Klärendes Unterwegssein

park

David Park: Reise durch ein fremdes Land, Dumont 2021, € 20,00

Tom, Fotograf, Ehemann und Vater, setzt sich kurz vor Weihnachten ins Auto, als das Land im Schneechaos versinkt. Er will den Sohn, der allein und krank in der Studenten-WG zurückgeblieben ist, nach Hause holen. Eine lange Fahrt liegt vor ihm: Von Irland auf die Fähre und in Schottland ins Land hinein. Die Fahrt gibt ihm Gelegenheit, sich an die Zeit mit den kleinen Kindern zu erinnern, die Vater-Sohn Beziehung zu bedenken, nicht nur zu Luke, den er abholt, auch zu seinem anderen Sohn Daniel. Wann waren sie sich nah, wann konnte er ihre Fragen nicht beantworten, wann schlich sich Distanz ein, was geschah? Seine Frau und die noch kleine Tochter rufen ihn oft an und sie alle hoffen auf ein gutes Weihnachten - denn es gibt eine schmerzhafte Lücke. Die Reise eines Mannes in Auseinandersetzung mit sich selbst ist hier sehr nachfühlbar geschildert.

Zwei Schwestern

pietrantonio-borgo

Donatella di Pietrantonio: Borgo Sud, Kunstmann 2021, € 20,00

Borgo Sud ist das Viertel von Pescara, in dem die Fischer der Hafenstadt in den Abruzzen  leben. Hier ist Adriana zuhause. Sie verliebte sich als junges Mädchen in den Fischer Rafael, dem sie auch in schwierigsten Zeiten zur Seite stand und mit dem sie einen Sohn hat. Ein dramatischer Unfall Adrianas lässt ihre ältere Schwester, die in Grenoble an der Universität lehrt, nach Pescara kommen. Sie ist die Erzählerin in diesem Roman, die sich in langen Stunden des Wartens an Ereignisse aus der gemeinsamen Vergangenheit erinnert. Es gab große Nähe aber auch Schwieriges mit der sehr impulsiven Schwester. Die Ehe der Erzählerin, die glückliche Zeiten in Pescara kannte, ging auseinander, als ihr Mann sich eingestand, dass er Männer begehrte. Die Autorin Donatella di Pietrantonio hat mich mit ihrem einfühlsamen Roman ein weiteres Mal sehr begeistert. Maja Pflug ist eine fantastische Übersetzerin aus dem Italienischen, die Sprache ist sehr stimmig und ausdrucksstark. Dank diesen beiden Frauen für diese Lesefreude!

Drei sehr verschiedene Frauen

wayne

Jemma Wyne: Der silberne Elefant, Julia Eisele Verlag 2021, € 24,00

Drei Frauen in London, jede von ihnen arbeitet daran, ein inneres Gleichgewicht zu finden. Emily hat im Bürgerkrieg in Ruanda als junges Mädchen ihre Familie verloren und traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. In London wird sie zur Unterstützung im Alltag zu der Mittfünfzigerin  Lynn kommen, die an Krebs erkrankt ist und Hilfe braucht. Lynn setzt sich malend mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen auseinander. Zur Fast-Schwiegertochter Vera bleibt große Distanz. Vera versucht sich durch Hinwendung zum Christentum von einer fortwährend empfundenen Schuld nach einer folgenschweren Entscheidung zu erlösen. Auf verschlungenen Wegen verknüpfen sich diese drei Schicksale miteinander es gibt überraschende Wendungen in diesem so ansprechend gestalteten Roman aus dem Münchner Julia Eisele Verlag.

Dreißig Jahre zusammen

krien

Daniela Krien: Der Brand, Diogenes 2021, € 22,00

Rahel und Peter sind seit 30 Jahren ein Paar: Sie ist Psychologin, er Professor für Literatur in Dresden. Die Kinder sind erwachsen, die Tochter hat inzwischen zwei Söhne, der Sohn arbeitet zielstrebig an seinem Berufsziel. Das Paar, beide Mitte fünfzig, kümmert sich kurzentschlossen drei Wochen lang um den Hof von Ruth und Viktor in der Uckermark. Ruth ist eine Freundin von Rahels Mutter seit deren Jugend und eine wichtige Konstante in Rahels Leben. Das Paar hegt die Hoffnung, einander wieder nahe zu kommen - nahe zu sein. denn es hat sich eine Distanz zwischen sie geschlichen, genährt aus Enttäuschung, Verschweigen, unerfüllter Sehnsucht. Sehr gut beobachtend und beschreibend erzählt die Autorin über das Beziehungsgeflecht von Partnerschaft, kleiner Familie und Großfamilie. Vom Denken, Fühlen und Handeln, vom Verschiedensein, Vertrautheit und Zueinandergehören. Ein Buch, das sich in einem Sog lesen lässt, das anregt,  sich selbst und eigenen Beziehungen anzuschauen und zu hinterfragen. Und ein Buch, das Hoffnung gibt, dass es sich lohnen kann, dies zu tun.

