Es war einmal in der Schweiz

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Katharina Geiser: Unter offenem Himmel, Jung und Jung, € 23,00

Fünf Generationen umspannt dieser Roman mit besonderem Blick auf zwei Frauen: Elise, die in den 1880ern vom Dorf in die Stadt zog, um sich ein freieres Leben zu erschaffen und Klara, die gute 100 Jahre später in Basel heranwächst und dann dort als Buchhändlerin arbeitet. Beide sind sie auf der Suche nach Echtem und Wahrem, nicht nur in der Beziehung zu Männern. Sie lassen sich berühren von dem, was das Leben für sie bereithält und bringen sich ein mit Nachdenken und Tatkraft. Elises Geschichte erzählt von dem Leben im Dorf, der Familie mit vielen Kindern, von den Lebensumständen der Prostituierten in Zürich, vom Arbeitervietel in Bern. Klara wird als Einzelkind groß, der Vater hat eine Metzgerei und versucht, ihr die Welt in Geschichten zu erklären, während die Mutter sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Auch als Erwachsene begleiten Klara Geschichten und Zitate und sie gleicht ihr Leben damit ab. Es sind die feinen Beobachtungen, die intensiven Wahrnehmungen, die in diesem Roman verzaubern. Er strahlt viel Ruhe aus und auch die längst vergangenen Zeiten werden uns lebhaft vorstellbar.

Unter Engländern – ein Gesellschaftsroman

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Jonathan Coe: Middle England, Folio Verlagsgesellschaft 2020 € 25,00

Wer sich in das Lebensgefühl der 2010 - 2018er Jahre in England einfühlen möchte, sollte den neuen Roman von Jonathan Coe lesen. Dieser zeigt über seine Protagonisten die verschiedenen Sichten auf die Veränderungen in der Gesellschaft und die Reaktionen darauf. Wo dem einen die alte Tradition, wie zum Beispiel die nun verbotene Fuchsjagd fehlt, ist dem anderen die Rechtmäßigkeit der Ehe unter Homosexuellen noch lange nicht fortschrittlich genug. Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 weckt ungeahnten Nationalstolz, 2018 erschrecken Angriffe auf Ausländer, die sich vorher gut integriert und akzeptiert fühlten. Das Referendum entscheidet für den Brexit und eigentlich heimatliebende Briten verlassen ihr Land. Dies sind nur einige Aspekte des vielfältigen Gesellschaftsporträts, das in diesem Roman gezeichnet wird. Es wird geliebt, getrennt, gearbeitet und geschrieben in der Middle Class in Middle England und Jonathan Coe verknüpft eine Vielzahl von Lebenswegen zu einem unterhaltsamen und eindrucksvollen Werk.

Ein Leben in Italien

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Andrea Camilleri: Brief an Matilda, Kindler Verlag € 20,00

Dieses Buch ist der lange Brief des damals 92jährigen Andrea Camilleri an seine Urenkelin, als sie 4 Jahre alt war, damit sie später, als junge Erwachsene, etwas von ihm und seiner Zeit verstehen möge. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend zur Zeit des Faschismus in Sizilien, von seiner Rebellion gegen Erwartungen und der wachsenden Sehnsucht nach Freiheit. Sein Lebensweg als Lernender und Arbeitender war selten gradlinig und geprägt von dem Bedürfnis, seinen Ansichten treu zu sein, Kontra zu geben und sich auch politisch einzumischen. Er erzählt seiner Urenkelin von herausragenden Momenten der Weltgeschichte und erklärt ihr Entwicklungen und Veränderungen, die für die zukünftige erwachsenen Matilda ferne Vergangenheit sein werden. Er glaubt an die Kraft der heutigen jungen Menschen, Dinge zum Guten zu wenden. Das anregende Vermächtnis eines offenen, ehrlichen und beeindruckenden Menschen!

