Klärendes Unterwegssein

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David Park: Reise durch ein fremdes Land, Dumont 2021, € 20,00

Tom, Fotograf, Ehemann und Vater, setzt sich kurz vor Weihnachten ins Auto, als das Land im Schneechaos versinkt. Er will den Sohn, der allein und krank in der Studenten-WG zurückgeblieben ist, nach Hause holen. Eine lange Fahrt liegt vor ihm: Von Irland auf die Fähre und in Schottland ins Land hinein. Die Fahrt gibt ihm Gelegenheit, sich an die Zeit mit den kleinen Kindern zu erinnern, die Vater-Sohn Beziehung zu bedenken, nicht nur zu Luke, den er abholt, auch zu seinem anderen Sohn Daniel. Wann waren sie sich nah, wann konnte er ihre Fragen nicht beantworten, wann schlich sich Distanz ein, was geschah? Seine Frau und die noch kleine Tochter rufen ihn oft an und sie alle hoffen auf ein gutes Weihnachten - denn es gibt eine schmerzhafte Lücke. Die Reise eines Mannes in Auseinandersetzung mit sich selbst ist hier sehr nachfühlbar geschildert.

Zwei Schwestern

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Donatella di Pietrantonio: Borgo Sud, Kunstmann 2021, € 20,00

Borgo Sud ist das Viertel von Pescara, in dem die Fischer der Hafenstadt in den Abruzzen  leben. Hier ist Adriana zuhause. Sie verliebte sich als junges Mädchen in den Fischer Rafael, dem sie auch in schwierigsten Zeiten zur Seite stand und mit dem sie einen Sohn hat. Ein dramatischer Unfall Adrianas lässt ihre ältere Schwester, die in Grenoble an der Universität lehrt, nach Pescara kommen. Sie ist die Erzählerin in diesem Roman, die sich in langen Stunden des Wartens an Ereignisse aus der gemeinsamen Vergangenheit erinnert. Es gab große Nähe aber auch Schwieriges mit der sehr impulsiven Schwester. Die Ehe der Erzählerin, die glückliche Zeiten in Pescara kannte, ging auseinander, als ihr Mann sich eingestand, dass er Männer begehrte. Die Autorin Donatella di Pietrantonio hat mich mit ihrem einfühlsamen Roman ein weiteres Mal sehr begeistert. Maja Pflug ist eine fantastische Übersetzerin aus dem Italienischen, die Sprache ist sehr stimmig und ausdrucksstark. Dank diesen beiden Frauen für diese Lesefreude!

Beschützender Mutterinstinkt

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Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert, Kein & Aber Verlag 2021 €25,00

Lilach Schuster lebt mit Mann Michael und dem sechsehnjährgen Sohn Adam fernab von deren israelischer Heimat in Silicon Vallley.  Die israelische Gemeinde erschüttert zunächst der blutige Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh, kurz darauf erleben Adam und etliche seiner Mitschüler, wie ein Klassenkamerad bei einer Party stirbt.  Möglicherweise nicht unverschuldet. Von heute auf morgen bricht die scheinbar heile Welt der Familie Schuster zusammen und die Eltern machen sich Sorgen, wie ihr Sohn mit den Erlebnissen umgeht.  Die Leser tauchen tief in die Gedankenwelt der Mutter ein.

Unerwarteter Ruhm, unerwartete Flucht

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Jana Revedin: Flucht nach Patagonien, Aufbau Verlag 2021 €22,00

Die Faszination dieses Romanes liegt für mich darin, dass man auf lesende Weise Menschen begenet, die selbst Großes geschaffen haben. Pablo Picasso, Igor Strawinsky, Jean Cocteau, André Maurais, Klaus und Thomas Mann, Coco Chanel oder Walter Elias Disney - genannt Walt - um nur einige zu nennen. Die Autorin rückt in ihrem neuen Buch allerdings den österreichischen Möbeldesigner Jean-Michel Frank und seine Gönnerin und zugleich Freundin seiner Mutter,  Eugenia Erràzurìz, ins Zentrum des Geschehens. Sie ist diejenige, die den Anstoß zu seinem schnellen Ruhm gegeben hat, da sie nicht nur über Geld, sondern auch über wichtige Kontakte verfügt Im ersten Teil des Buches erzählt Frank in Rückblicken von seinen Erfahrungen als verkrüppelter Sohn der reichen Bankiersfamilie ohne große Ziele im Leben, seine Homosexualität entdeckend und in Paris in den 30er Jahren durchaus lebbar. Zwischendrin schwenkt Franks Blick auf seine Reiesebegleitung, besagte Mäzenin, mit der er sich im Februar1937 auf einem Schiff Richtung Buenos Aires befindet, um in deren Heimat in Patagonien das erste Grand Hotel vor Ort auszustatten. Was eine Fahrt ins große Abenteuer sein könnte, ist in Wirklichkeit ein gut ausgeklügelter Plan von Eugenia, um ihren "Jean Cheri" als Jude vor den Fängen des Nationalsozialismus zu schützen. Erst das pulsierende Paris, dann im. zweiten Teil des Romans das exotische Patagonien ... atemlos liest man über die Reise nach Patagonien genauso wie über schwere Verluste, das ruchlose Leben der Pariser Surrealisten üder über Franks depressive Phasen.

