Einem Familiengeheimnis auf der Spur

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Hardinge, Frances: Schattengeister, Verlag Freies Geistesleben 2020 € 22,00

In dem Buch geht es um ein Mädchen, das Geister in sich aufnehmen und dann mit ihnen reden kann. Als sie wegen einem tragischen Ereignis zu ihrer Familie väterlicherseits geschickt wird, vor der ihre Mutter weggerannt ist, erfährt sie immer mehr über ihre Gabe und stößt dabei auch auf ein riesiges Familiengeheimnis. Die Geschichte spielt in England in der Zeit, in der sich die Parlamentarier gegen den König stellten und Krieg herrschte. Die geschichtlichen Ereignisse und Hintergründe, die dabei mit in das Buch einfließen, wirken sauber recherchiert und fügen sich gut in die Handlung mit ein. Auch die etwas gehobenere Sprache lässt die Geschichte realistischer wirken und passt in die Zeit, in der das Buch spielt. Die einzelnen Charaktere wirken realistisch und waren gut ausgestaltet. Nur einige wenige Personen waren zu einseitig böse. Die Handlungen der Hauptfigur waren meistens logisch nachvollziehbar. Allerdings war die Geschichte öfter vorhersehbar, wodurch die Überraschung der Charaktere eher künstlich wirkte. Vor allem am Anfang wurden Orte und die allgemeinen äußeren Umstände nicht besonders gut beschrieben, sodass die Stimmung des Buches dem Leser nicht richtig übermittelt wurde. Die Geschichte an sich war nicht langweilig und hatte einen strukturierten Aufbau. Allerdings hätte das Ende spannender sein können, was auch wieder daran liegt, dass die Stimmung des Buches zu schwach ausgeprägt war. Insgesamt ist es ein sprachlich gutes Jugendbuch, das aber teilweise vorhersehbar und nicht spannend ist.

Das Leben im Koffer

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Chris Naylor-Ballesteros: Der Koffer, Verlag Fischer Sauerländer 2020 € 14,99

Das einzige, was der Fremde bei sich trägt, ist ein großer Koffer. Darin, so sagt er, sei sein Zuhause. Fuchs, Hase und Vogel beäugen den Fremden ungläubig. Ohne Erlaubnis werden sie seinen Koffer öffnen. Auch wenn sie sich seinen Inhalt ganz anders vorgestellt haben, der Fremde hat nicht gelogen. Das nun folgende schlechte Gewissen über ihre Tat, bringt sie auf eine prima Idee. Kurz, knackig und plakativ wird vieles fühlbar. Flucht und Fremde, Angst und Neugier, sowie die Frage wo Heimat zu finden ist. Durch seine kurzen, spannenden Dialoge eignet sich das Bilderbuch auch wunderbar als Erstlesebuch mit besonderem Gesprächspotential.

Leben in regenbogenfarbener Welt

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Peer Jongeling: "Hattest du eigentlich schon die Operation?" JaJa Verlag 2020 € 11,00

In sechs kurzen Comicgeschichten zeichnet Jongeling den Alltag von Ari, Lilly, Paul und Ray nach. Sie bezeichnen sich selbst als transgender Personen. Was damit und den vielen anderen Begriffen gemeint ist, erkärt Jongling im Vorsatz. Das Feld im Bereich Sexualiät ist groß und variantenreich. Doch das Leben für Menschen, die sich nicht in dem Geschlecht zu Hause fühlen, in dem sie geboren wurden, ist weder einfach noch selbstverständlich. Unsere Welt unterscheidet überall klar zwischen Männern und Frauen und erkennt diese an Äußerlichkeiten. Etwas dazwischen wird zuviel oder zuwenig beäugt, verdrängt, abgewiesen, oder passt nicht hinein ins Bild, wie man es sich doch wünschen würde. Das ist es, was plötzlich ins Bewusstsein tritt. Selbstverständliches wie ein Kleiderkauf in der Damenabteilung mit tiefer Stimme, oder der Besuch beim Frauenarzt braucht für transgender Personen aktive Akzeptanz der Person. Jongeling bringt uns dieses Wissen über ein Leben im Dazwischen alltäglich und unaufgeregt, einfach zur Kenntnis. Ein wichtiges Plädoyer für eine regenbogenfarbenerer Welt.

Von leisen Hoffnungen und Stimmen im Kopf

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Julia Walton, Wörter an den Wänden, Arctis Verlag 2020 €18,00

Wenn Wörter unausgesprochen bleiben, aber die Stimme auf Papier fließt , hat man diese Stimme sehr eindringlich im Ohr. Der Leser begleitet den 17Jährigen Adam ein knappes Jahr durch sein Leben mit Schizophrenie.  Aktuell nimmt er an einer Medikamentenstudie teil, die sehr hoffnungsvoll beginnt und von Ärzten und seinem Therapeuten begleitet wird. Er weigert sich allerdings, mit dem Therapeuten zu sprechen und schreibt stattdessen ein Tagebuch in Briefform. Er schreibt von seinen Hoffnungen und Ängsten, davon, dass der Therapeut ihm das Verständnis entgegen bringt, das er im Außen nie finden wird. Denn Adam traut seinen Halluzinationen und Aussetztern nicht über den Weg. Sie sind Schuld, dass er die Schule wechselt. Sie sind mit ein Grund, warum er in der neuen Schule seine Krankheit verschweigt, Als er sich zu Maya, die gern aneckt und feine Antrennen hat, hingezogen fühlt, wird er anfangs den starken Part einnehmen. Er wird Maya aufbauen, wenn sie zweifelt, und ihr schöne erste Male bescheren. Nur von seiner Schizophrenie erzählt er nichts. Und das wird am Ende zu seinem größten Problem, an dem er und die zarte Beziehung beinahe zerbricht. Die Autorin erzählt auf ihre besondere Weise von einem Leben am Rand der Gesellschaft und gleichzeitig schreibt sie ein einfühlsames Buch über das Erwachsen werden.

