Flucht nach vorn

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Hubert Achleitner: Flüchtig, Zsolnay Verlag, 23,00 €

Der Roman erzählt von Herwig und Maria, die sich in jungen jahren verliebten. Sie lebten zunächst eine lockere Verbindung, die zu einer festen Beziehung wurde. Der Verlust ihres ungeborenen Kindes steht in den folgenden Jahren zwischen ihnen, jeder von ihnen sucht Wege, um zu verdrängen und zu vergessen.. Nach 35 Ehejahren ist Maria plötzlich verschwunden, ohne ein Wort oder einen Brief. Herwig ist fassungslos und sucht nach ihr, obwohl er schon länger eine andere Frau liebt. Marias ungeplante Flucht aus dem eigenen Leben lässt sie auf Menschen und Situationen treffen, die ihr eine völlig neue Sicht auf die Welt vermitteln. Langsam findet sie zu innerer Ruhe und Versöhnung mt der Vergangenheit. Ihr Weg führt sie von Österreich nach Griechenland und der Leser erfährt Interessantes über das Leben auf dem Heiligen Berg Athos. Hubert Achleitner, besser bekannt als Hubert von Goisern, hat seinen Roman gut aufgebaut, der Roman hat mich in seiner Komplexität überrascht und in Bann gezogen. Er beleuchtet die Geschichte von verschiedenen Seiten und lotet sehr gut psychische Tiefen aus.

Ein ganzes Schriftstellerleben

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Lilly King, Lovers & Writers, C.H.Beck Verlag 2020 €24,00

Die junge Casy träumt den Wunsch vieler - nach ihrem Master in Creative Writing arbeitet sie an einem Roman. 6 Jahre  lang, in denen es das Leben nicht immer gut mit ihr gemeint hat. Ihre Beziehungen enden alle ernüchternd, ider Kontakt zu ihrem Vater ist schwierig, ihre Mutter stirbt. Kurz danach steigt der Leser in das Leben von Casey ein: sie wohnt in einer winzigen Garage, kellnert wegen eines Berges Schulden zwei Schichten in einem Restaurant, und findet nicht die richtigen Worte, um ihren Roman zu beenden. Zeitgleich drängen zwei Männer- beide Schriftsteller -  in ihr Leben, die sie einerseits in ihrem kreativem Schreiben inspirieren, sie andererseits an ihre eigenen Grenzen in Sachen Beziehungen bringt. Ihre Kindheitsgeschichte bringt die Schwere in Casey Leben, der Alltag als Kellnerin dagegen viel Witz und Charme. Bis zu dem Tag, an dem ihr Roman fertig ist und sie sich zwischen den beiden Männern entscheiden muss, wird der Leser an Caseys Gedanken, ihren Hoffnungen und Ängsten teilhaben dürfen. Das Buch ist ein Geschenk für jeden, der an Schriftstellerleben teilhaben möchte. Und darüber hinaus ein Buch darüber, dass es sich lohnt, an seinen Traum festzuhalten.

Drei Frauen in Paris 1885

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Viktoria Mas: Die Tanzenden, Piper Verlag 2020 € 20,00

Ein spannend zu lesender Roman in Paris um 1885. Drei Frauen ganz unterschiedlicher Art sind die zentralen Figuren, verbunden durch einen bestimmten Ort: die Salpetrière. Ein weitläufiges Areal hinter Mauern, in dem aus der Gesellschaft verstoßene Frauen leben. Oft führen die Folgen von Gewalttätigkeit an diesen Ort. So ist es bei der jungen Louise, die nun an hysterischen Anfällen leidet und  ein interessantes Objekt für die Mediziner darstellt. Anders bei Eugénie, die aus großbürgerlichen Kreisen kommt und ungewollt Geistererscheinungen hat. Und dann ist da noch Geneviève, die seit Jahrzehnten die Aufsicht über die Frauen führt und bei der sich unerwartet ein großer Wandel vollzieht. Es fällt schwer, das Buch aus den Händen zu legen, es beschreibt Emotionen und Situationen so anschaulich, dass die Bilder im Kopf von selbst entstehen.

Geniestreich!

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Frank Berzbach: Die Schönheit der Begegnung, Eisele Verlag, € 20,00

Was für ein Geniestreich: Die Frage an ein Paar: "Wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt?" in 32 Variationen zu beantworten. Die eine erste Begegnung ist schöner als die andere, gewisse Elemente tauchen immer wieder auf. Sie mögen die wirklich erinnerten Details sein und um sie herum entstanden fiktive und gleichzeitig wahrhaftige Szenerien, in denen diese zwei Menschen zusammenfanden. Zunächst für die Partnerin geschrieben lässt Frank Berzbach uns teilhaben an diesen besonderen Momenten vom Beginn einer Beziehung - Dank dafür an ihn und Julia Eisele, die das Buch verlegte! Das Cover erinnert an ein Sachbuch, aber davon sollte sich ein/e Leser/in nicht irritieren lassen. Die emotionale Ebene hat hier einen großen Auftritt!

