Eigener Lebensweg – ein Wohlfühlroman

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Benjamin Myers: Offene See, Dumont Verlag 2020 € 20,00

Mit dem Roman "Offene See" von Benjamin Myers haben wir ein wohltuendes Stück Literatur in der Hand. Das Durchstreifen der Natur Nordenglands des 16jährigen Protagonisten Robert in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg mit seinen Beobachtungen der Pflanzen und Tiere macht Lust auf eigenes Erleben. Die Begegnung zwischen ihm und der wesentlich älteren, lebenserfahrenen, unkonventionellen Dulchie erzählt von der Bereicherung des Miteinanders, wenn es gelingt, ohne Vorurteile aufeinander zuzugehen. Die Verwandlung, die diese Begegnung und das Entdecken von Literatur bei dem jungen Mann bewirken, gibt Hoffnung, dass es möglich ist, seinen eigenen Lebensweg allen vorgezeichneten Wegen zu Trotz zu finden. Es macht Freude, sich mit Robert auf den Weg zu machen, auf der Suche nach Freiheit und sich selbst!

Jugenderinnerungen

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Gregor Sander: Alles richtig gemacht, Penguin Verlag 2019 € 20,00

Noch in der DDR und in der Zeit nach dem Mauerfall wachsen der Erzähler Thomas und sein Freund Daniel auf. Erstes abendliches Ausgehen, Lehrzeit und Stuidium, Sich-Ausprobieren und Beziehungen eingehen. An all dies erinnert sich der Berliner Jurist, dessen Frau und Zwillingstöchter vor einer Woche weggingen. Was ist passiert und werden sie zurückkommen?

Poetische Verfassung

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Martina Bergmann: Mein Leben mit Martha, Eisele Verlag 2019 € 18,00

Martha ist in "poetischer Verfassung" - was für ein schöner Begriff für eine demenzerkrankte alte Dame! Und wie bereichernd und berührend liest sich der Roman mit ihr als Hauptfigur, geschrieben von Martina Bergmann, die aus Sympathie für diese Dame und ihren Weggefährten ihr Leben mit den beiden alten Menschen teilt. Nicht nur im Roman, auch in der Realität, von der sie humorvoll erzählt, alle Widrigkeiten umschiffend, die engstirnige Nachbarschaften und Bürokratie zu bieten haben. Ein mutmachendes Plädoyer für Toleranz, Menschlichkeit, Lebensfreude und generationsübergreifendes Miteinander!

Eigenwillige Menschen

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Nina Sahm: Die Tage mit Bumerang, hanserblau 2019 € 15,00

Sie sind zwei eigenwillige Menschen, Anne und Lars, die seit Grundschulzeiten miteinander befreundet sind und auch, als Lars Frau und Kind hat, behalten sie freundschaftliches Miteinander bei. Ein tragischer Unfall stürzt Anne in eine inneren Abgrund. Auch Lars ist betroffen, es tritt Stille zwischen beide, die für Anne kaum auszuhalten ist. Und doch schleicht sich eine neue Lebendigkeit in ihr Leben, in Schritten voraus und zurück und doch unaufhaltsam, sodass sich am Ende auf allen Seiten Zufriedenheit findet.

Erwachsenwerden

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Matthias Brandt: Blackbird, Kiepenheuer & Witsch 2019 € 22,00

Matthias Brandt versetzt sich in den 16-jährigen Morton, der aus einem eigentlich behüteten Alltag heraus mit gravierenden Veränderungen konfrontiert wird: der Trennung der Eltern und einem neuen Zuhause zu zweit mit der Mutter. Dem ersten körperlich gespürten Verliebtsein und dem Erleben, dass manchmal Menschen mit den Gefühlen anderer spielen. Und der Trennung von seinem langjährigen, besten Freund durch eine heimtückische Krankheit. Die inneren Unseicherheiten und ihren Ausdruck im Verhalten schildert der Autor anschaulich nschvollziehbar - jugendliche Leser können sich verstanden fühlen, ältere können sich erinnern und verstehen.

