Auf den Fluren der Welt

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Lisa Halliday: Asymmetrie, Hanser Verlag 2018 € 23.-

Ob eine Liebe mit 50 Jahren Altersunterschied gelingen kann, oder man wurzellos im amerikanischen Luftraum in einer irakischen Passagiermaschine sein Leben beginnt, Lisa Halliday beleucht die Unwucht dieser Welt, in der alles auseinander strebt und doch miteinander Verbindung sucht. Die beiden Geschichten in diesem Roman verbindet auf den ersten Blick nichts. Doch halt: Ihre Protagonisten, eine nach Leben suchende Lektorin und ein frisch promovierter Wirtschaftsökonom sind beide junge amerikanische Staatsbürger, die selbstsicher am Rande einer von der Gesellschaft als "normal" denfinierten Lebensweise wandeln und sich die Freiheit nehmen, die ihr Land verspricht. Die literarische Konstruktion überzeugt und öffnet unzählige Gedankenspiele, die Halliday durch ihre Erzählweise und Sprache weiter befördert, in der sie gern das Unterste zuoberst kehrt.

literarisches Kaleidoskop

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Florian Illies, 1913 - Was ich unbedingt noch erzählen wollte. Fischer Verlag 2018 € 20,00

Ein Kaleidoskop anekdotenhafter Momentaufnahmen im Jahr 1913 aus dem Leben bekannter Persönlichkeiten in aller Welt. Von Florian Illies aufgespürt und erzählt, mit knappen, oft amüsanten Anmerkungen sollte dieses Buch in keinem Zuhause fehlen: ob auf dem Küchentisch, der Wohnzimmerkommode, neben dem Bett oder auf der Waschmaschine; ein paar Minuten um eine Episode zu lesen, finden sich immer. Und wer das Buch wie im Rausch in einer Nacht verschlungen hat, wird es trotzdem immer wieder Aufschlagen. Denn wie war das nochmal ???

Musik, die erzählt

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Francesco Vidotto: Der Klang eines geanzen Lebens, Lübbe Verlag 2018 € 16,00

Das einfache, arme, dörfliche Leben vor, während und nach dem 2. Weltkrieg in den Dolomiten; kindliche Freundschaft, die zu Liebe wrid; Verlust geliebter Menschen; Musik, die von den Bergen und den Sternen erzählt; tragische Unfälle und das Leben danach, lang erprobte und unerwartete Freundschaft; Füreinanderdasein. Ein schönes, kraftvolles, trauriges, berührendes Buch!

Hier & jetzt, da & dort

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Annette Pehnt: Café Augenblick. Geschichten über das Leben im Hier und Jetzt. Beltz Verlag 2018 € 14,95

Dieses schöne, kleine Buch - man möchte sich am liebsten gleich Hinsetzen auf die Stühle des Titelbildes - versammelt vierzig Nachdenkereien über Gefühle und Ereignisse im ganz normalen Leben. Da gibt es so schöne Titel wie "Das Glück des Reparierens", "Die Welt hat sich geschüttelt", "Die Farben der Erwartung", "Fünfzig glückliche Gäste" oder "Lernen ist wie Verliebtsein". Es findet sich auch der Titel "Geschichten wie Kuchen" - ich habe dieses Buch so genossen wie einen guten Kuchen, immer wieder ein Stück und vielleicht noch eins, das meine Gedanken anregt und bereichert.

Perspektivwechsel

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Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe. Hanser Verlag 2018 € 21,00

Lempi war eine junge Frau im finnischen Lappland Anfang der 1940er Jahre. Sie starb - warum? Drei Menschen, die ihr sehr nahe standen, erzählen von ihr: ihr Mann, ihre Magd, ihre Zwillingsschwester. Die Antwort findet sich fast versteckt in Nebensätzen - diese umrankend erzählt das Buch von der Geschichte Lapplands zwischen Deutschen und Russen, von einer intensiven, kurzen Liebe, dem Leben auf einem kleinen Hof, von Eifersucht, von Aufbruch und Zurückkommen und von Zwiliingsnähe. Ein schöner, intensiver, besonderer Roman!

Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen

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Francesca Melandri: Alle, außer mir, Wagenbach Verlag 2018 € 26,00

In diesem beeindruckenden Roman verknüpft Francesca Melandri gekonnt die individuelle Geschichte einer römischen Großfamilie mit historischen Ereignissen der italienischen Vergangenheit. Verdrängt und Vergessen wurden von der Nachkriegszeit bis heute die Gräueltaten der Faschisten in  Äthiopien 1935 und in der Erinnerung gab es unter Mussolini nur Opfer und Partisanen. Dass sich bei einem jungen Flüchtling aus Äthiopien eine Verbindung zu der römischen Familie vermuten lässt, führt zu Verunsicherung und Hinterfragen. Spannend und gut recherchiert spürt Francesca Melandri der Vergangenheit nach und gibt einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Stimmung in Italien. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser gut und genau beobachtende Roman von den unabhängigen Buchhändlern zum Lieblingsbuch des Jahres gewählt wurde!

Unter Künstlern in Rom

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Christian Schnalke: Römisches Fieber, Piper Verlag  € 22,00

Ein sehr schön zu lesender Roman über die deutschen Dichter und Maler in Rom im Jahre 1818. Frei erfundene Figuren bewegen sich unter historisch verbürgten aus den künstlerischen, religiösen und politischen Kreisen. Im Zentrum steht Franz Wercker, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, die Literatur lieben lernt und plötzlich die Gelegenheit bekommt, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen: in die des jungen Poeten Cornelius Lohwaldt, ausgestattet mit einem Stipendium für Rom und eben auf dem Wege dorthin. In Rom angekommen, wird Franz Höhen und Tiefen erleben, Freundschaft, Egozentrik, Abhängigkeit, Erfolg und Verriss, liebevolle Zuwendung und Hinterhältigkeit. Ich habe mich hineingesetzt gefühlt in diese Monate in Rom und der grundehrliche Franz in seinem Glück und Dilemma des Versteckspiels hat eindeutig meine Sympathie gewonnen!

Hausgemachte Inspiration

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Lisa und Monica Eisenman: Die Speisekammer, Hölker Verlag 2018 € 36.-

Von Brot und Käse bis Gewürzmischungen und Fonds. Gesalzen, gepökelt, gebeizt oder milchsauer gegoren. Sogar Tofu kann man hier selber machen. "Tu deinem Leib etwas gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen", sagte schon Teresa von Ávila. Dieses Buch ist ein wahrer Gaumengenuss und ein verfühhrerischer Augenschmaus, bei dem man im Geiste gleich seine eigene Vorratskammer erschafft oder die Einmachgläser neben den Herd stellt. Ob frische Zutatenarrangements oder Haltbargemachtes, das skandinavische Flair lichter Blautöne und die leuchtende Farbenpracht mattiert gedruckter Foodfotokunst bereichern in stimmiger Geschmacksintensiät die Sinne. Die Autorinnen schaffen im  Einklang mit der Natur einen inspirierenden Ruheraum, indem man ihrer Liebe zu den Lebensmitteln und Selbstgemachtem nachspüren kann. Wer hätte nicht Lust, sich darin einzurichten.

Do it Yourself!

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Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen. Penguin Verlag 2018 € 29.-

Realität formt sich aus unserer Wahrnehmung und dem, was wir daraus machen. Vieles ist dabei verhandelbar oder darf übersehen werden. Eines jedoch geht uns alle an: Unser Lebensraum und sein sich wandelndes Klima. Auf ihrer Spurensuche nach Handlungsmöglichkeiten, dem Klimawandel entgegenzuwirken und unseren Lebensraum lebenswert zu erhalten, führen uns die Autoren zu unserem eigenen Schweinehund, zu uns als Individuen und zu unserem Denken über Gemeinschaft und über Generationen, zu Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, stabilen Gesellschaften, ökologischer Nachhaltigkeit, zu Zukunftsfragen und der Unmöglichkeit eines unendlichen Wirtschaftswachstums. Kurz gesagt geht es um die Macht und Gier der Menschen und die einfache Frage nach dem möglichen Lebensglück. In zahlreichen Interviews, Statistiken, Bündnissen und Agenden werden uns die Augen für eine Realität geöffnet, die dringenden Handlungsbedarf hat. Dieses Buch ist der Grundbaustein einer jeden unserer Wohnstätten. Es untermauert den Mut zur Zivilcourage. "Wir sind dabei und wir können wissen."

