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Katya Balen: Mein Bruder und ich und das ganze Universum, Carlsen Verlag 2019 € 13,00

Die Geschichte beginnt mit einem Ereignis, dem Kinder mit freudiger Erwartung entgegen sehen. Frank und sein kleiner Bruder Max bekommen neue Schuhe zum Schulanfang. Doch bei Max führt alles Ungewohnte und Neue zu irrsinnigen Wutausbrüchen, bei denen er sich selbst verletzt. Frank nennt das die Kernschmelze. Seine Familie und er versuchen das Schmelzen von Max zu verhindern, den Sechsjährigen vor sich selbst zu schützen, ihn auf Neues behutsam vorzubereiten oder die Dinge beim Alten zu belassen wo es geht. Mit Max redet man in Zeichensprache, oder mit Bildern, und Worten, die er oft nicht an sich heranlässt, denn die Welt von Max ist eine ferne, verschlossene Welt.

Das Zusammenleben mit ihm fordert von allen Besonderes und besonders viel. Max scheint alles aufzusaugen, die Aufmerksamkeit von Frank, das Leben der Mutter, die Bereitschaft des Vaters.  Und wäre der Autismus von Max nicht schon Geschichte genug, lässt Katya Balen das Ganze ein weitere dramatische Wendung nehmen, die schwer zu ertragen und kaum zu fassen ist und die Max eine zeitlang aus dem Zentrum rückt. Das Leben von Frank beginnt einem schwarzen Loch entgegenzudriften, doch das Universum, welches sich wie ein roter Faden mit blinkenden Spiralen, leuchtenden Kreiseln und funkelnden Glitzerstäben, den Lieblingsspielzeugen von Max, durch das Buch zieht, hat unendlich viel mehr zu bieten. Frank, Max und ihr Vater werden im Chaos des Kosmos auf ihre eigene Art wieder aufeinander zu steuern. Dabei strahlen sie so stark, dass auch der Leser ihre Wärme, ihre Liebe zueinander zu spüren bekommt. Katya Balen erzählt in jeder Rolle vom Leben mit stark spürbarer Intensität. Ruhig und besonnen findet sie Worte und gelungene Bilder, ganz ohne Effekthascherei. Ihr gelingt es dem Leser geheime, wie auch tabuisierte Welten zu öffnen, die noch lange nachklingen werden.