In die Vergangenheit gespült

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Ulrich Tukur: Der Ursprung der Welt, Verlag S. Fischer € 22,00

Die goldene Schrift und der dunkelrote grprägte Schutzumschlag, der eine runde Öffnung für eine Photographie freilässt, machen neugierig und versprechen nicht zuviel: Ulrich Tukurs Sprache ist schön und klar, beinhaltet manche heutzutage selten genutzte Wörter und zieht den Leser durch den Gebrauch des Präteritums in den Bann vergangener Zeiten. So erstaunt es zu erfahren, dass der Roman in der nahen Zukunt der 2030er Jahre angelegt ist, in der die digitale Überwachung das Leben der Menschen überschattet. Paul Goullet befindet sich in Paris und entdeckt dort ein altes Photoalbum, das Bilder eines Mannes von vor 100 Jahren zeigt, der ihm aufs Haar gleicht. Paul reist den Spuren nach und fühlt sich immer wieder hineinkatapultiert in die Zeit der 1930er Jahre während der deutschen Besatzung und der Resistance in Südfrankreich. Er hat verwirrende und klärende Begegnungen, er wird Dinge erfahren, von denen auch der Leser wünschte, sie wären nur der Phantasie entsprungen. Das Nachwort lässt uns wissen, dass gerade hier wahre Begebenheiten zugrunde liegen. Und während Paul Goullet seiner eigenen Geschichte folgt und Klarheit findet, lesen wir einen fesselnden Roman zwischen gestern und heute.

Seelische Gratwanderung

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Gianrico Carofiglio: Drei Uhr morgens, Folio Verlag 2019 € 20,00

Der 18-jährige Antonio ist zu einer neurologischen Konsultation mit seinem Vater in Marseille und soll sich spontan einem Provakationstest unterziehen: 2 Tage und 2 Nächte ohne Schlaf, um die Reaktion des Körpers auf diesem Stress auszuloten. Der Vater verließ Antonio und seine Mutter, als der Junge 9 Jahre alt war und seitdem haben Vater und Sohn ein eher distanziertes Verhältnis zueinander. Die ungeplante, ungewöhnliche Situation des gemeinsamen 48stündigen Wachseins in einer fremden Umgebung lässt die beiden sich neu wahrnehmen und erlaubt bisher nie gestellte Fragen und Antworten. SIe befinden sich auf einem Scheitelpunkt zwischen gestern und morgen. Antonio und sein Vater erleben etwas, das im Buch von einer weiteren Person so umschrieben wird: "unverhofft in eine neue Situation springen, den Blickwinkel ändern, die Dinge, die wir zu kennen glauben in einem anderen Licht sehen" - und das Buch macht Mut und Lust, dies im eigenen Miteinander umzusetzten, nicht nur zwischen Vater und Sohn.

Modernes Märchen

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Mona Hovring: Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte, Edition fünf 2019 € 19,00

Ein modernes Märchen aus Norwegen, das den inneren Weg der Befreiung aus einer allzu bindenden schwesterlichen Beziehung beschreibt. Zwei Schwestern, die sich in der Kindheit und Jugend zwillingsähnlich nah standen, befinden sich in einem abseits gelegenen Hotel in Norwegen. Sie sind nun 22 Jahre alt und es werden die Beobachtungen und inneren Vorgänge aus Sicht der Jüngeren erzählt. Sie ist die Nachgebende, die litt unter dem überraschenden Weggang der Älteren und sie versucht, die neuen Schatten zu begreifen und zu besiegen.

Erwachsenwerden

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Matthias Brandt: Blackbird, Kiepenheuer & Witsch 2019 € 22,00

Matthias Brandt versetzt sich in den 16-jährigen Morton, der aus einem eigentlich behüteten Alltag heraus mit gravierenden Veränderungen konfrontiert wird: der Trennung der Eltern und einem neuen Zuhause zu zweit mit der Mutter. Dem ersten körperlich gespürten Verliebtsein und dem Erleben, dass manchmal Menschen mit den Gefühlen anderer spielen. Und der Trennung von seinem langjährigen, besten Freund durch eine heimtückische Krankheit. Die inneren Unseicherheiten und ihren Ausdruck im Verhalten schildert der Autor anschaulich nschvollziehbar - jugendliche Leser können sich verstanden fühlen, ältere können sich erinnern und verstehen.

