Welche Bilder und welche Sprache können unsere Zukunft beschreiben?

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Philipp Bloom: Das große Welttheater, Zsolnay Verlag 2020 € 18,00

Es geht um nichts weniger als unseren Krieg gegen die Zukunft, den wir natürlich gewinnen, da der Gegner noch durch Abwesenheit glänzt. Die Welt wahrzunehmen bedarf es Bilder und eine Sprache. Wie der Mensch sein Bild von sich als Gottes Ebenbild im Zentrum der Welt entthronte und wie das Bild unserer Zukunft im Strom unseres Bewusstseins aussehen könnte, umspielt Blom mit süffisanter Leichtigkeit und informativem Tiefgang. Er öffnet den Blick auf das menschliche Bewusstsein, welches durch Erzählen, Vorstellen und Kommunikation seine Form gewinnt. Dabei führt er seine Leser vom Drehmoment der Welt zu Diderot, der kleinen Eiszeit und dem berühmten freudschen Hinterstübchen, dem wir nicht Herr zu werden scheinen, zu Debatten über Menschrechte und Freiheitsräume. Ein tänzelnder Rundumblick ohne belehrend zu sein. Eine schmale, kurzweilige, vielschichtige Lektüre, ein voller Lesegenuss, der Denkanstöße bereithält.

Entlarvung, Fettrüsten und Katzen in Ketten

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Jan Mohnhaupt: Tiere im Nationalsozialismus, Hanser Verlag 2020 € 22.-

Tiere leben mit Menschen. Manchen schenken wir unser Vertrauen. Sie verrichten Arbeit und sind Nahrungsquelle, Begleiter und treue Freunde. Tiere erobern unser Herz. Der Umgang mit einem Tier ist selbstverständlich und alltäglich. Wie sich die Nationalsozialisten gerade diesem Tier-Mensch Verhältnis angenommen und ihre Ideologie damit bis in den letzten Winkel aller Haushalte positioniert haben, belegt Jan Mohnhaupt kenntnisreich in diesem Sachbuch. Schon in seinem ersten Buch Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit mit Pandas nachrüstete trug Mohnhaupt zusammen, wie mit Berliner Zoos Politik gemacht wurde. In Tiere im Nationalsozialismus geht er einen Schritt weiter und nimmt sich Tieren und Menschen im privaten Lebensbereich an, und zeigt dabei auch die Synergien zwischen nationalsozialistischer Politik, ideologischer Wissenschaft und Erziehung auf.

Fast wie Fliegen, nur schöner

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Elmar Dorigatti: Die Welt der Seilbahnen, Folio Verlag 2020 € 20.-

Moderne Seilbahstationen glänzen heute, futuristischen Käfern gleich, auf Gipfelnähe in der Sonne. Verglaste Gondeln schweben federleicht hinauf. Mühelos fassen sie 50 Personen. Kein Berg scheint zu hoch und zu steil, kein Abgrund zu tief. Seilbahnen sind ein Wunderwerk der Ingenieurskunst. Das wird bei der Betrachtung dieses spektakulär bebilderten Bandes gleich klar. Seilbahntypen sind mannigfaltig und auf der ganzen Welt zu finden. Sie reichen im Alpenraum von kleinen Tellerliften am Skihang über die Zahnradbahn zur Zugspitze bis hin zu bequemen Gondeln, die in luftiger Höhe eine aussichtsreiche Reise auf den Berggipfel versprechen. Bei mancher Fahrt braucht es dabei Nerven wie Stahlseile.

22. Oktober 2020, 19:30 Uhr: Palastschätze Live – Ulrike Herrmann „Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen“

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Ulrike Herrmann: Deutschland ein Wirtschaftsmärchen, Westend Verlag 2019 € 24.-

Die Bundesrepublik gehört zu den reichsten Ländern Europas. Wie die Wirtschaft im Nachkriegsdeutschland ihren Aufschwung nahm, wie der Stolz auf eine starke D-Mark, hohe Exportüberschüsse und eine Sparpolitik sich kontraproduktiv auswirkten und warum in der sozialen Marktwirtschaft auch damals schon die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer wurden, erzählt Herrmann in Funken sprühender Lebendigkeit. Sie entzaubert Ludwig Erhard und fühlt Bundeskanzlern sowie Entscheidungsträgern von Zahlungsunion bis Bundesbank auf den Zahn.

