Viva Venezia!

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Michael Dangl: Orangen für Dostojewski, Braumüller Verlag 2021, € 24,00

Wer in Gedanken durch das Venedig von 1862 spazieren möchte, ist in diesem Buch genau richtig. Noch dazu sieht er/sie die Stadt durch die Augen eines bekannten Mannes: Dostojewski. Er, dem nach großem Erfolg in Russland zehn Jahre Publikationsverbot auferlegt worden waren, befindet sich nun am letzten und lang ersehnten Ort seiner Reise durch West-Europa. Seine Melancholie und auch eine gewisse Zwanghaftigkeit machen es ihm schwer, sich der lebhaften und lebensfrohen Mentalität der Italiener zu nähern. Erst, als er durch Zufall den wesentlich älteren, welterfahrenen, geselligen und genießenden Rossini begegnet und eine vorsichtige Freundschaft entsteht, wandelt sich auch seine Wahrnehmung. Auch, wenn  der Autor diese Begegnung zugegebener Maßen erfunden hat: Lesevergnügen ist sie allemal!

Münchenspaziergänge

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Hans Pleschinski: Götterbaum, Beck Verlag 2021, €

Ein Spaziergang dreier Damen durch das frühabendliche München, denen sich zwei Herren dazu gesellen - nicht zufällig, sondern verabredet. Sie alle verbindet ein Interesse an Paul Heyse, der im München des 19. und des angehenden 20. Jahrhunderts eine zentrale bekannte und gefeierte Persönlichkeit war, ausgezeichnet mit dem Literaturnobelpreis. Sie sind auf dem Weg zur ehemaligen Heyse-Villa, in der ein nach ihm benanntes Kulturzentrum entstehen könnte. Die Flaneure tauschen sich aus über den Literaten, zitieren ihn und beobachten parallel dazu die Münchner, die an diesem lauen Märzabend unterwegs sind. Kennt der Leser die Stadt, hat er viele erwähnte Orte und Details sofort vor Augen und spaziert mit den Protagonisten durch Strassen und über Plätze. Ein Münchenroman des Münchner Autors Hans Pleschinski.

Starke Frauengeschichte mit biblischem Hintergrund

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Sue Monk Kidd: Das Buch Ana, BtB Verlag 2020 €22,00

"Das Buch Ana" hat sich als eine der stärksten Frauengeschichten entpuppt, die ich seit langem gelesen habe. Ungeachtet der Tatsache, dass sie Anfang des ersten Jahrhunderts nach Christi beginnt, und Mädchen sowie Frauen in dieser Zeit nicht viel mehr zu tun hatten als zu gefallen und zu gehorchen, lernen wir die vierzehnjährige Ana als eigensinniges und von ihren Gedanken überzeugtes Mädchen kennen. Aufgewachsen in der Nähe des Palastes von Herodes Antipas, ihr Vater dessen oberster Schriftgelehrter, hat Ana schreiben und lesen lernen dürfen. Als sie auf dem Markt von Sepphoris Jesus kennenlernt, wird sie ihr Weg über viele Hürden und Bürden hinweg als dessen junge Frau an seine Seite führen. Ana ist eine von vielen Frauen, die in diesem Buch zu Wort kommen, und Ana wird all ihre Geschichten aufschreiben. Die Leidvollen, wie die Schmerzhaften. Die mit Happy End und die Tragischen. Ana wird auch ihre eigene Geschichte aufschreiben. Die einer großen Liebe zu Jesus, die sie jedoch nicht blind macht für seine Nähe zu Gott und seinen Weg, den er trotz aller Gefahren gehen wird. Ana ist eine fiktive Partnerin, die die Autorin Jesus an die Seite gestellt hat. Doch es ist trostvoll für den Leser, wenn er Jesus schweren Weg bis ans Kreuz begleitet und weiß, dass Ana ihm bis zuletzt den Rücken stärkt.

Durchtrieben oder wider besserer Vernunft?

