Unter dem Deckmantel der Liebe

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Julya Rabinowich: Hinter Glas, Hanser Verlag 2019 € 16.-

Alice ist eine Außenseiterin. Sie spricht nicht viel, ist häufig krank und wird von ihren Klassenkameradinnen "Bazille" genannt. Am Abend liegt sie in ihrer "gebügelten, nach Lavendelwasser durftenden Bettwäsche." Aber der heimelig behütete Schein trügt. Ihr Großvater ist ein Tyrann, der seine finanzielle Macht gegen ihre Eltern gewalttätig ausspielt. Als Niko in Alice Leben tritt versucht sie mit ihm aus diesem, all ihre Lebenskraft aussaugenden, Käfig zu entkommen. Rabinowich erzählt Großes und Schmerzhaftes mit  beeindruckend ruhiger Stimme und psychologischem Geschick. Sie beginnt mit dem Ende, an dem ein Spiegel zu Bruch geht. Seine Scherben bilden das Mosaik des Erinnerns. Das Glas hat nicht nur symbolischen Charkter. Es reicht bis zum Beginn von Alice Leben, zum Brutkasten in der Frühgeborenenstation, es verstellt den Blick und verzerrt. Es hält Alice von den Menschen fern. Alice teilt ihren Namen mit Alice im Wunderland. Im Schraubstock der Gewalt schrumpft ihr Ich. Als sie den Schritt nach draußen wagt, kann man zuschauen, wie sie zur Persönlichkeit heranwächst. Mutig beginnt Alice Neues zu wagen, sich von der Gewalt zu befreien, die ihr Leben und das ihrer Eltern auf allen Ebenen dirigiert. Dabei wird die Trennung der Gewalt von der Liebe, ein Deckmantel  der Beteuerungen, mit dem sich Gewalt zu schmücken pfegt, zur größten Schwierigkeit.  Alice agiert ungeplant, waghalsig und mit großem Einsatz. Man darf staunen und ist berührt von der Intensität dieses poetischen Textes.

Eine starke Frau, eine starke Stimme, ein engagiertes Leben

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Kate Evans: Rosa. Grahic Novel über Rosa Luxemburg, Dietz Verlag 2018 € 20.-

Gelungen erzählt diese graphic novel von der Geburtsstunde sozialistischen Denkens und Strebens im 19. und beginnende 20. Jahrhundert und erzählt von Menschen, die den gesellschaftlichen Um- und Aufbruch dieser Zeit gestalteten:  Clara Zetkin, Karl Kautksy, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Eine körperlich kleine Frau, die sich kurzerhand und festentschlossen die Weltbühne neben den Männern eroberte, mit Doktortitel, sprachversiert, kampfbereit und trotz körperlicher Beeinträchtigung und zahlreicher Gefängnisauftentalte von sonnigem, das Leben genießendem Gemüt war. Mit vielen Originalzitaten und -textpassagen taucht der Leser in die Gedankenwelt Rosa Luxemburgs ein. Die Umsetzung dieser mitunter trockenen ökonomischen Schriften in Bildgeschichten lässt staunen. Auch wird dem Leser bewusst, wie genau Luxemburg mit ihren Zukunfsvisionen den Zustand unserer heutigen Welt trifft. Ein sorgfältiger Anhang führt zu Luxemburgs Schriften, denen die Textpassagen in dieser graphic novel entnommen wurden und zu weiteren Buchempfehlungen. Ein schöner Einstieg, der Lust auf mehr macht.