Kindheit im Internierungslager

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George Takei: They called us Enemy, Cross Cult 2020 € 25,00

In der Graphic Novel geht es um den StarTrek- Schauspieler George Takei, der seine Kindheit in einem amerikanischen Internierungslager beschreibt. Dorthin wurden alle Japaner, die in Amerika lebten, verfrachtet, nachdem japanische Soldaten Pearl Harbor angriffen. Da er noch ein Kind war und die Situation noch nicht richtig verstehen konnte, war dies für George aber keine durchwegs schlechte Erfahrung. Während seine Eltern sich viele Sorgen machten, nahm er das ganze als weitestgehend selbstverständlich wahr. In dem Buch gibt es mehrer Zeitsprünge von der Gegenwart in seine Kindheit und in seine Jugend. Diese sind aber immer sehr verständlich und passend. Die Graphic Novel erzählt von einem sehr wichtigen Thema, das viel zu selten angesprochen wird und nimmt dabei auch Bezug auf die Gegenwart, indem es zeigt, wie wichtig Demokratie ist und was passieren kann, wenn diese untergraben wird. Juliana, 15 Jahre

Einfacher geht’s nicht: Wie können wir der Erde helfen?

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Patrick George: Rettet die Erde! Moritz Verlag 2020 € 12,95

Einfacher geht's nicht. Wie können wir der Erde helfen? Diese Frage beschäftigt mittlerweile auch die Allerjüngsten Zwei Bilder, eine Folie dazwischen. Blättert man diese um, wandert das Auto in die Garage, der Müll aus dem Meer in den Abfalleimer, aus Wurst wird Gurke, ein alter Autoreifen wird zur Schaukel. Und sogar das Smartphone verwandelt sich zum Fussballfeld. Spielt öfter draußen, lautet hier die Devise. Auch die dunklen Fabrikschlote im Vorsatz werden zum nächtlichen Wald im Nachsatz, Und was leuchtet dort durch die Äste? Dieses Buch regt allererste Gespräche über uns und unsere Umwelt an. Ab 3

Atemraubende Reise durch Raum und Zeit

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Rainer Wekwerth: Beastmode 01. Es beginnt, Thienemann Verlag 2020 €17,00

„Beastmode: Es beginnt“ ist der erste Teil einer Action-Thriller Reihe mit Fantasy und Sci-Fi Elementen. Es greift erfolgreich das Klischee einer Gruppe von Menschen mit besonderen Fähigkeiten auf und macht daraus eine interessante und spannende Geschichte. Die Charaktere könnten nicht unterschiedlicher sein, was dazu führt, dass sie sich nicht gerade gut verstehen. Dass das nicht sehr hilfreich ist wenn man die Welt retten muss, ist natürlich klar. Damon, ein gut aussehender, zweihundert Jahre alter Dämon, eine fünftausend Jahre alte Göttin namens Amanda, Wilbur, ein komplett tätowierter Junge der für fünf Sekunden lang die Zeit anhalten kann, Jenny, ein Cyborg Mädchen, das ihre Erinnerungen verloren hat und Malcolm, ein Nerd der jede tödliche Katastrophe überleben kann, müssen herausfinden wie sie das Energiefeld, das langsam die Erde einnimmt abschalten können, was zu einer atemberaubenden Reise durch Raum und Zeit führt.

Sprachlich besondere Fantastik

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Katharina Hartwell: Die Silbermeer-Saga 01. Der König der Krähen, Loewe Verlag 2020 € 19,95

In dem Buch geht es um das Mädchen Edda, das in einem Fischerdorf lebt, wo jedes Jahr ein Kind verschwindet. Als ihr Bruder weg ist, beschließt sie, sich auf die Suche nach ihm und den anderen verschwundenen Kindern zu machen. Die Orte, an die sie dabei gelangt, sind sehr gut ausgestaltet und werden dem Leser gut rübergebracht. Auch die Welt und die vielen verschiedenen Kreaturen, die darin leben, waren sehr anschaulich und lebendig. Die Charaktere sind vielschichtig und man weiß oft nicht, was man von ihnen halten soll, ob sie Edda schaden oder helfen wollen. Allerdings zieht sich die Geschichte vor allem am Anfang stark in die Länge und auch später ist es nicht sonderlich spannend. Das liegt auch an der altertümlichen und ausschweifenden Sprache, die am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig ist. Doch sie trägt dazu bei, dass die Welt und die Stimmung gut im Kopf entstehen, was auch an den neu erfundenen Wörtern liegt, die in der Geschichte vorkommen. Man versteht aber schnell, was die neuen Worte und Ausdrücke bedeuten sollen. Insgesamt ist es ein sehr anschauliches Buch, dass aber teilweise sehr langatmig ist.

