Feiner Riss – tiefer Graben?

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Fabio Geda: Vielleicht wird morgen alles besser, Knaus Verlag 2018 € 20,00

Fabio Geda hat eine beindruckende Fähigkeit, von den Gedanken, Fragen und Nöten Jugendlicher zu erzählen, so dass ein erwachsener Leser von der ersten bis zur letzen Seite gefesselt ist. In seinem neuen Buch "Vielleicht wird morgen alles besser" sind es der 14jährige Ercole und seine 5 Jahre ältere Schwester Asia, die sich schon sehr früh um sich selbst kümmern müssen. Ercole war 6, als die Mutter verschwand und der Vater ist mit dieser Situation absolut überfordert. In dieser labilen Normalität bedeutet ein feiner Riss oft schon einen tiefen Graben - und Ercole droht mehrfach, darin abzurutschen. Man schließt den Jungen gleich ins Herz und muss aushalten, dass er in den besten Absichten immer wieder Katastrophen auslöst. Die Hoffnung geht aber nie verloren!

Zwei Paare: im 18. Jahrhundert und jetzt

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Alex Capus: Königskinder, Hanser Verlag 2018, € 21,00

In seinem Roman "Königskinder" erzählt Alex Capus zwei Geschichten: die eine von Max und Tina, die auf dem Jaunapass mit ihrem Auto im Schnee stecken bleiben und eine Nacht im Auto verbringen ist gespickt mit amüsanten Dialogen, wie wir es von Alex Capus kennen. Um das Warten zu erleichtern erzählt Max die zweite Geschichte, die sich in dieser Gegend und in Frankreich im 18. Jahrhundert zutrug: von dem armen Viehhüter Jakob und Marie, der reichen Bauerstochter, die sich verlieben und nicht zusammensein sollten. Sie sind es dennoch, kurz zumindest, und sie bleiben beide über viele Jahre der Trennung ihrer Liebe treu und werden über verschlungene Wege wieder zueinanderfinden. Auch ohne im Auto eingeschneit zu sein mag man das Buch nicht zur Seite legen und die Geschichte von Jakob und Marie, Max und Tina miterleben!

Licht in einer dunklen Zeit

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Niccolò Ammaniti, Anna, Julia Eisele Verlag, € 20,00

Ein 13-jähriges Mädchen, in einer fast untergegangenen Welt: eine Seuche hat alle Erwachsenen dahingerafft, ein Feuer hat fast die gesamte Insel niedergebrannt. Trümmer und Leichen liegen allerorten. Doch Anna hat einen starken Überlebenswillen, sie kämpft für sich und ihren kleinen Bruder und eine Hoffnung gibt ihr Kraft: Auf dem Festland wird es anders sein. So ist Anna wie ein Licht in einer dunklen Zeit, die keiner von uns erleben möchte.

Kindheit in zwei Lebenswelten

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Donatella Di Pietrantonio, Arminuta, Kunstmann, € 20,00

Die Romane von Donatella Di Pietrantonio: direkt, mit großer Ehrlichkeit und Offenheit die jeweilige Lebenssituation beleuchtend, mich als Leserin berührend. So ging es mir auch bei ihrem neuen Roman "Arminuta". Die Geschichte eines Mädchens, das plötzlich erfährt dass das Ehepaar, bei dem es als Einzelkind in der Stadt am Meer im Wohlstand aufwuchs, nicht seine leiblichen Eltern sind. Von einem Tag auf den anderen findet es sich ohne weitere Erklärung in einer Familie mit fünf Kindern in engen, ärmlichen, dörflichen Verhältnissen auf dem Land. Ratlosigkeit und Wut durchfluten es immer wieder aber es lernt auch die vorbehaltlose Rückendeckung einer pfiffigen jüngeren Schwester kennen und entdeckt erstaunt kleine Zeichen der Zuwendung an ungeahnter Stelle. Nach "Meine Mutter ist ein Fluss" und "Bella mia" hat die Autorin wieder eine Geschichte erzählt, die ich nicht missen möchte!

Stille Helden

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Erich Hackl: Am Seil, Diogenes Verlag 2018 € 20,00

Zum Glück gab es sie doch auch, die stillen Helden zur Zeit der nationalsozialistischen Vorherrschaft. Einer von ihnen war Reinhold Duschka. der die freigeistige Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in  seiner Werkstatt in Wien versteckte. Er war ein Mensch der Taten, nicht der Worte und so erfuhr auch in der Nachkriegszeit kaum jemand von seiner Loyalität. Nun ist es an der Zeit, die Geschichte zu erzählen! Der Literat Erich Hackl nimmt sich mit Empathie ihrer an uns lässt auch Lucia zu Wort kommen.