Die Wahrhaftigkeit der Worte

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Carolin Emcke: Ja heißt ja und ... , Verlag S. Fischer 2019 € 15,00

"Am Anfang war der Zweifel" - Ein innerer Monolog über die Wahrhaftigkeit der eigenen Worte führt die Journalistin und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels von ersten Gedanken zur #metoo Debatte in eine anspruchsvolle Analyse des gesellschaftlichen Diskurses. Dabei lotet sie Gruppen, Klassen und Lebensformen aus, eigene Bedürfnisse und die Fähigkeit und Möglichkeit zum Nachdenken über das Fremde. Sie thematisiert zwischen Abhängigkeit und Macht, Rassismus, Missbrauch und Gewalt, die eigene Wahrnehmung und Verdrängung, das Schweigen oder den möglichen Dialog. Für Anerkennung, Gerechtigkeit und Freiheit braucht es die Neugier auf unterschiedliche Erfahrungen. Der Zweifel und das genaue Hinhören macht uns lernfähig, meint Emcke, deren knapper, tänzerischer Text einem doppelten Espresso gleicht und alle Lebensgeister weckt.

Musikalische Schatzkammer

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Clemency Burton-Hill: Ein Jahr voller Wunder. Klassische Musik für jeden Tag, Diogenes Verlag € 25,00

Ein Musikbegleiter für das ganze Jahr: 365 Texte, längstens eine Seite lang, mit einer klassischen Musikempfehlung für jeden Tag. Die englische Violonistin, Autorin, Radio- und Fernsehmoderatorin schreibt unterhaltsam und informativ über die Stücke, die Jahrhunderte umspannen. Sie erzählt Biographisches über die Komponisten, gibt historische Bezüge, weist auf manch Detail im musikalischen Aufbau hin und beschreibt, welche Gefühle und Stimmungen die Musik bei ihr hervorruft. Sie öffnet damit einen Raum zum Innehalten und Berührtwerden, den jeder, egal welcher Herkunft und Bildung betreten kann, denn Musik ist die universellste Sprache der Welt - vielleicht die schönste. Ein edel gestaltetes Buch, mit dem man die Freude des Wiedererkennens und Neuentdeckens und eine "riesige Truhe musikalischer Schätze"verschenken kann.

Wellenschlag und Palastgeflüster

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Judith Mackrell: Der unvollendete Palazzo, Insel, € 25,00

Ein Buch, drei Biografien: Judith Mackrell verwebt die Lebensgeschichten der drei Frauen, die in der Zeit von 1912 - 1979 die Herrinnen des Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande in Venedig waren: Luisa Casati (1881-1957), Doris Castlerosse (1900-1942), Peggy Guggenheim (1998-1979). Diese drei Frauen hatten einige Gemeinsamkeiten: sie haben ihr Leben sehr bewusst gestaltet, waren sehr auf die Wirkung ihrer Erscheinung fokussiert, es war ihnen wichtig, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, sie haben vielfältig geliebt und gelitten. Sie waren umgeben von Künstlern, Literaten, Politikern und Aristokraten ihrer Zeit, so dass wir Leser viele weitere biografische Details anderer Persönlichkeiten finden über Venedig hinaus in Italien, Frankreich, England und den USA. Ein Buch für Kulturinteressierte und Venedigliebhaber, das mitnimmt in eine pulsierende, vergangene Zeit.

Inselhopping

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Kai Kupferschmidt, Blau - Wie die Schönheit in die Welt kommt, Hoffmann und Campe Vlg. 2019 €26,00

Der Leser wird in diesem Buch, das allein schon in Haptik und Aufmachung ansprechend ist, an die Hand genommen und dazu verführt, von einem Thema zum nächsten zu springen. Sich zu vergnügen mit der Geschichte des blauen Steins aus geologischer Sicht, in der Chemie und Biologie, bis hin zur Optik. Und immer wieder geht es um die eine Frage: Was fasziniert die Menschen seit jeher daran? Schon die Pharaonen waren der Farbe verfallen, Künstler suchen nach dem perfekten Blau und Franz Marc hat die Farbe dazu veranlasst, seine 'Blauen Pferde' zu malen. Blaues Licht ist nicht blau ... gehen Sie mit auf eine Entdeckungsreise in diesem wissenschaftlich unterhaltsamen und persönlich anregenden Buch über eine Farbe, die sogar töten kann.