In Nord-Norwegen

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Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben, Kiepenheuer & Witsch, € 24,00

In einem großen traditionsreichen Hotel in den nordnorwegischen Bergen lebt der Jugendliche Sedd. Seine Großeltern sind an die Stelle der verschollenen Eltern getreten über die der Junge nur bruchstückhaft etwas in Erfahrung bringt. Der Großvater, immer vorbildlicher Hoteldirektor, bereitet Sedd darauf vor, das Hotel einmal zu übernehmen. Seine Großmutter, mit ihrem weichen, der Wiener Herkunft geschuldeten Tonfall, ist liebevoll aber kann auch kraztbürstig werden. Sehr wichtig ist Jim, Herrscher in der großen Küche seit Sedd denken kann und eine feste und verlässliche Größe in seinem Leben. Sie alle arbeiten viel und vielseitig, obwohl die Anzahl der Gäste sukzessive abnimmt. Ist es nur eine kurze Flaute oder der Anfang einer unaufhaltbaren Entwicklung? Der Roman ist aus der Sicht des amüsant neunmalklugen Jungen geschrieben, der viel beobachtet, mit Gehörtem und Gelesenem verknüpft und seine ganz eigenen Überzeugungen entwickelt. So romantisch abgeschieden das Hotel auch liegen mag: vor der Realität kann man nur kurz die Augen verschliessen und Dramen sind allgegenwärtig!

Englischer Eheroman

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Kathy Page: All unsere Jahre, Wagenbach 2019 € 24,00

Ein Eheroman über 70 Jahre: Harry und Evelyn lernen sich in einer Londoner Bibliothek kennen. Er verliebt sich in ihre Schönheit und Direktheit, sie sieht in ihm den Mann, der ein besserer für sie sein wird, als ihr Vater es für ihre Mutter war. Sie heiraten zur Zeit des 2. Weltkriegs, der Harry in weite Ferne führt und bei dessen Ende er Evelyn mit der kleinen Lilian umarmen kann. Er wird viele von Evelyns Wünschen erfüllen können und immer derjenige sein, der um der Harmonie willen nachgibt. Die dritte Tochter fordert beide sehr heraus und das Alter macht es ihnen nicht leicht, obwohl die Vier- Generationen-Familie zusammenhält und immer wieder schöne Erlebnisse aufblitzen.  Eine Lebensgeschichte über das Geben und Nehmen, das Verbindende und Trennende, das Träumen und die Realität. Die Autorin liess sich durch die Briefe ihres Vaters an ihre Mutter während des 2. Weltkrieges inspirieren und bindet einige davon in den sprachlich schönen Roman  geschickt  ein.

Lange Sommertage

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Barbara Schwarcz: Sommerverschwendung, Picus Verlag 2019 € 22,00

Ein Mädchen hat mit sieben Jahren seine ersten Sommerferien. Die Geschwister sind wesentlich älter und haben ihre eigenen Pläne, die Nachbarskinder verreist und es passiert äußerlich wenig. Aber sie macht sich viele Gedanken über die Wörter und Sprachen, sie beobachtet und wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem auch ihre Familie in den Urlaub fahren wird: nach Ungarn zur Familie des Vaters. Das Buch spürt feinfühlig dem Sommer und dem Warten nach, dem Jüngstesein und der Gedankenwelt einer aufgeweckten Erstklässlerin.

