Zwischen Gestern und Morgen

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Ulrich Tukur: Der Ursprung der Welt, Verlag S. Fischer € 22,00

Die goldene Schrift und der dunkelrote grprägte Schutzumschlag, der eine runde Öffnung für eine Photographie freilässt, machen neugierig und versprechen nicht zuviel: Ulrich Tukurs Sprache ist schön und klar, beinhaltet manche heutzutage selten genutzte Wörter und zieht den Leser durch den Gebrauch des Präteritums in den Bann vergangener Zeiten. So erstaunt es zu erfahren, dass der Roman in der nahen Zukunt der 2030er Jahre angelegt ist, in der die digitale Überwachung das Leben der Menschen überschattet. Paul Goullet befindet sich in Paris und entdeckt dort ein altes Photoalbum, das Bilder eines Mannes von vor 100 Jahren zeigt, der ihm aufs Haar gleicht. Paul reist den Spuren nach und fühlt sich immer wieder hineinkatapultiert in die Zeit der 1930er Jahre während der deutschen Besatzung in Südfrankreich und der Resistance. Er hat verwirrende und klärende Begegnungen, er wird Dinge erfahren, von denen auch der Leser wünschte, sie wären nur der Phantasie entsprungen. Das Nachwort lässt uns wissen, dass gerade hier wahre Begebenheiten zugrunde liegen. Und während Paul Goullet seiner eigenen Geschichte folgt und Klarheit findet lesen wir einen fesselnden Roman zwischen gestern und heute.

Die Welt in mir

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Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen. Eine Einladung zum Schreiben, Diogenes Verlag € 18,00

Ein Stift, ein Blatt Papier, 10 Minuten und die "Zauberformel": Ich erinnere mich an...Schreiben ohne Ehrgeiz, ohne Ziel, um sich an sich selbst zu erinnern. In seiner eigenen Vergangenheit spazieren zu gehen, sich erinnern an Spiele, Gerüche, Verlorenes, Dunkelheit, Freunde, Kleidung, Schokolade, Alleinsein - oder durch die jetztige Wohnung/Stadt flanieren, schauen, wahrnehmen, mit den Augen an Dingen hängenbleiben, hinsetzten schreiben, sich in der Welt zu Hause fühlen. Eigentlich lädt jeder Gegenstand dazu ein, über ihn und damit verbundene Gefühle zu schreiben. Doris Dörrie macht Lust und Mut, es einfach zu tun und gibt vielerlei Anregungen aus ihrem eigenen Leben. "Erinnerungen aufschreiben ist wie Perlen auf eine Kette aufziehen, eine Kette von Momenten."

Allein auf weiter See

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Speeches of Note, Shaun Usher (Hrsg.), Heyne Verlag 2019 €35,00

Allein beim Durchblättern dieses Buches bekommt man Gänsehaut. Wie ein Paukenschlag eröffnet das BIld einer Schlinge am Galgen die Sammlung von Reden, die laut Herausgeber die Welt veränderten. Das Bild, zusammen mit der Rede eines irischen Mörders, der unter dem Galgen die von Herrschern in unzähligen Kriegen in Kauf genommenen Opfer seiner Einzeltat aus Hunger und Not gegenüberstellt, ergeben ein Ganzes und lesen sich wie ein Appell an die Mächtigen dieser Welt. Etliche Seiten weiter steht die fünfzehnährige Malala, Überlebende des Anschlags eines Taliban auf ihr Leben, als einsame Kämpferin gegen Armut und für mehr BIldung vor den Vereinten Nationen. Die Kompositionen von BIld und Text sind gut gewählt, lassen den Leser innehalten, nachdenklich werden und Weltbewegendes entdecken. In den Reden geht es um unterdrückte Minderheiten und Vorurteile, um umweltbewusstes Denken, um Künstler, die ihr Inneres nach außen kehren, um antikes Geedankengut genau wie um politisch aktuelle Themen. Shan Usher hat gut daran getan, die Archive dieser Welt für dieses Buch zu durchforsten.

Palastgeflüster und Wellenschlag

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Judith Mackrell: Der unvollendete Palazzo, Insel, € 25,00

Ein Buch, drei Biografien: Judith Mackrell verwebt die Lebensgeschichten der drei Frauen, die in der Zeit von 1912 - 1979 die Herrinnen des Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande in Venedig waren: Luisa Casati (1881-1957), Doris Castlerosse (1900-1942), Peggy Guggenheim (1998-1979). Diese drei Frauen hatten einige Gemeinsamkeiten: sie haben ihr Leben sehr bewusst gestaltet, waren sehr auf die Wirkung ihrer Erscheinung fokussiert, es war ihnen wichtig, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, sie haben vielfältig geliebt und gelitten. Sie waren umgeben von Künstlern, Literaten, Politikern und Aristokraten ihrer Zeit, so dass wir Leser viele weitere biografische Details anderer Persönlichkeiten finden über Venedig hinaus in Italien, Frankreich, England und den USA. Ein Buch für Kulturinteressierte und Venedigliebhaber, das mitnimmt in eine pulsierende vergangene Zeit.