Mut zum Ungewohnten. Max Dorner präsentiert: Steht auf, wenn ihr nicht könnt.

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Maximilian Dorner: Steht auf, wenn ihr nicht könnt. Behinderung ist Rebellion, btb 2019 € 20.-

Vieles im Leben des Menschen ist an seinen aufrechten Gang angepasst. Literarisch und inhaltlich beeindruckend bietet Dorner an, an einem Leben jenseits dieser Normen teilzunehmen. Mit seinem Rollstuhl mit Handbike bereist er die Städte der Welt, hadert mit Kopfsteinplaster und defekten Fahrstühlen, die ein erstzunehmendes Problem bei täglichen U-Bahnfahrten in München bilden. Behinderung kann wütend machen, verschlingt Zeit, benötigt Kreativität und mehr oder weniger Hilfe. Hier scheint es schwierig, für Helfer zwischen Wegschauen und Bevormundung die Mitte zu treffen. Ein Schuss Selbstironie und Kunst im Umgang mit den Rollen würzt das Buch ebenso wie klare Fakten. Seine Empfehlung im Umgang mit Behinderung lautet: Hinschauen und nicht verkrampfen. Meine Empfehlung lautet: Neugierig bleiben, aufeinander zugehen, einander besser Kennenlernen, der eigenen Angst vor einem Tabuthema ins Auge schauen. In diesem Sinne freuen wir uns bei dieser Veranstaltung auf alle, die ihren Blick bereichern wollen.

Auf des Messers Schneide

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Hans Hermann Hertle, Kathrin Elsner (Hg.): Der Tag, an dem die Mauer fiel, Nicolai Verlag € 14,95

Internationale Pressekonferenzen schienen die Pressebeauftragten der DDR gern zu verstolpern. Beim Mauerbau ebenso wie beim Mauerfall 28 Jahre später. Doch während die Worte Ulbrichts "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" im Juni 1961 kaum einen Berliner erreichten hörten die Mitteilung Günter Schabowskis alle und setzten sich in Bewegung in Richtung Mauer. Was sich in den darauffolgenden Stunden an den Berliner Grenzübergängen ereignete, haben Hans Herrmann Hertle und Kathrin Elsner in diesem Buch in Zeitzeugenberichten dokumentiert. War dies der verrückteste Irrtum in der deutschen Geschichte? Glücklicherweise war es der Besonnenste und Friedlichste. Noch heute läuft es beim Lesen kalt den Rücken hinab, wenn einem bewusst wird, wie die DDR höchste millitärische Einsatzbereitschaft anordnete und ein Stein oder ein Schuss ein ganz anderes Ende hätte entstehen lassen können. Kaum vorstellbar ist dreißig Jahre später auch die unzureichende Vernetzung zwischen den Kontrollpunkten, in der die fehlenden Anweisungen einen handlungsfreien Raum für Befehlsempfänger erschufen, den irgendjemand beherzt füllen musste. Derweil die West-Berliner im Freudentaumel steckten, stand die politische Situation in ihrer Stadt auf des Messers Schneide. Hertle und Elsner arbeiten sorgsam heraus, wie die Bürger der DDR auf allen Seiten friedlich und beherzt mit der Lösung des Problems Tatsachen schufen. Noch heute darf man vor ihnen dafür tief seinen Hut ziehen.