Rückblick und Entscheidung

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Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht, Hanser Verlag 2019 € 16,00

Albert hat das Glück, auf fast 40, weitgehend harmonische Ehejahre zurückzublicken. Er denkt gerne an seinen Sohn mit Frau und Enkelin, die ihm sehr verbunden sind. Und dann gibt es auch einen geradezu magischen Ort: eine kleine Hütte an einem Waldsee, die für die ganze Familie ein Ruhepol ist und Ausgangspunkt für Gedankenspiele und Erspüren der Natur. Hier befindet sich Albert, zum 1.Mal allein, mit einer verstörenden, erschütternden Nachricht, der er sich stellt. Er leidet an einer Krankheit, die ihn in zunehmende Abhängigkeiten bringen wird bis zum absehbaren Lebensende. Das schmale Buch von Jostein Gaarder sind Alberts niedergeschriebenen Gadanken über sein Leben, die Frage nach dem Leben überhaupt auf dieser unserer Welt und der nach dem Lebensende. Berührend, begeisternd, erschütternd - dieses Buch ist eine intensive Begegnung und Bereicherung!

Mutter und Sohn

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Nell Leyshon: Der Wald, Eisele Verlag 2019 € 22,00

Die zart gezeichneten Vögel, Zweige und Früchte auf dem Buchumschlag deuten auf das sensitive Seelenleben von Zofia und Pawel hin. Mutter und Sohn sind durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Warschau sehr aufeinander bezogen. Zofia, eine musikalische Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen muss lernen, in zunehmender Beschränkung zu leben, bis hin zum Leben in einem Versteck im Wald. Pawel ist ein kleiner, ängstlicher genau beobachtender Junge. Die Beiden werden die Kriegszeiten überstehen und als Sofia und Paul in England leben. Die emotionale Nähe wird auf eine große Probe gestellt als Sofia begreift, dass ihr Sohn homosexuell ist und sie ihr Bild vom Leben neu sortieren muss. Die Autorin Nell Leyshon lässt ihre Figuren in einer Weise agieren und denken, die dem Leser viele Impulse gibt. Sie schreibt in einer schönen, nachdenklichen Sprache, die den Leser gerne manche gedanklichen Umwege mitgehen lässt in einer durchaus spannenden und in vielerlei Hinsicht bereichernden Geschichte. Ein grandioser Roman!

Verflechtungen

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Arif Anwar: Kreise ziehen, Wagenbach Verlag 2019 € 24,00

Wie ein verschlungenes Seil, das Stück für Stück gelöst wird, liest sich der einige Jahrzehnte umspannende Roman von Arif Anwar. Er erzählt von dem indischen Ehepaar Rahim und Zaira, das 1946, vor der Teilung des Landes, von Kalkutta nach Ostbengalen zieht und sich dort ein neues Leben aufbaut. Er erzählt auch von dem Paar Jamir und Honufa mit ihrem kleinen Sohn, die 1970 in Bangladesch einem Sturm ausgesetzt sind, in dem die Welt unterzugehen scheint. Und auch Shahiyar und Anna sind zwei sehr wichtige Personen in diesem Roman: Vater und Tochter in Washington 2004. Wie diese Personen in Verbindung stehen und wie sie sich den Herausforderungen ihrer Leben stellen lässt und viel über Charaktere, Gesellschaftasstrukturen und religiöse Hintergründe erfahren.

Endlich der Sommer!

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Petra Hartlieb: Sommer in Wien, Du Mont Verlag 2019 € 18,00

Nach Winter und Frühling können wir nun das sympatische junge Mädchen Marie durch den Wiener Sommer begleiten. Sie ist mir schon recht ans Herz gewachsen in ihrer natürlichen, aufgeschlossenen und einfühlsamen Art! Nach zwei Jahren als Kindermädchen im großbürgerlichen Haushalt Arthur Schnitzlers wird sie sich nun im Jahre 1913 in ein eigenes Zuhause und ein unabhängigeres Leben aufmachen. Hoffentlich wird es bald Herbst in Wien! Diese schmalen, vom Du Mont Verlag so schön gestalteten Romane von Petra Hartlieb sind eine herrliche Entspannungs- und Wohlfühllektüre für jedes Alter und wie ein Blumenstrauss zu vielen Gelegenheiten zu verschenken.