Das pralle Leben!

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Ulrike Herrmann: Deutschland, ein Wirtschaftsmärche. Westend Verlag 2019 € 24.-

Packend wie ein Krimi setzt Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrospondentin der taz, Wesen und Wirken des Kaptialismus im Nachkriegsdeutschland in Szene. Literarisch gekonnt und faktenreich heftet sie sich nach Der Sieg des Kapitals und Kaptialismus ist auch keine Lösung an die Fersen deutscher Wirtschafts- und Politikverantwortlicher, entzaubert Erhard, Brandt, Schmidt und Schröder sowie Entscheidungsträger von Zahlungunion und Bundesbank und wird erstaunlicherweise zum Adenauerfan. Sie schlägt Brücken nach Europa und zur ganzen Welt und verliert unsere aktuelle Situation nie aus den Augen. Für Wirtschaftsoutsider gelingt es ihr, die Dynamik des undurchdringlichen Wirtschaftsdschungels mit seinen komplexen Abhängigkeiten von Geld und Gold, Devisen und Derivaten, In- und Exporten, Zinsen, Inflation und Arbeitslosigkeit greifbar zu machen und in starke Bilder zu packen. So können wir nicht weiter wirtschaften. Wir stehen vor den Grenzen des Wachstums und leben auf Kosten unserer Zukunft. Wenn die Wirtschaft sich in den Sinkflug begibt, werden unberchenbare dynamische Prozesse einsetzen. Bevor wir uns aber Gedanken über die Zukunft machen, sollten wir unsere Vergangenheit verstehen. Trotz aller Nachteile zeigt Herrmann, wie faszinierend Kapitalismus sein kann, das einzige dynamische Sozialsystem, das die Menschheit geschaffen hat. Darüber hinaus überzeugt sie ihre Leser: Wirtschaft braucht die Politik zur gesellschaftlichen Gestaltung. Politk lohnt sich!
 

Inseldrift

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Nick Drnaso: Sabrina, Blumenbar 2019 € 26.-

Calvin, Leutnant der Air Force, beherbergt seinen Schulkammeraden Teddy, dessen Freundin Sabrina seit Wochen vermisst wird. Drnasos Szenen kennzeichnen Sprachlosigkeit und stummen Schmerz, Hilfsbereitschaft in Hilflosigkeit. Illusionslos und unsentimental. Das Leben in gebrochener, matter Farbigkeit leerer Räume. Calvin ist Vater einer vierjährigen Tochter. Frau und Tochter haben ihn verlassenn. Noch hofft er, nach Ablauf der Vertragsfrist die Arbeitsstelle wechseln und wieder in die Nähe seiner Tochter ziehen zu können. Gleichförmig arbeitet er sich durch die Tage, nachts spielt er mit den Arbeitskollegen Egoshooter Spiele. Die gesichtslosen Welten gleiten ineinander. Der gewaltsame Tod Sabrinas kommt per Post als Video in die Redaktionen, lässt die böse Vorahnung real werden, und verbreitet sich als Livestreamact samt vieler Verschwörungstheorien unaufhaltsam im Netz. Calvins mechanische Hingabe zu Teddy, die ignorante Züge trägt, hilft ihm, Shitstorm und Morddrohungen stand zu halten. Teddy s Leere füllt ein zwielichtigem Radiosender, dessen Moderator den Untergang der Welt beschwört und sein Heil verkündet. Ist dies die schöne, neue Welt oder ihr gesellschaftlicher Zerfall, der Wirklichkeit entrückt? Drasno inszeniert Menschen in einer verstörenden Welt, lässt sie an der Oberfläche zu treiben, einem nicht fassbaren, passiven Strom ausgesetzt, auf sich selbst zurückgeworfen, umherwandlend in unterkühlter Starre. Kontaktarm und isoliert ertragen sie eine Welt voller Härte auf der verzweifelten Suche nach Leben, nach Menschlichkeit. Die kleinen Lichtblicke, die Suche Teddys nach der Hauskatze oder Calvins Wohnungsübergabe an einem Kollegen am Ende, seinen Abschied und Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, wirken wie ganz großes Kino. Die herausragendste Graphic Novel des Jahres, die man gelesen haben muss. Sprachlose Bilder eines befremdlichen und nur allzurealen Miteinanders.

