Unterwegs im autoritären Regime

pehnt

Annette Pehnt: Alles was Sie sehen ist neu, Piper, € 18,00

Nime ist die geheimnisumwobene charismatische männliche Figur dieses Romans. Er lebt in Kirthan und ist Reiseleiter einer Touristengruppe, die versucht, ein wenig von diesem ihnen fremden Land zu begreifen. Es wird über verschiedene Episoden aus dem bisherigen Leben des erzähltalentierten Nime berichtet und diese geben Einblick in das Leben auf dem Land und in der Stadt in einem autoritären Regime. Und dann sind da noch die Eindrücke und Blickwinkel derer, die das Land bereisen. So setzt sich ein interessantes Kaleidoskop zusammen.

Unter Engländern – ein Gesellschaftsroman

coe-middle-england

Jonathan Coe: Middle England, Folio Verlagsgesellschaft 2020 € 25,00

Wer sich in das Lebensgefühl der 2010 - 2018er Jahre in England einfühlen möchte, sollte den neuen Roman von Jonathan Coe lesen. Dieser zeigt über seine Protagonisten die verschiedenen Sichten auf die Veränderungen in der Gesellschaft und die Reaktionen darauf. Wo dem einen die alte Tradition, wie zum Beispiel die nun verbotene Fuchsjagd fehlt, ist dem anderen die Rechtmäßigkeit der Ehe unter Homosexuellen noch lange nicht fortschrittlich genug. Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 weckt ungeahnten Nationalstolz, 2018 erschrecken Angriffe auf Ausländer, die sich vorher gut integriert und akzeptiert fühlten. Das Referendum entscheidet für den Brexit und eigentlich heimatliebende Briten verlassen ihr Land. Dies sind nur einige Aspekte des vielfältigen Gesellschaftsporträts, das in diesem Roman gezeichnet wird. Es wird geliebt, getrennt, gearbeitet und geschrieben in der Middle Class in Middle England und Jonathan Coe verknüpft eine Vielzahl von Lebenswegen zu einem unterhaltsamen und eindrucksvollen Werk.

Der kleine Mensch im großen Staat

filipenko-rote-kreuze

Sasha Filipenko: Rote Kreuze, Diogenes Verlag 2020 € 22,00

Ein junger Mann und eine alte Dame werden neue Nachbarn in Minsk. Stück für Stück erzählen sie sich von den Dramen in ihren Leben. Auf der einen Seite Krankheit, schmerzlicher Verlust eines geliebten Menschen und Neuanfang, auf der anderen die Auswirkungen des russischen Systems unter Stalin und danach: Trennung, Gefangenschaft, Schuldgefühl, Ungewißheit und bittere Erkenntnis. Neben den persönlichen Lebensgeschichten erzählt der Roman über die Ignoranz der russischen Regierung gegenüber ihren gefangenen Soldaten im 2.Weltkrieg, Originalschriftstücke fließen in die Romanhandlung ein. Eine erschütternde historische Geschichte, die das fühlende Individuum dem kalten Staatsapparat gegenüberstellt, während gleichzeitig das heutzeitige, generationsübergreifende Verständnis Hoffnung weckt.

Viva Italia! Deutsch-italienscher Abend mit Massimo Marano

marano-ital-persoenlichkeiten
An diesem Abend konnten sich Zuhörer auf unterhaltsame Weise an der italienischen Sprache probieren. Der gebürtige Römer Massimo Marano lebt in München und tischte mit italienischer Leidenschaft auf. Er schreibt für die zweisprachige Reihe bei dtv kurze Geschichten mit italienischem Kontext. Für Sprachanfänger und Fortgeschrittene präsentierte er Persönlichkeiten, Kulinaria und Krimis. Feurig, locker, verlockend und mit italienischem Esprit. Im Wechsel mit Annette Goosens, die für die deutschen Passagen sorgte, konnte das Publikum zwischen den Sprachen hin und her wandern.

