Dreißig Jahre zusammen

krien

Daniela Krien: Der Brand, Diogenes 2021, € 22,00

Rahel und Peter sind seit 30 Jahren ein Paar: Sie ist Psychologin, er Professor für Literatur in Dresden. Die Kinder sind erwachsen, die Tochter hat inzwischen zwei Söhne, der Sohn arbeitet zielstrebig an seinem Berufsziel. Das Paar, beide Mitte fünfzig, kümmert sich kurzentschlossen drei Wochen lang um den Hof von Ruth und Viktor in der Uckermark. Ruth ist eine Freundin von Rahels Mutter seit deren Jugend und eine wichtige Konstante in Rahels Leben. Das Paar hegt die Hoffnung, einander wieder nahe zu kommen - nahe zu sein. denn es hat sich eine Distanz zwischen sie geschlichen, genährt aus Enttäuschung, Verschweigen, unerfüllter Sehnsucht. Sehr gut beobachtend und beschreibend erzählt die Autorin über das Beziehungsgeflecht von Partnerschaft, kleiner Familie und Großfamilie. Vom Denken, Fühlen und Handeln, vom Verschiedensein, Vertrautheit und Zueinandergehören. Ein Buch, das sich in einem Sog lesen lässt, das anregt,  sich selbst und eigenen Beziehungen anzuschauen und zu hinterfragen. Und ein Buch, das Hoffnung gibt, dass es sich lohnen kann, dies zu tun.

Eigenwillige Lebensläufe

stradal

J.Ryan Stradal: Die Bierkönigin von Minnesota, Diogenes 2021, € 18,00

Eine Mehrgenerationen - Familiengeschichte in den USA, in der erstaunlicher Weise gleich zwei Frauen mit Bierbrauerei zu tun haben. Helen begeistert sich schon als junges Mädchen für Bier und arbeitet zielstrebig darauf hin, sich als Frau in dieser Männerdomäne einen Platz zu schaffen. Diana, ihre Nichte, gerät eher zufällig in eine kleine Brauerei, nicht ahnend, was für eine Rolle das noch in ihrem Leben spielen wird. Aber ganz besonders ans Herz gewachsen ist mir Edith, Helens Schwester, die tatkräftig zupackend und warmherzig ihr Leben lebt. Ein schön zu lesender Roman, der vor allem den Blick auf die Frauen in ganz unterschiedlichem Lebensalter lenkt.  Die Frauen sind natürlich mit Männern verbandelt, die auch eine Rolle spielen...

Sommerhimmelblick

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Antonia Bontscheva: Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere, Frankfurter Verlagsanstalt 2021. € 24,00

Eine junge Frau aus Bulgarien lebt mit ihrem Mann und einer Tochter in Bremen. Sie fragt sich "Was verlässt man genau, wenn man seine Heimat verlässt?" Sie fragt sich auch, was die Liebe ausmacht, die sie gerne idealisiert, während sie versucht, mit ihrem korrekten Ehemann zurechtzukommenund.  Sie ist sehr impulsiv und der Tod ihres Vaters hat sie mitgenommen. "Eine Ablösung von der Eltern findet in diesem Land (Bulgarien) nicht statt" heißt es bezeichnend in dem Roman. Großmütter mit eingeschlossen, denn hier gibt es eine Großmutter, die mit Lebensanweisungen nicht spart, was die Icherzählerin zu Widerstand anstachelt. Sie möchte mehr über die Vergangenheit ihrer Familie erfahren und so wartet der Roman mit interessanten Episoden aus der kommunistischen Zeit Bulgariens auf. Ein Roman voller Emotionen dieser streitbaren Frauen in einer ganz besonderen lebhaft beschreibenden Sprache, die den Leser den bildreichen Kosmos einer bulgarischen Familie eröffnet. Herrlich!

Toxischer Sommernachtstraum

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Meg Rosoff: Sommernachtserwachen, Fischer Verlag 2021 € 15,00

Im familiären Sommerhaus am Meer liegt das Versprechen eines großartigen Sommers. es ist ein magischer Ort, an dem alle unbeschwert glücklich sein können, bis Freunde der Familie zwei Jungs, Kit (16) und Hugo (18) bei sich beherbergen. Mattie, die jünger Schwester der Erzählerin ist wie geschaffen für den überirdisch hübschen Kit. Eine vorprogrammierte Liebesgeschichte, die jedoch bald seine scharfen Ecken und Kanten offenbart, denn Kit birgt Gefahr. Er ist ein Spieler, der sich alles, jede und jeden nimmt, der ihm verfällt. Der magische Sommer wird toxisch und bringt mehr Erkenntnisse und Veränderungen für die jungen Erwachsenen, aber auch Erwachsenen, als allen lieb sein wird.

