Unser Leben ein Spiel?

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Alessandro Baricco: The Game. eine Reise durch die digitale Welt, Midas Verlag 2020 € 18,00

Spielerisch führt Baricco vom ersten Computer in die heutige "Ultra Welt". Er inszeniertdie bisherige Geschichte unserer Digitalisierung als Reise in drei Etappen, die von einer Erfindungsinsel zur nächsten führt. Als "Reiseleiter" leitet und lenkt er, setzt Gegebenes ins Bild ohne Reisezeit für Fragen zu verschwenden. Wir streifen Hardware und Software, Videospiele, das World Wide Web, das Suchen und Finden, Kaufen und Verkaufen. In der zweiten Etappe geht es über das Smartphone und das Einbringen der eigenen Identität zu Apps und Messangerdiensten.  Ein Klick und everything goes. Konsum  und Kommunitkaton total.

Kampf für Toleranz

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Lutz van Dijk: Kampala - Hamburg, Quer Verlag 2020 € 12,00

Hamburg. David befindet sich mitten in der Abiturvorbereitung und die Probleme häufen sich. Er wohnt bei seiner alleinerziehenden Schwester Michelle und ihrem Sohn und arbeitet neben seiner Schulzeit auch noch in einem Lebensmittelladen. Gemeinsam mit Freunden aus der LGBTQ* Community beginnt er, sich für die Situation anderer homosexueller Personen z. B. in Afrika zu interessieren. Kampala. David lebt gemeinsam mit seiner Mutter in der Hauptstadt Ugandas. Schon mit 14 wusste er, dass er nicht wie die meisten anderen Jungs auf Frauen steht. Deshalb trifft er sich regelmäßig mit anderen Mitgliedern der Community, die seine Freunde geworden sind. Doch Homosexuelle leben in Uganda gefährlich, bereits mehrere seiner Freunde wurden angegriffen. Davids Mutter drängt ihn zur Flucht, doch auch eine Reise quer durch Afrika ist alles andere als ungefährlich. Lutz van Dijk, der einen Großteil des Jahres selbst in Kapstadt (Südafrika) lebt, nimmt den Leser in diesem Buch mit nach Hamburg und Kampala, zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Städte. Die eindrucksvolle Sprache schafft es, dass man den Nieselregen in Hamburg förmlich spüren und den Lärm von Kampala hören kann. Auch die Verknüpfung der beiden Erzählstränge erfolgt auf ungewöhnliche Art und Weise ab. Sie sind nicht zeitlich voneinander getrennt, sondern örtlich. Dabei erlebt man zwei parallele Geschichten, ohne dass Gefühle der einen oder der anderen Handlung verloren gehen. Viele Details von Kampala-Hamburg beruhen auf wahren Geschichten oder Fakten, deren Hintergründe im Anhang gesammelt sind. Sie können beinahe genauso sehr zum Weinen bringen, wie die die Geschichte selbst: aus Trauer oder Rührung. 

Fein austariert lässt dieser Roman in Story, Sprache, Bild und Rhythmik Geschichte lebendig werden

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Kerry Drewery: Der letzte Papierkranich. Eine Geschichte aus Hiroshima, Arctis Verlag 2020 € 19,00

Mit „Der letzte Papierkranich“ hat Kerry Drewery ein Buch über ein Thema geschrieben über welches vermutlich jeder früher oder später im Geschichtsunterricht lernt und welches trotzdem oft schwer zu begreifen ist: Die Atombombenexplosion am 6. August 1945 über der japanischen Stadt Hiroshima. Das Buch beginnt aus der Sicht von Mizuki, einer jungen Frau, die sich, nachdem ihre Großmutter gestorben ist, um ihren Großvater Ichiro sorgt. Die Teile des Buches aus Mizukis Perspektive sind in künstlerischer Sprache geschrieben und unterscheiden sich so stilistisch vom Mittelteil. Dort schildert die Autorin realistisch und einfühlsam die Geschichte von Ichiro, seinem besten Freund Hiro und dessen kleiner Schwester Keiko, beginnend an dem Tag als die amerikanische Atombombe über ihrer Region explodiert und alles verwüstet. Als das kleine Mädchen im Chaos verloren geht, sucht Ichiro überall nach ihr und hinterlässt Nachrichten in Form von Papierkranichen. Im Laufe des Buches begegnen dem Leser, neben den zwei Erzählperspektiven, kunstvolle Zeichnungen und Haikus, eine Art des japanischen Gedichts und bieten weitere Anhaltspunkte. Die Charaktere wachsen einem ans Herz, wobei die zurückgenommene, sachliche Sprache nichts überdramatisiert oder verloren gehen lässt. Deshalb und weil es bisher kaum Jugendbücher über die Situation der Menschen nach dem Einschlag der Atombombe in Hiroshima gibt, würde ich das Buch „Der letzte Papierkranich“ jedem weiterempfehlen. Salka, 16 Jahre

