Millieustudie aus der Unterschicht

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Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton, Kunstmann Verlag 2018 € 18.-

Lemar, genannt Liccle Bit und seine jugendlichen Kumpels, fast noch Kinder, stecken einfach mittendrin, zwischen rivalisieren Banden, Handlangern und Bossen, denen man kleine Dienste kaum abschlagen kann. Zumal Geld winkt, von dem hier jeder träumt. Lemar lebt auf engstem Raum mit seiner Familie, der Mutter, der Oma, der Schwester samt Säugling, dessen Vater ausgerechnet Manjaro ist, einer der führenden Bosse im Viertel. Sein eigener Vater lebt bei seiner neuen Familie. Lemar besucht ihn und seine schwerkranke Halbschwester unter Protest der Mutter alle 14 Tage. Auseinandersetzungen in alle Richtungen sind vorprogrammiert. Lemar sucht seine Richtung durch das Labyrinth der Straße zu finden, zu verstehen, sich mal zu arrangieren, mal aufzubegehren und eigene Wege zu finden. Knapp verliebt er sich in das schönste Mädchen der Welt. Das, was er wirklich kann, ist zeichnen. Diese ruppige wie rhythmisch schwebende Millieustudie aus der Unterschicht entwickelt sich langsam, bleibt jederzeit stimmig im Ton und erzählt staunenswert unaufgeregt von den Abgründen des Erwachsenwerdens, wo Gewalt, Armut und wenig Augenmerk für Bildung regiert.

Starke Mädchen

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Ursula Poznanski, Sabine Büchner: Die allerbeste Prinzessin, Loewe Verlag 2018 €12,95

Ein sattes, actionreiches Vorlesebilderbuch voller Kronen, Drachen und natürlich: Prinzessinnen. Die drei Schwestern treiben ihren Vater, den König, mit ihrer Wildheit und Streitleidenschaft fast in den Wahnsinn. Aber der König kommt auf eine rettende Idee. Er würde seine Prinzessinnen verheiraten, dann müsste sich einfach ein anderer mit den jungen Damen herumärgern. Auch die Prinzessinen sind hellauf begeistert und jede möchte die Hübscheste und Schönste, die Schnellste und Beste sein. Dabei überrennen sie den armen Prinzen glatt und und finden eine ganz neue Passion. Besser als hier, könnte man nicht von starken Mädchen erzählen!

Wie viele Tiere wohnen bei dir?

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Mario Ramos: Mama! Moritz Verlag 2018 € 12,95

Ein Bett, ein Bär, Bauklötze und ein Ball - es könnte so schön sein, das  Buchstabenspiel mit B, würde nicht von der Decke zum Boden ein riesiges, raumeinnehmendes Nilpferd sitzen und diese Buchstaben-Harmonie stören. Mit seinen Riesenpranken stapelt es Bauklötzchen. Sie sind numeriert. Eins, zwei, drei, vier. "Mama!" ruft der Junge an der Tür. Nein, in diesem Raum ist sie nicht zu sehen. Hier sitzt nur ein Nilpferd. Weiter also. Man folgt nun dem Jungen durch die Räume eines gut bevölkerten Hauses. Auf dem Klo sitzen zwei Löwen. Im Schlafzimmer spielen drei Giraffen, im Bad machen sich vier Krokodile frisch.  Eins, zwei, drei vier. Kannst du auch die Ziffern für diese Zahlen auf den jeweiligen Seiten finden? Wir wollen hier nicht verraten, wie das farbenintensive, tierisch lebendige Bilderbuch für die Allerkleinsten ausgeht. Das Nilpferd jedenfalls, ist vollkommen unschuldig und hat nichts zu tun, mit der ganzen Aufregung. So viel sei verraten. Und wer am Ende bis zehn zählen kann, darf noch weitermachen. Acht Schweine sitzen um den Wohnzimmertisch und versuchen sich an einem 800 Teile Puzzle. Überall fliegen die Puzzelteile herum. Herrje, was für ein Saustall! Ein wunderbar verspieltes und rundum überzeugendes Buch aus der Welt der Zahlen und Tiere, das ganz nebenbei Kinderalltag lebendig in Szene setzt.

