Mit Benedict Wells zurück in die 80er!

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Benedict Wells: Hard Land, Diogenes Verlag 2021, € 24,00

Zurück in die 80er mit Benedict Wells! Gleichzeitig tröstlich, witzig und traurig - der neue Roman hat mich zum Lachen und Weinen gebracht - Benedict Wells eben! Der 15 Jahre alte Sam erlebt in einer Kleinstadt in Missouri den Sommer seines Lebens im Jahr 1985: erste Liebe, große Verluste - wer sich hier nicht an die eigene Jugend erinnert...Zu den Coolen gehören wollen, Freunde finden, endlich etwas erleben, sich seinen Ängsten stellen- ich war sehr gerne mit Sam unterwegs und er hat dabei so manche meiner eigenen Erinnerungen geweckt. Filmfans kommen auch auf ihre Kosten, denn die Kinoklassiker der Zeit spielen eine wichtige Rolle in diesem lange erwarteten, wunderbaren Buch über das Erwachsenwerden. Bei seinem Aushilfsjob im örtlichen Kino findet Sam einen Ausgleich zur schwierigen Zeit zuhause. Doch auch mit den Freunden muss er über sich hinauswachsen und herausfinden, was er vom Leben will. Benedikt Wells nimmt uns wieder unvergleichlich mit in die Nöte und Träume eines jungen Menschen - den wir in uns vielleicht noch erkennen unter der Fassade des eigenen Erwachsenenlebens. Leichtigkeit und Schwere halten sich im Buch wunderbar die Waage - ein Buch, das für mich gerne noch viel mehr Seiten haben dürfte. Unbedingte Empfehlung für junge Menschen und Junggebliebene - und natürlich alle Benedict Wells Fans! Annette Goossens

Stille Gedanken um den eigenen Lebensentwurf

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Moritz Heger: Aus der Mitte des Sees, Diogenes Verlag 2021 €22,00

"Aus der Mitte des Sees" entspringen Gedanken, Lebensentwürfe, das ganze Sein. Der Autor lässt einen jungen Mönch Bahn um Bahn in dem See nahe der Benediktinerabtei durch das Wasser ziehen und Antworten auf drängende Fragen suchen. Warum ist sein Mitbruder gegangen, um eine Familie zu gründen? Wer wird die Leitung der Abtei nach dem Ableben von Pater Alban übernehmen? Bin ich auf dem richtigen Weg? Bruder Lukas geht in ein fiktives Gespräch mit seinem Exmitbruder Andreas, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet. Und der Steg am See. Der jetzt leer ist, bis zu dem Tag, an dem Sarah dort aus dem Wasser auftaucht und fragt "Störe ich?" Schritt für Schritt geht Lukas zurück in die Zeit vor seinem Eintritt ins Kloster, in die Zeit mit Andreas, in die Zeit, als Juliane auftauchte und Andreas mit sich nahm. Und jetzt Sarah, mit ihrer ganz eigenen Geschichte von Verlust und Schmerz. Diese Begegnung scheint wie ein Prüfung zu sein, das Ende für den Leser umso überraschender. Ein ruhiges Buch, das den Blick über den kleinen Natursee schweifen lässt, die Gedanken dahingleiten lässt wie ein Schwimmer, der seine Bahnen zieht, und auf stille Weise die großen Lebensfragen aufwirft beziehungsweise beantwortet.

Unerschrockener Lebensmut

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Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt, Picus Verlag 2021, € 26,00

Felix Kucher gelingt es in seinem neuen Roman wieder einmal,  wahre Lebensgeschichten in einen spannend zu lesenden Roman zu verwandeln. Tina Modotti, als Arbeiterkind in Italien aufgewachsen und schon als junges Mädchen in einer Weberei arbeitend wird an vielen Orten der Welt für revolutionäre Gedanken kämpfen und sich einen Namen als Fotografin machen. Unerschrockenheit, Eigensinn und Lebensmut zeichnen auch Marie Rosenberg aus, die in Fürth die Buchhandlung ihres Vaters übernimmt und als Jüdin rechtzeitig nach New York emigriert, wo sie eine weit bekannte Buchhandlung und einen Verlag gründet. Beide Frauen begegnen vielen uns heute noch bekannten Persönlichkeiten ihrer Zeit und so entsteht ein facettenreiches Bild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sehr lesenswert!

Ein guter Ort?

