Das Versprechen einer neuen Welt

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Thomas Cadène, Benjamin Adam: Soon, Carlsen Verlag 2020 € 29,00

Werden Menschen jemals den Mond besiedeln? Mitte des 22. Jahrhunderts wird Juri in einer Welt groß, in der es nur noch wenige Menschen, verteilt auf sieben Städte, gibt. Seine Mutter steht im Zentrum der lang vorbereiteten und politisch kritisch diskutierten Mondmission Soon. Moon-Soon: Die Menschen wollen den Mond besiedeln, neuen, verheißungsvollen Lebensraum schaffen. Eine Mission ohne Rückfahrkarte, bei der die Mutter ihren Sohn zurücklassen wird. In detailgenauen Rückblicken wird das Geschehen auf der Erde bis in diese Zukunft  im Allgemeinen und die Raumfahrt im Speziellen in einer Mischung aus dystopischem Future Fiction und Sachbuch beleuchtet. Eine faszinierende Story, ein Gedankenspiel, auf die man sich gerne einlässt.

Dragmans wahre Mission

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Steven Appleby: Dragman, Schaltzeit Verlag 2021 € 29,00

Der magische Seidenstrumpf, den August  in der Sofaritze entdeckt, verleiht ihm die Superkraft fliegen zu können. Das tut er in Frauenkleidern, denn er liebt es, welche zu tragen. Es ist sein bestgehütetes Geheimnis, vor allem jetzt, wo er sich in Mary verliebt hat und Vater eines kleinen Sohnes ist. Ausgerechnet Mary fürchtet sich extrem vor Superhelden und August hat seine Frauenkleider auf den Speicher ausgelagert. Seit einiger Zeit häufen sich Morde an Transvestiten in der Stadt und seine alten Freunde, die Mädchen im Pretty Pretty, brauchen Dragmans Hilfe. In seiner genialen graphic novel inszeniert Appleby rund um Dragman die Kolleg*innen des Superheldensektors rmit überbordender Fantasie in bunter Vielfalt. Da steht Dog Girl mit ihrem guten Spürsinn Dragman zur Seite und Beliver läuft zur Höchstform auf, wenn er an sich selbst glaubt. Das wird sich fatal auswirken, nachdem er seine Seele verkauft hat und in die Fänge des dicken Fist gerät. Als Dragmans Gegenspieler segelt er in einer flachen Dose durch die Lüfte,  welche die Liebe verkündet und Gewalt bringt. Sein Gebiet ist die Einordnung von Menschen in einer machtbezogenen, konservativen Welt und der Seelenan und -verkauf. Im Rahmen der klar angeordneten Bildsequenzen entwickeln die Erzählebenen und die Einschübe von Fließtext  eine komplexe, figuren- und detailreich erzählte Geschichte, der es an nichts mangelt. Das Zusammenspiel der Superhelden, die Zwänge denen selbst sie unterliegen, die parallel laufende Familiengeschichte mit Liebe, Lüge, Geheimnissen und Ängsten. Augusts Leben bleibt auch ohne Superkräfte eine Superheldengeschichte, denn seine Mission ist es: Sein Leben in allen Facetten offen als Transvestit leben zu können. Steven Appleby ist nicht August, wie er in seinem Nachwort betont. Und doch hat auch er einmal einen Seidenstrumpf im Sofapolster entdeckt und ihn angezogen. Er weiß, wie es sich anfühlt, ein Geheimnis mit sich herumzutragen. Seit 15 Jahren lebt er seinen Transvestitismus offen aus.

Frau und Mutter

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Judith Vanistandaele: Penelopes zwei Leben, Reprodukt 2021 € 20,00

Ohne Worte tauchen wir in das Kriegsinferno in Aleppo, in dem Penelope seit Jahren als Ärztin arbeitet und versucht, Leben zu retten. Wenige Worte reichen, um in die Seele der Frau und Mutter zu dringen, wenn sie für kurze Zeit zu ihrer Familie heimkehrt. Die Welten kommen nicht mehr zueinander. Sie wird geliebt, doch Sprachlosigkeit und  Zerrissenheit greifen Raum. Das Leben daheim hat lang schon seine eigene Dynamik entwickelt ebenso wie sich eine seelische Verwundung Penelopes manifestiert. Der starke Aquarellstrich drückt  aus, für das es keine Worte gibt. Beeindruckend berührend erzählt Vanistandaele von starken Momenten eines Frauenlebens, von Mann, Tochter, Mutter Schwester und einer Arbeit, die alles fordert.