Unser Sein vor der Kamera

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Bonnie McCurry: Steve McCurry. A life in Pictures, Knesebeck Verlag 2018 € 75.-

Da die Mutter, früh an MS erkrankt, nur schwer für die Kinder sorgen konnte, wuchs Steve als jüngstes der drei Kinder als kleiner Wildfang und Abenteurer auf. Schon als Zwanzigjähriger, in den 70er Jahren, begann er die Welt zu erkunden. In entlegendsten Gegenden lebte er in fremden Kulturen, die damals noch ohne westlichen Einfluss waren und fotografierte die Menschen in ihrem Leben. Seine Bilder, oft von dramatischer Schönheit und respektvoller Bewunderung, eröffnen die Zwiesprache mit ihrem Betrachter durch intensivem Augenkontakt. Zwischen Ödnis, Oase und Alltag, oder dem Wüten von Krieg und Naturgewalten, ziehen sie auf seinen Fotos eloquent wortlos in Bann. Das afghanische Flüchtlingsmädchen Sharbat Gula (S 240) ging um die Welt. 20 Jahre später suchte er nach ihr, fand sie wieder, und fotografierte sie erneut. In Portfolios komponiert seine Schwester Bonnie, die sein Leben mit persönlichem Blickwinkel berreichert, Fotos zu Mut und Schlaf, sowie bisher unveröffentlichte Aufnahmen und neuste Werke. Diese einzigartige visuelle Biografie eines Fotografen mit großem Herz nimmt uns in 350 Fotos mit, auf eine packende Reise zu Leid, Stolz, Mut, Verzweiflung und Zuversicht, zu den Grundfesten menschlichen Seins, überall auf der Welt. Katrin Rüger

„Schönheit ist der Glanz der Wahrheit.“ Mies van der Rohe

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Augustín Ferrer Casas: MIES. Mies van der Rohe - ein visionärer Architekt, Carlsen Verlag 2019 € 20.-

Die Graphic Novel präsentiert das Leben Mies van der Rohes aus einem Gespräch heraus, welches der alte Ludwig Mies mit seinem Enkel führt. Sie befinden sich auf dem Weg von Amerika nach Berlin, zur Grundsteinlegung der Neuen Nationalgalerie. Die Schaffensgeschichte Mies van der Rohes beginnt mit seinem anstoßerregenden Deutschlandpavillon zur Weltausstellung 1929. Nur eine Statue und eine freistehende Wand aus kostbarem Marmor fängt den Blick in seinem Inneren. Schön. Weniger ist mehr. Die Nazis ließen den Pavillon, er stellte "die Macht des modernen Deutschlands dar, das mit viel Mühen die Folgen eines ruinösen Krieges überwand", abreißen, ebenso wie sein Liebknecht-Luxemburg Denkmal. Und schon gerät der Betrachter zwischen die Fronten von Kunst und Politik. Zwischen Zeppelinen und Hakenkreuzen versuchte der Architekt und Leiter des Bauhauses in Dessau seine jungen Studenten an seine moderne, transparente Bauweise heranzuführen. Die Moderinät wird weniger und weniger gewollt. Im nationalsozialistischen Deutschland bleibt kein Mittelweg. Anpassung und Hingabe, Verrat der eigenen Ideen oder Fortgang. Mies van der Rohe emigrierte. Ein ganzes Leben, viele Frauengeschichten, Privatbungalows und Designklassiker später wird die Neue Nationalgalerie in Berlin das einzige Bauwerk sein, welches der große Architekt der Moderne in Deutschland nach dem Krieg errichtet hat. Der spanische Comickünstler Casas präsentiert in seinen Bildern ein pralles, an manchen Stellen fiktionalisiertes Leben, welches durch seine Widersprüche, die es zur ästhetischen Schönheit der Kunst erzeugt, in besonderer Intensität und Lebendigkeit aufflammt.