Die Seele baumeln lassen

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Tobias Goldfarb: Niemandsstadt, Thienemann Verlag 2020 € 15,00

Es geht um ein Mädchen, das seit einiger Zeit in ein Paralleluniversum zu unserer Welt wechseln kann, wenn es träumt. Diese Welt sieht genauso aus wie unsere, allerdings leben dort Drachen, Kobolde und viel andere Sagengestalten. Das Buch dreht sich hauptsächlich um die Idee, dass man weniger Zeit an den technischen Geräten verbringen und mehr die Seele baumeln lassen sollte. Dabei vermischt der Autor auf eine sehr gute Weise Fantasy-Elemente wie Drachen mit neuen technologischen Errungenschaften und Maschinen. Die Geschichte ist spannend und das Ende war sehr unerwartet. Die Personen sind vielschichtig, aber gelegentlich etwas klischeehaft. Außerdem waren manche Handlungen nicht ganz nachvollziehbar. Die Sprache ist einfach gehalten, aber der Autor nutzt viele Metaphern, die gut in die Geschichte passen.

Vom Glück des Bewahrens

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Thomas Harding, Britta Teckentrup: Sommerhaus am See, Jacoby & Stuart 2020 € 15,00

Auf dem Cover wetteifert das schlichte Holzhaus in seiner Schönheit mit der frühsommerlichen Farbenpracht der Natur. Die mosaikverspielte Tür- und Fensterfront strahlt in der Sonne. Seine Terrasse öffnet sich einladend zum Wasser. Hier, im Grünen, möchte man wohnen. Doch die Bewohner des Hauses, eine Familie mit vier Kindern, hetzen schattengleich, gebeugt und bepackt durch das hohe Gras aus dem Bild. Die Geschichte dieses Hauses beruht auf wahren Begebenheiten.

Kinder der 90er Jahre

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Joris Bas Backer: Küsse für Jet. Eine Coming of Gender Geschichte, Jaja Verlag 2020 € 20.-

1999: Jet ist 16 und gerade ins Internat umgezogen worden. Auf Distanz und mit dem Fernglas, beobachtet sie ihre Welt. Um sie herum wallen die Hormone. Mit knappem, unruhigem und gleichzeitig kindlich weichem Strich, monochrom begleitet, zeichnet Backer Jet in ihrer Welt.  Wo wird sie ihren Platz finden?  Ihre beste Freundin Sasha experimentiert mit Haarfarbe, kämpft gegen den Juckreiz ihrer Haut und gerät in eine Phase des Ritzens. Der neue im Internat, ein zurückhaltender Junge, leidet an Migräne. Überall werden Begehrlichkeiten geweckt, hier und dort Küsse getauscht. Sie sind noch nichts Wahres. Enttäuschungen lauern an jeder Ecke. Nichts und niemand ist perfekt. Unsicherheit, Ratlosigkeit, mitunter Verzweiflung bestimmen Jets Tage. Sie verfolgt die Jungs mit ihren Blicken, fühlt sich fremd mit sich selbst, klaut Accessoires für einen Rollentausch, igelt sich ein, träumt im Geheimen. Aktionistisch, nicht gerade sensibel und doch aufmerksam, reißt Sasha sie aus ihrer Lethargie. Sie schafft für Jet einen Kontakt mit einer Anlaufstelle für Transsexuelle. Die Idee haben die beiden aus dem Fernsehen. Backer bevorzugt eine knappe, ausschnitthafte Erzählweise und verwirrt gern den Kopf seiner LeserInnen. So kommt man Jet nahe. Mal inszeniert er mit Wortfetzen, mal mit Texten die überbordend oder gar übergriffig erscheinen. Unwohlsein breitet sich aus. Szenen fließen in schnellem Takt ineinander. Momentaufnahmen aus der Außenwelt provozieren Richtungen, doch Jets Gefühle nehmen immer wieder ihren eigenen Lauf. Kurs auf nirgendwo. Doch dann steuert Backer auf das Millenium zu, dem prophezeihten Weltuntergang. Dieses Silvester verbringen Sasha, Jet und Ken in einem leerstehenden Bungalow am Strand. Am Morgen des neuen Jahres steht die Welt noch genau so wie am Abend zuvor. Zeit eine neue Zukunft ins Auge zu fassen. Für Jet hat sie schon begonnen. Backer fokussiert in seiner Geschichte die innere Auseinandersetzung. Zeit und Raum bilden für ihn nur Haltepunkte an den Rändern und geraten etwas plakativ. Das macht die Geschichte insgesamt ein wenig zweidimensional. Sie eignet sich aber gut für einen ersten Kontakt mit dem Transgender-Thema. Heute, 20 Jahre nach Jets Coming-of-Gender, ist ihre Geschichte ein weiterer Baustein für das Wissen um queere Lebensläufe. Möge sie aus Neugier zu Rate gezogen werden und Akzeptanz fördern.