Radtour zu Menschen in der Uckermark

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Nazomi Horibe: Der Trip, Jaja Verlag 2021 € 16,00

Header: © Foto Heike Dietz, aus Nazomi Horibe, Jaja Verlag
Die japanische Comickünstlerin Nozomi Horibe beschließt, eine Auszeit zu nehmen und mit dem Fahrrad allein eine Tour in die kleinen Orte der Uckermark zu unternehmen. Dort sind ihre Begegnungen mit Menschen von persönlicher Dynamik und Neugier geprägt. Die Suche nach japanischen Spuren hilft ihr beim Einstieg in das fremde Terrain. Im Randowtal trifft sie auf Hoshimoto San, später, in einem Café, auf eine weitere Gruppe japanischer Künstlerinnen, die nur am Wochenende in der Uckermark sind.

Hochsensibler Rausch des Lebens

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Mikael Ross: Goldjunge. Beethovens Jugendjahre. avant Verlag 2020 € 25,00

Ross beginnt seine Graphic Novel im 8. Lebensjahr Beethovens und begleitet ihn bis um sein 30. Lebensjahr, bis zur  Veröffenlichung seiner ersten Kompositionen, die ihn als Klaviervirtuose in die fürstlichen Konzertsäle führte. Die kugelrunden Kinderaugen von Erkenntis oft weit aufgerissen, oder fest zusammengekniffen in Schmerz und Fieberwahn, jagt Ross einen hochsensiblen Jungen mit seinen Fantasmen durch die Pannels. Von den Kindern verspottet, vom Vater nachts aus dem Bett gezerrt und ans Klavier gesetzt, von Pocken gequält. In Beethovens Kopf herrscht ständiges Feuerwerk. Später kämpft er mit weiteren körperliche Leiden, Magenkrämpfe und Durchfall und qualvollen Geräusche in den Ohren. Die Welt um ihn herum bleibt dreckig und wenig glanzvoll. Hinzu kommt der Rausch der Musik, welcher Beethoven an den Instrumenten entströmt und zur Auflösung alles Materiellen und Widerwärtigen führt, aber auch zur restlosen  körperlichen Erschöpfung. Faszinierend und temporeich taumeln die Bilder am Rand des existentiellen Abgrundes, an dem nichts golden strahlt, nicht einmal die Liebe. Und aus dieser energetisch überbordenden Qual steigt Beethovens Musik auf. Man scheint sie mit den Augen hören zu können. Ross hat sie in seine Bilder gebannt, dass man beim Lesen nicht nur an der Dramatik des Lebens klebt sondern selbst in einen Rausch gerät, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Vertrauen auf Bewährungsprobe

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Philipp Collin: Das Spiel. Die Brüder Werner, Splitter Verlag 2020 € 25,00

Die Brudergeschichte, von der hier zwischen Fussballweltmeisterschaft 1974, dem legändären Spiel DDR-BRD und Stasi-Bespitzelung erzählt wird, offenbart ein deutsch-deutsches Familienschicksal, ein Lehrstück des Kalten Krieges. Die kompakte, bildmächtige, personenreiche Graphic Novel versucht Kommunismus versus Kaptalismus, mal rotzig, mal ideologisch phrasiert gegeneinander auszuspielen und weckt Erinnerungen an eine Zeit, in der unter dem Boden immer noch ein Boden lag und man tief fallen konnte.Historisch holzschnittig und im rasanten Mix von Sport, Konsum und Politik ist sie ein kurzweiliges Lehrstück, für junge Menschen oder all die, die es noch einmal wissen wollen.

Stalinistische Schreckensherrschaft

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Jugendbuch

Jurga Vile, Lina Itagaki: Sibiro Haiku, Baobab Verlag € 25,00

Die Geschichte von Algis ist eine wahre Geschichte. Sie schildert ein dunkles Kapitel in der Geschichte Litauens. Unter sowjetischer Besatzung hat Stalin Lehrer, Intellektuelle, Journalisten und ihre Familien nach Sibirien verschleppen lassen. So auch den Vater der Autorin mit seiner Familie. Hunger,  Kälte, nichts wovon oder womit man leben konnte und schwere körperliche Arbeit brachte die Menschen in der fernen Steppe um.  Die Kinder kehrten als Halbwaisen oder Waisen zurück. Erfindungreichtum und Fantasie wärmte die Seelen. So werden die Äpfel und der Ganter Martin zum immer wiederkehrenden Mantra. Vile findet eine erstaunliche Balance zwischen Schrecken und Übetrlebenswille, sowie auch Bild und Text rasant und ausgewogen erzählen, sodass man mit Genuss eintaucht und sich schnell einlässt, auf ein lang verschwiegenes Kapitel stalinistischer Schreckensherrschaft und das Leid, das es nicht zu vergessen gilt.