Wie Colin, die Kung-Fu Spinne Mr. Pinguin raushaut…

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Alex T. Smith: Mr. Pinguin und der verlorene Schatz, Arena Verlag 2018 € 14.-

Die Seiten variieren in dreierlei Faben, die Schrift ist von gemütlicher Größe, die Illustrationen, entgegengesetzt zur Schrift, filigran und mit Liebe zum skurilen Detail. Mr. Pinguin hat gerade den teuren Hut mit Pfeildurchschuss erworben, das Markenzeichen jeden Abenteurers. Sein Assistenz, Colin, die Spinne, trägt über seinen buschigen Augenbrauen eine winzige Melone. In ihren zarten Spinnenbeinen stecken unerwartete Kung-Fu Kräfte. Ein herrliches Team. Als das Telefon endlich klingelt und das Abenteuer beginnt, stehen sie gerüstet bereit. Es verschlägt sie ins verstaubte Museeum der seltsamen Dinge, wo es aus ungeahnten Kellerwelten einen Schatz zu bergen gilt. Natürlich bekommen die beiden Helden es mit zwei Räubern zu tun, die gerade auf der Flucht sind und hängen bald kopfüber, am Seil gefesselt, am reißenden Wasserfall. In diesem Buch stimmt einfach alles. Ein überaus witziger und spannender Selberlese- und Vorlesegenuss. Katrin Rüger

Der Abschiedsbrief

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Dita Zipfel, Mateo Dineen: Monsta, Tulipan 2018 € 15,00

Dieses Monster schließt man sofort ins Herz: auf spillerigen Beinchen steht es da wie ein Vogel, mit fluffigem Körper wie ein Wattebausch. Der breite Mund reicht ihm von einem Ohr bis zum anderen (wenn es Ohren hätte). Auch Zähne hat es nicht grad viel. Dafür schaut es mit riesigen Glubschaugen keck in die Welt. Es scheint voller Tatendrang. "Hi" hat es ungelenk mit seinem Stift an die Wand geschrieben. Die Worte geraten ihm lautmalerisch. Monsta und Kint. Hat es gerade erst schreiben gelernt? So wie monstern? Dieses Monster, es heißt übrigens Harald, schreibt seinem Kind einen wichtigen Brief. Einen Abschiedsbrief, denn aus Monstersicht ist mit dem Kind bei dem Harald wohnt und arbeitet etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Das Buch ist eigentlich ein Klassiker. Der große Grusel wird bei genauer Betrachtung ganz klein. Das Monster müht sich, groß und gefährlich zu werden und dabei schließen wir es ins Herz. Tausendmal gelesen und immer wieder von Neuem gruselwitzig und herzerwärmend. Vor allem die Monsterillustrationen und Gruselkabriolen sind wunderbar.

Auf der Bettkante

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Moni Port: Das schlaflose Buch, Klett-Kinderbuch 2018 € 14,00

Willkommen in der blauen Stunde. Der Ruhezeit vor dem Einschlafen. Von Stöckchen auf Steinchen gleiten die Gedanken des Kindes in seinem Bett durch den Raum. Mit dem Glas Wasser in der Hand denkt es an den Blauwal im Meer. Die Zunge eines Blauwals ist so schwer wie ein ganzer Elefant. Man erfährt, ganz nebenbei, staunenswertes und das unscheinbare kleine Buch bringt immer wieder neue Fragen auf, die zum Selberdenken und philosophieren anregen. Können Tiere Freunde sein? Was war mein erster Gedanke, als ich auf die Welt kam? Genieße die Insel des Wachträumens und Denkens, wenn die Nacht dich umhüllt und du zur Ruhe kommst. Die Welt ist groß und voller Fragen. So kommt der Schlaf ganz sicher. Ein wunderbar entschleunigendes Buch für die Bettkante oder für die kuschelig warme Höhle unter der Bettdecke.