Emotionale Familienspannung

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Tatiana de Rosnay: Fünf Tage in Paris, C. Bertelsmann Verlag 2019 € 20,00

Ein emotionsgeladener Roman über eine Familie in Frankreich, der es bei einem Familientreffen in Paris gelingt, lang gehütete und verdrängte Gefühle und Erlebnisse zuzulassen und Offenheit untereinander zu wagen. Der Fokus liegt auf Linden, dem berühmten in San Francisco lebenden Sohn und Fotografen, aber auch die Vergangenheit seiner Schwester und seiner Eltern birgt viel Unausgesprochenes. Während der fünf beschriebenen Tage wird Paris von einer ungeahnt heftigen und folgenschweren Überflutung heimgesucht. DIe vielen nach und nach an die Oberfläche gelangenden Ereignisse halten auch die Leser in Atem.

Woher – wohin?

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Peggy Mädler: Wohin wir gehen, Galiani Berlin 2019 € 20,00

Episodenhaft erzählt Peggy Mädler in ihrem Roman über drei Generationen, mit besonderem Blick auf die Frauen. Aus der ehemals Tschechoslowakischen Republik nach dem 2. Weltkrieg in den kleinen Ort Kirchmöser im russisch besetzten Deutschland umgesiedelt, engagiert sich die schon vorher kommunistisch gesinnte Ida beim Aufbau der entstehenden Deutschen Demokratischen Republik. Ihre Tochter Rosa und auch Almut tun es ihr nach. Diese beiden verbindet eine tiefe Freundschaft, die ihnen in Zeiten von Verlust und Neuanfang Halt gibt. Auch, als Rosa sich 1960, inzwischen in Ostberlin lebend,  in den Westen absetzt verrät Almut diese Freunschaft nicht und trägt die Konsequenzen. Schön ist es für sie, Jahre später zu erleben, wie auch ihre Tochter im bereits vereinten Berlin eine nahe Mädchen- und dann Frauenfreundschaft trägt. Mit gutem Gespür für alle Generationen, ihre inneren Sehnsüchte, Gedanken, Freuden und Nöte lässt Peggy Mädler deutsch-deutsche Zeitgeschichte wachwerden.

Die Macht des geschriebenen Wortes

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Charles Lewinsky: Der Stotterer, Diogenes, € 24,00

Johannes Hosea, ein Junge, der stottert. Seine Eltern gehören einer christlichen Sekte an und sind deren Vorsteher hörig. So lassen sie es zu, dass ihr Sohn Johannes geschlagen wird, um ihm das Stottern auszutreiben - ohne Erfolg. Doch er wird ein effektives Mittel finden, um DInge zu seinen Gunsten zu beeinflussen: das geschriebene Wort. Und er wird es nicht so genau nehmen mit der "Wahrheit". Nun sitzt er als Erwachsener im Gefängnis eine Strafe ab. Der Gefängnispfarrer findet Gefallen an den  Antworten auf seine Fragen, die Johannes aufschreibt, um das Stottern zu umgehen. Der Bitte des Pfarrers um mehr Geschichten aus seinem ungewöhlichen Leben wird Johannes nachgehen, als dieser ihm im Gegenzug die Stelle als Leiter der Gefängnisbibliothek vermittelt. Und so haben wir Leser eine so packende wie vielseitig erzählte Geschichte vor uns. Der Stotterer schreibt nicht nur aus seinem aktuellen Leben im Gefängnis. Er schreibt für den Pfarrer von früher, er schreibt Tagebuch für sich, er schreibt Briefe und noch etwas, das hier nicht verraten werden soll. Und er schreibt mit einer gewissen Distanz und Ironie, die uns Leser allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder schmunzeln lässt.