Kriegserklärung an die Trägheit

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Lukas Jüliger: Unfollow, Verlag Reprodukt 2020 € 18,00

Seine Erinnerung ist die Reinkarnation des Lebensbeginn. Seine Gedanken reichen weit zurück, in eine Zeit, da die Erde eine Transformation durch den Menschen noch nicht kannte. In Unfollow  wandelt Eathboi, der Junge der Natur, auf der heutigen Welt. Er folgt nicht mehr als seiner eigenen inneren Stimme, die er bald auf social media Kanälen öffentlich macht. Der faszinierende Bruch, ein stiller Kampf der Welten, aus der nur die Welt mit dem längeren Atem siegreich hervorgehen kann, spiegelt sich auf dem Deckblatt jeden Kapitels wieder, das ein Smartphone auf erdigem Boden zeigt. Die manipulativen Gesetze moderner Kommunikation, ebenso wie den Einklang mit der Natur, scheint Eathboi im Schlaf zu beherrschen. Traumwandlerisch benutzt er sie im richtigen Augenblick für sich und entdeckt Yu. Hat das Internet sie sich verlieben lassen?  Schwebend, spirituell und entschleunigend vollzieht sich der Wandel des Jungen, der bewegende ständige Wechsel seiner Biotope. Jüliger inszeniert die Sparsamkeit des Erzählens gegen die genussvolle Lebendigkeit seiner Bilder. Neben aller Ruhe, die seine Leser*Innen an manchen Orten verweilen lassen möchte, ist seine Geschichte vom Irrsinn unserer Zeit durchdrungen. Seine graphic Novel folgt einem grafisch klaren Konzept, bei dem er vier bis sechs Bilder auf kleinen Doppelseiten mit seperaten Texten darüber und darunter anordnet. MIt Terracotta und Türkisblau trennt er mal Zeit, mal Raum. "Eathboi war gekommen, um sich für die Natur zu wehren." Doch eine Geschichte der klaren Botschaften ist dies nicht. Vielmehr eine Kriegserklärung an die eigene Trägheit, ein Versuch das "Wir" zu finden, die Komplexität dieses Unterfangens und die Sprunghaftigkeit unseres Seins mit einkalkulierend. Licht & weit aber ebenso kompakt & fordernd, religiös wie bodenständig, Terracotta und Türkisblau, fast komplementär. Eathboi und Yu, Bild für Bild, wieder und wieder durchmessen wir Jüligers Welt, ihre Schönheit und unser Sein. Viel Raum sich zu entkoppeln, so wie es der Titel ja schon empfiehlt, nicht blind zu folgen, sondern sich über all das seine eigenen Bilder zu gestalten.

Computerkunst

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Zachary Tallent, Marc-Uwe Kling: Quality Land. Band 1.1, Voland & Quist 202 €18.-

Wie eine hochwertige Werbebroschüre kommt die Umsetzung von Marc-Uwe Klings Roman Qualityland als Graphic Novel daher. Sie ist ein erster Teil des Gesamtwerkes. Die ferngesteuerte zukünftige Welt, wie Kling sie entwirft spiegelt sich in vielen unbewegten Sequenzen nieder.  Die Illustrationen spielen mit stark klischeehafter Vereinfachung, vom zahnpastaweißen Lächeln über Lichtreflexe mit Sternchenglimmer und dem Erröten wie eine Tomate.  Die Graphic Novel bleibt sehr textlastig, kann aber den Witz, den der Autor durch die von seinem Text erzeugte Fantasie gewinnt,  dabei nicht umsetzen. So wirkt das Gesamtwerk steif, bemüht und mühsam zu lesen. Ein Werk der E-Poetin Kalliope vermutlich. Ganz und gar am Computer erzeugt. Wer Computerkunst mag, ist hier richtig.

Leben in regenbogenfarbener Welt

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Peer Jongeling: "Hattest du eigentlich schon die Operation?" JaJa Verlag 2020 € 11,00

In sechs kurzen Comicgeschichten zeichnet Jongeling den Alltag von Ari, Lilly, Paul und Ray nach. Sie bezeichnen sich selbst als transgender Personen. Was damit und den vielen anderen Begriffen gemeint ist, erkärt Jongling im Vorsatz. Das Feld im Bereich Sexualiät ist groß und variantenreich. Doch das Leben für Menschen, die sich nicht in dem Geschlecht zu Hause fühlen, in dem sie geboren wurden, ist weder einfach noch selbstverständlich. Unsere Welt unterscheidet überall klar zwischen Männern und Frauen und erkennt diese an Äußerlichkeiten. Etwas dazwischen wird zuviel oder zuwenig beäugt, verdrängt, abgewiesen, oder passt nicht hinein ins Bild, wie man es sich doch wünschen würde. Das ist es, was plötzlich ins Bewusstsein tritt. Selbstverständliches wie ein Kleiderkauf in der Damenabteilung mit tiefer Stimme, oder der Besuch beim Frauenarzt braucht für transgender Personen aktive Akzeptanz der Person. Jongeling bringt uns dieses Wissen über ein Leben im Dazwischen alltäglich und unaufgeregt, einfach zur Kenntnis. Ein wichtiges Plädoyer für eine regenbogenfarbenerer Welt.