Schauspieler unter sich

sweeney

Cynthia D`Aprix Sweeney: Unter Freunden, Klett-Cotta 2021, € 22,00

Mit Sweeneys Roman "Unter Freunden" taucht der Leser ein in die Szene der Schauspieler in New York und Los Angeles, auf der Bühne, im Film und als Sprecher. Er lernt zwei Freundespaare kennen, eines davon mit Tochter, die sich seit vielen Jahren einander anvertrauen und unterstützen. Ganz unerwartet entsteht ein Riß, der die Vergangenheit in Frage stellt, Unsicherheit im Miteinander auslöst und vielleicht sogar neue Lebenskonzepte fordert. Beeindruckend beobachtet!

Familienleben aus dem Takt

hecht-sommern

Janina Hecht: In diesen Sommern, C.H.Beck Verlag 2021 €20,00

Schon auf den ersten Seiten, mit den ersten Sätzen bin ich in die Kindheit der Protagonistin Teresa eingetaucht. Janina Hecht lässt die Leser*innen an Teresas Erinnerungen teilhaben. in sparsamen Momentaufnahmen, beschwört sie die Bilder einer Familie herauf, und dennoch bleiben die Mitglieder wenig greifbar. Besonders der Vater, zu dem das Mädchen aufsieht, mit dem sie Vater-Tochter-Zeit verbringt, gegen den sie rebellieren wird, und der ihr dennoch fremd bleibt. Auch die Mutter und der jüngere Bruder werden kaum dingfest gemacht, so als hangele sich die Autorin an einer Pinnwand voller alter Fotos entlang. Es sind die kleinen und großen Momente, das Streiten oder das Schweigen der Eltern, das Bier zu viel des Vaters, der Bruder sorglos im Pool, die Teresa in Erinnerung bleiben. Und der Leser ahnt dabei, dass Teresas Welt jederzeit erschüttert werden kann. Der Debütroman von Janina Hecht besticht durch seine Schlichtheit und die minimalistisch gehaltenen Kapitel, die Autorin macht Teresas Geschichte in einer zurückhaltenden Emotionalität an zahlreichen aufeinanderfolgenden Sommern fest.

Überraschungen vorprogrammiert

neidhardt-wach

Fabian Neidhardt: Immer noch wach, Haymon Verlag 2021 €22,90

Der Roman von Fabian Neidhardt klingt so unglaublich und dennoch liegt der Geschichte ein wahrer Sachverhalt zugrunde.  Der Zeitungsartikel über eine medizinische Fehldiagnose, die einen Mann ins Hospiz zum vermeintlichen Sterben brachte , um anschließend wieder ins Leben zurückzukehren, hat den Autor angeblich dazu inspiriert, die emotionale Achterbahnfahrt des 30jährigen Alex zu erzählen. Alex ist zu jung, um an Magenkrebs zu sterben, zumal sein Vater daran elendig krepierte, als er selbst ein kleiner Junge war. Darum berschließt Alex, sich keiner Therapie zu unterziehen, sondern sich für die letzten Monate in ein Hospiz  zurückzuziehen. Das alte Leben ist abgeschlossen, dann muss Alex von heute auf morgen sein Zimmer räumen. Zurück kann und will er nicht sofort,  aber wie soll er sich neu definieren? Dem Autor ist eine charmante Lösung eingefallen: Alex wird sich darum kümmern, letzte Wünsche der Menschen zu erfüllen, die er im Hospiz  kennengelernt hat. In Rückblenden spürt Alex seiner eigenen Geschichte nach, während er sich darum bemüht, im Hier und Jetzt Lindi Hopp zu lernen, ein Schachturnier zu gewinnen oder sich ein Tattoo stechen zu lassen. Es gehört schon eine Portion Humor dazu, um diese Geschichte so zu schreiben, dass man nicht aufhören kann zu lesen. Einfühlsam, mitunter daramtisch, und immer wieder lebensfroh führt Neidhardt den Leser im Hospiz herum und füllt diesen Ort mit Leben, Freundschaften und sogar manch kleiner Freude.