Politik auf Youtube

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Manfred Theisen: Undercover. Die Trollfabrik, Loewe 2020 € 14,95

Es geht um drei Jugendliche, die einen YouTube Kanal betreiben, auf dem sie hauptsächlich zu politischen Themen Stellung nehmen und generell darüber informieren. Der Protagonist ist macht zusätzlich ein Praktikum bei der Zeitung seines Vaters. Durch einen Informanten kommen sie an wichtige Informationen, die die russische Regierung in schlechtem Licht erscheinen lassen würden. Deswegen versucht diese zu verhindern, dass die YouTuber die Informationen veröffentlichen können. Dabei kommen sogenannte Trollfabriken ins Spiel, die im Internet gezielt versuchen, die öffentliche Meinung zugunsten der russischen Regierung zu beeinflussen. Der Autor geht dabei auf viele wichtige politische Themen ein, die man so selten in den Nachrichten hört. Allerdings versucht er dabei keine Politikernamen zu nennen, wodurch es schwerer wird zu erkennen, welcher der Personen wirklich angelehnt sind an echte Politiker und welche erfunden wurden. Trotzdem versteht man die politische Lage, die der Autor beschreibt, gut. Die Handlung war dagegen an manchen Stellen unlogisch und nicht nachvollziehbar. Da auch aus Sicht der leider einseitig  Bösen geschrieben wurde, die die weiteren Schritte gegen die YouTuber planten, war die Geschichte vorhersehbar. Auch das Ende war nicht besonders spannend, sondern zog sich hauptsächlich in die Länge.

Geocoaching durch Deutschland

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Thomas Thiemeyer: World Runner 01. Die Jäger, Arena Verlag € 19.-

Es geht um einen Jungen, der an einem Wettbewerb einer halblegalen Geocaching Plattform teilnimmt und dabei durch ganz Deutschland reist und Rätsel löst. Dabei werden einige schöne Orte Deutschlands mit einbezogen und zusätzlich durch Zeichnungen, die mit in dem Buch enthalten sind, ergänzt. Die Idee mit dem Spiel war gut durchdacht und wurde anschaulich beschrieben. Es wirkte sehr realistisch. Allerdings waren die Handlungen der Personen teilweise nicht nachvollziehbar. Auch blieben die Charaktere etwas blass und klischeehaft, dadurch auch einseitig gut und böse. Es gab aber Andeutungen, dass sich dies im zweiten Teil noch ändern könnte. Die Geschichte blieb weitgehend spannend, dafür dass er im Prinzip sieben mal dasselbe machen musste, nämlich ein neues Rätsel lösen. Am Ende gab es ein etwas unrealistisches und übertriebenes Ergebnis des Wettbewerbs, allerdings war das Ende an sich gut. Insgesamt war es ein schönes Jugendbuch, dessen Charaktere aber besser ausgestaltet hätten sein können.

Zuhause gesucht

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Alex Wheatle: Home Girl, Kunstmann 2020 € 18,00

Ich glaub, mich laust der Affe! In Naomis 14-jährigem Leben ist schon so viel unglaubliches passiert, dass dieser Affe in unzähligen Varationen beständig vor ihrem inneren Auge auftaucht und ihr ständiger Begleiter ist. Dieses Buch reißt seine LeserInnen in einen Strom von Ereignissen. Zwischen Lachen und Weinen schließt man Naomi fest ins Herz. Ihr Leben ist bisher nicht gerade von Sonne beschienen. Die Eltern haben nicht für sie sorgen können, so strandet sie im Heim mit einer beherzten Sozialarbeiterin an ihrer Seite, die sich große Mühe gibt, Naomi in eine Pfegefamile zu vermitteln. Mit 14 ist das recht aussichtslos, vor allem, weil auch Naomi sich sträubt und  allem den Kampf ansagt. IhreTräume, Forderungen und Ängste lassen einiges schief gehen. Die Ratschläge ihrer Freundinnen befeuern die Negativspirale. Das Gute und Schöne im Leben gerät immer nur punktuell in Naomis Blickfeld. Für kurze Zeit bringt die Sozialarbeiterin sie in einer farbigen Familie mit zwei weiteren, kleinen Pflegekindern unter. Dieser Aufenthalt soll nur für kurze Zeit sein, schon weil eine ungeschriebene Regel sagt, dass zu allem hier noch Rassismus ein Problem werden könnte. Diese Menschen aber werden für sie zum wichtigen Anker in ihrem Leben. Wheatle, selbst ein Heimkind und jamaikanischer Abstammung, kennt sein Thema bis in alle Details und zeichnet eine sorgsam austarierte, differenzierte Gefühls- und Aktionswelt. Naomis Zungenschlag hat jugendliches Feuer und Authentizität. Die Übersetzung ist hervorragend gelungen. Ein Buch zum Eintauchen und Mitfiebern, zum Kennenlernen, ganz ohne Mitleid zu erwecken. Lesenswert!