Von Bisonfamilien, Gewehrkugelameisen und dem lebendigen Reichtum der Natur

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Alexandra Mizielińska, Daniel Mizieliński: Auf nach Yellowstone! Was Nationalparks über die Natur verraten, Moritz Verlag 2020 € 29,00

Auf opulenten Bildtafen von Tieren und Pflanzen in unberührter Naturlandschaft mischen sich wuselige Gespräche der Protagonisten im Comicstil. Alles beginnt, als das polische Bison Kuba Post von seiner Cousine Dakota bekommt. "Kenn ich nicht", ruft Ula aus seinem Kobel. Das Eichhörnchen kann nicht nur lesen, es hat auch jede Menge Ideen, Bücher und sogar einen Laptop. Da kann man ganz leicht einen Flug buchen und auf geht die Reise in acht der berühmtesten Nationalparks auf der ganzen Welt. Nach Nord- und Südamerika, China und sogar nach Grönland. Und wenn man eine Reise macht, lernt man viel von Land und Tieren: Wie sehr der Stich einer Gewehrkugelameise schmerzt und wofür Waldbrände gut sind. Von Rost in den Sandkörnern und Jahrtausende alter Geschichte, dem Überleben, Aussterben und Wiederentdecken in Gluthitze und eisiger Kälte. Eine großartige Reise um die Welt, zu Erdgeschichte und in die Biologie, für Wissbegierige, und seien sie noch so jung oder alt, wenn man am Wochende mit der Familie gemütlich auf dem Sofa sitzt.

Vertrauen auf Bewährungsprobe

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Philipp Collin: Das Spiel. Die Brüder Werner, Splitter Verlag 2020 € 25,00

Die Brudergeschichte, von der hier zwischen Fussballweltmeisterschaft 1974, dem legändären Spiel DDR-BRD und Stasi-Bespitzelung erzählt wird, offenbart ein deutsch-deutsches Familienschicksal, ein Lehrstück des Kalten Krieges. Die kompakte, bildmächtige, personenreiche Graphic Novel versucht Kommunismus versus Kaptalismus, mal rotzig, mal ideologisch phrasiert gegeneinander auszuspielen und weckt Erinnerungen an eine Zeit, in der unter dem Boden immer noch ein Boden lag und man tief fallen konnte.Historisch holzschnittig und im rasanten Mix von Sport, Konsum und Politik ist sie ein kurzweiliges Lehrstück, für junge Menschen oder all die, die es noch einmal wissen wollen.

Illegale Träume

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Linda Rotler: Stadt der gläsernen Träume, dtv 2020 € 10,95

Nevya ist eine Klarträumerin. Sie kann ihre Träume kontrollieren und hat sich so ihre eigene kleine Fantasiewelt aufgebaut. Doch als eines Nachts ihre Träume verschwinden, muss sie sich wieder mit der harten realen Welt befassen. Nevya will ihre Träume unbedingt zurückhaben und gerät dabei immer tiefer in einen Strudel illegaler Geschäfte und geheimnisvoller Märchen, die vielleicht mehr Wahrheit enthalten, als Nevya lieb ist. Das Buch erzählt von alten Mythen über Träume und auch davon, was Alben mit Albträumen zu tun haben. Dieses Thema ist sehr spannend und interessant.

Fantastischer Kampf für Gleichberechtigung

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Namina Forna: Die Göttinnen von Otera 01. Golden wie Blut Loewe Verlag 2020 € 19,95

In Dekas Adern fließt goldenes Blut. Das kennzeichnet sie als Dämonin, die von allen in dem Reich verachtet werden. Aber sie hat Glück, denn der König stellt eine Armee aus ihresgleichen zusammen, was sie vor dem Tod bewahrt und sie noch andere kennenlernen lässt, die so sind wie sie. Zusammen kämpfen sie gegen Monster, aber auch gegen die Unterdrückung der Frauen in diesem Land. Das Buch wird aus Ich-Perspektive von Deka erzählt, wodurch man viel über ihre Gefühle erfährt. Diese wirken aber teilweise etwas gekünstelt. Das Buch hatte eine leicht verständliche Jugendsprache. Auffällig war, dass Deka viele Freunde hatte, die man aber charakterlich gut auseinander halten konnte. Die Handlung dagegen hält nicht viele Überraschungen bereit und ist meistens vorhersehbar. Die angedeutete Diskriminierung der Frauen und Dunkelhäutigen wirkt manchmal etwas übertrieben und ist an anderen Stelle wieder viel zu wenig ausgeprägt. Dadurch wirkte die Welt, in der das Buch spielt, etwas blass und nicht richtig durchdacht. Zusammenfassend ist es ein schönes Jugendbuch, das aber nichts Neues bietet und sich nicht groß von anderen typischen Fantasy-Romanen unterscheidet.