Ein Leben in Italien

camilleri-brief

Andrea Camilleri: Brief an Matilda, Kindler Verlag € 20,00

Dieses Buch ist der lange Brief des damals 92jährigen Andrea Camilleri an seine Urenkelin, als sie 4 Jahre alt war, damit sie später, als junge Erwachsene, etwas von ihm und seiner Zeit verstehen möge. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend zur Zeit des Faschismus in Sizilien, von seiner Rebellion gegen Erwartungen und der wachsenden Sehnsucht nach Freiheit. Sein Lebensweg als Lernender und Arbeitender war selten gradlinig und geprägt von dem Bedürfnis, seinen Ansichten treu zu sein, Kontra zu geben und sich auch politisch einzumischen. Er erzählt seiner Urenkelin von herausragenden Momenten der Weltgeschichte und erklärt ihr Entwicklungen und Veränderungen, die für die zukünftige erwachsenen Matilda ferne Vergangenheit sein werden. Er glaubt an die Kraft der heutigen jungen Menschen, Dinge zum Guten zu wenden. Das anregende Vermächtnis eines offenen, ehrlichen und beeindruckenden Menschen!

In die Vergangenheit gespült

tukur-ursprung

Ulrich Tukur: Der Ursprung der Welt, Verlag S. Fischer € 22,00

Die goldene Schrift und der dunkelrote grprägte Schutzumschlag, der eine runde Öffnung für eine Photographie freilässt, machen neugierig und versprechen nicht zuviel: Ulrich Tukurs Sprache ist schön und klar, beinhaltet manche heutzutage selten genutzte Wörter und zieht den Leser durch den Gebrauch des Präteritums in den Bann vergangener Zeiten. So erstaunt es zu erfahren, dass der Roman in der nahen Zukunt der 2030er Jahre angelegt ist, in der die digitale Überwachung das Leben der Menschen überschattet. Paul Goullet befindet sich in Paris und entdeckt dort ein altes Photoalbum, das Bilder eines Mannes von vor 100 Jahren zeigt, der ihm aufs Haar gleicht. Paul reist den Spuren nach und fühlt sich immer wieder hineinkatapultiert in die Zeit der 1930er Jahre während der deutschen Besatzung und der Resistance in Südfrankreich. Er hat verwirrende und klärende Begegnungen, er wird Dinge erfahren, von denen auch der Leser wünschte, sie wären nur der Phantasie entsprungen. Das Nachwort lässt uns wissen, dass gerade hier wahre Begebenheiten zugrunde liegen. Und während Paul Goullet seiner eigenen Geschichte folgt und Klarheit findet, lesen wir einen fesselnden Roman zwischen gestern und heute.

Wie war das in der DDR?

aehnlich-krause

Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand, Kunstmann 2019 € 18,00

Kathrin Aehnlich hat einen ganz eigenen literarischen Stil, der etwas Leichtes, Amüsantes und Liebevolles in sich trägt. Sie lässt ihre Protagonistin Isabella Krause an die Orte ihrer Kindheit in DDRzeiten zurückkehren und intensive frohe Erinnerungen in ihr aufleben. Isabella Krause sucht und findet für eine Fernsehproduktion Zeitzeugen, die von ihrem Leben in der DDR erzählen, das leider nicht dem Bild des westdeutschen Regisseurs entspricht. Wie lässt sich dieses Dilemma nur lösen? Ob der Leser es kennt oder nicht: es macht Spaß, von Schrankwand Kompliment, der Erfindung der Milchtüte, Stammbuchbildern und Hasenhausen zu lesen. Gleichzeitig macht es nachdenklich, von Teerseen, Abkühlungsgruben ohne Geländer und dem rötlichen Staub des Wälzlagerwerks zu erfahren. Und so wie den Protagonisten wird den Lesern die unsichtbare aber spürbare Mauer zwischen Ost und West bewusst.

In Nord-Norwegen

hansen-hummerleben

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben, Kiepenheuer & Witsch, € 24,00

In einem großen traditionsreichen Hotel in den nordnorwegischen Bergen lebt der Jugendliche Sedd. Seine Großeltern sind an die Stelle der verschollenen Eltern getreten über die der Junge nur bruchstückhaft etwas in Erfahrung bringt. Der Großvater, immer vorbildlicher Hoteldirektor, bereitet Sedd darauf vor, das Hotel einmal zu übernehmen. Seine Großmutter, mit ihrem weichen, der Wiener Herkunft geschuldeten Tonfall, ist liebevoll aber kann auch kraztbürstig werden. Sehr wichtig ist Jim, Herrscher in der großen Küche seit Sedd denken kann und eine feste und verlässliche Größe in seinem Leben. Sie alle arbeiten viel und vielseitig, obwohl die Anzahl der Gäste sukzessive abnimmt. Ist es nur eine kurze Flaute oder der Anfang einer unaufhaltbaren Entwicklung? Der Roman ist aus der Sicht des amüsant neunmalklugen Jungen geschrieben, der viel beobachtet, mit Gehörtem und Gelesenem verknüpft und seine ganz eigenen Überzeugungen entwickelt. So romantisch abgeschieden das Hotel auch liegen mag: vor der Realität kann man nur kurz die Augen verschliessen und Dramen sind allgegenwärtig!