Mehr Mitgefühl

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alan Gratz: Vor uns das Meer, Hanser Verlag 2020 € 17.-

1939: Josef ist in Deutschland in eine jüdische Familie hinein geboren, die versucht, nach Kuba zu emmigrieren. Die kubanische Regierung lässt die Menschen nicht an Land. Nach langer Irrfahrt landet das Schiff wieder in Europa. Nur seine kleine Schwester Ruth wird überleben. Ihr werden wir später noch einmal wieder begegnen. 1994: Isabel lebt auf Kuba und flüchtet mit ihrer Familie in einem selbstgebastelten Boot, das der Fahrt kaum standhält, vor dem Castro Regime nach Florida. Ihre Mutter, hochschwanger, wird am Strand ihren Bruder zur Welt bringen. Er hat es als erster geschafft ein Amerikaner zu sein. Der Familie wird die Einbürgerung in die USA gelingen. 2005: Mamouds Haus in Aleppo wird von einer Bombe getroffen. Die Familie versucht ihr Leben zu retten. Sie begibt sich auf die Flucht mit ungewissem Ziel. Vielleicht können Sie es nach Deutschland schaffen? Alan Gratz zeigt: egal woher und wohin oder zu welcher Zeit, die Umstände, Verluste und Hoffnungen Geflüchteter bleiben immer die Gleichen. Seine Heimat verlässt man nur in äußerster Not. Auf der Flucht verliert man alles. Auch geliebte Menschen. Ruth wird Mamoud in Deutschland empfangen und ihm bei seinem Neuanfang helfen. Sie hat die Flucht selbst erlebt. Alan Gratz möchte mit seinem Buch die Leser ergreifen und begreiflich machen. In cineastischer Dramatik schneidet er die drei Schicksale, welche mit historischer Vorlage  romanhaft erzählt werden, gegeneinander. Alan Gratz trägt das Mitgefühl in die Herzen seiner Leser.

Zurück aus der Zukunft

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Thomas Harding, Florian Toperngpong: Future History 2050, Jacoby & Stuart 2020 € 18.-

Das Buch war sehr gut. Darin erzählt eine Großmutter ihrer Enkeltochter 2050, was in den Jahren von 2020 bis 2050 passiert. Dabei spielt der Klimawandel natürlich eine große Rolle, aber es wurden auch andere zukünftig mögliche Änderungen angesprochen, die ich so überhaupt nicht im Kopf hatte, zum Beispiel dass Gefängnisse fast vollständig geschlossen werden. Zusätzlich zählt der Autor nicht nur die Folgen des Klimawandels auf, wie das Schmelzen der Gletscher und der Anstieg des Meeresspiegels, sondern konzentriert sich hauptsächlich darauf, was danach passiert, wenn große Hafenstädte schon überschwemmt sind und die Durchschnittstemperatur auf der Erde schon zu weit angestiegen ist, wenn die Klimakatastrophe schon ein Stück weit Normalität geworden ist. Auch gut war, dass der Autor gezeigt hat, dass die Menschen so Angst hatten vor dem Klimawandel, dass sie andere Einschränkungen der Freiheit gerne in Kauf nahmen. Anschaulich unterstützt wurden die Erzählungen der Großmutter durch Dokumente und Fotos. Insgesamt war es ein sehr interessantes Buch, dass gut überlegt war. Juliana, 14 Jahre

Überleben in der Wildnis

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M.A. Bennett: Sieben, Arena Verlag 2020 € 16,00

Lincoln, der sich selbst als Nerd beschreibt, wird drei Jahre auf seiner Schule gemobbt, bis er mit ein paar seiner Mitschüler auf einer einsamen Insel landet und dort der Einzige ist, der sich mit dem Überleben in der Wildnis auskennt. Dabei geht es in der Geschichte nicht hauptsächlich darum zu überleben, da sie sehr schnell Feuer haben und es genug Fische und Ziegen auf der Insel gibt, sondern um die Machtverschiebung zwischen den Personen, die sehr gut dargestellt wird. Ohne Lincoln würden die anderen nicht überleben und diese Macht über seine Mobber steigt ihm schnell zu Kopf. Die Charaktere sind anfänglich übertrieben klischeehaft, aber mit der Zeit erfährt man mehr über die Personen und die Klischees werden aufgebrochen. Auch die Zeit in der Schule ist etwas überspitzt dargestellt, die Rangordnung ist mit Nummern festgelegt, Lincoln, der natürlich die letzte Nummer hat, muss diverse Botengänge, Einkäufe und ähnliches für alle anderen Schüler machen. Sobald sie auf der Insel sind, beginnt Lincoln sich wie ein König zu fühlen und sich dementsprechend asozial den Anderen gegenüber zu verhalten. Das war zwischenzeitlich ebenfalls etwas übertrieben, aber auch nachvollziehbar. Sprachlich ist es angenehm zu lesen und es wird viel Bezug auf Literatur und Musik genommen. Insgesamt ist es ein weitgehend realistischer Roman, der an manchen Stellen aber etwas übertrieben ist. Juliana, 14 Jahre

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Alternativlos

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Victor Jestn: Hitze, Verlag Kein und Aber 2020 € 20,00

Die Landes im Sommer: Pinienwälder am Atlantik und brütende Hitze beherrschen den Campingplatz. Der 17-jährige Léonard ist mit seiner Familie im Zelturlaub. Und während alle anderen Jugendlichen die Tage am Strand, am Pool und mit Feiern bis in die tiefe Nacht und Sex verbringen, langweilt er sich. Bis er bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge auf Oscar trifft. Oscar, der sich an der Schaukel erdrosselt. In seinem realitätsfernen Zustand tut Léonard … nichts. Erst hinterher vergräbt er Oscars Leiche in den Dünen, ohne zu wissen wieso. Der dünne Band von Victor Jestin fesselt von der ersten Seite an. Léonards Verhalten erscheint zugleich unlogisch und vollkommen alternativlos je länger die Situation anhält. Die Atmosphäre des Campingplatzes mit Animationsprogramm erwacht durch die sprachliche Darstellung zum Leben, und die Charaktere scheinen alle in ihrer eigenen Sommerpausenblase zu schweben. „Hitze“ entführt in einen nicht so entspannenden Sommerurlaub in eine der wunderschönen Regionen Frankreichs.