Vom Piemont nach New York

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Raffaella Romagnolo: Bella Ciao, Diogenes Verlag 2019 € 24,00

Ein kleiner Ort im Piemont, Anfang des 20.Jahrhunderts. Giulia, Anita und Pietro sind seit der Kindheit beste Freunde. Sie teilen Freud und Leid eines arbeitsreichen und kargen Lebens. Als sie 20 Jahre alt sind, sieht Giulia sich veranlasst, von einem Moment zum anderen zu Verschwinden, ohne sich zu Verabschieden, ohne ein Zeichen zu lassen. Sie schifft sich nach New York ein und lässt ihre Vergangenheit hinter sich, bis sie 1946 zusammen mit ihrem Sohm zum 1.Mal wieder in ihrem Heimatort ist. Über die Jahre in Italien erfährt der Leser, indem er in Anitas Familie die Menschen von vier Generationen begleitet: in der Landwirtschaft, bei der Hausarbeit, in der Fabrik, in den zwei Kriegen, im politischen Agieren, unter Partisanen, in ihren Beziehungen, ihren Sehnsüchten, Lieben, und in ihrem Verzweifeln. In New York lebt Giulia mit Mann, Sohn und Enkeln, hat erst einen, dann weitere Lebensmittelläden in Little Italy unter den Einwanderern und in anderen Stadtvierteln. Sie erlebt Vorurteile und wirtschaftlichen Aufstieg und vermisst die Freundin Anita, die immer die richtigen Fragen stellte. Ob sie sie nun, nach fast 50 Jahren, wiederfinden wird? Und mit ihr den inneren Frieden, nach dem sie sich sehnt? Raffaella Romagnola beschreibt das Fühlen und Handeln der Menschen so anschaulich, dass ich mich ihnen sehr nah fühlte und in ihr Erleben in diesen düsteren Jahrzehnten hineinversetzt wurde. EIn Roman, wie ich ihn mir sprachlich und inhaltlich besser nicht erträumen könnte!

21 Kinder

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Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie, Insel Verlag 2019 € 20,00

Jocelyne Saucier hat ein weiteres Mal einen beeindruckenden Roman geschrieben, der mich immer mehr in den Bann gezogen hat und bei dessen letzten Kapitel ich nur noch dachte: grandios! Grandios die unaufgeregte und ausdrucksstarke Sprache, der Aufbau, der aus verschiedenen Blickwinkeln Innerem und Äußerem nachspürt, das Einfühlungsvermögen. Jocelyne Saucier erzählt die Geschichte einer kanadischen Familie mit 21 Kindern, die sehr wild und frei aufwachsen. Der Vater ist Erzsucher, der in der Welt seiner Gesteinsanalysen versinkt, die Mutter ist tags nur in der Küche zu finden und hat doch einen Blick tief in die Seelen ihrer Kinder. Ein tragisches Ereignis bringt Schweigen zwischen die Familienmitglieder und die Frage nach dem wahren Hintergrund und ob sie sich der Wahrheit jemals werden stellen können steht zwischen ihnen.

Jung und alt

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Thomas Sautner: Großmutters Haus, Picus Verlag 2019 € 22,00

EIne junge Frau, auf der Suche nach dem eigenen Weg, die nach vielen Jahren ihre Großmutter wiederfindet und mit Erstaunen feststellt, wie frei und unabhängig diese ihr Leben lebt. Und dann gibt es da noch einen jungen Mann, der nicht sprechen kann - oder nicht sprechen will?  Die beiden jungen Leute werden ihre ganz eigene Art des Kommunizierens entdecken und so einige Überraschungen erleben.

Gespür für Sprache und Musik

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Katharina Mevissen: Ich kann dich hören, Wagenbach 2019 € 19.-

Osman studiert Cello in Deutschland, wo er auch aufwuchs. Er lebt in einer WG, er hat einen türkischen Musikervater und eine deutsche Mutter, die die Familie in Osmans früher Kindheit verließ. Die Schwester des Vaters zog ihn und den Bruder groß. Osman mag Luise und er hört Kassettenaufnahmen,  die nicht für ihn bestimmt sind. Das Hören in vielen Nuancen und auch das Nicht-hören-Können spielen eine große Rolle in diesem Debüt von Katharina Mevissen, die eine sehr sensible Sprache findet für innere Ungereimtheiten und äußere Überraschungen.