Wendepunkte im Leben

mueller-wieland-luegen

Birgit Müller-Wieland: Vom Lügen und vom Träumen. Roman in sechs Geschichten, Otto Müller Verlag 2021, € 22,00

Birgit Müller-Wieland, Autorin von Flugschnee, hat wieder einen unglaublich dichten und intensiven Roman geschrieben. Sie erzählt in sechs Geschichten, die untereinander fein verwoben sind, von Frauen und Männern, die Wendepunkte in ihrem Leben ereilen. Diese stellen eine große Herausforderung für sie dar. Sie durchleben Trennung nach vielen Ehejahren, unerfüllte Sehnsucht nach Vaterschaft, Alltag in der DDR und exotischer Ferne, Suche nach dem Vater, Mißbrauch, Mutterschaft ohne Partner - aber auch tiefes Vertrauen und Auffangen, Seelenverwandschaft, Mutterglück, Freundschaft und Loyalität. Birgit Müller-Wieland gelingt es, diesen tiefen Gefühlen in einer faszinierenden Sprache ausdruck zu verleihen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und ich hätte einige der Personen gerne noch über weitere Erlebenszeit begleitet.

Nebeneinander und Miteinander

rosenfeld

Astrid Rosenfeld: Die einzige Strasse, Kampa Verlag 2021, € 18,00

Sechs Bungalows in Virginia - es hätte eine Hotelanlage werden sollen, nun leben hier Menschen, denen das Leben bisher nicht gut mitgespielt hat. Ein Kriegsveteran, zwei alte Schwestern, eine Familie mit zwei Kindern, eine Mutter mit Sohn und eine alleinlebende Frau. Es ist ein Nebeneinander aber doch auch ein Miteinander, Enttäuschung und Hoffnung liegen in der Luft. Sehnsüchte verführen zu Wagemut. Es sind kleine Begebenheiten, die uns diese Menschen nahebringen und uns hoffen lassen, sie mögen gute Wege finden.

Feinfühlend-frech

wagner

David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt € 12,00

In dieser sehr gelungenen Autofiktion erzählt David Wagner von den Besuchen bei seinem dementen Vater. Diese entbehren nicht einer gewissen Komik, wenn immer gleiche Fragen gestellt werden, Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind. eben Geschehenes gleich wieder vergessen ist. Der Charakter des Vaters ist erspürbar, manchmal ist interessantes Spezialwissen da, bei Vater und Sohn tauchen Erinnerungen an vergangene Zeiten auf.  Der Sohn ist geduldig, liebevoll und manchmal auch feinfühlend-frech, was der eigentlich traurigen Situation Leichtigkeit gibt. Manches Mal ist dem Vater das Vergessen bewusst, aber es scheint ihn nicht wirklich zu betrüben - das Leben ganz in der Gegenwart hat auch etwas Befreiendes. Ein Buch, das berührt aber nicht belastet, das Mut macht und Hoffnung gibt, selbst in vergleichbaren Begegnungen zu einem guten Umgang zu finden.

Zwei Menschen auf Kollisionskurs mit dem Leben

devigan-ichhattevergessen

Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin, DuMont Taschenbuch 2021 €12,00

Jedes Buch von Delphine de Vigan ist auf seine Weise besonders: Besonders menschlich, besonders ehrlich, besonders aufrüttelnd.  In dem vorliegenden Buch, das bereits 2009 im Französischen erschienen ist, rückt die Autorin zwei Menschen in den Mittelpunkt, die man durch einen Tag begleitet, der sie bis an den Rand der Erschöpfung bringt, und letztlich zu einer Beinahe-Begegnung führt. Mathilde, 40 Jahre, Witwe, 3 Kinder, erfolgreich Im Job, wurde im Lauf der vergangenen Monate von ihrem Chef auf subtilste Weise aus ihrer Position gedrängt. Thibault, 43 Jahre, Arzt, im Notdienst unterwegs, fährt quer durch Paris und leidet unter dem Mangel an allem. Beide sind sich bewusst, dass sie so nicht weiter machen können oder wollen. Beide sind auf ihre Weise Kämpfer und müssen sich an einem entscheidenden Punkt eingestehen, dass sie eben doch verwundbar sind.