Dicht auf den Fersen der Ausreißer

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marian De Smet: Hendrik zieht nicht um, Gerstenberg 2019 €12,95

Wegen seines besten Freundes Berkan will Hendrik keinesfalls aus seinem alten Haus wegziehen. Und wenn die Eltern ihm nicht ernsthaft zuhören - sie sind mit Kisten packen beschäftigt - wird Hendrik selbst eine Lösung finden und eben bei Berkan einziehen. Das ist schneller gedacht als getan, denn eigentlich ist in Berkans Haus für Berkan schon kein Platz, denn seine Familie ist viel größer als die von Henrik. Da liegt es nahe, dass beide zusammen sich auf die Suche nach einer gemeinsamen neuen Bleibe machen. Als sie auf ein Mädchen treffen, das dringend eine Wohnung für ihre Familie sucht, bietet Hendrik ihr sein neues Haus an. Doch wo lag das nochmal, Vaters neues Haus? Zuerst verlieren die drei Berkans Koffer, dann verlaufen sie sich gänzlich und am Ende plagt sie ein schrecklicher Hunger. Wut wechselt mit Enttäuschung und den Versuchen im Regen eine Lösung für die Situation zu finden. Eine feine, kleine Geschichte, ein wunderbares Kinderbuch, bei dem man seinen Helden emotional immer dicht auf den Fersen ist, sie aus tiefstem Herzen versteht,  ihren Aktionismus bestaut und am Schluss zufrieden über das glückliche Ende seufzt. Darüber hinaus macht die schöne Sprache dieses Buch zu einem idealen Vorlesebuch.

Fesselnde Lesefutter Lektüre

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Ross Welford: Der 1000jährige Junge, Coppenrath Verlag 2019 € 16.-

Alfie ist elf und lebt zurückgezogen mit seiner Mom in einer Holzhütte im Wald. Als Aidan und Roxy die Hütte entdecken beobachten sie, wie Mutter und Sohn in einer seltsamen Sprache miteinander reden. Roxy ist überzeugt, es mit einer Hexe zu tun zu haben. Und überhaupt scheinen die beiden dort schon sehr lange zu wohnen. Doch ehe die beiden Kinder, deren nachbarschaftliche Freundschaft gerade erst begonnen hat, mehr herausbekommen können, geht die Hütte in Flammen auf. Alfie kann sich in einen Baucontainer retten, wird entdeckt und gibt vor Aidan und Roxy sein Geheimnis preis: er behauptet, schon über 1000 Jahre alt zu sein. Er ist nicht unsterblich, nein, Lebensperlen aus Wikingerzeiten haben seine Alterung gestoppt. Erst wenn er erneut eine weitere Lebensperle nimmt, kann er wieder altern, wie alle Menschen. Welford gelingt es, dieses Setting witzig und spannend zugleich zu inszenieren. Nicht nur, dass vor 1000 Jahren eine Katze Alfies Aktionismus kreuzt und er versehentlich eine kostbare Lebensperle an sie verschwendet, bald zum Schulbesuch gezwungen, entpuppt sich Alfie in historischen Fragen als notorischer Besserwisser. Alfies und Aidans Erzählperspektive wechseln elegant und Alfies Sprache bleibt gespickt von Seltsamkeiten. Die fieberhafte Suche des Kinderheims nach Alfies Verwandten scheint bald von Erfolg gekrönt. Als ein weiterer Nimmertoter auftaucht und Alfie erfährt, dass die einzige, von ihm und seiner Mutter versteckten Lebensperle ausgerechnet durch Ausgrabungen Gefahr läuft entdeckt zu werden, beginnt ein wahres Abenteuer. Glücklicherweise vermeidet Welford den Parforceritt durch die Geschichte. Nur hi und da erzählt Alfie von Ereignissen und Begnungen, die sein Leben prägten und die dann, wie es im Leben immer so spielt, durch das gesamte Buch eine Rolle spielen und ihn immer wieder einholen. Die Freundschaftsgeschichte zwischen Alfie, Aidan und Roxy ist perfekt und durchweg spannend komponiert.  Welford ist mit diesem Buch eine fesselnde wie faszinierende Lesefutter-Lektüre gelungen, die ich mit großem Vergnügen und mitunter angehaltenem Atem gelesen habe.

