Mut, Neugier und Menschenkenntnis

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Ulf Stark: Die Ausreißer, mit Illustrationen von Kitty Crowter, Verlag Urachhaus 2020 € 16,00

Wenn Enkelkinder sich ihrer Großeltern annehmen, passiert oft Unerwartetes, denn für kreative Kinderköpfe ist das Unmögliche ebensowenig problematisch wie für sture Großvaterköpfe. So planen Enkel und Großvater vom Krankenhaus einen Ausflug zum alten Wohnhaus des Großvaters, dass in den Schären auf einer Insel liegt. Natürlich gibt es da viel zu bedenken und einiges zu flunkern. Die halsbrecherische Reise gelingt tadellos. Umso erstauter ist das von Herzen ehrliche Schluss. Ein beeindruckende Geschichte, gewürzt mit Mut, Neugier und Menschenkenntnis.

Starke Frauengeschichte mit biblischem Hintergrund

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Sue Monk Kidd: Das Buch Ana, BtB Verlag 2020 €22,00

"Das Buch Ana" hat sich als eine der stärksten Frauengeschichten entpuppt, die ich seit langem gelesen habe. Ungeachtet der Tatsache, dass sie Anfang des ersten Jahrhunderts nach Christi beginnt, und Mädchen sowie Frauen in dieser Zeit nicht viel mehr zu tun hatten als zu gefallen und zu gehorchen, lernen wir die vierzehnjährige Ana als eigensinniges und von ihren Gedanken überzeugtes Mädchen kennen. Aufgewachsen in der Nähe des Palastes von Herodes Antipas, ihr Vater dessen oberster Schriftgelehrter, hat Ana schreiben und lesen lernen dürfen. Als sie auf dem Markt von Sepphoris Jesus kennenlernt, wird sie ihr Weg über viele Hürden und Bürden hinweg als dessen junge Frau an seine Seite führen. Ana ist eine von vielen Frauen, die in diesem Buch zu Wort kommen, und Ana wird all ihre Geschichten aufschreiben. Die Leidvollen, wie die Schmerzhaften. Die mit Happy End und die Tragischen. Ana wird auch ihre eigene Geschichte aufschreiben. Die einer großen Liebe zu Jesus, die sie jedoch nicht blind macht für seine Nähe zu Gott und seinen Weg, den er trotz aller Gefahren gehen wird. Ana ist eine fiktive Partnerin, die die Autorin Jesus an die Seite gestellt hat. Doch es ist trostvoll für den Leser, wenn er Jesus schweren Weg bis ans Kreuz begleitet und weiß, dass Ana ihm bis zuletzt den Rücken stärkt.

Zwischen zwei Kulturen

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Olga Grjasnowa: Der verlorene Sohn, Aufbau Verlag 2020 €22,00

Jamalludin ist der Sohn des Imans vom Nordkaukasus. Er wird 1839 zur Zeit des Kaukasischen Krieges mit neun Jahren als Pfand für Friedensverhandlungen von seinen Eltern den Russen übergeben. Er steht unter Protektion des Zaren Nikolai und wird nach St. Petersburg gebracht. Dort bekommt er eine Ausbildung wie die Kinder der adligen Familien und ist oft Gast am Zarenhof. Lange hofft er, dass sein Vater ihn zurückholt. Als Jugendlicher fragt er sich oft, wer er eigentlich ist. Als junger Mann ist er Offizier in der russischen Armee. Er hat unter den Russen gute Freunde und findet eine Frau, die er liebt. Eines Tages steht er wieder vor seinem Vater und seinen Brüdern. Ein fesselnder Roman über das Leben in verschiedenen Kulturen und Religionen und über widerstreitende Gefühle. Friederike Wagner

Sehnsucht nach Ehrlichkeit

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Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben, Diogenes Verlag 2020 €22,00

Paola ist 16 Jahre alt und sehnt sich danach, hinter Schweigen und Oberflächlichkeit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu finden. Mit dem etwas älteren Antonio kann sie über vieles sprechen bis sie ihn im Verdacht hat, er könnte mit dem Mobbing gegen sie zu tun haben, dem sie in der Schule ausgesetzt ist. Sie ist eine leichte Zielscheibe mit ihrem Übergewicht. Dass ihr Bruder eine körperliche Behinderung hat steht geschwisterlichem Vertrautsein und Füreinanderdasein nicht im Wege. Bis ihre Mutter über Versäumnisse und sogar Vergehen in der Vergangenheit sprechen kann muss in der Gegenwart von Paolas Familie ein gewaltiger Bruch in der schönen Fassade stattfinden. Die Autorin hat sich beindruckend in die Gefühls- und Gedankenwelt dieses jungen, aufmerksam beobachtenden und reflektierenden Mädchens hineinversetzt, das mir im Laufe des Lesens immer mehr ans Herz gewachsen ist.  Friederike Wagner