Weltmüdigkeit und Lebenslust

berg

Ivica Prtenjaca: Der Berg, Folio Verlag 2021, € 22,00

"Ich" ist ein Mann unbestimmten Alters, der seines Arbeitslebens in der Kunstszene Zagrebs überdrüssig geworden ist und eine tiefe Weltmüdigkeit empfindet. Das veranlasst ihn, für drei Monate als Brandwächter auf einer kleinen Adriainsel anzuheuern. Er stellt sich seinen Ängsten und Fragen an das Leben. Einzig begleitet von einem altersschwachen Esel und einem zugelaufenen Hund haust er in der hochgelegenen Bergwarte. Auf seinen Rundgängen spürt er sich selbst, bemerkt eine zunehmende Stärke und neue Wachsamkeit all seiner Sinne. Die Touristen, denen er hin und wieder begegnet erstaunen ihn in ihren Eigenarten; näher fühlt er sich den Inselbewohnern, denen das Kriegserleben noch in den Knochen steckt. In einer teils genau beschreibenden, teils poetischen Sprache erzählt der kroatische Autor Ivica Prtenjaca von dem Wandel dieses Mannes, der in der Wildnis Mut für ein Leben unter Menschen findet.  Ein sehr besonderes Buch!

Fragen zur Weiblichkeit

stromsborg

Linn Stromsborg: Nie Nie Nie, DuMont Verlag 2021, € 20,00

Die ehrliche und intensive Auseinandersetzung einer 35jährigen Frau mit der Frage, ob sie sich selbst treu bleiben kann und darf oder den gesellschaftlichen Erwartungen an sie als Frau und damit auch potentieller Mutter nachgeben soll. Schon früh hat sich für die Erzählerin herauskristallisiert, dass sie ein Leben ohne Kinder führen möchte. Damit schreckt sie so manchen Partner ab. Nur Philip bleibt. Mit ihm führt sie das Leben, dass sie sich vorgestellt hat: Spontan, lebendig, neugierig auf das Leben und mit einem bewegten Nachtleben. Rundum bekommen die Frauen Kinder, werden Freunde zu Eltern, warten Mütter auf Enkel, doch die Erzählerin will sich nicht rechtfertigen. Tut es dennoch in ihren inneren Monologen auf eine distanziert emotionslose Weise, und trifft den Leser dabei mit voller Wucht. Dann aber wird die beste Freundin schwanger und Philip hält die Gewissheit, nie eine Familie gründen zu können, nicht aus. Er hofft, hadert, geht und kommt wieder. Vieles ist in dieser Geschichte möglich oder auch nicht. In schlichter, klarer Sprache folgt der Leser der Gedanken- und Gefühlswelt der Erzählerin, bekundet mal Sympathien und mal Unverständnis, empört sich bisweilen, lässt sich aber durchaus auch beeindrucken. Über das Frau sein, die Weiblichkeit und Elternschaft.

Erinnerungsschätze

schenk

Sylvie Schenk: Roman d`amour, Hanser 2021, € 18,00

Ein Frage-Antwort-Spiel und Erinnerungsschätze: In dem Roman von Sylvie Schenk wird eine Autorin interviewt. Fragende und Antwortende sind Frauen und ihre Gedanken kreisen nicht nur um den Roman sondern auch um eigenes Erleben. Dreiecksbeziehung, heimliche Liebe, intensive Urlaubswochen miteinander, losgelöst von allen Verpflichtungen. Wann sind es wahrhafte Erinnerungen, wann ist die Geschichte erdacht? Emotional dicht in der Frage nach dem Recht auf Liebe allen Konventionen zum Trotz, in dem Bewusstsein nach dem gleichzeitigen Empfinden von Abhängigkeit und Freiheit und in dem Nachspüren der Intensität eines Liebesabenteuers. EIne interessante literarische Auseinandersetzung zum Thema Liebe.

Zwischen Familienglück und Familiendrama

audrain

Ashley Audrain: Der Verdacht, Penguin Verlag 2021 €22,00

Das Buch hat mich eine Nacht gekostet, eine Nacht, in der ich mich wie eine Voyeurin im Leben der jungen Blythe, Ehefrau und Mutter, eingenistet und mit ihr all die Schrecken und Ängste durchlebt habe. Zurecht hat das Debüt der kanadischen Autorin bereits im Vorfeld für große Aufmerksamkeit gesorgt. Der Roman liest sich so spannend wie ein Krimi, so verstörend wie ein Psychothriller, und zwingt den Leser dazu, Partei zu ergreifen: Für oder gegen die junge Mutter, die von ihrer eigenen Familiengeschichte her traumatisiert ihre eigene neugeborene Tochetr nicht annehmen kann. Ihr Mann wünsccht sich die perfekte Familie und Blythe setzt alles daran, diesen Wunsch zu erfüllen. Doch zwischen Mutter und Tochter wird von Anfang an ein Riss entstehen, eine Kluft, die man von außen nicht sehen kann. Doch es macht etwas mit der kleinen Violet, die von dem Vater abgöttisch geliebt wird, und der Mutter misstrauisch begegnet. Das, was Blythe in ihrer Tochter glaubt zu sehen, ist zu monströs, um es in Worte zu fassen. Als ihr Sohn Sam auf die Welt kommt, erlebt sie endlich wahre Muttergefühle, und das nimmt das kleine Mädchen sehr wohl wahr. Aber sind Kinder zu Rache fähig? "Der Verdacht" ist ein schnungslos ehrliches Buch, mitreissend und zugleich schockierend. Und das bis auf die letzte Seite.