Auf Bärenfährte

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Katja Gehrmann: Stadtbär, Moritz Verlag 2019 € 10,95

Wenn man in eine andere Gegend zieht, lebt es sich angepasst leichter. Das weiß jedes Tier. Selbst der Bär, noch neu in der Stadt, bemerkt nach seiner ersten Kollision mit einem Menschen: "Solche Sachen trägt man hier also? Dann mach ich das besser auch so." Schwupps setzt er Hut und Sonnenbrille auf und nimmt die Tasche unter den Arm, die der Mensch liegen gelassen hat. Sie ist voller.....das sei hier aber nicht verraten. Der Bär macht sich auf die Suche nach seinen Freunden: dem Fuchs, dem Biber, dem Dachs und dem Marder. Alle sind in Stadt umgezogen, denn hier gibt es reichlich Nahrung und guten Unterschlupf. Es lebt sich bequem, solange man eben unbemerkt bleibt. Aber wie soll ein großer Bär unbemerkt bleiben? Als den Waldtieren die Ankunft des Bären zu Ohren kommt, halten sie Rat. Sie beschießen, den Bären zu finden und ihm ein Plätzchen im Zoo zu verschaffen. Bei dieser Suchaktion überstürzen sich die Ereignisse. Bild und Text geraten in ein rasantes Spiel miteinander. Unbemerkt bewegt sich ausgerechnet der Bär durch die Stadt. Die versteckten Akteure auf Bärenfährte erregen Aufmerksamkeit, dass es lustig kracht und man vor Spannung den Atem anhalten muss. Und genau so müssen richtig gute Erstlesebücher sein. Bei diesem kann man sich gar nicht entscheiden, ob man erst lesen oder schauen soll. Das Bild legt vollflächig und farbenprächtig die Fährte, die der Text kontrapunktiert. Leichterhand erzählt die Geschichte dabei obendrein von Mensch und Tier, von Freundschaft und Andersein, vom Zuhause in der Fremde. Entwaffend einfach und ernsthaft zugleich. Hut ab! Aufregender, appetitanregender und profunder kann man Lesen nicht lernen.

Afghanistan-Deutschland

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Dirk Reinhardt: Über die Berge und über das Meer, Gerstenberg Verlag 2019 € 14,95

Nach Trainkids erzählt dieses Buch eine Geschichte von zwei Jugendlichen, die ungewollt auf den Weg in eine andere Welt und ein neues Leben geschickt werden. Tarek und seine Familie leben in den afghanischen Bergen. Als Nomaden wandern sie mit ihrer Schafherde umher. Im Sommerlager, nahe der pakistanischen Grenze, hat Tarek Samir kennengelernt, der mit seiner Familie in einem Dorf am Fuße der Berge lebt. Dieser Junge ist eigentlich ein Mädchen, das als siebentes Mädchen, so ist es erlaubt, von der Familie als Junge aufgezogen wurde. Nachdem die Taliban sie auf der Straße  erwischt und mit der Peitsche geschlagen haben, da sie jetzt, mit beginnender Pubertät, das Mädchen in Samir erkannt haben, muss Samir, die eigentlich Soraya heißt, wieder die Seiten wechseln. Als Mädchen darf sie ab sofort das Haus nicht mehr verlassen und auch keine Schule mehr besuchen. Bald beschießen beide Familien ihre Kinder mindestens in die Türkei oder weiter nach Norden, nach Deutschland, zu schicken. Eine Reise ins Ungwisse beginnt. Auch wenn man es schon vielfach gelesen hat, die Schilderung des kargen, traditionellen, naturverbundenen Lebens in Afghanistan, ein Land in dem über ein Menschenleben lang Krieg herrscht, das Leben zwischen den Fronten immer bedroht ist, ergreift und macht nachdenklich. Dieser Schilderung widmet Reinhardt ein intensives erstes Drittel des Buches. Sie ist auch sprachlich gelungen und packt von Anbeginn. Die Geschichte der Flucht, über zahlose Grenzen hinweg, von vielen Schleppern begleitet, mit endlosen neuen Kontakten zwischen Hilfe und finanzieller Ausbeute und oft am Rande der totalen Erschöpfung oder gar des Todes, berührt den Leser weniger. Der ständige Wechsel zwischen Tareks und Sorayas zeitgleich auf verschiedenen Routen verlaufenden Fluchtstrecken, auf denen es natürlich Berührungpunkte geben wird, machen die Sache nicht einfacher. Am Ende treffen sich beide, Reinhardt sei Dank, glücklich in Deutschland. Insgesamt lesenswert aber nichts neues oder überraschendes auf dem  Jugendbuchmarkt.