Fliehen, Flucht, Flüchtling

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Gerhard Jäger: Die Nacht über uns, Picus Verlag 2018 € 22,00

Fliehen, Flucht, Flüchtling: damals, am Ende des 2. Weltkrieges in Pommern, heute, aus fernen Ländern nach Österreich und unabhängig von Zeit und Ort die Flucht vor sich selbst, vor Leere, vor Erinnerungen. Dieser ungemein packende Roman erzählt von der Nacht eines österreichischen Soldaten auf dem Wachtturm an der Grenze. Der Soldat ist allein mit seinen Erinnerungen im Kopf und mit denen seiner Großmutter in einem Heft. Er durchlebt sie mit ungeheurer Intensität, Emotionalität und Bildgewalt: die glücklichen, warmen, reichen Momente und die schmerzhaften, erschütternden, verzweifelten. Die Geschichte zieht den Leser mit erstaunlicher Sprachgewalt in ihren Bann!

Abtauchen!

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Jennifer Egan: Manhattan Beach, Fischer Verlag 2018 € 22,00

"Manhattan Beach" erzählt eine Geschichte, die den Leser im wahrsten Sinnes des Wortes in das New York der 1930/40er Jahre abtauchen lässt. Die zentrale Figur Anna wird, allen Widerständen zum Trotz, zur Taucherin in der Marinewerft ausgebildet und wird dort arbeiten. Es fehlt aber auch nicht an faszinierenden männlichen Protagonisten, die den Leser in die Unterwelt der Nachtclubs und des organisierten Verbrechens mitnehmen. Ein sehr gut recherchierter und emotional fesselnder Roman mit eigenwilligen und raffinierten Akteuren, die man nicht so schnell vergisst!

Sprachlos

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Christina Dalcher: Vox, Fischer Verlag 2018 € 20,00

Eine verstörende Geschichte, eine aufrüttelnde Geschichte, eine, die man erst verdauen muss. Der Autorin gelingt es,  Leser und  Leserinnen ein Szenario vor Augen zu führen, das im Grunde undenkbar ist: Amerika ist abgeschottet vom Rest der Welt, die Frauen ihrer Rechte entmachtet, sie dürfen nicht mehr arbeiten, sollen sich nur noch um die Familie kümmern, und vor allem - mehr als 100 Worte am Tag sind nicht erlaubt. Die Strafe in Form von Stromschlägen ist Abschreckung genug, dass sich jedes kleine Mädchen, jede Frau daran hält. Die Gehirnwäsche funktioniert so perfekt, dass  der älteste Sohn der Hauptfigur  Giianna ssogar eine Freundin verrät, zu den "Unreinen", zu einer Gesetzesbrecherin zu gehören. Dr. Gianna McClellan tut indes alles,  um ihre Kinder zu schützen und nimmt darum auch das überraschende Angebot der Regierung an, ihre Forschungsarbeit wieder aufzunehmen. Was sie nicht weiß, dass dies Machthaber ganz andere Pläne mit dem von ihr entwickelten Serum für Schlaganfallpatienten haben. Die Menschen könnten auf einen Schlag und weltweit ihren selbstverständlichen Umgang mit der Srache  verlieren... Am Ende ist man über die Idee des Buches einfach nur sprachlos!

 

2. Oktober 2018, 19:30 Uhr Zwischen den Zeilen: Spiegelwelten in Kehlmanns Tyll

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Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt Verlag 2017

Zwischen den Zeilen - oder wer hält wem den Spiegel vor? Peformative Lesung und Lektüre-Gespräch über Daniel Kehlmanns Roman TYLL

Eintritt €5.- Um Anmeldung wird gebeten.