Appetitanregender Auftakt einer Trilogie

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Ella Carey: Die Frauen von New York - Glanz der Freiheit, Aufbau Verlag 2021 €12,99

 "Die Frauen aus New York - Glanz der Freiheit" ist der erste Teil einer Trilogie, die mit der Geschichte von Lily Rose den Auftakt macht. New York 1942, Lilys Familie zählt zur Upper Class, darum erfährt Lily wenig Akzeptanz für ihren Traum, in einem der angesehensten Restaurants der Stadt  eine Ausbildung zur Köchin zu machen. Im Gegenteil, ihre Mutter möchte sie mit dem Sohn einer angesehenen   Familie verheiratet sehen. Doch Lily Rose kocht nicht nur für ihr Leben gern, sie ist auch eine couragierte Frau, die für ihre Ziele kämpft. Nachdem  immer mehr Männer in den Krieg ziehen,  wird Lily die Stelle des Chef de Cuisine übernehmen und das Restaurant durch schwere und entbehrungsreiche Kriegszeiten sicher führen. Doch die beiden Welten  der Küche und ihres Zuhauses könnten nicht unterschiedlicher sein. In dem wunderbar unterhaltenden Rpman spürt man das sich verändernde Gesellschaftsbild, in welchem die amerikanischen Frauen beginnen, für ihre Recht einzustehen. Lily wird für ihren Traum, eine berufstätige Frau zu sein und einen liebenden Mann an ihrer Seite zu haben, der ihre Rolle nicht auf Heim und Kinder reduziert, bis zuletzt kämpfen. Ich bin gespannt, wie die Serie weitergeht

Auf der Bühne des Lebens

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Susanne Falk: Johanna spielt das Leben, Picus Verlag 2021 €22,00

Wien, 50/60er Jahre und das Burgtheater, das ruft. Die junge und aufstrebende Schauspielerin Johanna Neuendorff lernt ihren zukünftigen Mann, einen Justiziar,  nach einer großartigen Aufführung kennen und verliebt sich. Aufgrund der Schwangerschaft wird schnell geheiratet und sie muss das Theaterspielen aufgeben. 3 Jahre hat sie ihrem Mann versprochen, sich um das Kind zu kümmern. Doch an der Mutterrolle scheitert sie überraschend schnell. Darum wird sie sich heimlich um eine neue Rolle bewerben. Ihr Wunsch, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, stößt keineswegs auf Begeisterung ihres Manne und auf Verwunderung im nahen Umfeld.  Doch Johanna kämpft für ihre Emanzipation und letztlich wird ihr der Erfolg am Burgtheater recht geben. In zwei Zeitschienen erzählt die Autorin die Geschichte dieser wagemutigen Frau,  leichtfüßig stellt sie sie auf die Bühne ihres Lebens, so dass der Leser zum Zuschauer wird.

Drei sehr verschiedene Frauen

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Jemma Wyne: Der silberne Elefant, Julia Eisele Verlag 2021, € 24,00

Drei Frauen in London, jede von ihnen arbeitet daran, ein inneres Gleichgewicht zu finden. Emily hat im Bürgerkrieg in Ruanda als junges Mädchen ihre Familie verloren und traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. In London wird sie zur Unterstützung im Alltag zu der Mittfünfzigerin  Lynn kommen, die an Krebs erkrankt ist und Hilfe braucht. Lynn setzt sich malend mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen auseinander. Zur Fast-Schwiegertochter Vera bleibt große Distanz. Vera versucht sich durch Hinwendung zum Christentum von einer fortwährend empfundenen Schuld nach einer folgenschweren Entscheidung zu erlösen. Auf verschlungenen Wegen verknüpfen sich diese drei Schicksale miteinander es gibt überraschende Wendungen in diesem so ansprechend gestalteten Roman aus dem Münchner Julia Eisele Verlag.