Einfach Miteinander

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Alyssa Hollingsworth: 1x Pech und 11x Glück, Loewe Verlag 2019 € 14,95

Samir lebt erst vier Wochen in Amerika, als ihm das Einzige, das ihm aus seiner Heimat Afghanistan geblieben ist, eine Saiteninstrument, die Rubab seines Großvaters, in der U-Bahn entrissen und geklaut wird. Entlang der verzweifelten Suche und der genialen Idee, wie man Geld für ihren Rückkauf beschaffen könnte, erzählt Hollingworth eine Geschichte von sich langsam aber stetig vollziehender Gemeinschaft und Migration, aber auch von den Lebenswelten afghanischer Familien. Samirs Tauschgeschäfte bringt die Menschen ins Gespräch. Gewissenhaft recherchiert und auf eigener Erfahrung mit Afghanistan basierend erzählt dieser Text neben dem spannenden Krimi, der Generationengeschichte und Flucht von HIlfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Freundschaft, einem Miteinander der Menschen, das immer dann funktioniert, wenn das Wissen und das Miterleben von anderen Lebenswelten Vorurteilen keinen Raum mehr lässt, dafür aber die Neugier weckt, mehr aus erster Hand zu erfahren. Dieser, uns alle betreffende Ansatz ist absolut gelungen und das Buch sei als guter Einstieg in die Flüchtlingsthematik wärmstens empfohlen.

Millieustudie aus der Unterschicht

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Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton, Kunstmann Verlag 2018 € 18.-

Lemar, genannt Liccle Bit und seine jugendlichen Kumpels, fast noch Kinder, stecken einfach mittendrin, zwischen rivalisieren Banden, Handlangern und Bossen, denen man kleine Dienste kaum abschlagen kann. Zumal Geld winkt, von dem hier jeder träumt. Lemar lebt auf engstem Raum mit seiner Familie, der Mutter, der Oma, der Schwester samt Säugling, dessen Vater ausgerechnet Manjaro ist, einer der führenden Bosse im Viertel. Sein eigener Vater lebt bei seiner neuen Familie. Lemar besucht ihn und seine schwerkranke Halbschwester unter Protest der Mutter alle 14 Tage. Auseinandersetzungen in alle Richtungen sind vorprogrammiert. Lemar sucht seine Richtung durch das Labyrinth der Straße zu finden, zu verstehen, sich mal zu arrangieren, mal aufzubegehren und eigene Wege zu finden. Knapp verliebt er sich in das schönste Mädchen der Welt. Das, was er wirklich kann, ist zeichnen. Diese ruppige wie rhythmisch schwebende Millieustudie aus der Unterschicht entwickelt sich langsam, bleibt jederzeit stimmig im Ton und erzählt staunenswert unaufgeregt von den Abgründen des Erwachsenwerdens, wo Gewalt, Armut und wenig Augenmerk für Bildung regiert.

Starke Mädchen

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Ursula Poznanski, Sabine Büchner: Die allerbeste Prinzessin, Loewe Verlag 2018 €12,95

Ein sattes, actionreiches Vorlesebilderbuch voller Kronen, Drachen und natürlich: Prinzessinnen. Die drei Schwestern treiben ihren Vater, den König, mit ihrer Wildheit und Streitleidenschaft fast in den Wahnsinn. Aber der König kommt auf eine rettende Idee. Er würde seine Prinzessinnen verheiraten, dann müsste sich einfach ein anderer mit den jungen Damen herumärgern. Auch die Prinzessinen sind hellauf begeistert und jede möchte die Hübscheste und Schönste, die Schnellste und Beste sein. Dabei überrennen sie den armen Prinzen glatt und und finden eine ganz neue Passion. Besser als hier, könnte man nicht von starken Mädchen erzählen!

Wie viele Tiere wohnen bei dir?