Montag, 7. Juni 2021, 18: 30 Uhr: Zoom Interview – Bücherfresser mit George Takei über „They called us enemy“

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Wir laden alle Interessierten herzlich ein, am Montag, den 7.6.2021, 18:30 Uhr zu einem Zoom Interview mit George Takei.

Nach einer Schauspielkarriere, die sich bereits über sechs Dekaden erstreckt, ist George Takei auf der ganzen Welt für seine Rolle in der ersten Star-Trek-TV-Serie bekannt. Er spielte Hikaru Sulu, den Steuermann des Raumschiffs Enterprise. Doch Takeis Geschichte nahm eine Reihe verworrener Wendungen. Während des Zweiten Weltkriegs zu Unrecht interniert, verbrachte er seine Kindheit zusammen mit seiner Familie in einem US-Lager für Japano-Amerikaner. Später sollte er zu einer der führenden Persönlichkeiten im Kampf für soziale Gerechtigkeit, LGBTQRechte und gleichgeschlechtliche Ehen werden.

Die Bücherfresser werden mit George Takei über seine graphic novel They called us enemy, welche von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 nominiert wurde, ins Gespräch (englisch) gehen und damaligem und aktuellem Rassismus in der Welt nachgehen.

Zoom Link - Thema: Interview with George Takei 07/06/2021
Uhrzeit: 7.Juni.2021 06:30 PM Amsterdam, Berlin, Rom, Stockholm, Wien
Zoom-Meeting beitreten
https://tum-conf.zoom.us/j/65993585881
Meeting-ID: 659 9358 5881
Kenncode: 790782
© privat

nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Jugendjury

Jurybegründung: Eine großartig erzählte und einfühlsam gezeichnete Erzählung über ein dunkles und wenig bekanntes Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Schauspieler George Takei, bekannt durch die Serie Raumschiff Enterprise, berichtet rückblickend über seine Kindheit in den 1940er Jahren in den USA: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor werden über Nacht amerikanische Bürger mit japanischer Abstammung zu Feinden des amerikanischen Volkes erklärt und stehen unter Terrorismusverdacht. Sie werden in Internierungslager verschleppt – vier Jahre lang unter unwürdigen Bedingungen, 120.000 Menschen! Takei erzählt mit kindlicher Emphase vom Alltag im Lager, von Konflikten, riskanten Spielen und Abenteuern. Als Kind war er sich der Gefahr der Situation nicht bewusst. Gerade dieser unschuldig naive Blick lässt erkennen: Es handelte sich um rassistisch motivierte Internierung, Unterdrückung und Freiheitsberaubung. Die behutsamen schwarz-weiß Zeichnungen von Harmony Becker sorgen für emotionalen Abstand, gewähren aber durch die sehr genauen und plastischen Gesichtsausdrücke gleichzeitig einen tiefen Einblick in das Gefühlsleben der Figuren. Das verstärkt die Spannung zwischen der Erzählhaltung und dem Dargestellten. Ein Lehrstück gegen Rassismus.

George Takei: They called us Enemy, Cross Cult 2020 € 25,00

Kindheit im Internierungslager

Diese Graphic Novel erzählt von der Kindheit George Takeis, die er in einem amerikanischen Internierungslager verbrachte. Nach dem Angriff Japans auf Pearl Habour wurden alle Menschen japanischer Herkunft in Amerika rassistisch verfolgt, in Lager verfrachtet und eingesperrt. Die Geschichte erzählt aus verschiedenen Perspektiven, dem kindlichen wie dem erwachsenen Verständnis, und spielt mit Zeitsprüngen, die aber immer verständlich und passend sind. Ein in der Jugendliteratur bisher kaum in Erscheinung getretendes Themas, das heute erneut an Aktualität gewinnt. Am Ende nimmt Takei Bezug auf die Gegenwart, indem er zeigt, wie wichtig es ist, sich für Randgruppen in der Gesellschaft einzusetzen und für den Erhalt von Demokratie zu kämpfen.