Schauspieler unter sich

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Cynthia D`Aprix Sweeney: Unter Freunden, Klett-Cotta 2021, € 22,00

Mit Sweeneys Roman "Unter Freunden" taucht der Leser ein in die Szene der Schauspieler in New York und Los Angeles, auf der Bühne, im Film und als Sprecher. Er lernt zwei Freundespaare kennen, eines davon mit Tochter, die sich seit vielen Jahren einander anvertrauen und unterstützen. Ganz unerwartet entsteht ein Riß, der die Vergangenheit in Frage stellt, Unsicherheit im Miteinander auslöst und vielleicht sogar neue Lebenskonzepte fordert. Beeindruckend beobachtet!

Sommerromanze in München

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Carolin Wahl: Vielleicht Trilogie 01. Vielleicht jetzt, Loewe Verlag 2021 € 14,95

Eine Sommerromanze, die Appetit macht. Die neunzehnjährige Gabriella aus Brasilien trifft durch ihr Praktikum in einer bekannten Münchner Caterringfirma auf Anton. Erst im Flugzeug, als er sich als ihr Sitznachbar entpuppt, dann wird er ausgerechnet ihr Ausbilder für vier Monate. Vier Monate, in denen Gabriella gute Laune unter den Köchen und Angestellten verbreitet. Vier Monate, in denen sie alles daran setzt, einen der Inhabeer der Firma zu treffen, da er der Grund ihres überstürzten Aufbruchs nach Deutschland ist: Der Mann soll ihr Vater sein, den sie jedoch  nie kennenlernen durfte. Gabriellas Achterbahnfahrt führt durch ein sommerliches München. Im Job geht sie bis an die Grenzen, ihre Freundinnen in der WG unterstützen sie beim sich Zurechtfinden, ihr ganzer Plan gerät dennoch irgendwann in Schieflage, als sie sich in Anton verliebt. Das Jugendbuch erscheint in der neuen Serie Loewe Intense, ist der erste Teil einer Trilogie, und will junge Erwachsene oder solche, die sich dorthin auf den Weg machen, mit intensiven Liebesgeschichten ansprechen.

Familienleben aus dem Takt

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Janina Hecht: In diesen Sommern, C.H.Beck Verlag 2021 €20,00

Schon auf den ersten Seiten, mit den ersten Sätzen bin ich in die Kindheit der Protagonistin Teresa eingetaucht. Janina Hecht lässt die Leser*innen an Teresas Erinnerungen teilhaben. in sparsamen Momentaufnahmen, beschwört sie die Bilder einer Familie herauf, und dennoch bleiben die Mitglieder wenig greifbar. Besonders der Vater, zu dem das Mädchen aufsieht, mit dem sie Vater-Tochter-Zeit verbringt, gegen den sie rebellieren wird, und der ihr dennoch fremd bleibt. Auch die Mutter und der jüngere Bruder werden kaum dingfest gemacht, so als hangele sich die Autorin an einer Pinnwand voller alter Fotos entlang. Es sind die kleinen und großen Momente, das Streiten oder das Schweigen der Eltern, das Bier zu viel des Vaters, der Bruder sorglos im Pool, die Teresa in Erinnerung bleiben. Und der Leser ahnt dabei, dass Teresas Welt jederzeit erschüttert werden kann. Der Debütroman von Janina Hecht besticht durch seine Schlichtheit und die minimalistisch gehaltenen Kapitel, die Autorin macht Teresas Geschichte in einer zurückhaltenden Emotionalität an zahlreichen aufeinanderfolgenden Sommern fest.

Die kunstvolle Bauweise unserer Sprache

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Header: © Rieder, Hunde im Futur, Illustration Adriana Craciun

Susanna & Johannes Rieder: Hunde im Futur, Susanna Rieder Verlag 201 € 25,00

Am Anfang war das Wort und es heißt Substantiv. Einladend hell leuchtet uns das Wort entgegen, die Großbuchstaben wirken wie auf den orangen Grund gestempelt. Das überdimensionierte, schwungvolle S beansprucht die ganze linke Tür, der Rest des Wortes und seine knappe Erklärung findet auf der rechten Tür genügend Platz. Das Öffnen dieser Seite mit ihren zwei Flügeltüren fühlt sich magisch geheimnisvoll an.