Unangepasst

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Ewald Arenz: Alte Sorten, Dumont Verlag 2019 € 20,00

Liss lebt und wirtschaftet allein auf dem großen Hof als Sally, ein junges Mädchen, zu ihr stößt. Die beiden verstehen einander zunächst fast ohne Worte, die sie dann doch nach und nach finden. Sparsam. mal vorsichtig, mal impulsiv, mit Angst, verletzt zu werden und doch auch selbst verletzend. Es spinnen sich zarte Fäden zwischen zwei Menschen, die das Gefühl miteinander teilen, in einer Familie und einem Umfeld leben zu sollen, das nicht zu ihnen passt. Sie stehen altersentsprechend an verschiedenen Positionen ihres Lebensweges, der Entscheidungen fordert. Mit gutem Gespür für seine Protagonisten und bereicherndem Blick in das Leben auf dem Land erzählt Ewald Arenz seine packende Geschichte, nach der der Leser Birnen mit neuer Aufmerksamkeit genießen wird.

Sympatisch exzentrisch

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Sarah Ladipo Manyika: Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt, Hanser Berlin, € 17,00

Morayo da Silva ist in Nigeria geboren, hat als Diplomatengattin geglänzt und sich nach der Trennung als Englischprofessorin begeistert und behauptet. Nun ist sie auf den ersten Blick nicht mehr jung, auf den zweiten Blick ist sie neugierig, kontaktfreudig, wagemutig, lebenshungrig und bunt. Das schmale Buch macht einfach Spaß, es unterhält mit Ungewöhnlichem und der Leser, egal welchen Alters, folgt dieser schillernden Dame auch dann gerne, wenn sie mit der Realität des Älterwerdens konfrontiert wird.

Im Marschland

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Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, Verlag hanserblau € 22,00

Kya wird das Mädchen genannt, das fast ganz auf sich gestellt in dem Marschland North Carolinas aufwächst. Sie ist zunächst noch ein Kind, das sich selbst beibringen muss, Mahlzeiten zu bereiten, das sich in der Natur mehr zuhause fühlt als in der Hütte, die mal eine große Familie beherbergte. Sie wird einige wenige Menschen finden, die ihr zugewandt sind während sie den Bewohnern des nahegelegenen Küstenstädtchens fremd und sogar gefährlich erscheint. Als junges Mädchen wird sie die Nähe eines jungen Mannes lieben lernen, doch auch hier lauert die Gefahr des Verlustes. DIe Schilderung ihres Lebens und ihrer Entwicklung ist verknüpft mit literarisch beglückenden Naturbeobachtungen von Flora und Fauna. Zunehmend an Spannung gewinnend zieht ein Todesfall mit Mordverdacht den Leser in Bann. Ein besonders geglücktes Debüt, das in all seinen Facetten absolut überzeugt und begeistert!

Woher – wohin?

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Peggy Mädler: Wohin wir gehen, Galiani Berlin 2019 € 20,00

Episodenhaft erzählt Peggy Mädler in ihrem Roman über drei Generationen, mit besonderem Blick auf die Frauen. Aus der ehemals Tschechoslowakischen Republik nach dem 2. Weltkrieg in den kleinen Ort Kirchmöser im russisch besetzten Deutschland umgesiedelt, engagiert sich die schon vorher kommunistisch gesinnte Ida beim Aufbau der entstehenden Deutschen Demokratischen Republik. Ihre Tochter Rosa und auch Almut tun es ihr nach. Diese beiden verbindet eine tiefe Freundschaft, die ihnen in Zeiten von Verlust und Neuanfang Halt gibt. Auch, als Rosa sich 1960, inzwischen in Ostberlin lebend,  in den Westen absetzt verrät Almut diese Freunschaft nicht und trägt die Konsequenzen. Schön ist es für sie, Jahre später zu erleben, wie auch ihre Tochter im bereits vereinten Berlin eine nahe Mädchen- und dann Frauenfreundschaft trägt. Mit gutem Gespür für alle Generationen, ihre inneren Sehnsüchte, Gedanken, Freuden und Nöte lässt Peggy Mädler deutsch-deutsche Zeitgeschichte wachwerden.

Vom Piemont nach New York

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Raffaella Romagnolo: Bella Ciao, Diogenes Verlag 2019 € 24,00