Der Zoo der Anderen

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Jan Mohnhaupt: Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete, Hanser Verlag 2017 € 20.-

Für Außenstehende konnte die tierische Lage im geteilten Berlin sprachlich leicht in Verwechslung geraten. Der Zoologische Garten lag im Westteil, der Tierpark im Ostteil der Stadt. Der Tiergarten war gar kein Zoo und lag wiederum im Westen. Nach dem Mauerbau war er unerreichbar für Ostberliner, auch wenn ein Bericht im "Neuen Deutschland" zum Besuch des neuen Tiergartens riet und dabei den Tierpark meinte. Trotz Teilung behielten die Berliner Gemeinsamkeiten. Sie liebten ihre Zoos. Sie vergötterten ihre Zootiere, wie es in keiner anderen Stadt der Fall war und sie verloren nie ihren Humor. Mehrfach im Jahr ging man, vorallem im Westteil der Stadt, in seinen Zoo, und sicher dachte man dabei nicht an die große Politik. Jan Monhaupt nimmt seine Leser nun kurzweilig, anekdotenreich und unumwunden mit, auf die politischen Spuren, die sich schon in der Lage der Zoos spiegeln. Der Zoologische Garten lag mitten in der neuen City-West. Dicht gedrängt stand hier Gehege an Gehege. Seine Besucher jagte der beengte Parcour von einer Attraktion zur nächsten. Manche Tiere hatten sogar die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges in der Stadt erlebt und waren durch die Blockade gefüttert worden. Der Tierpark wurde erst 1958 gegründet und  fand sein Gelände in der großen Weitläufigkeit um das Schloss Ludwigsfelde. Sein Direktor folgte der Idee einen Naturpark erschaffen zu wollen. Hier fand man Ruhe und endlose Spaziergänge von Tier zu Tier. Lag der Ku-Damm, der Kurfürstendamm im Westen gleich um die Ecke, bot der Tierpark  mit seinen Huftiergehängen den Kuh-Damm Ost. Schöner als mit dieser Führung durch zwei Zoos auf den zwei Seiten einer Stadt, lässt sich ins Berlinerische vereint getrennte Mauerleben nicht einsteigen.

Mit Daniela Crescenzio auf italienischen Spuren in München.

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München ist die nördlichste Stadt Italiens, sagen die Münchner mit Stolz, und sicher haben Sie sich schon immer gefragt, warum. Daniela Crescenzio verführt an diesem Abend im Buchpalast zu Italienischen Spaziergängen in München und zeigt bekannte wie auch überraschende italienische Aspekte der Isar-Metropole – von den architektonischen Werken mit den Vorbildern in Florenz und Rom bis zu den florentinisch inspirierten Bronzearbeiten. Besonders am Herzen liegen ihr die Biografien von Italienern, die in München gelebt haben, vor allem die Geschichten von italienischen Frauen, wie beispielsweise Felicitas Blangini, Ehefrau von Leo von Klenze, oder der stolzen Giovanna San Germano d'Agliè, die sich das Porcia-Palais in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße vom Hofbaumeister Enrico Zuccalli erbauen ließ.

Ein klarer Blick zurück ermöglicht erhellende Gedanken für die Gegenwart.

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Norbert Frei, Christina Morina, Franka Maubach, Maik Tändler: Zur rechten Zeit, Ullstein Verlag 2019 € 20,00

Selbstbewusst spielt der Titel dieses Buches mit einer Doppelbedeutung. Der politische Rechtsruck in Europa ist auch in Deutschland unübersehbar. Es wird höchtste Zeit, sich mit diesem Phänomen auseinanderzsetzen. Die vier Historiker und Historikerinnen der Universitäen in Jena und Amsterdam bieten einen gelungenen, lesenswerten Einstieg. Der Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe in Ost und West wurde politisch konträr angepackt, Erinnerung und Mahung nahm im Laufe der Jahrzehnte unterschiedlich Gestalt an. Eine gewissenhafte Aufarbeitung, die die Handlungen von Tätern wie Mitläufern ins Licht der Öffentlichkeit und in Diskurs brachte, stieß je nach Jahrzeht in beiden Ländern mehr oder weniger an seine Grenzen.

Turnschuhen und Weltwirtschaft auf der Spur

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Wolfgang Korn: Lauf um dein Leben, Hanser Verlag 2019 € 15.-

Sneakers, diese dynamisch designten, federleichten, bequemen und nicht ganz preiswerten Sportschuhe tragen viele. Egal ob sie darin Sport treiben oder damit zur Arbeit schlurfen. Beim Stadtmarathon tragen sie die Füße von Athleten zu Bestzeiten. Wir jubeln den Siegern zu. Sie kommen zumeist aus afrikanischen Ländern. Am Rande eines solchen Marathons sucht ein Journalist, der Ich Erzähler, die perfekte Story für seine Zeitung und findet dabei ein ausgelatschtes Paar Turnschuhe an der Rennstrecke. Wer hat sie dort ausgezogen und verloren? Und ist er dann barfuss ins Ziel gerannt? Die Geschichte ist geboren.