Am Rande des Abgrunds

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Raynor Winn, Der Salzpfad, DuMont Verlag 2019 €14,99

Wenn man alles, auf das die eigene Existenz aufgebaut worden ist, nach über 20 Jahren verliert, dann kann man schon zu einer Kurzschlusshandlung hin gerissen werden. Oder wer geht bitte mit 50 Jahren mit dem Rucksack los, um für ein Jahr auf dem South West Coast Path zu laufen? Die Autorin erzählt ihre eigene Geschichte. Die ihrer Ehe, dem Leben auf einer walisischen Farm, und dem Verlust, der sie und ihren Mann dazu gebracht hat, loszulassen und sich auf ein aufregendes Abenteuer einzulassen. Emotional, informativ, bisweilen in einem zynischen Ton über all die Widrigkeiten, die sich dem Ehepaar in den Weg stellen, ist der Leser Tag für Tag mit unterwegs. Er schmeck die salzige Luft, riecht den Wald, hört die Seevögel und begrüßt jeden Morgen den neuen Tag.

Inselhopping

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Kai Kupferschmidt, Blau - Wie die Schönheit in die Welt kommt, Hoffmann und Campe Vlg. 2019 €26,00

Der Leser wird in diesem Buch, das allein schon in Haptik und Aufmachung ansprechend ist, an die Hand genommen und dazu verführt, von einem Thema zum nächsten zu srpingen. Sich zu vergnügen mit der Geschichte des blauen Steins aus geologischer Sicht, in der Chemie und Biologie, bis hin zur Optik . Und immer wieder geht es um die eine Frage: Was fasziniert die Menschen seit jeher daran? Schon die Pharaonen waren der Farbe verfallen, Künstler suchen nach dem perfekten Blau und Franz Marc hat die Farbe dazu veranlasst, seine 'Blauen Pferde' zu malen. Blaues Licht ist nicht blau ... gehen Sie mit auf eine Entdeckungsreise in diesem wissenschaftlich unterhaltsamern und persönlich anregenden Buch über eine Farbe, die sogar töten kann.

Wohliger Wellengang

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Katharina Hacker: Darf ich dir das Sie anbieten? Minutenessays, Berenberg Verlag 2019 € 18.-

In weichem, wolkenblauen Leinen ruht das kleine Büchleins geschmeidig in der Hand. Schlägt man es auf, entfalten sich behutsam gewählte Worte. Sie greifen nach Freiraum, spielen mit Zeit, bewegen Gedanken, lassen Innehalten für einen Moment, und  Rückwärtsbetrachten. Sie erzählen vom Älterwerden, von Kindern und Tieren, dem mutigenden Strahlen wenn man dem Leben eine neue Richtung gibt, von Nähe und Distanz. Hackers Texte haben Gewicht. Sie schleichen sich mühelos an und funkeln wie kleine Sterne. Das  wunderschön edierte Büchlein schlüpft in jede Tasche und ist ein idealer Begleiter. Mit einem Stift in der Hand, darf man es getrost vervollkommenen, um es dann, vielleicht, als besonderes Geschenk weiterzureichen.

Kartographie der Reifung

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Charlotte Roth: Die ganze Welt ist eine große Geschichte und wir spielen darin mit, Eisele Verlag 2019 € 24.-

Die Fotos im Vorsatzpapier sind Vertaute aus Kindertagen: Versonnen hält Michael Ende mit seiner Nase auf den Schildkrötenrücken zu, sanft streichelt er seine Kassiopeia, die so quälend langsam Momo den Weg zeigen wird, derweil man beim Lesen mit vor Aufregung klopfendem Herzen die Zeilen überfliegen muss. Die grauen Herren hängen Momo so dicht an den Fersen. Das Bild zeigt den Autor in sich versunken, ganz die Ruhe selbst. Kaum zu glauben, dass Michael Ende, welchem Charlotte Roth mit großer Sorgfalt auf zahlreichen Schauplätzen nachspürt, zunächst fast am Leben verglüht. Die surrealen Traumwelten der Bilder seines Vaters Edgar Ende entführen den Jungen schon früh zu geheimnisvollen Innenwelten. Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegswirren konfrontieren den ihn mit Trennung, Armut, Gewalt und Tod. Er hält entgegen und reißt das Leben an sich, wird Schürzenjäger, Nichtsnutz und Schauspieler der Schwabinger Bohème. Langsam und über Umwege, von einer ewig sorgenden Mutter behütet und einem über Kunst beständig diskutierenden Vater gefordert, eröffnet sich ihm sein eigener Weg zur Literatur. Roth hält respektvoll, fast ehrfürchtig Distanz zu ihren Figuren, die sie für sich sprechen lässt. Sie schafft Raum, die Zeit zu spüren, die für den Schaffensprozess in der Kunst vergehen muss und nie nutzlos ist. Michael Endes Kinderbücher brauchen Jahre der Reifung. Dies ist neben vielen Details über Menschen und ihr Leben in Garmisch, München und Italien wohl das Faszinierenste an diesem Buch. Roth zeigt, wie das Credo des wohl wichtigsten deutschen Kinderbuchautors der Nachkriegszeit, dessen Bücher dem unerschöpflichen Reichtum fantastischen Kinderdenkens eine Sprache, Klang und Ton geben, aus dem Leben erwächst und fest mit ihm verankert ist.