Verflechtungen

anwar-kreise

Arif Anwar: Kreise ziehen, Wagenbach Verlag 2019 € 24,00

Wie ein verschlungenes Seil, das Stück für Stück gelöst wird, liest sich der einige Jahrzehnte umspannende Roman von Arif Anwar. Er erzählt von dem indischen Ehepaar Rahim und Zaira, das 1946, vor der Teilung des Landes, von Kalkutta nach Ostbengalen zieht und sich dort ein neues Leben aufbaut. Er erzählt auch von dem Paar Jamir und Honufa mit ihrem kleinen Sohn, die 1970 in Bangladesch einem Sturm ausgesetzt sind, in dem die Welt unterzugehen scheint. Und auch Shahiyar und Anna sind zwei sehr wichtige Personen in diesem Roman: Vater und Tochter in Washington 2004. Wie diese Personen in Verbindung stehen und wie sie sich den Herausforderungen ihrer Leben stellen lässt und viel über Charaktere, Gesellschaftasstrukturen und religiöse Hintergründe erfahren.

Liebe und Klavier

boyd-blinde-liebe

William Boyd: Blinde Liebe, Kampa Verlag 2019 € 24,00

Mit Brodie Moncur reisen die Leser quer durch Europa: von Edinburgh über Paris nach St. Petersburg, nach Biarritz, Nizza, Genf, Wien, Graz, Triest - und dann sogar nach Indien. Es ist die Zieit um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Brodie Mancur ist ein sehr versierter Klavierstimmer und seine Begabung öffnet ihm viele Türen. Dass er sich mit Mitte zwanzig in eine bereits liierte Frau verliebt, für die er alles zu tun bereit ist, führt zu einem zusehends an Spannung aufnehmenden Aspekt einer ohnehin fesselnden Geschichte. Ein Roman zum Eintauchen mit interessanten, gut gezeichneten Figuren und faszinierenden Schauplätzen!

Emotionale Familienspannung

rosnay-tage-paris

Tatiana de Rosnay: Fünf Tage in Paris, C. Bertelsmann Verlag 2019 € 20,00

Ein emotionsgeladener Roman über eine Familie in Frankreich, der es bei einem Familientreffen in Paris gelingt, lang gehütete und verdrängte Gefühle und Erlebnisse zuzulassen und Offenheit untereinander zu wagen. Der Fokus liegt auf Linden, dem berühmten in San Francisco lebenden Sohn und Fotografen, aber auch die Vergangenheit seiner Schwester und seiner Eltern birgt viel Unausgesprochenes. Während der fünf beschriebenen Tage wird Paris von einer ungeahnt heftigen und folgenschweren Überflutung heimgesucht. DIe vielen nach und nach an die Oberfläche gelangenden Ereignisse halten auch die Leser in Atem.

Woher – wohin?

maedler-wohin

Peggy Mädler: Wohin wir gehen, Galiani Berlin 2019 € 20,00

Episodenhaft erzählt Peggy Mädler in ihrem Roman über drei Generationen, mit besonderem Blick auf die Frauen. Aus der ehemals Tschechoslowakischen Republik nach dem 2. Weltkrieg in den kleinen Ort Kirchmöser im russisch besetzten Deutschland umgesiedelt, engagiert sich die schon vorher kommunistisch gesinnte Ida beim Aufbau der entstehenden Deutschen Demokratischen Republik. Ihre Tochter Rosa und auch Almut tun es ihr nach. Diese beiden verbindet eine tiefe Freundschaft, die ihnen in Zeiten von Verlust und Neuanfang Halt gibt. Auch, als Rosa sich 1960, inzwischen in Ostberlin lebend,  in den Westen absetzt verrät Almut diese Freunschaft nicht und trägt die Konsequenzen. Schön ist es für sie, Jahre später zu erleben, wie auch ihre Tochter im bereits vereinten Berlin eine nahe Mädchen- und dann Frauenfreundschaft trägt. Mit gutem Gespür für alle Generationen, ihre inneren Sehnsüchte, Gedanken, Freuden und Nöte lässt Peggy Mädler deutsch-deutsche Zeitgeschichte wachwerden.