Kinder der 90er Jahre

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Joris Bas Backer: Küsse für Jet. Eine Coming of Gender Geschichte, Jaja Verlag 2020 € 20.-

1999: Jet ist 16 und gerade ins Internat umgezogen worden. Auf Distanz und mit dem Fernglas, beobachtet sie ihre Welt. Um sie herum wallen die Hormone. Mit knappem, unruhigem und gleichzeitig kindlich weichem Strich, monochrom begleitet, zeichnet Backer Jet in ihrer Welt.  Wo wird sie ihren Platz finden?  Ihre beste Freundin Sasha experimentiert mit Haarfarbe, kämpft gegen den Juckreiz ihrer Haut und gerät in eine Phase des Ritzens. Der neue im Internat, ein zurückhaltender Junge, leidet an Migräne. Überall werden Begehrlichkeiten geweckt, hier und dort Küsse getauscht. Sie sind noch nichts Wahres. Enttäuschungen lauern an jeder Ecke. Nichts und niemand ist perfekt. Unsicherheit, Ratlosigkeit, mitunter Verzweiflung bestimmen Jets Tage. Sie verfolgt die Jungs mit ihren Blicken, fühlt sich fremd mit sich selbst, klaut Accessoires für einen Rollentausch, igelt sich ein, träumt im Geheimen. Aktionistisch, nicht gerade sensibel und doch aufmerksam, reißt Sasha sie aus ihrer Lethargie. Sie schafft für Jet einen Kontakt mit einer Anlaufstelle für Transsexuelle. Die Idee haben die beiden aus dem Fernsehen. Backer bevorzugt eine knappe, ausschnitthafte Erzählweise und verwirrt gern den Kopf seiner LeserInnen. So kommt man Jet nahe. Mal inszeniert er mit Wortfetzen, mal mit Texten die überbordend oder gar übergriffig erscheinen. Unwohlsein breitet sich aus. Szenen fließen in schnellem Takt ineinander. Momentaufnahmen aus der Außenwelt provozieren Richtungen, doch Jets Gefühle nehmen immer wieder ihren eigenen Lauf. Kurs auf nirgendwo. Doch dann steuert Backer auf das Millenium zu, dem prophezeihten Weltuntergang. Dieses Silvester verbringen Sasha, Jet und Ken in einem leerstehenden Bungalow am Strand. Am Morgen des neuen Jahres steht die Welt noch genau so wie am Abend zuvor. Zeit eine neue Zukunft ins Auge zu fassen. Für Jet hat sie schon begonnen. Backer fokussiert in seiner Geschichte die innere Auseinandersetzung. Zeit und Raum bilden für ihn nur Haltepunkte an den Rändern und geraten etwas plakativ. Das macht die Geschichte insgesamt ein wenig zweidimensional. Sie eignet sich aber gut für einen ersten Kontakt mit dem Transgender-Thema. Heute, 20 Jahre nach Jets Coming-of-Gender, ist ihre Geschichte ein weiterer Baustein für das Wissen um queere Lebensläufe. Möge sie aus Neugier zu Rate gezogen werden und Akzeptanz fördern.

Endlich verliebt

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Samine Lemire, Rasmus Bregnhoi: Mira 03. #kuss #kunst #familie

Mira ist ein richtig großes Mädchen geworden und endlich, endlich ist sie auch verliebt. Wie konnte sie sich früher nicht sicher sein, ob sie verliebt ist? Jetzt weiß sie, dass einem das völlig klar ist! Ansonsten ist alles beim Alten. Ihre chaotische, liebenswerte Mutter ist nur noch viel öfter als früher voll peinlich. Ihr Oma ist der Fels in der Brandung wechselnder Gefühle und ihr richtiger Papa, den sie noch nicht so lange kennt ist also wirklich ihr richtiger Papa. Ein wenig zweifelt Mira noch uns stellt unerlaubte Nachforschungen im Tagebuch ihrer Mutter an. Und natürlich sind da noch ihre Freundinnen und Freude und ein große Müll-Schrott- Kunstprojekt. Jeder Mira-Band scheint noch besser als der Vorhergehende. Unbedingt Lesen! Das darf gerne so weitergehen.