Kampf gegen Hunger und Nazis

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Sharon Cameron: Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete, Insel Verlag 2020 € 18,00

Die Autorin Sharon Cameron erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte von Stefania, die während des zweiten Weltkriegs Juden bei sich versteckt hält. Stefania, die selbst katholisch ist, aber bei einer jüdischen Familie arbeitet, ist geschockt darüber, was den Juden nach der deutschen Besetzung Polens angetan wird. Und als Max, ein Mitglied der Familie bei der Stefania gearbeitet hat, vor ihrer Tür steht und sie um Unterschlupf bittet, kann sie nicht nein sagen.

Kluft zwischen Magischen und Nicht-Magischen

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Selin Visne: Die Überlieferung der Welt, dtv 2020 € 10,95

Laelia, die mit kleineren Diebstählen versucht, ihre Mutter und ihren Bruder zu versorgen, gerät in große Schwierigkeiten, als Nero, der Boss der kriminellen Unterwelt, es ihr verbieten will. Aber auch ihre magischen Kräfte können nicht den Hunger ihrer Familie stillen, also sieht sie sich gezwungen weiter zu klauen. Als Nero das herausfindet, flieht sie zusammen mit Hadrian, der sich gegen seinen Boss gewandt hat. Ein geheimnisvoller Seher überzeugt die beiden, sich ihm anzuschließen. Seinen Visionen folgend suchen sie drei weitere magische Begabte, um ein geheimnisvolles Ritual durchzuführen, dass jedem von ihnen einen geliebten gestorbenen Menschen zurückbringen soll.

Stark machen für die Akzeptanz des Anderen

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Candice Carthy-Williams: Queenie, Verlag Blumenbar 2020 € 22.-

Queenies Name ist stark. Majestetisch sogar. Ihre Mutter gab ihn ihr im Wissen, dass sich Queenies Leben ebenso wenig einfach gestalten werden wird, wie ihr eigenes. Mit ihrer Hautfarbe ist sie dem täglichen Rassismus mit unzähligen Herabwürdigungen ausgesetzt. Obwohl Queenie seit drei Jahren als Redakteurin bei einer Tageszeitung einen soliden Job hat, läuft vieles schief in ihrem Leben. Ihr Freund hat eine Auszeit durchgesetzt und sie auf die Straße gesetzt. So trifft sie sich mit Männern von einer Datingplattform und denkt ihren Körper darbieten zum müssen, in Hoffnung auf ein wenig Anerkennung. Carthy-Williams Roman, ein klassisches Young adult, erzählt schnell, hart, direkt und unmittelbar in sich mischenden Textformen, geschlossener Prosa, Postings und Chats.

Stalinistische Schreckensherrschaft

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Jurga Vile, Lina Itagaki: Sibiro Haiku, Baobab Verlag € 25,00

Die Geschichte von Algis ist eine wahre Geschichte. Sie schildert ein dunkles Kapitel in der Geschichte Litauens. Unter sowjetischer Besatzung hat Stalin Lehrer, Intellektuelle, Journalisten und ihre Familien nach Sibirien verschleppen lassen. So auch den Vater der Autorin mit seiner Familie. Hunger,  Kälte, nichts wovon oder womit man leben konnte und schwere körperliche Arbeit brachte die Menschen in der fernen Steppe um.  Die Kinder kehrten als Halbwaisen oder Waisen zurück. Erfindungreichtum und Fantasie wärmte die Seelen. So werden die Äpfel und der Ganter Martin zum immer wiederkehrenden Mantra. Vile findet eine erstaunliche Balance zwischen Schrecken und Übetrlebenswille, sowie auch Bild und Text rasant und ausgewogen erzählen, sodass man mit Genuss eintaucht und sich schnell einlässt, auf ein lang verschwiegenes Kapitel stalinistischer Schreckensherrschaft und das Leid, das es nicht zu vergessen gilt.