Es war einmal in der Schweiz

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Katharina Geiser: Unter offenem Himmel, Jung und Jung, € 23,00

Fünf Generationen umspannt dieser Roman mit besonderem Blick auf zwei Frauen: Elise, die in den 1880ern vom Dorf in die Stadt zog, um sich ein freieres Leben zu erschaffen und Klara, die gute 100 Jahre später in Basel heranwächst und dann dort als Buchhändlerin arbeitet. Beide sind sie auf der Suche nach Echtem und Wahrem, nicht nur in der Beziehung zu Männern. Sie lassen sich berühren von dem, was das Leben für sie bereithält und bringen sich ein mit Nachdenken und Tatkraft. Elises Geschichte erzählt von dem Leben im Dorf, der Familie mit vielen Kindern, von den Lebensumständen der Prostituierten in Zürich, vom Arbeitervietel in Bern. Klara wird als Einzelkind groß, der Vater hat eine Metzgerei und versucht, ihr die Welt in Geschichten zu erklären, während die Mutter sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Auch als Erwachsene begleiten Klara Geschichten und Zitate und sie gleicht ihr Leben damit ab. Es sind die feinen Beobachtungen, die intensiven Wahrnehmungen, die in diesem Roman verzaubern. Er strahlt viel Ruhe aus und auch die längst vergangenen Zeiten werden uns lebhaft vorstellbar.

Der Turm im See

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Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes Verlag € 22,00

Die Geschichte Südtirols über die Zeit vor und während des Faschismus, der Jahre, als Hitler Südtirol als "Operationszone Alpenvorland" erklärte. Die Einberufung der jungen Männer, der Wechsel der Amtssprache - über all dies erzählt Balzano in dieser Familiengeschichte aus Sicht Trinas. Sie wuchs hier auf, wurde Lehrerin, hatte Mann und zwei Kinder. Nachdem ihr Mann für die von ihm gehassten Faschisten kämpfen musste, versteckt er sich mit ihr in den Bergen, um nicht nochmals eingezogen zu werden. Wieder zurück in ihrem Dorf müssen Trina und ihr Mann zusehen, wie ein großes Staudammprojekt droht, ihr Zuhause im Wasser zu versenken. Der Kampf dagegen eint und trennt die Dorfbewohner. Balzano lässt die Leser diese die Existenz bedrohende Situation aus vielen Blickwinkeln nachempfinden und setzt damit dem versunkenen Dorf am Reschenpass ein Denkmal.

Menschen und Lebenswege mit Witz und Ironie

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Hubert Achleitner: flüchtig, Zsolnay Verlag 2020 € 23,00

Nach 30 Jahren Ehe verschwindet Maria mit Geld und Auto, ohne ihrem Mann Herwig eine Nachricht zu hinterlassen. Seine Affäre ist nur ein peripherer Anlass, ihr altes Leben zu verlassen. Für sie beginnt ein wahrer Roadtrip, der sie zunächst mit der wesentlich jüngeren Lissa zu einem Regenbogentreffen, einem Sommercamp (back to the roots) und weiter auf den Peleponnes führt. Maria beginnt sich auf Land und Leute einzulassen und genießt die neuen Lebensumstände, bis sie fast zum Opfer einer Naturgewalt wird. Mit feinem Witz und leichter Ironie beschreibt Hubert Achleitner Menschen und Lebenswege und macht nicht Halt vor den großen Lebensfragen. Nebenbei weist er einer Generation der Ü50-jährigen mit Zitaten von André Heller, Leonard Cohen, Nina Hagen vor allem aber seiner österreichischen Heimat seine liebevolle Referenz. Das mag nicht erstaunen, denn als Hubert von Goisern ist er einem größeren Publikum als Alpen-Weltmusiker mit einem bewegten Leben bekannt. Der Roman besticht durch seine atmosphärische Dichte und lyrische Sprache - ein Buch mit Herz und Poesie. Anne Brieger

Lesevergnügen zwischen denUnzulänglichkeiten des Lebens

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Richard Russo: Jenseits der Erwartungen, Dumont Verlag 2020 € 22,00

