Fesselnde Ermittlung im besetzten Paris 1940

lloyd-toten

Chris Lloyd: Die Toten vom Gare D'Austerlitz, Suhrkamp Verlag 2021 €15,95

Ein überaus komplexer historischer Krimi, der mit dem Einmarsch der Nazis in Paris am 14. Juni 1940 beginnt, und Inspecteur Eduoard Giral, einen der fähigsten Ermittler, dazu bringen wird, gegen alle Widerstände und Einmischungen seitens Wehrmacht oder Gestapo vier Morde an Polen aufzuklären. Der Ermittler Giral, auch Eddie genannt, ist dabei unerbittlich, bisweilen fatalistisch angesichts der angespannten Lage der Franzosen in Paris, und seine Ermittlungsmethoden kann man mitunter als fragwürdig bezeichnen. Er bringt hochgestellte Nazis gegen sich auf, ignoriert die Einschüchterungsversuche der Gestapo, und muss immer wieder entscheiden, wem er trauen kann und wem nicht. Kein guter Krimi ohne Ermittler mit persönlicher Geschichte, und die erfährt der Leser nach und nach in Rückblicken, gedanklichen Exkursionen und aktuellen Auseinandersetzungen vor allem mit Eddies Sohn.

1945, Münchner Leichen im Visier

rehn_gesicht

Heidi Rehn: Das doppelte Gesicht, Aufbau Taschenbuch Verlag 2020 €12,99

Heidi Rehns erster historischer Krimi um den Ermittler Emil Graf bietet in erster Linie das lebendige Bild Münchens 1945 kurz nach Ende des Krieges und weniger den kriminalistisch  spannenden Fall mit der entsprechenden Ermittlungarbeit. Zu sehr sind die einzelnen Figuren verhangen in ihren Erinnerungen, guten, weniger guten oder sogar längst verschütteten. Da ist auf der einen Seite Emil Graf, ein junger Mann, der das Glück hatte, aus der Gefangenschaft in der Normandie heraus mit seinem amerikanische Vorgesetzten zur Münchner Polizei zu geraten. Außerdem kommt die Reporterin Billa ins Spiel, Jüdin, Exilantin mit amerikanischem Pass. Ihr zufälliges Auftauchen im Haus der ersten Leiche, die der Polizeianwärter Emil zu Gesicht bekommt, bringt eine Geschichte ins Rollen, die lange stagniert in eben diesen Erinnerungen. Der Leser darf dabei allerdings den Blick über das bayerische Voralpenland schwenken lassen, über die zerbombte Innenstadt oder die scheinbare Idylle in Nymphenberg. Derweil wird es nicht bei der ersten Leiche bleiben. Für meine Vorstellung von einem Krimi kommt die wirkliche  Ermittlungsarbeit und der damit verbundene Spannungsanstieg leider etwas zu kurz, dafür ist die Geschichte wie alle Titel von Heidi Rehn historisch fundiert und durchaus unterhaltsam.

Obacht! Ein preußischer Ermittler in München

seeburg-falsche-preusse

Uta Seeburg: Der falsche Preuße, Harper Collins Verlag 2021 €12,00

Der Debütroman von Uta Seeburg spielt im München des ausgehenden 19. Jahrhundert. Gemeinsam mit Hauptmann Wilhelm Freiherr von Gryszinski bewegt sich der Leser zu Fuß oder mit der Droschke durch die Straßen der schillernden Goßstadt, und ganz besonders durch Haidhausen, Bogenhausen und der Innenstadt. Der preußische Polizist wurde aufgrund seines hervorragenden Ermittlerrufes nach München berufen, wo er mit Gattin, Sohn und einer Haushälterin lebt.  Diesem Ruf muss er natürlich beim ersten Mordfall gerecht werden, was allerdings keine leichte Aufgabe ist. Politische Interessen, hausgemachte Ärgernisse und die fehlende Möglichkeit, in den besser gestellten Kreisen Antworten zu finden, stellen den geradlinigen Ermittler vor diverse Probleme.  Bald schon hat die Autorin ein breit gefächertes Feld an Verdächtigen, an Zeugen und  Nebenschauplätzen entwickelt, so dass man mitunter den Überblick verlieren kann.  Nichtsdestotrotz entfaltet sich in dem Krimi ein lebendiges Zeitbild, das mit mondänen Skurilitäten  aufwartet und interessante Einblicke in die Anfänge der Kriminalistik gibt.