Daniel Kehlmanns TYLL lesen heißt, nicht nur in eine historische Abenteuergeschichte  einzutauchen, die uns in die Zeit des 30jährigen Krieges führt, dessen Ausbruch vor 400 Jahren 2018 besonders erinnert wird. Viele weitere Schichten lassen sich zwischen den Zeilen entdecken. Was machen traumatische Erlebnisse mit Menschen? Was und warum wird verdrängt? Was und warum wird vergessen, um scheinbar weiterleben zu können? Kann Vergessen überhaupt eine Strategie der Vergangenheitsbewältigung sein und kann man überhaupt bewusst etwas vergessen? Hat man Einfluss auf seine Erinnerungen? Wer wird eigentlich von einem charismatischen Führer oder Führerin verführt? Der oder die Einzelne? Viele Einzelne? Die Masse? Tyll stellt auch die Absurdität des Krieges aus, diskutiert das Wesen von guter und schlechter Pädagogik und liefert letztlich ein leidenschaftliches Plädoyer zur individuellen Lebensgestaltung abseits des Mainstreams.
Bei der Veranstaltung „Zwischen den Zeilen“ werden die Theaterwissenschaftlerin Anette Spieldiener und der passionierte Schauspieler und Sprecher Michael Weiser im kreativen Dialog die Handlungsfäden, Motivstränge und Spiegelungen historischer Personen entdecken und aufdecken. Anette Spieldiener geht den Fragen nach, warum der Autor gleichsam Spiegelscherben ausstreut, in denen sich die Lebensgeschichten „historischer“ Persönlichkeiten wie dem Gelehrten und Schriftsteller Wolkenstein, dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, dem fanatischen Jesuiten Tesimond und dem Weltweisen Athanasius Kircher zeigen, aber auch durch Fiktion brechen. Ob eine tiefere Struktur hinter den scheinbar chaotischen Zeitsprüngen innerhalb der Handlung zu entdecken ist? Und warum es sich lohnt parallel zu Kehlmanns Tyll Aleida Assmanns „Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“ zu lesen, ein Buch über individuelle und kollektive Konstruktionen der Vergangenheit und das individuelle und kollektive Gedächtnis. Anette Spieldiener

Ans Meer !

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Ans Meer!

René Freund: Ans Meer, Deuticke Verlag 2018 € 16,00

Anton ist ein gutmütiger, ein wenig schüchterner, bäriger Busfahrer, der jeden Tag die Schulkinder kutschiert. Und dann ist da noch Clara, die Mutter einer Schülerin, die er seit Jahren zur Therapie mitnimmt im Kampf gegen Krebs. Clara wünscht sich nichts sehnlicher, als noch einmal an den Ort ihrer Kindheit zu kommen . eine kleine Bucht nahe Duino in Italien. Das ist nicht gleich um die Ecke, auch, wenn man in Österreich lebt. Clara bittet Anton an einem ganz normalen Morgen, sie dorthin zu bringen - mit dem Schulbus. Dass Anton dies tut, hat auch mit Doris zu tun - seiner Nachbarin, der er sich sehr nahe fühlt, die aber wohl doch noch Abstand braucht. Mit von der Partie sind einige Schüler, zwei zunächst unerkannte blinde Passagiere und dann gäbe es da noch zwei Hippies, die den Weg dieser kleinen Truppe kreuzen. René Freund ist ein Garant für gute Unterhaltung mit Niveau!

Am Bauhaus in Weimar

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Tom Saller: Martha tanzt, List Verlag € 20,00

Martha sieht schon als Kind Formen, wenn sie Musik hört. Wolfgang, der wie ein väterlicher Freund in Marthas Familie lebt, versteht sie und weiß vom neu eröffneten Bauhaus in Weimar. Vielleicht findet sie dort heraus, wie sie diese Fähigkeit umsetzen kann? So folgt der Leser Martha ins Weimar der 1920er Jahre und ihrem Weg zu den großen Meistern, zu ihrer ersten Frauenfreundschaft, zum Ausdruckstanz und  beobachtet mit ihr das Erstarken der rechten Kräfte. Nach fünf Jahren kehrt Martha in ihre Heimat Pommern zurück, wo sie ihren sehr eigenen Weg geht. Wie sie die Kriegszeiten überlebt, erschließt sich aus der Rahmenhandlung in der heutigen Zeit, da ihr Tagebuch auftaucht und einen jugendlichen Leser in seinen Bann zieht.

Drei Lebensstränge zu einem verwoben

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Laetitia Colombani: Der Zopf, Fischer Verlag 2018 € 20,00

Ein Roman, der den Leser auf eine unglaubliche Reise mitnimmt: drei Frauenschicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch am Ende miteinander verwoben sind. Das Erstaunliche ist dabei, dass es der Autorin gelingt, die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten, wie die 3 Erzählstränge zuletzt zu einem Zopf geflochten werden, wie aus den 3 Geschichten von starken Frauen eine gemeinsame wird. Da ist Sarah, die ehrgeizige Topanwältin und Teilhaberin einer Kanzlei in Montreal, zugleich alleinerziehende Mutter,  die vor der Diagnose Brustkrebs nicht zurückschreckt. Oder Smita, die indische Frau und Mutter aus der Kaste der Unberührbaren, die sich für ihre sechsjährige Tochter ein anderes Leben wünscht. Zuletzt die zwanzigjährige Giulia aus Sizilien, die nicht nur dem überraschenden Tod ihres Vaters, sodern auch dem drohenden Konkurs des Familienunternehmens ins Auge sehen muss. Die 3 so unterschiedlichen Frauen kämpfen für sich, für andere und letztlich auch für ein besseres Leben.