Lincoln, Mitte Sechzig, Immobilienmakler und Familienvater fährt nach Marthas Vineyard, wo er kleines Haus aus dem Familienerbe seiner Mutter besitzt. Ehemals war es der Sommersitz seiner wohlhabenden mondänen Großeltern und war damit für seine Mutter der Inbegriff eines anderen Lebens, bevor sie sich in die Ehe mit einem selbstgerechten evangelikalen Minenbesitzer fügte. Nun soll das Haus veräußert werden. Ein letztes Mal hat Lincoln seine beiden alten Collegefreunde auf die Insel eingeladen. Hier verbrachten sie nach ihrem Collegeabschluss ein gemeinsames Wochenende mit Jacy Calloway, die Vierte in ihrer Clique in die alle drei verliebt waren. Obgleich der Kontakt untereinander nie richtig abgebrochen war, hatte das spurlose Verschwinden von Jacy nach diesem Wochenende Spuren hinterlassen. Mit den Erinnerungen an diese aufregende Zeit des Vietnamkriegs am Anfang ihrer Karrieren kommen viele Fragen auf. Auch in diesem Roman erzählt Richard Russo von den Unzulänglichkeiten des Lebens und entfaltet scheinbar mühelos ein Panorama miteinander verwobener Schicksale. Sein souveräner und empathischer Blick, vor allem aber auch seine elegante Sprache machen die Lektüre zu einem reinen Lesevergnüngen - und das keineswegs wider Erwarten. Anne Brieger

Drama mit Happy End

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James Gould-Bourn: Pandatage, Kiepenheuer & Witsch 2020 € 20,00

Dank eines Pandakostüms finden Vater Danny und Sohn Will (11 Jahre alt) zueinander. Liz, Frau und Mutter, verstarb bei einem Unfall und die Unfassbarkeit, der Schmerz,, die Leere stehen zwischen Danny und Will, der in Sprachlosigkeit abtaucht. Man könnte meinen, solch eine Geschichte könne sich nur traurig lesen. Aber Dank einer Tragikomik mit einem großen Einfallsreichtum an ungewöhnlichen Situationen hat der Roman eine Leichtigkeit, die erstaunt. Und dann verhilft das Pandakostüm, einige Rückschläge inbegriffen, zu einem Happy End, das man sich unbedingt für die liebgewordenen Akteure wünscht.

Alternativlos

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Victor Jestn: Hitze, Verlag Kein und Aber 2020 € 20,00

Die Landes im Sommer: Pinienwälder am Atlantik und brütende Hitze beherrschen den Campingplatz. Der 17-jährige Léonard ist mit seiner Familie im Zelturlaub. Und während alle anderen Jugendlichen die Tage am Strand, am Pool und mit Feiern bis in die tiefe Nacht und Sex verbringen, langweilt er sich. Bis er bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge auf Oscar trifft. Oscar, der sich an der Schaukel erdrosselt. In seinem realitätsfernen Zustand tut Léonard … nichts. Erst hinterher vergräbt er Oscars Leiche in den Dünen, ohne zu wissen wieso. Der dünne Band von Victor Jestin fesselt von der ersten Seite an. Léonards Verhalten erscheint zugleich unlogisch und vollkommen alternativlos je länger die Situation anhält. Die Atmosphäre des Campingplatzes mit Animationsprogramm erwacht durch die sprachliche Darstellung zum Leben, und die Charaktere scheinen alle in ihrer eigenen Sommerpausenblase zu schweben. „Hitze“ entführt in einen nicht so entspannenden Sommerurlaub in eine der wunderschönen Regionen Frankreichs.

Portrait einer fortschrittlichen Frau

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Eva Weissweiler: Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung, Hoffmann und Campe 2020 € 24.-

1941 erfährt Dora Benjamin, dass ihr Sohn Stefan in England interniert und nach Australien gebracht wurde und Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord begangen hat. Seit 11 Jahren war Dora von Walter da schon getrennt. Früh schon hatte Dora sich aus dem traditionell jüdischen Elternhaus gelöst und ein Studium der Chemie später auch Philosophie erst in Wien dann Berlin begonnen. 1913 lernte sie den damals 21-jährigen Benjamin kennen und heiratete ihn vier Jahre später. Deutlich wird, dass Dora Benjamin die Familie selbst noch nach der Scheidung 1930 mit ihren Arbeiten, Presseartikeln, satirischen Kurzgeschichten Literaturrezensionen sowie zwei Romanen über Wasser hält. Eva Weissweiler zeigt das Portrait einer sehr klugen, vielseitigen; fortschrittlichen und lebenspraktischen Frau in bewegter Zeit. Anne Brieger