Schülerprotokoll einer Klassenfahrt

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Tamara Bach: Sankt Irgendwas, Carlsen Verlag 2020  € 13,00

Das Buch erzählt hauptsächlich in Form eines Schülerprotokolls von einer Klassenfahrt ohne Handys und einem ungerechten Lehrer. Das Protokoll ist aber keineswegs langweilig und sachlich, sondern fasst die Gedanken und Gefühle der Schüler sehr gut zusammen. Außerdem wurde die Sprache sehr jugendlich und witzig gehalten. Kurz und knapp. Es wird sehr eindrücklich und realitätsnah von den Geschehnissen der Klassenfahrt erzählt, die mich stark an eigene, ähnliche Erfahrungen erinnerten. Das Buch ist eine Geschichte über Freundschaft, Zusammenhalt, Klassengemeinschaft und alltägliche Schulprobleme wie nervige Lehrer. Es bringt einen dazu, sich an seine eigenen Klassenfahrten zurückzusehnen. Juliana, 16 Jahre

Ein Jahr Pause

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Nora Hoch: Das Salzwasserjahr, dtv 2020 13,95€

Ein Austauschjahr in Australien. Für ein Jahr weg von der Familie, weg von dem normalen Leben, weg von den Problemen. Ein Jahr Pause. Das ist Janniks Plan als er ans andere Ende der Welt reist. Irgendwie scheint das auch zu funktionieren. Jannik genießt das Meer, das er schon immer gemocht hat und triff auf eine geheimnisvolles Mädchen, die das Wasser genauso liebt wie er. Doch gleichzeitig scheint seine Gastfamilie tief gehende Probleme zu haben und sein Gastbruder ignoriert ihn fast vollständig.

Benedict Mirow – Auf magischer Fährte

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Benedict Mirow: Die Chroniken von Mistle End 01. Der Greif erwacht, Thienemann Verlag 2020 € 16,00

Als Cedrik mit seinem Vater an seinem neuen Wohnort Mistle End ankommt,  lässt ihn ein seltsames und aufregendes Gefühl nicht mehr los. Alles normal? Oder nicht? Die Kinder hier, tragen das schwere Gepäck voller Bücher ins Haus, als wäre es nichts und gleich in der ersten Nacht erscheint ihm  ein Greif, der ihm die einfache Frage stellt: Warum bin ich hier? Cederik wäre der letzte, der diese Frage beantworten könnte, doch der Greif stellt ihm ein Ultimatum. Vielleicht aber, hat er alles auch nur geträumt. Mirow entfesselt die magische Welt behutsam, zielgerichtet und in schöner, schlanker Sprache. Sein Plot fesselt vom ersten Augenblick. Der Greif erwachst ist ein überzeugender Start in eine neue Fantasyserie voll Zauberei und Magie, die Lese- und Vorlesegenuß verspricht. Katrin Rüger

Liebesgeschichte für den Sommer

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Siobhan Vivian: Stay sweet, Hanser Verlag 2020 € 15,00

In dem Buch „Stay Sweet“ geht es um Amelia, die ihren letzten Sommer bei ihrem alljährlichen Ferienjob verbringt. Dieser ist die Eisdiele von Molly, einer alten Frau, die ihr Geschäft in der Zeit des zweiten Weltkrieges eröffnet hat. Amelia freut sich schon so sehr auf ihre Stelle als Teamleiterin, doch als Molly plötzlich stirbt wird ihre Welt auf den Kopf gestellt. Eine schöne Liebesgeschichte für den Sommer.

Samstag, 26. September 2020, 16:30 Uhr: You don’t look gay – LGBTIQ* im Gespräch

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Julius Thesing: You don't look gay. Bohem Verlag 2020 € 14,95

Die Veranstaltung fällt wetterbedingt leider aus.

Mitunter ist es nicht lustig, einer Minderheit anzugehören. Wie Julius Thesing Homophobie und Diskriminierung erlebt, hat er in seiner beeindruckenden Bachelorarbeit eindringlich festgehalten. Viele Sätze und Haltungen sind nicht fremd. Man hört sie leider immer wieder. Der Cellist Michael Weiss, die junge Bücherfresserin Anna Grabe (auch an der Klarinette)und der Autor und Illustrator Julius Thesing werden über das Buch ins Gespräch kommen und laden alle zum Mitdiskutieren ein.  Eine Veranstaltung für einfach alle Menschen, für ein achtsames  Miteinander und ein buntes Haidhausen.  Jugendliche seien hier besonders herzlich eingeladen. Die Gespräche werden von Musikeinlagen begleitet.