Erstes Lesen kopfüber

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Daniel Fehr, Maurizio A.C. Quarello: Wie man ein Buch liest, Jacoby & Stuart 2018 € 14.-

Kann man ein Buch richtig lesen? Oder falsch? Kinder lesen Bilder-Bücher gerne unabhängig vom Text und schwerelos kopfüber. Was aber für eine Verwirrung bei den Figuren und Dingen entsteht, wenn sie der Schwerkraft folgen würden, erzählt diese turbulente Geschichte. Die abrupte Öffnung hat Hänsel und Gretel aus dem Baum geschleudert. Nun hängen sie am Gartenzaun und turnen zum Strommasten, derweil der Leser, vermutlich, der Anweisung folgend das Buch dreht. Ein Knochen fällt Hänsel dabei aus der Hand. Erneut landen sie im Baum, auf den es nun Töpfe und Pfannen regnet. Während Hänsel und Gretel sich durch die Seiten hangeln, gesellen sich mehr und mehr bekannte Figuren hinzu: Ein Kaiser reitet nackt durchs Bild, Käpt'n Ahab versucht seinen Wal zu fangen derweil es auf der gegenüberliegenden Seite Meerwasser regnet. Nochmal gedreht und nochmal. Die Figuren geraten in einen wilden Strudel bis endlich jemand das Oben und Unten, das Links und Rechts des Buches festlegt. Welch ein Glück. Jetzt passt alles. Natürlich wissen wir schon von Anbeginn, wie man ein Buch liest, aber Hand aufs Herz: So normal ist das doch wirklich langweilig! Dies ist ein Bilderbuch zum Spaß haben, das sich mit seinen klaren Großbuchstaben auch wunderbar zum ersten Lesen eignet.

Großes Glück im Kleinen

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Michelle Cuevas, Erin E. Stead: Der Flaschenpostfinder, Fischer-Sauerländer 2018 € 16.-

Grünschimmernd liegt das Meer in der Senke. Unzählige Stufen winden sich vom Haus des Flaschenpostfinders zu ihm hinab. Die Blätter eines Baumes spielen mit den Wölkchen. Eine Kuh grast friedlich im Vordergrund. In der Ferne sieht man den Leuchtturm. Alles steht übersichtlich an seinem Platz, wenn der Flaschenpostfinder sich zur Arbeit begibt. Konzentriert geht er von seinem Boot aus auf Flaschenpostfang, um sie dann weiter zu Fuß ihren Empfängern zu überbringen. Eine Arbeit, die anderen Freude und Glück ins Haus bringt, denn diese aus der Ferne kommenden Briefe sind Schätze, die das Selbst stärken und von Freunden erzählen. So ernsthaft der Flaschenpostfinder seine Aufgabe erfüllt, ein eigener Name und Freunde sind ihm fremd. Doch als ihm ein äußerst merkwürdiger, unadressierter Brief ins Netz geht, der ihn ratlos und rastlos von Haus zu Haus laufen lässt, nimmt Unerwartetes seinen Lauf. In zarter, stiller Melancholie entwickeln sich Bilder und Text zu etwas Großem im Kleinen. Einfach und spontan, wie ein Wellenschlag, entsteht das Miteinander der Menschen.  Zwischen Tang und Seesternen, Sand und Sonnenschirmen steigt am Ende eine Party und die Menschen halten inne, feiern den Tag und sich selbst. Ruhe, Freude und Glück zieht ein und reicht von den Herzen bis zum Horizont.

Revolution ist keine Dinnerparty

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Ying Chang Compestine: Revoluton ist keine Dinnerparty, jacoby & Stuart 2018 € 15.-