Gewinnbringend

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Alois Prinz: I have a dream. Die Lebensgeschichte des Martin Luther King, Gabriel 2019 € 17.-

Der Ruf ein Vorbild des gewaltlosen Widerstandes zu sein, eilt dem Nobelpreisträger voraus. Martin Luther King verschrieb sein Leben dem Kampf gegen den Rassismus und der Gleichberechtigung von schwarzen und weißen Bürgern in Amerika. Mit seinem standfesten Einsatz, seinen klugen, charismatischen Predigten und Reden, seinen deutlichen Forderungen und Zielen, seinem Gespür für Menschen, die er am besten kennenzulernen meinte, in dem er, der behütet aufgewachsene Pfarrerssohn, bewusst die Plätze Anderer einnahm, avancierte Martin Luther King schnell zum Kopf einer sich in den 60er Jahren formierenden Bewegung.

Opulente Fresken im Badehaus

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Stephen Fry: Mythos, Aufbau Verlag 2018 € 24.-

Die Griechen waren die Ersten, die „aus ihren Göttern, Monstern und Helden stimmige Geschichten gemacht haben.“ Pointiert und mit viel Humor gespickt erzählt Fry sie nun selbst nach und entführt seine Leser in die Welt der griechischen Mythen. Sie werden diese als eine Abfolge von Handlungen erleben, die von Lust, Liebe, Rache, Machtgier, Eifersucht, von dem Wunsch nach Fortpflanzung oder dem nicht unbescheidenen Wunsch nach der Weltherrschaft geleitet sind. Eine witzige , wortgewaltige und kurzweilige Lektüre für Mythenkenner und Neulinge.

Schiebepuzzle auf dem Resonanzboden

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Philip Bloom: Eine italienische Reise. Auf den Spuren des Auswanders, der vor 300 Jahren meine Geige baute, Hanser Verlag 2018 € 26.-

Der Blickwinkel, der bei der Betrachtung einer Geige möglich ist, kann sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem ob die Augen und Ohren einem Musiker, einem Geigenbauer oder dem Historiker gehören. Als Philip Blom, Historiker und Sologeiger, in den Besitz einer rund 300 Jahre alten Geige von ungewisser Herkunft gelangte, verliebte er sich in ihren Klang und begann ihrer Geschichte mit leidenschaftlicher Bessenheit nachzuspüren. Die historischen Quellen über Handwerk und Alltagsleben der kleinen Leute zwischen Füssen und Venedig im 17. und 18. Jahrhundert, die Expertisen, die heutige Gutachter dem Instrument zusprachen und die Klänge der Fugen Johann Sebastian Bachs, die Bloms Instrument ein höchstes Maß an Virtuosität abverlangen bilden den Resonanboden auf dem der Autor ein variantenreiches Puzzle und Gedankenspiel der Recherche webt. Ein reizvoller Tanz des Erzählens, eine Reise ins Dunkel der Vergangenheit, der Blom versucht seine Geschichte zu entreißen.

Majestätische Fundamente

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Roma Agrawal: Die geheime Welt der Bauwerke, Hanser Verlag 2018 € 24.-

Dieses Buch steht für eine Entdeckungsreise. In einem sehr persönlichen Stil erzählt die Autorin von ihrer Begegnung mit der faszinierenden Kunst, Bauwerke zu erschaffen. Wer  tagtäglich über Brücken geht,, hält nach dieser Lektüre vielleicht inne und betrachtet die Träger, die diese gewaltigen Belastungen aushalten, genauer. Oder er staunt darüber, dass ein Hochhaus dem Wind nicht viel anders standhält als ein Baum.  Das Buch nimmt den Leser in jedem Kapitel an die Hand, um ihn zum Staunen zu bringen. Und en passant lernt er so einiges über die Grundlagen von Statik, Mechanik oder der Einwicklung der Baukunst.