Dreißig Jahre zusammen

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Daniela Krien: Der Brand, Diogenes 2021, € 22,00

Rahel und Peter sind seit 30 Jahren ein Paar: Sie ist Psychologin, er Professor für Literatur in Dresden. Die Kinder sind erwachsen, die Tochter hat inzwischen zwei Söhne, der Sohn arbeitet zielstrebig an seinem Berufsziel. Das Paar, beide Mitte fünfzig, kümmert sich kurzentschlossen drei Wochen lang um den Hof von Ruth und Viktor in der Uckermark. Ruth ist eine Freundin von Rahels Mutter seit deren Jugend und eine wichtige Konstante in Rahels Leben. Das Paar hegt die Hoffnung, einander wieder nahe zu kommen - nahe zu sein. denn es hat sich eine Distanz zwischen sie geschlichen, genährt aus Enttäuschung, Verschweigen, unerfüllter Sehnsucht. Sehr gut beobachtend und beschreibend erzählt die Autorin über das Beziehungsgeflecht von Partnerschaft, kleiner Familie und Großfamilie. Vom Denken, Fühlen und Handeln, vom Verschiedensein, Vertrautheit und Zueinandergehören. Ein Buch, das sich in einem Sog lesen lässt, das anregt,  sich selbst und eigenen Beziehungen anzuschauen und zu hinterfragen. Und ein Buch, das Hoffnung gibt, dass es sich lohnen kann, dies zu tun.

Eigenwillige Lebensläufe

stradal

J.Ryan Stradal: Die Bierkönigin von Minnesota, Diogenes 2021, € 18,00

Eine Mehrgenerationen - Familiengeschichte in den USA, in der erstaunlicher Weise gleich zwei Frauen mit Bierbrauerei zu tun haben. Helen begeistert sich schon als junges Mädchen für Bier und arbeitet zielstrebig darauf hin, sich als Frau in dieser Männerdomäne einen Platz zu schaffen. Diana, ihre Nichte, gerät eher zufällig in eine kleine Brauerei, nicht ahnend, was für eine Rolle das noch in ihrem Leben spielen wird. Aber ganz besonders ans Herz gewachsen ist mir Edith, Helens Schwester, die tatkräftig zupackend und warmherzig ihr Leben lebt. Ein schön zu lesender Roman, der vor allem den Blick auf die Frauen in ganz unterschiedlichem Lebensalter lenkt.  Die Frauen sind natürlich mit Männern verbandelt, die auch eine Rolle spielen...

Sommerhimmelblick

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Antonia Bontscheva: Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere, Frankfurter Verlagsanstalt 2021. € 24,00

Eine junge Frau aus Bulgarien lebt mit ihrem Mann und einer Tochter in Bremen. Sie fragt sich "Was verlässt man genau, wenn man seine Heimat verlässt?" Sie fragt sich auch, was die Liebe ausmacht, die sie gerne idealisiert, während sie versucht, mit ihrem korrekten Ehemann zurechtzukommenund.  Sie ist sehr impulsiv und der Tod ihres Vaters hat sie mitgenommen. "Eine Ablösung von der Eltern findet in diesem Land (Bulgarien) nicht statt" heißt es bezeichnend in dem Roman. Großmütter mit eingeschlossen, denn hier gibt es eine Großmutter, die mit Lebensanweisungen nicht spart, was die Icherzählerin zu Widerstand anstachelt. Sie möchte mehr über die Vergangenheit ihrer Familie erfahren und so wartet der Roman mit interessanten Episoden aus der kommunistischen Zeit Bulgariens auf. Ein Roman voller Emotionen dieser streitbaren Frauen in einer ganz besonderen lebhaft beschreibenden Sprache, die den Leser den bildreichen Kosmos einer bulgarischen Familie eröffnet. Herrlich!

Schauspieler unter sich

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Cynthia D`Aprix Sweeney: Unter Freunden, Klett-Cotta 2021, € 22,00

Mit Sweeneys Roman "Unter Freunden" taucht der Leser ein in die Szene der Schauspieler in New York und Los Angeles, auf der Bühne, im Film und als Sprecher. Er lernt zwei Freundespaare kennen, eines davon mit Tochter, die sich seit vielen Jahren einander anvertrauen und unterstützen. Ganz unerwartet entsteht ein Riß, der die Vergangenheit in Frage stellt, Unsicherheit im Miteinander auslöst und vielleicht sogar neue Lebenskonzepte fordert. Beeindruckend beobachtet!