Von Sommer 1972 bis Herbst 1976 beschreibt Ying Chang Compestine mit autobiografischen Zügen das Leben der kleinen Ling in China während der Kulturrevolution. Sie lebt von ihrer Familie behütet auf dem Gelände eines Krankenhauses. Ihr Vater ist ein angesehener Arzt. Der Vater unterrichtet seine Tochter neben der Schule in englischer Sprache, die er in seinem Medizinstudium in San Francisco gelernt hat. Ein Bild der Golden Gate Bridge, Sinnbild für das Verbindende, ist Vaters ganzer Stolz und auch Ling liebt dieses Bild. Als der Genosse Li das Arbeitszimmer des Vaters beschlagnahmt, ziehen Spitzelei und willkürliche Gewalt unmittelbar ins Haus ein. Die Golden Gate Bridge wird hinter einem Bild von Mao Zedong versteckt. Das Leben verstummt, Erinnerungen, Fotoalben und Briefe werden aus Angst verbrannt. Geliebte Nachbaren kommen in Umerziehungslager, der Vater verliert seinen Beruf und wird erst zum Putzmann im Krankenhaus degradiert und dann ins Gefängnis gesteckt. Plakate, Parolen, Spruchbänder und Lautsprecher schreien die Botschaft Mao Zedongs in die Welt. Für Ling bleiben diese Worte fremd und abstoßend. Sie widersprechen in allem dem, was sie täglich sieht und körperlich erfährt. Strom und Lebensmittel werden rationiert und sind bald gar nicht mehr zu bekommen, Menschen werden gedemütigt, verletzt, verschleppt und ermordet. Revolution ist ein brutales und blutiges Geschäft, weit entfernt von rechtem und gerechtem Miteinander und ganz wie im Krieg weiß am Ende weiß bald keiner mehr, wo die Seite der Sieger ist. Compestine erzählt eindringlich, gut verständlich und emotionsstark. Ihre zu Herz gehende Geschichte erzählt von den Menschen, von ihrem Alltag und ist in vielen Dingen selbsterklärend. Sie kommt mit minimalen politschen Erklärungen und Fussnoten aus. 10 Jahre nach dem Erscheinen der englischen Erstausgabe hat dieser Roman nichts eingebüßt. Er bleibt lesenswert.

Wenn die Maus auf dem Tisch tanzt – Märchenfantasie und Vorlesespaß

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Mac Barnett, Jon Klassen: Der Wolf, die Ente & die Maus, Nord-Süd Verlag 2018 € 15.-

Im ersten Satz ist die Welt noch in Ordnung. Ohne viel Aufheben verschlingt der Wolf eine Maus. Märchenerprobte ahnen sofort, dass dieses Ende nur der Anfang einer verrückten  Geschichte sein kann. Im Magen des Wolfes ist es zappenduster und die Maus bringt eine empörte Ente um ihren Schlaf. Beim Frühstück freunden sie sich an und bald ist die Party in feinstem Gang. Sie macht dem Wolf Magengrimmen und er spuckt Ente und Maus wieder aus, was die beiden mächtig empört. Natürlich hat es ein Jäger auf den Wolf abgesehen. Unerschrocken nehmen sie den Kampf um ihr Zuhause auf und retten dem Wolf das Leben. Das dies noch nicht das Ende ist, versteht sich von selbst. Barnett baut die Geschichte von unmissverständlicher Logik in einfachsten Sätzen und mit großem Spaßfaktor. Klassen inszeniert seine Bilder dazu bodenständig erdig, temporeich dynamisch und licht zugleich, dass jede Seite und jede Wendung der Geschichte einfach staunen lässt. Ein märchenhaft gelunger Vorlesespaß für Vorleser und Zuhörer.

Fairer Streit auf Augenhöhe

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Jörg Mühle: Zwei für mich, einer für dich, Moritz Verlag 2018 € 12,95

Bär und Wiesel sind nicht auf den Mund gefallen. Mit ihren dreizinkigen Forken fuchtelnd verhandeln sie, wem der dritte Pilz zusteht. Wie aus der Pistole geschossen treffen sich ihre Argumente in der Mitte auf dem karierten Tischtuch. Und wo zwei sich streiten, freut sich am Ende der Dritte. Der Klassiker aller Streits entfaltet sich am Fuße der Bäume zwischen Herbstlaub, minmalistisch und detailreich zugleich, energiegeladen und witzig. An den Baumstämmen haben sich der große Bär und das kleine Wiesel ihr Zuhause eingerichtet. Hier gibt es viel zu entdecken. Eine Küche wie zu Omas Zeiten, die Pfannen und das Sieb hängen an Ästen wie auch das Bild über der Kommodo. Darauf, geheimnisvoll, in einer mit einem Tuch abgedeckten Schale, der Nachtisch. Im Hintergrund hängt der Spiegel der Garderobe und Bärs große Umhängetasche, in der er wohl die Pilze transportiert hat. Am Tisch sitzt Bär auf einem Baumstamm. Mit seiner Größe reicht er leicht über den ganzen Tisch. Das Wiesel beherrscht diesen Raum genauso wenn es auf seinem feuerroten Trip Trap Kinderstuhl steht. So begegnen sich Groß und Klein argumentativ wie räumlich auf Augenhöhe und in der lustigen Konfrontation schwingt eindrucksvoll Ernsthaftigkeit und Gemeinsamkeit mit, die in eine faire Auseinandersetzung mündet.  Mühle zaubert mit leichem Strich ein Lieblings- und Herzensbuch, das auch als Geschwisterbuch die perfekte Wahl ist.