Spiel der Vorstellungskraft

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Robert Macfarlane: Berge im Kopf. Geschichte einer Faszination, Verlag Matthes & Seitz 2021 € 34,00

"Vor drei Jahrhunderten hätte man es noch für Wahnsinn gehalten, auf einen Berg zu steigen und dabei sein Leben zu riskieren." Zitat: Macfarlane, Berge im Kopf
MacFarlane nimmt uns mit auf eine ungewöhnliche Reise, eine Reise zur Kraft menschlicher Vorstellung, zur Suche nach einem unberührten, erhabenen Sehnsuchtsort, zum herausfordernden Spiel mit der Angst. Wir folgen ihm auf sprachlich klarer, unprätentiöser und direkter Route zu verschiedensten Gipfeln dieser Welt. Mal an den Fuß der Berge, mal auf Gletscher, Grate oder an steile Wände. Dabei untersucht und zitiert er historische Reiseberichte auf der Suche nach Aspekten von Beweggründen und Gefühlsempfindungen der Abenteurer. Den historischen Blick gleicht er mit eigenen Erfahrungen ab. So bleiben wir hautnah im Geschehen und erfahren von der geologischen Suche nach dem Ursprung der Berge, der Faszination und Schönheit des ewigen Eises und dem Run auf die Gletscher in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Am Berg kann man viele Tode sterben. Doch die Anziehungskraft der Berge nimmt stetig zu. Nicht zuletzt spielt immer wieder die Zeit eine wichtige Rolle im Geschehen. Die Gedanken Macfarlanes reflektieren zahlreiche Aspekte, welche die Berge in ungwohntem Licht erscheinen lassen. Ein Buch für Bergliebhaber und -kenner und alle, die vom Blick der Menschen auf die wilde Natur fasziniert werden möchten.

Der unterhaltsamste Reiseführer zum eigenen Land

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Pia Volk: Deutschlands schrägste Orte, C.H. Beck Verlag 2021, € 20,00

Die Geografin und Ethnologin Pia Volk reist gern. Als ihr Covid 19 die Welt in weite Ferne rückte, entdeckte sie Deutschland. In ihrem Buch „Deutschlands schrägste Orte“ bietet sie Mitreisegelegenheit zu 53 Orten, die man nach der Lektüre sofort besichtigen möchte. Ein Ort, der mit konvertierten Bibern aufwartet, ist in keiner digitalen Karte verzeichnet. Für die Besichtigung der Megalithgräber muss man das Internet zu Schießübungen befragen, da man einen Truppenübungsplatz durchwandert. Wie kommt  ein Kronleuchter in der Kanalisation und weshalb wurden in DDR-Zeiten in Klein-Glienicke Leitern angekettet? Eloquent belebt Volk ihre kurzen Episonden, die sich auch wunderbar zum Vorlesen eigen, mit geografischen und historischen Details, würzt hie und da mit technischem Wissen und gesellschaftlicher Lebensart. Man folgt der Reiseführerin mit staunender Neugier.

Inspirierender Briefwechsel

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Keigo Higashino: Kleine Wunder um Mitternacht, Limes Verlag 2021 €20,00

Ein Gemischtwarenladen, dessen Briefkasten zu einer Art Kummerkasten wird, da sich sein Besitzer die Fragen und Sorgen der Betreffenden sehr genau zu Herzen nimmt. Bis ins hohe Alter wird Herr Namiya die Briefe der Ratsuchenden so gut er kann beantworten. Seinem Sohn fällt es schwer zu glauben, dass noch immer Breife in dem Briefkasten landen, obgleich der Laden des Vaters längst geschlossen ist. Wie es dazu kommt, dass sogar Briefe aus der Zukunft einttreffen, oder drei Kleinkriminelle, die eigentlich nur ein Versteck für die Nacht brauchen, zu Briefeschreibern werden ... das und vieles mehr erfähren Leser und Leserinnen der wunderbar feinsinnigen Geschichten und der Schicksale, die dahinter stecken, lassen sie mitunter schmunzeln, aufhorchen und auch berührern. Mit einfachen Worten kann durchaus viel bewegt werden.

Lesend durch Europa laufen

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Philipp Fuge: Der Weg ist mein Zuhause, Knesebeck Verlag 2021 €18,00

Philipp Fuge ist zu Fuß unterwegs. Jedoch nicht auf irgendeinem Pilgerweg, nein,  er wird einmal quer durch Europa gehen, sprich von Gibraltar ans Nordkap. Damit wollte der Autor nicht nur eine Auszeit nehmen, sondern ein Zeichen für den Klimawandel setzen und für jeden erlaufenen Kilometer 1 € Spende sammeln. Über 65000 km durch 7 Länder, rund 70000 neu gepflanzte Bäume im Senegal, denn jeder Euro bedeutet 1 Baum. So die Quintessenz des Buches. Doch es steckt natürlich noch viel mehr dahinter, denn der Leser wird quasi auf jeden einzelnen Kilometer mitgenommen, durch andalusische Hitze, über Bergmassive, durch sattes Grün, oder auch mal entlang von Autobahnen, bis hoch hinauf in kalte Einöde zum Nordkap. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, darf keine literarischen Ergüsse erwarten, sondern Nachdenkliches über uns Menschen, einen ehrlichen Reisebericht, eine permanente Auseinandersetzung mit sich selbst, mit den Gegebenheiten des Weges und mit der Intensität der Natur in all seinen Formen. Der Autor selbst sagt von sich, dass die 6 575 Kilometer lange Strecke wohl nur zu schaffen waren mit einer "Kombination aus ein bisschen tapfer und ein bisschen bekloppt" zu schaffen.  Ich bin den Weg lesend sehr gern mit ihm gegangen.