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Valeria Parrella: Versprechen kann ich nichts, Hanser Verlag 2021, € 19,00

Kann ein Jugendgefängnis ein guter Ort sein? In Nisida oberhalb von Neapel scheint das so zu sein. Wir erleben ihn durch die Augen der 50jährigen Mathematiklehrerin, die tagtäglich dorthin fährt, um zu unterrichten. Sie beobachtet genau an diesem besonderen Ort und lässt uns auch an ihren sinnsuchenden Gedankengängen teilhaben, die ihr Leben außerhalb der Gefängnisschranken betreffen. Die 16jährige Gefangene Almarina wächst der alleinlebenden Lehrerin ans Herz und es stellt sich die Frage, ob es ein Füreinanderdasein geben könnte. Um es mit Valeria Parrellas Worten auszudrücken: "Eine Ahnung von Hoffnung liegt in der Luft."

Generationengeschichte in Deutschland

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Alena Schröder: Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, dtv 2021, € 22,00

Vier Frauen auf der Suche nach ihrem Weg im Leben, nach den Menschen, die ihnen gut tun, dem Ort, der zu ihnen passt. Sie sind vier Generationen einer Familie und die Mütter und Töchter haben es nicht immer leicht miteinander. Vom Berlin der 20er Jahre, dem in der Zeit des Nationalsozialismus als auch dem Berlin unserer Zeit  gibt der Roman ein vielgestaltiges Bild. Auch das Leben in den kleinen Orten rund um Rostock in der Vergangenheit wird gut vorstellbar. So liest man sich mit dieser Familiengeschichte in frühere und heutige Zeiten hinein mit ihren jeweiligen Auseinandersetzungen ujnd Emotionen, sie uns in jedem Falle mitnehmen.

Eine Überlebensgeschichte, die zum menschlichen Handeln motivert.

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Abba Naour, Helmut Zeller: Ich sang für die SS, H.C.Beck Verlag € 16,99

Am Anfang der Überlebensgeschichte Abba Naors steht das berührende Versprechen seines neunjährigen Urenkels, ihm einmal eine Uhr zu erfinden, die rückwärts geht, um dem Urgroßvater die Mutter und seine Brüder zurückzubringen. Denn Abba Naors Mutter Chana wurde zusammen mit dem damals sechsjährigen Berale in Auschwitz vergast, Naors älterer Bruder Chaim wurde in
Kaunas mit 15 Jahren erschossen.

Roman der Stunde – der Wahn der Transparenz – frage dich selbst

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Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess, btb € 11,00

Der Wahn der Transparenz, wie sie der Philosoph Byung-Chul Han 2013 in seinem Essay Transparenzgesellschaft beschrieben hat, ist auch Thema des Romans Corpus Delicti von Juli Zeh, der ein System beschreibt, in dem Gesundheit das höchste Gut darstellt.
Die Lektüre wirft Fragen über Fragen auf: Woran erkennt man ein diktatorisches System, das sich hinter allgemein gültigen Idealen und Moralvorstellungen versteckt? Welche Daten gibt man leichtherzig weiter — zum Beispiel die täglichen 10.000 Schritte an die Krankenkasse? Gibt es Unfehlbarkeit? Warum klaffen allgemeines und persönliches Wohl auseinander? Und was ist besser: Anpassung oder Widerstand? 2009 erschienen ist dies der Roman der Stunde — in Zeiten des Lockdown wie Postcorona. Annette Spieldiener

Drei Orte, drei Männerschicksale

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Eva Munz: Oder sind es Sterne, Kunstmann Verlag 2021 € 24,00

Drei Schauplätze, drei männliche Protagonisten. Es ist beeindruckend, wie die Autorin Eva Munz dem inneren Empfinden und den äußeren Lebensbereichen dieser drei nachgeht. Der Leser kann mit etwas wohltuender Distanz daraufschauen. Kabul, Paris, Los Angeles. Wir treffen auf drei ganz unterschiedliche Schicksale, die viel mit Identitätssuche und dem Verschmerzen zugefügter seelischer Verletzungen zu tun haben. Wir geraten in ein Ausbildungslager zum Schutz vor Terroranschlägen, in das Zeitgehschehen von 9/11, die Suche nach Bin Laden und die Strippenzeiher dahinter, als auch in das Penthouse eines wohlhabenden Exil-Afghanen in Paris. Das Lied "Survivor" erklingt an all diesen Orten - werden die drei ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit stillen und werden sie überleben?