Kriegserklärung an die Trägheit

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Lukas Jüliger: Unfollow, Verlag Reprodukt 2020 € 18,00

Seine Erinnerung ist die Reinkarnation des Lebensbeginn. Seine Gedanken reichen weit zurück, in eine Zeit, da die Erde eine Transformation durch den Menschen noch nicht kannte. In Unfollow  wandelt Eathboi, der Junge der Natur, auf der heutigen Welt. Er folgt nicht mehr als seiner eigenen inneren Stimme, die er bald auf social media Kanälen öffentlich macht. Der faszinierende Bruch, ein stiller Kampf der Welten, aus der nur die Welt mit dem längeren Atem siegreich hervorgehen kann, spiegelt sich auf dem Deckblatt jeden Kapitels wieder, das ein Smartphone auf erdigem Boden zeigt. Die manipulativen Gesetze moderner Kommunikation, ebenso wie den Einklang mit der Natur, scheint Eathboi im Schlaf zu beherrschen. Traumwandlerisch benutzt er sie im richtigen Augenblick für sich und entdeckt Yu. Hat das Internet sie sich verlieben lassen?  Schwebend, spirituell und entschleunigend vollzieht sich der Wandel des Jungen, der bewegende ständige Wechsel seiner Biotope. Jüliger inszeniert die Sparsamkeit des Erzählens gegen die genussvolle Lebendigkeit seiner Bilder. Neben aller Ruhe, die seine Leser*Innen an manchen Orten verweilen lassen möchte, ist seine Geschichte vom Irrsinn unserer Zeit durchdrungen. Seine graphic Novel folgt einem grafisch klaren Konzept, bei dem er vier bis sechs Bilder auf kleinen Doppelseiten mit seperaten Texten darüber und darunter anordnet. MIt Terracotta und Türkisblau trennt er mal Zeit, mal Raum. "Eathboi war gekommen, um sich für die Natur zu wehren." Doch eine Geschichte der klaren Botschaften ist dies nicht. Vielmehr eine Kriegserklärung an die eigene Trägheit, ein Versuch das "Wir" zu finden, die Komplexität dieses Unterfangens und die Sprunghaftigkeit unseres Seins mit einkalkulierend. Licht & weit aber ebenso kompakt & fordernd, religiös wie bodenständig, Terracotta und Türkisblau, fast komplementär. Eathboi und Yu, Bild für Bild, wieder und wieder durchmessen wir Jüligers Welt, ihre Schönheit und unser Sein. Viel Raum sich zu entkoppeln, so wie es der Titel ja schon empfiehlt, nicht blind zu folgen, sondern sich über all das seine eigenen Bilder zu gestalten.

Leben mit dem Klimawandel

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Kayla Olson: Sandcastle Empire, dtv 2020 € 17,95

In dem Buch geht es um eine Zukunft, in der aufgrund des Klimawandels eine große Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich herrschte. Doch den sogenannten Wölfen gelang es, die Reichen weltweit zu stürzen und sie zu töten oder in Lager zu sperren, wo die ehemalige Oberschicht Zwangsarbeit verrichten muss. Eden, die ebenfalls in eines dieser Lager gesperrt wurde, plant schon lange ihre Flucht. Eines Tages gelingt ihr diese. Zusammen mit drei weiteren Mädchen sucht sie die Insel Refugium, die einen neutralen Ort ohne Krieg darstellen soll. Das Notizbuch ihres Vaters leitet sie dorthin, doch stand darin nichts von all den Gefahren, die auf der Insel auf sie lauern.

Feindliche Übernahme

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Kenneth Oppel: Bloom, Beltz & Gelberg 2020 € 16,95

Nach einem Regen, beginnt überall schwarze Gras zu sprießen und rasant zu wachsen. Die Pflanze entwickelt Stacheln und fleischfressende Mäuler, in denen giftige Säure und ein Schlafgas schwappt. Sie zerstört alles und jeden. Bestenfalls reagieren die Menschen mit allergischem Auschlag. Nur drei Jugendlichen kann dieses Gewächs nichts anhaben. Sie waren starke Allergiker und scheinen jetzt, invertiert, von allen Plagen geheilt. Todesmutig nehmen sie den Kampf mit der Pflanze auf, bei der sich bald herausstelllt, dass sie extraterrestrischen Ursprungs ist. Ebenso die Jugendlichen, denen Krallen, Schwänze und Federn zu wachsen beginnen. Haben Außerirdische sie eingeschleust? Handelt es sich um eine feindliche Übernahme der Erde. Die Geschichte, die viele spannungsgelandene, bildmächtige Actionszenen zu bieten hat, bleibt hier offen. Am Ende, nach gelungenem Sieg über die Pflanze in letzter Minute, beginnt es erneut zu regnen. Riesige Wassertropfen beliben auf der Erde liegen, ohne zu zerplatzen. Aus ihnen scheint etwas zu schlüpfen. Eine geradlinige Apoklaypse, die nach einer Fortsetzung ruft.

In Sachen Gut oder Böse- sehr dicht erzählt.