Originelle Restauration

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Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte. Unglaubliche Briefe gesammelt von Aaron Aachen (Archivar), Jacoby & Sturart 2018 € 24,00

Zu schön, um wahr zu sein. Könnte es möglich sein, dass bei der Renovierung einige der interessantesten Schriftstücke berühmter Persönlichkeiten unter den Tisch gefallen sind? Mit meisterhaftem handwerklichen Geschick hat sie uns der Archivar Aaron Aachen hier in intellektueller Verspieltheit zusammengetragen und restauriert: die Gourmettestanfrage Tim Mälzers für seine Schülerzeitung bei McDonalds, die Erkundigungen Kafkas in Traumfragen bei Freud, das Telegramm Kaiser Wilhems II an die Redaktion des Meyerschen Konservationslexikon. Ein wundersames, witziges Gedankenspiel. So hätte es eben auch gewesen sein können.

172 Schlüssellochgeschichten

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Eduardo Galeano: Frauen, Peter Hammer Verlag 2017 € 22.-

Aus Todesangst entstand die Kunst des Erzählen und die Mutter aller Geschichtenerzähler war Scheherazade. Auch Eduardo Galeano beherrscht die Kunst des Erzählens, ohne jemals zu langweilen. Seine Miniaturen erzählen von Frauenschicksalen über vier Jahrhunderte. Galeano umspielt ihr Wirken, ihr Denken, ihre Einsamkeit, ihren Schmerz, ihren Protest, ihre Diplomatie, ihre Kunst, ihren Mut, ihren Stolz und vor allem ihre standhafte Überzeugung etwas ändern zu können. Dafür setzten sie oft ihre Freiheit, ja ihr Leben aufs Spiel. Einige Namen kennt man gut, von anderen, vor allem lateinamerikanischen Frauen hat man noch nie etwas gehört. Die 172 Schüssellochgeschichten sind ein verführerisches Entrée oder das perfekte Betthupferl für 172 Abende.

Illusionsmalerei: Kreative Informatik

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Jaron Lanier: Anbruch einer neuen Zeit. Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert, Hoffmann und Campe 2018 € 25.-

Sachbuch oder Biografie? Der leidenschaftliche Informatiker, Künstler und Musiker Jaron Lanier verschränkt Episoden seiner facettenreichen Lebensgeschichte mit den faszinierenden Gedankengebäuden virtueller Welten. In den 70er Jahren war er einer der ersten Gestalter virtueller Realitäten und gab diesen heute von uns genutzten Welten ihre Struktur. Ein Land der psychedelischen Träume und unbegrenzten Möglichkeiten ist die Virtuel Reality nie gewesen. Als Kind von Holocautüberlebenden an der Grenze zu Mexiko aufgewachsen, führt sein Leben, das tragische Grenzerfahrungen nicht entbehrt, über die Hippie Ära Kaliforniens ins Silicon Valley. Dort bringen seine Programmiercodes Musik, Medizin, Philosophie und Gesellschaftkritik zum Klingen. Auf seiner spannenden Reise in die Vergangenheit macht Lanier die Technik hinter den Computern anschaulich und bringt neugierige Leser dazu, ihrem Smartphone mit einem kreativ kritischen Augenaufschlag zu begegnen.

Lebensrettendes und lebenszerstörendes Schmuggeln

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Mechtild Borrmann: Grenzgänger, Droemer Knaur 2018 € 20,00

Kaum hat der Leser die Zusammenhänge von Henriette Schönings Kindheit und Jugend in der 50er Jahren und der 1970 erhobenen Anklage wegen doppelten Mordes verstanden, lässt ihn der Fall nicht mehr los. Die Nachkriegszeit in dem kleinen Ort in der Eifel bringt Henriette große Verluste und viel Verantwortung. Ihrem lebensvertrauendem und tatkräftigen Charakter ist es zu verdanken, dass sie und ihre drei Geschwister gut über die Runden kommen. Bis zu dem Moment, als ihre jüngere Schwester stirbt und ihr Vater folgenschwere Entscheidungen trifft, die das Leben der verbleibenden Geschwister zur Hölle werden lassen. Der Roman enthüllt erschütternde Verhältnisse in einem Kinderheim, beschreibt den Missbrauch von Autoritäten, die unverantwortliche Verbreitung von Verdächtigungen und die faszinierende Entwicklung zweier gerichtlicher Prozesse. Ein sehr gelungengenes romanhaftes Zeitzeugnis!