Verwoben im Miteinander

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Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht, Hanser Verlag 2021 € 20,00

Dieser Roman erzählt von zwei Paaren, die seit vielen Jahren eng befreundet sind und auf einem gemeinsamen Grundstück ihre Familien gegründet haben. Eines der insgesamt drei Kinder hat ein hohes Aggressionspotential. So belasten Vorwürfe und Neid mehr und mehr das Miteinander. Scham und Schweigen nisten sich nach einem tragischen Vorfall ein, nicht nur zwischen den Freunden, sondern auch in den Paarbeziehungen. Eine von auswärts dazugestoßene Frau beobachtet aufmerksam, bringt viele Steine ins Rollen und öffnet neue Blickwinkel. Ein spannungsreicher Roman, der aus wechselnden Perspektiven erzählt wird und dessen Verstrickungen man gebannt folgt.

Über die Schönheit des Klaviers

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Natsu Miyashita: Der Klang der Wäder, Insel Verlag 2021 €20,00

Tomura, ein Schuljunge aus einem kleinen Bergdorf, erlebt durch Zufall die Arbeit eines Klavierstimmers. Ohne jemals Klavier gespielt zu haben, fasziniert den Jugen sofort, wie die Klänge sich verändern können und die Geräusche eines ganzen Waldes in ihm wecken. Darum will er fortan nichts anderes werden als Klavierstimmer. Der Autor lässt den Leser durch Tomura-kan erleben, wie ein junger Mensch auf den Weg zu seiner Verwirklichung beschreitet.  Auf seine bescheidene Art setzt Tomura-kan nach Abschluss seiner Ausbildung zum Klavierstimmer alles daran, zu lernen, zu lauschen, und mit jedem Klavier, das er stimmen darf, über sich hinauszuwachsen. Eine poetische Geschichte, in Japan längst ein Bestseller, die auf jeder Seite des Buches die Klavierseiten zum Schwingen bringt.

In der Großfamilie

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Monika Helfer: Vati, Hanser Verlag 2021 €20,00

In ihren knappen Sätzen vermittelt Monika Helfer eine ungeheure Vielfalt an Emotionen, die an das wecheselhafte Leben ihrer Familie geknüpft sind. Im Fokus der Vater, um ihn, mit ihm Mutter, Stiefmutter, Geschwister, Tanten, Onkel und die Autorin selbst. Als Kind, Jugendliche und als Autorin. Die Lebensumstände so nachspürbar, in Haus und Natur, in Armut und Enge. Ein sehr beeindruckender Roman, der Vieles im Innern des Lesers anklingen lässt.

Eine Jugendliche auf der Suche

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Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin, Hanser Verlag 2021 €22,00

Das 15jährige Mädchen Larissa, genannt Larry, hat einen sehr eigenwilligen Charakter. Und hat mich nach erstem Erstaunen fasziniert. Sie will nicht gefallen, aber sie will verstehen. Verstehen, warum ihre Eltern sich trennten, warum ihr Bruder sterben musste, als er noch ganz klein war, verstehen, wie Sterben sich anfühlt, und was es mit der dunklen Vergangenheit ihres Heimatortes auf sich hat. Sie stählt ihren Körper  und wird merken, dass sie sich dadurch nicht schützen kann. Eine Mädchenfreundschaft trägt Larry durch die Kinder - und Jugendzeit und sie wird erleben, dass die Liebe ihrer Mutter auch dann bei ihr ist, wenn körperliche Anwesenheit fehlt. Interessant ist als Gegenpol zu Larrys jugendlichem Erleben der Blick auf die allein lebende Nachbarin, die sich an ihre Kinderzeit aus Kriegszeiten erinnert und sich jetzt dem Altsein stellen muss. "Die Gespenster von Denimm" ist ein Romandebüt, das mich in seiner Klarheit und geschickten Komposition beeindruckt und gefesselt hat.

Hochsensibler Rausch des Lebens

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Mikael Ross: Goldjunge. Beethovens Jugendjahre. avant Verlag 2020 € 25,00