Wissenschaftsthriller: Das Eigenleben künstlicher Intelligenzen

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Andreas Brandhorst: Das Erwachen, Piper Tb € 9,99

Axel Krohn ist verabredet. Mit wem weiß er nicht genau. Er will sich mit einem gewissen Rosebud, mit dem er sich übers Darknet verabredet hat, zu einem Handel treffen. Es geht um eine Millionen Euro. Axel will dem Fremden Zugangscodes für den Server der EZB verkaufen. Axel ist ein professioneller Hacker, er vertreibt Kreditkartendaten und weiteres. Als er zum Treffpunkt kommt, findet er nur zwei Leichen. Als er diese durchsucht findet er einen kleinen Stick, zuhause mit dem Computer verbunden stellt sich heraus, dass auf dem Stick ein geheimes Cyberwar Programm der NSA ist. Als er dieses Programm kopiert, gelang ein kleiner Teil ins Netz. Obwohl der sog. Infiltrator winzig klein ist, schafft er es die Welt im Chaos zu stürzen. Aber, das der Infiltrator nur der Anfang von etwas ganz großem ist, ahnt zu dem Zeitpunkt noch niemand.

Gut gemeint

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Andreas Götz: Wir sind die Wahrheit, Dressler Verlag 2020 € 17,00

An diesem Buch ist vieles unglücklich. Der Schmerz über das Koma, in dem Leahs Zwillingsbruder seit einer Schlägerei liegt, wird sie intensiv in seinem Leben recherchieren und ungeahntes entdecken lassen. Nichts wird dabei so sein, wie sie anfangs dachte. Nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Das ist nicht neu. Unbemerkt hat sich ihr Bruder rechten Kreisen angeschlossen. Das Videotagbuch und vieles andere, das Leah von unbekannten Absendern auf ihr Handy gespielt wird, setzt die Originalzusammenhänge außer Kraft und wird zu falschen Schlüssen führen. Leah wird sich in seine Kreise begeben müssen, um Klarheit zu bekommen. Beide werden dreist und unbemerkt für eine Kampagne missbraucht. All das zu entwirren und vor Augen zu führen braucht der Autor ein gesamtes Buch, in dem vor allem die Lebenseinstellungen und Ansichten rechter und rechtsextremer Kreise weiten Raum einnehmen. Die Untersuchung des Wahrheitsbegriffes bleibt oberflächlich und wenig tiefschürfend. Am Ende bleibt das Gefühl, diese Geschichte ist gut gemeint, aber nicht gut ausgeführt. Es gibt interessanteres zu diesem Thema. Ein Tipp: Sommer unter schwarzen Flügeln.

Heimat im eigenen Körper finden

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Sophie Reyer: Zwei Königskinder, Czernin Verlag 2020 € 20.-

Heimat in eigenem Körper finden: Als die Augen der 13- jährigen Käthe, ihre scheuen Sehnsüchte und Wünsche, immer enger um Johanna zu kreisen beginnen, bleibt sie auf sich selbst gestellt. Reyer inszeniert Käthes Höllen- und Höhlenfahrt mit voller Wucht, seelisch schmerzvoll und verzaubernd zart. Die alte Frage, worum es im Leben geht, scheint in diesem sprachlich brillierenden Text wie neu.

High Fantasy vom Feinsten

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Maas:  Das Reich der Sieben Höfe 01. Dornen und Rosen, Dtv Verlag 2017 €19,95

Das Buch entführt in ein Land voller Magie, aber auch unvorstellbarer Grausamkeiten. Die junge Fyre gelangt gegen ihren Willen in das land der Fae, jener mächtigen Wesen, die hinter den Mauern Prythians leben. Entführt von dem High Lord des Frühlingshofes Tamlin, weil sie einen der Ihren in Wolfsgstalt getötet hat. Sie wird die Welt der Menschen und ihre Familie vergessen müssen. Und sie wird der Magie erliegen, die in dem Land herrscht, ebenso wie dem merkwürdigen Werben des High Lord, der sich jedoch jederzeit in ein Monster verwandeln kann. Doch dann erfährt Fyre von der High Queen, die alle Fae unterjocht und ihnen die Magie nach und nach stiehlt. Als Tamlin von der High Queen gefangen genommen wird, setzt Fyre alles daran, ihn und das ganze Land von der brutalen Herrschaft der High Queen zu befreien. Kein leichtes Unterfangen als schwacher Mensch angesichts der Aufgaben, die ihr bevorstehen. Ein nicht enden wollendes Abenteuer voller Kampf, List und Liebe. Die Welt, in die die Autorin den Leser entführt, ist bis ins kleinste Detail durchdacht, steckt voller Fantasie, aber auch archaischer Härte. Schon mit ihrer ersten Serie Throne of Glass konnte mich Sarah Maas auf der ganzen Länge überzeugen.