Familienleben aus dem Takt

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Janina Hecht: In diesen Sommern, C.H.Beck Verlag 2021 €20,00

Schon auf den ersten Seiten, mit den ersten Sätzen bin ich in die Kindheit der Protagonistin Teresa eingetaucht. Janina Hecht lässt die Leser*innen an Teresas Erinnerungen teilhaben. in sparsamen Momentaufnahmen, beschwört sie die Bilder einer Familie herauf, und dennoch bleiben die Mitglieder wenig greifbar. Besonders der Vater, zu dem das Mädchen aufsieht, mit dem sie Vater-Tochter-Zeit verbringt, gegen den sie rebellieren wird, und der ihr dennoch fremd bleibt. Auch die Mutter und der jüngere Bruder werden kaum dingfest gemacht, so als hangele sich die Autorin an einer Pinnwand voller alter Fotos entlang. Es sind die kleinen und großen Momente, das Streiten oder das Schweigen der Eltern, das Bier zu viel des Vaters, der Bruder sorglos im Pool, die Teresa in Erinnerung bleiben. Und der Leser ahnt dabei, dass Teresas Welt jederzeit erschüttert werden kann. Der Debütroman von Janina Hecht besticht durch seine Schlichtheit und die minimalistisch gehaltenen Kapitel, die Autorin macht Teresas Geschichte in einer zurückhaltenden Emotionalität an zahlreichen aufeinanderfolgenden Sommern fest.

Inspirierender Briefwechsel

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Keigo Higashino: Kleine Wunder um Mitternacht, Limes Verlag 2021 €20,00

Ein Gemischtwarenladen, dessen Briefkasten zu einer Art Kummerkasten wird, da sich sein Besitzer die Fragen und Sorgen der Betreffenden sehr genau zu Herzen nimmt. Bis ins hohe Alter wird Herr Namiya die Briefe der Ratsuchenden so gut er kann beantworten. Seinem Sohn fällt es schwer zu glauben, dass noch immer Breife in dem Briefkasten landen, obgleich der Laden des Vaters längst geschlossen ist. Wie es dazu kommt, dass sogar Briefe aus der Zukunft einttreffen, oder drei Kleinkriminelle, die eigentlich nur ein Versteck für die Nacht brauchen, zu Briefeschreibern werden ... das und vieles mehr erfähren Leser und Leserinnen der wunderbar feinsinnigen Geschichten und der Schicksale, die dahinter stecken, lassen sie mitunter schmunzeln, aufhorchen und auch berührern. Mit einfachen Worten kann durchaus viel bewegt werden.

Erst der Aufbruch macht den Rückblick möglich

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Björn Stephan: Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau, Galiani Berlin 2021 € 22,00

Vom Rand unseres Sonnensystems zoomt sich Björn Stephan mit der Wahl seines Titels an das Leben heran. Im Zentrum seines Debüts steht die jugendliche Gegenwart von Juri, Sascha und Sonny im Jahr 1994. Sie wachsen in einem Schmuckstück sozialistischen Wohnungsbaus auf: einer am Reißbrett entstandenen, gleichförmigen Siedlung zwischen Stadt- und Waldrand. Die Zeit des Umbruchs gibt das eigentlich noch gar nicht ganz fertig gestaltete Gelände schon wieder dem Verfall preis. Von diesem ostdeutschen, jetzt bundesdeutschen persönlichen und gesellschaftlichen Wandel erfahren die Leser aus Saschas Augen. Sein Standpunkt liegt dabei schon zwei Jahre vom Geschehen entfernt.

Glauben Sie an das Gute!

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Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie aus Kiew, Hanser Berlin Verlag 2021 €20,00

Kennen Sie Frau Kunze aus der Ausländerbehörde? Der Ich-Erzähler wird von ihr aufgefordert, zur Einbürgerung nach 25 Jahren in Deutschland noch eine "Apostille" in seiner Geburtsstadt Kiew in der Ukraine zu organisieren. Dies führt ihn auf die Spuren seiner Familie, lässt ihn fast vergessene Freunde wiederfinden und feststellen, dass Heimat viele Gesichter hat. Dieser Roman macht Spaß! Wenn die deutsche Bürokratie zuschlägt oder die ukrainischen "Regeln" erklärt werden, um Vorgänge zu beschleunigen und der Erzähler nicht mehr weiß, wie deutsch oder doch ukrainisch er sich gerade fühlt. Der Autor hält wunderbar die Balance und lässt die Lesenden schmunzeln und mitfühlen. So zum Beispiel, wenn er mit seiner katzenliebenden "Heute-Mutter" hadert und sich plötzlich in Kiew mit seinem Vater, dessen Gesundheit und beginnender Vergesslichkeit auseinandersetzen muss. Und ganz nebenbei findet die zerstrittene Familie auf wundersamen Wegen wieder zueinander. Wer verstehen möchte, wie es sich anfühlt, "zwischen den Stühlen zweier Länder" zu sitzen, der möge dieses Buch lesen. Annette Goossens