Ross beginnt seine Graphic Novel im 8. Lebensjahr Beethovens und begleitet ihn bis um sein 30. Lebensjahr, bis zur  Veröffenlichung seiner ersten Kompositionen, die ihn als Klaviervirtuose in die fürstlichen Konzertsäle führte. Die kugelrunden Kinderaugen von Erkenntis oft weit aufgerissen, oder fest zusammengekniffen in Schmerz und Fieberwahn, jagt Ross einen hochsensiblen Jungen mit seinen Fantasmen durch die Pannels. Von den Kindern verspottet, vom Vater nachts aus dem Bett gezerrt und ans Klavier gesetzt, von Pocken gequält. In Beethovens Kopf herrscht ständiges Feuerwerk. Später kämpft er mit weiteren körperliche Leiden, Magenkrämpfe und Durchfall und qualvollen Geräusche in den Ohren. Die Welt um ihn herum bleibt dreckig und wenig glanzvoll. Hinzu kommt der Rausch der Musik, welcher Beethoven an den Instrumenten entströmt und zur Auflösung alles Materiellen und Widerwärtigen führt, aber auch zur restlosen  körperlichen Erschöpfung. Faszinierend und temporeich taumeln die Bilder am Rand des existentiellen Abgrundes, an dem nichts golden strahlt, nicht einmal die Liebe. Und aus dieser energetisch überbordenden Qual steigt Beethovens Musik auf. Man scheint sie mit den Augen hören zu können. Ross hat sie in seine Bilder gebannt, dass man beim Lesen nicht nur an der Dramatik des Lebens klebt sondern selbst in einen Rausch gerät, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Mut, Neugier und Menschenkenntnis

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Ulf Stark: Die Ausreißer, mit Illustrationen von Kitty Crowter, Verlag Urachhaus 2020 € 16,00

Wenn Enkelkinder sich ihrer Großeltern annehmen, passiert oft Unerwartetes, denn für kreative Kinderköpfe ist das Unmögliche ebensowenig problematisch wie für sture Großvaterköpfe. So planen Enkel und Großvater vom Krankenhaus einen Ausflug zum alten Wohnhaus des Großvaters, dass in den Schären auf einer Insel liegt. Natürlich gibt es da viel zu bedenken und einiges zu flunkern. Die halsbrecherische Reise gelingt tadellos. Umso erstauter ist das von Herzen ehrliche Schluss. Ein beeindruckende Geschichte, gewürzt mit Mut, Neugier und Menschenkenntnis.

Starke Frauengeschichte mit biblischem Hintergrund

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Sue Monk Kidd: Das Buch Ana, BtB Verlag 2020 €22,00

"Das Buch Ana" hat sich als eine der stärksten Frauengeschichten entpuppt, die ich seit langem gelesen habe. Ungeachtet der Tatsache, dass sie Anfang des ersten Jahrhunderts nach Christi beginnt, und Mädchen sowie Frauen in dieser Zeit nicht viel mehr zu tun hatten als zu gefallen und zu gehorchen, lernen wir die vierzehnjährige Ana als eigensinniges und von ihren Gedanken überzeugtes Mädchen kennen. Aufgewachsen in der Nähe des Palastes von Herodes Antipas, ihr Vater dessen oberster Schriftgelehrter, hat Ana schreiben und lesen lernen dürfen. Als sie auf dem Markt von Sepphoris Jesus kennenlernt, wird sie ihr Weg über viele Hürden und Bürden hinweg als dessen junge Frau an seine Seite führen. Ana ist eine von vielen Frauen, die in diesem Buch zu Wort kommen, und Ana wird all ihre Geschichten aufschreiben. Die Leidvollen, wie die Schmerzhaften. Die mit Happy End und die Tragischen. Ana wird auch ihre eigene Geschichte aufschreiben. Die einer großen Liebe zu Jesus, die sie jedoch nicht blind macht für seine Nähe zu Gott und seinen Weg, den er trotz aller Gefahren gehen wird. Ana ist eine fiktive Partnerin, die die Autorin Jesus an die Seite gestellt hat. Doch es ist trostvoll für den Leser, wenn er Jesus schweren Weg bis ans Kreuz begleitet und weiß, dass Ana ihm bis zuletzt den Rücken stärkt.

Zwischen zwei Kulturen

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Olga Grjasnowa: Der verlorene Sohn, Aufbau Verlag 2020 €22,00

Jamalludin ist der Sohn des Imans vom Nordkaukasus. Er wird 1839 zur Zeit des Kaukasischen Krieges mit neun Jahren als Pfand für Friedensverhandlungen von seinen Eltern den Russen übergeben. Er steht unter Protektion des Zaren Nikolai und wird nach St. Petersburg gebracht. Dort bekommt er eine Ausbildung wie die Kinder der adligen Familien und ist oft Gast am Zarenhof. Lange hofft er, dass sein Vater ihn zurückholt. Als Jugendlicher fragt er sich oft, wer er eigentlich ist. Als junger Mann ist er Offizier in der russischen Armee. Er hat unter den Russen gute Freunde und findet eine Frau, die er liebt. Eines Tages steht er wieder vor seinem Vater und seinen Brüdern. Ein fesselnder Roman über das Leben in verschiedenen Kulturen und Religionen und über widerstreitende Gefühle. Friederike Wagner