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Bhavya Heubisch: Das süsse Gift des Geldes, Volk Verlag 2020 € 16,90

Als die junge Schauspielerin Adele Spitzeder mittellos in München eintrifft, leiht sie sich Geld und verspricht, es mit gutem Zins zurückzuzahlen. Vor allem die Ersparnisse der einfachen Leute fliegen ihr bald nur so zu und sie gründet eine Privatbank. Das Geld quillt aus Schränken und Schubladen, fast verbrennt es, als ein Feuer im Haus ausbricht. Dass Adele Spitzeders aus der Not geborener Plan nicht aufgehen kann und es sich bei ihren Aktivitäten keinesfalls um seriöse Bankgeschäfte handelt, ist unübersehbar. Adele lebt nun unkonventionell mit einer Frau zusammen, auf großem Fuß. Sie investiert aber auch in Armenküchen. Heubisch erzählt romanhaft und mit sanftem Lokalkolorit. Sie zieht ihre Leser*Innen gekonnt ins beengte und derbe Treiben auf Münchner Straßen und Plätze, auf der sie die Spitzeder (1832-1895) mit ihrer ambivalenten Persönlichkeit wie das Sahnehäubchen schwimmen lässt. Dabei lässt Heubisch offen, ob diese besonders durchtrieben  oder einfach nur wider besserer Vernunft agiert hat. Diese Frage bewegt, fasziniert und trägt durch dieses spannende Stück Münchner Zeitgeschichte.

Vertrauen auf Bewährungsprobe

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Philipp Collin: Das Spiel. Die Brüder Werner, Splitter Verlag 2020 € 25,00

Die Brudergeschichte, von der hier zwischen Fussballweltmeisterschaft 1974, dem legändären Spiel DDR-BRD und Stasi-Bespitzelung erzählt wird, offenbart ein deutsch-deutsches Familienschicksal, ein Lehrstück des Kalten Krieges. Die kompakte, bildmächtige, personenreiche Graphic Novel versucht Kommunismus versus Kaptalismus, mal rotzig, mal ideologisch phrasiert gegeneinander auszuspielen und weckt Erinnerungen an eine Zeit, in der unter dem Boden immer noch ein Boden lag und man tief fallen konnte.Historisch holzschnittig und im rasanten Mix von Sport, Konsum und Politik ist sie ein kurzweiliges Lehrstück, für junge Menschen oder all die, die es noch einmal wissen wollen.

Quarantäne zu Zeiten der Spanischen Grippe

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Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt, DuMont Verlag 2020 €18,00

Die Spanische Grippe breitet sich aus. Auch tief in den Wäldern des Staates Washingtons, auch in der nächsten Kleinstadt, die unmittelbar an die kleine Holzfällergemeinde Commonwealth grenzt. Wer dort lebt, arbeitet für das orstansässige Sägewerk, wer sich dort niedergelassen hat, suchte einstr die Abgeschiedenheit und ein sozial abgesichtertes Leben.  Jetzt geht die Sorge um - wie sich schützen vor der ansteckenden Krankheit? Die Gemeinde beschließt eine provokante Lösung: sie begibt sich in eine selbst auferlegte Quarantäne. Nicht alle halten dies für die beste Lösung, doch die Mehrheit. Wachposten werden an der Zufahrtsstraße aufgestellt, Menschen verirren sich selten bis nach Commonwealth. Doch was Quarantäne über einen langen Zeitraum bedeutet, bekommen die Bewohner erst nach und nach zu spüren. Ein Soldat muss erschossen werden, Vorräte können nicht mehr aufgefüllt werden, kaum noch Nachrichten dringen durch, die Arbeiter beginnen, ihrem Arbeitgeber zu misstrauen, vielen fehlt Abwechslung nach der Arbeit, selbst innerhalb der Familien knirscht es im Getriebe. Solidarität ja, aber dann ist sich doch jeder selbst am nächsten? Mit großer Spannung verfolgt man diesen Roman, der nicht aktueller sein könnte, obgleich 102 Jahre zwischen der Spanischen Grippe und dem aktuellen Coronavirus liegt.