Fantasieanregend

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Atakt: Piraten im Garten, Kunstmann 2021 € 20,00

Wenn sieben Piraten an einem Holzhaus vorbei durch den Garten schleichen ist Action vorprogrammiert. Die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen bilden das Wort PIRATEN. Szenenwechsel: Im Haus sitzt Emil und spielt mit Piratenfiguren, als ein lauter Knall ihn aufschrecken lässt und das Holzhaus erschüttert. Mist, ein Pirat hat einen Luftballon zertreten. Aus leise wird laut. Emil stürzt aus dem Zimmer. Es geht drunter & drüber, hinten und vorne. Rauf & runter, klein & Groß. Ein Spiel der Gegensätze nimmt im Durcheinander der Bilder seinen Lauf.

Erst der Aufbruch macht den Rückblick möglich

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Björn Stephan: Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau, Galiani Berlin 2021 € 22,00

Vom Rand unseres Sonnensystems zoomt sich Björn Stephan mit der Wahl seines Titels an das Leben heran. Im Zentrum seines Debüts steht die jugendliche Gegenwart von Juri, Sascha und Sonny im Jahr 1994. Sie wachsen in einem Schmuckstück sozialistischen Wohnungsbaus auf: einer am Reißbrett entstandenen, gleichförmigen Siedlung zwischen Stadt- und Waldrand. Die Zeit des Umbruchs gibt das eigentlich noch gar nicht ganz fertig gestaltete Gelände schon wieder dem Verfall preis. Von diesem ostdeutschen, jetzt bundesdeutschen persönlichen und gesellschaftlichen Wandel erfahren die Leser aus Saschas Augen. Sein Standpunkt liegt dabei schon zwei Jahre vom Geschehen entfernt.

Glauben Sie an das Gute!

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Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie aus Kiew, Hanser Berlin Verlag 2021 €20,00

Kennen Sie Frau Kunze aus der Ausländerbehörde? Der Ich-Erzähler wird von ihr aufgefordert, zur Einbürgerung nach 25 Jahren in Deutschland noch eine "Apostille" in seiner Geburtsstadt Kiew in der Ukraine zu organisieren. Dies führt ihn auf die Spuren seiner Familie, lässt ihn fast vergessene Freunde wiederfinden und feststellen, dass Heimat viele Gesichter hat. Dieser Roman macht Spaß! Wenn die deutsche Bürokratie zuschlägt oder die ukrainischen "Regeln" erklärt werden, um Vorgänge zu beschleunigen und der Erzähler nicht mehr weiß, wie deutsch oder doch ukrainisch er sich gerade fühlt. Der Autor hält wunderbar die Balance und lässt die Lesenden schmunzeln und mitfühlen. So zum Beispiel, wenn er mit seiner katzenliebenden "Heute-Mutter" hadert und sich plötzlich in Kiew mit seinem Vater, dessen Gesundheit und beginnender Vergesslichkeit auseinandersetzen muss. Und ganz nebenbei findet die zerstrittene Familie auf wundersamen Wegen wieder zueinander. Wer verstehen möchte, wie es sich anfühlt, "zwischen den Stühlen zweier Länder" zu sitzen, der möge dieses Buch lesen. Annette Goossens