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Mario Ramos: Mama! Moritz Verlag 2018 € 12,95

Ein Bett, ein Bär, Bauklötze und ein Ball - es könnte so schön sein, das  Buchstabenspiel mit B, würde nicht von der Decke zum Boden ein riesiges, raumeinnehmendes Nilpferd sitzen und diese Buchstaben-Harmonie stören. Mit seinen Riesenpranken stapelt es Bauklötzchen. Sie sind numeriert. Eins, zwei, drei, vier. "Mama!" ruft der Junge an der Tür. Nein, in diesem Raum ist sie nicht zu sehen. Hier sitzt nur ein Nilpferd. Weiter also. Man folgt nun dem Jungen durch die Räume eines gut bevölkerten Hauses. Auf dem Klo sitzen zwei Löwen. Im Schlafzimmer spielen drei Giraffen, im Bad machen sich vier Krokodile frisch.  Eins, zwei, drei vier. Kannst du auch die Ziffern für diese Zahlen auf den jeweiligen Seiten finden? Wir wollen hier nicht verraten, wie das farbenintensive, tierisch lebendige Bilderbuch für die Allerkleinsten ausgeht. Das Nilpferd jedenfalls, ist vollkommen unschuldig und hat nichts zu tun, mit der ganzen Aufregung. So viel sei verraten. Und wer am Ende bis zehn zählen kann, darf noch weitermachen. Acht Schweine sitzen um den Wohnzimmertisch und versuchen sich an einem 800 Teile Puzzle. Überall fliegen die Puzzelteile herum. Herrje, was für ein Saustall! Ein wunderbar verspieltes und rundum überzeugendes Buch aus der Welt der Zahlen und Tiere, das ganz nebenbei Kinderalltag lebendig in Szene setzt.

Wie Colin, die Kung-Fu Spinne Mr. Pinguin raushaut…

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Alex T. Smith: Mr. Pinguin und der verlorene Schatz, Arena Verlag 2018 € 14.-

Die Seiten variieren in dreierlei Faben, die Schrift ist von gemütlicher Größe, die Illustrationen, entgegengesetzt zur Schrift, filigran und mit Liebe zum skurilen Detail. Mr. Pinguin hat gerade den teuren Hut mit Pfeildurchschuss erworben, das Markenzeichen jeden Abenteurers. Sein Assistenz, Colin, die Spinne, trägt über seinen buschigen Augenbrauen eine winzige Melone. In ihren zarten Spinnenbeinen stecken unerwartete Kung-Fu Kräfte. Ein herrliches Team. Als das Telefon endlich klingelt und das Abenteuer beginnt, stehen sie gerüstet bereit. Es verschlägt sie ins verstaubte Museeum der seltsamen Dinge, wo es aus ungeahnten Kellerwelten einen Schatz zu bergen gilt. Natürlich bekommen die beiden Helden es mit zwei Räubern zu tun, die gerade auf der Flucht sind und hängen bald kopfüber, am Seil gefesselt, am reißenden Wasserfall. In diesem Buch stimmt einfach alles. Ein überaus witziger und spannender Selberlese- und Vorlesegenuss. Katrin Rüger

Der Abschiedsbrief

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Dita Zipfel, Mateo Dineen: Monsta, Tulipan 2018 € 15,00

Dieses Monster schließt man sofort ins Herz: auf spillerigen Beinchen steht es da wie ein Vogel, mit fluffigem Körper wie ein Wattebausch. Der breite Mund reicht ihm von einem Ohr bis zum anderen (wenn es Ohren hätte). Auch Zähne hat es nicht grad viel. Dafür schaut es mit riesigen Glubschaugen keck in die Welt. Es scheint voller Tatendrang. "Hi" hat es ungelenk mit seinem Stift an die Wand geschrieben. Die Worte geraten ihm lautmalerisch. Monsta und Kint. Hat es gerade erst schreiben gelernt? So wie monstern? Dieses Monster, es heißt übrigens Harald, schreibt seinem Kind einen wichtigen Brief. Einen Abschiedsbrief, denn aus Monstersicht ist mit dem Kind bei dem Harald wohnt und arbeitet etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Das Buch ist eigentlich ein Klassiker. Der große Grusel wird bei genauer Betrachtung ganz klein. Das Monster müht sich, groß und gefährlich zu werden und dabei schließen wir es ins Herz. Tausendmal gelesen und immer wieder von Neuem gruselwitzig und herzerwärmend. Vor allem die Monsterillustrationen und Gruselkabriolen sind wunderbar.