Vom Piemont nach New York

romagnolo-bella-ciao

Raffaella Romagnolo: Bella Ciao, Diogenes Verlag 2019 € 24,00

Ein kleiner Ort im Piemont, Anfang des 20.Jahrhunderts. Giulia, Anita und Pietro sind seit der Kindheit beste Freunde. Sie teilen Freud und Leid eines arbeitsreichen und kargen Lebens. Als sie 20 Jahre alt sind, sieht Giulia sich veranlasst, von einem Moment zum anderen zu Verschwinden, ohne sich zu Verabschieden, ohne ein Zeichen zu lassen. Sie schifft sich nach New York ein und lässt ihre Vergangenheit hinter sich, bis sie 1946 zusammen mit ihrem Sohm zum 1.Mal wieder in ihrem Heimatort ist. Über die Jahre in Italien erfährt der Leser, indem er in Anitas Familie die Menschen von vier Generationen begleitet: in der Landwirtschaft, bei der Hausarbeit, in der Fabrik, in den zwei Kriegen, im politischen Agieren, unter Partisanen, in ihren Beziehungen, ihren Sehnsüchten, Lieben, und in ihrem Verzweifeln. In New York lebt Giulia mit Mann, Sohn und Enkeln, hat erst einen, dann weitere Lebensmittelläden in Little Italy unter den Einwanderern und in anderen Stadtvierteln. Sie erlebt Vorurteile und wirtschaftlichen Aufstieg und vermisst die Freundin Anita, die immer die richtigen Fragen stellte. Ob sie sie nun, nach fast 50 Jahren, wiederfinden wird? Und mit ihr den inneren Frieden, nach dem sie sich sehnt? Raffaella Romagnola beschreibt das Fühlen und Handeln der Menschen so anschaulich, dass ich mich ihnen sehr nah fühlte und in ihr Erleben in diesen düsteren Jahrzehnten hineinversetzt wurde. EIn Roman, wie ich ihn mir sprachlich und inhaltlich besser nicht erträumen könnte!

21 Kinder

saucier-niemals

Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie, Insel Verlag 2019 € 20,00

Jocelyne Saucier hat ein weiteres Mal einen beeindruckenden Roman geschrieben, der mich immer mehr in den Bann gezogen hat und bei dessen letzten Kapitel ich nur noch dachte: grandios! Grandios die unaufgeregte und ausdrucksstarke Sprache, der Aufbau, der aus verschiedenen Blickwinkeln Innerem und Äußerem nachspürt, das Einfühlungsvermögen. Jocelyne Saucier erzählt die Geschichte einer kanadischen Familie mit 21 Kindern, die sehr wild und frei aufwachsen. Der Vater ist Erzsucher, der in der Welt seiner Gesteinsanalysen versinkt, die Mutter ist tags nur in der Küche zu finden und hat doch einen Blick tief in die Seelen ihrer Kinder. Ein tragisches Ereignis bringt Schweigen zwischen die Familienmitglieder und die Frage nach dem wahren Hintergrund und ob sie sich der Wahrheit jemals werden stellen können steht zwischen ihnen.

Tiefer Blick am Ladentisch

rytisalo-lempi-tb

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe. dtv Tb € 10,90

Lempi war eine junge Frau im finnischen Lappland Anfang der 1940er Jahre. Sie starb - warum? Drei Menschen, die ihr sehr nahe standen, erzählen von ihr: ihr Mann, ihre Magd, ihre Zwillingsschwester. Die Antwort findet sich fast versteckt in Nebensätzen - diese umrankend erzählt das Buch von der Geschichte Lapplands zwischen Deutschen und Russen, von einer intensiven, kurzen Liebe, dem Leben auf einem kleinen Hof, von Eifersucht, von Aufbruch und Zurückkommen und von Zwiliingsnähe. Ein schöner, intensiver, besonderer Roman!

Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen

melandri-alle-kopie

Francesca Melandri: Alle, außer mir, Wagenbach Verlag 2018 € 26,00

In diesem beeindruckenden Roman verknüpft Francesca Melandri gekonnt die individuelle Geschichte einer römischen Großfamilie mit historischen Ereignissen der italienischen Vergangenheit. Verdrängt und Vergessen wurden von der Nachkriegszeit bis heute die Gräueltaten der Faschisten in  Äthiopien 1935 und in der Erinnerung gab es unter Mussolini nur Opfer und Partisanen. Dass sich bei einem jungen Flüchtling aus Äthiopien eine Verbindung zu der römischen Familie vermuten lässt, führt zu Verunsicherung und Hinterfragen. Spannend und gut recherchiert spürt Francesca Melandri der Vergangenheit nach und gibt einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Stimmung in Italien. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser gut und genau beobachtende Roman von den unabhängigen Buchhändlern zum Lieblingsbuch des Jahres gewählt wurde!

Zwei Paare: im 18. Jahrhundert und jetzt

capus-koenigskinder

Alex Capus: Königskinder, Hanser Verlag 2018, € 21,00

In seinem Roman "Königskinder" erzählt Alex Capus zwei Geschichten: die eine von Max und Tina, die auf dem Jaunapass mit ihrem Auto im Schnee stecken bleiben und eine Nacht im Auto verbringen ist gespickt mit amüsanten Dialogen, wie wir es von Alex Capus kennen. Um das Warten zu erleichtern erzählt Max die zweite Geschichte, die sich in dieser Gegend und in Frankreich im 18. Jahrhundert zutrug: von dem armen Viehhüter Jakob und Marie, der reichen Bauerstochter, die sich verlieben und nicht zusammensein sollten. Sie sind es dennoch, kurz zumindest, und sie bleiben beide über viele Jahre der Trennung ihrer Liebe treu und werden über verschlungene Wege wieder zueinanderfinden. Auch ohne im Auto eingeschneit zu sein mag man das Buch nicht zur Seite legen und die Geschichte von Jakob und Marie, Max und Tina miterleben!

Am Familientisch

pietrantonio-arminuta

Donatella Di Pietrantonio, Arminuta, Kunstmann, € 20,00

Die Romane von Donatella Di Pietrantonio: direkt, mit großer Ehrlichkeit und Offenheit die jeweilige Lebenssituation beleuchtend, mich als Leserin berührend. So ging es mir auch bei ihrem neuen Roman "Arminuta". Die Geschichte eines Mädchens, das plötzlich erfährt dass das Ehepaar, bei dem es als Einzelkind in der Stadt am Meer im Wohlstand aufwuchs, nicht seine leiblichen Eltern sind. Von einem Tag auf den anderen findet es sich ohne weitere Erklärung in einer Familie mit fünf Kindern in engen, ärmlichen, dörflichen Verhältnissen auf dem Land. Ratlosigkeit und Wut durchfluten es immer wieder aber es lernt auch die vorbehaltlose Rückendeckung einer pfiffigen jüngeren Schwester kennen und entdeckt erstaunt kleine Zeichen der Zuwendung an ungeahnter Stelle. Nach "Meine Mutter ist ein Fluss" und "Bella mia" hat die Autorin wieder eine Geschichte erzählt, die ich nicht missen möchte!

Zwei eigenwillige Frauen

hanika-sommer

Beate Teresa Hanika: Vom Ende eines langen Sommers, Btb € 20,00

Die 40-jährige Bildhauerin Marielle hat nie die ersehnte Nähe zu ihrer Mutter, beziehungsweise  Adoptivmutter, erleben dürfen. Nachdem diese verstorben ist, gelangen Tagebücher ihrer Mutter zu ihr, in denen diese von ihren Erlebnissen 1944 in der Toskana erzählt. Auf dem Landgut in den Hügeln nahe Lucca, in dem Marielle seit Kleinkindzeiten ihre Sommer verbringen wird, erleben beide Frauen ganz Entscheidendes und Lebensbestimmendes. Ein auch zeitgeschichtlich interessanter Roman über zwei eigenwillige Frauen!

Frankreich 1539

lewis-frau

Janet Lewis: Die Frau, die liebte, dtv € 18,00

Wie Liebe wächst, wie Sehnsucht blind macht, wie Schulgefühl zermartert, wie Liebe in Hass umschlägt - in dem Ambiente der Gascogne in der Mitte des 16. Jahrhunderts erlebt all diese Emotionalitäten eine junge Frau, Bertrande, die auf einen reichen Hof verheiratet wird. Das Buch gibt intensiven Einblick in den hierarchischen Alltag auf dem Land als auch einen sehr erstaunlichen, verwirrenden Prozess vor Gericht. Die Amerikanerin Janet Lewis, Zeitgenossin von John Williams und von ihm sehr geschätzt, schrieb diesen Roman 1941 und griff hiermit einen der berühmtesten Rechtsfälle Frankreichs auf. Nun ist der Roman erstmalig im Deutschen erschienen.