Emanzipiert im 16. Jahrhundert

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Alexa Hennig Von Lange: Die Wahnsinnige, Dumont Verlag, € 20,00

Ein historischer Roman, der nichts mit den 500- Seiten- Schmökern gemein hat. In der historischen Figur schwingt die Auseinandersetzung der Autorin mit den zentralen Themen mit und so ist es in Inhalt und Sprache trotz des Schauplatzes in lang vergangener Zeit ein durchaus aktueller Roman. Er führt den Leser ins 16. Jahrhundert nach Spanien und Belgien in die Zeit der Regentschaft von Isabella der Katholischen. Zentrale Figur ist ihre Tochter Johanna, genannt die Wahnsinnige, denn sie will nicht so funktionieren, wie es von ihr erwartet wird. Um ihren Gehorsam zu erzwingen, wird sie sogar gefangengehalten und von Mann und Kindern getrennt. Johanna ist eine junge Frau, die versucht, der verlogenen Welt ihrer Eltern zu entkommen. Sie möchte kein fremdgesteuertes Leben, sich nicht den Regeln ihrer Eltern, der Gesellschaft  und der Religion unterwerfen. Sie wurde nach politischen Interessen jung verheiratet mit Philipp I., Erzherzog von Österreich und Herzog von Burgund. Dass sie Phiipp tatsächlich liebt, beglückt sie, aber bereitet ihr auch viel Kummer. Sie sehnt sich nach Verbundenheit, Vertrauen und erwiederter Liebe, gleichzeitig sucht sie in der Ehe nach Eigenständigkeit und möchte als gleichberechtigte Partnerin wahrgenommen werden. Hier ist sie ihrer Zeit weit voraus und rennt gegen vielerlei Mauern. Ein sehr lesenswerter Roman!

Für Architekturliebhaber

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Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer, Dumont Verlag, € 22,00

Die Hauptfigur dieses Romans ist eine Villa, erbaut 1909 für ein Professoren-Ehepaar in Berlin - Dahlem. Der Architekt ist jung und er legt sein ganzes Herzblut in dieses Projekt, die Gestaltung im großen und im Detail. Die Menschen, die dieses Haus bewohnen, sowohl Anfang des zwanzigsten als auch Anfang des 21.Jahrhunderts leben nicht nur in Beziehung zu den ihnen nahestehenden Menschen sondern auch in Beziehung zu dem Haus. Mit ihnen durchwandert der Leser die Räume und Winkel der Villa als auch die Zeitgeschichte.

Von inneren und äußeren Kämpfen

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Andreaas Izquierdo: Schatten der Welt, DuMont Verlag 2020 €16,00

Thorn, eine Kleinstadt in Westpreußen nahe der russischen Grenze Anfang des 20. Jahrhunderts, und drei Freunde, deren Leben der Leser bis nach Ende des 1. Weltkriegs verfolgen darf. Arthur, Carl und Isi stammen aus einfachen Familien, sie sind jung, wollen sich ausprobieren, Grenzen erfahren, ja, sogar Hierarchien herausfordern und das Wort des Vaters missachten. Sie suchen ihren Platz in Thorn, einen möglichen Lebensentwurf, doch der Ort macht es ihnen nicht leicht. Als der Krieg ausbricht, brechen Welten und Träume zusammen. Isi und Arthur, die irgendwie schon ein Paar waren, werden jäh auseinandergerissen. Carl und Arthur erleben den Krieg auf völlig unterschiedliche, durchaus auch brutale Weise, während Isi zuhause in Thorn ihren ganz eigenen Krieg führt. Gegen den Vater, gegen den Gutsherrn Boysen samt Sohn, die ihr und den Freunden mit ihrer Überheblichkeit schon immer ein Dorn im Auge waren. Ein Coming-of-Age Roman mit historischer Kulisse, bisweilen herrlich amüsant aber auch herzzerreißend dramatisch. Ein Buch zum Eintauchen in eine Zeit, die ihre ganz eigenen Geschichten geschrieben hat.