Das pure Leben

wink

Callan Wink: Big Sky Country, Suhrkamp Verlag 2021 €23,00

Wer gerne Romane liest, die in der Weite der USA spielen, der darf mit "Big Sky Country" von Callan Wink in die Weiten Montanas abtauchen. August wächst auf der Farm seiner Eltern auf und muss nach deren Trennung als Jugendlicher  mit der Mutter nach Montana ziehen, wo diese sich ein neues Leben aufbauen möchte. August versucht, sich von den Erwartungen der Eltern an seine Berufswahl oder was es im Leben zu erreichen gilt, zu lösen. Die Natur und Freiheit, die er findet, erfüllen und formen ihn. Ob bei der Arbeit auf dem Feld oder auf einer Farm, auf der er mithilft - die Zufriedenheit, die diese Tätigkeit bei ihm auslöst, wird beeindruckend beschrieben. Mit klarer Sprache lässt uns der Autor am stillen Glück seiner Hauptfigur teilhaben. Die ursprüngliche Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn weicht langsam einem gegenseitigen Verständnis. Seine Versuche, neue Freundschaften zu schließen und erste Erfahrungen mit der Liebe zu erleben, verfolgt man mit Spannung. Wie es gelingen kann, den eigenen Weg zu finden und dabei seine Wurzeln zu behalten, liest sich fesselnd. Ein ruhiger Roman, dem man anmerkt, dass der Autor selbst ein naturverbundener Einzelgänger ist. Dennoch packend bis zur letzten Seite. Annette Goossens

Überraschungen vorprogrammiert

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Fabian Neidhardt: Immer noch wach, Haymon Verlag 2021 €22,90

Der Roman von Fabian Neidhardt klingt so unglaublich und dennoch liegt der Geschichte ein wahrer Sachverhalt zugrunde.  Der Zeitungsartikel über eine medizinische Fehldiagnose, die einen Mann ins Hospiz zum vermeintlichen Sterben brachte , um anschließend wieder ins Leben zurückzukehren, hat den Autor angeblich dazu inspiriert, die emotionale Achterbahnfahrt des 30jährigen Alex zu erzählen. Alex ist zu jung, um an Magenkrebs zu sterben, zumal sein Vater daran elendig krepierte, als er selbst ein kleiner Junge war. Darum berschließt Alex, sich keiner Therapie zu unterziehen, sondern sich für die letzten Monate in ein Hospiz  zurückzuziehen. Das alte Leben ist abgeschlossen, dann muss Alex von heute auf morgen sein Zimmer räumen. Zurück kann und will er nicht sofort,  aber wie soll er sich neu definieren? Dem Autor ist eine charmante Lösung eingefallen: Alex wird sich darum kümmern, letzte Wünsche der Menschen zu erfüllen, die er im Hospiz  kennengelernt hat. In Rückblenden spürt Alex seiner eigenen Geschichte nach, während er sich darum bemüht, im Hier und Jetzt Lindi Hopp zu lernen, ein Schachturnier zu gewinnen oder sich ein Tattoo stechen zu lassen. Es gehört schon eine Portion Humor dazu, um diese Geschichte so zu schreiben, dass man nicht aufhören kann zu lesen. Einfühlsam, mitunter daramtisch, und immer wieder lebensfroh führt Neidhardt den Leser im Hospiz herum und füllt diesen Ort mit Leben, Freundschaften und sogar manch kleiner Freude.

Ein Buch zum Verlieben

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Anne de Walmont: Und an den Rändern nagt das meer. Sieben Monate auf der Vogelinsel Trischen, Knesebeck Verlag 2021 € 20,00

Gerade für diejenigen, welche sich bisher weder für das Wattenmeer noch für Vögel erwärmen konnten, wird dieses Buch mehr als ein unerwartet guter Urlaub werden, aus dem sie glücklich, erfüllt und erholt wieder zurückkommen werden. Anne de Walmont, Musikwissenschaftlerin, Damenschneiderin und Ornithologin nimmt ihre Leser*innen mit an einen Sehnsuchtsort, an dem uns sofort die Kraft und Schönheit der Natur umfängt: Der Vogelschutzinsel Trischen.