Der Roman im Roman

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Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman, Diogenes Verlag 2019 € 24,00

Christoph Poschenrieder schreibt einen Roman über einen Roman, der offenbar nicht geschrieben werden will, denn er stürzt seinen Urheber in eine große Schaffenskrise. Es ist das Jahr 1918, als Gustav Meyrink in seiner Villa am Starnberger See vom Auswärtigen Amt in Berlin den Antrag bekommt, einen Roman zu schreiben, der die Freimaurer für den 1. Weltkrieg verantwortlich macht. Gustav Meyrink ist absolut unpolitsch und die Auftragsarbeit widerstrebt ihm, dem Dichter, der seiner Phantasie gern freien Lauf lässt. Aber das Geld braucht er und so sagt er zu. Er holt sich Anregungen in den Münchner Schriftstellerkreisen, vor allem bei Erich Mühsam, der die Revolution kommen sieht und unterstützt. Weiterhin erhofft Meyrink sich Inspiration beim Rudern auf dem Starnberger See und beim Yoga, das ihm schon manches Mal geholfen hat - aber die Ideen, Bilder, Wörter wollen nicht kommen. Eines Nachts aber beginnt die Schreibmaschine zu klappern...Christoph Poschenrieder spielt galant mit Wahrheit und Fiktion und manchmal vermischen sie sich auf wundersame Weise, so wie sich die persönliche Geschichte Meyrinks mit der Münchens im Revolutionsjahr 1918 verbinden.

Sehnsucht nach Selbstbestimmung

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Sanne Jellings: Ein dänischer Winter, Kindler Verlag 2019 € 18,00

Ein hübsches schmales Buch, ein unterhaltsamer emotional berührender zarter Roman auf dem Hintergrund wahrer Geschichte. Es ist das Jahr 1929 und Karen Blixen ist von ihrer Farm in Kenia ins elterliche Haus nahen Kopenhagen gekommen, um ihre Mutter zu besuchen und die Weihnachtstage in der Großfamilie zu verbringen. Dort begegnet sie Minna, die aus einer Arbeiterfamilie kommend, nach Verlust ihrer Anstellung in Kopenhagen als Hausmädchen einspringt. Karen Blixen spürt bei dem Mädchen den Wunsch nach Weiterbildung und einem eigenständigen freieren Leben, den sie unterstützen möchte. Ihre Ideen kosten Minna einige schlaflose Nächte, gibt es da doch noch einen jungen Mann, der ihr wichtig ist.

Seelische Gratwanderung

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Gianrico Carofiglio: Drei Uhr morgens, Folio Verlag 2019 € 20,00

Der 18-jährige Antonio ist zu einer neurologischen Konsultation mit seinem Vater in Marseille und soll sich spontan einem Provakationstest unterziehen: 2 Tage und 2 Nächte ohne Schlaf, um die Reaktion des Körpers auf diesem Stress auszuloten. Der Vater verließ Antonio und seine Mutter, als der Junge 9 Jahre alt war und seitdem haben Vater und Sohn ein eher distanziertes Verhältnis zueinander. Die ungeplante, ungewöhnliche Situation des gemeinsamen 48stündigen Wachseins in einer fremden Umgebung lässt die beiden sich neu wahrnehmen und erlaubt bisher nie gestellte Fragen und Antworten. SIe befinden sich auf einem Scheitelpunkt zwischen gestern und morgen. Antonio und sein Vater erleben etwas, das im Buch von einer weiteren Person so umschrieben wird: "unverhofft in eine neue Situation springen, den Blickwinkel ändern, die Dinge, die wir zu kennen glauben in einem anderen Licht sehen" - und das Buch macht Mut und Lust, dies im eigenen Miteinander umzusetzten, nicht nur zwischen Vater und Sohn.

Ein unbequemer Polizist

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Wolfgang Kaes, Endstation, Rowohlt Polaris 2019 €16,99

Wenn ein Kommissar im Keller landet und Cold Cases bearbeiten soll, dann weiß der Leser spätestens seit Adler Olsens Krimis um Carl Morck, dass er Mist gebaut hat. LKA-Zielfahnder Thomas Mohr ist so einer: Angeblich zur Gewalt neigend, nicht teamfähig, aktuell in psychologischer Betreuung. Doch Mohr ist alles andere als gefährdet, sondern einfach nur genial und sehr hartnäckig. Schon der erste Fall, der auf seinem Stapel liegt, wirft so viele Fragen auf, dass er an die geheimsten Interna der Polizei rütteln muss. Wer wollte verhindern, dass der Mord an einem Studenten niemals aufgeklärt wird? Schale für Schale reißt Mohr herunter und macht sich dabei wenig Freunde., schon gar nicht bei seinen Vorgesetzten. Für mich ein Krimi, der auf jeden Fall mit den großen Skaninaviern mithalten kann.