Das pure Leben

wink

Callan Wink: Big Sky Country, Suhrkamp Verlag 2021 €23,00

Wer gerne Romane liest, die in der Weite der USA spielen, der darf mit "Big Sky Country" von Callan Wink in die Weiten Montanas abtauchen. August wächst auf der Farm seiner Eltern auf und muss nach deren Trennung als Jugendlicher  mit der Mutter nach Montana ziehen, wo diese sich ein neues Leben aufbauen möchte. August versucht, sich von den Erwartungen der Eltern an seine Berufswahl oder was es im Leben zu erreichen gilt, zu lösen. Die Natur und Freiheit, die er findet, erfüllen und formen ihn. Ob bei der Arbeit auf dem Feld oder auf einer Farm, auf der er mithilft - die Zufriedenheit, die diese Tätigkeit bei ihm auslöst, wird beeindruckend beschrieben. Mit klarer Sprache lässt uns der Autor am stillen Glück seiner Hauptfigur teilhaben. Die ursprüngliche Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn weicht langsam einem gegenseitigen Verständnis. Seine Versuche, neue Freundschaften zu schließen und erste Erfahrungen mit der Liebe zu erleben, verfolgt man mit Spannung. Wie es gelingen kann, den eigenen Weg zu finden und dabei seine Wurzeln zu behalten, liest sich fesselnd. Ein ruhiger Roman, dem man anmerkt, dass der Autor selbst ein naturverbundener Einzelgänger ist. Dennoch packend bis zur letzten Seite. Annette Goossens

Überraschungen vorprogrammiert

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Fabian Neidhardt: Immer noch wach, Haymon Verlag 2021 €22,90

Der Roman von Fabian Neidhardt klingt so unglaublich und dennoch liegt der Geschichte ein wahrer Sachverhalt zugrunde.  Der Zeitungsartikel über eine medizinische Fehldiagnose, die einen Mann ins Hospiz zum vermeintlichen Sterben brachte , um anschließend wieder ins Leben zurückzukehren, hat den Autor angeblich dazu inspiriert, die emotionale Achterbahnfahrt des 30jährigen Alex zu erzählen. Alex ist zu jung, um an Magenkrebs zu sterben, zumal sein Vater daran elendig krepierte, als er selbst ein kleiner Junge war. Darum berschließt Alex, sich keiner Therapie zu unterziehen, sondern sich für die letzten Monate in ein Hospiz  zurückzuziehen. Das alte Leben ist abgeschlossen, dann muss Alex von heute auf morgen sein Zimmer räumen. Zurück kann und will er nicht sofort,  aber wie soll er sich neu definieren? Dem Autor ist eine charmante Lösung eingefallen: Alex wird sich darum kümmern, letzte Wünsche der Menschen zu erfüllen, die er im Hospiz  kennengelernt hat. In Rückblenden spürt Alex seiner eigenen Geschichte nach, während er sich darum bemüht, im Hier und Jetzt Lindi Hopp zu lernen, ein Schachturnier zu gewinnen oder sich ein Tattoo stechen zu lassen. Es gehört schon eine Portion Humor dazu, um diese Geschichte so zu schreiben, dass man nicht aufhören kann zu lesen. Einfühlsam, mitunter daramtisch, und immer wieder lebensfroh führt Neidhardt den Leser im Hospiz herum und füllt diesen Ort mit Leben, Freundschaften und sogar manch kleiner Freude.

Ein Buch zum Verlieben

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Anne de Walmont: Und an den Rändern nagt das meer. Sieben Monate auf der Vogelinsel Trischen, Knesebeck Verlag 2021 € 20,00

Gerade für diejenigen, welche sich bisher weder für das Wattenmeer noch für Vögel erwärmen konnten, wird dieses Buch mehr als ein unerwartet guter Urlaub werden, aus dem sie glücklich, erfüllt und erholt wieder zurückkommen werden. Anne de Walmont, Musikwissenschaftlerin, Damenschneiderin und Ornithologin nimmt ihre Leser*innen mit an einen Sehnsuchtsort, an dem uns sofort die Kraft und Schönheit der Natur umfängt: Der Vogelschutzinsel Trischen.

In Amsterdam und Surinam

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Ruth Kornberger: Frau Merian und die Wunder der Welt, C. Bertelsmann 2021 € 20,00

Ein Roman über einen entscheidenden Lebensabschnitt der Maria Sibylla Merian: nach der Trennung von ihrem Ehemann 1685 lebte sie mit ihren beiden Töchtern 6 Jahre lang bei der niederländischen Sekte der Labadisten. Hier wurde ihre Kunst kaum gewürdigt und so zog sie nach Amsterdam, wo sie vielerlei Kontakte knüpfte, Unterricht gab und ihre Zeichnungen verkaufen konnte. Mühsam ersparte sie das Geld für die ersehnte Reise nach Surinam, für sich und ihre jüngere Tochter. Zwei Jahre lebten, sammelten und zeichneten sie dort Raupen, Schmetterlinge und Pflanzen. Wieder in Amsterdam hatte Maria Sibylla Merian ihre erste öffentliche Ausstellung. Der Roman erzählt lebhaft von den Lebensbedingungen um 1700 an diesen unterschiedlichen Orten, basiert  auf biografischen Daten und bindet wahre Personen und Orte ein. Umrahmt werden diese von der schön zu lesenden Fiktion einer Liebesbeziehung der Künstlerin mit einem attrktiven Mann, der auch das Abenteuer liebt und sie immer wieder zu finden weiß. Ein Buch zum Versinken in eine außergewöhnliche historische Lebensgeschichte!