In Amsterdam und Surinam

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Ruth Kornberger: Frau Merian und die Wunder der Welt, C. Bertelsmann 2021 € 20,00

Ein Roman über einen entscheidenden Lebensabschnitt der Maria Sibylla Merian: nach der Trennung von ihrem Ehemann 1685 lebte sie mit ihren beiden Töchtern 6 Jahre lang bei der niederländischen Sekte der Labadisten. Hier wurde ihre Kunst kaum gewürdigt und so zog sie nach Amsterdam, wo sie vielerlei Kontakte knüpfte, Unterricht gab und ihre Zeichnungen verkaufen konnte. Mühsam ersparte sie das Geld für die ersehnte Reise nach Surinam, für sich und ihre jüngere Tochter. Zwei Jahre lebten, sammelten und zeichneten sie dort Raupen, Schmetterlinge und Pflanzen. Wieder in Amsterdam hatte Maria Sibylla Merian ihre erste öffentliche Ausstellung. Der Roman erzählt lebhaft von den Lebensbedingungen um 1700 an diesen unterschiedlichen Orten, basiert  auf biografischen Daten und bindet wahre Personen und Orte ein. Umrahmt werden diese von der schön zu lesenden Fiktion einer Liebesbeziehung der Künstlerin mit einem attrktiven Mann, der auch das Abenteuer liebt und sie immer wieder zu finden weiß. Ein Buch zum Versinken in eine außergewöhnliche historische Lebensgeschichte!

Perfekte Unterwegs-Lektüre

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Luciana Rangel: (fast) alles in Ordnung - está (quase) tuto bem, Hagebutte Verlag 2021 € 15,00

„Mein Leben ist wie ein Flickenteppich aus verschiedenen Stoffresten, und ich mag es so. Der einzige Teil, der nicht zusammengeschustert sein darf, sondern aus einem Stück sein muss, ist der innere Frieden. Es muss groß genug sein, um die ganze Familie einzukleiden und aus dem Rest etwas für Freunde zu schneidern.“ Zitat: Rangel, (fast) alles in Ordnung, Hagebutte Verlag
Dicht am eigenen Herzschlag führt die in Brasilien geborene und in Deutschland lebende Journalistin Luciana Rangel ihre Leser*innen in 19 Crônicas, typisch brasilianischen Kurztexten, in ihre zwei Lebenszentren: Rio de Janeiro und Berlin. Im tropisch warmen, die familiäre Sehnsucht stillenden Rio wohnt ihre Vergangenheit, 10.000 Kilometer weiter, im frostigen, gerade das Leben erfüllende Berlin, ihre Gegenwart. Rangel jongliert mit der unterschiedlichen Lebendigkeit an diesen Orten und spürt dem Gefühl von Freiheit nach. Mehr als einmal werden Koffer gepackt und kostspieliges Übergewicht, Hab und Gut, zurück gelassen. Emotionen reisen überall hin und sie wiegen. Nach zehn Jahren Abwesenheit zurück in der neuen alten Heimatstadt Rio loten Rangels Betrachtungen ihre Vergangenheit aus, das Verhältnis zum Vater, dem sie eine bewegende Hommage schreibt.

Wendepunkte im Leben

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Birgit Müller-Wieland: Vom Lügen und vom Träumen. Roman in sechs Geschichten, Otto Müller Verlag 2021, € 22,00

Birgit Müller-Wieland, Autorin von Flugschnee, hat wieder einen unglaublich dichten und intensiven Roman geschrieben. Sie erzählt in sechs Geschichten, die untereinander fein verwoben sind, von Frauen und Männern, die Wendepunkte in ihrem Leben ereilen. Diese stellen eine große Herausforderung für sie dar. Sie durchleben Trennung nach vielen Ehejahren, unerfüllte Sehnsucht nach Vaterschaft, Alltag in der DDR und exotischer Ferne, Suche nach dem Vater, Mißbrauch, Mutterschaft ohne Partner - aber auch tiefes Vertrauen und Auffangen, Seelenverwandschaft, Mutterglück, Freundschaft und Loyalität. Birgit Müller-Wieland gelingt es, diesen tiefen Gefühlen in einer faszinierenden Sprache ausdruck zu verleihen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und ich hätte einige der Personen gerne noch über weitere Erlebenszeit begleitet.

München, Mitte der 60er Jahre

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Claudia Kaufmann: Das Fräulein mit dem karierten Koffer, Fischer 2021, € 11,00

Sabine ist gerade 19 und die Aufforderung, anständig zu sein, hat ihre ganze Erziehung geprägt. Das Gymnasium blieb ihr verwehrt, nun arbeitet sie als Sekretärin. Bei ihrem ersten Abend in einem Tanzlokal lernt sie Michael kennen, einen Industriellensohn. Alles scheint möglich in der Verliebtheit der beiden. Doch als Sabine schwanger wird sind weder ihr Freund noch ihre Mutter für sie da, alle Träume zerplatzen. Einzig die Mutter ihrer Freundin steht zu ihr und unterstützt sie, Sabine wird in ihrer schwierigen Situation als unverheiratete Schwangere und Mutter erstarken und für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kämpfen. Für den Leser wird  die Stimmung der 60er Jahre aus vielerlei Blickwinkeln sehr nachfühlbar und das emotionale Auf-und Ab der jungen Protagonistin verführt zum Immerweiterlesen und Abtauchen in diese Zeit.