Die Polizei steht am Pranger

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Ian Rankin: Ein Haus voller Lügen, Goldmann 2019 € 22,00

Detectiv Inspector John Rebus ist eine Kultfigur, Einzelgänger, aktuell im Ruhestand, seit Neuestem Nichtaucher, hält Kontakte in alle polizeilichen Richtungen, und weiß, dass ihn der Fund einer Leiche auch nach zehn Jahren noch ins Stolpern bringen könnte. Ein ungeklärter Fall wird aufgerollt, nachdem Kinder beim Spielen die Leiche des Privatermittlers Stuart Bloom in einem Auto entdecken. Jahre zu spät. Zehn Jahre, in denen die Polizei angeblich gepfuscht hat und die Eltern des Verstorbenen die Presse immer wieder aufgehetzt hat. Jetzt geht alles wieder von vorn los. Ausgerechnet ein Schützling von Rebus, DI Siobhan Clarke, wird ins Ermittlerteam geholt. Und Rebus mischt kräftig mit. Ein großartiger, vielschichtiger Krmi, der den Leser Tag und Nacht durch die Straßen von Edinburgh führt.

In der Stadt der Lichter

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Whitney Scharer: Die Zeit des Lichts, Klett-Cotta 2019 € 22,00

Ein mitreissender Künstler- und Liebesroman im Paris der 1930er Jahre. Die schillernden zentralen Figuren sind Lee Miller und Man Ray: Ihr langsames Annähern über die Kunst der Fotografie zu einer leidenschaftlichen obsessiven Beziehung. Sie sind umgeben von der Größen der Pariser Bohème aus Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Film, Ballett. Die Euphorie und Verzweiflung im Künstlerdasein werden in all ihren Höhen und Tiefen ausgelotet, allem voran die Sehnsucht der außergewöhnlichen Lee Miller nach Anerkennung ihrer Kunst.  Wir Leser fühlen uns wunderbar hineinversetzt in diese Zeit, sitzen mit den Künstlern im Deux Magots, trinken Gin Fizz auf Partys und genießen beim Lesen den Strudel aus Bildern und Emotionen in der Stadt der Lichter.

Ein Sommer voller Schmerz und Liebe

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Nikola Scott, Das Leuchten jenes Sommers, Wunderlich 2019 €20,00

Zwei Frauen. Zwei Geschichten. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und dennoch verbindet die junge Fotografin Chloe und die alternde Madelaine mehr, als sie beide ahnen. Die Zeit zwischen den Jahren 1939 und 2009 auf dem Anwesen Summerhill in Cornwall scheint stehen geblieben zu sein. Als ob das Gebäude nur darauf gewartet hat, die Geschichte jenes verhängisvollen Sommers noch einmal zu erzählen. Ein Sommer, an dem der Krieg bereits vor der Tür steht und die jungen Leute auf dem Anwesen nur noch einmal feiern  wollen...  doch das Wochenende hat eine hohen Preis. Genauso wie die Entscheidung Chloes, sich über den Wunsch ihres Mannes hinweg zu setzen und nach Summerhill zu fahren. Den Geschichten beider Frauen haftet etwas Trauriges an, doch lange bleibt offen, was wirklich der Grund dafür ist.

Von kleinen und großen Abschieden

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Nina LaCour, Alles okay, Hanser Verlag 2019 € 16,00

Marins Verlust ist einer von denen, die den Leser mit in eine Tiefe ziehen, aus der er gemeinsam mit der Protagonistin im Verlauf der Geschichte nach und nach wieder auftaucht. Als Kind hat Marin ihre Mutter verloren, einen Vater gab es nie. Gerade erwachsen,verliert sie den Großvater, ihren Mittelpunkt ihres Lebens, und damit auch sich selbst.  Seither ist nichts mehr okay, Marin verkriecht sich vor der Welt und ihren Freunden. Das erste Wiedersehen der besten Freundinnen nimmt die Autorin zum Anlass, um Marin und Mabel zaghaft zurückblicken zu lassen: Auf die letzten Sommertage. Auf die Zeit des Schulabschlusses, angefüllt mit Plänen, Hoffnungen und vielen letzten Malen. Marin und Mabel ist klar, dass sich ihre Wege wegen des Studiums trennen werden. Ungeplant war jedoch, wie sich in dem ganzen Taumel ihre Herzen und Körper finden. Hatte die zarte, heimlich gelebte Liebe je eine Chance? Ein intensives und emotional starkes Jugendbuch über Liebe, Freundschaft, Verlust und den Weg aus dem Dunkeln ans Licht.