Drei Frauen in Paris 1885

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Viktoria Mas: Die Tanzenden, Piper Verlag 2020 € 20,00

Ein spannend zu lesender Roman in Paris um 1885. Drei Frauen ganz unterschiedlicher Art sind die zentralen Figuren, verbunden durch einen bestimmten Ort: die Salpetrière. Ein weitläufiges Areal hinter Mauern, in dem aus der Gesellschaft verstoßene Frauen leben. Oft führen die Folgen von Gewalttätigkeit an diesen Ort. So ist es bei der jungen Louise, die nun an hysterischen Anfällen leidet und  ein interessantes Objekt für die Mediziner darstellt. Anders bei Eugénie, die aus großbürgerlichen Kreisen kommt und ungewollt Geistererscheinungen hat. Und dann ist da noch Geneviève, die seit Jahrzehnten die Aufsicht über die Frauen führt und bei der sich unerwartet ein großer Wandel vollzieht. Es fällt schwer, das Buch aus den Händen zu legen, es beschreibt Emotionen und Situationen so anschaulich, dass die Bilder im Kopf von selbst entstehen.

Es war einmal in der Schweiz

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Katharina Geiser: Unter offenem Himmel, Jung und Jung, € 23,00

Fünf Generationen umspannt dieser Roman mit besonderem Blick auf zwei Frauen: Elise, die in den 1880ern vom Dorf in die Stadt zog, um sich ein freieres Leben zu erschaffen und Klara, die gute 100 Jahre später in Basel heranwächst und dann dort als Buchhändlerin arbeitet. Beide sind sie auf der Suche nach Echtem und Wahrem, nicht nur in der Beziehung zu Männern. Sie lassen sich berühren von dem, was das Leben für sie bereithält und bringen sich ein mit Nachdenken und Tatkraft. Elises Geschichte erzählt von dem Leben im Dorf, der Familie mit vielen Kindern, von den Lebensumständen der Prostituierten in Zürich, vom Arbeitervietel in Bern. Klara wird als Einzelkind groß, der Vater hat eine Metzgerei und versucht, ihr die Welt in Geschichten zu erklären, während die Mutter sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Auch als Erwachsene begleiten Klara Geschichten und Zitate und sie gleicht ihr Leben damit ab. Es sind die feinen Beobachtungen, die intensiven Wahrnehmungen, die in diesem Roman verzaubern. Er strahlt viel Ruhe aus und auch die längst vergangenen Zeiten werden uns lebhaft vorstellbar.

Viva Italia! Deutsch-italienscher Abend mit Massimo Marano

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An diesem Abend konnten sich Zuhörer auf unterhaltsame Weise an der italienischen Sprache probieren. Der gebürtige Römer Massimo Marano lebt in München und tischte mit italienischer Leidenschaft auf. Er schreibt für die zweisprachige Reihe bei dtv kurze Geschichten mit italienischem Kontext. Für Sprachanfänger und Fortgeschrittene präsentierte er Persönlichkeiten, Kulinaria und Krimis. Feurig, locker, verlockend und mit italienischem Esprit. Im Wechsel mit Annette Goosens, die für die deutschen Passagen sorgte, konnte das Publikum zwischen den Sprachen hin und her wandern.