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Benjamin Lebert: Im Zeichen der Acht, Arctis Verlag 2020 € 19,00

In dem Buch wachen zwei längst verstorbene Menschen durch höhere Mächte gelenkt in unserer Zeit und Welt wieder auf. Auf gegnerischen Seiten und mit sechs weiteren von ihnen angeheuerten Menschen, müssen sie um das Schicksal der Welt kämpfen. Im Laufe des Buches erfährt man viel über ihre früheren Leben. Das Buch ist aus Sicht eines allwissenden Erzählers geschrieben, der zwischen vielen Perspektiven hin und her wechselt. Das Buch vermittelt eine sehr düstere Stimmung, die durch den Schreibstil und den Erzähler noch verstärkt wird. Gekonnt werden die Fantasy-Elemente mit denen unserer Welt vermischt. Das Buch thematisiert auch den klassischen Kampf zwischen Gut und Böse, wobei jeder Charakter seinen ganz eigenen Grund hat, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Das lässt die Personen realistisch wirken, vor allem die, die sich schlussendlich für die „böse“ Seite entscheiden, sind sehr interessant. Durch den Erzähler erhält man gute Einblicke in die Leben der Menschen, die vor allem durch Leid und meistens auch durch eine unglückliche Familiengeschichte  geprägt sind. Der Autor zeigt, zu was ein Mensch fähig sein kann, wenn er keine oder wenig Liebe in seiner Kindheit erfährt, aber auch dass man deswegen nicht automatisch „böse“ wird. Das Ende ist teilweise vorhersehbar, hält aber auch noch ein paar Überraschungen bereit. Insgesamt ist es düsteres,  sehr faszinierendes Jugendbuch, dass durch seine sehr gute, überzeugende Erzählweise punktet.
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Schlagfertig, krank, verliebt

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Kyra Groh: Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion, Arctis Verlag 2020 € 18,00

Mia hat eine seltene Krankheit, die dafür sorgt, dass sie physisch keine Schmerzen empfinden kann. Dadurch entstehen ihr viele Missgeschicke, unter anderem weil sie nicht einschätzen kann, wie schwerwiegend ihre Verletzungen sind. Auch an dem Abend als ihre Mutter starb, spielte ihre Krankheit eine wichtige Rolle, die sie jedoch allen verschweigt. Zumindest bis sie Jake trifft, mit dem sie über alle möglichen dunkle Geheimnisse reden kann und der ebenfalls private Probleme hat. Ihre Krankheit steht in dem Buch eher im Hintergrund und spielt für Mia keine allzu große Rolle. Viel mehr geht es um die psychischen Schmerzen normaler Teenager und wie sie damit umgehen. Das Buch ist aus den Sichten von Mia und Jake geschrieben. Die Handlung war sehr interessant, spannend und die Liebesgeschichte war weder kitschig noch klischeemäßig. Mias und Jakes Verhalten konnte man gut nachvollziehen und sie waren gut ausgestaltet. Vor allem Mia war schlagfertig und nicht das typische weinerliche Mädchen, wie es so oft in Liebesgeschichten vorkommt. Einige der Nebencharaktere waren ein bisschen klischeehaft, hatten aber trotzdem Tiefe. Das Buch hat eine angenehme Sprache, die sich leicht lesen lässt. Das Ende war teilweise vorhersehbar, aber trotzdem lustig. Außerdem werden zusätzlich zu Mias Krankheit auch noch andere wichtige Themen wie häusliche Gewalt thematisiert. Insgesamt ist es ein sehr gutes Jugendbuch mit einer etwas anderen Liebesgeschichte.

Unterdrückung und Rebellion der Mädchen

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Kim Liggett: The Grace Year, Dressler Verlag 2020 € 22,00

In Tierneys Dorf sagt man, dass Frauen eine Magie besitzen mit der sie Männer in den Wahnsinn treiben können. Um ihnen die Magie auszutreiben, werden alle Sechszehnjährigen für ein Jahr in ein Lager geschickt. Niemand redet darüber, was in dem Lager passiert, aber jedes Jahr sterben ein paar der Mädchen und die Anderen kommen abgemagert und verstört zurück. Als Tierney selbst in das Lager muss, erfährt sie bald wieso und muss sich fragen, ob es diese Magie überhaupt gibt. Das Buch ist sprachlich sehr angenehm zu lesen. Von der Welt und den Gründen, warum Frauen konsequent unterdrückt werden, erfährt man eher wenig.

Zuhause gesucht

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Alex Wheatle: Home Girl, Kunstmann 2020 € 18,00

Wenn man Home Girl im Google Übersetzer eingibt, dann wird einem „Zuhause Mädchen“ angezeigt. Ein Zuhause hat Naomi eigentlich nicht recht, sie ist 14 und hat keine Eltern mehr, die mit ihr zusammenwohnen, die ihr bei den Hausaufgaben helfen, sie trösten wenn sie traurig ist oder ihr ein Eis an ihrer Lieblingseisdiele kaufen. Naomis Mama ist als Naomi fünf war gestorben, ihr Papa hat ihren Tod nicht verkraften können und ist in ein Alkoholproblem reingerutscht.