Intensives jugendliches Erleben

arenz_sommer

Ewald Arenz: Der große Sommer, DuMont Verlag Jahr 2021 €20,00

Jungenfreundschaft, Geschwisternähe, erste Liebe und ein intensives Wahrnehmen von Farbspielen, Duftnoten und Stimmungen in der Natur tragen dieses Buch. Ich habe mich sehr gern in die Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen des 16jährigen Friedrich hineinversetzen lassen, mich diesem jungen Menschen nahe gefühlt. Die Freundschaft hat ihre Rituale, birgt Abenteuer und wird erschüttert. Die Nähe zwischen Bruder und Schwester innerhalb der großen turbulenten Familie ist verlässlich. Die erste Liebe ist plötzlich da, von Friedrich sofort erkannt und zugelassen, wirft Fragen, Sehnen, Unsicherheit, Erstaunen, großes Glück und Verzweiflung auf. Da Friedrich viel Zeit bei seinen Großeltern verbringt, entdeckt er bei ihnen ihm unbekannte Seiten, was auch daran liegt, dass er sich selbst neu entdeckt und sein Interesse an ihrer Vergangenheit geweckt ist. Der Autor Ewald Arenz hat mich mit seinem neuen Buch ebenso mitgenommen wie im vorherigen Romans "Alte Sorten".

Sprachgewaltig und schockierend ehrlich

yaghoobifarah

Hengameh Yaghoobifarah: Ministerium der Träume, Blumenbar Verlag 2021 € 22,00

Von der Flucht einer Mutter mit ihren kleinen Kindern 1981 aus dem Iran nach Deutschland. Erste Station Lübeck Aussiedlerheim, weiter nach Hamburg, später Berlin. Vom vergeblichen Warten auf den Vater, der nie nachkommen wird, weil er Opfer einer Hinrichtung wurde. Vom Ausgegrenztsein in der Schule, dem Zusammenhalten unter Schwestern, vom sich zurechtfinden müssen in einem ungewollten Leben. Vom Leben am Limit. Drogen, männliche Gewalt, Sexarbeit, Angst vor der rechten Szene,  Sprachlosigkeit, Kampfgeist. Sprachgewaltig, erfrischend und zugleich schockierend ehrlich führt die Autorin den Lesern vor Augen, was es bedeutet, einen Lebensentwurf zu führen, der einem zunächst die Heimat nimmt, später den Vater, dann die jüngere Schwester, auf sie man so lange aufgepasst hat, und mit einer Mutter zurechtkommen muss, die mit ihren eigenen Traumata zu kämpfen hat. Der jungen Autorin gelingt es, Bilder im Kopf zu erzeugen, die man nicht haben möchte und die einen dennoch nicht loslassen. Es war schier unmöglich, das Buch aus den Händen zu legen.

Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn

camurri-name

Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter, Antje Kunstmann Verlag 2021, € 20,00

Roberto Camurri gelingt es meisterhaft, die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn auszuloten. Die Beobachtungen, zunächst des Vaters des kleinen Kindes, dann auch die des heranwachsenden Jungen und des jungen Erwachsenen, sind genau. Die Gefühle sind stark empfunden, aber sie wollen sich nicht in Worte verwandeln. Eine Hilflosigkeit steht zwischen den beiden, die sich in manchen Momenten auch in Wut ausdrückt, obwohl Liebe sie verbindet. Die Ehefrau und Mutter verschwand, als der Sohn noch ganz klein war und ihre Abwesenheit nimmt viel Raum ein im Leben der beiden Zurückgelassenen. All dies vermittelt der Autor auch durch seine Sprache, die so vieles beleuchtet und erfaßt und gleichzeitig eine gewisse Distanz hervorruft. Mich hat diese Geschichte, die in einer kleinen Stadt in der Poebene angesiedelt ist, sehr fasziniert.