Von Müttern und ihren Träumen

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Meg Wolitzer: Die Zehnjahrespause, DuMont TB 2020 €12,00

Alles dreht sich jahrelang nur um die Kinder. Aber spätestens sobald sie 'aus dem Gröbsten raus sind', bricht für viele Frauen die Zeit an, sich über die eigene weitere berufliche Zukunft klar zu werden. In „Die Zehnjahrespause“ zeichnet Meg Wolitzer ein Porträt von vier amerikanischen Vorstadtmüttern auf der Suche nach der richtigen beruflichen Entscheidung nach 10 Jahren 'Kinderpause'. Mit Amy, Jill, Roberta und Karen erleben wir hautnah mit, wie sie abwägen, ringen, sich arrangieren – und doch ihre Träume nicht ganz aus den Augen verlieren. Ich mag den ruhigen, beobachtenden, aber immer mit Wohlwollen und Amüsement auf ihre Protagonistinnen blickenden Stil der Autorin. Sie lässt die Leserin am Dilemma moderner Frauen teilnehmen, ohne zu werten oder eine Lösung anzubieten. Und sie beschreibt sehr genau ein weibliches Generationengefühl im Spagat zwischen Muttersein und der Sehnsucht nach einem erfüllenden Beruf – und das gilt immer noch und weltweit (das amerikanische Original erschien 2008).  Annette Goossens

Durchtrieben oder wider besserer Vernunft?

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Bhavya Heubisch: Das süsse Gift des Geldes, Volk Verlag 2020 € 16,90

Als die junge Schauspielerin Adele Spitzeder mittellos in München eintrifft, leiht sie sich Geld und verspricht, es mit gutem Zins zurückzuzahlen. Vor allem die Ersparnisse der einfachen Leute fliegen ihr bald nur so zu und sie gründet eine Privatbank. Das Geld quillt aus Schränken und Schubladen, fast verbrennt es, als ein Feuer im Haus ausbricht. Dass Adele Spitzeders aus der Not geborener Plan nicht aufgehen kann und es sich bei ihren Aktivitäten keinesfalls um seriöse Bankgeschäfte handelt, ist unübersehbar. Adele lebt nun unkonventionell mit einer Frau zusammen, auf großem Fuß. Sie investiert aber auch in Armenküchen. Heubisch erzählt romanhaft und mit sanftem Lokalkolorit. Sie zieht ihre Leser*Innen gekonnt ins beengte und derbe Treiben auf Münchner Straßen und Plätze, auf der sie die Spitzeder (1832-1895) mit ihrer ambivalenten Persönlichkeit wie das Sahnehäubchen schwimmen lässt. Dabei lässt Heubisch offen, ob diese besonders durchtrieben  oder einfach nur wider besserer Vernunft agiert hat. Diese Frage bewegt, fasziniert und trägt durch dieses spannende Stück Münchner Zeitgeschichte.

Vertrauen auf Bewährungsprobe

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Philipp Collin: Das Spiel. Die Brüder Werner, Splitter Verlag 2020 € 25,00

Die Brudergeschichte, von der hier zwischen Fussballweltmeisterschaft 1974, dem legändären Spiel DDR-BRD und Stasi-Bespitzelung erzählt wird, offenbart ein deutsch-deutsches Familienschicksal, ein Lehrstück des Kalten Krieges. Die kompakte, bildmächtige, personenreiche Graphic Novel versucht Kommunismus versus Kaptalismus, mal rotzig, mal ideologisch phrasiert gegeneinander auszuspielen und weckt Erinnerungen an eine Zeit, in der unter dem Boden immer noch ein Boden lag und man tief fallen konnte.Historisch holzschnittig und im rasanten Mix von Sport, Konsum und Politik ist sie ein kurzweiliges Lehrstück, für junge Menschen oder all die, die es noch einmal wissen wollen.

Faszination Wissenschaft bringt den Traum zurück, Forscher*In zu werden….

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Herlinde Koelbl: Faszination Wissenschaft. 60 Begegnungen mit wegweisenden Forschern unserer Zeit, Knesebeck Verlag 2020 € 35,00