Kurzweilige Spurensuche eines Lebens

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Peter Zantingh: Nach Mattias, Diogenes Verlag 2020 € 22.-

„Trauer ist wie ein Schatten. Der richtet sich nach dem Stand der Sonne, fällt morgen anders als abends.“ Zitat: Zantingh, Nach Mattias
Matthias Tod hinterlässt eine Lücke im Leben seiner Liebsten. Seine Freundin Amber lässt die letzten Wochen Revue passieren, sein bester Freund Quentin entdeckt das Laufen und seine Mutter findet langsam wieder zu sich, indem sie beginnt ehrenamtlich zu arbeiten. Wie ein Puzzle setzt sich ein Bild von Matthias zusammen, der lebensfroh, zugewandt, voller Projekte und verrückten Ideen war, die er nicht immer zu Ende brachte. Warum er starb? Das macht einen Teil der Spannung beim Lesen aus. Doch die Stärke des Buches liegt in den Geschichten der Personen im weiteren Umfeld, die den Blick auf ganz eigene Schicksale eröffnen. Ein erstaunlich kurzweiliges und keineswegs trauriges Buch mit sehr pointierten Schilderungen, das den Blick schärft für das Hier und Jetzt. Anne Brieger

Ein lang gehütetes Geheimnis

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Ellen Sandberg: Das Erbe, Pinguin TB 2019 €15,00

München, Nähe Odeonsplatz, Altbau, beste Lage - wer würde nicht gern Alleinerbin des Schwanenhauses werden. Mona jedenfalls ist im ersten Moment überwältigt von dem unerwarteten Erbe der entfernten Großcousine Klara. Der Zeitpunkt des Erbens  könnte kein besserer sein, denn Monas langjähriger Freund und zugleich Chef beendet die Beziehung. Klingt nach schmerzvoller Erfahrung mit Happy End? Die Autorin Ellen Sandberg hat anderes mit dem Leser vor. Nach und nach taucht er zusammen mit Mona in die geheimnisumwitterte Geschichte des Hauses ein. Die wechselnden Erzählstimmen und Zeitebenen sind anfangs gewöhnungsbedürftig, doch die gesamte Konstruktion löst sich am Ende in großen Offenbarungen und Schuldzuweisungen auf.  Einst in jüdischem Besitz, musste das Schwanenhaus auch Gewalt und Verrat durchleiden, genau wie Mona, die am Ende eine überraschende Entscheidung trifft.

Eigener Lebensweg – ein Wohlfühlroman

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Benjamin Myers: Offene See, Dumont Verlag 2020 € 20,00

Mit dem Roman "Offene See" von Benjamin Myers haben wir ein wohltuendes Stück Literatur in der Hand. Das Durchstreifen der Natur Nordenglands des 16jährigen Protagonisten Robert in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg mit seinen Beobachtungen der Pflanzen und Tiere macht Lust auf eigenes Erleben. Die Begegnung zwischen ihm und der wesentlich älteren, lebenserfahrenen, unkonventionellen Dulchie erzählt von der Bereicherung des Miteinanders, wenn es gelingt, ohne Vorurteile aufeinander zuzugehen. Die Verwandlung, die diese Begegnung und das Entdecken von Literatur bei dem jungen Mann bewirken, gibt Hoffnung, dass es möglich ist, seinen eigenen Lebensweg allen vorgezeichneten Wegen zu Trotz zu finden. Es macht Freude, sich mit Robert auf den Weg zu machen, auf der Suche nach Freiheit und sich selbst!

Indien, Land für Träume und harter Realität

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Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar, Rowohlt Verlag 2020 € 24,00

Am Ende schließt der Leser die letzte Seite und weiß nicht, ob er sich beglückt fühlen darf durch diesen ehrlich erzählten  Roman oder doch weinen soll. Deepa Anapparas erster Roman führt uns mitten in das pulsierende Leben Indiens. Die Nase wird verführt von den Gerüchen nach Kardamon, frisch aufgebrühtem Tee, Müll und Schweiß, die Füße laufen quer durch den Basar eines Bastis, zwischen Müllbergen, Ware anpreisenden Händlern und Schulkindern in ihren Uniformen, die dort arbeiten oder unerlaubt herum lungern. Am Ende des Buches glaubt man sogar ein wenig an Dschinns, denn wer sonst ist Schuld daran, dass aus einem Basti Kinder unterschiedlichen Alters verschwinden. Das Bild der indischen Gesellschaft und seiner Strukturen wird mit den Augen des neunjährigen Jai lebendig, der nicht einsehen will, dass die Polizei untätig bleibt. Darum schnappt er sich seine Freundin Pari und versucht sich mit ihr in Detektivarbeit. Die Welt der Kinder ist beschränkt, die Armut überall zu spüren, und dennoch gehen Jai, Pari aber auch Faiz, der Dritte im Bunde, leichtfüßig durch die Geschichte. Die Magie Indiens begegnet Elend, Armut und Ohnmacht, am Ende haben Jai und seine Freunde viel lernen müssen und sind ein Stück reifer geworden.