Der Roman im Roman

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Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman, Diogenes Verlag 2019 € 24,00

Christoph Poschenrieder schreibt einen Roman über einen Roman, der offenbar nicht geschrieben werden will, denn er stürzt seinen Urheber in eine große Schaffenskrise. Es ist das Jahr 1918, als Gustav Meyrink in seiner Villa am Starnberger See vom Auswärtigen Amt in Berlin den Antrag bekommt, einen Roman zu schreiben, der die Freimaurer für den 1. Weltkrieg verantwortlich macht. Gustav Meyrink ist absolut unpolitsch und die Auftragsarbeit widerstrebt ihm, dem Dichter, der seiner Phantasie gern freien Lauf lässt. Aber das Geld braucht er und so sagt er zu. Er holt sich Anregungen in den Münchner Schriftstellerkreisen, vor allem bei Erich Mühsam, der die Revolution kommen sieht und unterstützt. Weiterhin erhofft Meyrink sich Inspiration beim Rudern auf dem Starnberger See und beim Yoga, das ihm schon manches Mal geholfen hat - aber die Ideen, Bilder, Wörter wollen nicht kommen. Eines Nachts aber beginnt die Schreibmaschine zu klappern...Christoph Poschenrieder spielt galant mit Wahrheit und Fiktion und manchmal vermischen sie sich auf wundersame Weise, so wie sich die persönliche Geschichte Meyrinks mit der Münchens im Revolutionsjahr 1918 verbinden.

Endlich der Sommer!

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Petra Hartlieb: Sommer in Wien, Du Mont Verlag 2019 € 18,00

Nach Winter und Frühling können wir nun das sympatische junge Mädchen Marie durch den Wiener Sommer begleiten. Sie ist mir schon recht ans Herz gewachsen in ihrer natürlichen, aufgeschlossenen und einfühlsamen Art! Nach zwei Jahren als Kindermädchen im großbürgerlichen Haushalt Arthur Schnitzlers wird sie sich nun im Jahre 1913 in ein eigenes Zuhause und ein unabhängigeres Leben aufmachen. Hoffentlich wird es bald Herbst in Wien! Diese schmalen, vom Du Mont Verlag so schön gestalteten Romane von Petra Hartlieb sind eine herrliche Entspannungs- und Wohlfühllektüre für jedes Alter und wie ein Blumenstrauss zu vielen Gelegenheiten zu verschenken.

Unterwegs in Rom

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Simon Strauss: Römische Tage, Tropen Verlag, € 18,00

Zwei Monate verbringt Simon Strauss in Rom: "So viele waren schon hier und haben im Grunde alles ausgefühlt, nichts bleibt mehr übrig für mich, alles ist bereits in anderen Herzen bewegt worden: Die Blicke über die Piazza, das Streichen über die Löwenköpfe, das Staunen am Treppenende. Aber die Brunnen sprudeln eben immer noch weiter. Die Sonne scheint immer noch durch die Kirchenfenster. Zum Verzweifeln, dass man nicht der Erste sein kann, der das sieht. Und doch sieht man ja all das längst Gesehene zum ersten Mal. Die geheime Hoffnung bleibt: Hier bin ich einzig und allein gewesen." In diesem Sinne durchstreift der Autor aufmerksam die Stadt, denkt an die bekannten Persönlichkeiten, die hier waren, sucht alte Stätten auf und benennt die Zeichen der Gegenwart. Er beobachtet die Menschen und denkt sich in sie hiein, er lässt die Stadt auf sich wirken und seinen Gedanken freien Lauf. Die Stadt tut ihm gut, das Alte, das Neue, die Begegnungen - für den Leser ist es eine Bereicherung, Rom durch die Augen und Gedankenspiele vin Simon Strauss zu sehen.

Märchenhaft

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Jürgen-Thomas Ernst: Vor hundert Jahren und einem Sommer, Braumüller Verlag € 23,90

Wie in einem Märchen haben die Protagonisten dieser Geschichte Lebensaufgaben zu bewältigen - vom kleinen Kind bis zum alten Menschen. Und wie bei einem Märchen hofft der Leser, dass am Ende die Menschen zusammenkommen mögen, die zusammen gehören. Es geht um existenzielle Erfahrungen wie Armut, Krieg, Überlebenswillen, Hunger, Geburt und Tod, Tatkraft und Selbsthilfe. Der Autor findet sehr schöne vielfältige und ungewöhnliche Beschreibungen der Natur, immer wieder neu und anders. Das Besondere an diesem Buch ist für mich die Melodie des Textes, die Schönes, Trauriges und Grausames erzählt, die den Leser trägt und geradezu süchtig macht.