Im Wandelgang des Mitgefühls

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Melanie Mühl: Mitfühlen. Über eine wichtige Fähigkeit in unruhigen Zeiten, Hanser Verlag 2018 € 17.-

Melanie Mühl bietet nach Axel Hackes Buch über den „Anstand in schwierigen Zeiten“ einen ebensolchen Kompass über ein nicht weniger wichtiges Thema: das Mitgefühl. Wo genau entwickelt der Mensch im Hirn Mitgefühl? Wie ist es möglich, dass unser Mitgefühl komplett ausgeschaltet werden kann? Man folgt der Autorin zu wissenschaftlichen und gesellschaftskritischen Sichtweisen und findet Anregungen, über sein eigenes Handeln oder Nicht-Handeln nachzudenken. Ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der die Menschen aufgrund der Digitalisierung immer stärker vereinsamen und zudem ärmer an Gefühlen für ihre Mitmenschen werden.

Do it Yourself!

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Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen. Penguin Verlag 2018 € 29.-

Realität formt sich aus unserer Wahrnehmung und dem, was wir daraus machen. Vieles ist dabei verhandelbar oder darf übersehen werden. Eines jedoch geht uns alle an: Unser Lebensraum und sein sich wandelndes Klima. Auf ihrer Spurensuche nach Handlungsmöglichkeiten, dem Klimawandel entgegenzuwirken und unseren Lebensraum lebenswert zu erhalten, führen uns die Autoren zu unserem eigenen Schweinehund, zu uns als Individuen und zu unserem Denken über Gemeinschaft und über Generationen, zu Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, stabilen Gesellschaften, ökologischer Nachhaltigkeit, zu Zukunftsfragen und der Unmöglichkeit eines unendlichen Wirtschaftswachstums. Kurz gesagt geht es um die Macht und Gier der Menschen und die einfache Frage nach dem möglichen Lebensglück. In zahlreichen Interviews, Statistiken, Bündnissen und Agenden werden uns die Augen für eine Realität geöffnet, die dringenden Handlungsbedarf hat. Dieses Buch ist der Grundbaustein einer jeden unserer Wohnstätten. Es untermauert den Mut zur Zivilcourage. "Wir sind dabei und wir können wissen."

Originelle Restauration

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Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte. Unglaubliche Briefe gesammelt von Aaron Aachen (Archivar), Jacoby & Sturart 2018 € 24,00

Zu schön, um wahr zu sein. Könnte es möglich sein, dass bei der Renovierung einige der interessantesten Schriftstücke berühmter Persönlichkeiten unter den Tisch gefallen sind? Mit meisterhaftem handwerklichen Geschick hat sie uns der Archivar Aaron Aachen hier in intellektueller Verspieltheit zusammengetragen und restauriert: die Gourmettestanfrage Tim Mälzers für seine Schülerzeitung bei McDonalds, die Erkundigungen Kafkas in Traumfragen bei Freud, das Telegramm Kaiser Wilhems II an die Redaktion des Meyerschen Konservationslexikon. Ein wundersames, witziges Gedankenspiel. So hätte es eben auch gewesen sein können.

Illusionsmalerei: Kreative Informatik

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Jaron Lanier: Anbruch einer neuen Zeit. Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert, Hoffmann und Campe 2018 € 25.-

Sachbuch oder Biografie? Der leidenschaftliche Informatiker, Künstler und Musiker Jaron Lanier verschränkt Episoden seiner facettenreichen Lebensgeschichte mit den faszinierenden Gedankengebäuden virtueller Welten. In den 70er Jahren war er einer der ersten Gestalter virtueller Realitäten und gab diesen heute von uns genutzten Welten ihre Struktur. Ein Land der psychedelischen Träume und unbegrenzten Möglichkeiten ist die Virtuel Reality nie gewesen. Als Kind von Holocautüberlebenden an der Grenze zu Mexiko aufgewachsen, führt sein Leben, das tragische Grenzerfahrungen nicht entbehrt, über die Hippie Ära Kaliforniens ins Silicon Valley. Dort bringen seine Programmiercodes Musik, Medizin, Philosophie und Gesellschaftkritik zum Klingen. Auf seiner spannenden Reise in die Vergangenheit macht Lanier die Technik hinter den Computern anschaulich und bringt neugierige Leser dazu, ihrem Smartphone mit einem kreativ kritischen Augenaufschlag zu begegnen.