Liebe in zarter Dosis

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Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen, Thienemann 2018 € 15.-

In kurzen Kapiteln, mit wenigen Worten von großer Strahlkraft, entfacht Herrick eine Geschichte von ungeahnter Intensität mit großer Sogwirkung, ein beeindruckendes, poetisches Feuerwerk. Harry wird Ende der 60er Jahre in einem kleinen Ort am Ufer eines Flusses groß. Das Leben der Menschen hier ist einfach, trist, schicksalsergeben und gottesfürchtig. Nach dem Tod seiner Mutter wird ein Orangenkuchen Spache, da wo es keine Worte gibt, ein Höchstmaß von Anteilnahme und Harry schmeckt in ihm das Himmelreich. Ohne ihre Mutter erschließen sich Harry und sein Bruder Keith als stille Beobachter die Welt. Sie putzen, sie kochen, sie entdecken das Leben, die Liebe und am Ende sich selbst. Ganz wunderbar zart und in kleinen Dosen steckt in diesem kurzen Text alles was die Welt bewegt. Gerade für das Unscheinbare findet Harry eigenwillige Sinnzusammenhänge und eine Sprache bei der man, dank der großartigen Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn, nach jedem schwungvollen Absatz innehalten muss, um sie sich auf der Zunge zergehen zu lassen.

Geheimnisvoller Dschungel

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Eliot Schrefer: Caldera 01: Die Wächter des Dschungels, Thienemann Verlag 2018 € 14,99

Das Buch von Eliot Schrefer spielt in einem Dschungel, wo Tag und Nacht durch einen Schleier getrennt sind. Tiere, die in der Nacht leben, können am Tag nicht aufwachen und anders herum. Auf der nächtlichen Seite wachsen das Panthermädchen Mati mit ihrer Schwester Chumbay bei ihrer Tante Usha  und deren Jungen auf. Mati ist anders. Sie kann am Tag aufwachen. Als eines Tages ihre Schwester angegriffen wird, tut sie alles, um sie zu retten. Ich finde das Buch geheimnisvoll und ein bisschen gruselig, da Mati oft allein im Dschungel ist und nicht nur normale, sondern auch magische Tiere vorkommen. Lea, 11 Jahre

Oma ist immer nah

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Anna Lott, Nikolai Renger: Eine Oma für Fridolina, Arena Verlag 2018 €10,00

Mist, wenn alle am Omatag im Kindergarten die coolsten Omas mitbringen, nur Fridolina hat keine mehr. Ihre Omas wohnen lange schon ganz tief unter der Erde. Fridolinas Freund Henry hat sogar fünf Omas, darunter eine Uroma. Er würde sie verleihen, aber keine davon möchte Fridolina sich ausborgen. Diese Vorlesegeschichte kommt zunächst recht witzig und locker daher und doch findet sie am Ende eine ernsthafte, kluge und sehr stimmige Lösung. Auch wenn Fridolinas Oma nicht mehr lebt, so hat ihre Mama doch die Ohren von ihr geerbt und sie an Fridolina weiter gegeben. Auf alten Fotos lacht Oma als Kind wie heute Fridolinas Bruder. Je mehr Fridolina forscht umso mehr entdeckt sie stille Verbindungen zu ihrer Oma, die sie nie kennen lernte. Mama sagt, Oma wohnt in ihrem Herzen - ein tröstlich gemeinter Spruch, der hier aber zum Leben erwacht, greifbar wird und ein wenig richtig glücklich macht.