Sehnsucht nach Ehrlichkeit

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Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben, Diogenes Verlag 2020 €22,00

Paola ist 16 Jahre alt und sehnt sich danach, hinter Schweigen und Oberflächlichkeit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu finden. Mit dem etwas älteren Antonio kann sie über vieles sprechen bis sie ihn im Verdacht hat, er könnte mit dem Mobbing gegen sie zu tun haben, dem sie in der Schule ausgesetzt ist. Sie ist eine leichte Zielscheibe mit ihrem Übergewicht. Dass ihr Bruder eine körperliche Behinderung hat steht geschwisterlichem Vertrautsein und Füreinanderdasein nicht im Wege. Bis ihre Mutter über Versäumnisse und sogar Vergehen in der Vergangenheit sprechen kann muss in der Gegenwart von Paolas Familie ein gewaltiger Bruch in der schönen Fassade stattfinden. Die Autorin hat sich beindruckend in die Gefühls- und Gedankenwelt dieses jungen, aufmerksam beobachtenden und reflektierenden Mädchens hineinversetzt, das mir im Laufe des Lesens immer mehr ans Herz gewachsen ist.  Friederike Wagner

Von Müttern und ihren Träumen

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Meg Wolitzer: Die Zehnjahrespause, DuMont TB 2020 €12,00

Alles dreht sich jahrelang nur um die Kinder. Aber spätestens sobald sie 'aus dem Gröbsten raus sind', bricht für viele Frauen die Zeit an, sich über die eigene weitere berufliche Zukunft klar zu werden. In „Die Zehnjahrespause“ zeichnet Meg Wolitzer ein Porträt von vier amerikanischen Vorstadtmüttern auf der Suche nach der richtigen beruflichen Entscheidung nach 10 Jahren 'Kinderpause'. Mit Amy, Jill, Roberta und Karen erleben wir hautnah mit, wie sie abwägen, ringen, sich arrangieren – und doch ihre Träume nicht ganz aus den Augen verlieren. Ich mag den ruhigen, beobachtenden, aber immer mit Wohlwollen und Amüsement auf ihre Protagonistinnen blickenden Stil der Autorin. Sie lässt die Leserin am Dilemma moderner Frauen teilnehmen, ohne zu werten oder eine Lösung anzubieten. Und sie beschreibt sehr genau ein weibliches Generationengefühl im Spagat zwischen Muttersein und der Sehnsucht nach einem erfüllenden Beruf – und das gilt immer noch und weltweit (das amerikanische Original erschien 2008).  Annette Goossens

Durchtrieben oder wider besserer Vernunft?

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Bhavya Heubisch: Das süsse Gift des Geldes, Volk Verlag 2020 € 16,90

Als die junge Schauspielerin Adele Spitzeder mittellos in München eintrifft, leiht sie sich Geld und verspricht, es mit gutem Zins zurückzuzahlen. Vor allem die Ersparnisse der einfachen Leute fliegen ihr bald nur so zu und sie gründet eine Privatbank. Das Geld quillt aus Schränken und Schubladen, fast verbrennt es, als ein Feuer im Haus ausbricht. Dass Adele Spitzeders aus der Not geborener Plan nicht aufgehen kann und es sich bei ihren Aktivitäten keinesfalls um seriöse Bankgeschäfte handelt, ist unübersehbar. Adele lebt nun unkonventionell mit einer Frau zusammen, auf großem Fuß. Sie investiert aber auch in Armenküchen. Heubisch erzählt romanhaft und mit sanftem Lokalkolorit. Sie zieht ihre Leser*Innen gekonnt ins beengte und derbe Treiben auf Münchner Straßen und Plätze, auf der sie die Spitzeder (1832-1895) mit ihrer ambivalenten Persönlichkeit wie das Sahnehäubchen schwimmen lässt. Dabei lässt Heubisch offen, ob diese besonders durchtrieben  oder einfach nur wider besserer Vernunft agiert hat. Diese Frage bewegt, fasziniert und trägt durch dieses spannende Stück Münchner Zeitgeschichte.