Inseldrift

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Nick Drnaso: Sabrina, Blumenbar 2019 € 26.-

Calvin, Leutnant der Air Force, beherbergt seinen Schulkammeraden Teddy, dessen Freundin Sabrina seit Wochen vermisst wird. Drnasos Szenen kennzeichnen Sprachlosigkeit und stummen Schmerz, Hilfsbereitschaft in Hilflosigkeit. Illusionslos und unsentimental. Das Leben in gebrochener, matter Farbigkeit leerer Räume. Calvin ist Vater einer vierjährigen Tochter. Frau und Tochter haben ihn verlassenn. Noch hofft er, nach Ablauf der Vertragsfrist die Arbeitsstelle wechseln und wieder in die Nähe seiner Tochter ziehen zu können. Gleichförmig arbeitet er sich durch die Tage, nachts spielt er mit den Arbeitskollegen Egoshooter Spiele. Die gesichtslosen Welten gleiten ineinander. Der gewaltsame Tod Sabrinas kommt per Post als Video in die Redaktionen, lässt die böse Vorahnung real werden, und verbreitet sich als Livestreamact samt vieler Verschwörungstheorien unaufhaltsam im Netz. Calvins mechanische Hingabe zu Teddy, die ignorante Züge trägt, hilft ihm, Shitstorm und Morddrohungen stand zu halten. Teddy s Leere füllt ein zwielichtigem Radiosender, dessen Moderator den Untergang der Welt beschwört und sein Heil verkündet. Ist dies die schöne, neue Welt oder ihr gesellschaftlicher Zerfall, der Wirklichkeit entrückt? Drasno inszeniert Menschen in einer verstörenden Welt, lässt sie an der Oberfläche zu treiben, einem nicht fassbaren, passiven Strom ausgesetzt, auf sich selbst zurückgeworfen, umherwandlend in unterkühlter Starre. Kontaktarm und isoliert ertragen sie eine Welt voller Härte auf der verzweifelten Suche nach Leben, nach Menschlichkeit. Die kleinen Lichtblicke, die Suche Teddys nach der Hauskatze oder Calvins Wohnungsübergabe an einem Kollegen am Ende, seinen Abschied und Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, wirken wie ganz großes Kino. Die herausragendste Graphic Novel des Jahres, die man gelesen haben muss. Sprachlose Bilder eines befremdlichen und nur allzurealen Miteinanders.

„Schönheit ist der Glanz der Wahrheit.“ Mies van der Rohe

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Augustín Ferrer Casas: MIES. Mies van der Rohe - ein visionärer Architekt, Carlsen Verlag 2019 € 20.-

Die Graphic Novel präsentiert das Leben Mies van der Rohes aus einem Gespräch heraus, welches der alte Ludwig Mies mit seinem Enkel führt. Sie befinden sich auf dem Weg von Amerika nach Berlin, zur Grundsteinlegung der Neuen Nationalgalerie. Die Schaffensgeschichte Mies van der Rohes beginnt mit seinem anstoßerregenden Deutschlandpavillon zur Weltausstellung 1929. Nur eine Statue und eine freistehende Wand aus kostbarem Marmor fängt den Blick in seinem Inneren. Schön. Weniger ist mehr. Die Nazis ließen den Pavillon, er stellte "die Macht des modernen Deutschlands dar, das mit viel Mühen die Folgen eines ruinösen Krieges überwand", abreißen, ebenso wie sein Liebknecht-Luxemburg Denkmal. Und schon gerät der Betrachter zwischen die Fronten von Kunst und Politik. Zwischen Zeppelinen und Hakenkreuzen versuchte der Architekt und Leiter des Bauhauses in Dessau seine jungen Studenten an seine moderne, transparente Bauweise heranzuführen. Die Moderinät wird weniger und weniger gewollt. Im nationalsozialistischen Deutschland bleibt kein Mittelweg. Anpassung und Hingabe, Verrat der eigenen Ideen oder Fortgang. Mies van der Rohe emigrierte. Ein ganzes Leben, viele Frauengeschichten, Privatbungalows und Designklassiker später wird die Neue Nationalgalerie in Berlin das einzige Bauwerk sein, welches der große Architekt der Moderne in Deutschland nach dem Krieg errichtet hat. Der spanische Comickünstler Casas präsentiert in seinen Bildern ein pralles, an manchen Stellen fiktionalisiertes Leben, welches durch seine Widersprüche, die es zur ästhetischen Schönheit der Kunst erzeugt, in besonderer Intensität und Lebendigkeit aufflammt.

Grandios!

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Jason Lutes: Berlin. Gesamtausgabe, Carlsen 2019 € 46.-