Perfekte Unterwegs-Lektüre

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Luciana Rangel: (fast) alles in Ordnung - está (quase) tuto bem, Hagebutte Verlag 2021 € 15,00

„Mein Leben ist wie ein Flickenteppich aus verschiedenen Stoffresten, und ich mag es so. Der einzige Teil, der nicht zusammengeschustert sein darf, sondern aus einem Stück sein muss, ist der innere Frieden. Es muss groß genug sein, um die ganze Familie einzukleiden und aus dem Rest etwas für Freunde zu schneidern.“ Zitat: Rangel, (fast) alles in Ordnung, Hagebutte Verlag
Dicht am eigenen Herzschlag führt die in Brasilien geborene und in Deutschland lebende Journalistin Luciana Rangel ihre Leser*innen in 19 Crônicas, typisch brasilianischen Kurztexten, in ihre zwei Lebenszentren: Rio de Janeiro und Berlin. Im tropisch warmen, die familiäre Sehnsucht stillenden Rio wohnt ihre Vergangenheit, 10.000 Kilometer weiter, im frostigen, gerade das Leben erfüllende Berlin, ihre Gegenwart. Rangel jongliert mit der unterschiedlichen Lebendigkeit an diesen Orten und spürt dem Gefühl von Freiheit nach. Mehr als einmal werden Koffer gepackt und kostspieliges Übergewicht, Hab und Gut, zurück gelassen. Emotionen reisen überall hin und sie wiegen. Nach zehn Jahren Abwesenheit zurück in der neuen alten Heimatstadt Rio loten Rangels Betrachtungen ihre Vergangenheit aus, das Verhältnis zum Vater, dem sie eine bewegende Hommage schreibt.

Wendepunkte im Leben

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Birgit Müller-Wieland: Vom Lügen und vom Träumen. Roman in sechs Geschichten, Otto Müller Verlag 2021, € 22,00

Birgit Müller-Wieland, Autorin von Flugschnee, hat wieder einen unglaublich dichten und intensiven Roman geschrieben. Sie erzählt in sechs Geschichten, die untereinander fein verwoben sind, von Frauen und Männern, die Wendepunkte in ihrem Leben ereilen. Diese stellen eine große Herausforderung für sie dar. Sie durchleben Trennung nach vielen Ehejahren, unerfüllte Sehnsucht nach Vaterschaft, Alltag in der DDR und exotischer Ferne, Suche nach dem Vater, Mißbrauch, Mutterschaft ohne Partner - aber auch tiefes Vertrauen und Auffangen, Seelenverwandschaft, Mutterglück, Freundschaft und Loyalität. Birgit Müller-Wieland gelingt es, diesen tiefen Gefühlen in einer faszinierenden Sprache ausdruck zu verleihen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und ich hätte einige der Personen gerne noch über weitere Erlebenszeit begleitet.

München, Mitte der 60er Jahre

kaufmann

Claudia Kaufmann: Das Fräulein mit dem karierten Koffer, Fischer 2021, € 11,00

Sabine ist gerade 19 und die Aufforderung, anständig zu sein, hat ihre ganze Erziehung geprägt. Das Gymnasium blieb ihr verwehrt, nun arbeitet sie als Sekretärin. Bei ihrem ersten Abend in einem Tanzlokal lernt sie Michael kennen, einen Industriellensohn. Alles scheint möglich in der Verliebtheit der beiden. Doch als Sabine schwanger wird sind weder ihr Freund noch ihre Mutter für sie da, alle Träume zerplatzen. Einzig die Mutter ihrer Freundin steht zu ihr und unterstützt sie, Sabine wird in ihrer schwierigen Situation als unverheiratete Schwangere und Mutter erstarken und für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kämpfen. Für den Leser wird  die Stimmung der 60er Jahre aus vielerlei Blickwinkeln sehr nachfühlbar und das emotionale Auf-und Ab der jungen Protagonistin verführt zum Immerweiterlesen und Abtauchen in diese Zeit.

Nebeneinander und Miteinander

rosenfeld

Astrid Rosenfeld: Die einzige Strasse, Kampa Verlag 2021, € 18,00

Sechs Bungalows in Virginia - es hätte eine Hotelanlage werden sollen, nun leben hier Menschen, denen das Leben bisher nicht gut mitgespielt hat. Ein Kriegsveteran, zwei alte Schwestern, eine Familie mit zwei Kindern, eine Mutter mit Sohn und eine alleinlebende Frau. Es ist ein Nebeneinander aber doch auch ein Miteinander, Enttäuschung und Hoffnung liegen in der Luft. Sehnsüchte verführen zu Wagemut. Es sind kleine Begebenheiten, die uns diese Menschen nahebringen und uns hoffen lassen, sie mögen gute Wege finden.