Vertrauen auf Bewährungsprobe

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Philipp Collin: Das Spiel. Die Brüder Werner, Splitter Verlag 2020 € 25,00

Die Brudergeschichte, von der hier zwischen Fussballweltmeisterschaft 1974, dem legändären Spiel DDR-BRD und Stasi-Bespitzelung erzählt wird, offenbart ein deutsch-deutsches Familienschicksal, ein Lehrstück des Kalten Krieges. Die kompakte, bildmächtige, personenreiche Graphic Novel versucht Kommunismus versus Kaptalismus, mal rotzig, mal ideologisch phrasiert gegeneinander auszuspielen und weckt Erinnerungen an eine Zeit, in der unter dem Boden immer noch ein Boden lag und man tief fallen konnte.Historisch holzschnittig und im rasanten Mix von Sport, Konsum und Politik ist sie ein kurzweiliges Lehrstück, für junge Menschen oder all die, die es noch einmal wissen wollen.

Faszination Wissenschaft bringt den Traum zurück, Forscher*In zu werden….

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Herlinde Koelbl: Faszination Wissenschaft. 60 Begegnungen mit wegweisenden Forschern unserer Zeit, Knesebeck Verlag 2020 € 35,00

„Nach einem erfolgreichen Tag haben Sie vielleicht die Welt verändert.“ – David Avnir
60 Wissenschaftler*innen plaudern aus dem Nähkästchen und dem Labor. In den Fotographien porträtiert Herlinde Koelbl die Wissenschaftler*innen gemeinsam mit der Essenz ihrer Forschung, die sie auf die eigene Handfläche geschrieben haben. In den Interviews bespricht sie mit ihren Gesprächspartner*innen u.a. die Themen ihrer Forschung, ihren Berufseinstieg und den Konkurrenzkampf in der Wissenschaft. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die (noch) starke Dominanz von Männern in der Wissenschaft werden thematisiert. Doch unabhängig von Land und Fachgebiet – von theoretischer Physik und Mathematik über Chemie und Neurowissenschaften ist alles vertreten – sind sich alle einig: Wissenschaft fasziniert ein Leben lang.
Faszination Wissenschaft punktet durch sein außergewöhnliches Format sowie das Thema. Auf den Fotographien verbindet Herlinde Koelbl die Persönlichkeiten der Forscher*innen mit dem eigenen fachlichen Schwerpunkt. Dies geschieht in den Interviews gewissermaßen auch. Dabei gelingt es, dem Lesenden sowohl thematisch unterschiedlichste Forschungsgebiete näher zu bringen, als auch die Denkweise vieler Wissenschaftler*innen auf den Punkt zu bringen. Wissenschaft wird hier von einem abstrakten lebensfernen Gebilde zu etwas, das jeden betrifft und potenziell interessiert. Faszination Wissenschaft schafft das, was noch kein Buch versucht hat: Es räumt auf mit dem Gedanken, Wissenschaft wäre nur einem kleinen Teil der Gesellschaft vorenthalten, und nimmt jede*n mit auf eine spannende Reise – durch Labore, über Schreibtische, aufs Meer. Warum nur wollen so viele Kinder Forscher*in werden, und nur noch so wenig Jugendliche? Faszination Wissenschaft bringt diesen Traum zurück, ermutigt die, die noch unsicher sind, und erschafft neue Berufswünsche. Es öffnet Augen. Clara, 18 Jahre

Ein Frau am Dirigentenpult– Never!

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Maria Peters: Die Dirigentin, Atlantik Verlag 2020 €22,00

Ein Roman für alle, die Interesse an starken Frauenpersönlichkeiten haben - und ein Herz für die Musik. Antonia Brico war die erste Dirigentin, die ein Orchester in den USA dirigieren durfte. Ihr Weg dorthin war steinig, was sie nicht gehindert hat, ihr Ziel - als Dirigentin zu wirken - zu verfolgen. Sie gründet das erste Frauenorchester der USA und tourt als Dirigentin auch durch Europa – dirigiert u.A. als erste Frau die Berliner Philharmoniker. Ihre Lebensgeschichte wird von Maria Peters, der Filmregisseurin des gleichnamigen Films, in Romanform erzählt. Ich habe mit Willy (so der Name, den sie zuerst von ihren Adoptiveltern erhält), mitgefühlt und –gelitten, ihr die Daumen gedrückt und oft die sehr männlich geprägte Welt dieser Zeit verwünscht. Bereits als junge Frau im New York der 1930er Jahre geht sie unbeirrt ihren Weg, eckt an, muss sich alleine mit sehr wenig Geld durchschlagen. Sie wird wichtige Menschen mit ihrem unbedingten Willen beeindrucken und tatsächlich die Sensation schaffen – am Dirigentenpult eines Orchesters zu stehen. Wichtige Freundschaften und die (fiktive) Liebe finden auch ihren Platz in diesem Roman, fast mehr begeistert hat mich aber ihre berufliche Lebensgeschichte. Eine lebendige Biographie, kurzweilig erzählt, für alle, die Musik lieben!  Annette Goossens