„Nach einem erfolgreichen Tag haben Sie vielleicht die Welt verändert.“ – David Avnir
60 Wissenschaftler*innen plaudern aus dem Nähkästchen und dem Labor. In den Fotographien porträtiert Herlinde Koelbl die Wissenschaftler*innen gemeinsam mit der Essenz ihrer Forschung, die sie auf die eigene Handfläche geschrieben haben. In den Interviews bespricht sie mit ihren Gesprächspartner*innen u.a. die Themen ihrer Forschung, ihren Berufseinstieg und den Konkurrenzkampf in der Wissenschaft. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die (noch) starke Dominanz von Männern in der Wissenschaft werden thematisiert. Doch unabhängig von Land und Fachgebiet – von theoretischer Physik und Mathematik über Chemie und Neurowissenschaften ist alles vertreten – sind sich alle einig: Wissenschaft fasziniert ein Leben lang.
Faszination Wissenschaft punktet durch sein außergewöhnliches Format sowie das Thema. Auf den Fotographien verbindet Herlinde Koelbl die Persönlichkeiten der Forscher*innen mit dem eigenen fachlichen Schwerpunkt. Dies geschieht in den Interviews gewissermaßen auch. Dabei gelingt es, dem Lesenden sowohl thematisch unterschiedlichste Forschungsgebiete näher zu bringen, als auch die Denkweise vieler Wissenschaftler*innen auf den Punkt zu bringen. Wissenschaft wird hier von einem abstrakten lebensfernen Gebilde zu etwas, das jeden betrifft und potenziell interessiert. Faszination Wissenschaft schafft das, was noch kein Buch versucht hat: Es räumt auf mit dem Gedanken, Wissenschaft wäre nur einem kleinen Teil der Gesellschaft vorenthalten, und nimmt jede*n mit auf eine spannende Reise – durch Labore, über Schreibtische, aufs Meer. Warum nur wollen so viele Kinder Forscher*in werden, und nur noch so wenig Jugendliche? Faszination Wissenschaft bringt diesen Traum zurück, ermutigt die, die noch unsicher sind, und erschafft neue Berufswünsche. Es öffnet Augen. Clara, 18 Jahre

Ein Frau am Dirigentenpult– Never!

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Maria Peters: Die Dirigentin, Atlantik Verlag 2020 €22,00

Ein Roman für alle, die Interesse an starken Frauenpersönlichkeiten haben - und ein Herz für die Musik. Antonia Brico war die erste Dirigentin, die ein Orchester in den USA dirigieren durfte. Ihr Weg dorthin war steinig, was sie nicht gehindert hat, ihr Ziel - als Dirigentin zu wirken - zu verfolgen. Sie gründet das erste Frauenorchester der USA und tourt als Dirigentin auch durch Europa – dirigiert u.A. als erste Frau die Berliner Philharmoniker. Ihre Lebensgeschichte wird von Maria Peters, der Filmregisseurin des gleichnamigen Films, in Romanform erzählt. Ich habe mit Willy (so der Name, den sie zuerst von ihren Adoptiveltern erhält), mitgefühlt und –gelitten, ihr die Daumen gedrückt und oft die sehr männlich geprägte Welt dieser Zeit verwünscht. Bereits als junge Frau im New York der 1930er Jahre geht sie unbeirrt ihren Weg, eckt an, muss sich alleine mit sehr wenig Geld durchschlagen. Sie wird wichtige Menschen mit ihrem unbedingten Willen beeindrucken und tatsächlich die Sensation schaffen – am Dirigentenpult eines Orchesters zu stehen. Wichtige Freundschaften und die (fiktive) Liebe finden auch ihren Platz in diesem Roman, fast mehr begeistert hat mich aber ihre berufliche Lebensgeschichte. Eine lebendige Biographie, kurzweilig erzählt, für alle, die Musik lieben!  Annette Goossens

Heldenhafte Abenteuer

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Stephen Fry: Helden, Aufbau Verlag 2020 €26,00

"Siehst du, Herakles? Es ist dein Schicksal, Held zu sein ..." - Wer kennt sie nicht, die Heldentaten des Herkules, Perseus List, mit der er der Medusa den Kopf abschlug? Wie oft haben Könige vergeblich versucht, die Prophezeihungen der Orakel zu umgehen, so dass sich ein Ödipus auf große Wanderschaft begeben musste? Auch der zweite Band von Stephen Frya neu erzählten Sagen der Antike versammelt große Namen und noch größere Heldentaten. Mit jeder Menge Humor und spritzigen Dialogen werden sie lebendig, die Sterblichen, die von den Göttern bevorzugt wurden, weil ihr Blut in ihnen fließt.

Bäume – Die letzten ihrer Art

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Michael Christie: Das Flüstern der Bäume, Penguin Verlag 2020 €22,00

Der Titel des kanadischen Autors Micheal Christie, der anlässlich des Schwerpunktthemas Kanada auf der Buchmesse sicher einen großen Auftritt bekommen hätte, nimmt den Leser tief in die Wälder Kanadas mit. Das Buch, das den Jahresringen eines Baumstammes  folgt, mit den Zeiten spielt und der Geschichte einer  der Natur verbundenen Familie über vier Generationen nachspürt, bringt Bäume zum Rauschen, lässt sie zur Weiterverarbeitung umstürzen, und im großen Format sterben.. Eine groß angelegte Familiensaga, die bis ins Jahr 2038 reicht, und unter anderem so gewichtige Themen wie das Baumsterben und den Klimawandel thematisiert.