Quer durch Amerika

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Hernan Diaz: In der Ferne, Hanser Berlin 2021, € 24,00

Hakan ist ein Kind, als er mit seinem älteren Bruder Linus von Schweden nach New York aufbricht. In der Hektik des englischen Hafens von Portmouth verlieren sich die beiden. Der englischen Sprache nicht mächtig gerät Hakan auf ein Schiff nach San Francisco. Sein einziges Ziel ist es nach Osten, nach New York zu kommen und dort den Bruder zu finden. Er durchquert weite Strecken des Landes, teils in Begleitung, oft allein. Er lebt mit einem Goldgräber und dessen Familie in freier Natur, gerät in Gefangenschaft, lernt von einem Forscher viel über den menschlichen und tierischen Körper. Er gerät in lebensbedrohliche Situationen verschiedenster Art und wird, groß gewachsen  und umhüllt von einen selbst genähten Mantel aus Fellen aller erdenklichen Tiere zu einer Legende im Kalifornien des Goldrausches werden. Während seine Geschichte in aller Munde ist lebt Hakan in innerer und größtenteils auch äußerlicher Einsamkeit in diesem ihm fremden Land mit fremder Sprache, unendlicher Weite und klimatischen Extremen fernab der Zivilisation. Ein eindrucksvolles Portrait Amerikas, eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die in ihren Extremen fasziniert.

Feinfühlend-frech

wagner

David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt € 12,00

In dieser sehr gelungenen Autofiktion erzählt David Wagner von den Besuchen bei seinem dementen Vater. Diese entbehren nicht einer gewissen Komik, wenn immer gleiche Fragen gestellt werden, Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind. eben Geschehenes gleich wieder vergessen ist. Der Charakter des Vaters ist erspürbar, manchmal ist interessantes Spezialwissen da, bei Vater und Sohn tauchen Erinnerungen an vergangene Zeiten auf.  Der Sohn ist geduldig, liebevoll und manchmal auch feinfühlend-frech, was der eigentlich traurigen Situation Leichtigkeit gibt. Manches Mal ist dem Vater das Vergessen bewusst, aber es scheint ihn nicht wirklich zu betrüben - das Leben ganz in der Gegenwart hat auch etwas Befreiendes. Ein Buch, das berührt aber nicht belastet, das Mut macht und Hoffnung gibt, selbst in vergleichbaren Begegnungen zu einem guten Umgang zu finden.

Sizilien pur

ranno

Tea Ranno: Agata und ihr fabelhaftes Dorf, Nagel & Kimche 2021, € 23,00

Ein kleiner Ort mit dem Bürgermeister und seinen Gefolgsleuten aus dem mafiösen Milieu und dem Tabacchere, der sich dem widersetzt und als Kommunist gilt. Zudem gehört diesem ein Haus außerhalb mit einem Stück Land, das er mit Blumen und Obstbäumen in ein wahres Paradies verwandelt hat. Dieses möchte sich der Bürgermeister unter den Nagel reißen, dort eine Mülldeponie errichten um sich zu bereichern. Als der Tabacchere plötzlich verstirbt scheint es ein Leichtes, seine Witwe zu überrumpeln. Weit gefehlt: Sie hat eine unkonventionelle und menschliche Art, sich mit anderen Dorfbewohnern zu verbinden. Sie eröffnet anderen Chancen und erfährt deren Unterstützung. Eine turbulente Dorfkomödie, bei der sich die unterschiedlichsten Emotionen Bahn brechen und ungeahnte Wege aufzeigen.

Zwei Menschen auf Kollisionskurs mit dem Leben

devigan-ichhattevergessen

Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin, DuMont Taschenbuch 2021 €12,00

Jedes Buch von Delphine de Vigan ist auf seine Weise besonders: Besonders menschlich, besonders ehrlich, besonders aufrüttelnd.  In dem vorliegenden Buch, das bereits 2009 im Französischen erschienen ist, rückt die Autorin zwei Menschen in den Mittelpunkt, die man durch einen Tag begleitet, der sie bis an den Rand der Erschöpfung bringt, und letztlich zu einer Beinahe-Begegnung führt. Mathilde, 40 Jahre, Witwe, 3 Kinder, erfolgreich Im Job, wurde im Lauf der vergangenen Monate von ihrem Chef auf subtilste Weise aus ihrer Position gedrängt. Thibault, 43 Jahre, Arzt, im Notdienst unterwegs, fährt quer durch Paris und leidet unter dem Mangel an allem. Beide sind sich bewusst, dass sie so nicht weiter machen können oder wollen. Beide sind auf ihre Weise Kämpfer und müssen sich an einem entscheidenden Punkt eingestehen, dass sie eben doch verwundbar sind.