Poetische Verfassung

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Martina Bergmann: Mein Leben mit Martha, Eisele Verlag 2019 € 18,00

Martha ist in "poetischer Verfassung" - was für ein schöner Begriff für eine demenzerkrankte alte Dame! Und wie bereichernd und berührend liest sich der Roman mit ihr als Hauptfigur, geschrieben von Martina Bergmann, die aus Sympathie für diese Dame und ihren Weggefährten ihr Leben mit den beiden alten Menschen teilt. Nicht nur im Roman, auch in der Realität, von der sie humorvoll erzählt, alle Widrigkeiten umschiffend, die engstirnige Nachbarschaften und Bürokratie zu bieten haben. Ein mutmachendes Plädoyer für Toleranz, Menschlichkeit, Lebensfreude und generationsübergreifendes Miteinander!

Wie war das in der DDR?

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Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand, Kunstmann 2019 € 18,00

Kathrin Aehnlich hat einen ganz eigenen literarischen Stil, der etwas Leichtes, Amüsantes und Liebevolles in sich trägt. Sie lässt ihre Protagonistin Isabella Krause an die Orte ihrer Kindheit in DDRzeiten zurückkehren und intensive frohe Erinnerungen in ihr aufleben. Isabella Krause sucht und findet für eine Fernsehproduktion Zeitzeugen, die von ihrem Leben in der DDR erzählen, das leider nicht dem Bild des westdeutschen Regisseurs entspricht. Wie lässt sich dieses Dilemma nur lösen? Ob der Leser es kennt oder nicht: es macht Spaß, von Schrankwand Kompliment, der Erfindung der Milchtüte, Stammbuchbildern und Hasenhausen zu lesen. Gleichzeitig macht es nachdenklich, von Teerseen, Abkühlungsgruben ohne Geländer und dem rötlichen Staub des Wälzlagerwerks zu erfahren. Und so wie den Protagonisten wird den Lesern die unsichtbare aber spürbare Mauer zwischen Ost und West bewusst.

Eigenwillige Menschen

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Nina Sahm: Die Tage mit Bumerang, hanserblau 2019 € 15,00

Sie sind zwei eigenwillige Menschen, Anne und Lars, die seit Grundschulzeiten miteinander befreundet sind und auch, als Lars Frau und Kind hat, behalten sie freundschaftliches Miteinander bei. Ein tragischer Unfall stürzt Anne in eine inneren Abgrund. Auch Lars ist betroffen, es tritt Stille zwischen beide, die für Anne kaum auszuhalten ist. Und doch schleicht sich eine neue Lebendigkeit in ihr Leben, in Schritten voraus und zurück und doch unaufhaltsam, sodass sich am Ende auf allen Seiten Zufriedenheit findet.

Modernes Märchen

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Mona Hovring: Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte, Edition fünf 2019 € 19,00

Ein modernes Märchen aus Norwegen, das den inneren Weg der Befreiung aus einer allzu bindenden schwesterlichen Beziehung beschreibt. Zwei Schwestern, die sich in der Kindheit und Jugend zwillingsähnlich nah standen, befinden sich in einem abseits gelegenen Hotel in Norwegen. Sie sind nun 22 Jahre alt und es werden die Beobachtungen und inneren Vorgänge aus Sicht der Jüngeren erzählt. Sie ist die Nachgebende, die litt unter dem überraschenden Weggang der Älteren und sie versucht, die neuen Schatten zu begreifen und zu besiegen.

Rebellion gegen die Machthungrigen

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Rebellion gegen die Machthungrigen

Giovanna & To Fletcher: Eve of Man 01, dtv 2019 €18,95

Selten hat mich das Ende eines Buches so sprachlos gemacht. Die Geschichte von Eve und Bram ist ungewöhnlich, denn die beiden Protagonisten sind sich nie wirklich begegnet und haben sich dennoch ineinander verliebt. Bram war, bevor er sich gegen seinen mächtigen Vater und das System stellt, Holly, Eves "beste Freundin" und ein Hologram. Eve, 16 Jahre, das letzte Mädchen auf der Erde und somit zur Retterin der Menschheit erklärt, eingesperrt in eine Kuppel, beschützt, benutzt, und für Fortpflanzungsversuche missbraucht, begibt sich - durch Brams Mut angestachelt -  auf ihre eigene Rebellion. Viel Stoff für eine spannende Dystopie, in der sich die beiden jungen Menschen in der Rebellion finden und am Ende hoffentlich siegen werden. Doch davon verrät der erste Band leider noch nichts.