Nebeneinander und Miteinander

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Astrid Rosenfeld: Die einzige Strasse, Kampa Verlag 2021, € 18,00

Sechs Bungalows in Virginia - es hätte eine Hotelanlage werden sollen, nun leben hier Menschen, denen das Leben bisher nicht gut mitgespielt hat. Ein Kriegsveteran, zwei alte Schwestern, eine Familie mit zwei Kindern, eine Mutter mit Sohn und eine alleinlebende Frau. Es ist ein Nebeneinander aber doch auch ein Miteinander, Enttäuschung und Hoffnung liegen in der Luft. Sehnsüchte verführen zu Wagemut. Es sind kleine Begebenheiten, die uns diese Menschen nahebringen und uns hoffen lassen, sie mögen gute Wege finden.

Quer durch Amerika

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Hernan Diaz: In der Ferne, Hanser Berlin 2021, € 24,00

Hakan ist ein Kind, als er mit seinem älteren Bruder Linus von Schweden nach New York aufbricht. In der Hektik des englischen Hafens von Portmouth verlieren sich die beiden. Der englischen Sprache nicht mächtig gerät Hakan auf ein Schiff nach San Francisco. Sein einziges Ziel ist es nach Osten, nach New York zu kommen und dort den Bruder zu finden. Er durchquert weite Strecken des Landes, teils in Begleitung, oft allein. Er lebt mit einem Goldgräber und dessen Familie in freier Natur, gerät in Gefangenschaft, lernt von einem Forscher viel über den menschlichen und tierischen Körper. Er gerät in lebensbedrohliche Situationen verschiedenster Art und wird, groß gewachsen  und umhüllt von einen selbst genähten Mantel aus Fellen aller erdenklichen Tiere zu einer Legende im Kalifornien des Goldrausches werden. Während seine Geschichte in aller Munde ist lebt Hakan in innerer und größtenteils auch äußerlicher Einsamkeit in diesem ihm fremden Land mit fremder Sprache, unendlicher Weite und klimatischen Extremen fernab der Zivilisation. Ein eindrucksvolles Portrait Amerikas, eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die in ihren Extremen fasziniert.

Feinfühlend-frech

wagner

David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt € 12,00

In dieser sehr gelungenen Autofiktion erzählt David Wagner von den Besuchen bei seinem dementen Vater. Diese entbehren nicht einer gewissen Komik, wenn immer gleiche Fragen gestellt werden, Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind. eben Geschehenes gleich wieder vergessen ist. Der Charakter des Vaters ist erspürbar, manchmal ist interessantes Spezialwissen da, bei Vater und Sohn tauchen Erinnerungen an vergangene Zeiten auf.  Der Sohn ist geduldig, liebevoll und manchmal auch feinfühlend-frech, was der eigentlich traurigen Situation Leichtigkeit gibt. Manches Mal ist dem Vater das Vergessen bewusst, aber es scheint ihn nicht wirklich zu betrüben - das Leben ganz in der Gegenwart hat auch etwas Befreiendes. Ein Buch, das berührt aber nicht belastet, das Mut macht und Hoffnung gibt, selbst in vergleichbaren Begegnungen zu einem guten Umgang zu finden.

Sizilien pur

ranno

Tea Ranno: Agata und ihr fabelhaftes Dorf, Nagel & Kimche 2021, € 23,00

Ein kleiner Ort mit dem Bürgermeister und seinen Gefolgsleuten aus dem mafiösen Milieu und dem Tabacchere, der sich dem widersetzt und als Kommunist gilt. Zudem gehört diesem ein Haus außerhalb mit einem Stück Land, das er mit Blumen und Obstbäumen in ein wahres Paradies verwandelt hat. Dieses möchte sich der Bürgermeister unter den Nagel reißen, dort eine Mülldeponie errichten um sich zu bereichern. Als der Tabacchere plötzlich verstirbt scheint es ein Leichtes, seine Witwe zu überrumpeln. Weit gefehlt: Sie hat eine unkonventionelle und menschliche Art, sich mit anderen Dorfbewohnern zu verbinden. Sie eröffnet anderen Chancen und erfährt deren Unterstützung. Eine turbulente Dorfkomödie, bei der sich die unterschiedlichsten Emotionen Bahn brechen und ungeahnte Wege aufzeigen.