Heldenhafte Abenteuer

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Stephen Fry: Helden, Aufbau Verlag 2020 €26,00

"Siehst du, Herakles? Es ist dein Schicksal, Held zu sein ..." - Wer kennt sie nicht, die Heldentaten des Herkules, Perseus List, mit der er der Medusa den Kopf abschlug? Wie oft haben Könige vergeblich versucht, die Prophezeihungen der Orakel zu umgehen, so dass sich ein Ödipus auf große Wanderschaft begeben musste? Auch der zweite Band von Stephen Frya neu erzählten Sagen der Antike versammelt große Namen und noch größere Heldentaten. Mit jeder Menge Humor und spritzigen Dialogen werden sie lebendig, die Sterblichen, die von den Göttern bevorzugt wurden, weil ihr Blut in ihnen fließt.

Bäume – Die letzten ihrer Art

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Michael Christie: Das Flüstern der Bäume, Penguin Verlag 2020 €22,00

Der Titel des kanadischen Autors Micheal Christie, der anlässlich des Schwerpunktthemas Kanada auf der Buchmesse sicher einen großen Auftritt bekommen hätte, nimmt den Leser tief in die Wälder Kanadas mit. Das Buch, das den Jahresringen eines Baumstammes  folgt, mit den Zeiten spielt und der Geschichte einer  der Natur verbundenen Familie über vier Generationen nachspürt, bringt Bäume zum Rauschen, lässt sie zur Weiterverarbeitung umstürzen, und im großen Format sterben.. Eine groß angelegte Familiensaga, die bis ins Jahr 2038 reicht, und unter anderem so gewichtige Themen wie das Baumsterben und den Klimawandel thematisiert.

Quarantäne zu Zeiten der Spanischen Grippe

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Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt, DuMont Verlag 2020 €18,00

Die Spanische Grippe breitet sich aus. Auch tief in den Wäldern des Staates Washingtons, auch in der nächsten Kleinstadt, die unmittelbar an die kleine Holzfällergemeinde Commonwealth grenzt. Wer dort lebt, arbeitet für das orstansässige Sägewerk, wer sich dort niedergelassen hat, suchte einstr die Abgeschiedenheit und ein sozial abgesichtertes Leben.  Jetzt geht die Sorge um - wie sich schützen vor der ansteckenden Krankheit? Die Gemeinde beschließt eine provokante Lösung: sie begibt sich in eine selbst auferlegte Quarantäne. Nicht alle halten dies für die beste Lösung, doch die Mehrheit. Wachposten werden an der Zufahrtsstraße aufgestellt, Menschen verirren sich selten bis nach Commonwealth. Doch was Quarantäne über einen langen Zeitraum bedeutet, bekommen die Bewohner erst nach und nach zu spüren. Ein Soldat muss erschossen werden, Vorräte können nicht mehr aufgefüllt werden, kaum noch Nachrichten dringen durch, die Arbeiter beginnen, ihrem Arbeitgeber zu misstrauen, vielen fehlt Abwechslung nach der Arbeit, selbst innerhalb der Familien knirscht es im Getriebe. Solidarität ja, aber dann ist sich doch jeder selbst am nächsten? Mit großer Spannung verfolgt man diesen Roman, der nicht aktueller sein könnte, obgleich 102 Jahre zwischen der Spanischen Grippe und dem aktuellen Coronavirus liegt.

Das Geheimnis um Nora

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Lisa Grundwald: Mit dir alle Zeit, Harper Collins Verlag 2020 €15,00

Nach der Lektüre dieses Buches kennen auch Sie den New Yorker Grand Central Station bis in seine geheimsten Ecken.  Die Geschichte spielt genau dort, wo Menschenmengen sich auf den Gleisen drängen. Sie spielt aber auch mit verschiedenen Zeitebenen, auf aufregende Art mit der Zeit, mit Zeitsprüngen, in der Zeit stecken bleiben ...  Der Arbeitsplatz des Weichenmechanikers Joe ist in den Tiefen des Bahnhofs, im Dunkeln, dort, wo es nach Maschinenöl riecht und die Arbeiter das Ein- und Ausfahren der Züge dirigieren. Joe ist zufrieden mit seinem Leben, er hat ein enges Verhältnis zu seinem Bruder und dessen Familie, und er wohnt wie die meisten Eisenbahner quasi um die Ecke des Terminals. Bis zu dem Tag im  Dezember 1937, als ihm Nora vor die Füße fällt. Nora, die vor zwölf Jahren bei einem großen Zugunglück ums Leben gekommen ist. Oder etwa doch nicht? In einer  berührenden wie im Grunde unmöglichen Liebesgeschichte  begleitet der Leser Nora und Joe  über mehrere Jahre, er lächelt, bangt und hofft mit den Beiden bis zu den letzten Seiten des Buches. In dieser Geschichte steckt Magie und Herz!