Ein guter Ort?

parrella-versprechen

Valeria Parrella: Versprechen kann ich nichts, Hanser Verlag 2021, € 19,00

Kann ein Jugendgefängnis ein guter Ort sein? In Nisida oberhalb von Neapel scheint das so zu sein. Wir erleben ihn durch die Augen der 50jährigen Mathematiklehrerin, die tagtäglich dorthin fährt, um zu unterrichten. Sie beobachtet genau an diesem besonderen Ort und lässt uns auch an ihren sinnsuchenden Gedankengängen teilhaben, die ihr Leben außerhalb der Gefängnisschranken betreffen. Die 16jährige Gefangene Almarina wächst der alleinlebenden Lehrerin ans Herz und es stellt sich die Frage, ob es ein Füreinanderdasein geben könnte. Um es mit Valeria Parrellas Worten auszudrücken: "Eine Ahnung von Hoffnung liegt in der Luft."

Quarantäne zu Zeiten der Spanischen Grippe

mullen-stadt

Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt, DuMont Verlag 2020 €18,00

Die Spanische Grippe breitet sich aus. Auch tief in den Wäldern des Staates Washingtons, auch in der nächsten Kleinstadt, die unmittelbar an die kleine Holzfällergemeinde Commonwealth grenzt. Wer dort lebt, arbeitet für das orstansässige Sägewerk, wer sich dort niedergelassen hat, suchte einstr die Abgeschiedenheit und ein sozial abgesichtertes Leben.  Jetzt geht die Sorge um - wie sich schützen vor der ansteckenden Krankheit? Die Gemeinde beschließt eine provokante Lösung: sie begibt sich in eine selbst auferlegte Quarantäne. Nicht alle halten dies für die beste Lösung, doch die Mehrheit. Wachposten werden an der Zufahrtsstraße aufgestellt, Menschen verirren sich selten bis nach Commonwealth. Doch was Quarantäne über einen langen Zeitraum bedeutet, bekommen die Bewohner erst nach und nach zu spüren. Ein Soldat muss erschossen werden, Vorräte können nicht mehr aufgefüllt werden, kaum noch Nachrichten dringen durch, die Arbeiter beginnen, ihrem Arbeitgeber zu misstrauen, vielen fehlt Abwechslung nach der Arbeit, selbst innerhalb der Familien knirscht es im Getriebe. Solidarität ja, aber dann ist sich doch jeder selbst am nächsten? Mit großer Spannung verfolgt man diesen Roman, der nicht aktueller sein könnte, obgleich 102 Jahre zwischen der Spanischen Grippe und dem aktuellen Coronavirus liegt.

Eintauchen in das England nach der Jahrhundertwende

gardam

Jane Gardam: Robinsons Tochter, Hanser Berlin Verlag 2020 €24,00

Im besten englisch-traditionellen Stil begleiten wir die sechsjährige Polly durch ihr Leben. Liebe, Enttäuschung, Freundschaft und Einsamkeit – die Bücher der Hausbibliothek, allen voran „Robinson Crusoe“ werden Pollys Rettungsanker im großen gelben Haus, bei ihren zwei alten Tanten und den wenigen Hausangestellten. Charles Dickens, die Bronté-Schwestern – in diese Stimmung hat es mich schon nach den ersten Seiten versetzt. Ein Buch für gemütliche Stunden. Annette Goossens

Von Flughafen zu Flughafen

szalay-turbulenzen

 David Szalay: Turbulenzen, Hanser, € 19,00

Von Flughafen zu Flughafen ist der Leser mit diversen Protagonisten unterwegs und erlebt mit ihnen ihre Beziehungen in Familie, Partnerschaft, Arbeit und Gelegenheitsbegegnung. Oft sind es zwei Personen aus einem der Beziehungsgeflechte, die wir begleiten und wir geraten mit ihnen in oft lebensverändernde Situationen. Wie ein feines Mosaik ist dieser Roman, der die ganze Welt umspannt: sowohl an Orten als auch an Wendepunkten.