Literarisches Kleinod

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Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Verlag Matthes & Seitz 2020 € 22,00

Ein beeindruckendes, verführerisches Stück Literatur! Anne Weber findet einen ganz eigenen Erzählrhythmus in diesem Epos, das von einer unbekannt gebliebenen Kämpferin erzählt. Anne Beaumanoir, genannt Annette, findet in jungen Jahren zur Résistance im von Deutschland besetzten Frankreich. Es ist der Wunsch, die Menschen von der Fremdherrschaft zu befreien, das persönliche Schicksal ist untergeordnet, die Identität wird zur Anonymität im Getriebe des Widerstands. Nach dem Krieg wird Annette Ärztin und lebt mit Mann und Kindern in üblichen Verhältnisssen. Aber sie kann offensichtlich nicht ohne Abenteuer und dieses findet sie bei der FLN. Dieses Mal kämpft sie gegen das eigene Land, das ein anderes besetzt: Algerien. Sie wird große Opfer bringen und ungeahnte Wege gehen. Sympathisch und eigenwillig sind Anne Webers Wortwahl und Satzgefüge, sie ziehen in den Bann. Während sie von damals erzählen geben sie manchmal Gedankenverbindungen zur späteren Geschichte, die damals noch ungeschrieben war, die aber für und heute erlebte Vergangenheit ist. Ein ganz besonders reizvolles Buch, das aus den Neuerscheinungen des Frühjahrs herausragt!

Unterwegs im autoritären Regime

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Annette Pehnt: Alles was Sie sehen ist neu, Piper, € 18,00

Nime ist die geheimnisumwobene charismatische männliche Figur dieses Romans. Er lebt in Kirthan und ist Reiseleiter einer Touristengruppe, die versucht, ein wenig von diesem ihnen fremden Land zu begreifen. Es wird über verschiedene Episoden aus dem bisherigen Leben des erzähltalentierten Nime berichtet und diese geben Einblick in das Leben auf dem Land und in der Stadt in einem autoritären Regime. Und dann sind da noch die Eindrücke und Blickwinkel derer, die das Land bereisen. So setzt sich ein interessantes Kaleidoskop zusammen.

Osterspecial: In die Seele geschaut -signierte Biografien von Alois Prinz

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Alois Prinz: Dietrich Bonhoeffer. Sei frei und handele! Insel TB 2020, € 10,00

Signierte Exemplare sind nur telefonisch oder über eine Mail an den Buchpalast erhältlich!
Die Erkenntnis, so meinte Bonhoeffer, wird in der Existenz begründet. Im Angesicht nationalsozialistischer Verrohung und Unmenschlichkeit sah er sich gezwungen, sein christliches Denken mit politischem Handeln abzuwägen. Die Freiheit, die Bonhoeffer zu suchen begann, musste eine personelle sein. Begierig folgen wir der Suche nach dieser Freiheit Bonhoeffers Lebensweg, den Prinz aus einer Vielzahl von Schriften, unzähligen Briefen und Gedichten lebendig werden lässt, hin zu Bonhoeffers zentraler Frage: „Wer hält stand? Und warum?“ Eine Frage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat. Bonhoeffers große denkerische Eloquenz und seine konsequente Verschriftung dieser Gedanken, nicht zuletzt seine Liebesbriefe aus der Gefangenschaft, geben dem Biografen kostbares Material an die Hand, aus dem er sorgsam auszuwählen und zu fokussieren versteht. Diese Biografie wird schnell zu des Lesers Sache, ganz egal wie nah oder fern er dem christlichen Glauben steht. Ein Hochgenuss! Ausgezeichnet mit unserer Palastschatzkrone. Mehr.... Katrin Rüger

Von lauten und leisen Tönen einer Freundschaft

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Tessa Hadley: Zwei und zwei, Kampa Verlag 2020, € 22,00