Eisprinzessin

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Tillie Walden: Pirouetten, Reprodukt 2018 €29.-

Das Eisprinzessinnendasein ist hart und unromantisch. Tillie Walden spielt in Bild und Text ihrer graphic novel ein eindringliches Doppelspiel.  Autobiografisch erzählt sie von von vielen Trainingsstunden auf dem Eis, am Morgen vor Schulbeginn und am Nachmittag beim Synkronlaufen. Der Wecker klingelt um 4:00 früh. Die morgentliche Kälte des Eises erzeugt Atemwölkchen. Sie kriecht dem Betrachter der Bilder unmerklich unter die Haut und steht im Widerspruch zu dem Gefühl, welches die Eleganz dahingleitender Körper erzeugt. Die jungen Mädchen spannen ihre Muskeln für diese und jene Figur. Später werden sie, alle gleich in Frisur und Kostüm, zur rhytmischen Einheit verschmelzen, der blasse Teint puppenhaft aufgehübscht, mit nichts als dünner Strumpfhose und und kurzem Röckchendress. Unterhose oder BH tragen zu sehr auf. Tillie liebt es, auf der still und unberührt daliegenden Eisfläche die ersten Kratzer zu ziehen. Der Dreisprung war ein schönes Gefühl, die Schraubenpirouette hat sie gehasst,die Waagepirouette erzeugte Schwindel, der Lutz war ein ekelhafter Sprung doch mit dem Flieger glaubte sie in die Ewigkeit zu gleiten - warum bleibt sie dabei? Tillie Walden plaziert in ihren nach außen so minutiös dressiert erscheinende Körper eine überbordende Menge an Gefühlen, deren Strahlkraft sie über das Eis mit sich zieht wie die Atemwolken.  Am Rande von Müdigkeit und Erschöpfung sucht sie vehement nach Wärme und Anerkennung. Nach Liebe. Sie fühlt sich zu den Mädchen hingezogen. Das spürt sie schon ganz früh. Es bleibt lange ihr bestgehütetes Geheimnis. Ihr Coming Out am Ende gestaltet sich schmerzhafter als ein vertaner Sieg. Es gibt Geschichten, die schwer in Worte zu fassen sind. In dieser gelungenen graphic novel braucht es sie nicht. Fliehende Räume, helldunkel Spiel, Bildauschnitte, Körperhaltung, Gesichtsaudrücke und viele aufs Wesentliche reduzierte Details lassen einen Sog entstehen, der nicht besser von jugendlicher Lebendigkeit erzählen könnte.

Durchs Tor ins Darknet

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Christian Linker: Scriptkid. Erpresst im Darknet, dtv 2018 € 6,95

Short & easy. Zille ist über den Torbrowser ins Darknet gerutscht und entdeckt den Marktplatz scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten. Vielleicht wollte sie es Leo zeigen, dessen Machosprüche sie nerven, vielleicht war sie einfach neugierig. Nun steckt sie mitten drin. Die Coderätsel der Hacker fordern sie heraus, die Gedanken über Schein und Sein dieser virtuellen Welt streifen sie nur am Rande. Auch an den Konflikt mit dem Gesetz, welches sie als Newcommer Hackerin  herausfordert, verschwendet sie vorerst keine Gedanken. Linker erzählt schnell mit nötigem Detailwissen, welches ebenso spannend ist, wie die Geschichte selbst, die sich wendet wie ein Fisch im Wasser. Eine perfekte, kurzweilige Klassenlektüre im Angesicht allgegenwärtiger Digitalisierung.

Mitteilen ohne Sprache

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Penny Joelson: Ein kleines Wunder würde reichen, Fischer Verlag 2018 € 16,99