Von Fabelwesen und einem unheilvollen Fremden

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Kira Gembri, Ruby Fairygale, Loewe Verlag 2020 €14,95

Eine Geschichte, die alles bedient, das Mädchenherzen höher schlagen lässt, wenn sie in Büchern eine Prise Magie suchen: eine mutige Ptrotagonistin, eine kleine irische Insel, kuriose Inselbewohner, eine geheimnisvolle Pflegestation für Fabelwesen, von der niemand erfahren darf, und ein Besucher im Alter der dreizehnjährigen Ruby, der für jede Menge Abenteuer und Aufregung sorgt.

Ein fantastischer Held mit Herz und Fell

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Katherine Applegate, Endling - Die Suche beginnt, DTV Verlag 2020 €15,95

Wie einst Bambi aufgrund des Todes seiner Mutter zum Helden mutierte, so wird Byx nach dem grausamen Mord an seinem Rudel auf sich allein gestellt sein und sich ganz neuen Herausforderungen stellen müssen. Dalkins leben im Königreich von Nedorra und werden wegen ihres kostbaren Felles gejagt. Auf sich gestellt, zieht Byx auf vier Pfoten diurch das Land, um nicht als Dalkin erkannt zu werden. Dies macht er in Begleitung eines anhänglichen Wobbyks und dem Mädchen Khara, das sich aus bestimmten Gründen als Junge tarnt. Khara wird Byx Hoffnung machen, dass er womöglich nicht der letzte Dalkin , also ein Ebdling, ist. Sie wird ihn zu einem Gelehrten führen, um nach Antworten zu suchen. Der Leser schließt den jungen, wilden und zugleich liebenswerten Byx sofort ins Herz. Sein Mut, gepaart mit dem Stolz eines Dalkin, zieht so manche Aufregung nach sich. Bryx lernt allerdings schnell und wird schon bald in eine Heldenrolle schlüpfen.

Computerkunst

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Zachary Tallent, Marc-Uwe Kling: Quality Land. Band 1.1, Voland & Quist 202 €18.-

Wie eine hochwertige Werbebroschüre kommt die Umsetzung von Marc-Uwe Klings Roman Qualityland als Graphic Novel daher. Sie ist ein erster Teil des Gesamtwerkes. Die ferngesteuerte zukünftige Welt, wie Kling sie entwirft spiegelt sich in vielen unbewegten Sequenzen nieder.  Die Illustrationen spielen mit stark klischeehafter Vereinfachung, vom zahnpastaweißen Lächeln über Lichtreflexe mit Sternchenglimmer und dem Erröten wie eine Tomate.  Die Graphic Novel bleibt sehr textlastig, kann aber den Witz, den der Autor durch die von seinem Text erzeugte Fantasie gewinnt,  dabei nicht umsetzen. So wirkt das Gesamtwerk steif, bemüht und mühsam zu lesen. Ein Werk der E-Poetin Kalliope vermutlich. Ganz und gar am Computer erzeugt. Wer Computerkunst mag, ist hier richtig.

Einem Familiengeheimnis auf der Spur

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Hardinge, Frances: Schattengeister, Verlag Freies Geistesleben 2020 € 22,00

In dem Buch geht es um ein Mädchen, das Geister in sich aufnehmen und dann mit ihnen reden kann. Als sie wegen einem tragischen Ereignis zu ihrer Familie väterlicherseits geschickt wird, vor der ihre Mutter weggerannt ist, erfährt sie immer mehr über ihre Gabe und stößt dabei auch auf ein riesiges Familiengeheimnis. Die Geschichte spielt in England in der Zeit, in der sich die Parlamentarier gegen den König stellten und Krieg herrschte. Die geschichtlichen Ereignisse und Hintergründe, die dabei mit in das Buch einfließen, wirken sauber recherchiert und fügen sich gut in die Handlung mit ein. Auch die etwas gehobenere Sprache lässt die Geschichte realistischer wirken und passt in die Zeit, in der das Buch spielt. Die einzelnen Charaktere wirken realistisch und waren gut ausgestaltet. Nur einige wenige Personen waren zu einseitig böse. Die Handlungen der Hauptfigur waren meistens logisch nachvollziehbar. Allerdings war die Geschichte öfter vorhersehbar, wodurch die Überraschung der Charaktere eher künstlich wirkte. Vor allem am Anfang wurden Orte und die allgemeinen äußeren Umstände nicht besonders gut beschrieben, sodass die Stimmung des Buches dem Leser nicht richtig übermittelt wurde. Die Geschichte an sich war nicht langweilig und hatte einen strukturierten Aufbau. Allerdings hätte das Ende spannender sein können, was auch wieder daran liegt, dass die Stimmung des Buches zu schwach ausgeprägt war. Insgesamt ist es ein sprachlich gutes Jugendbuch, das aber teilweise vorhersehbar und nicht spannend ist.