 

Deutschland, Texas, Utah

koehler-leben

Hannes Köhler: Ein mögliches Leben, Ullstein Verlag € 22,00

1944 in der Normandie: Franz, ein junger deutscher Soldat, wird Kriegsgefangener der USA. Auf der Schiffspassage lernt er Paul kennen: Amerikaner mit deutschen Wurzeln, der gegen den Willen seiner Eltern freiwillig als Wehrmachtssoldat nach Deutschland gegangen war. Sie werden nicht nur Freunde sondern auch "Prisoners of war". Sie merken sehr bald, dass es auch innerhalb des Gefangenenlagers Fronten gibt: die weiterhin Nazitreuen und die, die sich vom Hitlerregime und dessen Kriegshandlungen distanzieren. Es bleibt nicht bei Worten und Drohungen sondern kommt zu brutalen Angriffen bis hin zu Mord. Umrahmt wird dieser zeitgeschichtlich spannende Teil des Romans von der Familiengeschichte der Hauptfigur Franz. Aus was für einer Familie kommt er, wie wirkt sich das Erlebte auf seine Beziehung zu Frau und Tochter aus und was geschieht zwischen ihm und seinem Enkel, als dieser mit dem inzwischen fast 90-jährigen an die Orte seiner Vergangenheit in Texas und Utah reist? Ein sehr gut geschriebener, fesselnder Roman über ein ganz besonderes Kapitel des 2. Weltkrieges in Verknüpfung mit einer Familiengeschichte, die zum Nachdenken anregt.

 

Ein Dorf im Apennin

valentini-magnifica

Maria Rosaria Valentini: Magnifica, Dumont Verlag € 22,00

Das Leben in einem kleinen abgelegenen Ort im Apennin - es sind zunächst die Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der Roman erzählt über vier Generationen. Die landwirtschaftlichen und kirchlichen Regeln bestimmen die Tage der ganz einfachen und doch so unterschiedlichen Menschen mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Ängsten und deren Bewältigung, den sich entfremdenden Beziehungen und den wachsenden Freundschaften. Zentrale Figur ist Ada Maria, die ihre Mutter früh verliert, ihren Bruder großzieht und sich als junge Frau Schritt für Schritt dem deutschen ehemaligen Soldaten Benedikt nähert, der seit Endes des Krieges in einer Berghöhle lebt. Was es mit dem Namen Magnifica auf sich hat, welche Höhen und Tiefen Ada Maria und die Menschen um sie herum erleben, wird in diesem Roman überzeugend und einfühlsam erzählt.

 

Deutsch mit afrikanischen Wurzeln

magnold-krokodil-tb

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil, Rowohlt Tb € 12,00

Identitätssuche

Das erste Buch des Literaturkritikers Ijoma Mangold ist nicht nur eine Autobiografie, sondern gleichzeitig ein interessantes Gesellschaftsportrait des Deutschlands der 70er - 90er Jahre. Ijoma Mangold, Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, der kurz nach der Geburt des Sohnes nach Afrika zurückging und den Mangold erst mit 22 Jahren kennenlernen sollte, wuchs in einer geschützten Welt in Heidelberg auf. "Der Junge", wie Ijoma Mangold von sich selbst in der Kindheit erzählt, hat einige Besonderheiten in sein Leben zu integrieren: Die Abwesenheit des Vaters, eine unkonventionelle Mutter und eine andere Hautfarbe. Ihn beseelt die Sehnsucht nach Assimilation, die ihm so gut gelingt, dass er erst in seiner Jugend, nach dem Abitur, eine ganz neue Seite seiner Identität entdeckt: Bei Aufenthalten in den USA und bei seinem ersten Kontakt mit der afrikanischen Familie seines Vaters. Der Leser kann sich über durchaus komische Aspekte erzählter Anekdoten amüsieren, hat aber nie das Gefühl, ein Voyeur zu sein und fühlt sich angeregt, an eigene Erlebnisse zu denken als auch über die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen im Allgemeinen zu reflektieren. Möge "Das deutsche Krokodil" nicht der einzige Roman von Ijoma Mangold bleiben!