Blitzlichter in der Welt

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Florian Illies, 1913 - Was ich unbedingt noch erzählen wollte. Fischer Verlag 2018 € 20,00

Ein Kaleidoskop anekdotenhafter Momentaufnahmen im Jahr 1913 aus dem Leben bekannter Persönlichkeiten in aller Welt. Von Florian Illies aufgespürt und erzählt, mit knappen, oft amüsanten Anmerkungen sollte dieses Buch in keinem Zuhause fehlen: ob auf dem Küchentisch, der Wohnzimmerkommode, neben dem Bett oder auf der Waschmaschine; ein paar Minuten um eine Episode zu lesen, finden sich immer. Und wer das Buch wie im Rausch in einer Nacht verschlungen hat, wird es trotzdem immer wieder Aufschlagen. Denn wie war das nochmal ???

Unter Künstlern in Rom

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Christian Schnalke: Römisches Fieber, Piper Verlag  € 22,00

Ein sehr schön zu lesender Roman über die deutschen Dichter und Maler in Rom im Jahre 1818. Frei erfundene Figuren bewegen sich unter historisch verbürgten aus den künstlerischen, religiösen und politischen Kreisen. Im Zentrum steht Franz Wercker, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, die Literatur lieben lernt und plötzlich die Gelegenheit bekommt, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen: in die des jungen Poeten Cornelius Lohwaldt, ausgestattet mit einem Stipendium für Rom und eben auf dem Wege dorthin. In Rom angekommen, wird Franz Höhen und Tiefen erleben, Freundschaft, Egozentrik, Abhängigkeit, Erfolg und Verriss, liebevolle Zuwendung und Hinterhältigkeit. Ich habe mich hineingesetzt gefühlt in diese Monate in Rom und der grundehrliche Franz in seinem Glück und Dilemma des Versteckspiels hat eindeutig meine Sympathie gewonnen!

Zwei Paare: im 18. Jahrhundert und jetzt

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Alex Capus: Königskinder, Hanser Verlag 2018, € 21,00

In seinem Roman "Königskinder" erzählt Alex Capus zwei Geschichten: die eine von Max und Tina, die auf dem Jaunapass mit ihrem Auto im Schnee stecken bleiben und eine Nacht im Auto verbringen ist gespickt mit amüsanten Dialogen, wie wir es von Alex Capus kennen. Um das Warten zu erleichtern erzählt Max die zweite Geschichte, die sich in dieser Gegend und in Frankreich im 18. Jahrhundert zutrug: von dem armen Viehhüter Jakob und Marie, der reichen Bauerstochter, die sich verlieben und nicht zusammensein sollten. Sie sind es dennoch, kurz zumindest, und sie bleiben beide über viele Jahre der Trennung ihrer Liebe treu und werden über verschlungene Wege wieder zueinanderfinden. Auch ohne im Auto eingeschneit zu sein mag man das Buch nicht zur Seite legen und die Geschichte von Jakob und Marie, Max und Tina miterleben!

Am Bauhaus in Weimar

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Tom Saller: Martha tanzt, List Verlag € 20,00

Martha sieht schon als Kind Formen, wenn sie Musik hört. Wolfgang, der wie ein väterlicher Freund in Marthas Familie lebt, versteht sie und weiß vom neu eröffneten Bauhaus in Weimar. Vielleicht findet sie dort heraus, wie sie diese Fähigkeit umsetzen kann? So folgt der Leser Martha ins Weimar der 1920er Jahre und ihrem Weg zu den großen Meistern, zu ihrer ersten Frauenfreundschaft, zum Ausdruckstanz und  beobachtet mit ihr das Erstarken der rechten Kräfte. Nach fünf Jahren kehrt Martha in ihre Heimat Pommern zurück, wo sie ihren sehr eigenen Weg geht. Wie sie die Kriegszeiten überlebt, erschließt sich aus der Rahmenhandlung in der heutigen Zeit, da ihr Tagebuch auftaucht und einen jugendlichen Leser in seinen Bann zieht.