Kenia, 20er Jahre

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Kat Gordon: Kenia Valley,  Atlantik Verlag 2018 € 20,00

Das afrikanische Leben pulsiert in den 20er Jahren in Kenia, als der 15-jährige Theo mit seiner Familie auf eine Farm zieht. Während sein Vater in Nairobi arbeitet, die kleine Schwester ihn wenig interssiert, und sein Verhältnis zur Mutter angespannt ist, findet Theo Anschluss bei einer Gruppe junger Adliger, die ein eher unkonventionelles Leben mit Partys  Liebeleien und Pferderennen führen. Theo verliebt sich heimlich in die mit Männern flirtende, glamouröse Lady Sylvie, und als er nach seinem Studium aus Edinburgh zurückkehrt, hofft er, ihr endlich als Mann auf Augenhöhe begegnen zu können. Doch die Menschen beginnen sich zu verändern. Die 30er Jahre stehen im Zeichen des aufkommenden Faschismus in Deutschland, die Gespräche auf den Partys werden zunehmend politischer, die Gemüter erregter, und am Ende muss Theo erkennen, dass er sich nicht nur in manch einem Freund getäuscht hat, sondern auch seine Familie mit anderen Augen sehen muss.

Lesevergnügen

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Petra Hartlieb: Wenn es Frühling wird in Wien, DuMont Verlag € 18,00

Das Titelbild macht schon gute Laune und führt in die Zeit dieses charmanten Romans: "Wenn es Frühling wird in Wien" ist allerbeste, leichte, reizende Unterhaltung, die in das Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt. Marie, ein Mädchen vom Land, ist das liebevolle und geliebte Kindermädchen im Hause Arthur Schnitzlers. Durch den Dichter und den jungen Buchhändler Oskar entdeckt Marie Theater und Literatur. Durch Oskar erfährt sie auch, wie es ist, jemanden sehr gern zu haben. Kleinere und große Dramen im nahen Umfeld und der fernen Welt erschüttern nicht nur Marie. Hier ist wieder einmal ein Buch, das viel zu schnell ausgelesen ist und Sehnsucht nach einer Sommergeschichte weckt!

Eine kleine Familie

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Eugène Dabit: Petit-Louis, Schoeffling &Co € 22,00

Der erstmalig ins Deutsche übersetzte, 1930 im französischen Original erschienene Roman führt den Leser ins Paris von 1900 - 1920. Er erzählt von einer Arbeiterfamilie mit einem Sohn, Petit-Louis, die das einfache familiäre Miteinander lebt und liebt. Als der Ehemann und Vater zu Beginn des 1. Weltkrieges als Soldat fortgeht, ist dies für die Zurückbleibenden schwer zu ertragen. Petit-Louis ist als Jüngster an seiner Arbeitsstelle Hänseleien ausgesetzt und meldet sich freiwillig zum Militär, um sich zu beweisen und um die Welt zu sehen. Der Leser begleitet ihn in seiner Entwicklung vom Jugendlichen zum jungen Mann, in der Begegnung mit sehr verschiedenen Männern, die ihm Freunde werden und ihm sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben zeigen. Das Leben hinter und an der Front wird dem Leser vorstellbar und er hofft mit Petit-Louis, dass die kleine Familie wieder zusammenfinden möge. Eugéne Dabit hat autobiografische Erlebnisse in diesem Roman verarbeitet und eine sehr lesenswerte Liebeserklärung an seine Eltern und das Leben geschrieben.

Emotional und gut recherchiert

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Claire Winter: Die geliehene Schuld, Diana Verlag € 22,00

Dieser Roman lässt die Zeit nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland nacherleben: Die kaputten Städte, der Verlust geliebter Menschen, die Sehnsucht nach einem Leben in Frieden. Vier junge Menschen werden sich in ihrem Wunsch, Wahrheiten über fatale Taten herauszufinden, in Lebensgefahr begeben. Denn Fragen nach Schuld und Vertuschung sind unerwünscht. Im Gegenteil: in der neuen Bundesrepublik werden zentrale Posten von ehemaligen Nationalsozialisten besetzt. Der Roman liest sich leicht und spannend, ist emotional packend und gut recherchiert.