Heute steht die Weimarer Republik im Fokus und hält für so manchen Vergleich zur heutigen Zeit her. Lutes begann dieses, zwanzig Schaffensjahre umfassende, Werk 1994. In symphonischer, atemraubender Manier hat das Leben in der Großstadt Berlin zwischen 1928-1933 auf 550 opulente Seiten gebannt. Da ist Marthe. Sie flüchtet vor einer arrangierten Heirat in ein Kunststudium nach Berlin. Im Zug lernt sie den Journalisten Kurt Severing kennen, der ihr in der fremden Stadt die ersten Schritte erleichtert. Er arbeitet für Ossietzkys Weltbühne, mit Ringelnatz als Freund an seiner Seite. Marthes Liebe zu Severing wird zum beständigen Auf und Ab und bald durch eine neue Tonart erweitert. In der Kunstschule lernt sie Anna kennen. Ein junge Frau, die sich als Mann kleidet und fühlt. Die ganze Stadt ist in Bewegung. Eine Zeit am Abgrund. Eine Zeit in der sich Hass und Gewalt formieren. Eine Zeit, die atemlos macht. Und sprachlos. Eine Zeit, in der Severking an der Macht seiner Worte zu zweifeln beginnt und doch sind es Worte, die hetzen, verbünden, trennen und aufzuwiegeln verstehen.  Weitere Geschichten kreuzen den Weg.  Da ist Sylvia. Ihre Eltern sind Arbeiter. Mit dem Arbeitsplatzverlust der Mutter trennen sie sich und teilen die Kinder auf.  Gudrun stirbt bei einer Demonstation der KPD auf der Straße. Sylvia wird sich auf der Straße durchschlagen und selbst zur Kommunistin. Eine zeitlang gewährt ihr eine jüdische Familie Unterschlupf. Ihr Vater und ihr Bruder werden Anhänger der Nationalsozialisten. Da ist Margarethe, einst Severkings Geliebte. Sie kommt aus großbürgerlicher, industrieller Welt, die sich am Ende ebenso mit Hitler verbünden wird.  Vor großartig eingefangener Stadtkulisse in scharfem schwarzweiß, zwischen gleißendem Licht und erbarmungslosen Schatten zeichnet Lutes laute und stille Lebensdramen, politische Umbrüche, Untergang und Hoffnungsschimmer und eine sich mit Angst füllende, widersprüchliche, bald berstende Welt. Diese graphic novel bietet viele Ebenen. Man kann sie wieder und wieder lesen und Neues entdecken. Die Gesamtausgabe umfasst die drei Einzelausgaben in größerem Format und wurde um Erklärungen zu Bauwerken und Plätzen der Stadt, sowie Skizzen und einem Interview mit Jason Lutes ergänzt. Sie ist ein Schmöker, ein Gedicht. Sie ist absolut lesenswert.

Für Demokratie und Menschenrechte

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Thomas Henseler, Susanne Buddenberg: Grenzfall. Ost-Berlin 1982: Ein Schüler rebelliert gegen die herrschende Politik, avant Verlag €14,95

Sie drucken ihre Zeitung, die sie Grenzfall  genannt haben, in wechselnden Verstecken. Anfangs in einer Auflage von 50 Exemplaren, später einige Hundert. Immer im Visier und auf der Flucht vor dem Überwachungsapparat der DDR, dem Ministerium für Staatssicherheit, für die sie sich mit ihrem Handeln und ihrer Meinung zu Staatsfeinden gemacht haben. Sie berichten von all dem, was in der DDR nicht laut gesagt werden darf und fordern die Menschenrechte ein: Das Recht auf freie Meinungsäußerung, Chancengleichheit in der Bildung, Versammlungs- und Reisefreiheit. Sie schreiben über die Umweltzerstörung durch den Braunkohleabbau und äußern sich gegen die Stationierung von Atomwaffen, einer Friedensinitiative, die sich in den 80er Jahren in beiden deutschen Ländern formiert.

Eine starke Frau, eine starke Stimme, ein engagiertes Leben

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Kate Evans: Rosa. Grahic Novel über Rosa Luxemburg, Dietz Verlag 2018 € 20.-

Gelungen erzählt diese graphic novel von der Geburtsstunde sozialistischen Denkens und Strebens im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und erzählt von Menschen, die den gesellschaftlichen Um- und Aufbruch dieser Zeit gestalteten:  Clara Zetkin, Karl Kautksy, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Eine körperlich kleine Frau, die sich kurzerhand und fest entschlossen die Weltbühne neben den Männern eroberte, mit Doktortitel, sprachversiert, kampfbereit und trotz körperlicher Beeinträchtigung und zahlreicher Gefängnisaufenthalte von sonnigem, das Leben genießenden Gemüt war. Mit vielen Originalzitaten und -textpassagen taucht der Leser in die Gedankenwelt Rosa Luxemburgs ein. Die Umsetzung dieser mitunter trockenen ökonomischen Schriften in Bildgeschichten lässt staunen. Auch wird dem Leser bewusst, wie genau Luxemburg mit ihren Zukunftsvisionen den Zustand unserer heutigen Welt trifft. Ein sorgfältiger Anhang führt zu Luxemburgs Schriften, denen die Textpassagen in dieser graphic novel entnommen wurden und zu weiteren Buchempfehlungen. Ein schöner Einstieg, der Lust auf mehr macht.