Eintauchen in das England nach der Jahrhundertwende

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Jane Gardam: Robinsons Tochter, Hanser Berlin Verlag 2020 €24,00

Im besten englisch-traditionellen Stil begleiten wir die sechsjährige Polly durch ihr Leben. Liebe, Enttäuschung, Freundschaft und Einsamkeit – die Bücher der Hausbibliothek, allen voran „Robinson Crusoe“ werden Pollys Rettungsanker im großen gelben Haus, bei ihren zwei alten Tanten und den wenigen Hausangestellten. Charles Dickens, die Bronté-Schwestern – in diese Stimmung hat es mich schon nach den ersten Seiten versetzt. Ein Buch für gemütliche Stunden. Annette Goossens

Kurzgeschichten über Abschiede, die mich ganz und gar nicht traurig zurück gelassen haben

schlink

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben, Diogenes Verlag 2020 € 24,00

Neun Leben, in die wir einen Einblick bekommen und die trotz des oft offenen Schlusses ein ganz rundes Lesevergnügen bieten. Ob Jung, ob Alt: die Personen blicken auf Entscheidungen zurück, finden zu einer späten Ehrlichkeit, machen das Unerzählte sichtbar. Unerfüllte Liebe, Wege die das Leben geht, späte Reue… Für mich die große Kunst der Kurzgeschichte, das Buch hat seinen Platz auf meinem Nachtkästchen bekommen! Annette Goossens

Anekdotenreich

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Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln, Hanser 2020, € 22,00

Das perfekte Buch für den Nachttisch, oder wo sonst ein Buch mit kurzen, amüsanten, unterhaltsamen Texten seinen Platz finden mag.  Elke Heidenreich erzählt aus ihrem Erinnerungsfundus und wie von selbst tauchen eigene Erinnerungen auf, denen der Leser vielleicht folgen mag. Die Gedanken kreisen um ersehnte, geliebte, verlorene, bewunderte, verwandelte und nie getragene Kleidungsstücke und die Situationen, die mir ihnen verknüpft sind. Hier sind es ganz persönliche Anekdoten. Es ranken sich aber auch Geschichten um bekannte Persönlichkeiten wie Frida Kahlo, Coco Chanel, Maurice Ravel oder Susan Sontag - und Elke Heidenreich schreibt so, dass dem Leser ein Schmuzeln entlockt wird, weil die Situation lustig, peinlich oder unerwartet ist - und weil sie einfach gut pointiert erzählt ist.

Eigenwillige Persönlichkeiten

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Iris Wolff: Unschärfe der Welt, Klett-Cotta Verlag 2020 € 20,00

Ein außergewöhnlicher Roman! Iris Wolff hat eine sehr schön beschreibende Sprache, es entstehen vor dem inneren Auge zarte Bilder und besondere Farben. Dabei ist das Erzählen nie ausufernd, oft sind die Sätze ganz kurz. In sieben Kapiteln erfahren wir viel über vier Generationen einer Familie aus dem Banat. Es sind durchaus eigenwillige Persönlichkeiten, die besondere Wege gehen. Manche Verknüpfungen werden dem Leser erst nach und nach bewusst und so wird er im Verlauf des Buches immer mehr in die Geschichte hieingezogen. Die Familie ist ein zentrales Thema, die Beziehungen der einzelnen miteinander. Freundschaften zwischen Jungen und Älteren, Liebe, und Verlust in unterschiedlichen Zusammenhängen. Das Leben im sozialistischen System Rumäniens, Geheimdienst, Flucht, Emigration. Vielsprachigkeit und Sprachlosigkeit. Es gibt viele Gedanken und Beobachtungen in diesem Buch, die zum eigenen Sinnieren anregen. Als ich auf der letzten Seite war, hätte ich am liebsten gleich noch einmal auf der ersten Seite begonnen, um das Buch mit dem Wissen um den Inhalt nochmals auf mich wirken zu lassen. Friederike Wagner