Emanzipiert im 16. Jahrhundert

lange-johanna-wahnsinnige

Alexa Hennig Von Lange: Die Wahnsinnige, Dumont Verlag, € 20,00

Ein historischer Roman, der nichts mit den 500- Seiten- Schmökern gemein hat. In der historischen Figur schwingt die Auseinandersetzung der Autorin mit den zentralen Themen mit und so ist es in Inhalt und Sprache trotz des Schauplatzes in lang vergangener Zeit ein durchaus aktueller Roman. Er führt den Leser ins 16. Jahrhundert nach Spanien und Belgien in die Zeit der Regentschaft von Isabella der Katholischen. Zentrale Figur ist ihre Tochter Johanna, genannt die Wahnsinnige, denn sie will nicht so funktionieren, wie es von ihr erwartet wird. Um ihren Gehorsam zu erzwingen, wird sie sogar gefangengehalten und von Mann und Kindern getrennt. Johanna ist eine junge Frau, die versucht, der verlogenen Welt ihrer Eltern zu entkommen. Sie möchte kein fremdgesteuertes Leben, sich nicht den Regeln ihrer Eltern, der Gesellschaft  und der Religion unterwerfen. Sie wurde nach politischen Interessen jung verheiratet mit Philipp I., Erzherzog von Österreich und Herzog von Burgund. Dass sie Phiipp tatsächlich liebt, beglückt sie, aber bereitet ihr auch viel Kummer. Sie sehnt sich nach Verbundenheit, Vertrauen und erwiederter Liebe, gleichzeitig sucht sie in der Ehe nach Eigenständigkeit und möchte als gleichberechtigte Partnerin wahrgenommen werden. Hier ist sie ihrer Zeit weit voraus und rennt gegen vielerlei Mauern. Ein sehr lesenswerter Roman!

Von Vergangenem und Zukünftigem

McConaghy_zugvoegel

Charlotte McConaghy, Zugvögel, S. Fischer Verlag 2020 € 22,00

Das Debüt von Charlotte McConaghy überrascht mit einer aufwühlenden Geschichte zu möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf das Artensterben. Die Autorin nimmt den Leser auf eine Reise über die Meere mit, eine mögliche letzte Reise der Küstenseeschwalben in die Antarktis. Getrieben von der Hoffnung, den Flug der tapferen Vögel zu begleiten, heuert Franny, eine junge Australierin mit irischen Wurzeln und einer obzessiven Leidenschaft für Vögel, auf einem Fischkutter an. Franny wird in einem Team von Fischern ihren Platz finden müssen, die Naturgewalt des Meeres aushalten lernen, und dabei die eigene traumabehaftete Lebensgeschichte aufarbeiten.  Worte, so poetisch wie der Flug der Zugvögel, Kapitel, so gewaltig wie das Aufbäumen von sturmgepeitschten Wellen, Passagen voller Zärtlichkeit und Liebe für die letzte überlebende Vogelart - wer sich auf dieses Buch einlässt, wird sich dem Sog der Geschichte nur schwer entziehen können. Am Ende schenkt die Autorin dem Leser ein Stück Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.

Island pur

Schmidt.jpeg

Joachim B. Schmidt: Kalmann, Diogenes, Verlag 2020 € 22,00

Es ist kein Zufall, dass Joachim B.Schmidt für seinen Roman den Schauplatz Island wählt: der gebürtige Graubündner wanderte dorthin aus, lebt seit 13 Jahren mit seiner Familie in Reykjavik und führt Touristen durch das Land. Den Leser lässt er das leben in dem kleinen Fischerort Ranfarhöfn erleben, über das Meer geschaut lässt sich der Nordpol erahnen. Der Schnee und das Meer sind allgegenwärtig. Erzähler und zentrale Figur ist Kalmann, männlich, Anfang 30, Haifischjäger. Er hat eine geistige Behinderung, jeder im Ort kennt ihn und er hat seinen festen Platz in der Dorfgemeinschaft. Sein Großvater erklärte ihm das Leben und liess ihn zu der Selbstständigkeit finden, die ihm das Zurechtfinden im Großvaterhäuschen ermöglicht, nun, wo dieser im Altersheim ist. Kalmann berichtet in einer schlichten Sprache und liefert in seiner kindlichen Naivität überzeugende Einsichten. Ein  Dorfbewohners ist verschwunden, die Polizei steht vor einem unlösbaren Rätsel. Schön ist es, zu beobachten, wie Kalmann in all seiner Begrenztheit seinem Leben eine Wendung gibt. Ein Muss für jeden Island - Interessierten!

Flucht nach vorn

achleitner

Hubert Achleitner: Flüchtig, Zsolnay Verlag, 23,00 €

Der Roman erzählt von Herwig und Maria, die sich in jungen jahren verliebten. Sie lebten zunächst eine lockere Verbindung, die zu einer festen Beziehung wurde. Der Verlust ihres ungeborenen Kindes steht in den folgenden Jahren zwischen ihnen, jeder von ihnen sucht Wege, um zu verdrängen und zu vergessen.. Nach 35 Ehejahren ist Maria plötzlich verschwunden, ohne ein Wort oder einen Brief. Herwig ist fassungslos und sucht nach ihr, obwohl er schon länger eine andere Frau liebt. Marias ungeplante Flucht aus dem eigenen Leben lässt sie auf Menschen und Situationen treffen, die ihr eine völlig neue Sicht auf die Welt vermitteln. Langsam findet sie zu innerer Ruhe und Versöhnung mt der Vergangenheit. Ihr Weg führt sie von Österreich nach Griechenland und der Leser erfährt Interessantes über das Leben auf dem Heiligen Berg Athos. Hubert Achleitner, besser bekannt als Hubert von Goisern, hat seinen Roman gut aufgebaut, der Roman hat mich in seiner Komplexität überrascht und in Bann gezogen. Er beleuchtet die Geschichte von verschiedenen Seiten und lotet sehr gut psychische Tiefen aus.