Zwei Freundinnen, die durch dick und dünn gehen und nicht unterschiedlicher sein könnten. Als sie im Studium dem Literaturprofessor Alex begegnen, versteift sich Lydia darauf, ohne ihn nicht leben zu können. Obwohl Alex verheiratet ist, drängt sie sich in dessen Leben. Christine unterstützt die Freundin trotz gewisser Vorbehalte. Sie, die Stillere und Nachdenkliche, wird von Lydia kurzerhand mit Alex Freund Zachary verkuppelt, damit die Welt wieder in Ordnung ist. Zwei und Zwei ... und doch beginnt das Buch mit dem Tod von Zachary und der Frage, was es mit den anderen Dreien macht. Als Leser hält man nicht mit seiner Empörung zurück: Wie kann Lydia nur die Ehe von Alex auseinander bringen, um dann Zachary zu heiraten! Aber auch hier fügt sich alles wieder, denn Christine wird Alex heiraten. Zwei und zwei, beide Paare haben eine inzwischen erwachsene Töchter, als Zachary stirbt. Während der Verlust von den Zurückgebliebenen verarbeitet wird - und das auf ganz unterscheidliche Weise - rücken Lydia und Alex zusammen, während Christine am Ende allein zurück bleibt. Zwei und eins, das kann nicht gut gehen, wer hätte das geahnt.  Eine moderne, vielschichtige Ehe- und Freundschaftsgeschichte, deren Faszination darin liegt, dass man immer wieder auf das stößt, was hätte sein können und nie laut ausgesprochen wurde. Zwei und zwei hat sich beim Lesen darum oft ganz anders angefühlt.

Stimmiger literarischer Spot auf die Gegenwart

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Leif Randt: Allegro Pastell, Kiepenheuer & Witsch, 2020 € 22.-

Sie passen perfekt zusammen die 26-jährige Berlinerin Tanja Arnheim, die mit ihrem Roman "Panoptikum-Neu", der Shootingstar in der jüngeren Literaturszene ist und der 33-jährige Jerome Daimler, der im Speckgürtel Frankfurts im Bungalow seiner Eltern wohnt. Als erfolgreicher Webdesigner hat er ausgesorgt. Gutaussehend und erfolgreich jetten sie zwischen den angesagten Szenen Frankfurts und Berlins hin und her und sind in ihrem virtuellen Dasein zuhause. Alle Erlebnisse und Begegnungen werden reflektiert und genauestens kommentiert, denn das Leben will gut überlegt sein. Wohldosierte Alkohol- und Drogenerlebnisse, wichtige Freundschaften, Sex, hippe Sportschuhe und Fake-Markenprodukte werden clever social media tauglich inszeniert, nur kein Anecken, alles in Pastell und Allegro bitte!

Heimat im eigenen Körper finden

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Sophie Reyer: Zwei Königskinder, Czernin Verlag 2020 € 20.-

Heimat in eigenem Körper finden: Als die Augen der 13- jährigen Käthe, ihre scheuen Sehnsüchte und Wünsche, immer enger um Johanna zu kreisen beginnen, bleibt sie auf sich selbst gestellt. Reyer inszeniert Käthes Höllen- und Höhlenfahrt mit voller Wucht, seelisch schmerzvoll und verzaubernd zart. Die alte Frage, worum es im Leben geht, scheint in diesem sprachlich brillierenden Text wie neu.

Aus dem echten Leben

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Anna Hope: Was wir sind, Hanser Verlag 2020 € 22.-

Was sind wir? Und was ist aus dem Menschen geworden, der wir sein wollten? Die Freundinnen Hannah, Cate und Lissa sind Mitte dreißig. Einst bewohnten Sie ein altes Haus mitten in London und erlebten ihre aufregende Collegezeit zusammen. Mittlerweile wohnt nur noch die schöne Lissa dort. Sie, der alles in den Schoß zu fallen schien, hadert nicht nur mit ihrer schleppenden Schauspielkarriere. Ganz anders als die erfolgreiche Hannah, die mit ihrer großen Liebe verheiratet ist, ein Bilderbuchleben zu führen scheint, jedoch nicht schwanger wird. Und Cate, die dritte im Bunde, findet sich mit chronischem Schlafmangel, Mann, Kleinkind und einer Schwiegermutter in einer Kleinstadt wieder und weiß nicht mehr, was sie selbst ausmacht. Ihre Lebenswege haben sie voneinander entfernt und nicht nur in ihrer Freundschaft stellt sich die Frage: Was wollen wir, was können wir sein? Anna Hope gelingt es mit ihrer lakonischen Sprache ganz beiläufig mit Empathie und Humor die Hoffnungen, Stärken und Schwächen jeder Einzelnen und die Widrigkeiten der Lebenswege scharfsinnig zu beobachten. „Was wir sind" ist Unterhaltungs - Literatur im allerbesten Sinne des Wortes, mitreißend, mitfühlend und mit geschärften Blick fürs Leben! Mehr kann man sich nicht wünschen! Anne Brieger