Auf der Bettkante

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Moni Port: Das schlaflose Buch, Klett-Kinderbuch 2018 € 14,00

Willkommen in der blauen Stunde. Der Ruhezeit vor dem Einschlafen. Von Stöckchen auf Steinchen gleiten die Gedanken des Kindes in seinem Bett durch den Raum. Mit dem Glas Wasser in der Hand denkt es an den Blauwal im Meer. Die Zunge eines Blauwals ist so schwer wie ein ganzer Elefant. Man erfährt, ganz nebenbei, staunenswertes und das unscheinbare kleine Buch bringt immer wieder neue Fragen auf, die zum Selberdenken und philosophieren anregen. Können Tiere Freunde sein? Was war mein erster Gedanke, als ich auf die Welt kam? Genieße die Insel des Wachträumens und Denkens, wenn die Nacht dich umhüllt und du zur Ruhe kommst. Die Welt ist groß und voller Fragen. So kommt der Schlaf ganz sicher. Ein wunderbar entschleunigendes Buch für die Bettkante oder für die kuschelig warme Höhle unter der Bettdecke.

Erstes Lesen kopfüber

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Daniel Fehr, Maurizio A.C. Quarello: Wie man ein Buch liest, Jacoby & Stuart 2018 € 14.-

Kann man ein Buch richtig lesen? Oder falsch? Kinder lesen Bilder-Bücher gerne unabhängig vom Text und schwerelos kopfüber. Was aber für eine Verwirrung bei den Figuren und Dingen entsteht, wenn sie der Schwerkraft folgen würden, erzählt diese turbulente Geschichte. Die abrupte Öffnung hat Hänsel und Gretel aus dem Baum geschleudert. Nun hängen sie am Gartenzaun und turnen zum Strommasten, derweil der Leser, vermutlich, der Anweisung folgend das Buch dreht. Ein Knochen fällt Hänsel dabei aus der Hand. Erneut landen sie im Baum, auf den es nun Töpfe und Pfannen regnet. Während Hänsel und Gretel sich durch die Seiten hangeln, gesellen sich mehr und mehr bekannte Figuren hinzu: Ein Kaiser reitet nackt durchs Bild, Käpt'n Ahab versucht seinen Wal zu fangen derweil es auf der gegenüberliegenden Seite Meerwasser regnet. Nochmal gedreht und nochmal. Die Figuren geraten in einen wilden Strudel bis endlich jemand das Oben und Unten, das Links und Rechts des Buches festlegt. Welch ein Glück. Jetzt passt alles. Natürlich wissen wir schon von Anbeginn, wie man ein Buch liest, aber Hand aufs Herz: So normal ist das doch wirklich langweilig! Dies ist ein Bilderbuch zum Spaß haben, das sich mit seinen klaren Großbuchstaben auch wunderbar zum ersten Lesen eignet.

Großes Glück im Kleinen

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Michelle Cuevas, Erin E. Stead: Der Flaschenpostfinder, Fischer-Sauerländer 2018 € 16.-