Quarantäne zu Zeiten der Spanischen Grippe

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Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt, DuMont Verlag 2020 €18,00

Die Spanische Grippe breitet sich aus. Auch tief in den Wäldern des Staates Washingtons, auch in der nächsten Kleinstadt, die unmittelbar an die kleine Holzfällergemeinde Commonwealth grenzt. Wer dort lebt, arbeitet für das orstansässige Sägewerk, wer sich dort niedergelassen hat, suchte einstr die Abgeschiedenheit und ein sozial abgesichtertes Leben.  Jetzt geht die Sorge um - wie sich schützen vor der ansteckenden Krankheit? Die Gemeinde beschließt eine provokante Lösung: sie begibt sich in eine selbst auferlegte Quarantäne. Nicht alle halten dies für die beste Lösung, doch die Mehrheit. Wachposten werden an der Zufahrtsstraße aufgestellt, Menschen verirren sich selten bis nach Commonwealth. Doch was Quarantäne über einen langen Zeitraum bedeutet, bekommen die Bewohner erst nach und nach zu spüren. Ein Soldat muss erschossen werden, Vorräte können nicht mehr aufgefüllt werden, kaum noch Nachrichten dringen durch, die Arbeiter beginnen, ihrem Arbeitgeber zu misstrauen, vielen fehlt Abwechslung nach der Arbeit, selbst innerhalb der Familien knirscht es im Getriebe. Solidarität ja, aber dann ist sich doch jeder selbst am nächsten? Mit großer Spannung verfolgt man diesen Roman, der nicht aktueller sein könnte, obgleich 102 Jahre zwischen der Spanischen Grippe und dem aktuellen Coronavirus liegt.

Das Geheimnis um Nora

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Lisa Grundwald: Mit dir alle Zeit, Harper Collins Verlag 2020 €15,00

Nach der Lektüre dieses Buches kennen auch Sie den New Yorker Grand Central Station bis in seine geheimsten Ecken.  Die Geschichte spielt genau dort, wo Menschenmengen sich auf den Gleisen drängen. Sie spielt aber auch mit verschiedenen Zeitebenen, auf aufregende Art mit der Zeit, mit Zeitsprüngen, in der Zeit stecken bleiben ...  Der Arbeitsplatz des Weichenmechanikers Joe ist in den Tiefen des Bahnhofs, im Dunkeln, dort, wo es nach Maschinenöl riecht und die Arbeiter das Ein- und Ausfahren der Züge dirigieren. Joe ist zufrieden mit seinem Leben, er hat ein enges Verhältnis zu seinem Bruder und dessen Familie, und er wohnt wie die meisten Eisenbahner quasi um die Ecke des Terminals. Bis zu dem Tag im  Dezember 1937, als ihm Nora vor die Füße fällt. Nora, die vor zwölf Jahren bei einem großen Zugunglück ums Leben gekommen ist. Oder etwa doch nicht? In einer  berührenden wie im Grunde unmöglichen Liebesgeschichte  begleitet der Leser Nora und Joe  über mehrere Jahre, er lächelt, bangt und hofft mit den Beiden bis zu den letzten Seiten des Buches. In dieser Geschichte steckt Magie und Herz!

Eintauchen in das England nach der Jahrhundertwende

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Jane Gardam: Robinsons Tochter, Hanser Berlin Verlag 2020 €24,00

Im besten englisch-traditionellen Stil begleiten wir die sechsjährige Polly durch ihr Leben. Liebe, Enttäuschung, Freundschaft und Einsamkeit – die Bücher der Hausbibliothek, allen voran „Robinson Crusoe“ werden Pollys Rettungsanker im großen gelben Haus, bei ihren zwei alten Tanten und den wenigen Hausangestellten. Charles Dickens, die Bronté-Schwestern – in diese Stimmung hat es mich schon nach den ersten Seiten versetzt. Ein Buch für gemütliche Stunden. Annette Goossens

Kurzgeschichten über Abschiede, die mich ganz und gar nicht traurig zurück gelassen haben

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Bernhard Schlink: Abschiedsfarben, Diogenes Verlag 2020 € 24,00

Neun Leben, in die wir einen Einblick bekommen und die trotz des oft offenen Schlusses ein ganz rundes Lesevergnügen bieten. Ob Jung, ob Alt: die Personen blicken auf Entscheidungen zurück, finden zu einer späten Ehrlichkeit, machen das Unerzählte sichtbar. Unerfüllte Liebe, Wege die das Leben geht, späte Reue… Für mich die große Kunst der Kurzgeschichte, das Buch hat seinen Platz auf meinem Nachtkästchen bekommen! Annette Goossens

Anekdotenreich

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Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln, Hanser 2020, € 22,00