Nichts sagen zu können, sich nicht bewegen zu können und nichts zu tun, das können wir uns als gesunde Menschen nicht vorstellen. Doch die Hauptperson in diesem Buch, Jemma, ist es anders nicht gewohnt. Seit sie auf der Welt ist, sitzt sie im Rollstuhl, jeder nimmt Rücksicht auf sie und kümmert sich um sie. Besonders ihre Betreuerin Sarah. Als Jemma mitbekommt, dass ein ihr bekannter Junge getötet wurde und kurz darauf der Freund von Sarah ihr ein düsteres Geheimnis verrät, ist das Mädchen in Aufruhr. Am liebsten würde sie ihrer Familie alles erzählen, doch das geht nicht. Jemma kann nicht sprechen. Zu der ganzen Aufregung hinzu stellt sich heraus, dass Jemma noch eine Schwester hat, die ebenfalls adoptiert wurde. Wie kann ein Kennenlernen gelingen, wenn Jemma sich nicht mitteilen kann? Hilfe bekommt sie mittels einer Maschine, mit der man sich durch Schniefen mitteilen kann. Während Jemma übt mit ihrer Schwester zu reden, verschwindet ihre Betreuerin spurlos. Jemma weiß, was passiert sein könnte. Um ihre Gedanken verständlich zu machen, braucht sie Kraft und die Hilfe ihrer Familie.

Wenn sich plötzlich alles ändert

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Stephanie Höfler: Der große schwarze Vogel, Beltz & Gelberg 2018 € 13,95

Ben ist erst 14 als seine Mutter an plötzlichem Herzstillstand verstirbt. Seine Mutter, die eine so lebendige und lebensfrohe Frau gewesen war, welche es liebte lauten Jazz mitzugrölen, durch den Wald zu spazieren und Bäume zu umarmen.Ihr Tod lässt die Familie auseinanderfallen: Bens Vater verkriecht sich in der Wohnung und wird zu einer leblosen Hülle, gefangen in Trauer und Verzweiflung, der sechsjährige Karl reißt immer wieder von Zuhause aus und Ben selbst findet keinen Weg seine Trauer zu spüren, geschweige denn heraus zu lassen. Während das Leben weiter geht, schwankt er zwischen Erinnerungen und Akzeptanz und lernt dabei die wunderschöne Lina kennen, welche auch einige traurige Erfahrungen mit dem Tod gemacht hat.

Mit allen Sinnen zwischen virtuellen und realen Welten

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June Perry: White Maze, Arena Verlag 2018 € 18,00

Vivian Tallert, Tochter der millionenschweren Game-Entwicklerin Sofia Tallert, führt ein rundum verwöhntes Luxusleben: Dank ihrer High-Tech-Linsen kann sie in eine neue, virtuelle Realität eintauchen und dort mit ihren Freunden chatten. Den Tag verbringt sie am Pool liegend und imaginäre Cocktails schlürfend oder Designerstücke shoppend in der Stadt. Erst als sich seltsame Vorfälle häufen und Sofia Tallert einem überraschendem Herzinfarkt unterliegt, beginnt Vivian die vergangenen Geschehnisse genau unter die Lupe zu nehmen. Am Morgen der Tragödie schenkte Vivians Mutter ihr noch die ersten Testausgaben der von ihr entwickelten "Lucent-Linsen", welche den Komfort besitzen ihre Nutzer alle fünf Sinne wahrnehmen zu lassen. Dank ihnen ist es möglich, einen nicht vorhandenen Sand unter den Füßen zu spüren, den Geschmack eines Milkshakes in einer selbst kreierten Welt zu genießen. Doch Sofia erkannte, dass sich jemand Zugang zu ihren Meisterwerken verschafft hatte und die harmlose Traumwelt der Linsen in ein tödliches Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt, verwandelt hatte. Für Vivian ist klar, dass ihre Mutter nicht des natürlichen Todes starb und ist besessen davon, die Wahrheit herauszufinden und den Mord an ihrer Mutter zu rächen. Schließlich heuert sie Tom, den Schulhacker, an und es entwickelt sich eine innige Verbindung zwischen den Beiden. Da Viv nirgends hin kann, bringt Tom sie in ein geheimes Lager, in welchem er und seine Hacker-Bande wohnen. Die Crew setzt alles daran, die manipulierten Linsen aufzuhalten und die Menschheit vor einem großen Unglück zu bewahren. Doch um den Mörder ihrer Mutter aufzuhalten, muss sie selbst die virtuelle Realität der Lucent-Linsen betreten und ist ihm somit schutzlos ausgeliefert. Kann sie ihren eigenen Sinnen, ihrem eigenen Körper überhaupt noch trauen? Und wie viel ist Vivian bereit für den Schutz der Menschheit zu riskieren? Ein rasanter Wettlauf gegen die Zeit beginnt.