Grünschimmernd liegt das Meer in der Senke. Unzählige Stufen winden sich vom Haus des Flaschenpostfinders zu ihm hinab. Die Blätter eines Baumes spielen mit den Wölkchen. Eine Kuh grast friedlich im Vordergrund. In der Ferne sieht man den Leuchtturm. Alles steht übersichtlich an seinem Platz, wenn der Flaschenpostfinder sich zur Arbeit begibt. Konzentriert geht er von seinem Boot aus auf Flaschenpostfang, um sie dann weiter zu Fuß ihren Empfängern zu überbringen. Eine Arbeit, die anderen Freude und Glück ins Haus bringt, denn diese aus der Ferne kommenden Briefe sind Schätze, die das Selbst stärken und von Freunden erzählen. So ernsthaft der Flaschenpostfinder seine Aufgabe erfüllt, ein eigener Name und Freunde sind ihm fremd. Doch als ihm ein äußerst merkwürdiger, unadressierter Brief ins Netz geht, der ihn ratlos und rastlos von Haus zu Haus laufen lässt, nimmt Unerwartetes seinen Lauf. In zarter, stiller Melancholie entwickeln sich Bilder und Text zu etwas Großem im Kleinen. Einfach und spontan, wie ein Wellenschlag, entsteht das Miteinander der Menschen.  Zwischen Tang und Seesternen, Sand und Sonnenschirmen steigt am Ende eine Party und die Menschen halten inne, feiern den Tag und sich selbst. Ruhe, Freude und Glück zieht ein und reicht von den Herzen bis zum Horizont.

Revolution ist keine Dinnerparty

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Ying Chang Compestine: Revoluton ist keine Dinnerparty, jacoby & Stuart 2018 € 15.-

Von Sommer 1972 bis Herbst 1976 beschreibt Ying Chang Compestine mit autobiografischen Zügen das Leben der kleinen Ling in China während der Kulturrevolution. Sie lebt von ihrer Familie behütet auf dem Gelände eines Krankenhauses. Ihr Vater ist ein angesehener Arzt. Der Vater unterrichtet seine Tochter neben der Schule in englischer Sprache, die er in seinem Medizinstudium in San Francisco gelernt hat. Ein Bild der Golden Gate Bridge, Sinnbild für das Verbindende, ist Vaters ganzer Stolz und auch Ling liebt dieses Bild. Als der Genosse Li das Arbeitszimmer des Vaters beschlagnahmt, ziehen Spitzelei und willkürliche Gewalt unmittelbar ins Haus ein. Die Golden Gate Bridge wird hinter einem Bild von Mao Zedong versteckt. Das Leben verstummt, Erinnerungen, Fotoalben und Briefe werden aus Angst verbrannt. Geliebte Nachbaren kommen in Umerziehungslager, der Vater verliert seinen Beruf und wird erst zum Putzmann im Krankenhaus degradiert und dann ins Gefängnis gesteckt. Plakate, Parolen, Spruchbänder und Lautsprecher schreien die Botschaft Mao Zedongs in die Welt. Für Ling bleiben diese Worte fremd und abstoßend. Sie widersprechen in allem dem, was sie täglich sieht und körperlich erfährt. Strom und Lebensmittel werden rationiert und sind bald gar nicht mehr zu bekommen, Menschen werden gedemütigt, verletzt, verschleppt und ermordet. Revolution ist ein brutales und blutiges Geschäft, weit entfernt von rechtem und gerechtem Miteinander und ganz wie im Krieg weiß am Ende weiß bald keiner mehr, wo die Seite der Sieger ist. Compestine erzählt eindringlich, gut verständlich und emotionsstark. Ihre zu Herz gehende Geschichte erzählt von den Menschen, von ihrem Alltag und ist in vielen Dingen selbsterklärend. Sie kommt mit minimalen politschen Erklärungen und Fussnoten aus. 10 Jahre nach dem Erscheinen der englischen Erstausgabe hat dieser Roman nichts eingebüßt. Er bleibt lesenswert.