 

7. November 2018, 19:30 Uhr: Palastschätze live – Thomas Ernst liest aus „Schweben“

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Jürgen-Thomas Ernst: Schweben, Braumüller Verlag 2017 € 20.-

Dieses Buch hat mich tief berührt: es erzählt von Josefs Leben, in dem ihn Rosa ein gutes Stück begleitet. Sie sind ganz einfache Menschen, die ohne Aufhebens ihr Leben in die Hand nehmen. Sie haben wenig und brauchen nicht viel, sie nehmen Glücksmomente wahr und machen sie sich selbst und einander bewusst. Sie finden und verlieren einander und der Leser begleitet sie bei verschiedenen Episoden zwischen Kindheit und Alter. Es steckt viel Lebensweisheit in diesem schmalen Buch in Gedanken und Sätzen, die den Leser auch nach der Lektüre begleiten werden. Wer das Buch "Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler und "Ein Leben mehr" von Joyceline Saucier gerne gelesen hat, wird auch dieses Buch lieben!

3. November 2018, 11:00 – 13:00 Uhr: Autorensamstag mit Susanna Partsch

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Susanna Partsch: Schau mir in die Augen, Dürer. Die Kunst der alten Meister erklärt von Susanna Partsch, Beck Verlag 2018 € 28.-

Sie verpackt alte Meister neu und jongliert mit Rot, Blau, Gelb: Susanna Partsch ist eine Kunstexpertin für Jung & Alt. Am Autorensamstag, 3. November 2018 empfiehlt und signiert sie zwischen 11:00 Uhr und 13:00 Uhr im Buchpalast. Kommen Sie mit ihr über Kunst oder Fälschung ins Gespräch. Ihr neustes Werk "Schau mir in die Augen, Dürer" hat Weihnachtsgeschenk-Potential. Weshalb trägt Maria immer einen blauen Mantel? Wieso malte Rubens mit Vorliebe füllige Frauen? Wie lassen sich die großen Formate durch kleine Museeumstüren transportieren? Reden wir hier wahrlich über 500 Jahre alte Schinken? Die ästhetische Aufmachung dieses mit großer Liebe gestalteten Buches ist ein Hingucker. Die aktuellen Fotos von ungeahntem, musealem Treiben lassen staunen. Susanna Partschs erhellenden Erklärungen fesseln wie ein Krimi. Sie liefert wohldosierten Einblick, Aha-Erlebnis und packendes Detail in rasantem Wechsel. Ein Buch, mit dem man gleich ins nächste Museum laufen möchte.

Zwischen den Zeilen: Spiegelwelten in Kehlmanns Tyll

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Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt Verlag 2017

Zwischen den Zeilen - oder wer hält wem den Spiegel vor? Einladung zum Literatur-Gespräch

Daniel Kehlmanns TYLL lesen heißt, nicht nur in eine historische Abenteuergeschichte  einzutauchen, die uns in die Zeit des 30jährigen Krieges führt, dessen Ausbruch vor 400 Jahren 2018 besonders erinnert wird. Viele weitere Schichten lassen sich zwischen den Zeilen entdecken. Was machen traumatische Erlebnisse mit Menschen? Was und warum wird verdrängt? Was und warum wird vergessen, um scheinbar weiterleben zu können? Kann Vergessen überhaupt eine Strategie der Vergangenheitsbewältigung sein und kann man überhaupt bewusst etwas vergessen? Hat man Einfluss auf seine Erinnerungen? Wer wird eigentlich von einem charismatischen Führer oder Führerin verführt? Der oder die Einzelne? Viele Einzelne? Die Masse? Tyll stellt auch die Absurdität des Krieges aus, diskutiert das Wesen von guter und schlechter Pädagogik und liefert letztlich ein leidenschaftliches Plädoyer zur individuellen Lebensgestaltung abseits des Mainstreams.