Ein Polizist zwischen den Fronten

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Kerstin Ehmer: Die schwarze Fee, Pendragon Verlag 2019 €18,00

Der Leser taucht tief ein in das pulsierende Leben der Zwanziger Jahre in Berlin. Er begegnet exotischen Künstlerinnen, Männern mit Ansichten, für die sie kämpfen, solchen, die das nächtliche Abenteuer suchen, aber auch der einfachen Arbeiterfamilie in Wedding, politischen Aktivisten und nicht zuletzt den sich selbst überlassenen streundenden Kinderbanden. Mittendrin begegnen viele einer schillernden Frau, ohne zu wissen, dass sie es mit einer Mörderin zu tun haben. Ein Dreifachmord an unbekannten Russen beschäftigt den jungen und überaus kompetenten Polizisten Axel Spiro, der im ersten Krimi der Autorin frisch nach Berlin gezogen ist. Hin und hergerissen zwischen der Faszination der Großstadt und der Sehnsucht nach seiner ländlichen Heimat verfolgt man Spiros Arbeit. Alle Stränge werden von der Autorin zu einem lauten Aufschrei komponiert. Denn genau dort wird letztlich das Mordmotiv zu finden sein. Ein historischer Krimi, der viel mehr als ist als nur das:  Ein Sittengemälde Berlins. Ein an die Hand nehmen und durch die Straßen Berlins führen. Ein Krimi mit einer politisch aufregenden Kulisse.

Emotionaler Wirbelsturm

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Nicolai Houm, Lügen schmeckt wie Knäckebrot, Oetinger 2019, 15,00€l

Vilde hasst Lügen. Und trotzdem fängt ihr neues Leben nach dem Umzug mit ihrer Mutter in der neuen Klasse mit einer Lüge an. Einer Lüge, hinter der ein so großes Geheinnis steckt, dass die 12jährige deswegen Herzklopfen, Bauchweh und Wut zugleich in sich trägt. Niemand darf wissen, dass ihr Vater seit Jahren im Gefängnis ist. Wie ein Kind dieses Wissen emotional aushält, sich aber ständig nach seinem Vater sehnt, der Mutter insgeheim Vorwürfe für ihre eigene Distanz zur gemeinsamen Vergangenheit macht, ist sprachlich dicht und packend geschrieben. Eine starke Geshichte über Freundschaft, Ehrlichkeit und der Sehnsucht nach Halt in der Familie. die es so nicht mehr gibt.

Furioser Auftakt in eine nagelneue Fantasywelt

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Christelle Dabos: Die Spiegelreisende 01. Die Verlobten des Winters, Insel Verlag 2019 € 15,99

Die Spiegelreisende - Die Verlobten des Winters ist der erste Teil einer Reihe und spielt in einer fiktiven Welt, in der die Erde, die wir kennen, in viele Teile auseinander gefallen ist.  Seitdem leben die Menschen auf so genannten Archen, zwischen denen man nur mithilfe von Zeppelinen oder ähnlichem reisen kann. Die Verlobten des Winters ist der Debütroman der französischen Autorin Christelle Dabos. Die Welt wurde sehr gut beschrieben und ist dadurch, dass sie von der Zeit her an das 20. Jahrhundert erinnert, auch nicht die klassische mittelalterliche Fantasygeschichte.

Erwachsenwerden

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Matthias Brandt: Blackbird, Kiepenheuer & Witsch 2019 € 22,00

Matthias Brandt versetzt sich in den 16-jährigen Morton, der aus einem eigentlich behüteten Alltag heraus mit gravierenden Veränderungen konfrontiert wird: der Trennung der Eltern und einem neuen Zuhause zu zweit mit der Mutter. Dem ersten körperlich gespürten Verliebtsein und dem Erleben, dass manchmal Menschen mit den Gefühlen anderer spielen. Und der Trennung von seinem langjährigen, besten Freund durch eine heimtückische Krankheit. Die inneren Unseicherheiten und ihren Ausdruck im Verhalten schildert der Autor anschaulich nschvollziehbar - jugendliche Leser können sich verstanden fühlen, ältere können sich erinnern und verstehen.