Lesevergnügen

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Petra Hartlieb: Wenn es Frühling wird in Wien, DuMont Verlag € 18,00

Das Titelbild macht schon gute Laune und führt in die Zeit dieses charmanten Romans: "Wenn es Frühling wird in Wien" ist allerbeste, leichte, reizende Unterhaltung, die in das Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt. Marie, ein Mädchen vom Land, ist das liebevolle und geliebte Kindermädchen im Hause Arthur Schnitzlers. Durch den Dichter und den jungen Buchhändler Oskar entdeckt Marie Theater und Literatur. Durch Oskar erfährt sie auch, wie es ist, jemanden sehr gern zu haben. Kleinere und große Dramen im nahen Umfeld und der fernen Welt erschüttern nicht nur Marie. Hier ist wieder einmal ein Buch, das viel zu schnell ausgelesen ist und Sehnsucht nach einer Sommergeschichte weckt!

Eine kleine Familie

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Eugène Dabit: Petit-Louis, Schoeffling &Co € 22,00

Der erstmalig ins Deutsche übersetzte, 1930 im französischen Original erschienene Roman führt den Leser ins Paris von 1900 - 1920. Er erzählt von einer Arbeiterfamilie mit einem Sohn, Petit-Louis, die das einfache familiäre Miteinander lebt und liebt. Als der Ehemann und Vater zu Beginn des 1. Weltkrieges als Soldat fortgeht, ist dies für die Zurückbleibenden schwer zu ertragen. Petit-Louis ist als Jüngster an seiner Arbeitsstelle Hänseleien ausgesetzt und meldet sich freiwillig zum Militär, um sich zu beweisen und um die Welt zu sehen. Der Leser begleitet ihn in seiner Entwicklung vom Jugendlichen zum jungen Mann, in der Begegnung mit sehr verschiedenen Männern, die ihm Freunde werden und ihm sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben zeigen. Das Leben hinter und an der Front wird dem Leser vorstellbar und er hofft mit Petit-Louis, dass die kleine Familie wieder zusammenfinden möge. Eugéne Dabit hat autobiografische Erlebnisse in diesem Roman verarbeitet und eine sehr lesenswerte Liebeserklärung an seine Eltern und das Leben geschrieben.

Frankreich 1539

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Janet Lewis: Die Frau, die liebte, dtv € 18,00

Wie Liebe wächst, wie Sehnsucht blind macht, wie Schulgefühl zermartert, wie Liebe in Hass umschlägt - in dem Ambiente der Gascogne in der Mitte des 16. Jahrhunderts erlebt all diese Emotionalitäten eine junge Frau, Bertrande, die auf einen reichen Hof verheiratet wird. Das Buch gibt intensiven Einblick in den hierarchischen Alltag auf dem Land als auch einen sehr erstaunlichen, verwirrenden Prozess vor Gericht. Die Amerikanerin Janet Lewis, Zeitgenossin von John Williams und von ihm sehr geschätzt, schrieb diesen Roman 1941 und griff hiermit einen der berühmtesten Rechtsfälle Frankreichs auf. Nun ist der Roman erstmalig im Deutschen erschienen.