Alte Meister neu verpackt und fesselnd erklärt

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019, Sachbuch

Susanna Partsch: Schau mir in die Augen, Dürer. Die Kunst der alten Meister erklärt von Susanna Partsch, Beck Verlag 2018 € 28.-

Weshalb trägt Maria immer einen blauen Mantel? Wieso malte Rubens mit Vorliebe füllige Frauen? Wie lassen sich die großen Formate durch kleine Museeumstüren transportieren? Reden wir hier wahrlich über 500 Jahre alte Schinken? Die ästhetische Aufmachung dieses mit großer Liebe gestalteten Buches ist ein Hingucker. Die aktuellen Fotos von ungeahntem, musealem Treiben lassen staunen. Susanna Partschs erhellenden Erklärungen fesseln wie ein Krimi. Sie liefert wohldosierten Einblick, Aha-Erlebnis und packendes Detail in rasantem Wechsel. Ein Buch, mit dem man gleich ins nächste Museum laufen möchte.

Unvergessliche Geschmackssymphonie

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Diana Hillebrand: Zuhause im Café, Volk Verlag, € 29,90

Kaffee und andere Köstlichkeiten

"Das kenn ich doch!", "das sieht gemütlich aus, da will ich mal hin", "dieses Buch schenke ich meiner Freundin und lade sie zum Cappuccino ein ins Café ihrer Wahl "- so und ähnlich hören wir unsere KundInnen, wenn sie in dem neu erschienenen Buch über Münchens individuellen, inhabergeführten Cafés blättern. Diana Hillebrand besuchte sie und sprach mit den Besitzern, Johannes Schimpfhauser bannte das Ambiente auf stimmungsvollen und detailreichen Fotos, Rezepte zum Nachahmen finden sich auch. Ein rundum geglücktes Buch!

 

Degistif für die ruhige Balance, Geschenktipp

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Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser, Insel Verlag € 14.-

Dieses Buch liegt mir persönlich sehr am Herzen, denn der Autor, der der Welt als Abenteurer begegnet und die Pole, den Mount Everest oder aber Großstädte wie New York zu Fuß erobert hat, betrachtet das winzige Wort ´Stille`, das gerade in der heutigen Zeit des Lärms eine so große Bedeutung hat, von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Eine Art philosophisch-nachdenkliches Herantasten an die unterschiedlichen Arten von Stille, bei dem Kagge behauptet, dass es „so viele Geräusche gäbe, dass wir sie kaum noch hören“(vgl. S.23). Aber es sind nicht nur die Gedanken allein, sondern auch die Bilder in dem gesamten Kontext, die dazu beitragen, dass dieses Buch ein Besonderes ist, eben ein stilles.

 

Delikater Gewissensspiegel

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Alois Prinz: Dietrich Bonhoeffer. Sei frei und handele! Inselt TB 2020 € 10,00

Widerstand klingt groß und mutig und ist im Detail doch eine kniffelige Angelegenheit

Im kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist er eine Ikone: Dietrich Bonhoeffer. Ein Heiliger? Ein Held? Ein Unbeirrter? Eine Vorbildfigur. Straßen und Plätze sind nach ihm benannt worden. In der Schule kommt heute kein Jugendlicher an ihm vorbei. Was also ist das Besondere an einer Biografie über Bonhoeffer? Dem routinierten Biografen Alois Prinz gelingt es immer wieder von Neuem, seine Leser auf eine unerwartet faszinierende Lebensreise mitzunehmen. Tief hinein taucht er sie diesmal, in die Erkenntnisprozesse eines Menschen, bei dem nichts, wofür er später stehen sollte, auf der Hand lag. Bonhoeffer war ein ängstliches Kind und ein schulischer Überflieger. Sein Wunsch, ausgerechnet Theologie zu studieren, verwunderte.