Das Harmonium auf dem Dachboden

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Francesco Vidotto: Der Klang eines geanzen Lebens, Lübbe Verlag 2018 € 16,00

Das einfache, arme, dörfliche Leben vor, während und nach dem 2. Weltkrieg in den Dolomiten; kindliche Freundschaft, die zu Liebe wrid; Verlust geliebter Menschen; Musik, die von den Bergen und den Sternen erzählt; tragische Unfälle und das Leben danach, lang erprobte und unerwartete Freundschaft; Füreinanderdasein. Ein schönes, kraftvolles, trauriges, berührendes Buch!

Hier & jetzt, da & dort

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Annette Pehnt: Café Augenblick. Geschichten über das Leben im Hier und Jetzt. Beltz Verlag 2018 € 14,95

Dieses schöne, kleine Buch - man möchte sich am liebsten gleich Hinsetzen auf die Stühle des Titelbildes - versammelt vierzig Nachdenkereien über Gefühle und Ereignisse im ganz normalen Leben. Da gibt es so schöne Titel wie "Das Glück des Reparierens", "Die Welt hat sich geschüttelt", "Die Farben der Erwartung", "Fünfzig glückliche Gäste" oder "Lernen ist wie Verliebtsein". Es findet sich auch der Titel "Geschichten wie Kuchen" - ich habe dieses Buch so genossen wie einen guten Kuchen, immer wieder ein Stück und vielleicht noch eins, das meine Gedanken anregt und bereichert.

Tiefer Blick am Ladentisch

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Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe. dtv Tb € 10,90

Lempi war eine junge Frau im finnischen Lappland Anfang der 1940er Jahre. Sie starb - warum? Drei Menschen, die ihr sehr nahe standen, erzählen von ihr: ihr Mann, ihre Magd, ihre Zwillingsschwester. Die Antwort findet sich fast versteckt in Nebensätzen - diese umrankend erzählt das Buch von der Geschichte Lapplands zwischen Deutschen und Russen, von einer intensiven, kurzen Liebe, dem Leben auf einem kleinen Hof, von Eifersucht, von Aufbruch und Zurückkommen und von Zwiliingsnähe. Ein schöner, intensiver, besonderer Roman!

Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen

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Francesca Melandri: Alle, außer mir, Wagenbach Verlag 2018 € 26,00

In diesem beeindruckenden Roman verknüpft Francesca Melandri gekonnt die individuelle Geschichte einer römischen Großfamilie mit historischen Ereignissen der italienischen Vergangenheit. Verdrängt und Vergessen wurden von der Nachkriegszeit bis heute die Gräueltaten der Faschisten in  Äthiopien 1935 und in der Erinnerung gab es unter Mussolini nur Opfer und Partisanen. Dass sich bei einem jungen Flüchtling aus Äthiopien eine Verbindung zu der römischen Familie vermuten lässt, führt zu Verunsicherung und Hinterfragen. Spannend und gut recherchiert spürt Francesca Melandri der Vergangenheit nach und gibt einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Stimmung in Italien. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser gut und genau beobachtende Roman von den unabhängigen Buchhändlern zum Lieblingsbuch des Jahres gewählt wurde!

Lebensrettendes und lebenszerstörendes Schmuggeln

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Mechtild Borrmann: Grenzgänger, Droemer Knaur 2018 € 20,00

Kaum hat der Leser die Zusammenhänge von Henriette Schönings Kindheit und Jugend in der 50er Jahren und der 1970 erhobenen Anklage wegen doppelten Mordes verstanden, lässt ihn der Fall nicht mehr los. Die Nachkriegszeit in dem kleinen Ort in der Eifel bringt Henriette große Verluste und viel Verantwortung. Ihrem lebensvertrauendem und tatkräftigen Charakter ist es zu verdanken, dass sie und ihre drei Geschwister gut über die Runden kommen. Bis zu dem Moment, als ihre jüngere Schwester stirbt und ihr Vater folgenschwere Entscheidungen trifft, die das Leben der verbleibenden Geschwister zur Hölle werden lassen. Der Roman enthüllt erschütternde Verhältnisse in einem Kinderheim, beschreibt den Missbrauch von Autoritäten, die unverantwortliche Verbreitung von Verdächtigungen und die faszinierende Entwicklung zweier gerichtlicher Prozesse. Ein sehr gelungengenes romanhaftes Zeitzeugnis!