Ein berührendes Abschiednehmen

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Friederike Wagner mit Alfred Komarek im Bücherbus am Wiener Platz. Foto © Viktoria Schindler

Delphine de Vigan, Dankbarkeiten, Dumont 2020 €20,00

So schmerzlich der Prozess des Alterns und Vergessens ist, so großartig hat die Autorin dies in ihrem neuen Buch vertextet. Michka, einst Lektorin eines großen Verlages und versiert im Umgang mit der Sprache, spürt, wie ihr zunehmend die Wörter in ihrem Denken  entgleiten. Wortverdreher, scheinbare Versprecher, quälende Suche nach den richtigen Worten gehören zum Alltag der alten Frau. Zwei junge Menschen werden sie während dieses Prozesses begleiten. Mit Marie verbindet sie eine gemeinsame Vergangenheit, denn Michka hat Marie als kleines Kind in schweren Zeiten ein Heim und Nähe angeboten. Jérome hingegen ist Michkas Logopäde, der unermüdlich mit ihr im Altersheim, in das sie notgedrungen umziehen musste, übt, den Prozess des Vergessens zu verlangsamen. Doch auch Jérome weiß, dass er den Kampf dagegen schon bald verlieren wird. Die Dankbarkeiten ziehen sich wie ein roter Faden und auf unterschiedlichen Ebenen durch das schmale Buch: Im Zurückgeben von Nähe und Zeit, im Aufarbeiten einer alten Schuld, im Erkennen der Geduld des gegenüber. Der Leser erfährt zärtliche wie traurige Momente, aufrichtige Sorge genauso wie Hilflosigkeit, und zuletzt auch ein menschlich zu bewältigendes Ende eines ganzen Lebens. Für mich ist dieser Roman von Delphine de Vigan wie jedes ihrer Bücher im wahrsten Sinne ein Geschenk, für das ich als Leserin dankbar bin. Marion Hübinger

Unter Engländern – ein Gesellschaftsroman

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Jonathan Coe: Middle England, Folio Verlagsgesellschaft 2020 € 25,00

Wer sich in das Lebensgefühl der 2010 - 2018er Jahre in England einfühlen möchte, sollte den neuen Roman von Jonathan Coe lesen. Dieser zeigt über seine Protagonisten die verschiedenen Sichten auf die Veränderungen in der Gesellschaft und die Reaktionen darauf. Wo dem einen die alte Tradition, wie zum Beispiel die nun verbotene Fuchsjagd fehlt, ist dem anderen die Rechtmäßigkeit der Ehe unter Homosexuellen noch lange nicht fortschrittlich genug. Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 weckt ungeahnten Nationalstolz, 2018 erschrecken Angriffe auf Ausländer, die sich vorher gut integriert und akzeptiert fühlten. Das Referendum entscheidet für den Brexit und eigentlich heimatliebende Briten verlassen ihr Land. Dies sind nur einige Aspekte des vielfältigen Gesellschaftsporträts, das in diesem Roman gezeichnet wird. Es wird geliebt, getrennt, gearbeitet und geschrieben in der Middle Class in Middle England und Jonathan Coe verknüpft eine Vielzahl von Lebenswegen zu einem unterhaltsamen und eindrucksvollen Werk.

Der kleine Mensch im großen Staat

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Sasha Filipenko: Rote Kreuze, Diogenes Verlag 2020 € 22,00

Ein junger Mann und eine alte Dame werden neue Nachbarn in Minsk. Stück für Stück erzählen sie sich von den Dramen in ihren Leben. Auf der einen Seite Krankheit, schmerzlicher Verlust eines geliebten Menschen und Neuanfang, auf der anderen die Auswirkungen des russischen Systems unter Stalin und danach: Trennung, Gefangenschaft, Schuldgefühl, Ungewißheit und bittere Erkenntnis. Neben den persönlichen Lebensgeschichten erzählt der Roman über die Ignoranz der russischen Regierung gegenüber ihren gefangenen Soldaten im 2.Weltkrieg, Originalschriftstücke fließen in die Romanhandlung ein. Eine erschütternde historische Geschichte, die das fühlende Individuum dem kalten Staatsapparat gegenüberstellt, während gleichzeitig das heutzeitige, generationsübergreifende Verständnis Hoffnung weckt.

Doch noch entdeckt!