 

Münchner Bohème und Baltikum um 1900

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Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Kiwi 2019 € 10,00

Es ist die Zeit von 1875 in den Beginn des 20.Jahrhunderts. Eduard von Keyserling, Sohn aus baltischem Gutsadel, studiert in Dorpat Jurisprudenz, um dann in Wien zu entdecken, dass er sich im Literaturbetrieb heimisch fühlt. Nach einigen Jahren auf dem elterlichen Gut schließt er sich den Schwabinger Künstlerkreisen an. Es wird philosophiert, geraucht, getrunken und geliebt und jeder gerät mal mehr oder weniger in die Bredouille. Für die Sommerfrische haben die Künstler den Starnberger See entdeckt und so residieren dort Max Halbe, Lovis Corinth, Frank Wedekind und Eduard von Keyserling. Der Leser taucht ein in diese Idylle zwischen See, Schreibtisch, Staffelei und Kartenspiel. Klaus Modick ist es wieder einmal aufs Beste gelungen, sich in die Stimmung und Sprache einzufühlen, in der seine Protagonisten sich bewegen.

Ein Dorf im Apennin

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Maria Rosaria Valentini: Magnifica, Dumont Verlag € 22,00

Das Leben in einem kleinen abgelegenen Ort im Apennin - es sind zunächst die Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der Roman erzählt über vier Generationen. Die landwirtschaftlichen und kirchlichen Regeln bestimmen die Tage der ganz einfachen und doch so unterschiedlichen Menschen mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Ängsten und deren Bewältigung, den sich entfremdenden Beziehungen und den wachsenden Freundschaften. Zentrale Figur ist Ada Maria, die ihre Mutter früh verliert, ihren Bruder großzieht und sich als junge Frau Schritt für Schritt dem deutschen ehemaligen Soldaten Benedikt nähert, der seit Endes des Krieges in einer Berghöhle lebt. Was es mit dem Namen Magnifica auf sich hat, welche Höhen und Tiefen Ada Maria und die Menschen um sie herum erleben, wird in diesem Roman überzeugend und einfühlsam erzählt.

 

Anekdoten gespickte Pastete, regionale Spezialität

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Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, Kiepenheuer& Witsch, € 22,00

Revolution in München

Mitreißend und lebendig erzählt Volker Weidermann über die Revolution 1918 in München. Der Leser ist dabei, wenn Kurt Eisner seine feurigen Reden hält, er schaut Thomas Mann über die Schulter, wenn er in sein Tagebuch schreibt und trommelt mit Oskar Maria Graf die Münchner Bürger zur großen Versammlung zusammen. Auch anderen literarischen Größen kommt der Leser ganz nah: Ernst Toller, Rainer Maria Rilke Erich Mühsam, Viktor Klemperer. Er fiebert mit ihnen und ihren Visionen, wie Kunst und Politik zusammen etwas Neues schaffen können. Das subjektive Einfühlen in historische Begebenheiten ist Volker Weidermann glänzend gelungen. und bevor die Schüsse fallen, die Kurt Eisner das Leben kosten, darf auch herzhaft gelacht werden!

 

Geistreich filetierter Bildungsauflauf

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Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag € 25,00

Glückliches Genie - geht das?

Klaus Cäsar Zehrer hat eine fesselnde Romanbiografie über zwei außerordentliche Persönlichkeiten geschrieben: Boris Sidis, der 1886 völlig mittellos von Osteuropa nach New York kommt und seinen Sohn William James Sidis, 1898 in den USA geboren. Für Boris ist Bildung als Erkenntnisgewinn das höchste Gut und so verwundert es nicht, dass er an seinem Sohn von Geburt an seine psychologischen Methoden zur Bildungsvermittlung anwendet. Boris ist überzeugt, dass jeder Mensch viel mehr wissen kann, als allgemein üblich. Das Experiment an William trägt Früchte: er schreibt mit 18 Monaten, spricht mit 6 Jahren 10 Sprachen und referiert mit 10 Jahren in Harvard über die vierte Dimension. Das dabei die Sozialisierung zu kurz kommt, dass William keine Gleichgesinnten findet und vereinsamt erstaunt nicht. Der Roman lässt den Leser nicht los und fordert auf zum Nachdenken. Bezüge zur aktuellen Bildungsdebatte liegen nah und sind sehr spannend.