1867er Rotwein, im Barrique gereift, von vollmundiger Gedankenakrobatik

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Thomas Steinfeld: Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx, Hanser 2017 € 24.-

Würzige Abendlektüre

Leben wir nicht in einer Zeit, in der unser Staat längst seine Souveränität an das Kapital abgegeben hat? Sprechen wir über Kapitalismus, denken wir an Karl Marx. Dieses Buch ist keine Anrufung höherer Autoritäten. Der Autor reflektiert, rund um Karl Marx und sein Werk, vielfältige Aspekte zur Sichtung gesellschaftlicher, ökonomischer, politischer und historischer Hintergründe und Zusammenhänge. In kurzen Kapiteln wie "Der Ruhm", "Das Mehr", "Die Gleichheit", "Der Fetisch" lädt das Buch vom Inhaltsverzeichnis weg zur lustvollen Hinterfragung, zu Reflexion und Gedankenspiel, vom Damals zum Hier und Jetzt ein. Dabei stilisiert Steinfeld Marx nicht zum Allheilmittel. Und doch finden sich bei ihm Gedankenansätze, die spätestens nach der letzten Finanzkrise der erneuten Bewusstwerdung und vielleicht eines Neudenkens lohnen. Steinfelds gelenkiger Ansatz, seine Leidenschaft zur Analyse von Sprachbildern und Thesen sowie sein Spiel mit Gespenstern, Vampiren und Zombies bietet auch belletristisch beheimateten LeserInnen einen unterhaltenden Einstieg in die, unser Leben allseits beherrschenden, ernsthaften Themen Ökonomie und Kapitalismus und macht dieses Buch zur würzigen Abendlektüre für Jedermann.

Zukunft Erde. Gespräch für Jung & Alt mit Harald Lesch und Klaus Kamphausen

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Wir werden unseren Kindern die Erde in einem denkbar kritischen Zustand hinterlassen: von Rohstoffen geplündert, seiner schützenden Hülle mehr und mehr beraubt, zugemüllt und halb verdurstend in klimatischer Extremsituation. Die Jugendlichen unseres Leseclubs interessierten sich vor allem für Wasser und Klima und diskutierten mit Harald Lesch und Klaus Kamphausen darüber, wie unsere Zukunft wird oder werden könnte. Hochsommerliche Temperaturen und ein bis auf den letzten Platz gefüllter Buchpalast sorgten für ein besonderes "transpiratives und inspiratives" Ambiente, wie Harlad Lesch diesen Abend im Gästebuch festhielt.

Plädoyer zum Handeln

Der Anfang von allem, damit zieht das Autorenteam den Leser gleich in den ersten Kapiteln in seinen Bann. Und die Faszination über unseren Planeten wächst mit jeder Seite. Wie ist es möglich, dass wir, dass die gesamte Menschheit, dieses Wunderwerk Erde und seine Schätze nicht genügend achten? Darum dreht sich letztlich alles. Die beiden Autoren führen uns vor Augen, wie die ökologichen Probleme auf der Erde entstehen konnten, und welchen Anteil der Mensch daran trägt. Vieles ist davon bekannt, die Nachrichten sind voll davon, und dennoch kann dieses Buch mit seinem provokanten Titel zum Nachdenken anregen. Und dabei belassen es Lesch und Kamphausen nicht. Denn sie stellen auch klare Forderungen: Übernehmt Verantwortung für eueren Planeten! Ein Buch, das den Leser aufrütteln kann, das BIlder, Zahlen und Fakten liefert, vor denen man die Augen nicht länger verschließen sollte.

Unsere gemeinsame Zukunft

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Papst Franziskus: Ladato si' - Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Herder Verlag 2015 € 12,95

Papst Franziskus will die Menschen über die Grenzen von Religionen, Kulturen und soziale Grenzen hinweg ins Gespräch darüber bringen, dass wir alle Verantwortung für den Schutz des Planeten tragen, der unser 'gemeinsames Haus' ist. Es geht um eine Neuausrichtung unseres Lebensstils, der achtsam mit den Ressourcen, aber auch mit Mitmenschen, Pflanzen und Tieren umgeht. Unbedingt lesenswert, egal ob wir an Gott glauben oder nicht. Klaus Kamphausen