Heimatverlust und Heimatsuche – ein grandioses Buch!

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Susann Kreller: Elektrische Fische, Carlsen Verlag 2019 € 15,00

Eine Schwester, die nicht mehr redet, ein Bruder, der abends betrunken nach Hause kommt und eine Mutter, die endlich wieder in ihrer Heimat ist. So hat sich Emma den Umzug von Irland nach Deutschland nicht vorgestellt, aber eins ist sicher: sie muss hier weg! Da kommt es ihr gerade recht, dass der Junge, aus ihrer neuen Klasse, ihr helfen will. Eine Geschichte über geplatzte Träume, Heimweh und eine Fisch verrückte Mutter, die jeden zum nachdenken bringt. Ada, 14 Jahre

Widerstand gegen lückenlose Überwachung

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Yves Grevet: Vront, Mixtvision Verlag 2020 € 19,00

Inhalt: Der Thriller besteht aus drei Teilen, in denen die Geschichte aus verschiedenen Sichtweisen erzählt wird. Stan und Scott leben in der Zukunft, in der jeder lückenlos mit Hilfe eines Implantates der Firma Logotech überwacht wird. STan findet das gut, denn so ist man sicher. Scott sieht das nicht so. Zusammen mit Gelichgesinnten gründet er  die Vront, eine Widerstandsgruppe, die mit Graffitis versucht, die Leute umzustimmen. Bei einer Demonstation wird er jedoch verhaftet. An dieser Stelle, am Tag der Gerichtsverhandlung, steigt der Leser in die Geschichte ein. Zuerst wird aus der Sicht von Stan erzählt: Am Tag nach der Gerichtsverhandlung fängt er an auf den Spuren von Scott zu wandeln. Das heißt, er spioniert der Vront nach.

Bandenleben

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Cornelia Travnicek: Feenstaub, Picus Verlag 2020 € 22.-

Im Buch „Feenstaub“ von Cornelia Travnicek geht es um den Waisen Petru, der zusammen mit zwei weiteren Jugendlichen Taschendiebstähle begeht. Im Laufe der Geschichte lernt er Marja und ihre Familie kennen. Obwohl er ihnen nichts über sein „anderes Leben“ erzählt, beweisen sie ihm, dass er Geborgenheit und Vertrauen verdient. Er gerät ins Grübeln: Wo ist sein Platz?

Fast wie Fliegen, nur schöner

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Elmar Dorigatti: Die Welt der Seilbahnen, Folio Verlag 2020 € 20.-

Moderne Seilbahstationen glänzen heute, futuristischen Käfern gleich, auf Gipfelnähe in der Sonne. Verglaste Gondeln schweben federleicht hinauf. Mühelos fassen sie 50 Personen. Kein Berg scheint zu hoch und zu steil, kein Abgrund zu tief. Seilbahnen sind ein Wunderwerk der Ingenieurskunst. Das wird bei der Betrachtung dieses spektakulär bebilderten Bandes gleich klar. Seilbahntypen sind mannigfaltig und auf der ganzen Welt zu finden. Sie reichen im Alpenraum von kleinen Tellerliften am Skihang über die Zahnradbahn zur Zugspitze bis hin zu bequemen Gondeln, die in luftiger Höhe eine aussichtsreiche Reise auf den Berggipfel versprechen. Bei mancher Fahrt braucht es dabei Nerven wie Stahlseile.

Auf der Suche nach Leben

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Felicitas Korn: Drei Leben lang, Kampa Verlag 2020 € 22.-

Michi erlebt einen plötzlichen Stillstand, als seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, während seine Schwester Xandra und er überleben. Im Übergangsheim sucht er verzweifelt nach einer Lösung, bei der die beiden zusammenbleiben können. Während seiner unerlaubten „Ausbrüche“ aus dem Heim schmiedet er einen Plan. Parallel verlaufen auch die Geschichten von Loosi – einem Alkoholiker, der sein Leben für verloren hält, bis er Sanni trifft – und King – dem Handlanger eines Drogenbarons, der den Konflikt mit diesem sucht.

Verschiedene Seiten der Wahrheit

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Erin Jade Lange: Firewall, Magellan Verlag 2020 € 16,00

Vor einem Jahr hat sich ein Junge in Elis Schule angezündet, weil er gemobbt wurde. Seitdem gibt es an der Schule strenge Regeln, was auch die fast vollständige Überwachung der Social Media Kanäle der Schüler mit einschließt. Um einen Hackerwettbewerb zu gewinnen, erstellt Eli mit zwei weiteren Jungen eine Website, die von den Regeln ausgeschlossen ist und wo niemand überwacht wird. Darin sollen alle Mobber von dem Jungen, der sich angezündet hatte, durch peinliche Videos und ähnliches gerächt werden. Anfangs zieht sich die Geschichte und auch wenn sie nicht direkt langweilig ist, glichen sich manche Gespräche fast vollständig in ihrem Inhalt. Dafür ist das Ende sehr überraschend und gut geschrieben. Die Personen wirken am Anfang noch sehr klischeehaft, aber mit der Zeit ändert sich das. Das Buch ist in Jugendsprache geschrieben und wird aus der Sicht von Eli erzählt. Juliana, 14 Jahre