Fesselnde Ermittlung im besetzten Paris 1940

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Chris Lloyd: Die Toten vom Gare D'Austerlitz, Suhrkamp Verlag 2021 €15,95

Ein überaus komplexer historischer Krimi, der mit dem Einmarsch der Nazis in Paris am 14. Juni 1940 beginnt, und Inspecteur Eduoard Giral, einen der fähigsten Ermittler, dazu bringen wird, gegen alle Widerstände und Einmischungen seitens Wehrmacht oder Gestapo vier Morde an Polen aufzuklären. Der Ermittler Giral, auch Eddie genannt, ist dabei unerbittlich, bisweilen fatalistisch angesichts der angespannten Lage der Franzosen in Paris, und seine Ermittlungsmethoden kann man mitunter als fragwürdig bezeichnen. Er bringt hochgestellte Nazis gegen sich auf, ignoriert die Einschüchterungsversuche der Gestapo, und muss immer wieder entscheiden, wem er trauen kann und wem nicht. Kein guter Krimi ohne Ermittler mit persönlicher Geschichte, und die erfährt der Leser nach und nach in Rückblicken, gedanklichen Exkursionen und aktuellen Auseinandersetzungen vor allem mit Eddies Sohn.

Trentsetter für ein neues Älterwerden

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Christiane Hastrich, Barbara Lueg: Statt einsam gemeinsam. Wie wir im Alter leben wollen, Eisele Verlag 2021 € 20,00

Werden die Babyboomer das Leben des dritten Lebensabschnittes revolutionieren? Ihre Lebenserwartung ist hoch, ihre Kinder haben sie für die weite Welt erzogen, einen Generationenvertrag, auf den sie wie selbstverständlich zurückgreifen können, wird es  nicht geben. Auf sich allein gestellt, sollte man sich also Gedanken machen. Wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden nur halb so viele in ihre Berufe einsteigen. Wie und wo werden wir leben? Altersgerecht, indviduell, selbstbewusst und selbstbestimmt. Glücklich und erfüllt. Hastrich und Lueg, selbst dieser Babyboomer Generation angehörg, stellen in ihrem Buch eine Palette der Möglichkeiten zusammen, die vom Tinyhouse über verschiedene Formen von WGs bis zum Mehrgenerationenhaus reichen. Jedem dieser Kapitel hängen Fragen und Gespräche mit Menschen an, die sich für eine dieser Wohnformen entschieden haben und die Für und Wider ihrer Modelle erfahren haben. Das lässt Leser*inenn sofort eintauchen und beflügelt eigene Gedankenspiele, denen man sich nicht verschließen sollte. So unterschiedlich Erfahrungen berichtet werden, eins betonen alle Befragten: Wer einen gelungenen dritten Lebensabschnitt entgegen sehen möchte, ein heimeliges Domizil finden, sich in einer Gemeinschaft zu Hause fühlen möchte, sollte nicht bis zum hohen Alter damit warten. Spätestens in seinen 50ern sollte man mit dem Ort spielen, in den 60ern über die Gemeinschaft denken. Nicht passiv bleiben sondern das Leben bis hin zum Lebensende aktiv gestalten ist eine klare Devise für einen individuellen Weg, der Gemeinsamkeit braucht, denn  Hilfestellung wird gegeben und genommen werden müssen. Ein Weg, auf dem man lange unabhänig und selbstbewusst alt werden und gefordert sein kann. Hastrich un dLuong machen Lust darauf, die Sache anzugehen.

Das Versprechen einer neuen Welt

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Thomas Cadène, Benjamin Adam: Soon, Carlsen Verlag 2020 € 29,00

Werden Menschen jemals den Mond besiedeln? Mitte des 22. Jahrhunderts wird Juri in einer Welt groß, in der es nur noch wenige Menschen, verteilt auf sieben Städte, gibt. Seine Mutter steht im Zentrum der lang vorbereiteten und politisch kritisch diskutierten Mondmission Soon. Moon-Soon: Die Menschen wollen den Mond besiedeln, neuen, verheißungsvollen Lebensraum schaffen. Eine Mission ohne Rückfahrkarte, bei der die Mutter ihren Sohn zurücklassen wird. In detailgenauen Rückblicken wird das Geschehen auf der Erde bis in diese Zukunft  im Allgemeinen und die Raumfahrt im Speziellen in einer Mischung aus dystopischem Future Fiction und Sachbuch beleuchtet. Eine faszinierende Story, ein Gedankenspiel, auf die man sich gerne einlässt.