Das perfekte Buch für den Nachttisch, oder wo sonst ein Buch mit kurzen, amüsanten, unterhaltsamen Texten seinen Platz finden mag.  Elke Heidenreich erzählt aus ihrem Erinnerungsfundus und wie von selbst tauchen eigene Erinnerungen auf, denen der Leser vielleicht folgen mag. Die Gedanken kreisen um ersehnte, geliebte, verlorene, bewunderte, verwandelte und nie getragene Kleidungsstücke und die Situationen, die mir ihnen verknüpft sind. Hier sind es ganz persönliche Anekdoten. Es ranken sich aber auch Geschichten um bekannte Persönlichkeiten wie Frida Kahlo, Coco Chanel, Maurice Ravel oder Susan Sontag - und Elke Heidenreich schreibt so, dass dem Leser ein Schmuzeln entlockt wird, weil die Situation lustig, peinlich oder unerwartet ist - und weil sie einfach gut pointiert erzählt ist.

Eigenwillige Persönlichkeiten

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Iris Wolff: Unschärfe der Welt, Klett-Cotta Verlag 2020 € 20,00

Ein außergewöhnlicher Roman! Iris Wolff hat eine sehr schön beschreibende Sprache, es entstehen vor dem inneren Auge zarte Bilder und besondere Farben. Dabei ist das Erzählen nie ausufernd, oft sind die Sätze ganz kurz. In sieben Kapiteln erfahren wir viel über vier Generationen einer Familie aus dem Banat. Es sind durchaus eigenwillige Persönlichkeiten, die besondere Wege gehen. Manche Verknüpfungen werden dem Leser erst nach und nach bewusst und so wird er im Verlauf des Buches immer mehr in die Geschichte hieingezogen. Die Familie ist ein zentrales Thema, die Beziehungen der einzelnen miteinander. Freundschaften zwischen Jungen und Älteren, Liebe, und Verlust in unterschiedlichen Zusammenhängen. Das Leben im sozialistischen System Rumäniens, Geheimdienst, Flucht, Emigration. Vielsprachigkeit und Sprachlosigkeit. Es gibt viele Gedanken und Beobachtungen in diesem Buch, die zum eigenen Sinnieren anregen. Als ich auf der letzten Seite war, hätte ich am liebsten gleich noch einmal auf der ersten Seite begonnen, um das Buch mit dem Wissen um den Inhalt nochmals auf mich wirken zu lassen. Friederike Wagner

Märchen für Erwachsene

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Thomas Hettche: Herzfaden, Kiepenheuer & Witsch 2020 € 24,00

Mir ist es beim Lesen dieses Buches so ergangen, wie die Marionettenspieler es sich von ihren erwachsenen Zuschauern wünschen. Bei den ersten Seiten überlegte ich noch, ob es nicht ein Kinderbuch sei. Doch unmerklich hatte der Text mich in den Bann gezogen und ich folgte fasziniert der Erzählung über das heranwachsende Mädchen Hatü in ihrer Heimatstadt Augsburg. Ihr Vater Walter Oehmichen, einst Oberspielleiter am Augsburger Theater, begann in den Zeiten des 2. Weltkrieges Marionetten zu schnitzen und mit seinen Töchtern zu bespielen. Hatüs Begeisterung für die beim Spiel zum Leben erweckten Figuren wird sie nie mehr verlassen. In der Nachkriegszeit gründet ihr Vater mit ihr die Augsburger Puppenkiste. Mit weiteren, ihre unterschiedlichen künstlerischen Begabungen einbringenden Menschen verschmelzen sie zu einer familienähnlichen Gemeinschaft. Neben der märchenhaften Welt des Marionettentheaters steht das reale Erleben des 2. Weltkrieges und der Nachkriegszeit, das aus Sicht des jungen Mädchens Hatü sehr anschaulich und glaubhaft beschrieben wird. Wie wir es aus der unendlichen Geschichte kennen gibt es einen im Druck farblich differierenden Erzählstrang, der ein Mädchen aus heutiger Zeit in die Welt der Marionetten eintauchen lässt, wo es, so wie wir Leser, Hatüs Geschichte erfährt. Dieser Roman ist ein Glück für alle Erwachsenen, die das Kind in sich spüren oder wieder aufwecken möchten!

Per Anhalter durch Frankreich

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Autor: Sylvain Prudhomme, Allerorten, Unionsverlag, € 22,00

Ein zarte und feinsinniger Roman, in dem zwei Freunde in ein ganz besonderes Beziehnungsgeflecht geraten. Der 40jährige Schriftsteller Sacha trifft nach vielen Jahren seinen Freund aus Studienzeiten wieder. Damals waren die Freunde zusammen per Anhalter unterwegs. Der wiedergefundene Freund lebt inzwischen mit Frau und Sohn, verschwindet aber auch jetzt noch aus dem Alltag, um sich dem Zufall des Reisens hinzugeben. Ihn interessieren vor allem die Menschen, die ihm die Autotür öffnen und die Gespräche mit ihnen. Sacha lässt sich zu seiner eigenen Überraschnung mehr und mehr auf Menschen ein, übernimmt Verantwortung und wagt tiefe Gefühle. Die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden. Der französische Autor Sylvain Prudhomme fängt den Augenblick ein, die Gelegenheit, die sich zum Möglichen öffnet. Dieser Roman bringt eine Fülle von Gefühlen zum Schwingen und begeistert in seiner schönen und klaren Sprache.