Ein kleiner Ort im Piemont, Anfang des 20.Jahrhunderts. Giulia, Anita und Pietro sind seit der Kindheit beste Freunde. Sie teilen Freud und Leid eines arbeitsreichen und kargen Lebens. Als sie 20 Jahre alt sind, sieht Giulia sich veranlasst, von einem Moment zum anderen zu Verschwinden, ohne sich zu Verabschieden, ohne ein Zeichen zu lassen. Sie schifft sich nach New York ein und lässt ihre Vergangenheit hinter sich, bis sie 1946 zusammen mit ihrem Sohm zum 1.Mal wieder in ihrem Heimatort ist. Über die Jahre in Italien erfährt der Leser, indem er in Anitas Familie die Menschen von vier Generationen begleitet: in der Landwirtschaft, bei der Hausarbeit, in der Fabrik, in den zwei Kriegen, im politischen Agieren, unter Partisanen, in ihren Beziehungen, ihren Sehnsüchten, Lieben, und in ihrem Verzweifeln. In New York lebt Giulia mit Mann, Sohn und Enkeln, hat erst einen, dann weitere Lebensmittelläden in Little Italy unter den Einwanderern und in anderen Stadtvierteln. Sie erlebt Vorurteile und wirtschaftlichen Aufstieg und vermisst die Freundin Anita, die immer die richtigen Fragen stellte. Ob sie sie nun, nach fast 50 Jahren, wiederfinden wird? Und mit ihr den inneren Frieden, nach dem sie sich sehnt? Raffaella Romagnola beschreibt das Fühlen und Handeln der Menschen so anschaulich, dass ich mich ihnen sehr nah fühlte und in ihr Erleben in diesen düsteren Jahrzehnten hineinversetzt wurde. EIn Roman, wie ich ihn mir sprachlich und inhaltlich besser nicht erträumen könnte!

Am Familientisch

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Donatella Di Pietrantonio, Arminuta, Kunstmann, € 20,00

Die Romane von Donatella Di Pietrantonio: direkt, mit großer Ehrlichkeit und Offenheit die jeweilige Lebenssituation beleuchtend, mich als Leserin berührend. So ging es mir auch bei ihrem neuen Roman "Arminuta". Die Geschichte eines Mädchens, das plötzlich erfährt dass das Ehepaar, bei dem es als Einzelkind in der Stadt am Meer im Wohlstand aufwuchs, nicht seine leiblichen Eltern sind. Von einem Tag auf den anderen findet es sich ohne weitere Erklärung in einer Familie mit fünf Kindern in engen, ärmlichen, dörflichen Verhältnissen auf dem Land. Ratlosigkeit und Wut durchfluten es immer wieder aber es lernt auch die vorbehaltlose Rückendeckung einer pfiffigen jüngeren Schwester kennen und entdeckt erstaunt kleine Zeichen der Zuwendung an ungeahnter Stelle. Nach "Meine Mutter ist ein Fluss" und "Bella mia" hat die Autorin wieder eine Geschichte erzählt, die ich nicht missen möchte!

Stille Helden

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Erich Hackl: Am Seil, Diogenes Verlag 2018 € 20,00

Zum Glück gab es sie doch auch, die stillen Helden zur Zeit der nationalsozialistischen Vorherrschaft. Einer von ihnen war Reinhold Duschka. der die freigeistige Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in  seiner Werkstatt in Wien versteckte. Er war ein Mensch der Taten, nicht der Worte und so erfuhr auch in der Nachkriegszeit kaum jemand von seiner Loyalität. Nun ist es an der Zeit, die Geschichte zu erzählen! Der Literat Erich Hackl nimmt sich mit Empathie ihrer an uns lässt auch Lucia zu Wort kommen.

Ans Meer !

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Ans Meer!

René Freund: Ans Meer, Deuticke Verlag 2018 € 16,00

Anton ist ein gutmütiger, ein wenig schüchterner, bäriger Busfahrer, der jeden Tag die Schulkinder kutschiert. Und dann ist da noch Clara, die Mutter einer Schülerin, die er seit Jahren zur Therapie mitnimmt im Kampf gegen Krebs. Clara wünscht sich nichts sehnlicher, als noch einmal an den Ort ihrer Kindheit zu kommen . eine kleine Bucht nahe Duino in Italien. Das ist nicht gleich um die Ecke, auch, wenn man in Österreich lebt. Clara bittet Anton an einem ganz normalen Morgen, sie dorthin zu bringen - mit dem Schulbus. Dass Anton dies tut, hat auch mit Doris zu tun - seiner Nachbarin, der er sich sehr nahe fühlt, die aber wohl doch noch Abstand braucht. Mit von der Partie sind einige Schüler, zwei zunächst unerkannte blinde Passagiere und dann gäbe es da noch zwei Hippies, die den Weg dieser kleinen Truppe kreuzen. René Freund ist ein Garant für gute Unterhaltung mit Niveau!