Zwei Menschen auf Kollisionskurs mit dem Leben

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Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin, DuMont Taschenbuch 2021 €12,00

Jedes Buch von Delphine de Vigan ist auf seine Weise besonders: Besonders menschlich, besonders ehrlich, besonders aufrüttelnd.  In dem vorliegenden Buch, das bereits 2009 im Französischen erschienen ist, rückt die Autorin zwei Menschen in den Mittelpunkt, die man durch einen Tag begleitet, der sie bis an den Rand der Erschöpfung bringt, und letztlich zu einer Beinahe-Begegnung führt. Mathilde, 40 Jahre, Witwe, 3 Kinder, erfolgreich Im Job, wurde im Lauf der vergangenen Monate von ihrem Chef auf subtilste Weise aus ihrer Position gedrängt. Thibault, 43 Jahre, Arzt, im Notdienst unterwegs, fährt quer durch Paris und leidet unter dem Mangel an allem. Beide sind sich bewusst, dass sie so nicht weiter machen können oder wollen. Beide sind auf ihre Weise Kämpfer und müssen sich an einem entscheidenden Punkt eingestehen, dass sie eben doch verwundbar sind.

Wenn die Natur lockt

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Raynor Winn: Wilde Stille, DuMont Verlag 2021 €16,95

Das neue Buch der Nature-Writing Autorin Rynor Winn konnte mich auf seine ganz eigene Weise wieder begeistern. Erneut schenkt uns die Autorin einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben und knüpft dabei unmittelbar an das erste Buch  "Der Salzpfad" an, da die Leser unter anderem erfahren, wie dieses Buch geschrieben wurde. Sprich die Leser sind hautnah am Befüllen der Seiten dabei. An den Beweggründen der Autorin, die inzwischen mt ihrem Mann Moth das Leben einer Sesshaften in einem kleinen Dorf lebt, das Buch zu beginnen. Am intensiven Verabschieden ihrer Mutter. An ihren Ängsten um die sichtbaren Folgen der Krankheit bei ihrem Mann. Und letztlich auch an der Sehnsucht nach dem South West Coast Path, dem Einssein mit der Natur, dem Laufen, dem Unterwegs sein. All das zusammen genommen bringt Rynor und Moth dazu, wieder ein neues Wagnis einzugehen. Mit der Pacht einer Farm. Und mit einem neuen Trail, dem Laugavegur Trail in Island. Endlich, im letzten Drittel des Buches, sind die Leser wieder unterwegs, ihre Herzen klopfen, die Augen sehen und die Lippen schmecken ... ein Buch, das sich am Schönsten im Freien liest.

Interkulturelles Liebeschaos

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Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh, Eichborn Verlag 2021, € 18,00

Die angehende Ärztin Olga steht plötzlich zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dem einen gehört ihr Verstand, dem anderen ihr Herz - wogegen sie sich lange standhaft zu wehren versucht, Der Fantasiereichtum von Jakob, genannt Jack, der nichts unversucht lässt, um Olga für sich zu gewinnen, gibt der Geschichte herrliche Wendungen. Nach ersten Jahren in Georgien und weiteren in Griechenland kam Olga mit 11 Jahren mit ihrer Familie nach München. Der georgische Hintergrund und eine Reise nach Tiflis geben interessante Einblicke in Mentalität und Lebensweise. Ein Roman, der mitfühlen lässt, der Spaß macht,  Kulturen verbindet,  angenehm unterhält und unbedingt auf ein Happy End hoffen lässt.

Weltmüdigkeit und Lebenslust

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Ivica Prtenjaca: Der Berg, Folio Verlag 2021, € 22,00

"Ich" ist ein Mann unbestimmten Alters, der seines Arbeitslebens in der Kunstszene Zagrebs überdrüssig geworden ist und eine tiefe Weltmüdigkeit empfindet. Das veranlasst ihn, für drei Monate als Brandwächter auf einer kleinen Adriainsel anzuheuern. Er stellt sich seinen Ängsten und Fragen an das Leben. Einzig begleitet von einem altersschwachen Esel und einem zugelaufenen Hund haust er in der hochgelegenen Bergwarte. Auf seinen Rundgängen spürt er sich selbst, bemerkt eine zunehmende Stärke und neue Wachsamkeit all seiner Sinne. Die Touristen, denen er hin und wieder begegnet erstaunen ihn in ihren Eigenarten; näher fühlt er sich den Inselbewohnern, denen das Kriegserleben noch in den Knochen steckt. In einer teils genau beschreibenden, teils poetischen Sprache erzählt der kroatische Autor Ivica Prtenjaca von dem Wandel dieses Mannes, der in der Wildnis Mut für ein Leben unter Menschen findet.  Ein sehr besonderes Buch!