 

Frankreich 1539

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Janet Lewis: Die Frau, die liebte, dtv € 18,00

Wie Liebe wächst, wie Sehnsucht blind macht, wie Schulgefühl zermartert, wie Liebe in Hass umschlägt - in dem Ambiente der Gascogne in der Mitte des 16. Jahrhunderts erlebt all diese Emotionalitäten eine junge Frau, Bertrande, die auf einen reichen Hof verheiratet wird. Das Buch gibt intensiven Einblick in den hierarchischen Alltag auf dem Land als auch einen sehr erstaunlichen, verwirrenden Prozess vor Gericht. Die Amerikanerin Janet Lewis, Zeitgenossin von John Williams und von ihm sehr geschätzt, schrieb diesen Roman 1941 und griff hiermit einen der berühmtesten Rechtsfälle Frankreichs auf. Nun ist der Roman erstmalig im Deutschen erschienen.

 

Münchner Bohème und Baltikum um 1900

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Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Kiepenheuer & Witsch € 20,00

Es ist die Zeit von 1875 in den Beginn des 20.Jahrhunderts. Eduard von Keyserling, Sohn aus baltischem Gutsadel, studiert in Dorpat Jurisprudenz, um dann in Wien zu entdecken, dass er sich im Literaturbetrieb heimisch fühlt. Nach einigen Jahren auf dem elterlichen Gut schließt er sich den Schwabinger Künstlerkreisen an. Es wird philosophiert, geraucht, getrunken und geliebt und jeder gerät mal mehr oder weniger in die Bredouille. Für die Sommerfrische haben die Künstler den Starnberger See entdeckt und so residieren dort Max Halbe, Lovis Corinth, Frank Wedekind und Eduard von Keyserling. Der Leser taucht ein in diese Idylle zwischen See, Schreibtisch, Staffelei und Kartenspiel. Klaus Modick ist es wieder einmal aufs Beste gelungen, sich in die Stimmung und Sprache einzufühlen, in der seine Protagonisten sich bewegen.
 

 

Deutschland, Texas, Utah

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Hannes Köhler: Ein mögliches Leben, Ullstein Verlag € 22,00

1944 in der Normandie: Franz, ein junger deutscher Soldat, wird Kriegsgefangener der USA. Auf der Schiffspassage lernt er Paul kennen: Amerikaner mit deutschen Wurzeln, der gegen den Willen seiner Eltern freiwillig als Wehrmachtssoldat nach Deutschland gegangen war. Sie werden nicht nur Freunde sondern auch "Prisoners of war". Sie merken sehr bald, dass es auch innerhalb des Gefangenenlagers Fronten gibt: die weiterhin Nazitreuen und die, die sich vom Hitlerregime und dessen Kriegshandlungen distanzieren. Es bleibt nicht bei Worten und Drohungen sondern kommt zu brutalen Angriffen bis hin zu Mord. Umrahmt wird dieser zeitgeschichtlich spannende Teil des Romans von der Familiengeschichte der Hauptfigur Franz. Aus was für einer Familie kommt er, wie wirkt sich das Erlebte auf seine Beziehung zu Frau und Tochter aus und was geschieht zwischen ihm und seinem Enkel, als dieser mit dem inzwischen fast 90-jährigen an die Orte seiner Vergangenheit in Texas und Utah reist? Ein sehr gut geschriebener, fesselnder Roman über ein ganz besonderes Kapitel des 2. Weltkrieges in Verknüpfung mit einer Familiengeschichte, die zum Nachdenken anregt.

 

Ein Dorf im Apennin

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Maria Rosaria Valentini: Magnifica, Dumont Verlag € 22,00

Das Leben in einem kleinen abgelegenen Ort im Apennin - es sind zunächst die Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der Roman erzählt über vier Generationen. Die landwirtschaftlichen und kirchlichen Regeln bestimmen die Tage der ganz einfachen und doch so unterschiedlichen Menschen mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Ängsten und deren Bewältigung, den sich entfremdenden Beziehungen und den wachsenden Freundschaften. Zentrale Figur ist Ada Maria, die ihre Mutter früh verliert, ihren Bruder großzieht und sich als junge Frau Schritt für Schritt dem deutschen ehemaligen Soldaten Benedikt nähert, der seit Endes des Krieges in einer Berghöhle lebt. Was es mit dem Namen Magnifica auf sich hat, welche Höhen und Tiefen Ada Maria und die Menschen um sie herum erleben, wird in diesem Roman überzeugend und einfühlsam erzählt.