Am Bauhaus in Weimar

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Tom Saller: Martha tanzt, List Verlag € 20,00

Martha sieht schon als Kind Formen, wenn sie Musik hört. Wolfgang, der wie ein väterlicher Freund in Marthas Familie lebt, versteht sie und weiß vom neu eröffneten Bauhaus in Weimar. Vielleicht findet sie dort heraus, wie sie diese Fähigkeit umsetzen kann? So folgt der Leser Martha ins Weimar der 1920er Jahre und ihrem Weg zu den großen Meistern, zu ihrer ersten Frauenfreundschaft, zum Ausdruckstanz und  beobachtet mit ihr das Erstarken der rechten Kräfte. Nach fünf Jahren kehrt Martha in ihre Heimat Pommern zurück, wo sie ihren sehr eigenen Weg geht. Wie sie die Kriegszeiten überlebt, erschließt sich aus der Rahmenhandlung in der heutigen Zeit, da ihr Tagebuch auftaucht und einen jugendlichen Leser in seinen Bann zieht.

Emotional und gut recherchiert

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Claire Winter: Die geliehene Schuld, Diana Verlag € 22,00

Dieser Roman lässt die Zeit nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland nacherleben: Die kaputten Städte, der Verlust geliebter Menschen, die Sehnsucht nach einem Leben in Frieden. Vier junge Menschen werden sich in ihrem Wunsch, Wahrheiten über fatale Taten herauszufinden, in Lebensgefahr begeben. Denn Fragen nach Schuld und Vertuschung sind unerwünscht. Im Gegenteil: in der neuen Bundesrepublik werden zentrale Posten von ehemaligen Nationalsozialisten besetzt. Der Roman liest sich leicht und spannend, ist emotional packend und gut recherchiert.

 

Münchner Bohème und Baltikum um 1900

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Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Kiwi 2019 € 10,00

Es ist die Zeit von 1875 in den Beginn des 20.Jahrhunderts. Eduard von Keyserling, Sohn aus baltischem Gutsadel, studiert in Dorpat Jurisprudenz, um dann in Wien zu entdecken, dass er sich im Literaturbetrieb heimisch fühlt. Nach einigen Jahren auf dem elterlichen Gut schließt er sich den Schwabinger Künstlerkreisen an. Es wird philosophiert, geraucht, getrunken und geliebt und jeder gerät mal mehr oder weniger in die Bredouille. Für die Sommerfrische haben die Künstler den Starnberger See entdeckt und so residieren dort Max Halbe, Lovis Corinth, Frank Wedekind und Eduard von Keyserling. Der Leser taucht ein in diese Idylle zwischen See, Schreibtisch, Staffelei und Kartenspiel. Klaus Modick ist es wieder einmal aufs Beste gelungen, sich in die Stimmung und Sprache einzufühlen, in der seine Protagonisten sich bewegen.

Palastschätze live: Birgit Müller-Wieland liest aus ihrem Roman „Flugschnee“

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Birgit Müller-Wieland: Flugschnee, Otto Müller Verlag 2017 € 20.-

In diesem vielschichtig komponierten Familienroman wird deutlich, wie Verstrickungen der Vergangenheit Auswirkungen auf die Gegenwart haben. Lucy, eine junge Frau in Berlin begibt sich nach dem Verschwinden ihres Bruders auf Spurensuche. Der Roman stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und fasziniert in seiner sprachlichen Schönheit und subtil aufgebauten Spannung.
Wir freuen uns darauf, einen interessanten Lesungsabend mit Ihnen zu verbringen! Einritt € 5.- Um Anmeldung wird gebeten.

 

Audrucksvolles Käse Arrangement

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Dirian Sukegawa: Die Insel der Freundschaft, DuMont Verlag,  € 20,00

Sinnsuche in Japan

Die japanische Insel Aburi im Pazifischen Ozean ist ein aus der Zeit gefallenes Fleckchen Erde. Drei junge Menschen, auf der Suche nach innerem Frieden und äußerem Lebensinhalt und -ziel finden den Weg hierhin. Aus einer Zufallsbekanntschaft wird Freundschaft. Sie erleben die Schwierigkeit, von einer eingeschworenen Inselgemeinschaft akzeptiert zu werden und die Forderung nach EInhalten alter Traditionen. Die Inselwelt birgt Archaisches und ungezähmte Natur. Durian Sukegawa schreibt in dieser typisch japanischen interessanten Kombination von Distanz und Förmlichkeit mit Feinfühligkeit und emotionaler Intensität. Warum dieses Buch nicht nur für Freunde philosophischen und psychologischen Nachsinnens, sondern auch für Käseliebhaber die ideale Lektüre ist, wird hier nicht verraten!