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Georg M. Oswald: Vorleben, Piper Verlag 2020 € 22,00

Die Journalistin Sophia kommt von Berlin nach München, um das Programmheft des staatlichen Symphonieorchesters zu konzipieren. Gleich nach der ersten Begegnung beginnen Sophia und der ältere Cellist Daniel eine leidenschaftliche Beziehung. Wenn er bei ihr ist, fühlt Sophia sich in seiner Wohnung zuhause, ist er fort, tauchen Fragen und Zweifel auf. Was weiß sie eigentlich über sein Vorleben? Warum spürt sie eine unsichtbare Grenze auf der Schwelle zu seinem Arbeitszimmer? Die Journalistin in ihr kann nicht anders, als einem kleinen Hinweis nachzugehen und dieser führt sie zu einer Geschichte, die sie atemlos weiterforschen lässt. Wenn man diesen Roman liest, meint man, es sei eine wahre Geschichte, die sich da im Münchner Glockenbachviertel zugetragen hat!

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Helene Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links, JungundJung Verlag 2020 € 20.-

Die Infantin ist ein Bauernkind. Adlers Ich-Erzählerin, die im Laufe des Romans zur jungen Frau heranwachsen und selbst zur Mutter werden wird, hat es faustdick hinter den Ohren. Sie ist aufgeschlossen, hemmungslos, freiheitsliebend und rachewütig. Aber auch zart, anhänglich, liebesuchend und schuldempfänglich. Schauplatz ist das urgroßväterliche Anwesen, ein alter Bauernhof oberhalb des Dorfes, am Berg gelegen.

Berührende Kindheit im Werdenfelser Land

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Michael Frank: Schmalensee, Picus Verlag 2020 € 22.-

Die Holzbaracken von Schmalensee lagen verstreut am Fuße des Karwendels, im Voralpenland um Mittenwald. Sie waren die ehemaligen Unterkünfte des Reichsarbeitsdienstes. Als Jüngster und achtes Kind wurde Michael Frank dort in eine Großfamilie hineingeboren. Ein Nachkriegskind. Die Lebensverhältnisse seiner Familie waren sehr bescheiden, streng katholisch und von wilder Natur umgeben. Der Vater, ein angesehener Instrumentenbauer, die Mutter, eine von der Arbeit für die Familie vollkommen besetzte, zurückhaltende Frau.

Auf der Suche nach Leben

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Felicitas Korn: Drei Leben lang, Kampa Verlag 2020 € 22.-

Michi erlebt einen plötzlichen Stillstand, als seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, während seine Schwester Xandra und er überleben. Im Übergangsheim sucht er verzweifelt nach einer Lösung, bei der die beiden zusammenbleiben können. Während seiner unerlaubten „Ausbrüche“ aus dem Heim schmiedet er einen Plan. Parallel verlaufen auch die Geschichten von Loosi – einem Alkoholiker, der sein Leben für verloren hält, bis er Sanni trifft – und King – dem Handlanger eines Drogenbarons, der den Konflikt mit diesem sucht.

Berührende Frauenschicksale

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Laetitia Colombani, Das Haus der Frauen, Fischer Verlag 2020 € 20,00

Zwei Geschichten, zwei Schicksale, die unähnlicher nicht sein könnten. Dennoch verbindet beide ein Haus in Paris, genannt der "Palast der Frauen". Entgegen aller Widrigkeiten kämpft Blanche Peyron, führende Kommissärin der französischen Heilsarmee, in den Zwanziger Jahren gegen die Armut auf der Straße. Ihrem Engagement ist es letztlich zu verdanken, dass der "Palais de la Femme" - ein Haus für Frauen, die einen geschützten Raum im Leben brauchen, - mithilfe von Spendengeldern und politicher Unterstützung realisiert werden kann. In genau diesem Palais wird die engagierte Anwältin Solene nach einerm traumabehafteten Burn Out wieder ihre ersten Gehversuche machen: sie arbeitet ehrenamtlich für einen Verein als Schreiberin. Jeden Donnerstag besucht Solene die Frauen im Palast, und mit ihr wird der Leser eine Geschichte der Bewohnerinnen nach der anderen erfahren. Kein Schicksal der Frauen verschiedener Herkunft und Nationalität ist leicht zu verdauen, doch am Ende weiß Solene genau wie ihre Mitstreiterin fast 100 Jahre zuvor, wofür es sich wirklich zu kämpfen lohnt. Ein zutiefst berührender Roman, dessen Intensität nach dem erfolgreichen Debüt der Autorin mit  "Der Zopf" laut danach schreit, dass der Leser seine Augen für andere Lebensentwürfe öffnet.