Bittersüßer Abschied

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Zsuzsa Bánk: Sterben im Sommer, Verlag S. Fischer 2020 € 22,00

Zsuzsa Bánks Buch "Sterben im Sommer" konnte ich nicht in einem Atemzug lesen. Immer wieder legte ich das Buch beiseite und atmete tief durch. Was die Autorin uns Lesern in ihrem Buch zu erzählen hat, ist schonungslos ehrlich und zutiefst emotional. Es geht - wie der Titel verrät - um das Sterben, das Sterben ihres Vaters. Auf der einen Seite lesen wir von schönen Erinnerungen, der gemeinsamen Zeit mit der Familie in Ungarn wie in Deutschland, und insbesondere die Zeit mit dem Vater. Auf der anderen Seite beklagt Bánk, dass sie kurz vor seinem Tod wertvolle acht Tage hat verstreichen lassen, ohne ihren Vater im Krankenhaus besucht zu haben. Auf der einen Seite füllen sich die Seiten mit Hoffnungen im Kampf gegen den Krebs, auf der anderen Seite stehen dem nüchterne Fakten, Entscheidungen, die Verzweiflung, die Frage nach dem 'warum?' und 'warum so?' im Raum. Die Autorin nimmt Abschied von ihrem Vater und lässt den Leser daran teilhaben. Jede Seite, die ich umblätterte, berührte mich aufs Neue. Ich durfte die Autorin auf ihrem schmerzvollen Weg begleiten, mit ihr leiden, von ihr lernen und hoffen. Ein Buch, das ich persönlich als ein Geschenk ansehe. "Irgendwann ist der Tod deutlicher als das Leben, das Leben weicht dem Tod", sagt Zsuzsa Bánk. So wahrhaftig wie dieser Satz ist das ganze Buch.

Von Flughafen zu Flughafen

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 David Szalay: Turbulenzen, Hanser, € 19,00

Von Flughafen zu Flughafen ist der Leser mit diversen Protagonisten unterwegs und erlebt mit ihnen ihre Beziehungen in Familie, Partnerschaft, Arbeit und Gelegenheitsbegegnung. Oft sind es zwei Personen aus einem der Beziehungsgeflechte, die wir begleiten und wir geraten mit ihnen in oft lebensverändernde Situationen. Wie ein feines Mosaik ist dieser Roman, der die ganze Welt umspannt: sowohl an Orten als auch an Wendepunkten.

In der kanadischen Prärie

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Margaret Laurence: Der steinerne Engel, Verlag Julia Eisele, € 22,00

Hagar Shipley ist alt geworden. Sie beschreibt es so gut in diesem Satz: "Heute, wo die Zeit sich zusammengefaltet hat wie ein Papierfächer". In diesem Heute, in dem sie bei ihrem Sohn und dessen Frau lebt und manches durcheinander bringt, erinnert sie sich an entscheidende Momente ihrer eigenen Geschichte. Hiermit erzählt sie von einem Leben in der kanadischen Prärie: In einem Städtchen als Kaufmannstochter aufgewachsern heiratet sie einen Farmer, mit dem sie zwei sehr unterschiedliche Söhne hat, von denen sie einen verlieren wird. Sie hat einerseits immer versucht, nicht unangenehm aufzufallen aber sie hat auch immer eine eigene Meinung gehabt und diese vertreten. Ihre Lebensentscheidungen waren durchaus unüblich und oft auch unbequem. So wird sie  auch jetzt im Alter noch einmal versuchen einen unabhängigen Weg zu gehen, aber ihre körperlich Schwäche lässt sie letzlich ihr Schicksal annehmen. Ein sehr gelungenes Portrait einer eigenwilligen Frau!