Wenn die Maus auf dem Tisch tanzt – Märchenfantasie und Vorlesespaß

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Mac Barnett, Jon Klassen: Der Wolf, die Ente & die Maus, Nord-Süd Verlag 2018 € 15.-

Im ersten Satz ist die Welt noch in Ordnung. Ohne viel Aufheben verschlingt der Wolf eine Maus. Märchenerprobte ahnen sofort, dass dieses Ende nur der Anfang einer verrückten  Geschichte sein kann. Im Magen des Wolfes ist es zappenduster und die Maus bringt eine empörte Ente um ihren Schlaf. Beim Frühstück freunden sie sich an und bald ist die Party in feinstem Gang. Sie macht dem Wolf Magengrimmen und er spuckt Ente und Maus wieder aus, was die beiden mächtig empört. Natürlich hat es ein Jäger auf den Wolf abgesehen. Unerschrocken nehmen sie den Kampf um ihr Zuhause auf und retten dem Wolf das Leben. Das dies noch nicht das Ende ist, versteht sich von selbst. Barnett baut die Geschichte von unmissverständlicher Logik in einfachsten Sätzen und mit großem Spaßfaktor. Klassen inszeniert seine Bilder dazu bodenständig erdig, temporeich dynamisch und licht zugleich, dass jede Seite und jede Wendung der Geschichte einfach staunen lässt. Ein märchenhaft gelunger Vorlesespaß für Vorleser und Zuhörer.

Fairer Streit auf Augenhöhe

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Jörg Mühle: Zwei für mich, einer für dich, Moritz Verlag 2018 € 12,95

Bär und Wiesel sind nicht auf den Mund gefallen. Mit ihren dreizinkigen Forken fuchtelnd verhandeln sie, wem der dritte Pilz zusteht. Wie aus der Pistole geschossen treffen sich ihre Argumente in der Mitte auf dem karierten Tischtuch. Und wo zwei sich streiten, freut sich am Ende der Dritte. Der Klassiker aller Streits entfaltet sich am Fuße der Bäume zwischen Herbstlaub, minmalistisch und detailreich zugleich, energiegeladen und witzig. An den Baumstämmen haben sich der große Bär und das kleine Wiesel ihr Zuhause eingerichtet. Hier gibt es viel zu entdecken. Eine Küche wie zu Omas Zeiten, die Pfannen und das Sieb hängen an Ästen wie auch das Bild über der Kommodo. Darauf, geheimnisvoll, in einer mit einem Tuch abgedeckten Schale, der Nachtisch. Im Hintergrund hängt der Spiegel der Garderobe und Bärs große Umhängetasche, in der er wohl die Pilze transportiert hat. Am Tisch sitzt Bär auf einem Baumstamm. Mit seiner Größe reicht er leicht über den ganzen Tisch. Das Wiesel beherrscht diesen Raum genauso wenn es auf seinem feuerroten Trip Trap Kinderstuhl steht. So begegnen sich Groß und Klein argumentativ wie räumlich auf Augenhöhe und in der lustigen Konfrontation schwingt eindrucksvoll Ernsthaftigkeit und Gemeinsamkeit mit, die in eine faire Auseinandersetzung mündet.  Mühle zaubert mit leichem Strich ein Lieblings- und Herzensbuch, das auch als Geschwisterbuch die perfekte Wahl ist.

Liebe in zarter Dosis

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Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen, Thienemann 2018 € 15.-

In kurzen Kapiteln, mit wenigen Worten von großer Strahlkraft, entfacht Herrick eine Geschichte von ungeahnter Intensität mit großer Sogwirkung, ein beeindruckendes, poetisches Feuerwerk. Harry wird Ende der 60er Jahre in einem kleinen Ort am Ufer eines Flusses groß. Das Leben der Menschen hier ist einfach, trist, schicksalsergeben und gottesfürchtig. Nach dem Tod seiner Mutter wird ein Orangenkuchen Spache, da wo es keine Worte gibt, ein Höchstmaß von Anteilnahme und Harry schmeckt in ihm das Himmelreich. Ohne ihre Mutter erschließen sich Harry und sein Bruder Keith als stille Beobachter die Welt. Sie putzen, sie kochen, sie entdecken das Leben, die Liebe und am Ende sich selbst. Ganz wunderbar zart und in kleinen Dosen steckt in diesem kurzen Text alles was die Welt bewegt. Gerade für das Unscheinbare findet Harry eigenwillige Sinnzusammenhänge und eine Sprache bei der man, dank der großartigen Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn, nach jedem schwungvollen Absatz innehalten muss, um sie sich auf der Zunge zergehen zu lassen.