Feiner Riss – tiefer Graben?

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Fabio Geda: Vielleicht wird morgen alles besser, Knaus Verlag 2018 € 20,00

Fabio Geda hat eine beindruckende Fähigkeit, von den Gedanken, Fragen und Nöten Jugendlicher zu erzählen, so dass ein erwachsener Leser von der ersten bis zur letzen Seite gefesselt ist. In seinem neuen Buch "Vielleicht wird morgen alles besser" sind es der 14jährige Ercole und seine 5 Jahre ältere Schwester Asia, die sich schon sehr früh um sich selbst kümmern müssen. Ercole war 6, als die Mutter verschwand und der Vater ist mit dieser Situation absolut überfordert. In dieser labilen Normalität bedeutet ein feiner Riss oft schon einen tiefen Graben - und Ercole droht mehrfach, darin abzurutschen. Man schließt den Jungen gleich ins Herz und muss aushalten, dass er in den besten Absichten immer wieder Katastrophen auslöst. Die Hoffnung geht aber nie verloren!

Zwei Paare: im 18. Jahrhundert und jetzt

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Alex Capus: Königskinder, Hanser Verlag 2018, € 21,00

In seinem Roman "Königskinder" erzählt Alex Capus zwei Geschichten: die eine von Max und Tina, die auf dem Jaunapass mit ihrem Auto im Schnee stecken bleiben und eine Nacht im Auto verbringen ist gespickt mit amüsanten Dialogen, wie wir es von Alex Capus kennen. Um das Warten zu erleichtern erzählt Max die zweite Geschichte, die sich in dieser Gegend und in Frankreich im 18. Jahrhundert zutrug: von dem armen Viehhüter Jakob und Marie, der reichen Bauerstochter, die sich verlieben und nicht zusammensein sollten. Sie sind es dennoch, kurz zumindest, und sie bleiben beide über viele Jahre der Trennung ihrer Liebe treu und werden über verschlungene Wege wieder zueinanderfinden. Auch ohne im Auto eingeschneit zu sein mag man das Buch nicht zur Seite legen und die Geschichte von Jakob und Marie, Max und Tina miterleben!

Licht in einer dunklen Zeit

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Niccolò Ammaniti, Anna, Julia Eisele Verlag, € 20,00

Ein 13-jähriges Mädchen, in einer fast untergegangenen Welt: eine Seuche hat alle Erwachsenen dahingerafft, ein Feuer hat fast die gesamte Insel niedergebrannt. Trümmer und Leichen liegen allerorten. Doch Anna hat einen starken Überlebenswillen, sie kämpft für sich und ihren kleinen Bruder und eine Hoffnung gibt ihr Kraft: Auf dem Festland wird es anders sein. So ist Anna wie ein Licht in einer dunklen Zeit, die keiner von uns erleben möchte.

Kindheit in zwei Lebenswelten

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Donatella Di Pietrantonio, Arminuta, Kunstmann, € 20,00

Die Romane von Donatella Di Pietrantonio: direkt, mit großer Ehrlichkeit und Offenheit die jeweilige Lebenssituation beleuchtend, mich als Leserin berührend. So ging es mir auch bei ihrem neuen Roman "Arminuta". Die Geschichte eines Mädchens, das plötzlich erfährt dass das Ehepaar, bei dem es als Einzelkind in der Stadt am Meer im Wohlstand aufwuchs, nicht seine leiblichen Eltern sind. Von einem Tag auf den anderen findet es sich ohne weitere Erklärung in einer Familie mit fünf Kindern in engen, ärmlichen, dörflichen Verhältnissen auf dem Land. Ratlosigkeit und Wut durchfluten es immer wieder aber es lernt auch die vorbehaltlose Rückendeckung einer pfiffigen jüngeren Schwester kennen und entdeckt erstaunt kleine Zeichen der Zuwendung an ungeahnter Stelle. Nach "Meine Mutter ist ein Fluss" und "Bella mia" hat die Autorin wieder eine Geschichte erzählt, die ich nicht missen möchte!