Emanzipiert im 16. Jahrhundert

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Alexa Hennig Von Lange: Die Wahnsinnige, Dumont Verlag, € 20,00

Ein historischer Roman, der nichts mit den 500- Seiten- Schmökern gemein hat. In der historischen Figur schwingt die Auseinandersetzung der Autorin mit den zentralen Themen mit und so ist es in Inhalt und Sprache trotz des Schauplatzes in lang vergangener Zeit ein durchaus aktueller Roman. Er führt den Leser ins 16. Jahrhundert nach Spanien und Belgien in die Zeit der Regentschaft von Isabella der Katholischen. Zentrale Figur ist ihre Tochter Johanna, genannt die Wahnsinnige, denn sie will nicht so funktionieren, wie es von ihr erwartet wird. Um ihren Gehorsam zu erzwingen, wird sie sogar gefangengehalten und von Mann und Kindern getrennt. Johanna ist eine junge Frau, die versucht, der verlogenen Welt ihrer Eltern zu entkommen. Sie möchte kein fremdgesteuertes Leben, sich nicht den Regeln ihrer Eltern, der Gesellschaft  und der Religion unterwerfen. Sie wurde nach politischen Interessen jung verheiratet mit Philipp I., Erzherzog von Österreich und Herzog von Burgund. Dass sie Phiipp tatsächlich liebt, beglückt sie, aber bereitet ihr auch viel Kummer. Sie sehnt sich nach Verbundenheit, Vertrauen und erwiederter Liebe, gleichzeitig sucht sie in der Ehe nach Eigenständigkeit und möchte als gleichberechtigte Partnerin wahrgenommen werden. Hier ist sie ihrer Zeit weit voraus und rennt gegen vielerlei Mauern. Ein sehr lesenswerter Roman!

Erika in New York

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Heidi Rehn: Die Tochter des Zauberers, Aufbau Verlag 2020, € 12,99

In der Reihe über berühmte Frauen im Aufbau Verlag ist nun ein Roman über Erika Mann erschienen. Er beleuchtet die ersten Jahre Erikas im Exil in New York. Als Thomas Manns Tochter wird sie mit offenen Armen von der Gesellschaft der Reichen und Schönen aufgenommen. Mit ihrem Bruder Klaus bewegt sie sich gleichzeitig in den Kreisen der europäischen Exilanten. Sie engagiert sich sehr dafür, eine Zukunft für ihr in Deutschland zunächst sehr erfolgreiches, nun unter Hitler verbotenes,  Kabarett "Die Pfeffermühle" zu ermöglichen und damit auch die Mitwirkenden in Sicherheit zu bringen. Darunter befindet sich ihre Lebensgefährtin Therese Giehse. Erika erhält bei ihrem Projekt Unterstützung ganz unterschiedlicher Art von zwei Männern, die auch ihr Herz erobern wollen und zu denen sie sich auch tatsächlich hingezogen fühlt. Wie sich in diesem Gefühlsdilemma eine Lösung findet, wie die Pfeffermühle in New York zwar scheitert, aber Erika zu einer viel gehörten und gefragten Vortragenden wird, die in einer geschickten Verknüpfung persönlicher Erlebnisse und politischer Ereignisse zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufruft, lässt sich in der opulenten schmökerhaften Romanbiografie von Heidi Rehn vortrefflich nachvollziehen.

Stark machen für die Akzeptanz des Anderen

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Candice Carthy-Williams: Queenie, Verlag Blumenbar 2020 € 22.-

Queenies Name ist stark. Majestetisch sogar. Ihre Mutter gab ihn ihr im Wissen, dass sich Queenies Leben ebenso wenig einfach gestalten werden wird, wie ihr eigenes. Mit ihrer Hautfarbe ist sie dem täglichen Rassismus mit unzähligen Herabwürdigungen ausgesetzt. Obwohl Queenie seit drei Jahren als Redakteurin bei einer Tageszeitung einen soliden Job hat, läuft vieles schief in ihrem Leben. Ihr Freund hat eine Auszeit durchgesetzt und sie auf die Straße gesetzt. So trifft sie sich mit Männern von einer Datingplattform und denkt ihren Körper darbieten zum müssen, in Hoffnung auf ein wenig Anerkennung. Carthy-Williams Roman, ein klassisches Young adult, erzählt schnell, hart, direkt und unmittelbar in sich mischenden Textformen, geschlossener Prosa, Postings und Chats.

Von Vergangenem und Zukünftigem

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Charlotte McConaghy, Zugvögel, S. Fischer Verlag 2020 € 22,00

Das Debüt von Charlotte McConaghy überrascht mit einer aufwühlenden Geschichte zu möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf das Artensterben. Die Autorin nimmt den Leser auf eine Reise über die Meere mit, eine mögliche letzte Reise der Küstenseeschwalben in die Antarktis. Getrieben von der Hoffnung, den Flug der tapferen Vögel zu begleiten, heuert Franny, eine junge Australierin mit irischen Wurzeln und einer obzessiven Leidenschaft für Vögel, auf einem Fischkutter an. Franny wird in einem Team von Fischern ihren Platz finden müssen, die Naturgewalt des Meeres aushalten lernen, und dabei die eigene traumabehaftete Lebensgeschichte aufarbeiten.  Worte, so poetisch wie der Flug der Zugvögel, Kapitel, so gewaltig wie das Aufbäumen von sturmgepeitschten Wellen, Passagen voller Zärtlichkeit und Liebe für die letzte überlebende Vogelart - wer sich auf dieses Buch einlässt, wird sich dem Sog der Geschichte nur schwer entziehen können. Am Ende schenkt die Autorin dem Leser ein Stück Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.