Drei Frauen in Paris 1885

mas-tanzenden

Viktoria Mas: Die Tanzenden, Piper Verlag 2020 € 20,00

Ein spannend zu lesender Roman in Paris um 1885. Drei Frauen ganz unterschiedlicher Art sind die zentralen Figuren, verbunden durch einen bestimmten Ort: die Salpetrière. Ein weitläufiges Areal hinter Mauern, in dem aus der Gesellschaft verstoßene Frauen leben. Oft führen die Folgen von Gewalttätigkeit an diesen Ort. So ist es bei der jungen Louise, die nun an hysterischen Anfällen leidet und  ein interessantes Objekt für die Mediziner darstellt. Anders bei Eugénie, die aus großbürgerlichen Kreisen kommt und ungewollt Geistererscheinungen hat. Und dann ist da noch Geneviève, die seit Jahrzehnten die Aufsicht über die Frauen führt und bei der sich unerwartet ein großer Wandel vollzieht. Es fällt schwer, das Buch aus den Händen zu legen, es beschreibt Emotionen und Situationen so anschaulich, dass die Bilder im Kopf von selbst entstehen.

Der Turm im See

balzano-turm-see

Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes Verlag € 22,00

Die Geschichte Südtirols über die Zeit vor und während des Faschismus, der Jahre, als Hitler Südtirol als "Operationszone Alpenvorland" erklärte. Die Einberufung der jungen Männer, der Wechsel der Amtssprache - über all dies erzählt Balzano in dieser Familiengeschichte aus Sicht Trinas. Sie wuchs hier auf, wurde Lehrerin, hatte Mann und zwei Kinder. Nachdem ihr Mann für die von ihm gehassten Faschisten kämpfen musste, versteckt er sich mit ihr in den Bergen, um nicht nochmals eingezogen zu werden. Wieder zurück in ihrem Dorf müssen Trina und ihr Mann zusehen, wie ein großes Staudammprojekt droht, ihr Zuhause im Wasser zu versenken. Der Kampf dagegen eint und trennt die Dorfbewohner. Balzano lässt die Leser diese die Existenz bedrohende Situation aus vielen Blickwinkeln nachempfinden und setzt damit dem versunkenen Dorf am Reschenpass ein Denkmal.

Drama mit Happy End

gould-bourne-pandatage

James Gould-Bourn: Pandatage, Kiepenheuer & Witsch 2020 € 20,00

Dank eines Pandakostüms finden Vater Danny und Sohn Will (11 Jahre alt) zueinander. Liz, Frau und Mutter, verstarb bei einem Unfall und die Unfassbarkeit, der Schmerz,, die Leere stehen zwischen Danny und Will, der in Sprachlosigkeit abtaucht. Man könnte meinen, solch eine Geschichte könne sich nur traurig lesen. Aber Dank einer Tragikomik mit einem großen Einfallsreichtum an ungewöhnlichen Situationen hat der Roman eine Leichtigkeit, die erstaunt. Und dann verhilft das Pandakostüm, einige Rückschläge inbegriffen, zu einem Happy End, das man sich unbedingt für die liebgewordenen Akteure wünscht.

Der kleine Mensch im großen Staat

filipenko-rote-kreuze

Sasha Filipenko: Rote Kreuze, Diogenes Verlag 2020 € 22,00

Ein junger Mann und eine alte Dame werden neue Nachbarn in Minsk. Stück für Stück erzählen sie sich von den Dramen in ihren Leben. Auf der einen Seite Krankheit, schmerzlicher Verlust eines geliebten Menschen und Neuanfang, auf der anderen die Auswirkungen des russischen Systems unter Stalin und danach: Trennung, Gefangenschaft, Schuldgefühl, Ungewißheit und bittere Erkenntnis. Neben den persönlichen Lebensgeschichten erzählt der Roman über die Ignoranz der russischen Regierung gegenüber ihren gefangenen Soldaten im 2.Weltkrieg, Originalschriftstücke fließen in die Romanhandlung ein. Eine erschütternde historische Geschichte, die das fühlende Individuum dem kalten Staatsapparat gegenüberstellt, während gleichzeitig das heutzeitige, generationsübergreifende Verständnis Hoffnung weckt.