 

Rendezvous am Blumenstand

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Fabio Geda: Vielleicht wird morgen alles besser, Knaus Verlag 2018 € 20,00

Fabio Geda hat eine beindruckende Fähigkeit, von den Gedanken, Fragen und Nöten Jugendlicher zu erzählen, so dass ein erwachsener Leser von der ersten bis zur letzen Seite gefesselt ist. In seinem neuen Buch "Vielleicht wird morgen alles besser" sind es der 14jährige Ercole und seine 5 Jahre ältere Schwester Asia, die sich schon sehr früh um sich selbst kümmern müssen. Ercole war 6, als die Mutter verschwand und der Vater ist mit dieser Situation absolut überfordert. In dieser labilen Normalität bedeutet ein feiner Riss oft schon einen tiefen Graben - und Ercole droht mehrfach, darin abzurutschen. Man schließt den Jungen gleich ins Herz und muss aushalten, dass er in den besten Absichten immer wieder Katastrophen auslöst. Die Hoffnung geht aber nie verloren!

Licht in einer dunklen Zeit

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Niccolò Ammaniti, Anna, Julia Eisele Verlag, € 20,00

Ein 13-jähriges Mädchen, in einer fast untergegangenen Welt: eine Seuche hat alle Erwachsenen dahingerafft, ein Feuer hat fast die gesamte Insel niedergebrannt. Trümmer und Leichen liegen allerorten. Doch Anna hat einen starken Überlebenswillen, sie kämpft für sich und ihren kleinen Bruder und eine Hoffnung gibt ihr Kraft: Auf dem Festland wird es anders sein. So ist Anna wie ein Licht in einer dunklen Zeit, die keiner von uns erleben möchte.

Am Familientisch

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Donatella Di Pietrantonio, Arminuta, Kunstmann, € 20,00

Die Romane von Donatella Di Pietrantonio: direkt, mit großer Ehrlichkeit und Offenheit die jeweilige Lebenssituation beleuchtend, mich als Leserin berührend. So ging es mir auch bei ihrem neuen Roman "Arminuta". Die Geschichte eines Mädchens, das plötzlich erfährt dass das Ehepaar, bei dem es als Einzelkind in der Stadt am Meer im Wohlstand aufwuchs, nicht seine leiblichen Eltern sind. Von einem Tag auf den anderen findet es sich ohne weitere Erklärung in einer Familie mit fünf Kindern in engen, ärmlichen, dörflichen Verhältnissen auf dem Land. Ratlosigkeit und Wut durchfluten es immer wieder aber es lernt auch die vorbehaltlose Rückendeckung einer pfiffigen jüngeren Schwester kennen und entdeckt erstaunt kleine Zeichen der Zuwendung an ungeahnter Stelle. Nach "Meine Mutter ist ein Fluss" und "Bella mia" hat die Autorin wieder eine Geschichte erzählt, die ich nicht missen möchte!

Fliehen, Flucht, Flüchtling

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Gerhard Jäger: Die Nacht über uns, Picus Verlag 2018 € 22,00

Ein österreichischer Soldat auf dem Wachturm an der Grenze, die vor Flüchtlingen geschützt werden soll. Er ist allein mit seinen Erinnerungen im Kopf und denen seiner Großmutter in einem Heft - sie floh Ende des 2. Weltkrieges aus Pommern. Sich selbst kann er nicht schützen vor inneren Bildern, die in ungeheurer Intensität und Emotionalität in ihm auftauchen: die glücklichen, warmen, reichen Momente und die schmerzhaften, erschütternden, verzweifelten. Die Geschichte zieht den Leser mit erstaunlicher Sprachgewalt in den Bann.