheimnis zu reden. Denn je näher Adam Julian kommt, desto näher kommt er der unfassbaren Wahrheit, die Julian versucht krampfhaft zu verbergen.
Ich habe es echt ewig vor mir hergeschoben, dieses Buch zu rezensieren, weil ich einfach nicht wusste, wie ich es anstellen sollte. Die Geschichte ist erschreckend doch ich konnte, obwohl ich es wollte, einfach nicht aufhören zu lesen. Letztendlich habe ich es dann doch rezensiert, weil es ein unglaublich gutes Buch ist, das meiner Meinung wichtig für uns alle ist. Die Sprache ist mit ihren kurzen Sätzen recht einfach gehalten. Die Autorin schafft es, den Leser für die Geschichte zu begeistern, ihn zu fesseln und ihn auf eine Art zu berühren, dass es einem oft den Atem raubt. Obwohl man von der Handlung entsetzt ist und sich alles in einem sträubt weiterzulesen, schafft man es nicht das Buch zur Seite zu legen. Durch die Perspektivenwechsel zwischen Julian und Adam, lernt man die sorgfältig ausgearbeiteten Charaktere besser kennen und nimmt die Unterschiede zwischen ihnen deutlicher wahr. Julian, der für sein Alter zu kindlich und außerdem extrem introvertiert ist, steht im genauen Gegenteil zu Adam, der sehr offen und durch seine positive Art sehr beliebt ist. Genau das ist einer der zahlreichen Aspekte, die das Buch so interessant machen, weil man Handlungen und Gefühle der Charaktere wahninnig gut nachempfinden kann. Alles in allem ist das Buch auf jeden Fall sehr empfehlenswert, wobei das Lesealter in diesem Fall dringend berücksichtigt werden sollte. Es geht einem teilweise wirklich unter die Haut. Meiner Meinung nach fordert das Buch die Leser dazu auf, die Augen offen zu halten und sorgsamer auf seine Mitmenschen zu achten, denn das, was Julian erleben muss ist gar nicht so weit weg wie wir glauben. Es passiert auch bei uns in München. Gianna, 15 Jahre

Wiedersehen mit Anne-Laure Bondoux

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Anne-Laure Bondoux: Bella Rossas anderes Glück, Carlsen Verlag 2016 € 17,99

Bella Rossa hat genug von ihrem eintönigen Leben in einer kleinen Siedlung mitten im Wilden Westen. Sie will fahrende Händlerin werden. Auf ihrem Weg muss sie nicht nur um Kundschaft kämpfen, sondern auch mit ihrer Liebe zu Jaroslaw und ihrem ewig meckernden, gelähmten Vater fertig werden. Ein Western zur Zeit des Goldrausches aus der Perspektive einer starken, aber auch liebevollen, jungen Frau. Er lebt, wie alle Bücher von Anne-Laure Bondoux, von seinen wundervoll vielschichtigen Charakteren. Clara, 15 Jahre
Ihr neustes Werk spielt in die Zeit des Goldrausches. Viele Familien ziehen im Planwagen nach Westen. Einem verheißungsvollen Glück entgegen. Das Mädchen Bella Rossa wird nach dem Selbstverständnis des damaligen weiblichen Rollenbildes gezwungen, auf diese Reise zu gehen und für ihren Vater zu sorgen, der nach einem Unfall gelähmt im Planwagen sitzt. Eine undankbare Aufgabe, über die sie in all ihrer Stärke fast märchenhaft weit hinauswächst. Diese quirlige, starke Hauptfigur setzt Maßstäbe und zeigt, dass Handeln gefragt ist, wenn man etwas ändern will. Katrin Rüger
PS: Auch ich stimme mit Claras Meinung überein, das Der Mörder weinte ein weitaus faszinierender Titel von Anne-Laure Bondoux ist, ebenso wie Die Zeit der Wunder. Fünf Jahre nach dem ersten Interview  treffen wir die vielseitige Autoren nun in Frankfurt wieder.

Die Leichtigkeit des Seins

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Clémentine Beauvais: Die Königinnen der Würstchen, Carlsen Verlag 2017 €16,99

Man stelle sich drei füllig Grazien auf der Landstraße vor, die in einer Facbookumfrage zu Hässlichkeitsköniginnen ihrer Schule gewählt wurden, dazu drei nicht passende Räder samt Anhänger für Würstchenverkauf und einen unschlagbaren Plan. Beauvais schickt alles auf eine Reise nach Paris, würzt mit Witz, Schlagfertigkeit, ja Klugheit und einer Reihe interessanter menschlicher Begegnungen. So macht sie aus typischen Mobbingopfern charismatische Mädchen voller Elan, welche die Herzen der LeserInnen im Sturm erobern. Beauvais entfesselt sie von Anbeginn rasant. Die schmerzlichen Tränen der gefühlsbetonten „Goldwurst“ Astrid versiegen schnell, die kleine, schlaue „Silberwurst“ Hakima, wird ins Boot geholt. Die zynische Mireille, jetzige „Bronzewurst“ und Rekordhalterin des Titels, arbeitet die Radl-Route nach Paris aus, denn jede hat einen Grund am Nationalfeiertag im Élyséepalast zu sein. Räder und Anhänger werden gefunden und aufgemöbelt, Hakimas Bruder, ein junger Kriegsveteran im Rollstuhl, wird die Truppe begleiten und fährt voran. Wie er im Laufe der Reise seinen Lebensmut wieder zurückerobern wird, ist eine weitere, zarte Nebengeschichte. In Cluny werden die 3 Würste schon erwartet. Ob man sie dazu überreden kann, in schönen Kleidern dem Abschlussball der Universität beizuwohnen? In einem abgelegenen Schloss erfahren sie von einem Schwesternschicksal und einer Liebesgeschichte ohne Toleranz. Ihr ungewöhnliches Treiben erregt immer mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und so bekommen sie am Ende sogar vier Einladungkarten für die Feier in Paris. Doch hier kommt nun endlich einiges anders als geplant. Ein rundum gelungenes, amüsantes Jugendbuch, das uns in überbordender Kreativität den Umgang mit engstirnigen, ausgrenzenden, verletzenden Meinungen lehrt.

Problembewältigung der etwas anderen Art

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Carlie Sorosiak, If birds fly back, Arena 2017 €17,00

Drei ungewöhnliche Menschen mit noch ungewöhnlicheren Themen treffen in dieser Geschichte aufeinander: Linny sammelt Geschichten von verschwundenen Menschen, seit ihre ältere Schwester Grace vo zuhause verschwunden ist. Sebastian erklärt sich die Welt mithilfe physikalischer Gegebenheiten, doch als er mehr durch Zufall erfährt, dass sein Vater ein berühmter Schriftsteller ist, wird es kompliziert. Er reist spontan nach Miamai und sucht Alvarro Herrero im Altersheim. Dort trifft er auf Linny, deren Interesse an dem Schriftsteller ganz woanders liegt, denn er galt seit 3 Jahren als verschwunden. Besagter Schriftsteller hat jedoch ganz andere Probleme, da er an Alzheimer leidet und dies vor der Öffentlichkeit verbergen will. Eine komplizierte, an manchen Stellen auch etwas konstruirt wirkende Geschichte, die aber dennoch duch witzige und z.T. rührselige Situationen besticht, und in der alles beinahe aus dem Ruder läuft, weil weder Linny noch Sebastian so ganz mit der Wahrheit herausrücken wollen. Zum Mitfiebern, Mitlachen und Mitleiden bestens geeignet.