Das Leben im Koffer

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Chris Naylor-Ballesteros: Der Koffer, Verlag Fischer Sauerländer 2020 € 14,99

Das einzige, was der Fremde bei sich trägt, ist ein großer Koffer. Darin, so sagt er, sei sein Zuhause. Fuchs, Hase und Vogel beäugen den Fremden ungläubig. Ohne Erlaubnis werden sie seinen Koffer öffnen. Auch wenn sie sich seinen Inhalt ganz anders vorgestellt haben, der Fremde hat nicht gelogen. Das nun folgende schlechte Gewissen über ihre Tat, bringt sie auf eine prima Idee. Kurz, knackig und plakativ wird vieles fühlbar. Flucht und Fremde, Angst und Neugier, sowie die Frage wo Heimat zu finden ist. Durch seine kurzen, spannenden Dialoge eignet sich das Bilderbuch auch wunderbar als Erstlesebuch mit besonderem Gesprächspotential.

Leben in regenbogenfarbener Welt

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Peer Jongeling: "Hattest du eigentlich schon die Operation?" JaJa Verlag 2020 € 11,00

In sechs kurzen Comicgeschichten zeichnet Jongeling den Alltag von Ari, Lilly, Paul und Ray nach. Sie bezeichnen sich selbst als transgender Personen. Was damit und den vielen anderen Begriffen gemeint ist, erkärt Jongling im Vorsatz. Das Feld im Bereich Sexualiät ist groß und variantenreich. Doch das Leben für Menschen, die sich nicht in dem Geschlecht zu Hause fühlen, in dem sie geboren wurden, ist weder einfach noch selbstverständlich. Unsere Welt unterscheidet überall klar zwischen Männern und Frauen und erkennt diese an Äußerlichkeiten. Etwas dazwischen wird zuviel oder zuwenig beäugt, verdrängt, abgewiesen, oder passt nicht hinein ins Bild, wie man es sich doch wünschen würde. Das ist es, was plötzlich ins Bewusstsein tritt. Selbstverständliches wie ein Kleiderkauf in der Damenabteilung mit tiefer Stimme, oder der Besuch beim Frauenarzt braucht für transgender Personen aktive Akzeptanz der Person. Jongeling bringt uns dieses Wissen über ein Leben im Dazwischen alltäglich und unaufgeregt, einfach zur Kenntnis. Ein wichtiges Plädoyer für eine regenbogenfarbenerer Welt.

Von leisen Hoffnungen und Stimmen im Kopf

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Julia Walton, Wörter an den Wänden, Arctis Verlag 2020 €18,00

Wenn Wörter unausgesprochen bleiben, aber die Stimme auf Papier fließt , hat man diese Stimme sehr eindringlich im Ohr. Der Leser begleitet den 17Jährigen Adam ein knappes Jahr durch sein Leben mit Schizophrenie.  Aktuell nimmt er an einer Medikamentenstudie teil, die sehr hoffnungsvoll beginnt und von Ärzten und seinem Therapeuten begleitet wird. Er weigert sich allerdings, mit dem Therapeuten zu sprechen und schreibt stattdessen ein Tagebuch in Briefform. Er schreibt von seinen Hoffnungen und Ängsten, davon, dass der Therapeut ihm das Verständnis entgegen bringt, das er im Außen nie finden wird. Denn Adam traut seinen Halluzinationen und Aussetztern nicht über den Weg. Sie sind Schuld, dass er die Schule wechselt. Sie sind mit ein Grund, warum er in der neuen Schule seine Krankheit verschweigt, Als er sich zu Maya, die gern aneckt und feine Antrennen hat, hingezogen fühlt, wird er anfangs den starken Part einnehmen. Er wird Maya aufbauen, wenn sie zweifelt, und ihr schöne erste Male bescheren. Nur von seiner Schizophrenie erzählt er nichts. Und das wird am Ende zu seinem größten Problem, an dem er und die zarte Beziehung beinahe zerbricht. Die Autorin erzählt auf ihre besondere Weise von einem Leben am Rand der Gesellschaft und gleichzeitig schreibt sie ein einfühlsames Buch über das Erwachsen werden.