Eisprinzessin

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Tillie Walden: Pirouetten, Reprodukt,  € 29.-

Das Eisprinzessinnendasein ist hart und unromantisch. Tillie Walden spielt in Bild und Text ihrer graphic novel ein eindringliches Doppelspiel.  Autobiografisch erzählt sie von von vielen Trainingsstunden auf dem Eis, am Morgen vor Schulbeginn und am Nachmittag beim Synkronlaufen. Der Wecker klingelt um 4:00 früh. Die morgentliche Kälte des Eises erzeugt Atemwölkchen. Sie kriecht dem Betrachter der Bilder unmerklich unter die Haut und steht im Widerspruch zu dem Gefühl, welches die Eleganz dahingleitender Körper erzeugt.

Was wollen die denn mit meinen Daten?

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Michael Keller, Josh Neufeld: Big Data, Jacoby & Sturart 2017 € 15,-

Ist die schöne neue Welt noch aufzuhalten? Das könnte schon eine Frage von Gestern sein. Wenn wir Glück haben, ist es eine Frage von heute. Eine Frage von morgen ist es ganz sicher nicht. Der große Vorteil, denn man erhält, wenn man über Facebook oder Whatsapp kommuniziert oder sich mit Google orientiert ist unmittelbar spürbar. Dem entgegen steht ein Verlust, der nicht direkt spürbar ist und für den es keinen Maßstab gibt: Der Verlust der Privatheit. Schutzlosigkeit. Für das Sammeln, Verarbeiten und Weitergeben privater Daten gibt es in den meisten Staaten klare Gesetze und Regeln. In der digitalen Welt und freien Wirtschaft gibt es sie nicht. Man kommt gar nicht aus: Will man einen Dienst, eine App nutzen, muss man den AGBs zustimmen, die eine Datennutzung vorsehen. Big Data ist in vollem Gange. Aber was ist so schlimm daran? Ich habe doch nichts zu verbergen. Oder doch? Je mehr Menschen bei dieser "Selbstentschleierung" willfähig mitmachen, desto mehr entsteht der Verdacht des Verbergens bei denjenigen, die einfach nur nicht dabei sein wollen. Dieser Comic macht in aller Knappheit deutlich, wie schnell wir die Kontrolle über das eigene Abbild im Datenpool  verlieren und jetzt schon verloren haben und wie wir uns in der Gesellschaft verhalten werden, wenn unser Leben, unser Arbeitsplatz und unser Glück von den Bewertungen anderer abhängen wird. Wollen wir das wirklich?

Märchenhafter Wagemut

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Deutscher Jugendliteraturpreis im Bilderbuch, 2018

Oyvind Torseter: Der siebente Bruder oder das Herz im Marmeladenglas, Gerstenberg 2017 € 26.-

Wie fühlt man sich, wenn man als Jüngster mit seinem Vater allein gelassen wird? Das frage ich mich auch! So geht es dem Jungen, der von seinen sechs Brüdern allein gelassen wird. Sie ziehen in die Welt, versprechen dem Jüngsten aber, ihm auch eine Prinzessin mitzubringen. Als seine Brüder jedoch nicht kommen, macht er sich auf den Weg, sie zu suchen. Mit seinem Pferd erlebt er eine aufregende Reise zu dem verzauberten Schloss, wo seine Brüder von einem Troll gefangen gehalten werden. Gefahren nimmt er gechillt entgegen. Zum Glück gibt es noch eine Prinzessin, die dem Jüngsten im Schloss mit vielen Tricks hilft, sie zu befreien.

Im Sommer am See lesen

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nomiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016, Jugendbuch

Mariko Tamaki, Jilian Tamaki: Ein Sommer am See, Reprodukt 2015 € 29.-

In dem Comic-Buch "Sommer am See" geht es um zwei Freundinnen, Rose und Windy. Windy wohnt in Awago Beach, Rose, die dünnere und ältere von beiden, kommt jede Sommerferien dort hin. Rose und Windy erleben viele Abenteuer, doch das Wichtigste für die Freundinnen ist, erwachsen zu wirken. Vor allem gegenüber dem Jungen, der im Kiosk arbeitet. Rose steht heimlich auf ihn. Desewegen leihen sich die zwei Gruselfilme aus, für die sie eigentlich viel zu jung sind. Em Ende gibt es eine Familie zu retten und das Leben eines Mädchens. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil es total lebendig erzählt. Ich fand es manchmal aber auch traurig. Ein paar Stellen sind düster gezeichnet und erzählt. Sehr zu empfehlen für Kinder, die Comics gerne lesen, oder Bücher in denen viel Gemaltes ist. Am besten im Urlaub am See lesen!