Island pur

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Joachim B. Schmidt: Kalmann, Diogenes, Verlag 2020 € 22,00

Es ist kein Zufall, dass Joachim B.Schmidt für seinen Roman den Schauplatz Island wählt: der gebürtige Graubündner wanderte dorthin aus, lebt seit 13 Jahren mit seiner Familie in Reykjavik und führt Touristen durch das Land. Den Leser lässt er das leben in dem kleinen Fischerort Ranfarhöfn erleben, über das Meer geschaut lässt sich der Nordpol erahnen. Der Schnee und das Meer sind allgegenwärtig. Erzähler und zentrale Figur ist Kalmann, männlich, Anfang 30, Haifischjäger. Er hat eine geistige Behinderung, jeder im Ort kennt ihn und er hat seinen festen Platz in der Dorfgemeinschaft. Sein Großvater erklärte ihm das Leben und liess ihn zu der Selbstständigkeit finden, die ihm das Zurechtfinden im Großvaterhäuschen ermöglicht, nun, wo dieser im Altersheim ist. Kalmann berichtet in einer schlichten Sprache und liefert in seiner kindlichen Naivität überzeugende Einsichten. Ein  Dorfbewohners ist verschwunden, die Polizei steht vor einem unlösbaren Rätsel. Schön ist es, zu beobachten, wie Kalmann in all seiner Begrenztheit seinem Leben eine Wendung gibt. Ein Muss für jeden Island - Interessierten!

Das Leben leben

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Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten, Zsolnay, € 20,00

Ein Roman, in dessen Sprache ich mich sofort wohlgefühlt habe, der mich sehr angenehm unterhalten hat und sympatisch Zwischenmenschliches wiedergibt. Carlo hat eine Gartenbaufirma und ist der Erzähler. Es gibt drei Menschen, die ihm nahe stehen: Agon, der aus dem Kosovo in die Schweiz kam und bei ihm angestellt ist. Er ist von großer, kräftiger Statur und gleichzeitig mit großen Zartgefühl für Menschen und Pflanzen. Dann ist da Ana, seine Frau, von der er getrennt lebt, seit die gemeinsame Tochter das Haus verliess. Er liebt sie immer noch und er spürt weiterhin die Vertrautheit ihrer Gesten und Körperlichkeit, wenn sie sich begegnen. Des weiteren erzählt er von seiner alten Mutter, die heimlich aus dem Altersheim verschwindet und sich in dem Grand Hotel ihres Heimatortes einnistet. Sie hat dorthin nicht nur als Bäckerstochter die Brötchen geliefert, wie ihr Sohn es wusste, sondern er wird von einer weiteren, viel bedeutsameren Episode in der Vergangenheit seiner Mutter erfahren.

Dem Zufall eine Chance geben

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Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena, hanserblau, € 20,00

Ein neues Buch von Fabio Geda mit einem sympathischen Helden. Er heißt nur Vater und Papa, denn eine seiner Töchter, Giulia, erzählt die Geschichte. Er ist 67 Jahre alt, lebt in Turin und ist noch nicht lange Witwer, als ein Sonntag einen ungeahnten Verlauf nimmt. Da seine Enkelin sich den Arm bricht, fällt der Familienbesuch bei ihm aus. Um der Stille und Enttäuschung zu entfliehen, macht er einen Spaziergang. Dort lernt er Emilia und ihren 13jährigen Sohn kennen, die auch das Erlebnis des ungewollt Verlassenseins in sich tragen. Im Laufe des Tages werden sich noch weitere Verbindungen zwischen ihnen zeigen. Giulia erzählt nicht nur von dieser Begegnung, sie erinnert sich auch an die Kindheit und Jugend, die  Gedanken und Gefühle den Eltern gegenüber sowie der älteren Schwester und dem jüngeren Bruder. Es ist ein feinfühliger, nachdenklicher Roman über viele Facetten des Lebens, dem ich sehr gerne gefolgt bin in seinen Überlegungen, Beschreibungen, Zeitenwechseln und emotionalen Spannungsmomenten!

Mit Gustav Mahler auf dem Schiff

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Robert Seethaler: Der letzte Satz, Hanser Berlin, € 19,00

Gustav Mahler auf seiner letzten Schiffsreise von New York nach Europa lässt verschiedene Szenen seines Lebens in seinen Gedanken und Gefühlen Revue passieren. Die erste Begegnung mit Alma, seine Arbeit als Operndirektor in Wien, das Komponierhäuschen auf dem Land, seine beiden kleinen Mädchen, der Empfang im Savoy Hotel in New York. Robert Seethaler versetzt sich und uns in die innere Welt des zart besaiteten und gefeierten Dirigenten und Komponisten am Ende seines Lebens.