So würde Kästner heute schreiben

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Onjali Q. Raúf: Der Junge aus der letzten Reihe, Atrium Verlag 2020 € 15,00

Tom, Josie, Michael und die Ich-Erzählerin sind beste Freunde, so wie es beste Freunde in einer dritte Klassen geben kann: völlig verschieden, aktionsfreudig, neugierig und aufgeschlossen. In ihre Klasse geht auch Brendan. Brendan der Quälgeist, so wie jede Klasse einen Stänkerer hat. Manche Lehrer nennen ihn bloß den Bengel. Die Eltern und Kinder sagen Mobber zu ihm.  Und seit neustem sitzt ein neuer Junge in der letzten Reihe: Ahmet. Ahmet ist still, vielleicht ist er taub? Achmed ist verschüchtert und verbringt die Pausen nicht auf dem Pausenhof.  Vielleicht ist er gefährlich? Oder ansteckend? Schnell kursieren ein Menge Gerüchte über Ahmet unter den Kindern. Nicht zuletzt aufgefüllt mit dem, was sie bei ihren Eltern über Ahmet gehört haben. Achmed ist ein Flüchtlingskind. Ohne Eltern ist er in London gestrandet. In seinem Land werfen Mobber Bomben. Er wird Monate brauchen, sich verständlich zu machen, aufzutauen und ein wenig von sich zu erzählen. Da sind die Erzählerin und ihre Clique schon viele Schritte weiter. Mit Süßigkeiten, Obst und sogar einem Granatapfel versuchen sie Ahmet zu integrieren. Als sie von den Erwachsenen aufschnappen, dass England seine Grenzen für Flüchtlinge schließen wird und Ahmets Eltern noch immer nicht gefunden und nach England gebracht werden konnten, reift in den Kindern ein verwegener Hilfe suchender Plan.

Unterwegs ins Jenseits – ganz großes Kino

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Claire McFall: Ferryman. Der Seelenfahrer, Arctis Verlag 2020 € 19.-

Der Welt des Niemandslandes kann man sich kaum entziehen. Das Lesen kommt einem Sog gleich, durch den man ins Niemandsland hineingezogen wird und nur schwer wieder auftauchen möchte. Genauso ergeht es Dylan, der Protagonistin, die dort nach einem Zugunglück landet und von Tristan, ihrem Ferryman und Führer durch das Niemandsland, erwartet wird. Was macht den Menschen aus? Was ist die Seele? Was kommt nach dem Tod? Dylan hat unzählige Fragen. Während ihr Körper eingeklemmt zwischen Zugteilen zurückbleibt, findet ihre Seele den Weg in dieses Land des Übergangs von Leben und Tod. Sie wird akzeptieren, was ist, und sich der Führung Tristans überlassen, aber am Ende doch dagegen revoltieren, den letzten Schritt zu gehen. Grund dafür ist ihr Ferryman, zu dem sie sich hingezogen fühlt, als wäre er das Leben selbst, an das sie sich klammert. Die düstere und gefährliche Landschaft des Niemandslandes wird Dylans Seele ein zweites Mal durchwandern, zurück zum Tunnel, in dem der Zug verunglückte, und damit auch zurück in ihr Leben. Und sie kämpft nicht nur um ihr Leben, sondern auch darum, Tristan nicht zu verlieren.  Ein absolut empfehlenswertes Debüt, das mit Romantik, Witz und einem ungewöhnlichen Stoff über das Jenseits daherkommt und zugleich eine große Liebesgeschichte erzählt. Marion Hübinger

Nach einem Zugunglück gelangt Dylans Seele in ein Übergangsland, in dem sie Tristan kennenlernt, ihren persönlichen Begleiter auf dem Weg nach ... ja wohin eigentlich? Um den Ort im "Danach" geht es in diesem Buch eigentlich nicht. Dylan reist im Bereich des Nahtodes. Das Land, ebenso wie der junge Seelenfahrer, der am Eisenbahntunnelausgang  auf sie wartet, wird von Dylans Geist entworfen. Ihre Kraft, Beherztheit, Neugier und Zielsterbigkeit gestaltet diese Zwischwelt und ihre Gefahren. Mcfall bleibt in allem sehr sparsam. Braucht es noch Schlaf? Das Wasser erfrischt, rinnt Dylan aber durch die Handflächen, wenn sie es mit Tristan teilen möchte. Beim Verheilen der Wunden kann man zusschauen. Seelen leben, können Dingen bewegen, spüren Schmerz und können lieben. Es wird nur das Nötigste erzählt. Mit letzter Kraft  in der Ewigkeit angekommen macht Dylan auch schon wieder kehrt, denn sie will zu Tristan und Kraft ihrer Liebe schafft ihre Seele es auch wieder zurück. Zurück zu ihm, zurück den ganzen Weg, zurück in den Zug und in ihren Körper, in dem sie am Ende schwerverletzt wieder erwacht. "Ferryman taucht in zwei große Unbekannte ein - die Liebe und den Tod.", sagt die Autorin, wenn sie ihr Buch in einem Satz zusammenfasst. Das ist es. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ein typisches Romanceszenario. Katrin Rüger